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Jacques Ellul - Propaganda
um 18:18
Jacques Ellul war Rechtswissenschafter, Soziologe und Theologe und lehrte an der Fakultät für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bordeaux. Sein 1962 veröffentlichtes Werk zu Propaganda gilt international als hochangesehen, wurde jedoch zum ersten Mal erst im Jahr 2021 ins Deutsche übersetzt.
Oberstes Ziel und Ausgangspunkt für Propaganda sei, "die Macht der Partei oder des Staates zu sichern". Von den Menschen werde Partizipation und Einhelligkeit verlangt. Grundvoraussetzung für Propagandaerfolg ist für Ellul, dass sie sowohl an bereits vorhandenen Mentalitäten ansetzt und dass der Mensch dazu gebracht wird, aus "freien Stücken zu gehorchen". Propaganda sei eine Technik, die aus vier Elementen besteht:
- Psychologische Maßnahmen (richten sich an Mitbürger)
- Psychologischer Krieg (richtet sich an Gegner bzw. Feinde)
- Umerziehung und Gehirnwäsche (richtet sich an gefangene Feinde)
- Public Relations und Human Relations (das Ziel ist die Einpassung des Individuums in eine Gesellschaft, die Methode bei Zweiterem ist oft horizontale Propaganda, also nicht von oben kommend)
Ziel der Propaganda sei in erster Linie, den Menschen zu einer gewünschten Handlung zu bringen, wobei die innere Überzeugung des Individuums durchaus irrelevant ist. Für Propagandisten sei es kaum möglich zu überprüfen, ob eine propagandierte Person auch die Ideologie internalisiert habe. Wichtig ist das Handeln. Dies sei dem Individuum der modernen Gesellschaft nicht unbekannt. Viele berufliche Tätigkeiten basieren darauf, dass Handlungen gesetzt werden, die andere erdacht haben, sie basieren auf einer Dissoziation von Denken und Handeln. Nicht entfremdetes Handeln ist in die Freizeit ausgelagert (Hobbys zum Beispiel).
Aber auch Privatisierung kann, vor allem in diktatorischen Regimen, ein gewünschtes Ziel sein, vor allem bei denjenigen, die durch Propaganda nicht erreicht werden können. Privatisierung führe dazu, dass keine Kritik geäußert wird, keine Handlungen gegen die Interessen der Staatsmacht gesetzt werden. Erreicht wird sie einerseits durch Terrorpropaganda, andererseits durch unterstützende Maßnahmen, die eine Privatisierung fördern.
Soziologische Voraussetzung für Propaganda sei die Herausbildung einer sekundären Gruppe, der Masse, in einer dicht besiedelten, urbanisierten Gesellschaft, in welcher der Einzelne von primären Gruppen (Familie, Zunft, etc.) entfremdet ist. Propaganda richte sich an eine Masse von Individuen, die jedoch nicht oder kaum miteinander kommunizieren und vereinzelt sind, wobei nicht die Masse an sich, sondern der Einzelne sich angesprochen fühle. Der Einzelne soll das Gefühl erhalten, ein Erfolg hänge von ihm ab, er müsse handeln, um ein Ziel nicht zu gefährden. Mao Zedong habe dies erkannt und alle traditionellen primären Gruppen zerschlagen (inklusive Familienbande).
Ideal zur Verbreitung von Propaganda seien Massenkommunikationsmittel (Presse, Radio, Fernsehen, Kino), da diese Medien von Einzelnen konsumiert werden, selbst wenn sie mit einer Masse in einem Kinosaal sitzen.
Propaganda habe "total" zu sein. Sie muss alle zur Verfügung stehenden Mittel verwenden und "kontinuierlich, lückenlos und ohne Unterbrechung vonstatten" gehen, um wirksam zu sein. Der Gefahr einer Mithridatisation (Immunisierung) wird durch Sensibilisierung, zum Beispiel durch Symbolik, begegnet. Eine Farbe könne genügen, um Propagandareize auszulösen.
Erfolgreiche Propaganda muss einerseits auf "Mythen" aufbauen, andererseits auf Aktuellem. Mythen sind für Ellul Themen wie Arbeit, Glück, Fortschritt, Nation, Frieden, Freiheit, Jugend, Helden. Auch Lebensstile können zum propagandistischen Mythos werden. Der American Way of Life wird als Beispiel genannt. Selbst nicht propagandistische Werke wie Kinofilme verbreiten diesen Mythos. Diese Mythen bauen in der Propaganda auf Ideologien wie Sozialismus, Nationalismus oder Demokratie auf, wobei sich letztere zu einem Mythos zu entwickeln beginne. Praktisch alle Ideologien würden den Mythos Demokratie nutzen und mit eigenen ideologischen Inhalten befüllen. Mythen sind für Propaganda deswegen wichtig, da diese eine Vision und keine Doktrin zu vermitteln habe, um erfolgreich zu sein. Mythen seien "allgemeine, einfache Erklärungen".
Auch müssen starke Gefühle hervorgerufen werden. Hass, Stolz, Hunger seien erfolgreicher als Liebe oder Gleichmut. Diese Gefühle müssen verstärkt werden, und aus Nationalstolz soll "rasender Nationalismus" werden. Diese Gefühle seien es, die den Einzelnen dazu brächten, sich "auszutoben", an Pogromen teilzuhaben, ohne ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. "Propaganda eröffnet ihm einen Weg, sodass er den Juden, den Bourgeois, den Kommunisten und so weiter zu töten vermag, der Mord schließlich zu einer Heldentat avanciert." Neben der Erregung bietet Propaganda auch den zweiten Effekt, nämlich Angst zu nehmen. Der Vereinzelte fühlt sich in einer neuen Gemeinschaft geborgen. Was immer er in dieser Gemeinschaft für Handlungen setzt. Propaganda bietet Selbstrechtfertigung.
Auf Aktuellem aufbauend muss Propaganda in die Zukunft weisen. Wobei berücksichtigt werden muss, dass Menschen konkrete Ereignisse oder Themen sehr schnell vergessen. So seien inhaltliche Propagandavolten wie die kommunistische Propaganda nach dem Hitler-Stalin-Pakt mittelfristig kein Problem für auf Mythen aufbauende kommunistische Propaganda. Dennoch muss beachtet werden, dass Propaganda keine offensichtliche Falschinformation verbreiten darf. So war die deutsche Niederlage von Stalingrad nicht wegzureden. Die Folge: Goebbels änderte den Mythos seiner Propaganda. Er wechselte zum Helden-Mythos.
Propaganda verwende, um wahre Information vorzutäuschen, gerne bezugslose Zahlen, die grundsätzlich nicht falsch sind, aber in keine Relation gesetzt werden können. Wenn geäußert wird, dass das Lebensniveau sich um 30 Prozent erhöht habe, ohne einen Kontext zu geben, ist diese Aussage inhaltlich belanglos. Aber auch ein Überschütten mit Erfolgsnachrichten, die der Einzelne in seiner Menge nicht nachvollziehen kann, könne ein propagandistisches Ziel verfolgen, so zum Beispiel, dass die Sowjetunion aufgrund der vielen Erfolge großartig sei. Mich erinnert Bannons "Flood the zone with shit" an diese Methode: Aushebeln der Glaubwürdigkeit traditioneller Medien. Was genau der "shit" ist, interessiert letztlich niemanden.
Da Propaganda nicht individualisiert sein kann, wird sie monolithisch und die Mythen vereinfachen Ideologien wie Sachverhalte. Auch könne es nur mehr zwei Einstellungen geben: eine positive und eine negative. Und "wenn Propaganda Besitz von der Öffentlichkeit ergriffen hat. Ab da wird die öffentliche Meinung zunehmend rigoroser und undurchlässiger, sodass einzelne Meinungen nicht mehr geäußert werden können". Propaganda durchdringe nun Gruppen und ersetze deren Anführer:
In begrenzten Gruppen sowie in einem System, in dem Leadership oder Führerprinzip vorherrschen, ist der gegenwärtige Chef nie mehr als ein Spiegelbild, er ist nicht der wirkliche Anführer der Gruppe. Der Gauleiter ist, wie der Volkskommissar, nur Stellvertreter, Ausführender.Im Anhang beschäftigt sich Ellul ausführlich mit den Propagandamethoden Mao Zedongs, vor allem mit der Zerschlagung traditioneller primärer Gruppen und Bildung neuer Organisationen, innerhalb derer durch (Selbst-)Kritik und Diskussion eine (vorgegebene) Meinung gebildet werden muss. Diejenigen, die durch diesen Prozess nicht erreicht werden, würden ausgemerzt. Mao: "Wohlwollen für das Volk, Diktatur für die Feinde des Volkes."
Interessant sind Maos sechs Kriterien des Guten, was verlangt, zu folgenden Zielen beizutragen:
- das aus verschiedenen Nationalitäten bestehende Volk zu einigen und es nicht zu spalten
- die sozialistische Umgestaltung und den Aufbau des Sozialismus fördern
- die demokratische Diktatur des Volkes zu festigen
- den demokratischen Zentralismus zu stärken
- die Führung durch die Kommunistische Partei zu stärken
- die internationale sozialistische Einheit und die internationale Solidarität aller friedliebenden Völker fördern und nicht schädigen
Auch werden die Techniken der Gehirnwäsche präsentiert.
- Isolierung: Der Gefangene wird sozial isoliert sowie aus einem Raum-Zeit-Kontinuum gerissen (Schlafentzug, unterschiedliche Schlafens- und Verhörzeiten, fensterloser Raum)
- Trommelfeuer von Parolen: Der Gefangene wird permanent Propagandaslogans ausgesetzt, bis er abstumpft und sie auswendig kann.
- Gruppendiskussion nach demokratischer Methode: Wichtig sei, dass der Leiter gebildet und auf hohem intellektuellen Niveau sei. Der Form nach scheinbar demokratisch, gibt es jedoch nur ein Meinungsziel. Die Ideen des Gegners des Gefangenen werden verklärt, Unsicherheit und Zweifel werden gesät. Die Diskussion hat ein dreischrittiges Ziel. 1. Hervorrufen von Schuldgefühlen (der Gefangene sei Teil einer Gruppe, die moralisch verwerflich handle). 2. Erklärung der Schuld des Gefangenen (Einbettung in einen politischen oder sozialen Kontext), mit dem Ziel, dass die Sichtweise des Gefangenen ersetzt wird. 3. Im darauffolgenden "Weg der Erlösung" nimmt der Gefangene das neue Handlungsangebot dankend an und rechtfertigt seine Haltungsänderung vor sich selbst und vor anderen.
Die Grenzen dieser Methode sind, dass die Haltungsänderung nicht nachhaltig ist. Sobald der Propagandaeinfluss nach Freilassung aufhört, endet auch die durch Gehirnwäsche hervorgerufene Haltung. Wichtiger für Mao sei gewesen, dass Freilassungen selbst als Propagandamittel eingesetzt wurden.
In einem weiteren Teil des Anhangs geht Ellul auf Information im Zeitalter der Massenkommunikation ein. Der Mensch werde mit Informationen überschüttet, die nichts mit dem persönlichen Leben zu tun haben. Dadurch werde er in ein übergeordnetes soziales System eingebunden, das ihn letztlich überfordere. Es sind diese Informationen aus den Massenmedien und der Werbung, mit denen er nun mit Personen in seinem primären Umfeld spreche. Masseninformation wirke daher wie Propaganda. Es seien diese Informationen, welche die Gesellschaft zusammenhalte.
Dies ist definitiv ein Werk, das in vielen Aspekten, von denen hier nicht alle vorgestellt sind, zum Nachdenken anregt. Warum es fast 60 Jahre gedauert hat, bis dieser Text ins Deutsche übersetzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.