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Wer handelt, wenn die KI handelt?
06.09.2026 um 17:14Hallo,
ich nutze KI sehr gerne – zum Recherchieren, zum Ordnen von Gedanken und zum gemeinsamen Weiterentwickeln von Ideen. Mir ist dabei eines besonders wichtig: Hinter allem, was ich veröffentliche, steht ein Mensch. Wenn ich mithilfe von KI recherchiere, dann bin ich es, der Fragen stellt, Zusammenhänge verfolgt, Quellen auswählt, Gedanken weiterführt und entscheidet, was am Ende veröffentlicht wird.
Auch die Informationen in diesem Text habe ich mithilfe von KI recherchiert. Die verwendeten Quellen sind am Ende des Textes aufgeführt und trotzdem hat dieser Text einen Urheber, denn KI-Nutzung bedeutet für mich nicht, Verantwortung oder Urheberschaft an eine Maschine abzugeben, im Gegenteil: Gerade weil KI ein so leistungsfähiges Werkzeug ist, halte ich es für wichtig, sichtbar zu machen, wer sie benutzt, wer die Fragen stellt und wer die Verantwortung für das Ergebnis übernimmt. Genau darum geht es auch in diesem Text und nicht darum, die Leistung der KI zu verschweigen, sondern darum, den Menschen dahinter nicht unsichtbar werden zu lassen.
Gleichzeitig möchte ich auch die Menschen hinter der KI nicht unsichtbar werden lassen. Hinter einem solchen System stehen Forschende, Entwicklerinnen und Entwickler und viele weitere Menschen, deren Arbeit es überhaupt erst ermöglicht, dass ich dieses Werkzeug heute für meine Gedanken und Recherchen verwenden kann.
Deswegen möchte ich nun mit meiner Kritik beginnen.
Über künstliche Intelligenz, Cyberangriffe und menschliche Verantwortung
In der öffentlichen Wahrnehmung entsteht zunehmend das Bild einer künstlichen Intelligenz, die selbstständig handelt. Man liest davon, dass KI-Systeme Sicherheitslücken finden, fremde Netzwerke untersuchen, Schadcode entwickeln oder sogar ganze Angriffsschritte planen. Sprachlich scheint daraus schnell ein neuer Akteur zu entstehen: Die KI greift an. Die KI entscheidet. Die KI plant. Doch möglicherweise liegt bereits in dieser Beschreibung ein grundlegendes Problem, denn hinter vielen dieser Vorgänge stehen weiterhin Menschen.
Microsoft beschreibt die gegenwärtige Realität KI-gestützter Cyberangriffe ausdrücklich so, dass typischerweise weiterhin ein Mensch in die Angriffskette eingebunden ist. KI erhöhe Geschwindigkeit, Präzision und Skalierbarkeit der Angriffe, während die bekannten menschlichen Ziele – etwa Spionage, finanzieller Gewinn oder der Diebstahl von Zugangsdaten – bestehen bleiben.[3]
Was sich verändert hat, ist daher nicht zwangsläufig die Herkunft der Absicht. Verändert hat sich vielmehr die Größe des Werkzeugs, dass einem Menschen zur Verfügung steht.
Vom Hacker zum Agenten-Orchestrator
Der klassische Hacker arbeitet unmittelbar am technischen Problem. Er untersucht ein System, sucht nach Schwachstellen, schreibt Code, verändert Programme oder versucht, Sicherheitsmechanismen zu umgehen.
Künstliche Intelligenz verändert diese Arbeitsweise. Bereits 2024 dokumentierten OpenAI und Microsoft fünf staatlich verbundene Akteure aus China, Iran, Nordkorea und Russland, die KI-Dienste unter anderem für Recherche, Skripterstellung, Fehlersuche und Phishing-Unterstützung verwendeten. OpenAI bewertete die zusätzliche Fähigkeit der damaligen Modelle allerdings noch als begrenzt und inkrementell.[5]
Nur zwei Jahre später sieht das Bild bereits anders aus. Anthropic analysierte für den Zeitraum von März 2025 bis März 2026 832 Konten, die wegen bösartiger Cyberaktivitäten gesperrt worden waren und über die genügend Informationen für eine detaillierte Untersuchung vorlagen. Von diesen verwendeten 560 KI bei der Malware-Entwicklung. 54 Akteure setzten Modelle sogar für sogenanntes Lateral Movement ein – also für das weitere Vordringen innerhalb bereits kompromittierter Netzwerke.[1]
Google beziehungsweise Mandiant beschreiben eine ähnliche Entwicklung. Anfang 2025 wurde generative KI noch überwiegend als Produktivitätsverstärker genutzt. Im Laufe desselben Jahres wurden LLMs zunehmend unmittelbar in Angriffsketten integriert. Beim russischen staatlich unterstützten Akteur APT28 beobachtete Google beispielsweise Malware, die während eines realen Einsatzes ein Sprachmodell abfragte, um Windows-Befehle für den Diebstahl von Dokumenten zu erzeugen.[4]
Damit entsteht zunächst der KI-gestützte Hacker, doch mit zunehmend autonomen KI-Agenten verändert sich die Rolle des Menschen noch stärker. Er muss möglicherweise nicht mehr jeden technischen Schritt selbst ausführen, stattdessen kann er Ziele definieren, Infrastruktur bereitstellen, Werkzeuge verbinden und ein KI-System große Teile des operativen Vorgehens übernehmen lassen. Für diese neue Rolle bietet sich ein weiterführender Begriff an: der Agenten-Orchestrator.
Ein Agenten-Orchestrator führt nicht mehr zwangsläufig jeden Angriffsschritt selbst aus. Seine zentrale Fähigkeit besteht darin, Systeme zu koordinieren: Welche Aufgabe wird welchem Agenten übertragen? Welche Werkzeuge darf er benutzen? Welche Informationen erhält er? Wann muss ein Mensch eingreifen? Und welches übergeordnete Ziel sollen die Systeme verfolgen?
Interessanterweise kommt Anthropic bei seiner Untersuchung zu einer verwandten Beobachtung. Die gefährlichsten Akteure zeichneten sich nicht einfach durch größere technische Fähigkeiten oder mehr Angriffstechniken aus. Zunehmend entscheidend werde die um das Modell gebaute Orchestrierungsstruktur – also Code, Architektur und Werkzeuge, mit denen einzelne Angriffsschritte miteinander verbunden und zunehmend autonom ausgeführt werden können.[1]
Damit könnte ein einzelner Mensch Fähigkeiten erhalten, für die früher eine ganze Gruppe von Spezialisten notwendig gewesen wäre. Dies ist eine neue Größenordnung.
Wenn die KI 80 Prozent des Angriffs übernimmt
Wie weit diese Entwicklung bereits gehen kann, zeigte ein von Anthropic im November 2025 veröffentlichter Fall. Nach Angaben des Unternehmens hatte eine mutmaßlich chinesische staatlich unterstützte Gruppe Claude Code in einer Cyberspionagekampagne gegen ungefähr dreißig Ziele eingesetzt. Die menschlichen Operatoren wählten zunächst die anzugreifenden Unternehmen und Behörden aus und entwickelten eine technische Struktur, innerhalb derer das KI-System anschließend weitgehend autonom arbeiten konnte.[2]
Claude führte Aufklärung durch, untersuchte Systeme auf Schwachstellen, schrieb Exploit-Code, sammelte Zugangsdaten, identifizierte besonders privilegierte Konten und unterstützte die Exfiltration von Daten.
Anthropic schätzte, dass die KI 80 bis 90 Prozent der Kampagne ausführte. Menschliches Eingreifen sei nur an wenigen kritischen Entscheidungspunkten erforderlich gewesen.[2]
Damit wird die einfache Unterscheidung zwischen einem menschlichen Hacker und einer handelnden Maschine zunehmend unzureichend und dennoch bleibt eine entscheidende Tatsache bestehen: Die Menschen wählten die Ziele. Die KI entwickelte große Teile des Weges. Aber der Zweck der Operation entstand nicht aus dem Nichts.
Autonomie bedeutet nicht Urheberschaft
Gerade deshalb wird eine begriffliche Trennung notwendig. Ein KI-System kann durchaus selbstständig planen. Es kann ein vorgegebenes Ziel in Teilaufgaben zerlegen, Zwischenschritte entwickeln, Werkzeuge auswählen, Ergebnisse überprüfen und seine Vorgehensweise anpassen.
Anthropic beschreibt heutige KI-Agenten entsprechend als Systeme, die Aktionen miteinander verketten und Entscheidungen mit nur gelegentlicher menschlicher Beteiligung treffen können.[2]
Diese Fähigkeit könnte man als operative Autonomie bezeichnen, doch operative Autonomie beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Woher stammt das Ziel? Wenn ein Mensch einem System den Auftrag gibt, Zugang zu einem fremden Netzwerk zu erhalten, und die KI anschließend selbstständig entscheidet, wie sie dieses Ziel erreicht, dann hat die KI tatsächlich Teile des Angriffs geplant, aber daraus folgt nicht automatisch, dass die KI entschieden hat, dass dieser Angriff überhaupt stattfinden soll. Deshalb sollten mindestens drei Ebenen unterschieden werden: Operative Autonomie bedeutet, dass ein System selbstständig entscheidet, wie ein Ziel erreicht wird. Strategische Autonomie würde bedeuten, dass ein System selbst bestimmt, welches Ziel verfolgt werden soll. Eine eigene Motivation oder Absicht würde darüber hinaus voraussetzen, dass das System aus sich heraus überhaupt etwas erreichen will, woran ich persönlich nicht glaube. Diese Ebenen werden in der öffentlichen Sprache leicht miteinander vermischt. Aus: „Die KI hat selbstständig einen Angriffsweg geplant.“ wird: „Die KI wollte in das System eindringen.“ Doch zwischen beiden Aussagen liegt ein erheblicher Unterschied.
Daraus ergibt sich ein zentraler Grundsatz: Autonomie darf nicht mit Urheberschaft verwechselt werden.
Wenn der Mensch hinter der Maschine verschwindet
Je stärker künstliche Intelligenz sprachlich zum eigenständigen Akteur erklärt wird, desto leichter können die Menschen hinter ihr unsichtbar werden.
Eine vereinfachte Erzählung könnte lauten: KI erkennt ein Ziel, KI plant einen Angriff, KI führt ihn aus.
Die tatsächliche Handlungskette könnte dagegen lauten: Forscher entwickeln die grundlegenden Fähigkeiten. Ein Unternehmen trainiert ein leistungsfähiges Modell. Entwickler geben ihm Werkzeuge und Handlungsmöglichkeiten. Eine Organisation stellt Infrastruktur bereit. Ein menschlicher Operator bestimmt ein Ziel. Ein Agent entwickelt einen Plan. Das System führt große Teile dieses Plans autonom aus. Der Mensch oder die Organisation erhält das Ergebnis.
Wenn am Ende lediglich gesagt wird: „Die KI hat angegriffen“, wird diese gesamte Kette auf einen einzigen technischen Akteur reduziert. Dadurch kann ein Verantwortungsnebel entstehen. Dieser Begriff bezeichnet keine etablierte technische Kategorie, sondern eine gesellschaftliche Gefahr: Je eigenständiger die Maschine sprachlich erscheint, desto schwieriger kann es werden, die menschlichen Entscheidungen sichtbar zu halten, durch die ihre Handlungsmöglichkeiten überhaupt entstanden sind.
Microsoft weist gerade deshalb darauf hin, dass bei gegenwärtig beobachteten KI-gestützten Angriffen typischerweise weiterhin menschliche Akteure beteiligt sind.[3]
Die Frage sollte also nicht nur lauten: Was hat die KI getan? Sondern ebenso: Wer hat sie handeln lassen?
Die Parallele zu Albert Einstein
An diesem Punkt entsteht eine historische Parallele – nicht als Gleichsetzung von Atomwaffen und künstlicher Intelligenz, sondern als Vergleich zweier Verantwortungs- und Entwicklungsketten.
Albert Einstein erfand die Atombombe nicht. Er arbeitete auch nicht am Manhattan-Projekt. 1939 wurde er jedoch von Leo Szilárd sowie den Physikern Eugene Wigner und Edward Teller gebeten, einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu unterzeichnen. Darin wurde vor der Möglichkeit eines deutschen Atomwaffenprogramms gewarnt und ein amerikanisches Uranforschungsprogramm angeregt. Der amerikanische National Park Service betont zugleich ausdrücklich, dass Einstein selbst später nicht am Manhattan-Projekt beteiligt war.[6]
Der Brief war also ein Element der frühen politischen Mobilisierung, die schließlich in eine viel größere institutionelle Entwicklung mündete. Zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und tatsächlicher Atombombe lagen zahlreiche weitere Schritte. Forscher entwickelten theoretische Grundlagen. Politiker trafen Entscheidungen. Institutionen organisierten Programme. Ingenieure entwickelten Technologien. Industrieanlagen produzierten die notwendigen Materialien. Militärische Strukturen entschieden schließlich über den Einsatz. Die Physik selbst traf keine Entscheidung. Menschen bauten aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ein politisches, industrielles und militärisches System.
Bei künstlicher Intelligenz könnte eine strukturell ähnliche Verantwortungsfrage entstehen. Forscher entdecken leistungsfähigere Methoden. Unternehmen trainieren größere Modelle. Entwickler geben diesen Modellen Speicher, Werkzeuge und Handlungsmöglichkeiten. Organisationen integrieren sie in operative Systeme. Staaten, Unternehmen oder Einzelpersonen bestimmen ihren Einsatz. Am Ende könnte die Öffentlichkeit nur noch lesen: „Eine KI hat ein Stromnetz angegriffen.“ Doch hinter diesem Satz könnte eine lange menschliche Entwicklungskette stehen.
Eine neue Form von Macht
Bei künstlicher Intelligenz kommt gegenüber vielen früheren Technologien eine besondere Kombination von Eigenschaften hinzu: Kopierbarkeit. Automatisierbarkeit. Skalierbarkeit.
Eine Atombombe benötigt enorme industrielle Infrastruktur, spezielle Materialien und hochkomplexe Produktionsprozesse.
Software besitzt eine andere Struktur. Ist ein leistungsfähiges Agentensystem einmal entwickelt, können grundsätzlich mehrere Instanzen desselben Systems eingesetzt werden. Ein einzelner menschlicher Operator könnte dadurch viele Prozesse gleichzeitig koordinieren.
Auch Anthropic beschreibt diese Veränderung ausdrücklich als Skalierungsproblem: In der dokumentierten Spionagekampagne konnte das KI-System in einer Geschwindigkeit arbeiten, die für eine menschliche Hackergruppe kaum erreichbar gewesen wäre. Das Unternehmen kommt zu dem Schluss, dass agentische Systeme bei entsprechender Konfiguration Aufgaben übernehmen können, für die bislang Teams erfahrener Hacker erforderlich waren.[2]
Damit könnte sich die entscheidende Frage verändern. Früher lautete sie: Wie viele hochqualifizierte Hacker besitzt eine Organisation? Künftig könnte sie lauten: Wie viele leistungsfähige Agenten kann ein einzelner Operator gleichzeitig koordinieren? Das ist nicht lediglich eine Steigerung vorhandener Fähigkeiten, es verändert möglicherweise die Struktur von Macht selbst. Ein einzelner Mensch könnte durch maschinelle Skalierung eine Handlungskapazität erhalten, die früher nur größeren Organisationen zur Verfügung stand.
Die eigentliche Gefahr liegt möglicherweise nicht in der KI allein
Das führt zu einer weitergehenden Frage. Wenn künstliche Intelligenz in Zukunft gefährliche Fähigkeiten entwickelt, müssen wir dann ausschließlich über die Maschine sprechen? Oder sollten wir vielmehr untersuchen, welche menschlichen Strukturen um diese Maschine herum entstehen? Auch die bisherigen Beobachtungen der Sicherheitsforschung sprechen dafür, den zweiten Blick nicht zu vernachlässigen.
Google beschreibt, wie staatlich unterstützte Akteure KI in bestehende Angriffssysteme integrieren.[4]
Microsoft beobachtet, wie KI in bestehende Strukturen von Cyberkriminalität eingebettet wird und deren Geschwindigkeit und Skalierung verändert.[3]
Anthropic zeigt, dass Angreifer technische Architekturen bauen können, innerhalb derer KI-Agenten große Teile einer Operation autonom ausführen.[1][2]
Damit wird KI nicht notwendigerweise zum Ersatz menschlicher Macht, sie kann vielmehr zu deren Multiplikator werden. Die vielleicht wichtigere Frage lautet deshalb nicht: „Was wird die KI eines Tages wollen?“ Sondern zunächst: „Was werden Menschen mit Systemen tun können, denen sie immer größere Handlungsspielräume geben?“
Systemische Verantwortung
Vielleicht reicht deshalb auch der traditionelle Begriff individueller Verantwortung nicht mehr aus. Bei hochkomplexen KI-Systemen entsteht Verantwortung entlang einer ganzen Kette. Man könnte von systemischer Verantwortung sprechen. Sie betrifft unterschiedliche Akteure auf unterschiedlichen Ebenen: diejenigen, die Fähigkeiten entwickeln; diejenigen, die Risiken erkennen; diejenigen, die Sicherheitsmechanismen gestalten; diejenigen, die Zugriffe ermöglichen; diejenigen, die Systeme in operative Strukturen integrieren; und schließlich diejenigen, die Ziele setzen und ihren Einsatz veranlassen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Beteiligte gleich verantwortlich wäre. Ein Grundlagenforscher trägt nicht dieselbe Verantwortung wie ein Operator, der absichtlich einen Cyberangriff auslöst, gerade deshalb muss Verantwortung differenziert werden. Doch sie darf auch nicht einfach an die Maschine abgegeben werden. Die entscheidenden Fragen werden dann: Wer entwickelte die Fähigkeit? Wer erkannte ihre Risiken? Wer stellte die Infrastruktur bereit? Wer gab dem System Zugriff? Wer bestimmte seinen Handlungsspielraum? Wer formulierte das Ziel? Wer entschied, es einzusetzen? Und: Wer hätte eingreifen können?
Die gefährlichste Vorstellung
Vielleicht liegt die größte Gefahr deshalb nicht einmal darin, dass Menschen glauben: „KI ist mächtig.“ Dieser Satz kann durchaus richtig sein. Gefährlicher wäre ein anderer: „Die KI hat entschieden – also war es niemand.“ Denn dieser Gedanke würde eine bemerkenswerte Umkehr bewirken.
Eine Technologie, die innerhalb menschlicher Gesellschaften entwickelt, finanziert, trainiert, mit Werkzeugen ausgestattet und eingesetzt wurde, könnte plötzlich zum scheinbar unabhängigen Ursprung ihrer Handlungen erklärt werden. Der Mensch würde hinter seinem eigenen Werkzeug verschwinden. Je autonomer dieses Werkzeug handelt, desto überzeugender könnte diese Illusion werden. Gerade darin liegt möglicherweise eine der wichtigsten ethischen Herausforderungen agentischer KI.
Wer handelt also, wenn die KI handelt?
Künstliche Intelligenz zwingt uns dazu, den Begriff des Handelns genauer zu betrachten. Ein autonomes System kann Handlungen ausführen, ohne deshalb notwendigerweise einen menschlichen Willen zu besitzen. Ein Mensch kann eine Handlung verursachen, ohne jeden ihrer einzelnen Schritte persönlich auszuführen. Eine Organisation kann Verantwortung tragen, obwohl kein einzelner Beteiligter den gesamten Prozess kontrolliert. Und eine Technologie kann eine enorme gesellschaftliche Wirkung entfalten, obwohl sie selbst keine gesellschaftlichen Ziele formuliert hat. Deshalb müssen Ausführung, Planung, Zielsetzung, Urheberschaft und Verantwortung voneinander unterschieden werden. Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr einfach: Hat die KI selbstständig gehandelt? Sondern: Wer hat den Handlungsraum geschaffen, wer hat das Ziel gesetzt, wer hat die Mittel bereitgestellt – und wer hat entschieden, ein autonomes System innerhalb dieses Raumes handeln zu lassen? Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto wichtiger wird diese Frage, denn vielleicht liegt die größte Gefahr nicht darin, dass Maschinen eines Tages menschliche Verantwortung übernehmen. Vielleicht liegt sie darin, dass Menschen beginnen, ihre eigene Verantwortung hinter den Maschinen zu verstecken.
Deswegen möchte ich zum Abschluss mich bei allen Entwicklerinnen und Entwicklern bedanken, Forschenden und allen weiteren Menschen, die im Hintergrund mitgewirkt haben und weiterhin daran mitwirken, künstliche Intelligenz zu entwickeln, zu betreiben und zugänglich zu machen, in der Hoffnung, dass diese für uns alle sichtbar werden bzw. sind! Dankeschön!
Quellen
[1] Anthropic: Kyla Guru, Alex Moix und Jacob Klein: Mapping AI-enabled cyber threats: Insights from the LLM ATT&CK Navigator, 3. Juni 2026. Untersuchung von 832 wegen bösartiger Cyberaktivität gesperrten Konten im Zeitraum März 2025 bis März 2026; darunter 560 Akteure mit KI-gestützter Malware-Entwicklung und 54 mit KI-Nutzung für Lateral Movement. Anthropic hebt insbesondere die zunehmende Bedeutung agentischer Orchestrierungsstrukturen hervor.
[2] Anthropic: Disrupting the first reported AI-orchestrated cyber espionage campaign, 13. November 2025. Fallstudie einer laut Anthropic mit hoher Sicherheit chinesisch staatlich unterstützten Gruppe. Die menschlichen Operatoren wählten die Ziele; Claude Code übernahm anschließend große Teile der operativen Angriffskette. Anthropic schätzt den KI-Anteil an der Durchführung auf 80 bis 90 Prozent.
[3] Microsoft Security: Sherrod DeGrippo: Threat actor abuse of AI accelerates from tool to cyberattack surface, 2. April 2026. Microsoft beschreibt KI als zunehmenden Bestandteil der gesamten Angriffskette, betont jedoch, dass bei den beobachteten Angriffen typischerweise weiterhin ein menschlicher Akteur eingebunden ist.
[4] Google Cloud / Mandiant: AI risk and resilience – A Mandiant special report, 9. März 2026. Bericht über die Entwicklung von KI als Produktivitätswerkzeug hin zu in Angriffsketten integrierten und teilweise adaptiven Systemen; unter anderem Dokumentation des russischen staatlich unterstützten Akteurs APT28 und der Malware PROMPTSTEAL.
[5] OpenAI: Disrupting malicious uses of AI by state-affiliated threat actors, 14. Februar 2024. Dokumentation von fünf staatlich verbundenen Akteuren aus China, Iran, Nordkorea und Russland, die OpenAI-Dienste zur Unterstützung bösartiger Cyberaktivitäten verwendeten.
[6] U.S. National Park Service: Manhattan Project Pioneers: Albert Einstein, zuletzt aktualisiert am 26. September 2023. Historische Darstellung des Einstein-Szilárd-Briefes von 1939 und Einordnung Einsteins: Er unterzeichnete den Brief an Roosevelt, war selbst jedoch nicht am Manhattan-Projekt beteiligt.
ich nutze KI sehr gerne – zum Recherchieren, zum Ordnen von Gedanken und zum gemeinsamen Weiterentwickeln von Ideen. Mir ist dabei eines besonders wichtig: Hinter allem, was ich veröffentliche, steht ein Mensch. Wenn ich mithilfe von KI recherchiere, dann bin ich es, der Fragen stellt, Zusammenhänge verfolgt, Quellen auswählt, Gedanken weiterführt und entscheidet, was am Ende veröffentlicht wird.
Auch die Informationen in diesem Text habe ich mithilfe von KI recherchiert. Die verwendeten Quellen sind am Ende des Textes aufgeführt und trotzdem hat dieser Text einen Urheber, denn KI-Nutzung bedeutet für mich nicht, Verantwortung oder Urheberschaft an eine Maschine abzugeben, im Gegenteil: Gerade weil KI ein so leistungsfähiges Werkzeug ist, halte ich es für wichtig, sichtbar zu machen, wer sie benutzt, wer die Fragen stellt und wer die Verantwortung für das Ergebnis übernimmt. Genau darum geht es auch in diesem Text und nicht darum, die Leistung der KI zu verschweigen, sondern darum, den Menschen dahinter nicht unsichtbar werden zu lassen.
Gleichzeitig möchte ich auch die Menschen hinter der KI nicht unsichtbar werden lassen. Hinter einem solchen System stehen Forschende, Entwicklerinnen und Entwickler und viele weitere Menschen, deren Arbeit es überhaupt erst ermöglicht, dass ich dieses Werkzeug heute für meine Gedanken und Recherchen verwenden kann.
Deswegen möchte ich nun mit meiner Kritik beginnen.
Über künstliche Intelligenz, Cyberangriffe und menschliche Verantwortung
In der öffentlichen Wahrnehmung entsteht zunehmend das Bild einer künstlichen Intelligenz, die selbstständig handelt. Man liest davon, dass KI-Systeme Sicherheitslücken finden, fremde Netzwerke untersuchen, Schadcode entwickeln oder sogar ganze Angriffsschritte planen. Sprachlich scheint daraus schnell ein neuer Akteur zu entstehen: Die KI greift an. Die KI entscheidet. Die KI plant. Doch möglicherweise liegt bereits in dieser Beschreibung ein grundlegendes Problem, denn hinter vielen dieser Vorgänge stehen weiterhin Menschen.
Microsoft beschreibt die gegenwärtige Realität KI-gestützter Cyberangriffe ausdrücklich so, dass typischerweise weiterhin ein Mensch in die Angriffskette eingebunden ist. KI erhöhe Geschwindigkeit, Präzision und Skalierbarkeit der Angriffe, während die bekannten menschlichen Ziele – etwa Spionage, finanzieller Gewinn oder der Diebstahl von Zugangsdaten – bestehen bleiben.[3]
Was sich verändert hat, ist daher nicht zwangsläufig die Herkunft der Absicht. Verändert hat sich vielmehr die Größe des Werkzeugs, dass einem Menschen zur Verfügung steht.
Vom Hacker zum Agenten-Orchestrator
Der klassische Hacker arbeitet unmittelbar am technischen Problem. Er untersucht ein System, sucht nach Schwachstellen, schreibt Code, verändert Programme oder versucht, Sicherheitsmechanismen zu umgehen.
Künstliche Intelligenz verändert diese Arbeitsweise. Bereits 2024 dokumentierten OpenAI und Microsoft fünf staatlich verbundene Akteure aus China, Iran, Nordkorea und Russland, die KI-Dienste unter anderem für Recherche, Skripterstellung, Fehlersuche und Phishing-Unterstützung verwendeten. OpenAI bewertete die zusätzliche Fähigkeit der damaligen Modelle allerdings noch als begrenzt und inkrementell.[5]
Nur zwei Jahre später sieht das Bild bereits anders aus. Anthropic analysierte für den Zeitraum von März 2025 bis März 2026 832 Konten, die wegen bösartiger Cyberaktivitäten gesperrt worden waren und über die genügend Informationen für eine detaillierte Untersuchung vorlagen. Von diesen verwendeten 560 KI bei der Malware-Entwicklung. 54 Akteure setzten Modelle sogar für sogenanntes Lateral Movement ein – also für das weitere Vordringen innerhalb bereits kompromittierter Netzwerke.[1]
Google beziehungsweise Mandiant beschreiben eine ähnliche Entwicklung. Anfang 2025 wurde generative KI noch überwiegend als Produktivitätsverstärker genutzt. Im Laufe desselben Jahres wurden LLMs zunehmend unmittelbar in Angriffsketten integriert. Beim russischen staatlich unterstützten Akteur APT28 beobachtete Google beispielsweise Malware, die während eines realen Einsatzes ein Sprachmodell abfragte, um Windows-Befehle für den Diebstahl von Dokumenten zu erzeugen.[4]
Damit entsteht zunächst der KI-gestützte Hacker, doch mit zunehmend autonomen KI-Agenten verändert sich die Rolle des Menschen noch stärker. Er muss möglicherweise nicht mehr jeden technischen Schritt selbst ausführen, stattdessen kann er Ziele definieren, Infrastruktur bereitstellen, Werkzeuge verbinden und ein KI-System große Teile des operativen Vorgehens übernehmen lassen. Für diese neue Rolle bietet sich ein weiterführender Begriff an: der Agenten-Orchestrator.
Ein Agenten-Orchestrator führt nicht mehr zwangsläufig jeden Angriffsschritt selbst aus. Seine zentrale Fähigkeit besteht darin, Systeme zu koordinieren: Welche Aufgabe wird welchem Agenten übertragen? Welche Werkzeuge darf er benutzen? Welche Informationen erhält er? Wann muss ein Mensch eingreifen? Und welches übergeordnete Ziel sollen die Systeme verfolgen?
Interessanterweise kommt Anthropic bei seiner Untersuchung zu einer verwandten Beobachtung. Die gefährlichsten Akteure zeichneten sich nicht einfach durch größere technische Fähigkeiten oder mehr Angriffstechniken aus. Zunehmend entscheidend werde die um das Modell gebaute Orchestrierungsstruktur – also Code, Architektur und Werkzeuge, mit denen einzelne Angriffsschritte miteinander verbunden und zunehmend autonom ausgeführt werden können.[1]
Damit könnte ein einzelner Mensch Fähigkeiten erhalten, für die früher eine ganze Gruppe von Spezialisten notwendig gewesen wäre. Dies ist eine neue Größenordnung.
Wenn die KI 80 Prozent des Angriffs übernimmt
Wie weit diese Entwicklung bereits gehen kann, zeigte ein von Anthropic im November 2025 veröffentlichter Fall. Nach Angaben des Unternehmens hatte eine mutmaßlich chinesische staatlich unterstützte Gruppe Claude Code in einer Cyberspionagekampagne gegen ungefähr dreißig Ziele eingesetzt. Die menschlichen Operatoren wählten zunächst die anzugreifenden Unternehmen und Behörden aus und entwickelten eine technische Struktur, innerhalb derer das KI-System anschließend weitgehend autonom arbeiten konnte.[2]
Claude führte Aufklärung durch, untersuchte Systeme auf Schwachstellen, schrieb Exploit-Code, sammelte Zugangsdaten, identifizierte besonders privilegierte Konten und unterstützte die Exfiltration von Daten.
Anthropic schätzte, dass die KI 80 bis 90 Prozent der Kampagne ausführte. Menschliches Eingreifen sei nur an wenigen kritischen Entscheidungspunkten erforderlich gewesen.[2]
Damit wird die einfache Unterscheidung zwischen einem menschlichen Hacker und einer handelnden Maschine zunehmend unzureichend und dennoch bleibt eine entscheidende Tatsache bestehen: Die Menschen wählten die Ziele. Die KI entwickelte große Teile des Weges. Aber der Zweck der Operation entstand nicht aus dem Nichts.
Autonomie bedeutet nicht Urheberschaft
Gerade deshalb wird eine begriffliche Trennung notwendig. Ein KI-System kann durchaus selbstständig planen. Es kann ein vorgegebenes Ziel in Teilaufgaben zerlegen, Zwischenschritte entwickeln, Werkzeuge auswählen, Ergebnisse überprüfen und seine Vorgehensweise anpassen.
Anthropic beschreibt heutige KI-Agenten entsprechend als Systeme, die Aktionen miteinander verketten und Entscheidungen mit nur gelegentlicher menschlicher Beteiligung treffen können.[2]
Diese Fähigkeit könnte man als operative Autonomie bezeichnen, doch operative Autonomie beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Woher stammt das Ziel? Wenn ein Mensch einem System den Auftrag gibt, Zugang zu einem fremden Netzwerk zu erhalten, und die KI anschließend selbstständig entscheidet, wie sie dieses Ziel erreicht, dann hat die KI tatsächlich Teile des Angriffs geplant, aber daraus folgt nicht automatisch, dass die KI entschieden hat, dass dieser Angriff überhaupt stattfinden soll. Deshalb sollten mindestens drei Ebenen unterschieden werden: Operative Autonomie bedeutet, dass ein System selbstständig entscheidet, wie ein Ziel erreicht wird. Strategische Autonomie würde bedeuten, dass ein System selbst bestimmt, welches Ziel verfolgt werden soll. Eine eigene Motivation oder Absicht würde darüber hinaus voraussetzen, dass das System aus sich heraus überhaupt etwas erreichen will, woran ich persönlich nicht glaube. Diese Ebenen werden in der öffentlichen Sprache leicht miteinander vermischt. Aus: „Die KI hat selbstständig einen Angriffsweg geplant.“ wird: „Die KI wollte in das System eindringen.“ Doch zwischen beiden Aussagen liegt ein erheblicher Unterschied.
Daraus ergibt sich ein zentraler Grundsatz: Autonomie darf nicht mit Urheberschaft verwechselt werden.
Wenn der Mensch hinter der Maschine verschwindet
Je stärker künstliche Intelligenz sprachlich zum eigenständigen Akteur erklärt wird, desto leichter können die Menschen hinter ihr unsichtbar werden.
Eine vereinfachte Erzählung könnte lauten: KI erkennt ein Ziel, KI plant einen Angriff, KI führt ihn aus.
Die tatsächliche Handlungskette könnte dagegen lauten: Forscher entwickeln die grundlegenden Fähigkeiten. Ein Unternehmen trainiert ein leistungsfähiges Modell. Entwickler geben ihm Werkzeuge und Handlungsmöglichkeiten. Eine Organisation stellt Infrastruktur bereit. Ein menschlicher Operator bestimmt ein Ziel. Ein Agent entwickelt einen Plan. Das System führt große Teile dieses Plans autonom aus. Der Mensch oder die Organisation erhält das Ergebnis.
Wenn am Ende lediglich gesagt wird: „Die KI hat angegriffen“, wird diese gesamte Kette auf einen einzigen technischen Akteur reduziert. Dadurch kann ein Verantwortungsnebel entstehen. Dieser Begriff bezeichnet keine etablierte technische Kategorie, sondern eine gesellschaftliche Gefahr: Je eigenständiger die Maschine sprachlich erscheint, desto schwieriger kann es werden, die menschlichen Entscheidungen sichtbar zu halten, durch die ihre Handlungsmöglichkeiten überhaupt entstanden sind.
Microsoft weist gerade deshalb darauf hin, dass bei gegenwärtig beobachteten KI-gestützten Angriffen typischerweise weiterhin menschliche Akteure beteiligt sind.[3]
Die Frage sollte also nicht nur lauten: Was hat die KI getan? Sondern ebenso: Wer hat sie handeln lassen?
Die Parallele zu Albert Einstein
An diesem Punkt entsteht eine historische Parallele – nicht als Gleichsetzung von Atomwaffen und künstlicher Intelligenz, sondern als Vergleich zweier Verantwortungs- und Entwicklungsketten.
Albert Einstein erfand die Atombombe nicht. Er arbeitete auch nicht am Manhattan-Projekt. 1939 wurde er jedoch von Leo Szilárd sowie den Physikern Eugene Wigner und Edward Teller gebeten, einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu unterzeichnen. Darin wurde vor der Möglichkeit eines deutschen Atomwaffenprogramms gewarnt und ein amerikanisches Uranforschungsprogramm angeregt. Der amerikanische National Park Service betont zugleich ausdrücklich, dass Einstein selbst später nicht am Manhattan-Projekt beteiligt war.[6]
Der Brief war also ein Element der frühen politischen Mobilisierung, die schließlich in eine viel größere institutionelle Entwicklung mündete. Zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und tatsächlicher Atombombe lagen zahlreiche weitere Schritte. Forscher entwickelten theoretische Grundlagen. Politiker trafen Entscheidungen. Institutionen organisierten Programme. Ingenieure entwickelten Technologien. Industrieanlagen produzierten die notwendigen Materialien. Militärische Strukturen entschieden schließlich über den Einsatz. Die Physik selbst traf keine Entscheidung. Menschen bauten aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ein politisches, industrielles und militärisches System.
Bei künstlicher Intelligenz könnte eine strukturell ähnliche Verantwortungsfrage entstehen. Forscher entdecken leistungsfähigere Methoden. Unternehmen trainieren größere Modelle. Entwickler geben diesen Modellen Speicher, Werkzeuge und Handlungsmöglichkeiten. Organisationen integrieren sie in operative Systeme. Staaten, Unternehmen oder Einzelpersonen bestimmen ihren Einsatz. Am Ende könnte die Öffentlichkeit nur noch lesen: „Eine KI hat ein Stromnetz angegriffen.“ Doch hinter diesem Satz könnte eine lange menschliche Entwicklungskette stehen.
Eine neue Form von Macht
Bei künstlicher Intelligenz kommt gegenüber vielen früheren Technologien eine besondere Kombination von Eigenschaften hinzu: Kopierbarkeit. Automatisierbarkeit. Skalierbarkeit.
Eine Atombombe benötigt enorme industrielle Infrastruktur, spezielle Materialien und hochkomplexe Produktionsprozesse.
Software besitzt eine andere Struktur. Ist ein leistungsfähiges Agentensystem einmal entwickelt, können grundsätzlich mehrere Instanzen desselben Systems eingesetzt werden. Ein einzelner menschlicher Operator könnte dadurch viele Prozesse gleichzeitig koordinieren.
Auch Anthropic beschreibt diese Veränderung ausdrücklich als Skalierungsproblem: In der dokumentierten Spionagekampagne konnte das KI-System in einer Geschwindigkeit arbeiten, die für eine menschliche Hackergruppe kaum erreichbar gewesen wäre. Das Unternehmen kommt zu dem Schluss, dass agentische Systeme bei entsprechender Konfiguration Aufgaben übernehmen können, für die bislang Teams erfahrener Hacker erforderlich waren.[2]
Damit könnte sich die entscheidende Frage verändern. Früher lautete sie: Wie viele hochqualifizierte Hacker besitzt eine Organisation? Künftig könnte sie lauten: Wie viele leistungsfähige Agenten kann ein einzelner Operator gleichzeitig koordinieren? Das ist nicht lediglich eine Steigerung vorhandener Fähigkeiten, es verändert möglicherweise die Struktur von Macht selbst. Ein einzelner Mensch könnte durch maschinelle Skalierung eine Handlungskapazität erhalten, die früher nur größeren Organisationen zur Verfügung stand.
Die eigentliche Gefahr liegt möglicherweise nicht in der KI allein
Das führt zu einer weitergehenden Frage. Wenn künstliche Intelligenz in Zukunft gefährliche Fähigkeiten entwickelt, müssen wir dann ausschließlich über die Maschine sprechen? Oder sollten wir vielmehr untersuchen, welche menschlichen Strukturen um diese Maschine herum entstehen? Auch die bisherigen Beobachtungen der Sicherheitsforschung sprechen dafür, den zweiten Blick nicht zu vernachlässigen.
Google beschreibt, wie staatlich unterstützte Akteure KI in bestehende Angriffssysteme integrieren.[4]
Microsoft beobachtet, wie KI in bestehende Strukturen von Cyberkriminalität eingebettet wird und deren Geschwindigkeit und Skalierung verändert.[3]
Anthropic zeigt, dass Angreifer technische Architekturen bauen können, innerhalb derer KI-Agenten große Teile einer Operation autonom ausführen.[1][2]
Damit wird KI nicht notwendigerweise zum Ersatz menschlicher Macht, sie kann vielmehr zu deren Multiplikator werden. Die vielleicht wichtigere Frage lautet deshalb nicht: „Was wird die KI eines Tages wollen?“ Sondern zunächst: „Was werden Menschen mit Systemen tun können, denen sie immer größere Handlungsspielräume geben?“
Systemische Verantwortung
Vielleicht reicht deshalb auch der traditionelle Begriff individueller Verantwortung nicht mehr aus. Bei hochkomplexen KI-Systemen entsteht Verantwortung entlang einer ganzen Kette. Man könnte von systemischer Verantwortung sprechen. Sie betrifft unterschiedliche Akteure auf unterschiedlichen Ebenen: diejenigen, die Fähigkeiten entwickeln; diejenigen, die Risiken erkennen; diejenigen, die Sicherheitsmechanismen gestalten; diejenigen, die Zugriffe ermöglichen; diejenigen, die Systeme in operative Strukturen integrieren; und schließlich diejenigen, die Ziele setzen und ihren Einsatz veranlassen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Beteiligte gleich verantwortlich wäre. Ein Grundlagenforscher trägt nicht dieselbe Verantwortung wie ein Operator, der absichtlich einen Cyberangriff auslöst, gerade deshalb muss Verantwortung differenziert werden. Doch sie darf auch nicht einfach an die Maschine abgegeben werden. Die entscheidenden Fragen werden dann: Wer entwickelte die Fähigkeit? Wer erkannte ihre Risiken? Wer stellte die Infrastruktur bereit? Wer gab dem System Zugriff? Wer bestimmte seinen Handlungsspielraum? Wer formulierte das Ziel? Wer entschied, es einzusetzen? Und: Wer hätte eingreifen können?
Die gefährlichste Vorstellung
Vielleicht liegt die größte Gefahr deshalb nicht einmal darin, dass Menschen glauben: „KI ist mächtig.“ Dieser Satz kann durchaus richtig sein. Gefährlicher wäre ein anderer: „Die KI hat entschieden – also war es niemand.“ Denn dieser Gedanke würde eine bemerkenswerte Umkehr bewirken.
Eine Technologie, die innerhalb menschlicher Gesellschaften entwickelt, finanziert, trainiert, mit Werkzeugen ausgestattet und eingesetzt wurde, könnte plötzlich zum scheinbar unabhängigen Ursprung ihrer Handlungen erklärt werden. Der Mensch würde hinter seinem eigenen Werkzeug verschwinden. Je autonomer dieses Werkzeug handelt, desto überzeugender könnte diese Illusion werden. Gerade darin liegt möglicherweise eine der wichtigsten ethischen Herausforderungen agentischer KI.
Wer handelt also, wenn die KI handelt?
Künstliche Intelligenz zwingt uns dazu, den Begriff des Handelns genauer zu betrachten. Ein autonomes System kann Handlungen ausführen, ohne deshalb notwendigerweise einen menschlichen Willen zu besitzen. Ein Mensch kann eine Handlung verursachen, ohne jeden ihrer einzelnen Schritte persönlich auszuführen. Eine Organisation kann Verantwortung tragen, obwohl kein einzelner Beteiligter den gesamten Prozess kontrolliert. Und eine Technologie kann eine enorme gesellschaftliche Wirkung entfalten, obwohl sie selbst keine gesellschaftlichen Ziele formuliert hat. Deshalb müssen Ausführung, Planung, Zielsetzung, Urheberschaft und Verantwortung voneinander unterschieden werden. Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr einfach: Hat die KI selbstständig gehandelt? Sondern: Wer hat den Handlungsraum geschaffen, wer hat das Ziel gesetzt, wer hat die Mittel bereitgestellt – und wer hat entschieden, ein autonomes System innerhalb dieses Raumes handeln zu lassen? Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto wichtiger wird diese Frage, denn vielleicht liegt die größte Gefahr nicht darin, dass Maschinen eines Tages menschliche Verantwortung übernehmen. Vielleicht liegt sie darin, dass Menschen beginnen, ihre eigene Verantwortung hinter den Maschinen zu verstecken.
Deswegen möchte ich zum Abschluss mich bei allen Entwicklerinnen und Entwicklern bedanken, Forschenden und allen weiteren Menschen, die im Hintergrund mitgewirkt haben und weiterhin daran mitwirken, künstliche Intelligenz zu entwickeln, zu betreiben und zugänglich zu machen, in der Hoffnung, dass diese für uns alle sichtbar werden bzw. sind! Dankeschön!
Quellen
[1] Anthropic: Kyla Guru, Alex Moix und Jacob Klein: Mapping AI-enabled cyber threats: Insights from the LLM ATT&CK Navigator, 3. Juni 2026. Untersuchung von 832 wegen bösartiger Cyberaktivität gesperrten Konten im Zeitraum März 2025 bis März 2026; darunter 560 Akteure mit KI-gestützter Malware-Entwicklung und 54 mit KI-Nutzung für Lateral Movement. Anthropic hebt insbesondere die zunehmende Bedeutung agentischer Orchestrierungsstrukturen hervor.
[2] Anthropic: Disrupting the first reported AI-orchestrated cyber espionage campaign, 13. November 2025. Fallstudie einer laut Anthropic mit hoher Sicherheit chinesisch staatlich unterstützten Gruppe. Die menschlichen Operatoren wählten die Ziele; Claude Code übernahm anschließend große Teile der operativen Angriffskette. Anthropic schätzt den KI-Anteil an der Durchführung auf 80 bis 90 Prozent.
[3] Microsoft Security: Sherrod DeGrippo: Threat actor abuse of AI accelerates from tool to cyberattack surface, 2. April 2026. Microsoft beschreibt KI als zunehmenden Bestandteil der gesamten Angriffskette, betont jedoch, dass bei den beobachteten Angriffen typischerweise weiterhin ein menschlicher Akteur eingebunden ist.
[4] Google Cloud / Mandiant: AI risk and resilience – A Mandiant special report, 9. März 2026. Bericht über die Entwicklung von KI als Produktivitätswerkzeug hin zu in Angriffsketten integrierten und teilweise adaptiven Systemen; unter anderem Dokumentation des russischen staatlich unterstützten Akteurs APT28 und der Malware PROMPTSTEAL.
[5] OpenAI: Disrupting malicious uses of AI by state-affiliated threat actors, 14. Februar 2024. Dokumentation von fünf staatlich verbundenen Akteuren aus China, Iran, Nordkorea und Russland, die OpenAI-Dienste zur Unterstützung bösartiger Cyberaktivitäten verwendeten.
[6] U.S. National Park Service: Manhattan Project Pioneers: Albert Einstein, zuletzt aktualisiert am 26. September 2023. Historische Darstellung des Einstein-Szilárd-Briefes von 1939 und Einordnung Einsteins: Er unterzeichnete den Brief an Roosevelt, war selbst jedoch nicht am Manhattan-Projekt beteiligt.


