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Hamburger Trümmermörder 1947

312 Beiträge, Schlüsselwörter: Trümmermord

Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 16:47
Gildonus schrieb:Mit einem "Bollerwagen", noch dazu alleine, wäre ein ganz schöner Kraftakt gewesen.
Eine einzelne Leiche mit einem 'Bollerwagen' oder einer Schubkarre zu transportieren ist nicht wirklich ein Kraftakt. Damals wurden viele Sachen auf diese Weise auch über größere Strecken transportiert.
Das m.M.n. größere Problem wäre jedoch gewesen, dass er eventuell einer brit. Militärpatrouille auffällt, die ihn dann als vermeintlichen Schwarzhändler kontrolliert und dabei die Leiche findet.


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 16:51
Vielleicht hatte der Täter die Aufgabe, die verschiedenen Personen aus der Familie
entweder einzeln zu einem Ort zu bringen od. die zusammenzuführen?


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 16:57
Ich bin gerade ganz zufällig auf diesen Faden gestoßen. Ist ja gruselig: Wenn ich von da, wo ich dies gerade schreibe, aus dem Fenster schaue, kann ich inetwa einen der Ablageorte sehen. Die drei östlichen Ablageorte sind bequem fussläufig von einem zum anderen zu erreichen, der eine westliche Ablageort hingegen nicht mehr gut, auch wenn die Menschen damals bei weitem längere Strekcen zu Fuß gelaufen sind (laufen mussten) als heute.

In dem Wikipedia-Artikel steht, die Akten sind im Staatsarchiv und also einsehbar. Mithin beibt für VTs, wie, dass die Taten aufgeklärt wurden, man aber keinen Prozess wollte, kein Raum.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit wurden die Toten auf dem Wikipedia: Friedhof_Ohlsdorf begraben. Nach den damailigen Gesetzen bei "Armenbegräbnissen" übrigens zwingend im Sarg, nicht eingeäschert.

Das Archiv des Friedhofs ist meines Wissens vollständig. Es sollte sich jedes Begräbnis seit Friedhofseröffnung im Jahre 1877 nachvollziehen lassen. Mithin dürfte es (mit viel Mühe, sprich mit viel Geld) auch möglich sein, DNA-Reste zu finden. Ich glaube aber kaum, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft heute noch ein ernsthaftes Interesse an einer Exhumierung hat, die gerichtlich genehmigt werden müsste.

Nur so als Idee weise ich darauf hin, dass damals nicht nur viele Flüchtlinge durch die Stadt zogen (obwohl die großen, ungeordneten Flüchtlingsströme von 1943, 44 und 45 längst durch waren), sondern auch die ersten Flüchtlinge nach Deutschland über den Hamburger Hafen aus den USA, England oder sonstwoher zurückkehrten. Viele waren das im Winter 1947 sicherlich noch nicht, aber die waren dann wirklich "auffallend gepflegt".


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 17:05
Nachtrag:
OpLibelle schrieb: die ersten Flüchtlinge nach Deutschland über den Hamburger Hafen aus den USA, England oder sonstwoher zurückkehrten
Ergänzung: Bei "Rückkehrern" wäre es für den Täter dann tatsächlich notwendig, die Kleidung vollständig verschwinden zu lassen, wenn die Identifizierug verhindert werden sollte.


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 17:06
swinedog schrieb:Stichwort Familientragödie:
Ich tue mir schwer mit dieser Vorstellung, mein Bauchgefühl sagt nein, vorstellbar ist es sicherlich. Würde ein Familienangehöriger so vorgehen? Das komplette Entkleiden, warum? Das ist doch eine Entwürdigung. Man hätte, wenn es um die Monogramme ging, diese rausschneiden können. Oder zumindest die Unterwäsche anlassen, wenn man die Kleidung veräußern will. Das "Entsorgen" wie Müll, abgelegt zwischen Ruinen. Das Erdrosseln, eine sehr brutale Art des Tötens. Ich weiß nicht. Glaube eher an einen Außenstehenden.
Mir geht es genau so. Komisches Bauchgefühl. Ich gehe aber auch nicht davon aus, dass die 4 nur gestorben sind, um sie zu berauben, dass das nicht der einzige Grund war. I-wie passt für mich das komplette Entkleiden auch nicht in ein Raubszenario. Das wurde , imho, getan, um die Opfer entweder zu entwürdigen und/oder die Identität unmöglich zu machen. Und da muss der Täter recht sicher gewesen sein, dass alle 4 nicht an Körpermerkmalen ( die Blinddarmnarbe der einen Frau, Prothese und Goldkronen der anderen z.B., oder auch nur die geringe Größe aller, selbst der alte Herr war ja nur 1.60m), identifiziert werden können. Das spricht auch für "Auswärtige". Der Täter wusste, dass die 4 nicht vermisst werden, zumindest nicht in Hamburg. Könnte dann im weitesten Sinne auch eine Beziehungstat gewesen sein, begangen von einem, der sich ins Vertrauen der Familie ( ich gehe jetzt einfach mal davon aus) schlich, weil er etwas hatte, vorweisen konnte, was die Familie brauchte. Und was sie wahrscheinlich auch gut bezahlen konnten. Dann lief i-was aus dem Ruder, vielleicht wollte er die Frauen außer Geld noch extra für seine Dienstleistungen, oder der alte Herr hat Lunte gerochen, dass der Typ das Versprochene ( z.B. eine "gute" Wohnung, oder ein "Versteck", oder was auch immer für eine Familie aus der Fremde wichtig war), nicht hatte. Und, um nicht aufzufliegen, aber noch die Wertsachen/Geld einzusacken, tötet er alle.


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26.05.2018 um 17:08
@OpLibelle Danke für deinen Beitrag

An diese Möglichkeit hatte ich tatsächlich noch nicht gedacht
OpLibelle schrieb:Nur so als Idee weise ich darauf hin, dass damals nicht nur viele Flüchtlinge durch die Stadt zogen (obwoh die großen, ungeordneten Flüchtlingsströme von 1943, 44 und 45 längst durch waren), sondern auch die ersten Flüchtlinge nach Deutschland über den Hamburger Hafen aus den USA, England oder sonstwoher zurückkehrten. Viele waren das im Winter 1947 sicherlich noch nicht, aber die waren dann wirklich "auffallend gepflegt".
Und ja, in diesen Zusammenhang würde auch der betont 'gepflegte Allgemeinzustannd' gut passen


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 17:16
@OpLibelle
Ein sehr informativer Beitrag!

Ich denke auch nicht, dass die StA hier noch einer Exhumierung zustimmen würde. Vielleicht macht man das mal in 100 Jahren oder so, aus historischem Interesse.


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 18:11
OpLibelle schrieb: Mithin dürfte es (mit viel Mühe, sprich mit viel Geld) auch möglich sein, DNA-Reste zu finden. Ich glaube aber kaum, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft heute noch ein ernsthaftes Interesse an einer Exhumierung hat, die gerichtlich genehmigt werden müsste.
Mord verjährt nie, daher fände ich es toll, wenn auch Geld in Aufklärung investiert wird um wirklich sagen zu können, wir haben wirklich alles Erdenkliche an Möglichkeiten ausgeschöpft.
Vielleicht kommt aus so einem Fall zu Tage, dass Besitzrechte angeeignet/verschoben wurde od. auch nur die Namen von den getöteten, wie von 'Nev82' gewünscht.

Vielleicht sogar ein ganz anderes Bild / Motiv.

Es versickert doch so manches Mal Geld in andere Projekte, warum nicht auch mal in so einem Fall?

Danke an OpLibelle für die Zusammenstellung und der nachträglichen Änderung des Jahres.


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 18:14
Hallo @Seefahrer , hallo @alle !


Ich gebe es ungerne zu, aber wo du Recht hast, hast du Recht.

Ein Transport mit Bollerwagen über längere Strecken muß früher üblich gewesen sein, das kennt man heute nicht mehr, nur noch aus Erzählungen. Allerdings bleibt es Schwerarbeit, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Viele Mordopfer wurden zerteilt, weil man die besser transportieren kann, das ist hier nicht geschehen.

Auch wenn es sich jetzt lächerlich liest, es könnte einen "Sektenhintergrund" haben das die Toten nackt waren.
( Ist nur so eine Idee. )


Gruß, Gildonus


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Hamburger Trümmermörder 1947

26.05.2018 um 20:00
@Gildonus
Gildonus schrieb:es könnte einen "Sektenhintergrund" haben das die Toten nackt waren
An einen 'Sektenhintergrund' glaube ich nicht. Es werden wohl die bereits mehrfach erwähnten Gründe gewesen sein: einerseits die Identifizierung/Herkunft der Opfer zu erschweren und andererseits waren die anscheinend guten Bekleidungsstücke auch bei Tauschgeschäften und Schwarzmarkt begehrte Objekte. Und bei Tauschhandel und Schwarzmarkt fragte damals keiner nach der Herkunft.


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Hamburger Trümmermörder 1947

27.05.2018 um 10:10
Dank des sehr guten Hinweis von @OpLibelle
dass es sich bei den Opfern um Heimkehrer handeln könnten, die evtl mit dem Schiff angekommen sind, habe ich mal geschaut wie die Situation für diese Menschen gewesen sein könnte

In dem Artikel wird zwar von einem Soldaten als Heimkehrer berichtet, es erzählt aber wie die Situation in Hamburg zu dieser Zeit war

In einem Abschnitt heißt es:

“Wohin in Hamburg? Meine Eltern lebten nicht mehr, unser Zuhause war zerstört. Mein Onkel wohnte mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem einzigen Zimmer. Sonst war von unserer Familie keiner mehr da“

In einer ähnlichen Situation könnten sich die Opfer, falls es sich tatsächlich um Rückkehrer gehandelt hat, auch befunden haben


http://www.spiegel.de/einestages/kriegsheimkehrer-nach-dem-zweiten-weltkrieg-a-961753.html


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Nepeta
ehemaliges Mitglied

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Hamburger Trümmermörder 1947

27.05.2018 um 18:59
Das klingt alles sehr richtig und interessant.

Mich hat das Foto der jungen Frau etwas aufgeregt, denn ich fand es voyeuristisch.

Mittlerweile denke ich, dass das Foto okay und sehr richtig ist, denn der Mörder hat sein Opfer wie ein klassische Mamorstatue drapiert. Das hat der Polizeifotograf erkannt.

Ich denke, dieser Täter hat eine höhere Bildung genossen, ihm ist die Optik solcher Kunstwerke bekannt und sie haben sein ästhetisches Empfinden geprägt.

Ich glaube, dass das erste Opfer das Wichtigste ist und vermute, dass sie einen jungen Mann kennengelernt hat, der ihre Familie ins Verderben gerissen hat.


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Hamburger Trümmermörder 1947

27.05.2018 um 19:12
Nepeta schrieb:wie ein klassische Mamorstatue drapiert
So ein Quatsch, sorry. Die junge Frau wurde, vermutlich rücklings, an beiden Armen vom Täter über die Trümmer geschleift und dann neben dem zerstörten LKW abgelegt. Daran ist nichts klassizistisch. Deine Idee mit dem mordenden Liebhaber der jungen Frau ist pure Spekulation.


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Hamburger Trümmermörder 1947

27.05.2018 um 19:18
Nepeta schrieb:Mittlerweile denke ich, dass das Foto okay und sehr richtig ist, denn der Mörder hat sein Opfer wie ein klassische Mamorstatue drapiert. Das hat der Polizeifotograf erkannt.
Ich kann da nichts klassisches dran erkennen. Woran machst du das fest?
Nepeta schrieb:Ich denke, dieser Täter hat eine höhere Bildung genossen, ihm ist die Optik solcher Kunstwerke bekannt und sie haben sein ästhetisches Empfinden geprägt.
Das ist jetzt doch ein bisschen weit hergeholt, finde ich. Könntest du mal beispielhaft ein solches Kunstwerk benennen?


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Hamburger Trümmermörder 1947

27.05.2018 um 20:46
ich finde den Gedanken von @OpLibelle , dass es sich nicht um Vertriebene, sondern um Heimkehrer gehandelt haben könnte, ganz ausgesprochen gut.
Da würde erstmal erklären, warum die Opfer alle gut ernährt und gepflegt waren, denn die Aufnahmelager für Vertriebene boten dafür eher nicht den passenden Rahmen.
Es würde auch erklären, warum die Opfer nicht vermisst wurden: dort, wohin sie zuvor geflüchtet waren, wurden sie von dortigen Bekannten nicht vermisst, weil die ja wussten, dass die Familie in ihre Heimat nach Deutschland zurückkehrte, die werden höchstens etwas enttäuscht gewesen sein, dass die Familie sich in den Jahren danach nie bei ihren Freunden im Ausland gemeldet hat. Dort, wohin sie zurückkehrten, hat sie niemand erwartet, Verwandte dort waren entweder im Krieg entwurzelt oder im Krieg verstorben oder glaubten, dass die Familie längst tot sei, weil sie jahrelang nie etwas von ihnen gehört hatten...
Es würde erklären, warum die Kleidung restlos entfernt wurde, die war ja wahrscheinlich in dem Land gekauft, wo die Familie gelebt hatte, hätte allein aus der Herkunft heraus ihre Identifikation unterstützt, ausserdem hatte ausländische, vermutlich recht hochwertige Kleidung ja einen hohen Tauschwert.
Es würde weiterhin auch erklären, warum der Versuch der Identifikation über die zahnärztlichen Arbeiten keinen Erfolg hatte, die waren vermutlich gemacht worden irgendwann zuvor im Ausland und weltweit sind Zahnärzte ja nicht danach befragt worden.

Nehmen wir also mal an, dass es sich um eine Familie handelte, die bereits in den ersten Jahren der Nazizeit, also Mitte der 1930er, aus Deutschland ins Ausland geflohen war, zB. in die Schweiz, nach Großbritanien, in die USA, nach Palästina, aber auch gut möglich zB. nach Südamerika... Laut dieser Quelle ( http://www.hamburg.de/ballinstadt/280324/flucht-und-vertreibung-1933-1941/ ) flohen allein im Jahr 1933 37.000 Menschen aus Deutschland, Politiker, Journalisten, Schriftsteller und Künstler. Bis 1941 flohen demnach allein knapp 300.000 Juden aus Deutschland, darüberhinaus aber auch viele andere Menschen.
Weiter kann man gut annehmen, dass es sich um eine zuvor in Deutschland gut situierte Familie handelte, allein schon, weil die Option zur Flucht allein der Einreisebestimmungen der Fluchtzielländer wegen vorwiegend nur reicheren Menschen zur Verfügung stand (in den USA waren angesichts der Weltwirtschaftskrise 1929 gerade die Einwanderungsgesetze massiv verschärft worden, sodass nur Menschen mit Geld einwandern konnten)

Da wäre es gut möglich, dass Verwandte, Bekannte oder auch einflussreiche Nazis sich nach deren Flucht ihre zurückgelassenen Besitztümer, zB. deren Haus sich einverleibt hatten. Während später ja missliebige Personen von den Nazis interniert und auch getötet wurden, war es in der frühen Zeit des Naziregimes noch eher so, dass zB. missliebige Künstler oder Politiker geradezu dazu gedrängt wurden, auszuwandern und vorher noch ihre Sparvermögen dem Staat zu überlassen und Immobilien zum Schleuderpreis an Nazigrößen zu verscherbeln.

Möglich also, dass die Familie nun aus dem Exil heimkehrte und auf zB. das alte Haus wieder Anspruch erhob und der neue Bewohner diesen Anspruch nur durch Töten der Familie abzuwenden wusste. Noch mehr wäre denkbar, dass die Familie etwas über die Nazi-Vergangenheit des neuen Bewohners wusste und dieser zu recht fürchten musste aufzufliegen, vielleicht hatte er bislang seine Vergangenheit vertuschen können und sogar bei den Besatzern eine Vertrauensrolle einnehmen können, musste nun aber fürchten, nicht nur diese Privilegien zu verlieren, sondern gar bei den Nürnberger Prozessen zu landen... (zB. ein Jurist, ein Arzt, ein Wirtschaftsführer...).
Das könnte dann auch als vermuten lassen, dass der Täter Zugriff auf ein Auto hatte (was damals eher wenige hatten), was es ihm ermöglichte, die Leiche verteilt im Stadtgebiet abzulegen.


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Hamburger Trümmermörder 1947

27.05.2018 um 23:02
@otternase
Wenn diese für mich sehr nachvollziehbaren Überlegungen stimmen, gibt es es auch eine Chance, das Verbrechen heute noch aufzuklären. Die Familie muss ja 4x registeriert worden sein: Bei der Ausreise aus Deutschland, bei der Einreise in ihr Fluchtland, bei der Ausreise aus ihrem Fluchtland und bei der Wiedereinreise in das besetzte Deutschland. Diese Registrierungen waren akribisch und ich denke, da existiert auch noch vieles in staatlichen Archiven. Es müsste nur jemand suchen...

---

Wie auch @Nev82 , habe ich versucht etwas mehr über die Lebensbedingungen in diesen Tagen in Erfahrungen zu bringen. Es war ja schon darauf hingewiesen worden, dass es ein Hungerwinter war. Nun bin ich gebürtiger Hamburger und kenne die Geschichte der Stadt so grob und für den Hausgebrauch, aber ich hatte keine Vorstellung, wie grausam dieser Winter gewesen sein muss.

Ich habe mir inzwischen von Bekannten ein Buch von Kurt Grobecker u.a.: "Mehr als nur ein Haufen Steine - Hamburg 1945 - 1949" besorgt. Es ist eine reich bebilderte Sammlung von Zeitungsberichten, Briefen und Erinnerungen aus diesen Jahren. Sehr zu empfehlen. Über die Mordserie steht allerdings nicht viel drin - zu dem Wenigen komme ich gleich.

Erstmal zu den Lebensbedingungen und dem Wetter - beides war so extrem, dass man es bei der Diskussion zu dem Fall immer im Hinterkopf haben sollte:

Der Winter 1946/47 war der kälteste des 20. Jahrhunderts und forderte in Deutschland mehre hunderttausend Tote (einschließlich Grippe-, TBC-Opfer usw.) Wikipedia: Hungerwinter_1946/47

Über Norddeutschland brach die Kältewelle am 6. Januar 1947 mit Temperaturen von -15 bis -20°C herein. Erst nach dem 15. März setzte Tauwetter ein. Aufgrund der extremen Kälte brach nahezu die gesamte Logistik und Infrastruktur zusammen. Es herrschte aktuer Mangel an Nahrungsmitteln und - mehr noch - an Kohle. Der Nährwert der auf Marken zu erhaltenen Lebensmittel sank im Schnitt auf 770 kcal pro Tag und Person. Der Kohlemangel führte zu einer Rationierung von Strom. In der schlimmsten Phase - wohl Mitte Februar - wurde jeder Haushalt nur noch für 2 Stunden mit Strom pro Tag versorgt.

Von dem Kohlemangel und den Stromabschaltungen waren auch alle öffentlichen Gebäude und auch die Krankenhäuser betroffen. Kohlen-Klauen wurde zur selbstverständlichen Notwendigkeit. Mitte Februar schätzte die Polizei die Kohle-Verluste durch Diebstahl auf 70% (!) aller Lieferungen. 1.200 Beamte wurden zum Schutz der Transporte eingesetzt. 14 Personen - darunter 8 Kinder - starben bei dem Versuch, auf fahrende Kohlezüge aufzuspringen oder Kohlen von den Tendern fahrender Dampfloks zu stehlen.
(Quelle: weitgehend das o.g. Buch)

Nach dem Winter schrieb ein Viertklässlerin in einem Schulaufsatz zum Thema "Mein schönster Tag":

"Mein schönster Tag war der, an dem mein Bruder Friedrich starb. Seitdem habe ich einen Mantel und Schuhe und Strümpfe und eine gestrickte Weste"

(Quelle: http://www.spiegel.de/einestages/hungerwinter-1946-47-in-deutschland-das-ueberleben-nach-dem-krieg-a-1133476.html)

Unter welchen entsetzlichen Umständen müssen die Menschen gelebt haben, wenn eine 10-jährige so empfindet?!


In genau diese Zeit fällt nun die Mordserie. Daraus folgt für mich mindestens folgendes:

1.)
Nach den Berichten konnte man den Eindruck haben, der Täter habe sich nicht sehr viel Mühe gegeben, die Leichen zu verstecken. Jetzt scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein: Aufgrund der Temperaturen gab es weder eine Möglichkeit, die Leichen zu vergraben, noch in einem Gewässer zu versenken (auch die Elbe war vollständig zugefroren). Damit blieben als unauffälliger Ablageorte ja quasi nur Trümmergrundstücke übrig. Von dem Kind wissen wir, dass es in einem Fahrstuhlschacht gefunden wurde. Die Frau mittleren Alters - und ich glaube, diese Information ist neu - wurde im Keller eines ausgebombten Hauses gefunden. Ich denke in der gegebenen Situation waren das dann noch die besten Verstecke.

2.)
Kleidung muss derart wertvoll gewesen sein, dass man aus dem vollständigen Entkleiden der Leichen wohl keine weiteren Schlüsse ziehen kann. Es passt zwar schön zu meiner Spekulation zu einer Rückkehrerfamilie, dass die Kleidung nicht gefunden werden sollte, weil sie Aufschluss über die Herkunft der Toten hätte geben können, aber die Vesorgungslage bietet auch einfachere Lösungen an...

3.)
Die Leichen müssen innerhalb kürzester Zeit steif gefroren sein. Die Bestimmung des Todeszeitpunktes dürfte das außerordentlich erschwert haben. Bestenfalls konnte man die Zeit bestimmen, die die Körper noch im Warmen lagen, bevor sie abgelegt wurden. Aber warm war es damals wohl nirgendwo wirklich. Auch die Leichenschau dürfte eher oberflächlich ausgefallen sein. Die wenigen Mediziner und das wenige medizinsche Gerät, dass es noch gab, brauchten in diesen Tagen die Lebenden mehr denn je.

Frage: Hat jemand eine Idee, wie lange ein unbekleideter, toter menschlicher Körper von - sagen wir mal, knapp 50kg - bei einer Außentemperatur von -20°C benötigt, um auf den Gefrierpunkt abzukühlen, wenn er unmittelbar nach Todeseintritt in die Kälte gelegt wird? Kennt jemand da Untersuchungen?

4.)
Die Polizei dürfte in den Tagen um die Leichenfunde ganz andere Sorgen gehabt haben. Ich glaube gerne, dass man sich später sehr um eine Aufklärung bemüht hat, aber gab es da wirklich eine zeitnahe Tatortarbeit?

5.)
Ich habe einen kurzen Hinweis gelesen, dass es aufgrund der Kohlediebstähle nächtliche Ausgangssperren gab. Weiß jemand da mehr? Hat jemand Zugang zu einem Archiv von Erlassen der britischen Besatzungsbehörden? Oder gibt es das schon irgendwo online?


Noch zwei Infos aus dem o.g. Buch:

Der Preis einer US-Zigarette betrug 1947 6 RM und stieg bis zur Währungsreform auf 7 RM. Ein Brot kostete auf dem Schwarzmarkt 190 RM,- ein 1/2 Pfund Butter 340,- RM. So viel zur Kaufkraft der ausgesetzten Belohnung (5.000,- RM + 1.000 Zigaretten, später dann 10.000,- RM). Für eine einfache Familie wohl ein ungeheurer Reichtum, für einen notorischen Schwarzmarkthändler aber wohl nicht wirklich viel.

"Armenbegräbnisse" (und nicht nur die) fanden 1946 und 47 in Hamburg in Leihsärgen statt. Der Sarg wurde über die Grabstelle getragen aber nicht abgesenkt. Vielmehr öffnete ein Mechanismus den Boden, die Leiche fiel ins Grab und der Sarg wurde wiederverwendet.


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27.05.2018 um 23:45
Vielen vielen Dank an OpLibelle und Otternase.
otternase schrieb:Nehmen wir also mal an, dass es sich um eine Familie handelte, die bereits in den ersten Jahren der Nazizeit, also Mitte der 1930er, aus Deutschland ins Ausland geflohen war, zB. in die Schweiz, nach Großbritanien, in die USA, nach Palästina, aber auch gut möglich zB. nach Südamerika... Laut dieser Quelle ( http://www.hamburg.de/ballinstadt/280324/flucht-und-vertreibung-1933-1941/ ) flohen allein im Jahr 1933 37.000 Menschen aus Deutschland, Politiker, Journalisten, Schriftsteller und Künstler. Bis 1941 flohen demnach allein knapp 300.000 Juden aus Deutschland, darüberhinaus aber auch viele andere Menschen.
Möchte nur Ergänzen, da es viele nicht wissen, dass Menschen auch in die Türkei ausgereist waren.
Viele durften zuerst nur an der Stattgrenze zu Bulgarien sich aufhalten, später wurde es gelockert und einige konnten auch studieren.
Wenn ich den Link von Wiki kopieren möchte, geht es nicht.


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28.05.2018 um 05:42
Dass es sich bei der Familie (wenn es denn eine war) um Rückkehrer handelte, halte ich für eine interessante Idee. Es würde viel erklären (beispielsweise, dass sie nicht vermisst wurden). Allerdings - wie wahrscheinlich oder häufig ist es vorgkommen, dass Familien aus einem Land rückkehrten, wo es ihnen augenscheinlich einigermaßen gut ging, in ein Land, das in Schutt und Asche war? Kehrte man da nicht eher erst freiwillig - also im Vergleich zu militätischen Kriegsheimkehrern aus der Gefangenschaft - zurück, nachdem man Unterkunft usw organisiert hatte, als dann nicht zu wissen, wohin? Und wenn sie eine Unterkunft hatten, warum dann wiederum wurden sie nicht vermisst?


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28.05.2018 um 06:16
Sonnenschein81 schrieb:Kehrte man da nicht eher erst freiwillig - also im Vergleich zu militätischen Kriegsheimkehrern aus der Gefangenschaft - zurück, nachdem man Unterkunft usw organisiert hatte, als dann nicht zu wissen, wohin?
Nun, das war damals ja nicht gerade einfach.

Stell dir doch einfach vor, da hat jemand vielleicht ein bisschen Hab und Gut mitnehmen können, musste aber sein Haus und so zurück lassen.
Derjenige hat in dem Augenblick ja auch sein ganzes bisheriges Leben, sein soziales Umfeld hinter sich gelassen - nicht wissend, ob man sein Heim, seine Freunde und Familie und alles jemals wiedersehen würde.
Je nachdem wurden die Bewohner ganzer Straßenzüge doch in alle Winde zerstreut - und damals gab es nunmal kein Facebook und Instagram, Mailadressen und ähnliches, wodurch der Kontakt nur einen Knopfdruck entfernt war.
Und Unterkünfte hat man eben nicht gerade mal eben so auf die Schnelle bei Airbnb gesucht...

Ich versuche, mich in einen Rückkehrer hinein zu versetzen.
Die waren getrieben von Heimweh, der Sehnsucht nach dem alten Leben, nach allem, was sie zurück gelassen hatten - und das war sicher viel stärker als die vage Möglichkeit, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Ich glaube, dieses Gefühl kann man heute gar nicht mehr nachvollziehen, schließlich ist man ja nicht im Rahmen von "Goodbye Deutschland" ausgewandert, sondern war durch die Umstände dazu gezwungen...
Dazu spielte sicher noch der Wunsch, am Aufbau eines neuen, friedlichen Deutschlands mitzuwirken, eine große Rolle..

Und dann kamen die zurück und fanden sich wieder in größeren Steinhaufen und Trümmerwüsten - und mussten sich da erstmal zurechtfinden, sich auf die Hilfe fremder Menschen verlassen etc.

Ich gebe zu, die Rückkehrer aus anderen Ländern hatte ich gar nicht auf dem Schirm, ich dachte in die Richtung, dass man sich "nur" irgendwo auf dem Land verborgen hatte. Aber so oder so, es schienen ortsfremde Personen zu sein - und ich glaube, dass das Mordmotiv im Bereich Habgier zu finden ist.
Ich denke auch, dass alle Mitglieder einer Familie waren, die zusammen gehörten. Denn wären alle nur xbeliebige Zufallsopfer gewesen die nichts miteinander zu tun hatten, dann wäre die Möglichkeit, dass zumindest nach einer oder mehreren der Personen gesucht worden wäre, ungleich größer gewesen...


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28.05.2018 um 09:33
spiky73 schrieb:Ich denke auch, dass alle Mitglieder einer Familie waren, die zusammen gehörten. Denn wären alle nur xbeliebige Zufallsopfer gewesen die nichts miteinander zu tun hatten, dann wäre die Möglichkeit, dass zumindest nach einer oder mehreren der Personen gesucht worden wäre, ungleich größer gewesen...
Ja, das denke ich auch. Zumindest nach dem Kind wäre sicher schnell gesucht worden

Nochmals Danke an @OpLibelle für die Mühe und den eindrucksvollen Bericht!
Es ist für uns heute tatsächlich schwer nachvollziehbar, was die Menschen in diesem Winter durchgemacht haben. Dieser ungewöhnlich kalte Winter, dazu noch die Zerstörung und die Wirren der Nachkriegszeit, ohne die Möglichkeit der Information/Kommunikation die uns heute zur Verfügung steht

Das alles könnte eine Erklärung sein warum man, aus heutiger Sicht, evtl relativ früh die Versuche zur Identifizierung der Opfer aufgegeben hat


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