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Antisemitismus?!?!: Recherche zu Quelltexten und Interpretationen

2 Beiträge, Schlüsselwörter: Gott, Glauben, Judentum, Antisemitsmus, Judenhass, Jüdische Hermeneutik
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Antisemitismus?!?!: Recherche zu Quelltexten und Interpretationen

03.04.2019 um 20:08
"Den Talmud dürfe und wolle man nicht kritisieren. Selbst Luther habe "darauf" aufmerksam gemacht.", so lauten nicht selten sinngemäß die Anmerkungen von islamischen Fundamentalisten. Erfahrungsgemäß wird dazu auch gerne eine u.a. juristische "Gebrauchsdefinition" der Wortkonstruktionen "Antisemit" und "Antisemitsmus" hinsichtlich einer täuschenden Präzision angeprangert.

So sollen die Juden ihre "faschistoide Glaubenslehre" vor Nicht-Juden strategisch geheim halten wollen, die sogar nämlich auch durch einen Vers im Talmud, der so lauten sein will: ""Wenn sich ein Nichtjude mit der Thora befaßt, so verdient er den Tod." (Synhedrin 59a)", hervorgehe, wodurch sich die Ungerechtigkeit gleichsam durch ihre perfideste Art und Weise verdeckt und immunisiert auf der Welt durchsetzen könne. Eine beobachtbare theologische Verschwiegenheit der vereinheitlichten Menschengruppe "Juden" sollen nicht ferner diese Annahmen auf Seiten der Kläger untermauern können.

Bei meiner Internet-Recherche hinsichtlich dieser Vorwürfe bin ich leider schon direkt zu Beginn auf Internetseiten gestoßen, die eine Zusammenstellung von Versen angezeigt haben, die mit Quellenangaben auf eine deutsche Talmud-Übersetzung 1 verweisen mögen, welche von dem Sprachwissenschaftler Utz Maas im Kontext des Talmud-Übersetzers Lazarus Goldschmidt mit folgenden Worten 2 beschrieben wird:
Seine be­kannteste Leistung stellt wohl die Talmud-Übersetzung dar, an der er seit 1896 arbeitete, zunächst bemüht um eine kritische Texther­stellung (»Der babylonische Talmud [Text nach der editio princeps] mit Varianten nebst Übersetzungen und Erklärungen«).[5] Er betont bei der Ausgabe, daß er hier den vollständigen Text bietet, einschließlich der von der Zensur (sei es jüdischer oder christlicher) gestrichenen Textstellen. Leitend für seine Arbeit war dabei seine Haltung als gläubiger Jude, für den der Talmud eine lebendige Überlieferung darstellte. Das brachte ihn in (von beiden Seiten polemisch ausgefochtene) Konflikte mit der positivistischen Philologie, die den Talmud distanziert als Gegenstand für die etablierte quellen­kritische Methode behandelte (s. etwa die Kritik an G. von seinem »aufgeklärt«-positivistischen Gegenspieler Jakob Fromer in dessen Broschüre »Geschichte eines Lebenswerkes«).[6]
Interessanterweise habe ich keinen dieser Zitate in den "Zensur-freien" Talmud-Übersetzungen (Archiv.org) von Lazarus Goldschmidt finden können, wohl gemerkt auch, weil einige Bände im Internet nicht auf Anhieb aufzufinden gewesen sind. Die Webseiten, die scheinbar nicht nur aufgrund ihrer kontextfreien, historisch-philologisch unfundierten hermeneutischen Vorgehensweise propagandistische Intentionen vorzuwerfen sein wollen können möchten, werden von z.B. einem Autor, der sich unter "Rainer Grieben" zu identifizieren gibt, auf einer Webseite mit dem Titel "Holocaust-Referenz - Argumente gegen Ausschwitzleugner" folgendermaßen rezensiert3:
Mein lieber "Fred Molnar", fassungslos macht Ihre Frechheit, aus bekannten antisemitischen Vorlagen wie der vom ominösen Baron Luzsenszky abzuschreiben und die Quelle nicht anzugeben! Sich scheinheilig auf die Goldschmidtsche Talmudübersetzung zu berufen (was übrigens auch der Lügenbaron schon tat), schlägt dem Faß den Boden ins Gesicht und ist entweder Ursache einer grenzenlosen Borniertheit oder aber Ihrer Dummheit zuzuschreiben, anzunehmen, die Fälschung bliebe unentdeckt.
Beispielhafter Auszug der Zusammenstellung der "Talmud"-Zitaten Fred Molnars":
"Die Güter der Nichtjuden gleichen der Wüste, sie sind ein herrenloses Gut und jeder, der zuerst von ihnen Besitz nimmt, erwirbt sie." (Baba bathra 54b)
"Dem Juden ist es erlaubt zum Nichtjuden zu gehen, diesen zu täuschen und mit ihm Handel zu treiben, ihn zu hintergehen und sein Geld zu nehmen. Denn das Vermögen des Nichtjuden ist als Gemeineigentum anzusehen und es gehört dem ersten [Juden], der es sich sichern kann." (Baba kamma 113a)
"Wenn sich ein Nichtjude mit der Thora befaßt, so verdient er den Tod." (Synhedrin 59a)
"Die Wohnung eines Nichtjuden wird nicht als Wohnung betrachtet." (Erubin 75a)
"Den besten der Gojim sollst du töten." (Kiduschin 40b)
(Aus sicherheitsgründen keine Quellenangabe!)


Bemerkenswert finde ich allerdings, dass - anders als bei "Rainer Griebens" Analyse - zufolge des Internet-Forums "Politikforen.net" auf all jene aneinandergereihten Zitate des angeprangerten "Fred Molnars" eingegangen sein möchte, wobei "Fred Molnars" Quellenangaben zum Teil, wenn nicht sogar überwiegend authentisch seien. Bei den Stellungnahmen handelt es sich zumindest auf dem ersten Blick, um theologische oder zumindest kritiklose Erläuterungen zum Gegenstand. So lässt sich aus dem Beitrag des Users "Siran" z.B. Folgendes entnehmen:
Wenn sich ein Nichtjude mit der Thora befaßt, so verdient er den Tod. (Synhedrin 59 a)
Der Satz existiert tatsächlich, allerdings fehlt der Kontext. Es geht in Synhedrin 59a um ein Streitgespräch zwischen zwei Rabbis, ob ein Nichtjude die Thora lesen sollte oder nicht. Der zitierte Satz ist die Ausgangsaussage des einen, aber nicht das, was schlussendlich als Entscheidung herauskommmt. Einem Nichtjuden ist es selbstverständlich erlaubt, die Thora zu lesen.

Den besten der Gojim sollst du töten. (Aboda zara 26 b, Jad chasaka 49 b, Kidduschin 40 b, u. 82 a, Mechita 11 a)
Die Stelle behandelt die Frage, ob einem Nichtjuden die ärztliche Behandlung eines Juden erlaubt ist, was es ist übrigens ist, wenn kein jüdischer Arzt verfügbar ist, dass man da irgendwelche Leute umbringen darf, steht nicht drin.

Man soll nicht einen Nichtjuden an seinem Feste besuchen und ihn begrüßen; wenn man ihn auf der Straße trifft, so grüße man ihn leise und schwerfällig. (Gittin 62 a)
Das bezieht sich darauf, was der Jude während des Sabbats machen soll, wenn ich den Text richtig verstanden habe, nicht auf den normalen Umgang mit ihnen.

Die Wohnung eines Nichtjuden wird nicht als Wohnung betrachtet. (Erubin 75 a)
Da geht es um irgendetwas technisches, ob etwas, was in einem Schrank steht, wenn keine Schlüssel dafür vorhanden ist, dennoch gültig ist oder nicht. Die Nichtjuden werden gar nicht erwähnt.

Weshalb sind die Nichtjuden schmutzig? Weil sie am Berge Sinaj nicht gestanden haben. Als nämlich die Schlange der Chava [Eva] beiwohnte, impfte sie ihr einen Schmutz ein; bei den Jisraéliten, die am Berge Sinaj gestanden haben, verlor sich der Schmutz, bei den Nichtjuden aber verlor er sich nicht. (Schabbath 146 a siehe auch Aboda zara 22 b)
Quelle:

Leider haben meine Untersuchung zu anderen Ergebnissen geführt. Aus den folgenden Quellen von "archive.org" habe ich jene Zitate des "Fred Molnars" nicht wiederfinden können. Des Weiteren habe ich nicht näher untersucht, welche ideologischen Hintergründe der User "Siran" oder die Plattform "Politikforen.net" tendenziös beziehen könnten.

Bemerkenswert finde ich allerdings aber, dass ich bei der Recherche von Talmud-Online-Materialien auf Anhieb nur eine kostenfreie englische Talmud-Übersetzung von Sefaria erhalten habe, die sich natürlich oder zumindest im Wortlaut vollkommen von den angegebenen, sehr einschlägigen "Talmud"-Zitaten des "Fred Mollnars" unterscheidet.

Auf Facebook habe ich von einem Autor, der sich als "Alexander E. Schröpfer" zu erkennen geben möchte, Folgendes 4 gefunden:
Von den folgenden im Internet kursierenden Talmudzitaten wird manchmal behauptet, sie seien gefälscht oder aus dem Zusammenhang gerissen. Um das aufzuklären, sind hier einmal die Quellenangaben der einzelnen Sprüche mit Scans der entsprechenden Seiten des Talmud der Hamburger Staatsbibliothek (Lesesaal H Jud 44/3 - Stand 21.01.08) verlinkt. Meine Quelle für die Zitate war ein Usenetposting von Fred Molnar.
Die meisten Zitate konnte ich zumindest sinngemäß wiederfinden. Sie wurden nach meiner Einschätzung einmal aus einer Auslegung oder Zusammenfassung des Talmud entnommen. Erfälscht sind sie jedenfalls nicht.

"Wenn jemand wünscht, daß seine Gelübde des ganzen Jahres nichtig seien, so spreche er am Beginn des Jahres: jedes Gelübde das ich tun werde, ist nichtig; nur muß er beim Geloben daran denken."
Nedarim 23b
Das Zitat ist richtig.

"Die Güter der Nichtjuden gleichen der Wüste, sie sind ein herrenloses Gut und jeder, der zuerst von ihnen Besitz nimmt, erwirbt sie."
Bababathra 54b
Das Zitat ist auch richtig. Hier ist ein Anwendungsbeispiel.
Bemerkenswert mag auch hier sein, dass keines dieser Verlinkungen bei mir funktioniert.

Die Online-Suche nach weiteren direkten Stellungnahmen von jüdischen Lehren und Theologen bezüglich dieser "Talmud"-Zitate des "Fred Molnars" haben kaum zufriedenstellende Ergebnisse für mich abliefern können, da kaum Materialien gefunden worden sind.




Über Meinungen, Erklärungsansätze oder weiteren Informationen zu den dargestellten Sachverhalten, dazu auch hermeneutische Vorgehensweisen sowie historische Entwicklungsprozesse diverser innertheologischen Debatten, Interpretation des aktuellen Forschungstandes diverser Wissenschaftsperspektiven, Jüdischer Theologie oder auch propagandistischer Bewegungen würde ich mich freuen.

- Hat jemand Zugang zu authentischen Quellenmaterialien der Lazarus Schmidts Talmud-Übersetzung?
- Kann jemand die Aussagen des bestätigen?
- Kann jemand innertheologische Positionen von jüdischen Theologen zu diesen Vorwürfen teilen?
- Welche Ausblicke liegen für Antisemitsmus-Definitionen vor?
- Wie lässt sich das Phänomen "Fred Molnar" reflexiv neben Bewegungen wie "Erich Glagau, Jan van Helsing, Norbert Steinbach, Nolde" rekonstruieren und kategorisieren, wenn gemeinsame Merkmale vorlägen?
- Wie können die Spannungen aus Seiten islamischer Bewegungen aufgeklärt werden?



Viele Grüße
LadyKonan


_______
1 Wikipedia: Gesamtverzeichnis_der_deutschsprachigen_Talmudausgabe
2 http://zflprojekte.de/sprachforscher-im-exil/index.php/catalog/g/228-goldschmidt-lazarus
3 https://www.h-ref.de/antisemitismus/talmudfaelschungen.php
4 https://www.facebook.com/notes/alexander-e-schröpfer/wichtige-zitate-v-talmudzitate/557881217594271/


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Antisemitismus?!?!: Recherche zu Quelltexten und Interpretationen

03.04.2019 um 21:08
Ladykonanx3 schrieb:- Kann jemand die Aussagen des Link deaktiviert bestätigen?
Unbenannt-siran.

Unbenannt1.


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