Das "Handelsblatt" hat nun auch einen redaktionellen Kommentar zur Hanning-Affäre, bzw zur Problematik, die diese ausgelöst hat, veröffentlicht:
Gastkommentar:
"Der BND muss verlorenes Vertrauen wieder aufbauen. Nachrichtendienste leben von der Kooperation untereinander."
Die Verhaftung des Ex-BND-Chefs belastet das, meinen Dennis-Kenji Kipker und Michael Littger vom Cyberintelligence Institute.
23.10.2026 - 17:22 Uhr (keine Paywall)
Die beiden Autoren gehen wenig auf die Causa Hanning selbst ein. Dieser Kommentar im "Handelsblatt" zeigt die (bekannten) Probleme auf:
Zugleich steigt das Risiko von Menschen in Leitungsfunktion, die über umfassende Einsichten verfügen und über Jahre persönliche Beziehungen zu Wissensträgern aufbauen. Je höher eine Person in der Hierarchie aufsteigt, desto komplexer wird das Spannungsverhältnis zwischen geregelter Sicherheit und menschlicher Loyalität.
Davor schützen laut den Autoren auch nicht "umfassende Sicherheitsüberprüfungen, technische Barrieren und geregelte Zugriffsrechte."
Der Artikel schlägt den Bogen von diesen Problemen, mit denen sich Nachrichtdienste auseinandersetzen, zu vergleichbaren personellen Herausforderung, vor denen Unternehmen stehen, die die Balance zwischen Kontrolle und Vertrauen zu Führungskräfte halten müssen.
Insofern ist das "Problem Hanning/BND" auch ein generelles Problem, das sich auf Wirtschaft und Unternehmertum übertragen läßt.
Der Artikel ist angenehm zu lesen. Beide Autoren sind bekannt und ihre Analyse treffend. Die Autoren:
Dennis-Kenji Kipker ist Professor für Cybersicherheit und wissenschaftlicher Direktor der unabhängigen privaten Forschungseinrichtung Cyberintelligence Institute (CII) und Michael Littger ist Strategiedirektor am CII.
https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-der-bnd-muss-verlorenes-vertrauen-wieder-aufbauen/100263336.htmlUnter dem Spoiler ist ausnahmsweise der gesamte, relativ kurze Artikel
:) Lesenswert, weil er sich nicht auf die Akteure oder die Tat konzentriert, sondern auf die Allgemeingültigkeit des Problems, das die Krise ausgelöst hat.
Spoiler
Der BND muss verlorenes Vertrauen wieder aufbauen
Nachrichtendienste leben von der Kooperation untereinander. Die Verhaftung des Ex-BND-Chefs belastet das, meinen Dennis-Kenji Kipker und Michael Littger vom Cyberintelligence Institute.
23.10.2026 - 17:22 Uhr
Die Festnahme des früheren BND-Präsidenten August Hanning belastet das Vertrauen in den Bundesnachrichtendienst. Gegen Hanning wird wegen des Verdachts des versuchten Landesverrats und weiterer staatsgefährdender Delikte ermittelt. Es gilt die Unschuldsvermutung, das Vertrauen ist dennoch bereits beschädigt.
Das ist fatal, denn Nachrichtendienste leben vom Vertrauen darauf, dass sensible Informationen dort geschützt sind. Das gilt vor allem für die Kooperation verschiedener Dienste miteinander.
Nachrichtendienste sind auf den Austausch sensibler Informationen angewiesen, sie sind die Geschäftsgrundlage jeder Zusammenarbeit. Wer einem Partner Erkenntnisse überlässt, muss sicher sein können, dass sie geschützt bleiben.
Gerät diese Verlässlichkeit in Zweifel, wird die Weitergabe zum Risiko. Partner müssen abwägen, welche Informationen sie noch teilen können, ohne Quellen und Operationen zu gefährden. Werden sie zurückhaltender, verliert der BND womöglich Erkenntnisse, die er selbst nicht beschaffen kann.
Die Bundesregierung will Deutschland resilienter gegen Gefahren von innen und außen aufstellen. Im August hat das Kabinett dafür den Gesetzentwurf zur Reform des Nachrichtendienstrechts beschlossen, der jüngst Gegenstand einer Anhörung im Innenausschuss des Deutschen Bundestags war.
Geheimschutz muss Teil der BND-Reform werden
Der Gesetzentwurf sieht vor, dass der BND künftig mehr Befugnisse erhält und operativ auf Augenhöhe mit seinen ausländischen Partnern agieren kann. Die Geopolitik und der wachsende Druck von außen machen diese Stärkung erforderlich.
Mit den neuen Befugnissen und deren Kontrolle wird auch der Schutz der Informationen neu zu bewerten sein, die der BND künftig gewinnt und mit Partnern austauscht. Die zentrale Erkenntnis aus dem Fall Hanning lautet: Geheimschutz muss Teil der Reform werden. Sie kann nicht bis zur Aufarbeitung eines möglichen Geheimnisabflusses warten.
Welche Schutzmechanismen im konkreten Fall versagt haben und reformbedürftig sein könnten, werden die Ermittlungen zeigen. Der BND verfügt bereits über umfassende Sicherheitsüberprüfungen, technische Barrieren und geregelte Zugriffsrechte.
Sie erschweren Nachlässigkeit und können Missbrauch sichtbar machen. Sie können aber keine lebenslange Loyalität garantieren.
Zugleich steigt das Risiko von Menschen in Leitungsfunktion, die über umfassende Einsichten verfügen und über Jahre persönliche Beziehungen zu Wissensträgern aufbauen. Je höher eine Person in der Hierarchie aufsteigt, desto komplexer wird das Spannungsverhältnis zwischen geregelter Sicherheit und menschlicher Loyalität.
Anders formuliert: Scheidet ein Präsident aus dem Amt, lassen sich zwar Zugriffsrechte entziehen. Loyalitäten, Erfahrungen und Kontakte bleiben aber bestehen.
Schaden vermeiden ohne Generalverdacht
Vertrauen ist und bleibt eine unverzichtbare Voraussetzung. Eine Organisation muss aber auch darauf vorbereitet sein, dass eine Vertrauensbeziehung scheitert oder Befugnisse missbraucht werden.
Eine resiliente Organisation muss damit rechnen, dass Menschen ausfallen oder Vertrauen enttäuschen. Sie muss einen möglichen Schaden präventiv vermeiden, ohne einen Generalverdacht gegen alle Mitarbeiter auszusprechen.
Diese Herausforderungen gelten nicht nur für Nachrichtendienste. Jedes Unternehmen muss das Risiko managen, dass Stabsstellen und Führungskräfte während und nach ihrer aktiven Zeit die Vertraulichkeit verletzen. Unternehmen müssen daher wissen, wo sich kritisches Wissen konzentriert und welche Zugänge tatsächlich notwendig sind, welche technischen und organisatorischen Vorkehrungen nottun und welches Restrisiko vertretbar ist.
Übergaben und regelmäßige Zugangsprüfungen sollten nicht als Ausdruck pauschalen Misstrauens gewertet werden. Als sinnvolle Bausteine einer resilienten Governance können sie verhindern, dass die Sicherheit einer Organisation von einzelnen Personen abhängt.
In Bezug auf die aktuelle Reform des BND wird es darauf ankommen, dass ein vertrauensvoller Austausch auf Augenhöhe mit seinen Partnern gewährleistet ist. Das durch Verhaftung des ehemaligen Präsidenten beschädigte Vertrauen muss wieder aufgebaut werden.
Dafür braucht es neue Fähigkeiten. Dazu gehören ein belastbarer Prozess, wie Organisationen mit Sicherheits- und Compliance-Risiken in den eigenen Reihen umgehen – das sogenannte Insider-Risikomanagement –, sowie ein strukturiertes Verfahren für Mitarbeiter, die den Nachrichtendienst verlassen. Zudem muss die Sicherheit derjenigen gewährleistet sein, die die Informationen anvertrauen.
Die Leistungsfähigkeit eines Nachrichtendiensts bemisst sich vor allem an der Qualität seiner Partnerschaften. Der Schutz dieser Informationen ist deshalb keine Randfrage der politischen Reform, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Reform wirkt.