Borromini schrieb:Schon in Heinrich Marschners Oper „Der Vampyr“ von 1827/1828 auf einen Text von Wilhelm August Wohlbrück hat das Blutsaugen eine eindeutig erotische Note.
Selbst fast hundert Jahre früher zeigt sich eine Verbindung zwischen Vampirismus und Erotik in der Literatur.
Der erste deutschsprachige literarische Vampirtext stammt aus dem Jahre 1748 und ist ein Gedicht des Lessing-Jugendfreunds Heinrich August Ossenfelder. Leider ist „Mein liebes Mägdchen glaubet“ in seiner Schlichtheit nicht unbedingt ein großer Wurf gewesen. Der Protagonist möchte ein Vampir werden, um ein Mädchen zu verführen und so die tugendhafte Mutter zu übertrumpfen. Nicht nur dient hier der böse Vampir als Waffe gegen christliche Werte und Rechtschaffenheit, Ossenfelder erschafft mit dem Vampir als sexualisiertes Wesen bereits ein Charaktermerkmal, das die Vampirliteratur eines jeden Jahrhunderts enorm prägen sollte.
Quelle:
https://www.phantastik-couch.de/magazin/hintergruende-essays/eine-kleine-literaturgeschichte-des-vampirs/Auch Frauen können verführerisch sein:
Erst Jahrzehnte später führt niemand geringeres als Johann Wolfgang von Goethe das Vampirmotiv weiter aus. Im Balladenjahr 1796 erscheint sein Gedicht „Die Braut von Korinth“. Wie Ossenfelder erschafft auch er einen Topos, der immer wieder bemüht werden sollte: Die tote Geliebte, die als Vampir wiederkehrt, um ihrem Liebsten das Blut auszusaugen. Somit wird die verführerische Kraft des Vampirs bereits in den ersten literarischen Versuchen zu diesem Thema etabliert.
Quelle: ebd.
Mr.Crime schrieb:War diese Verbindung zwischen Sexualität und Tod schon in früheren Vampirgeschichten vorhanden, oder ist sie erst in der modernen Popkultur entstanden?
Die Frage lässt sich literarisch demnach recht einfach beantworten: Die Verbindung aus Vampirismus und Erotik ist von Anfang an vorhanden. Interessant ist nun, warum sie sich so früh eingestellt hat.
Meines Erachtens eignet sich dafür der Vampir ideal: Er kommt nachts ins Schlafzimmer, nähert sich dem Hals, durchdringt die Haut, tauscht Körperflüssigkeiten aus, erzeugt körperliche Lust und Schwäche und verwandelt sein Opfer durch diesen intimen Kontakt. Symbolisch kann es je nach Kontext für sexuelles Begehren, Ehebruch, Homosexualität oder weibliche sexuelle Autonomie stehen, ohne diese Dinge direkt benennen zu müssen: gerade in den Zeiten des 18./19. Jahrhunderts eine Möglichkeit zur Darstellung von gesellschaftlich Tabuisiertem.
Demzufolge fußen auch heutige popkulturelle Medien (wie Dracula, True Blood, Twilight, Interview mit einem Vampir, Literaturgenre wie Dark Romantasy usw.) auf diesem Vampirbild.