behind_eyes schrieb:die niemand forciert hat sondern
Zumindest nicht absichtlich. Aber der Zwang das Humankapital als Produktionsmittel zu verstehen, verlangte vom einfachen Arbeiter sich den Umständen anzupassen. Also wie eine indirekte Forcierung. Bevor es den regulären 8-Stunden-Tag gab, war es den Arbeitgebern nun mal egal, wie die Arbeitnehmer zu ihren Ruhephasen kommen. Diese hatten aber keine andere Wahl, als das letzte bisschen Zeit, das ihnen blieb, mit Schlaf zu füllen. Da die Maschinen aber damals begannen rund um die Uhr zu laufen, musste der Arbeitnehmer seine Ruhezeit anders gestalten. Teilweise tagsüber, teilweise gestückelt. An einen erholsamen Schlaf ließ sich allein wegen des massiven Energieverlusts im Körper kaum denken.
Menschen begannen von der Erfüllung der Arbeitsaufgaben zu träumen und waren schon beim Aufwachen belastet. Sie wachten auch mitten im Schlaf auf, weil unsere Körper nun mal in Wellenfunktionen agieren und nicht nach hart abgeschnittenen Zeiträumen. Wir denken ja in unserer Freizeit auch immer wieder an die Arbeit. Das ist bei einem viel längeren Arbeitstag aber noch viel häufiger und intensiver gegeben. Der Körper reaktiviert sich bei solchen Gedanken und reißt sich selbst aus Ruhephasen raus.
Erst mit Etablierung immer ausgefeilter Arbeitnehmerrechte wurden gesundheitliche Aspekte in den Vordergrund gerückt. Für die Arbeitnehmer bedeutete es, dass ihr Humankapital (die menschliche Maschine) länger laufen konnte, ohne krank/kaputt zu werden. Für den Arbeitnehmer hingegen änderte sich nicht so viel, da die Nettoarbeitszeit (also die Menge der Aufgaben innerhalb der Gesamtarbeitszeit) komprimiert wurde. Wer sich tagsüber viel beschäftigt, dessen Gehirn und Körper funktioniert auch nachts noch aktiver weiter. Wir arbeiten zwar weniger Zeit als früher, aber mehr Aufgaben ab. Die Intensität ist gesteigert. Und je komplexer und energiezehrender die Arbeit ist, desto problematischer ist es für die Ruhephase.
Der ganze Text mal kurz gefasst: Man kommt einfach nicht mehr runter. Selbst wenn man sich dem nicht bewusst ist, denkt man ständig an die Arbeit. Und das gabs vor der Industrialisierung nicht. Da gab es keine direkte Kündigung. Man hat geschuftet, war aber abgesichert. Sozial und
in gewissem Rahmen sogar wirtschaftlich. Man brauchte nicht Angst haben, dass einem einfach so gekündigt wird. Das Leben war strikt durchgeplant. Vom Anfang bis zum Ende blieb man meist am gleichen Ort, man wurde verheiratet und es gab noch nicht mal exakt abgeschnittene Uhrzeiten, an die man sich beruflich gerichtet hatte. Man ging morgens zur Arbeit, war irgendwann auch wieder sicher Zuhause, das meist fast nebenan lag. Das gab eine gewisse Sicherheit. Auch für unser Gehirn. Und wir konnten gut schlafen.
Dieser Schlaf wurde, wie du schon sagst, von einer längeren Pause unterbrochen. Für die Menschen vor der Industrialisierung war das normal. Man ging eine Kleinigkeit essen, meist in der Gemeinde. Man betete oder unterhielt sich mit anderen. Vielleicht ist also die Pause, die manche von uns heute erleben auch eine ganz gesunde Sache? Wer weiß? Und vielleicht wird uns nur eingeredet, man müsse straight 8 Stunden durchschlafen, damit es gesund wäre? Denn genau genommen gibt es keine ideale Schlafzeit. Die ist eher individuell abgestimmt. Jeder Mensch hat einen anderen zirkadianen Rhythmus. Unser Gehirn unterscheidet noch nicht mal zwischen Tag und Nacht bei den REM-Phasen. Diese sind eher abhängig von Tagesaktivität und entsprechenden Ruhephasen. Es wäre also durchaus möglich, den Schlaf auch tagsüber zu staffeln, wie alle 4 Stunden für 2 Stunden lang zu schlafen. In diesem Zeitraum können ein bis zwei REM-Phasen und mindestens eine Tiefschlafphase eintreten. Allerdings ist kaum möglich, weil man ja tagsüber irgendwas erledigen will. Das ist auch kein Powernapping, das wesentlich kürzer ist und somit die REM-Phase nur manchmal etwas anschneiden kann.
Was genau also "richtiger" Schlaf ist, lässt sich gar nicht mit Bestimmtheit sagen. Es gibt sogar kulturelle Unterschiede. Aber was die Menschen in Bezug auf Schlaf krank macht, ist eindeutig Überlastung im Alltag. Liegen wir nachts wach, ist es an sich nicht schlimm. Unser Körper empfindet es oft als dösigen Schlaf, während unser Bewusstsein noch wach ist und wir uns ärgern, dass wir nicht schlafen. Und das, während wir im Halbschlaf sind. Aber wenn diese Wachphase nachhaltig müde macht, man sich morgens nicht erholt und wie gerädert fühlt, dann sind diese Schlafpausen echt problematisch und man muss halt schauen, welche Ursachen das im Alltag haben könnte.
Verdammt, so viel wollte ich gar nicht schreiben.
:D