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Manfred Hildermeier - Die Sowjetunion 1917-1991
um 10:30
Diese Einführung in die Geschichte der Sowjetunion durch den Göttinger Historiker Manfred Hildermeier ist nich ganz 200 Seiten dick, wobei der historische Abriss etwa die Hälfte einnimmt. Im Anschluss findet sich ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Mir liegt die Auflage von 2001 vor.
Im Vorlauf zur bolschewistischen Machtübernahme wertet Hildermeier die wirtschaftliche Entwicklung des russischen Zarenreichs von 1861 bis 1914 nicht so negativ wie andere Studien, sondern eher positiv, mit Wachstumsraten höher als in Westeuropa oder den USA. Der Unterschied sei, dass das Ausgangsniveau einer Industrialisierung sehr niedrig war. Die Revolution von 1905 brachte Zugeständnisse und mit der Duma (dem Parlament) wurde eine der Grundlagen gelegt, die politisch 1917 genutzt wurde, um im Februar ein parlamentarisches System einzuführen. Die 1905 legalisierten Gewerkschaften wurden zwei Jahre später wieder verboten, aber 1917 wurde mit dem Provisorischen Exekutivkomitee des Arbeiterdeputiertenrates in Petersburg auf eine Einrichtung aus 1905 zurückgegriffen, aus der schließlich der Petrograder Sowjet gebildet wurde. Das zweite Machtzentrum in der Revolution 1917.
Die Oktoberrevolution wird als Militärputsch beschrieben und die Ursachen, warum sich die bürgerliche Regierung nicht halten konnte, wird mit den bekannten Problemen argumentiert. Betont wird beim Weg zum Einparteienstaat, dass sowohl die Sozialrevolutionäre als auch die Menschewiki im Petrograder Sowjet die Bolschewiki nach dem Putsch aufforderten, die alte Regierung wieder einzusetzen, nur begingen sie den Fehler, dass diese beiden mehrheitsbildenden Parteien die Sitzung des Sowjets aus Protest verließen und die Bolschewiki nun im Alleingang Entscheidungen durchsetzen konnten.
Parallel zum Petrograder Sowjet gab es noch die nach der Februarrevolution gebildete Konstitutionelle Versammlung und die am 12. November angesetzten Wahlen fanden auch statt. Hier die Ergebnisse:
- Sozialrevolutionäre 40 % (19,1 Mio Stimmen)
- Parteilose Sozialisten 14,5 % (7 Mio Stimmen) - den Sozialrevolutionären zuzurechnen
- Bolschewiki 22,5 % (10,9 Mio Stimmen)
- Konstitutionelle Demokraten (Kadetten) etwas unter 5 % (2,2 Mio Stimmen)
- Menschewiki gut 3 % (1,5 Mio Stimmen)
Die konstitutionierende Sitzung am 5. Januar 1918 trieben die Bolschewiki mit Militärgewalt auseinander und die Konstitutionelle Versammlung tagte nie wieder. Das parlamentarisches System war ausgeschaltet. Zur Frage, warum die Bolschewiki im Anschluss und mit dem Bürgerkrieg die alleinige Macht erhalten und festigen konnten, trifft Hildermeier eine sehr treffende und kurz gehaltene Aussage: "schiere Gewalt".
Die Ursachen für die Beendigung der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) 1929, die eine gewisse Marktfreiheit gestattete, sieht Hildermeier nicht in Stalin und dessen Machtergreifung während der Diadochenkämpfe nach Lenins Tod alleine, sondern auch wirtschaftlich bedingt, wodurch Stalins Auffassung von Industrialisierung und Kollektivierung durchaus Anhänger gewann. Genannt wird sie "Scherenkrise". Durch die NÖP und den freien Bauernmarkt konnten die Dörfer Geld in einem Ausmaß verdienen, das bislang in der russischen Geschichte einzigartig war. Doch standen diesem Geld nicht ausreichend Waren gegenüber, sodass es zu einem Kaufkraftüberhang kam, der abgebaut werden sollte. Mittel: Die Aufkaufpreise für Getreide durch staatliche Organisationen sanken. Ergo: Viele Bauern bauten nicht mehr Getreide an, sondern finanziell lukrativere Produkte. Resultat: Die staatlichen Getreidesilos blieben leer und im Winter 1927/28 drohte eine Hungerkrise. Eine mittelbare Folge der "Scherenkrise" war auch ein Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Städten. Dies sei der ökonomische Hintergrund, warum sich die Partei hinter einen Fünf-Jahres-Plan und hinter eine Kollektivierung der Landwirtschaft und somit Stalin stellte.
Damit begann das Kapitel der rapiden Industrialisierung mit ihren Arbeitslagern, die Kollektivierung der Landwirtschaft mit der "Kulakenverfolgung", die Ausschaltung jeglicher vermeintlicher Opposition in Partei und Staat (Offiziere), was die 1930er Jahre prägte. Die Opferzahlen gehen in die Millionen und können nach wie vor nur geschätzt werden.
Die Industrialisierung führte jedoch auch zur Bildung einer neuen, meist technischen Elite (auch innerhalb der Partei), welche die alte Revolutionselite (massenhaft ermordet) ersetzte. Und dass diese nun priviligierte Elite (besserer Wohnraum, bessere Versorgung) sich beginnt abzuschotten, wird mit der Einführung von Studiengebühren 1940 gezeigt. Durchschnittsbürger konnten sich diese nicht leisten. Die Elite begann, sich selbst zu reproduzieren. Ein Kennzeichen der Sowjetunion bis zu ihrem Ende.
Außenpolitisch sieht Hildermeier die 1930er Jahre durch die Prämisse "kollektive Sicherheit" des Außenministers Maxim Litvinov geprägt. Mit mehr oder weniger allen angrenzenden Staaten - auch Polen - wurden Verträge abgeschlossen. Was jedoch besonders betont wird: Die 1922 in Rapallo begonnenen Beziehungen zu Deutschland brachen auch mit Machtergreifung Hitlers nicht ab. Im März 1933 wurde der Zusammenarbeitsvertrag verlängert, im April 1936 wurde ein Wirtschaftsvertrag unterzeichnet. Der Nichtangriffspakt von 1939 mit der Teilung Polens war kein isolierter Akt und Stalin kam Hitler entgegen, dass er vor Vertragsunterzeichnung den Juden Litvinov durch Molotov als Außenminister ersetzte.
Die Zeit von 1939 bis 1953 folgt den bekannten Interpretationslinien. Interessant ist, wie Chrustschow aus den Diadochenkämpfen nach Stalins Tod als Sieger hervorging. Um Berja auszuschalten, paktierte er mit Malenkov und Schukov (General). Berja wird im Parteipräsidium verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Malenkov schoss sich selbst ins Out, indem er Regierungschef werden wollte und wurde. Damit war er von der Parteispitze isoliert und 1955 trat er auch aus dem Ministerrat aus.
Die Darlegungen zur Zeit Chrustschows und Breschnews folgen den bekannten Informationen und Interpretationen. Der Weg Gorbatschows zum Zusammenbruch der Sowjetunion ist einerseits durch die wirtschaftliche wie politische Lage, andererseits durch strategisch falsche Entscheidungen erklärt. Politisch bedeutsam ist die Entscheidung, 1989 einen frei gewählen Obersten Sowjet zu ermöglichen. Dieser hatte die Macht, auch die Verfassung zu ändern. Und das tat er am 13. März 1990 nachhaltig: der Passus, dass die KPdSU vorherrschende Kraft in der Sowjetunion sei, wurde gestrichen. Und auf Basis von Fraktionsbildungen entstand die Grundlage zur Bildung von Parteien.
Ein weiterer strategischer Fehler: Gorbatschow stellte sich nie Volkswahlen. Am 14. März 1990 wurde er vom Obersten Sowjet zum Präsidenten der Sowjetunion gewählt. Damit fehlte ihm 1991 gegen Boris Jelzin, dem vom Volk gewählten Präsidenten der Russischen Föderation, die Legitmitätsbasis. Der Versuch eines neuen Unionsvertrags, aber auch der Versuch, durch einen Putsch seitens konservativer Kräfte die Sowjetunion zu retten, war zum Scheitern verurteilt, Gorbatschow Passagier, als im Dezember 1991 die Sowjetunion aufgelöst wurde.
Hildermeier gibt im Anschluss noch einen Ausblick auf Russland in den 1990er Jahren: den Machtkampf Jelzins 1993 mit dem Parlament, den Wirtschaftsverfall durch die Radikalprivatisierungen, die Herausbildung einer neuen Oligarchie.
Für einen schnellen Überblick ist das Buch sehr geeignet, wenn manchmal vielleicht etwas Vorwissen nicht schadet. Hildermeier selbst ist ausgewiesener Experte für die Geschichte der Sowjetunion, und im Beckverlag erschien sein Standardwerk über dieses Thema mit einem Umfang von etwa 2000 Seiten.