Narrenschiffer
Diskussionsleiter
Profil anzeigen
Private Nachricht
Link kopieren
Lesezeichen setzen
dabei seit 2013Unterstützer
Profil anzeigen
Private Nachricht
Link kopieren
Lesezeichen setzen
Kerstin S. Jobst - Geschichte der Ukraine
25.06.2026 um 12:04
Die an der Wiener Universität als Osteuropahistorikerin tätige Kerstin Jobst legte 2015 die zweite Auflage ihrer Geschichte der Ukraine im Reclam-Verlag vor und konnte noch die Maidan-Proteste bzw. die Annexion der Krim durch Russland integrieren. Bevor sie chronologisch einen historischen Abriss vorlegt, diskutiert sie anhand der aktuellen Ereignisse die Fragestellung, inwieweit bei einer zerrissenen Geschichte ohne eigene Staatlichkeit vor dem 20. Jahrhundert von einer ukrainischen Nation gesprochen werden kann. Immerhin haben 1991 über neunzig Prozent der Bewohner für eine Unabhängigkeit der Ukraine gestimmt. Bezüglich Erstsprache geben etwa neun Prozent der Ukrainer:innen Russisch an. Jobst schlussfolgert, dass sich gerade in Abgrenzung von Polen und Russland über die Jahrhunderte hinweg eine ukrainische Identität entwickelt hat, die weder von polnischer Seite noch von russischer Seite ernst genommen worden ist. Für sie war die ukrainische Sprache eine Bauernsprache, ein kaputtes Polnisch bzw. ein kaputtes Russisch. Dennoch existiert eine ukrainische Identität in den fünf historisch so unterschiedlich gewachsenen Großregionen (Westukraine, Zentralukraine, Ostukraine, Südukraine und Krim).
Chronologisch wird der Kiewer Rus diskutiert, inwieweit er überhaupt slawisch war und inwieweit Russland ihn für sich reklamieren kann, da das Mittelalter dynastisch und nicht ethnisch geprägt war. Durch das Senioratsprinzip der Rjurikiden bei der Erbschaft wird das Land permanent unter meist verfeindeten Brüdern aufgeteilt, bis schließlich Galizien-Wolhynien zunächst von Polen und Ungarn vereinnahmt wurde und schließlich an Polen-Litauen fiel. Ein permanenter Kosakenstaat hat sich nicht entwickeln können.
1795 schließlich wird die Ukraine (mit Polen) aufgeteilt, etwa 80 Prozent der Bewohner gerieten unter russische Herrschaft. Wie zuvor eine Polonisierung stattfand, so nun eine Russifizierung. 1875 wurde die Verwendung der ukrainischen Sprache vom Zaren verboten. Die etwa 4 Millionen Ukrainer, die an die Habsburgmonarchie fielen, waren solchen Unterdrückungsmaßnahmen nicht ausgesetzt. Sprache wie Schulwesen wurden gefördert, es entstanden Parteien, die politisch tätig waren.
Die staatliche Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg war kurzlebig. In den Polen zugesprochenen Gebieten wurden viele Autonomiebestimmungen der Habsburgmonarchie zurückgenommen. Thematisiert wird auch die hohe Gewaltbereitschaft ukrainischer Widerstandsarmeen, die auch nicht vor Massakern an Polen und Juden zurückschreckten. Die sowjetische USSR kannte in den 1920er Jahren Freiheiten, wie es sie im zaristischen Russland nie gab, doch Stalin nahm diese zurück und berüchtigt ist der große Hunger von 1932/33 (Holodomor), als die sowjetische Zentralmacht jegliche Hilfslieferungen verweigerte. Der Osten der Ukraine wurde industrialisiert. Die an Rumänien gefallenen Gebiete wurden radikal romanisiert.
Während des Zweiten Weltkriegs erfüllte sich die Hoffnung nicht, dass mit deutscher Hilfe ein unabhängiger Staat entstehen könnte. Die deutsche Führung hatte kein Interesse daran. Ironie des Schicksals sei, dass mit der ukrainischen Sowjetrepublik es die Bolschewiki waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal ein einheitliches ukrainisches Staatsgebilde schuf, das sogar in der UNO einen eigenen Sitz hatte.
Insgesamt ein interessantes, aber aufgrund der Dichte auch ein nicht ganz so leicht zu lesendes Buch. Die Entwicklungen der damals gegenwärtigen Ukraine werden hauptsächlich anhand von politischen Akteuren präsentiert.