Hallo @Origines,

eine weitere Stimme aus dem Forum. Willkommen bei "Lets talk about ... Allmy". Bevor wir durchstarten eine kleine Frage. Welches Wort verbindest du mit Allmy?
"Das Spinner-Forum". So hat es eine mir mal nahestehende Person genannt, die wissen wollte, weswegen ich so in die Tasten haue.

Der Name "Allmystery" klingt erst mal nach dem Übernatürlichen, also Geistern und Gespenstern, Parapsychologie, Esoterik und Erich von Däniken. Und das ist wirklich nicht mein Ding. In den vorigen Interviews haben ja alte Hasen auch von den früheren Zeiten erzählt, als VT und UFOs noch mehr im Mittelpunkt standen.

Heute passt der Name nicht mehr wirklich, auch wenn es im weitesten Sinne immer auch um geheimnisvolle Dinge geht. Aber für mich stehen im Forum ganz klar Wissenschaft, Psychologie, Recht und Politik im Vordergrund - und auf der dabei rational erklärbaren Ebene sind zum Glück auch die meisten anderen Teilnehmer hier unterwegs.
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Heute haben wir wieder ein Themeninterview. @Origines gibt ein Interview zum Thema truectime. Auf Allmy eines der Zugpferde, ich bin gespannt was du uns zu sagen hast!

  • Seit wann bist du auf Allmy?
*Lach* Schon etwas länger, als es hier angezeigt wird. Dazwischen lag aber eine längere Pause.
Ab und an braucht man auch mal eine Allmy Pause.

  • Wie hast du Allmy gefunden?
Erstmals gelesen habe ich Beiträge, als ich mich für den Fall Hinterkaifeck interessierte. Der Thread hier wurde als Referenz genannt.
Einer der ältesten deutschen Kriminalfälle. Da habe ich auch viel drin gelesen.

  • Was war der Grund dich anzumelden?
Ich war der Meinung, ich hätte was Sachdienliches beizutragen.
  • Wie bist du auf deinen Namen gekommen?
Ich dachte, der Typ sei der gewesen, der gesagt hat: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man mal gelernt hat.“ Mittlerweile weiß ich, dass um die Urheberschaft dieser Lebensweisheit weitere Namen ringen.
  • Seit wann interessierst du dich für True Crime und was fasziniert dich daran?
Seitdem es Verbrechen gibt. Terror und Gewaltherrschaft waren schon früh meine Themen. So dann auch die RAF, das Oktoberfestattentat.

Verstärkt, nachdem ich das erste Mal in einem Gerichtssaal gesessen bin und das Delta zwischen Recht und Rechtsprechung erlebt habe.

Schließlich war ich einige Zeit auch beruflich mit echten, wirklich schlimmen, Verbrechen befasst. Das ging mir ganz schön nahe. Man erfährt ja aus den Akten verdammt viel über die Opfer. Und wie sinnlos deren Tode waren. Dabei lernte ich im Detail kennen, wie in der Praxis ermittelt wird und was oft die Probleme dabei sind.

Wichtig: Nein, ich übe keinen einschlägigen Beruf aus.
  • Was war der erste Fall, der dich so richtig gepackt hat?
Ein Fall, in dem ich die Angehörigen des Opfers kannte. Ein schlimmer, tragischer und so sinnloser Mord.
Oh, das ist natürlich nochmal ganz übel, wenn man einen solchen Bezug dazu hat.

  • Würdest du sagen, dass es die Rätselhaftigkeit, die Dramatik oder etwas anderes ist, was dich fesselt?
Hm. Ich glaube an das Gute im Menschen, aber es gibt eben als Spiegelbild auch das Böse. Die Liebe auf der einen, der Hass auf der anderen Seite. Das ist bitter. Die Gesellschaft, der Staat, unser Rechtssystem, die setzten dem Bösen etwas entgegen. Im weitesten Sinne die Moral. Gegossen in Recht. Und das bestimmt dann, was Unrecht ist. Das finde ich faszinierend und auch ermutigend. Schlimme Untaten werden verfolgt, verurteilt, bestraft. Den Opfern wird gezeigt: Euch ist Schlimmes angetan worden, wir haben getan, was wir konnten, um das Unrecht zu brandmarken.

Auf der anderen Seite, und da ist es mehr wissenschaftliches Interesse, lassen wir Menschen als Richter entscheiden, was passiert ist, was der Täter (vielleicht) gedacht hat, was vorwerfbar ist. Wir können aber nicht in Köpfe blicken, wissen oft nicht, was wirklich passiert ist. Gerichte müssen aber so tun, als seien sie von einem Sachverhalt überzeugt, was oft für die Mordmerkmale wichtig ist. Da prallen Objektivität und Subjektivität aufeinander. Ein Urteil ist nicht die Wahrheit, sondern eigentlich eine Meinung von einem, drei oder fünf Menschen.

Zuletzt: Warum werden Menschen zu Verbrechern? Ist das rational? Emotional? Erziehung? Gene? Die Gesellschaft? Es lässt sich ein Stück weit begreifen - und bleibt letztlich doch immer unbegreiflich.
  • Warum glaubst du, fühlen sich so viele Menschen von wahren Verbrechen angezogen?
Das habe ich ja gar nicht so mitgekriegt, den „True-Crime“-Boom, weil ich mich ja schon immer für diese Themen interessiert hatte. Erst als ich die letzten Jahre realisierte, dass es wirklich massenhaft Podcasts und Video-Dokus gab, da überlegte ich: Warum? Vermutlich ist es das Krimi-Phänomen, das schon seit Edgar Allan Poes Auguste Dupin fasziniert: Der gute Kommissar erklärt uns das Böse und macht es unschädlich.

Aber im Gegensatz zur Fiktion ist bei „True Crime“ der Realitätsgehalt gerade das Wichtige. Es ist nicht irgendein Roman, sondern die echten Fälle erlauben es uns, den „Realitätscheck“ zu machen. Nämlich: Sind wir noch sicher?

Obwohl wir seit rund 25 Jahren eine abnehmende Tendenz haben, was die Rate der vorsätzlichen Tötungen betrifft, meinen viele Menschen, die Bedrohung durch Gewaltkriminalität nehme immer mehr zu. Es wird von „gefühlter Kriminalität“ gesprochen.
Man bekommt durch die vielen Medien und den leichten Zugang mehr mit. Dadurch fühlt es sich nach mehr an.

  • Viele Menschen fühlen sich beim Lesen von True Crime „auf der richtigen Seite“ wie erklärst du dir das?
Da ist ein wahnsinnig großes Bedürfnis dafür. Vermutlich, weil unsere Welt immer unklarer, immer unsicherer wird. Früher war es leichter, einen klaren Standpunkt für sich zu finden. Als ich in der Schule war, da war die DDR böse und die USA beschützten unsere Demokratie vor den Kommunisten. Das galt auch, wenn man Ronald Reagan für einen Cowboy hielt. Helmut Schmidt sollte Kanzler bleiben oder Franz Josef Strauß es werden. Ganz einfach.

Heute ist doch ein gewaltiges Chaos. Global wie national. Das fingt schon in den 1990ern an und kippte ab den 2010er Jahren. Heute stehen wir vor so Fragen, ob wir aufrüsten sollen, ob die EU ein Auslaufmodell ist und ob die USA der NATO den Krieg erklären. Womit soll ich mich identifizieren? Was ist vernünftig? Bin ich ohnmächtig oder kann ich was bewegen? Wo sind die Guten? Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Vereine - sie verlieren an Kitt. Das Internet individualisiert und fragmentiert mit seinen Bubbles die Meinung der Menschen. Weil die Autoritäten schwach geworden sind, bastelt sich jeder seine egomanische Welt zusammen, sucht sich seine Identität.

Die Folge: Identitätspolitik mit allen ihren negativen Begleiterscheinungen.

Bei „True Crime“ kann ich mich in dieser Gemengelage in einem relativ überschaubaren Bereich, einem Kriminalfall, positionieren. Wo und wie hängt oft von der Persönlichkeit, der Biographie oder der Sozialisation ab. Auch von der Ausbildung. Grob gibt es je nach Fall zwei Gruppen: Die, die staatskritisch sind. Und die, die staatsnah sind. Das Konzept eines solchen Falles ist ziemlich integrativ.
  • Denkst du, dass das Mitfühlen mit Opfern und das Analysieren von Tätern uns ein Gefühl von Kontrolle gibt?
Kontrolle? Jedenfalls gibt es uns das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Und oft stehen wir dort nicht alleine, sondern es gibt ja in „Allmy“ oftmals wahre „Fan-Blöcke“, wo das rationale Argument dann nicht mehr die große Rolle spielt. Sondern - ich erwähnte es gerade - die Identifikation mit einer Position. Und insofern dann auch statt Verunsicherung eine Kontrolle über die Moral, über Gut und Böse. Das Verbrechen führt zur Integration.

Empathie? Ist dabei ein zweischneidiges Schwert: Denn für wen habe ich Empathie? Für den Tatverdächtigen? Für das Opfer? Mir fällt auf, dass da Viele sich eben nur mit einer Seite identifizieren. Und eher weniger in der Lage sind, in die Breite empathisch zu sein. Für mich ist beispielsweise Empathie mit dem Täter immer erforderlich, auch wenn ich seine Tat verabscheue. Denn sonst wird mir die Tat immer fremd bleiben. Und wenn ich sie nicht verstehe, kann ich sie eigentlich auch nicht wirklich bewerten, weil es nur schwarz-weiß gibt.
Ja, Empathie mit Tätern fällt vielen schwer. Mich eingeschlossen.

  • Glaubst du, dass es Unterschiede gibt zwischen der Faszination für fiktionale Krimis und echten Verbrechen?
Im Grunde erst mal nicht. Früher hat es ja weder die Inhalte noch die Kanäle gegeben hat, echte Verbrechen zu thematisieren, die beliebig weit in der Vergangenheit liegen. Erst die Digitalisierung hat es möglich gemacht, an Akten, Töne, Bilder heranzukommen und diese auf eigenen Kanälen zu verbreiten. Und vermeintlich unschuldig Verurteilte hatten nicht die Möglichkeit, Medienkampagnen hochzuziehen. Wie auch nicht die Opferangehörigen. Zwar gingen echte Fälle schon immer durch die Medien: Vera Brühne, Ingrid van Bergen, Marianne Bachmaier, Monika Weimar (komisch, mir fallen da spontan nur Frauennamen ein - ok: Harry Wörz). Aber wenn es keinen Anlass gab (Prozess, Urteil, Entlassung), gab es auch keine Berichterstattung. Auch mangels Material.
  • Welche psychologischen Mechanismen spielen deiner Meinung nach eine Rolle, wenn wir uns von solchen Geschichten angezogen fühlen?
Schon erwähnt hatte ich, dass es nun das Material für eine Emotionalisierung gibt: Digital bearbeitet, mit Musik und „Atmo“ aufgeladene Unterhaltung, echter Stoff. Das packt. Psychologisch geht es vermutlich um unsere individuellen Belohnungssysteme. Bei wohlwollender Betrachtung: Es geht um einen Halt, um Gemeinschaft, sich mit seiner Meinung nicht vereinzelt zu fühlen, um Werte, um Ablehnung von Gewalt.

Etwas kritischer: Es geht auch oft ums Rechthaben, sich moralisch über den Täter oder die, die anderer Meinung sind, erheben zu können und zu dürfen. Um die Empörung, eine gerechtfertigte Aggression, so wie ein „heiliger Zorn“. Die Attitüden verändern sich schleichend und können bis hin zu Rachegelüsten und pure Menschenverachtung kippen.
  • Hat die Beschäftigung mit True Crime dein Denken über Menschen verändert?
Ich bin da etwas demütiger geworden, im Vergleich zu meiner früheren Gewissheit „Das würde ich nie tun…“ Es gibt ja den Spruch „Jeder kann zum Mörder werden.“ Für sich alleine ist der etwas platt. Aber die überwiegende Zahl der Tötungen in Deutschland findet in Naheverhältnissen statt. In Konflikten, in die wir alle geraten können. Vermutlich wird nicht jeder in einer solchen Situation gewalttätig. Aber das Potential steckt in uns Menschen. Wir töten, wenn wir uns bedroht fühlen und keinen Ausweg mehr sehen.

Wir töten übrigens auch, wenn man uns eine Uniform anzieht und uns eine Autorität sagt: „Das ist notwendig und erlaubt!“

Daneben gibt es aber auch die empathielosen, psychopathischen Täter. Deren Existenz und Persönlichkeit hat sich mir tatsächlich erst richtig erschlossen, als ich mich mit dem „Warum?“ eines Verbrechens beschäftigt habe. Und dabei ist mir etwas Beunruhigendes aufgefallen: Noch viel häufiger gibt es diesen Typus im normalen Leben, in normalen Berufen, sozial normal. Es sind nicht alle so wie ich. Wenn ich heute an manchen Lehrer von mir denke, dann denke ich mir: Gut, er ist nicht Krimineller sondern Lehrer geworden…
  • Fühlst du dich durch die Beschäftigung sicherer, wachsamer oder sensibler?
Sensibler auf jeden Fall. Man lernt ja hier extrem viel - auch durch die anderen Sichtweisen, die in gleicher Weise Wahrheitsanspruch haben. Der Austausch, das „Zuhören“ bzw. Lesen ist extrem wichtig. Es gibt hier viele absolut tolle Teilnehmer, die von einer völlig anderen Ecke als ich ausgehend sich auch den Dingen annähern wollen.

Mir wird ja oft vorgeworfen, ich sei recht „staatstragend“. Aber das stimmt nicht. Das ist je nach Fall sehr unterschiedlich. Der Staat kann natürlich Murks machen, dafür gibt es genügend Beispiele. Ich bin erst mal bei allen Tatsachen kritisch, auch staatlichen Entscheidungen gegenüber. Ich muss mir ein Urteil ansehen, bevor ich eine fundierte Meinung zum Fall haben kann. Oder einen Medienbericht, ob es sich nur um leere Spekulation oder tragfähige Informationen handelt. Generell sollte man immer quellenkritisch sein. Egal, ob einem die Tendenz gefällt oder nicht.
  • Gab es Momente, in denen du dich selbst hinterfragt hast warum dich das so interessiert?
Laufend.

Dabei muss ich gestehen: Für mich sind meine Beiträge zuallererst Fingerübungen. Ich teste beim Lesen und Schreiben, ob meine Gehirnzellen noch halbwegs arbeiten, ob ich etwas erkenne, ob ich mich erklären kann. Auch ich bin dabei nicht davor gefeit, ins Rechtshaben zu kommen, gerade wenn ich mir eine Position nicht leicht gemacht und intensiv abgewogen habe. Weil ich relativ schnell tippen kann, komme ich dann auch gerne ins Schwadronieren.

Und die emotionale Befriedigung, dass Böses zwar passiert und staatliche Institutionen das Recht und die Sicherheit wahren, die habe ich natürlich auch. Das ist Teil der Faszination, wie für die meisten anderen. Ist Selbstvergewisserung, dass unser Staat und unsere Gesellschaft noch funktionieren. Und wir uns oft in den wichtigen Dingen einig sind, auch wenn die Details umstritten sind.
  • Gibt es Grenzen, die man deiner Meinung nach bei True Crime nicht überschreiten sollte?
Im Forum? Eher nein. Da achtet die Moderation sehr darauf. Vielen herzlichen Dank an die Moderatoren an dieser Stelle!

Auf anderen Kanälen: Die Persönlichkeitsrechte von Opfern oder Angehörigen, die werden mir oft nicht gewahrt. Medien sollten nicht alles bringen, was möglich ist, sondern vielleicht auch ihren „Content“ vor sich selbst schützen. Zeugen oder Angehörige werden manchmal schon richtiggehend „ausgeschlachtet“. Haltlose Spekulationen sind ärgerlich, unangemessene Kritik an den Ermittlungsbehörden auch.

Und - oh Graus - die ganzen hauptberuflichen Rechthaber, v.a. Verteidiger, die eine große Nummer aus ihren Fällen machen. Exemplarisch genannt: RA Stevens oder RA Bott. Sie missbrauchen ihre Mandate, erzählen der Öffentlichkeit als vermeintliche Experten was vom Pferd und schaden meiner Ansicht nach dem Vertrauen in den Rechtsstaat. Hört Euch lieber Thomas Fischer im SWR an, das hat Hand und Fuß!

Zudem sollten Öffentlichkeit und Medien aufpassen, ob sie sich vor den Karren eines vermeintlich unschuldig verurteilten Straftäters spannen lassen. Gerade wenn er eloquent und wortreich eine „Story“ anbietet. Jens Söring sei als Beispiel genannt.
Ja, die Persönlichkeitsrechte von Angehörigen. Das verstehen tatsächlich viele nicht. Da sind echte Menschen mit echten Schicksalsschlägen. Die haben schon ein großes Päckchen zu tragen, da sollte man feinfühlig sein.

  • Was findest du an Allmy gut und was sollte sich ändern?
Gut: Die Moderation. Ohne sie gäbe es nicht ein so hohes Niveau, wie in der Krimirubrik. Ändern: Das düstere Design. Weiße Schrift auf Dunkelgrau geht eigentlich gar nicht für mich.
  • Welchen User sollte ich deiner Meinung nach noch unbedingt interviewen?
@RickBlaine oder @emz
  • Gibt es sonst noch etwas, was du erzählen oder mitteilen möchtest?
Mein Profilbild, das bin nicht ich.
Und ich saß schon mal als Angeklagter vor Gericht. Das war scheußlich.
  • Magst du noch ein persönliches Foto von dir oder einen besonderen Moment mit uns teilen?
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Danke @Origines fürs Mitmachen :lv: Das war ein sehr intensives und ausführliches Interview mit vielen tiefen Gedankengängen. Ich danke dir, dass du uns mitgenommen hast und deinen Blick gezeigt hast!