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Wu Ming - Die Armee der Schlafwandler
10.08.2026 um 20:33
Wu Ming ist ein italienisches Autorenkollektiv, das sich auf historische Romane spezialisiert hat, wobei in zusammenhängenden Episoden ein Panoptikum der Lebensumstände der "einfachen" Leute entsteht. In diesem Roman steht der Zeitraum der Jakobinerherrschaft im Zentrum. Zentralfiguren sind ein italienischer Schauspieler (Scaramouche), verschiedene Frauen, ein magnetisierender Arzt, Konterrevolutionäre und der angeblich ausgetauschte Sohn Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes. Historische Dokumente sind eingeflochten.
Eine durchgehende Handlung ist kaum auszumachen, Figuren werden aufgegriffen, treten in den Hintergrund, tauchen wieder auf und verschwinden. In vielen Episoden spielt Gewalt eine zentrale Rolle, vor allem bei Scaramouche aus Bologna, der einen italienischen und einen französischen Namen trägt: Leonida Modonnesi bzw. Leo Modonnét und den es wirklich gegeben hat - im Anhang sind die Personen vorgestellt und die Quellen genannt, aus denen Wu Ming geschöpft hat. Er steht für ein Volk, das sich gegen Hunger und Unterdrückung wehrt. Versorgungslage und Preise spielen eine zentrale Rolle für den "normalen" Menschen. Dies befeuert auch den Widerstand und den Kampfesmut der weiblichen Protagonistinnen. Betrogen werden sie jedoch alle, der Hunger verschwindet auch unter der Jakobinerherrschaft nicht. Und nach deren gewaltsamem Ende schlägt eine "Armee der Schlafwandler" zurück, eine Armee aus reichen Dandys, der Jeunesse Doré, der Goldjugend. Sie tritt auf wie eine faschistische Schlägerbande:
Hetzjagd auf Menschen, hundert gegen einen, Frauen und Alte verprügeln, Bettler totschlagen, Feuer legen in den letzten noch geöffneten JakobinerclubsNur der wieder aufgetauchte Scaramouche stellt sich ihnen entgegen.
Der im Temple festgehaltene und von dort befreite Ludwig XVII. wird auch nicht an die Macht kommen. Wie alle Figuren verschwindet er langsam aus der Geschichte, wie sich auch die realen Personen in den Überlieferungen nach dem Thermidor (der Entmachtung der Jakobiner) während der Direktoriumszeit sich verlieren. In ersten Aktionen begegnen wir kurz angerissen einem jungen Korsen, Napoleon Bonaparte.
Manche Abschnitte sind faszinierend geschrieben, doch wegen der vielen Geschichten, bei denen sich nur langsam erschließt, was die thematische Klammer ist, kann der Text durchaus langatmig sein. Vor allem weil man nicht mehr weiß, ob eine Figur nicht schon vorher mal aufgetaucht ist. Ergo: Das Vergessen ist doch ein Manko des Zugangs zu diesem 2014 entstandenen und 2020 ins Deutsche übersetzten, fast 700 Seiten langen Text.