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Yaroslav Hrytsak - Ukraine
04.07.2026 um 18:45
Yaroslav Hrytsak ist Historiker an der Universität von Lwiw und dieser Band ist eine Übersetzung der englischen Übersetzung seines Werks. Da sich Hrytsak auf die Nationswerdung der Ukraine konzentriert, ist der englische Untertitel eigentlich passender als der deutsche: The Forging of a Nation. Im Gegensatz zum ukrainischen Original ist hier das erste Kriegsjahr noch integriert. Das Werk ist weniger ein wissenschaftliches Werk (es gibt kaum Fußnoten), sondern mehr ein langer historischer Essay. Auch verschweigt Hrytsak nicht, welche ukrainische Nation ihm vorschwebt: eine multinationale liberale, westlich orientierte Demokratie.
Wie Russland die Ukraine sehe, drücke sich auch in russischen Präpositionen aus, da das Wort Ukraine selbst zwei Bedeutungen habe: Grenzland und Land (im Sinne von Staat). na Ukrajine heiße "in der Region Ukraine", w Ukrajine heiße "im Staat Ukraine". Putin habe 2014 von w Ukrajine zu na Ukrajine gewechselt, während Medvedew immer schon na Ukrajine verwendet habe.
Auch der Begriff Rus habe zwei Bedeutungen. Eine bedeutet ein Herrschergeschlecht und nach dessem Aussterben Herrschaftsterritorien, wobei es nicht nur eine Rus gegeben habe, sondern mehrere. So eine litauische, eine ukrainische und eine moskowiter, wobei letztere später entstanden sei. Der Begriff Rossija werde für die nordöstliche Rus seit Peter I. verwendet, der das imperialistische Russland gegründet hat. Der Begriff Kleinrussen für Ukrainer existiere, seitdem sich 1654 der ukrainische Kosakenstaat den Moskowitern unterworfen hat.
Entscheidend zur Ausbildung einer Macht (Rus) war im 9. Jahrhundert die Herrschaftsübernahme durch die Waräger, die eine Handelsverbindung zwischen Skandinavien und dem Mittelmeerraum aufbauten. Für die künftige Ukraine eine prägende Entscheidung war, dass 988 Fürst Wolodymyr den byzantinischen Glauben angenommen hat. Ein wirtschaftlich westlich orientiertes multiethnisches Gemeinwesen der Rus wurde ideologisch an den Osten gebunden. Bekräftet wurde dieses Bündnis mit Wolodomyrs Ehe mit Prinzessin Anna, der Schwester des oströmischen Kaisers Basileios. Damit endete aber auch der Drang nach dem Süden durch die nun slawisierten Warägerherrscherdynastie. In den nächsten 200 Jahren verheiratete sich die Dynastie über 50 Mal mit unterschiedlichsten europäischen Fürstenhäusern.
Auch kulturell sei dieses Ostbündnis ein Abstellgleis gewesen. Durch die Übersetzung christlicher Texte ins Altbulgarische (Kirchenslawische) durch Kyrill und Method sei die Rus von der griechischsprachigen Kultur und damit über Jahrhunderte von der antiken Wissenschaftstradtion abgeschnitten gewesen. Ein Beispiel: Im Einflussbereich der westlichen Kirchen seien zwischen 1450 und 1700 etwa 200 Mio Bücher gedruckt worden, in der ostchristlichen Welt etwa 50.000. Auch die Hochschulbildung setzte verspätet ein. Die erste Universität wurde in Kyjiw 1632 gegründet, die zweite in Moskau 1755.
Politisch entstanden während der Mongolenherrschaft ab 1240 autonome, aber tributpflichtige Herrschaftsgebiete. Galizien-Wolhynien wurde 1387 von Polen erobert, die südwestlichen Gebiete der Rus bereits in den 1350er Jahren von Litauen. Die Nowgoroder Republik wurde 1478 von den Moskowitern erobert.
Mit einer Heirat zwischen litauischem und polnischem Herrscherhaus 1385 wurde Litauen christlich, und 1569 wurden beide Gebiete zur polnisch-litauischen Rzeczpospolita vereinigt. Hundert Jahre später eroberten die Moskowiter nach einem Kosakenaufstand belarussische und ukrainische Gebiete. Von 1772 bis 1795 teilten sich schließlich Russland, Österreich und Preußen die Rzeczpospolita auf. Rückblickend sei der Einfluss der Rzeczpospolita auf die Ukraine groß gewesen. Wichtige Merkmale seien die Anbindung an den westlichen Kulturkreis sowie die religiöse Toleranz gegenüber christlichen Kirchen (die orthodoxe Kirche wurde nach Gründung der Unierten Kirche verboten, wurde aber durch Bruderschaften am Leben erhalten) wie den Juden gewesen. Allerdings wird die soziale Kluft größer: Gutsbesitzer wurden reich, die Bauern als Leibeigene versklavt. Abnehmer für das Getreide war der Westen. Die Gebiete der Rzeczpospolita wurden eine Art Ostkolonie für die westlichen Staaten.
Dies war das soziale Umfeld, warum die Kosaken sich zu einer Art "Sozialbanditen" entwickeln konnten, die für mehr Rechte kämpften, was schließlich in den Aufstand des Hetman Chmelnyzkyj mündete, der sich streng orthodox sah und Massaker unter Polen, Juden und unierten Christen befehligte. Ergebnis des Aufstands war ein Kosakenstaat, der 1764 von Katharina II. aufgelöst wurde. Die Jahre nach dem Tod von Chmelnyzkyj waren geprägt von innerkosakischen Kämpfen mit wechselnden Bündnissen, was für das Gebiet eine Katastrophe war. Geschätzt wird, dass über 60 Prozent der Bevölkerung wegen dieser Kämpfe ihr Leben verloren. Das Land war verwüstet. Erst unter dem Hetman Iwan Masepa (Herrschaftszeit von 1687 bis 1708) war das Gebiet befriedet und diese Zeit wird als die Goldene Ära der Kosaken bezeichnet. Den Untergang einer gewissen Autonomie brachte der Nordische Krieg. Peter I. verweigerte den Kosaken Unterstützung, Masepa wechselte die Seiten, doch 1809 wurden die Schweden bei Poltawa vernichtend geschlagen, das Kosakengebiet wurde direkt dem Zaren unterstellt. Auch sozial wandelte sich der Kosakenstaat. Von ursprünglich einer Militärdemokratie entwickelte er sich zu einem Oligarchenstaat, in dem ebenso die Bauern wie Sklaven gehalten wurden. Der Unterschied war, dass sie keine Leibeigenen waren und ihre Herrschaft verlassen durften, Fronarbeit war auf zwei Tage die Woche begrenzt. Masepa setzte auch Versuche zur Modernisierung durch beginnende Textil- und Metallindustrie. Zusammenfassend wertet Hrytsak den Kosakenstaat als erste Verwirklichung einer ukrainischen Identität. Das Erbe Masepas war, dass sich 1917 diejenigen Gruppierungen, welche die Gründung eines unabhängigen ukrainischen Staates unterstützten, Masepisten nannten.
Nach den drei polnischen Teilungen gelangten 85 Prozent der Ukraine unter russische Herrschaft. Die Besiedelung der Steppe nördlich des Schwarzen Meers (das Wilde Feld, Neurussland) zog hauptsächlich ukrainische Bauern an, sodass Ukrainer die Mehrheitsethnie bildeten.
Die nationale Geburt der Ukraine wurde im 19. Jahrhundert im von Österreich beherrschten Galizien initiiert. Dort war Ruthenisch (Ukrainisch) eine der Staatssprachen (in Russland wurde das Ukrainische in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verboten), es bildeten sich Kulturvereinigungen und politische Parteien. Auch war der Alphabetisierungsgrad viel höher als in der russischen Ukraine. Doch war Galizien - bis auf die Ölfelder von Boryslaw - ein armes, rückständiges Agrargebiet. Ausnahme war Lwiw, der Verwaltungs- und Beamtenstadt, die für die österreichischen Verwaltungsbeamten ein hohes Lebensniveau geboten hat.
Die Russifizierung der russischen Ukraine bedeutete jedoch auch die Gründung von Industriegebieten im Donezk-Gebiet sowie in Charkiw, Kyjiw, Cherson und Odessa. Bemerkenswert ist, dass das Industriekapital in der russischen Ukraine hauptsächlich von ausländischen Investoren stammte. Der Osten der Ukraine war daher wirtschaftlich modernisiert, jedoch nicht politisch. Im österreichischen Galizien war es umgekehrt. Überspitzt formuliert Hrytsak, dass in Galizien Streitigkeiten vor Gericht ausgetragen wurden, in der russischen Ukraine mit Gewalt.
Die Zeit von 1914 bis 1945 war eine Zeit exzessiver Gewalt. Etwa die Hälfte der Männer und ein Viertel der Frauen seien in diesem Zeitraum eines gewaltsamen Todes gestorben. Zu völkermörderischen Akten zählt Hrytsak:
- die Vernichtung der Kulaken als Klasse 1930/31
- den Holodomor 1932/33
- die polnischen und griechischen Operationen des NKWD
- den Holocaust an den Juden
- die Vernichtung der Roma
- den Mord an sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Nazis
- Angriffe auf die polnische Bevölkerung durch ukrainische Nationalisten
- Angriffe auf Ukrainer durch den polnischen Untergrund
- Massendeportation der Krim-Tataren 1944
- Massendeportation der polnischen Bevölkerung aus dem Westen der Ukrainischen SSR
- Massendeportation der ukrainischen Bevölkerung aus dem Südosten des kommunistischen Polen
Hinzu kam die staatlich geförderte Gewalt durch Stalins Großen Terror 1937/38, die Deportation der westukrainischen Bevölkerung 1939-1941, den sowjetischen Terror gegen den antikommunistischen Untergrund.
Außerdem war die Ukraine zweimal das Schlachtfeld, auf dem Deutschland und Russland ihren Kampf um die Weltherrschaft austrugen. In diesem Zusammenhang war die Ukraine Schauplatz des Bürgerkriegs nach dem bolschewistischen Putsch (1918-1920), Schauplatz des Kampfes zwischen ukrainisch-nationalistischen Fraktionen während des Zweiten Weltkriegs (Bandera gegen Melnyk), Massengewalt zwischen Polen und Ukrainern, Pogrome gegen Juden sowie Bauernaufstände 1917-1920 (Machno), 1930 gegen die Kollektivierung, Bauernbewegung im Rahmen der nationalen ukrainischen Aufstandsarmee in den 1940er Jahren.
Nach dem Ersten Weltkrieg, d. h. dem Zerfall der Habsburg- und Romanov-Imperien, existierten kruzfristig fünf unabhängige ukrainische Staaten:
- die Ukrainische Volksrepublik der Zentralna Rada (November 1917-März 1918), von den Deutschen unterstützt, von den Bolschewiki anerkannt und bekämpft mit Gegenrepubliken, nach Sonderfrieden mit Russland von den Deutschen fallengelassen und ersetzt durch
- das Hetmanat Ukraine unter Pawlo Skoropadskyj (April-Dezember 1918), stabile Periode, endete mit dem Sieg der Entente-Mächte, da auch die Weißen Armeen eine unabhängige Ukraine strikt ablehnten
- die Ukrainische Volksrepublik der Direktoriumsperiode (Dezember 1918-Dezember 1919), Zeit der Entente-Intervention, Krieg aller gegen alle, Massengewalt gegen Zivilisten, Pogrome, Machtgebiet nur in großen Städten und entlang der Bahnlinien
- die Westukrainische Volksrepublik (November 1918-Juli 1919), liberale Republik in Galizien, wenig Gewalt, kaum Pogrome, Ende durch polnischen Einmarsch
- die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (April-Juli 1920), gegründet von den Bolschewisten, umfasste das gesamte Gebiet der Ukraine, Hauptstadt zunächst Charkiw
Ende 1920 hat die Rote Armee sämtliche gegnerische Armeen besiegt. Schwieriger war es mit den Bauern, die immer noch sich gegen die Bolschewiki wehrten, für sowjetische Kommissare war es kaum möglich, ukrainische Dörfer zum Zweck von Requirierungen oder statistischen Erhebungen zu betreten. Die Folge war eine Ukrainisierungspolitik. Bis auf die höchsten Ebenen sollen Indigene zu Verwaltungsaufgaben herangezogen werden, Beamte mussten Ukrainisch lernen, Ukrainisch als Schriftsprache wurde gefördert. Diese Politik der Indigenisierung stoppte mit dem Ende der Neuen Ökonomischen Politik, der Kollektivierung und Kulakenverfolgung ab 1929.
Die Hungersnot hatte ihre ökonomischen Ursachen einerseits in der Preisschere zwischen niedrigen Agrarpreisen und hochpreisigen bzw. nicht vorhandenen Konsumgütern - die Bauern lieferten kaum mehr an den Staat ab -, andererseits in dem Bestreben, dass Stalin die Industrialisierung durch Verkauf von Getreide im kapitalistischen Ausland finanzieren wollte. Außerdem sah Stalin den Bauernwiderstand durch polnische Agenten Pilsudskis organisert. Folge: "Kulaken" wurden deportiert, irreale Getreidelieferpläne auferlegt, jede Art von Nahrungsmittel beschlagnahmt. Laut Hrytsak war die Hungersnot von 1932 noch durch schlechte Ernten bedingt, 1933 jedoch bewusst herbeigeführt, indem Hilfslieferungen verweigert und den Hungernden die Flucht aus Hungergebieten verboten wurde. Das zweite Hungerjahr ist für Hrytsak genozidal. Er stützt diese These mit dem Angriff auf die ukrainische Intelligenz, so wurden während der Säuberungen von 260 ukrainischen Schriftstellern 230 ermordet (hingerichtet).
Die Politik in Polen war zwiespältig. Wolhynien wurde ukrainisiert, Galizien de-ukrainisiert. Galizien hieß "Kleinpolen", die Ukrainer hießen "Russynen". Ukrainische Gebiete in Rumänien wurden romanisiert. Ukrainische Bildungseinrichtungen wurden geschlossen, Organisationen verboten. Im Gegensatz dazu förderte die Tschechoslowakei den Ausbau der Infrastruktur in Transkarpatien und in Prag wurde 1921 die Ukrainische Freie Universität gegründet.
Insgesamt war es eine toxische Mixtur. Ukrainer haben kaum unter einer liberalen Demokratie gelebt, Rechtsstaatlichkeit war letztlich nur im österreichischen Galizien bekannt, Gewalt als Lösungsmethode für Probleme war in allen anderen Gebieten Usus. Die sowjetische Lösung war mit Stalin diskreditiert, hinzu kam eine deklassierte Intelligenz in Galizien, die ihre Staatsposten aus der österreichischen Monarchie verloren. Nationalistische Vorbilder existierten zunächst in Italien, ab 1933 in Deutschland. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) wurde 1929 in Wien vor allem von alten Freiheitskämpfern und Studenten gegründet, und ihr Credo war, bereit zu sein, für eine unabhängige Ukraine zu sterben. Die Crux: Wer bereit ist zu sterben, für den zählt das Leben anderer ebenso nichts - so Hrytsak. Die Organisation war extrem nationalistisch und Vorbilder waren Mussolini und Hitler. Als 1938 Andrij Melnyk die Organisation übernahm, spalteten sich die jüngeren Mitglieder hinter Stepan Bandera ab. Somit gab es die Melnykisten (OUN-M) und die Banderisten (OUN-B). Einer der OUN-Schlachtrufe war laut dem Historiker István Deák:
Lang lebe die größere unabhängige Ukraine ohne Juden, Polen und Deutsche; die Polen zurück über den Fluss San; die Deutschen nach Berlin und die Juden an den Galgen.»Nach Einmarsch der Deutschen rief OUN-B einen unabhängigen Staat aus, der von den Deutschen umgehend verboten wurde. Führungsmitglieder, darunter Stepan Bandera, wurden verhaftet. Der Reichskommissar der Ukraine, Ernst Koch, verwandelte die Ukraine in ein riesiges Konzentrationslager. Die "minderrassigen" Ukrainer sollen als Arbeitssklaven dienen und langfristig ausgehungert werden.
Aus der OUN bildete sich die Ukrainische Aufständische Armee (UPA), die sich selbst "Banderisten" nannten. Sie kämpften gegen alle: Deutsche, Polen, Sowjets (noch bis in die 1950er Jahre). In Wolhynien sollen die Polen vertrieben oder vernichtet werden. Am 11. und 12. Juli 1943 wurden mehr als 50 polnische Dörfer angegriffen. Im Gegenzug verübte die Polnische Heimatarmee Massaker an Ukrainern.
Stalin löste schließlich das ukrainische "Problem", indem er alle ukrainsche Gebiete in einer Sowjetrepublik zusammenfasste. Die sowjetische Identität soll die ukrainische (nationale) ablösen. Kyjiw wird Republikshauptstadt, Lwiw industrialisiert und durch den Zuzug von Arbeitern zum ersten Mal in der Geschichte mehrheitlich ukrainischsprachig (wohl auch durch die Aussiedlung von Polen, nehme ich an), der Donbass wird Industriezentrum mit einer selbstbewussten Arbeiterschaft, die auch Streiks wagt. Unter dem aus der Ukraine stammenden Breschnew wurden viele Ukrainer ins Machtzentrum geholt (natürlich vollständig russifizierte), auch Techniker hatten die Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs. Auf der anderen Seite wird jeder vermutete Dissens hart bekämpft. Von 1971 bis 1974 wurden etwa 60.000 Ukrainer aus politischen Gründen verhaftet. Unter Breschnew waren 50 bis 70 Prozent aller Lagerhäftlinge Ukrainer. Dennoch wurde die Ukraine wie eine Kolonie behandelt. Entscheidungen wurden in Moskau getroffen, so auch dass 1986 trotz des Atomunfalls von Tschornobyl die Maiparaden im betroffenen Gebiet durchgezogen werden. Die lokalen Behörden wollten absagen.
Die Entkommunisierung begann in der Ukraine früh. Im Sommer 1989 vertrieben im Donbass Minenarbeiter Parteikommissare aus ihren Minen, bei freien Wahlen erlitt die KP in Galizien heftige Niederlagen. Bei einem Referendum 1990 stimmten zwar 70 Prozent für einen Verbleib in der Sowjetunion, Galizien jedoch mehrheitlich für Unabhängigkeit. Nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Gorbatschow erklärte der Oberste Sowjet der Ukrainischen SSR am 24. August 1991 die völlige Unabhängigkeit der Ukraine und ihren Austritt aus der Sowjetunion (Russland trat bereits im Juni 1990 aus!). Am 1. Dezember 1991 stimmten in einem Referendum 91 Prozent der ukrainischen Bevölkerung für eine Unabhängigkeit mit Mehrheiten auch im Donbass und auf der Krim. In der Übergangszeit behielten die kommunistischen Eliten die Macht, und die Opposition verpflichtete sich, Minderheitenrechte zu achten. Gewalt und Pogrome blieben aus. Hinzu kam, dass viele der Russischsprecher (über 50 Prozent der Bevölkerung) in ihrer Identität sich als Ukrainer sahen und sehen.
Der demokratische Lakmustest war, als 1994 der amtierende Präsident Leonid Krawtschuk die Wahlen gegen Leonid Kutschma verlor und die Amtsübergabe reibungslos verlief. Kutschma gewann die Wahl mit dem Versprechen, sich wieder Russland anzunähern, doch er schrieb ein Buch mit dem Titel Die Ukraine ist nicht Russland. Die Ukraine lag wirtschaftlich danieder mit einer hohen Inflationsrate. Kutschma stabilisierte die Wirtschaft, stolperte aber beinahe über einen Leak, dass ein Radarsystem an den Irak verkauft worden sei. Auch ging das Gerücht, dass er bei der Ermordung des Aufdeckerjournalisten Heorij Gongadse seine Finger im Spiel hatte.
Um die Ereignisse um die Wahlen 2004 verstehen zu können, müsse man das Oligarchensystem der Ukraine kennen. Es gibt zwei rivalisierende Gruppen: die Dnipro-Gruppe (Kutschma, aber auch Tymoschenko) und den Donezk-Clan (Janukowytsch). Kutschma wollte die Macht an Janukowytsch übergeben (Zusammenschluss der beiden Gruppen?). Tymoschenko wendet sich dagegen und gründet mit dem Ökonomen Wiktor Juschtschenko eine Oppositionsgruppe, um diesen zur Präsidentschaft zu führen. Einen Tag vor der Wahl wird er vergiftet, trotz anders lautender Umfragenergebnisse erklärt die Wahlkommission Janukowytsch zum Sieger. Nach Protesten am Unabhängigkeitsplatz werden die Wahlen wiederholt und Juschtschenko geht als Wahlsieger hervor.
Während seiner Amtszeit wird Juschtschenko seinen Vorschusslorbeern nicht gerecht. Es wird kein Programm zur Korruptionsbekämpfung initiiert. Die Oligarchenclans bleiben unangetastet. Seine Schwerpunkte sind Kulturpolitik und die Anerkennung des Holodomor als Genozid. Da die Eurokrise der Wirtschaftslage auch nicht förderlich ist, wird er 2010 abgewählt. Tymoschenko verliert in Stichwahlen gegen Janukowytsch.
Dieser beginnt eine Annäherungspolitik an Moskau, aber auch in Richtung EU. Seine Hauptbeschäftigung ist aber, selbst zum reichsten Oligarchen zu werden und seine eigene Kasse zu füllen. Um dies zu erreichen, setzt er überall seine Donezk-Leute in der Ukraine in entscheidende Positionen. Selbst das Parlament erhält einen "Aufpasser". Vor der Unterzeichnung eines Assoziationsabkommens mit der EU lanciert Putin, dass er die Ukraine aufzuteilen gedenkt: Ostukraine, Krim, Neurussland an Russland, die Mittelukraine mit einer Marionettenregierung, die Westukraine könne sich zum Teufel scheren. Nach einem Gespräch in Moskau mit Putin zieht Janukowytsch das Assoziationsabkommen mit der EU zurück. Hrytsak vermutet, dass Putin mit einem Einmarsch gedroht habe.
Niemand hat aber mit einer neuen Generation gerechnet, die in keiner Diktatur mehr gelebt hat und weder aus dem Agrar- noch dem Industriesektor kommt, sondern aus der Intelligenz und dem Dienstleistungssektor. Junge Menschen versammeln sich am Unabhängigkeitsplatz, der zum Euromaidan wird. Nach Gewaltexzessen der Ordnungskräfte flieht Janukowytsch am 21. Februar 2014 nach Moskau, am 22. Februar marschierte Russland in der Krim und in Teilen des Donbass ein. Dnipro wurde eines der Widerstandsnester gegen den russischen Überfall. Wie schon bei russischen Überfällen auf Tschetschenien und Georgien wurde die Ablehung gegenüber Russland größer, die nationale Identität war überethnisch. So gewannen Poroschenko (2015) und Selenskyj (2019) die Präsidentschaftswahlen gesamtnational. Sie hatten Mehrheiten im Westen wie im Osten.
Wirtschaftlich entwickelte sich ab den Nullerjahren ein bedeutender Dienstleistungssektor vor allem im Westen des Landes. Wirtschaftliches Kapital wanderte von Osten nach Westen, gleichzeitig soziales Kapital (die Zivilgesellschaft) von Westen nach Osten.
Und mit dieser neuen ukrainischen Identität war es am 24. Februar 2022 Putin nicht möglich, einen erhofften Blitzkriegsieg einzufahren. In Butscha unterstützte die Zivilbevölkerung die ukrainische Armee bei der Abwehr des russischen Angriffs auf Kyjiw. Zum Preis, dass sie abgeschlachtet wurde. Präsident und Regierung lehnten das Angebot westlicher Staaten, sie ins sichere Exil zu bringen, ab und blieben. Sie nahmen den Kampf auf, konnten die russische Armee zurückdrängen, bis sich ein blutiger Stellungskrieg entwickelte. Seither versucht Russland, die zivile Infrastruktur der Ukraine zu zerstören und Terror gegen die Zivilbevölkerung auszuüben. Opfer sind nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und das Ökosystem. Für Hrytsak ist dieser Krieg ein "Wendepunkt der Weltgeschichte".
Dies ist ein hochinteressantes Buch eines definitiv nicht neutralen ukrainischen Historikers.


