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Wohin führt eine Reduktion von Wörtern?

Wohin führt eine Reduktion von Wörtern?

30.07.2015 um 12:50
Vor einigen Jahren habe ich das Buch "1984" von George Orwell gelesen. Dadurch habe ich mir zu dem Thema "Neusprech" Gedanken gemacht.

Ich zitiere jetzt mal aus dem Buch:
"Dir fehlt das echt Verständnis für Neusprech, Winston...Sogar wenn du in Neusprech schreibst, denkst du noch in Altsprech...Dein Herz hängt immer noch am Altsprech, mit all seiner Vagheit und seinen unnützen Bedeutungsschattierungen. Du erfasst die Schönheit einfach nicht, die in der Vernichtung von Wörtern liegt. Ist dir überhaupt klar, dass Neusprech die einzige Sprache der Welt ist, deren Vokabular von Jahr zu Jahr schrumpft?
...
Begreifst du denn nicht, dass Neusprech nur ein Ziel hat, nämlich den Gedankenspielraum einzuengen?...Jeder Begriff, der jemals benötigt werden könnte, wird durch exakt ein Wort ausgedrück sein, dessen Bedeutung streng definiert ist und dessen sämtliche Nebenbedeutungen eliminiert und vergessen sind...Mit jedem Jahr werden die Wörter immer weniger, und der Bewusstseinsspielraum wird immer kleiner werden."
Und jetzt meine damaligen Gedanken dazu, die ich notierte:
"Die Neusprache soll so knapp wie möglich werden, unkompliziert, soll keinen Spielraum für unterschiedliche Interpretationen lassen. Ziel der Sache ist das Denken einzuschränken.
Jetzt frage ich mich die ganze Zeit, ob man wirklich bestimmte Dinge nicht mehr denken könnte, wenn es keine Worte dafür gäbe.
Wenn ich verzweifelt wäre, aber es gäbe nur in der Sprache: dass es einem gut oder schlecht geht, dann wäre ich trotzdem verzweifelt...aber würde man abstumpfen, würde man undifferenzierter fühlen, wenn du von klein auf lernst, dass es dir schlecht oder gut geht, aber du nie verzweifelt, traurig, überwältigt oder glücklich bist?"
Ich möchte bewusst nicht auf die anderen Regeln der Neusprache eingehen, sondern nur das Konstrukt einer Reduktion von Wörtern und dessen Folgen thematisieren. Das soll kein George Orwell Thread sein, ich wollte nur erläutern, wie ich auf das Thema gekommen bin.


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Wohin führt eine Reduktion von Wörtern?

30.07.2015 um 12:53
Ein kleines Völkchen an der Grenze zu Frankreich hat die Reduktion von Wörtern schon fast zur Perfektion gebracht.
Sie lassen einfach die Endungen weg. Man versteht sie trotzdem, die Saarländer :D


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Kayla
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Wohin führt eine Reduktion von Wörtern?

30.07.2015 um 12:59
@Dziuny
Dziuny schrieb:Mit jedem Jahr werden die Wörter immer weniger, und der Bewusstseinsspielraum wird immer kleiner werden."
Das könnte schon so kommen und ist teilweise schon so, wenn entweder Etwas nur cool oder ein Anderes nur uncool ist, zu mehr reicht es besonders bei manchen Jugendlichen nicht mehr. Eine Entweder-Oderhaltung ohne kreative Vielfalt, welche gleichzeitig Lösungen anbieten würde. Eine mehr und mehr wortlose Gesellschaft würde zu Lasten kreativer Ideen führen, weil Alle nur noch das wollen, was als cool gilt. Das war nur ein Beispiel für die des Öfteren anzutreffende neue Wortlosigkeit.


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30.07.2015 um 15:05
Eine differenzierte Sprache mit klar definierten Begriffen ist wichtig. Allerdings hab ich eher den Eindruck, dass viele sich sehr unpräzise und teilweise auch falsch ausdrücken, weil das allgemeine Sprach- und Begriffsverstädnis und ein entsprechender Wortschatz fehlen.

Sowas wie "Voll krass, Alter" oder ähnliches zeigt deutlich eine Tendenz weg von der differenzierten Sprache dahin, sich nur noch in Sprüchen und Phrasen auszudrücken, die letztendlich wenig bis garnichts aussagen.


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KillingTime
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30.07.2015 um 18:33
@Dziuny

Ja, man würde abstumpfen. Wenn du ein Wort nicht kennst, kannst du es auch nicht denken.

Bei mir z.B. ist es so, dass ich einen sehr großen Wortschatz habe, nicht nur der Umgangssprache (restringierter Code), sondern auch der Bildungssprache (elaborierter Code). Hinzu kommt diverses branchenspezifische Fachchinesisch (Technolekt), dann der Regiolekt meiner Herkunft sowie der Soziolekt meiner Schicht und ein fremdsprachiger Wortschatz mindestens zweier Fremdsprachen.

Ich verwende zur Kommunikation nicht nur die Umgangssprache, sondern auch alle anderen genannten Codes, dadurch kann ich auch Umstände zum Ausdruck bringen, für die es umgangssprachlich kein Wort gibt.

Wenn ich diese Codes und -lekte nicht kennen würde, würden mir diese Begriffe fehlen, und ich hätte Schwierigkeiten, mich zu verständigen. Von daher denke ich, dass eine Reduzierung (nicht "Reduktion") des Wortschatzes durchaus zu einer gesellschaftlichen Verblödung führen könnte.


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30.07.2015 um 19:36
@X-RAY-2
@Kayla
Ich kann nicht sagen, ob die "Jugend von heute" eingeschränkter in ihrer Ausdrucksweise ist, als vorher- ich tendiere eher zu nein. Meine Jugend ist auch erst seit ca. 6-8 Jahren beendet, je nachdem wie man es definiert, und ich denke nur weil man sich der Jugendsprache bedient, heißt nicht dass man darüberhinaus nicht auch einen großen Wortschatz haben kann.

@KillingTime
Reduktion ist zwar nicht falsch, aber man könnte es durchaus auf Reduzierung reduzieren ;)

Ich denke, wenn einem die Worte fehlen, kann man sich teilweise nicht mehr präzise ausdrücken. Alles wird nur noch verallgemeinert, manche Aspekte kann man gar nicht mehr thematisieren.
Vielleicht das Gefühl im Urlaub, wenn man eine Sprache nur gebrochen spricht. Oder jemand der hier nach Deutschland kommt und gerade erst dabei ist die Sprache zu lernen. Ist auf jeden Fall ein schlechtes Gefühl.
Für Menschen wie du und ich untragbar, aber wie es wäre, wenn man es nicht anders kennt, können wir nur mutmaßen.


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KillingTime
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30.07.2015 um 20:14
Dziuny schrieb:das Gefühl im Urlaub, wenn man eine Sprache nur gebrochen spricht
Das kenne ich. Ich finde, es ist schwer, in einer fremden Sprache zu lügen. Weil einem die Worte fehlen. Weiß du, was ich meine?


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30.07.2015 um 20:18
@KillingTime
Nein, so oft spreche ich nicht in einer anderen Sprache. Bei mir wäre diese Sprache, die ich nur noch gebrochen spreche, englisch *schäm* Ich war sehr gut in der Schule darin, habe da aber nichts draus gemacht.
Wobei ich es generell schwer finde zu lügen.


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KillingTime
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30.07.2015 um 20:26
@Dziuny
Dziuny schrieb:habe da aber nichts draus gemacht.
Versuchs mal im Urlaub. Als ich neulich in Polen war, habe ich nur Englisch gesprochen, und die Polen sprechen sehr gut Englisch. Da war nicht einer, der ins Stottern kam. Bemerkenswert. Oder in Südostasien. Da spricht man Pidgin-Englisch. Ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber du wirst staunen, wie viel man mit wenigen falsch gesprochenen Wörtern ausdrücken kann. ;)
Dziuny schrieb:Wobei ich es generell schwer finde zu lügen.
Der Vorteil bei der Wahrheit ist, wenn der Andere Tatsachen verdreht, oder etwas nicht versteht, ist das alles sein Problem. Mit der Wahrheit bist du immer fein raus.


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31.07.2015 um 00:02
@KillingTime
Um wieder etwas mehr auf das Thema zu kommen...es dürfte auch bei einer Wortreduktion schwer werden die Wahrheit zu sagen, zB wenn jemand fragt, wie gehts und dir bleibt nur gut oder schlecht zur Auswahl.

Bist du mal versteckt und mal nicht oder hab ich Augenkrebs?


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Scox
ehemaliges Mitglied

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31.07.2015 um 01:20
@Dziuny

Das, was du bei Jugendlichen beobachten kannst, sind prägnante Satzverkürzungen und artikellose Substantive. Es handelt sich um einen Soziolekt, genauer um Slang/Jargon einer bestimmten Gruppe. Je mehr solche Soziolekte gebraucht werden (die ursprünglich ja das Ziel haben, eine sprachliche Abgrenzung vom Umfeld zu ermöglichen), desto eher dringen sie in die alltägliche Umgangssprache vor und verlieren ihre Merkmale.

Oben angesprochen wurden ja schon die Kategorien des restringierten (einfache Sprache der überwiegend bildungsfernen Schicht) und elaborierten (komplexe Sprache der überwiegend bildungsaffinen Schicht) Codes. Diese Kategorisierungen gehen auf die Bernstein-Hypothese zurück. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass Bildungsaffine beide Codes beherrschen, während die Bildungsfernen dies nur beim restringierten Code tun und den elaborierten Code nicht benutzen resp. verstehen können. Demzufolge ergibt sich daraus eine Sprachbarriere zwischen den Schichten.

Folgen wir nun der Bernstein-Hypothese, kann die Jugendsprache nur für die untere Schicht zum Problem werden, da diese hiernach an der Sprachbarriere scheitert. Der deutschen Sprache als solche kann damit a priori keine linguistische Verkümmerung vorgeworfen werden, sondern es spreizt sich eher die Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Bildungsschichten in der direkten Gegenüberstellung hinsichtlich ihrer Sprachgebräuche. Heißt kurzum: die Isolation der bildungsfernen Schicht kann theoretisch zementiert werden.


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KillingTime
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31.07.2015 um 10:24
@Dziuny
Dziuny schrieb:wenn jemand fragt, wie gehts und dir bleibt nur gut oder schlecht zur Auswahl
Ja, zum Beispiel auch bei der Frage, "bist du jetzt sauer", aber die Antwort ist, "nein, enttäuscht". Gerade Gefühlsregungen lassen sich schlecht in Worte fassen, wenn man dafür keine Worte hat. So ist zum Beispiel "wütend" nicht das Gleiche wie "ärgerlich", jedenfalls bei mir.

@Scox
Scox schrieb:die Isolation der bildungsfernen Schicht kann theoretisch zementiert werden.
Das Einzige, was dagegen hilft, ist Bildung...


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01.08.2015 um 03:36
Ich glaube, dass ihr teilweise von der Thematik stark abweicht. Es geht nicht um einen sprachlich elaborierten Code, sondern um die Restriktion durch fehlende Worte.

Der Unterschied ist wichtig, da eine große Anzahl an vagen Bezeichnungen (wie im oben zitierten Text zu lesen) die Dinge sehr allgemein ausdrücken. Die Wörter sollen reduziert werden?

• Die Lösung wäre zu voreilig. Das Hauptziel ist nämlich, die Wörter explizit begreifen zu können, das heißt, mit einer fest definierten Bedeutung jedes Wort entschlüsseln und verstehen können.
Dafür soll einem Wort ein Begriff zugeordnet werden. Das würde etwas bewirken, was man im Endeffekt als eine klare Sprache bezeichnen müsste, da es keine Zwei- oder gar Mehrdeutigkeiten mehr gäbe. Somit könnte der Fehlschluss einer Äquivokation ebenso eliminiert werden wie überflüssige Wörter (Synonyme).

Das Problem an der Sache ist die dahinterstehende Intention: Die Verkleinerung des Wortschatzes führt bei unserem Modell (1 Wort → 1 Begriff, 1 Begriff → 1 Wort) dazu, dass die Begrifflichkeit nicht mehr ausgedrückt werden kann.

Ich denke allerdings, dass dies an den Umständen scheitert, da das Definierende die Bezeichnung ersetzen kann. Deshalb kann die reine Wortverringung nicht die Gedanken ebenso einschränken.

Exempel:

Menschen sind alle Tiere, die einen freien Willen besitzen oder vernunftbegabt sind.
Das Wort »Mensch« bedeutet nun in unserem Neusprech nichts als dieses und wir eliminieren das Wort. Dadurch kann man aber eben nicht vorrausschicken, dass keiner mehr an Tiere, die einen freien Willen besitzen oder vernunftbegabt sind, denken kann, die man als »Menschen« bezeichnet oder bezeichnete. (Die Definition ist übrigens sicherlich ein Anlass zur kontroversen Diskussion, ist hier aber nur Mittel zum Zweck.)


• In diesem Sinne geht es eben nicht um eine rein sprachwissenschaftliche Betrachtung, die beispielsweise den Gebrauch des Wortes »man« einordnen will in den restringierten oder den elaborierten Code. Immerhin wäre es ein Zeichen von Sprachrestriktion ständig alles mit »man« zu pronominalisieren. Andererseits steht der Gebrauch für eine abstrakte Betrachtung, die dadurch auf eine eher geistige Elaboration schließen lassen könnte.

Doch sind dies für uns heute Kleinkriege. Es geht vielmehr darum, ob nicht bestimmte Menschen das Vermögen nicht mehr besitzen, die Dinge so auszudrücken, wie sie es vermitteln wollen. Da stehen die Probleme in Reih und Glied:

1. Wie drücke ich aus, was ich denke?
2. Wie drücke ich es so aus, dass es andere verstehen?
3. Welche Probleme treten noch bei der sprachlichen Verständigung auf?

→ Eben diese Probleme begründen das Verlangen nach einem »Neusprech«, einer Sprache ohne Nebenbedeutungen, so dass alle, die sich den Bedeutungen bewusst werden, adäquat miteinander kommunizieren können.

Man sollte sich gleichwohl keine Sorgen machen: Wofür es keinen Ausdruck gibt, erscheint einer. Da die Annahme ziemlich einem seltsamen Bild der Sprache anhängt, sollte jedem bewusst sein, dass Sprachen nicht einfach immer da waren, sie haben sich genauso entwickelt, was bedeutet, dass irgendwann jemand irgendwelche Bezeichnungen für Begriffe erfand, die vorher so nicht bezeichnet wurden, aber der vorherige geringe Wortschatz konnte ihn eben nicht restringieren.


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01.08.2015 um 14:19
@Abd-Abeo
Du meinst also, dass das Ziel welches in 1984 mit der Wortreduktion erreicht werden soll, nämlich das Denken einzuschränken, nicht eintreten würde? Weil man immer noch das was man sagen möchte umschreiben könnte. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das auch bei jeder Thematik möglich wäre. Ich gehe hier auch nicht davon aus, dass materielle Bezeichnungen gestrichen würden, sondern ideelle.
Wie zB willst du etwas umschreiben, dessen Definierung du nie kanntest.
Ich denke viele kennen es, ein Gefühl zu haben, welches man weder umschreiben kann, noch klar zu den vielen Bezeichnungen von Gefühlen, die wir in unserer Sprache haben, zuordnen kann.


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01.08.2015 um 20:20
@Dziuny

Ich verstehe dein Problem daran, aber es wirkt eher in 2. Instanz nach einem sprachlichen Problem.
Es ist ein Problem des Begreifens. Es klingt hart, ist es aber nicht: Was ich nicht begreife, kann ich nicht bezeichnen. Oder, wie viele es als Formulierung kennen: Worüber ich nicht reden kann, muss ich schweigen. Muss ist auch tatsächlich so gemeint.

Wenn ich ein Gefühl nicht »anders« beschreiben kann, als es zu bennennen, dann kann ich es genauso wenig erklären, definieren, eben explizieren und damit aus seiner Vagheit heraus holen.

Das Gefühl »Schotteldickel« beispielsweise kann kein Mensch verstehen, wenn er es nicht beschreiben kann. Wenn ich aber »Schotteldickel« als Bezeichnung für Angst mit einem ständigen Auftreten des Lachens benutze, kann jeder verstehen, was gemeint ist und nun ebenso den
Begriff damit bezeichnen. Wenn ich aber schon den Teil mit der Angst nicht verstehe, habe ich kein Problem mit der Sprache, sondern viel mehr mit dem Verstand selbst.

Ausflucht: Die Sprache ist so reduziert, dass die Menschen so gut wie nichts ausdrücken können. Aber das kann ich aus den dargelegten Gründen eben keineswegs nachvollziehen.
»Wie will ich etwas umschreiben, dessen Definition ich nie kannte?«
— Ich will die Wirkung der Sprache auf unser Denken und unser Vermögen von der Sprache her Gedanken zu produzieren nicht besprechen, da ich glaube, dass es zwar interesannt ist, hier aber eben nicht essentiell ausschlaggebend sein kann bzw. sollte. Auf deine Frage bezogen: Es ist der umgekehrte Weg. Mit »etwas« meinst du einen Begriff und der wird einem verstandesmäßig bewusst, wenn ich ihn von anderen Begriffen definiere (abgrenze). Ich kann aber etwas nicht sprachlich um-schreiben (Synonyme benutzen, um die selben Begriffe zu formen, aber eben sprachlich anders ausgedrückt), wenn ich nie gewusst habe, WAS überhaupt gemeint ist.

Hieroglyphen geben uns dafür bestimmt eine Richtung: Wie soll ich mit anderen Hieroglyphen dasselbe (den Begriff) beschreiben, wenn ich nicht weiß, was die Hieroglyphen vorher bedeutet haben (im Sinne von den Begriff nie verstanden haben).


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04.08.2015 um 02:28
@Dziuny
Ein interessanter Gedanke. Viel spannender finde ich allerdings das eigentliche Gegenteil. Wörter zu erfinden um Dinge zu verschleiern.
Z.b. das Wort "Videoschutz"
neusprech.org


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04.08.2015 um 17:16
@McMurdo

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretmühle
• Verschleierungen durch Euphemismen kannte man schon in der NS-Diktatur mit Bezeichnungen wie »Endlösung«. Auch hier mein Problem: Das ist sprachwissenschaftlich, empirisch zu untersuchen. Da kann man Experimente machen, Befragungen usw.

Eine kognitive Degeneration wird allerdings durch Euphemismen oder Dysphemismen nicht erreicht.


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04.08.2015 um 18:19
@Abd-Abeo
Abd-Abeo schrieb:Eine kognitive Degeneration wird allerdings durch Euphemismen oder Dysphemismen nicht erreicht.
Richtig aber die Menschen werden getäuscht. Was ja auch nicht unbedingt positiv zu sehen ist.


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Wohin führt eine Reduktion von Wörtern?

04.08.2015 um 18:31
@McMurdo

Die »Täuschung« ist einerseits relativ und andererseits von Gedanken abhängig, nicht der Sprache.
Diejenigen, die die Namensreferenz von »Videoschutz« als adäquat empfinden, da es Schutz durch Videos sei (und nicht für), empfinden die Bezeichnung, das Wort, als ebenso passend.

Andere jedoch werden dies nicht akzeptieren können, aber NUR weil es ein sprachliches Konstrukt ist. Normalerweise können wir nicht wissen, was ein Wort bedeutet, wenn wir es nie gehört haben. Bei »Videoschutz« komischerweise doch, aber das liegt daran, dass wir selbst in der Lage sind, gedanklich zu derivieren, indem wir die Konstituenten (»Video« sowie »Schutz«) miteinander begrifflich in Verbindung bringen.

So auch Konstruktionen wie »Philosophieecke«, »Kommunikationsessen« oder »Wortwasserfall«.
Um das Wort »Videoschutz« streitet man sich nur wegen der Verbindung von alten Begriffen zu einem neuen Begriff, das etwas bezeichnet (das Wort natürlich), was eventuell in erster Linie nicht »Schutz« genannt werden sollte.

• Das hat mit dem Thread aber nichts in erster Instanz zu tun, weil die Assoziation eine andere ist. Immerhin sind auch taube Menschen nicht doof, da die Etymologie sagt, dass »doof« als älteres Wort für Taube benutzt wurde, welches dann auf »Doofe« übertragen wurde, weil sie genauso taub bzw. doof sein sollten wie die Tauben. Da ist heute nichts mehr von übrig.


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Wohin führt eine Reduktion von Wörtern?

04.08.2015 um 18:50
Eine Reduktion von Wörtern würde ganz sicher nicht zu einer Einschränkung des Denkens führen, so wie es in "1984" versucht wird. Wenn dem Menschen etwas wichtig ist (z.B. ein bestimmtes Gefühl), dann kann er auch darüber sprechen, wenn er es möchte. Wenn es dafür (noch) kein Wort gibt, dann wird er es umschreiben. Etwa so, wie ein Mensch vor 150 Jahren ein Auto "Kutsche, die ohne Pferde fährt" hätte nennen können. Das Gleiche gilt natürlich auch für Gefühle: "Ich bin von dir enttäuscht", könnte man durch "Ich bin traurig, weil du nicht XY getan hast" umschreiben. Mit dieser Umschreibung hätte man durch den Zwang, den Grund für die Traurigkeit hinzuzunehmen, sich sogar noch klarer ausgedrückt als mit dem simplen "Ich bin enttäuscht." Und eine Umschreibung wie "Kutsche ohne Pferde" zwingt den Gesprächsteilnehmer, besser aufzupassen, weil er erst herausfinden muss, was damit gemeint ist, was beim Begriff "Auto" nicht der Fall ist.
Es ist meiner Meinung nach (und zum Glück!) nicht möglich, Denken durch die Manipulation der Sprache zu manipulieren. Zumal Begriffe, die es noch nicht gibt, sowieso neu erfunden werden, wenn sie irgendwann benötigt werden.

Ich habe von dieser Theorie von restringiertem und elaboriertem Code noch nie etwas gehalten, obwohl wir das im Unterricht durchgenommen haben. Meine Großeltern gehörten zur Unterschicht, konnten sich aber trotzdem vernünftig ausdrücken. Ich hatte das Gefühl, mit dieser Theorie würden einerseits die Angehörigen der Unterschicht (wie meine Großeltern) diskriminiert und andererseits versucht, einen künstlichen Keil zwischen den Menschen zu sehen, der gar nicht wirklich existiert.


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