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Warum suchen Leute freiwillig den Kontakt zu Mörder*innen in der JVA

56 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Persönlichkeiten, gefährlichen, hingezogen ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Warum suchen Leute freiwillig den Kontakt zu Mörder*innen in der JVA

25.05.2026 um 20:22
Solche Leute können ja durchaus auch charismatisch sein (nicht alle, aber ...). Da ist es doch bissl wie im Zoo, wenn ich den Tiger nur durch das Glas sehe, dann ist es okay, ich habe ja keine Verantwortung, andere Leute kümmern sich und ich habe ein kontrolliertes "exotisches" Erlebnis. Bei meinen Bekannten war es nur dann irgendwann so, dass der Tiger auf dem Sofa saß und sie sich eingestehen mussten, dass der nette freundliche Mitarbeiter der erste Wochen, der so bemüht und freundlich war, auch eine sehr sehr dunkle Seite hatte.

Vermutlich ist es daher auch interessanter, sich mit Todestrakthäftlingen in den USA zu verbinden, die sitzen wenigstens nicht irgendwann wegen guter Führung auf dem eigenen Sofa.


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Warum suchen Leute freiwillig den Kontakt zu Mörder*innen in der JVA

26.05.2026 um 21:28
@MissMary
Du kannst so oder so nicht beeinflussen ob du nicht schonmal mit jemanden mit diesen Problematiken in Kontakt kamst oder kommst. Daher ist es eigentlich egal.
Übrigens Zoo ist zoo und kein Gefängnis. Im letzteren leben nämlich Menschen und keine Tiere.


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Warum suchen Leute freiwillig den Kontakt zu Mörder*innen in der JVA

27.05.2026 um 17:47
Ich finde die Frage schon falsch gestellt. Dort wird die Rolle der Person hinter Gittern festgelegt bzw. reduziert auf das Verbrechen. Mag sein, dass manchen das einen Kick gibt. Aber ich glaube eher, dass das eine Minderheit ist. Mich persönlich macht Mord, ein Gewaltverbrechen überhaupt nicht 'an', ganz im Gegenteil. Ich verabscheue Mord und Gewalt, und deswegen freue ich mich auch als Teilnehmer des Kriminalfälle-Unterbereichs, wenn Morde auch nach Jahrzehnten noch aufgeklärt werden.

Was mich allerdings sehr interessiert, und da muss ich ausweichen auf die USA, da es das hier nicht gibt, sind extrem harte Strafen wie Todesstrafe und lebenslängliche Haftstrafen (im Sinne von: bis zum Tod) bzw. extrem lange Haftstrafen (40 oder 50 Jahre). Interessiert, weil ich sowas inhuman, ja als Folter sehe. Mit der Sichtweise bin ich auch keineswegs allein.

Aber um hier nicht off-topic zu werden: ich selbst stehe in Kontakt, ja möchte sagen, bin befreundet mit einer Frau aus den USA, die ein Life without Parole (LWOP) 'absitzt'. In einem Bundesstaat, wo es genau das heisst, nämlich: sie wird wahrscheinlich im Gefängnis sterben (es gibt eine winzige statistische Wahrscheinlichkeit der Commutation ihres Urteils im niedrigen einstelligen Prozentbereich, und dann oft erst nach 40+ Jahren Haft), sofern es keine Gesetzesänderung geben wird. In ihrem Bundesstaat gibt es sogar automatisch LWOP, wenn es sich um einen sog. Felony Murder (oder: 2nd degree murder) handelt. Also, selbst wenn eine Frau ihren toxischen Partner zum Verbrechen fährt und im Auto wartet, er unerwartet bei seinem Raub jemanden erschossen hat, was sie gar nicht wusste, bekommt sie die gleich Strafe wie der Mann. Allerdings scheint sich das gerade dieses Jahr durch den Supreme Court zu ändern. Aber nicht für 1st degree murder. In dem Bundesstaat konnten (bzw. mussten) bis vor gut einem Jahrzehnt selbst 14-jährige zu LWOP verurteilt werden. Auch das hatte dann der Supreme Court als unzulässig grausam aufgehoben. Es gibt einen bekannten Fall einer 14-Jährigen (!!), die deswegen zu '35 to life' verurteilt wurde (vor dem Supreme Court Urteil hätte sie LWOP bekommen, müssen!). Das heisst, sie kann nach 35 Jahren Haft zum ersten mal Parole beantragen. Ihre ersten Jahre bis zur Vollendung des 18. verbrachte sie in Solitary Confinement, weil sie als 'Kind' nicht mit den erwachsenen Frauen untergebracht werden sollte. Es sind diese grausamen Zustände, die mich umtreiben (was ich mit 'interessieren' meinte).

Meine Kontaktaufnahme ist rein humanistisch motiviert. Und, ich wollte dieses System auch von innen heraus 'kennen'lernen. Dabei war mir persönlich wichtig: Es sollte eine Frau sein (weil ich persönlich, als Mann, nie eine Brieffreundschaft mit einem Mann eingehen wollte; außerdem empfinde ich mehr Empathie bei einer Frau). Zweitens: das Verbrechen sollte schon lange (sagen wir 20+ Jahre) zurückliegen. Weil, ich bin ja nicht für Mord, aber nach dieser Zeit sehe ich einen Mord als ausreichend gesühnt an. Das gibt mir das Gefühl, ihre Tat völlig 'neutral' zu sehen (ohne sie gutzuheißen). Mit einer Narzisstin oder Psychopathin wollte ich mich natürlich auch nicht einlassen. Aufmerksam geworden bin ich über Projekte im Internet, in den sie aktiv mitarbeitet. Ich konnte Texte von ihr lesen. Erst dann habe ich den Kontakt aufgenommen. Sie sitzt seit 19 nun bald 25 Jahre im Prison, arbeitet dort als Mentorin und hat sich im Laufe der Jahrzehnte den höchst erreichbaren Wohnstatus erworben.

Um es ganz klar zu sagen: sie hat null Zugang zu Internet. Sie hat ein Tablet, das aber nur im internen Gefängnissystem vernetzt ist. eMessages werden nicht als Email versendet, sondern in kommerziellen, extrem eingeschränkten Systemen. Sie kann nicht von sich aus igrend jemanden eine Mail schicken. Jede Message (ihre und meine) werden nicht sofort zugestellt, sondern erst von AI geprüft, gegenbenfalls noch von Beamten in der Poststelle geprüft. Viele Themen oder Wörter sind nicht zugelassen und werden abgeblockt, und können als Verstoß gewertet werden, der sie in ihrem mühsam aufgebauten Status völlig zurückwirft. Das führt dazu, dass (zusätzlich zu der Zeitverschiebung) oft enorme zeitliche Pausen entstehen. Also, schnellmal im Chatmodus ein paar Emails hin und her, das geht absolut nicht. Eine eMessage kostet 25 Cent (etwa ein Stundenlohn im Knast), ist auf max. 2000 Zeichen beschränkt. (Das ist nicht viel!) Natürlich kann man mehrere Messages hintereinander senden. Das macht aber dennoch längere Texte recht unkomfortabel, zumal sie auf dem Tablet keine zusätzlichen Hilfsmittel zum Lesen der Texte hat. Sie kann ihre Messages auch nicht einfach ausdrucken. Bilder oder PDF Dateien können *nicht* angehängt werden. Wenn ich ihr ein Foto oder einen (handgeschriebenen) Brief schicken will, dann geht das an eine Zentrale in einem anderen Bundesstaat, wird dort eingescannt, und den Scan (oder evtl. auch einen Ausdruck davon) bekommt sie zugestellt. CDs oder mp3s kann ich ihr nicht schicken. Bücher, nur Taschenbücher von amazon.com oder einem anderen lizensierten (Groß-) Buchhändler. Es muss neu sein (nicht etwa über amazon Marketplace). Mit ihrem Tablet hat sie Zugriff auf gewisse Videos, Musikdateien, eBooks, aber auch recht eingeschränkt, gewisse Themen sind gar nicht abgedeckt, und zudem sehr (!) teuer. ähnlich teuer wie für uns Kindle etc., nur dass das für so eine Person viel mehr Geld ist und eigentlich nur mit finanzieller Unterstützung von außen finanzierbar ist. Es gibt die Möglichkeit von virtualen Visits, von denen sie monatlich ein kleines Kontingent hat, und so können wir über ein abgeschlossenes Zoom-System einmal im Monat miteinander sprechen und uns sehen, für 45 Minuten. Alles wird aufgezeichnet und abgehört. Es gibt strenge Regeln. Sie muss über einen alten Telefonhörer kommunizieren. Ich schreibe das hier so ausführlich, damit etwas mit den Mythen, wie es in so einem Knast aussieht, aufzuräumen.

Wenn ich mit der Frau spreche und sie sehe, denke ich: sie gehört da nicht hin. Sie spricht eloquent, gebildet, sie macht Studienabschlüsse im Knast, neben vielen anderen Programmen. Sie hat (wie viele Frauen in dem System) eine 2. Chance verdient. Was ist das für ein System, das das nicht zulässt? Sie werden vom System (und auch in großen Teilen der Bevölkerung) einzige auf ihre Tat reduziert.

Um schließlich nochmal genau die Ausgangsfrage zu beantworten: dieser Kontakt, unser Austausch, gibt mir viel zurück. Ich freue mich, diese starke Frau zu sehen und mit ihr gemeinsame 'Projekte' zu unternehmen. Und bitte: ich sehe in ihr keine Möderin.


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27.05.2026 um 18:14
Eins möchte ich noch ergänzen, die Zeit war schon abgelaufen. Aber weil das hier öfter erwähnt wird. Die Opfer/Opferfamilie habe ich nicht ausgeklammert. Im Gegenteil. Ich kann deren Leid nur zu gut verstehen. (Ich weiss, was es bedeutet, einen nahen, geliebten Menschen zu verlieren.) Aber ich bin der Meinung, aber einer gewissen Haftdauer haben die Opferangehörigen keinen weiteren Anspruch mehr auf eine weitere Bestrafung der Täterin. Die Täterin hat irgendwann ihre Tat verbüßt und hat ein Anrecht, Teil der Gesellschaft zu sein. Allerdings ist das in den USA ganz anders als in Deutschland: die Opferangehörigen können eine vorzeitige Begnadigung quasi per Veto unterbinden. Das darf in einem Rechtsstaat m. E. nicht sein. Schon per definitionem. Dazu ist der Staat mit seinen Gerichten da. Allerdings ist in den USA alles hochpolitisch. Verantwortliche Personen bei Fragen der Begnadigung sind meist politisch gewählt, und 'tough on crime' hat in den USA immer noch eine enorme Wirkung. ABER: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine begnadigte Liferin, nach mehr als 30 Jahren Haft, nochmal ein Gewaltverbrechen begeht, geht gegen null. Ist niedriger als bei einer x-beliebigen Person aus der Bevölkerung.


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27.05.2026 um 20:30
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:extrem lange Haftstrafen (40 oder 50 Jahre).
Ich finde das auch bescheuert. Da werden Haftstrafen von mehreren hundert oder gar tausend Jahren verhängt. Das ist doch ganz unrealistisch. Hier nur ein Beispiel:
40-mal Lebenslang: US-Amerikaner zu 4060 Jahren Haft verurteilt - DER SPIEGEL https://share.google/Jj4QzigyuAkb8z1iu



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27.05.2026 um 20:36
@redsherlock
Danke für deine toll gewählten Worte - ich unterschreibe ganz viel davon.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Meine Kontaktaufnahme ist rein humanistisch motiviert. Und, ich wollte dieses System auch von innen heraus 'kennen'lernen.
Ich konnte es leider nicht so gut formulieren.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Dabei war mir persönlich wichtig: Es sollte eine Frau sein (weil ich persönlich, als Mann, nie eine Brieffreundschaft mit einem Mann eingehen wollte; außerdem empfinde ich mehr Empathie bei einer Frau).
Schade, denn Männer freuen sich sehr wohl über Brieffreundschaften mit anderen Männern, sofern geklärt ist, dass es keine (ungewollte) romantische Absicht hat.
Mein (Brief-) Freund hatte auch einen Mann aus Kanada, der ihm lange geschrieben hat.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Zweitens: das Verbrechen sollte schon lange (sagen wir 20+ Jahre) zurückliegen. Weil, ich bin ja nicht für Mord, aber nach dieser Zeit sehe ich einen Mord als ausreichend gesühnt an. Das gibt mir das Gefühl, ihre Tat völlig 'neutral' zu sehen (ohne sie gutzuheißen).
Ich habe es ähnlich gehalten - plus - meine Einstellung ist, dass er ja bereits verurteilt ist - mit der härtesten Strafe, die es gibt (Death Penalty).
Ich fühlte mich nicht in der Rolle einer Richterin, denn dieser Part war bereits "erledigt".


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27.05.2026 um 23:24
Zitat von -Dandelion--Dandelion- schrieb:Danke für deine toll gewählten Worte - ich unterschreibe ganz viel davon.
Danke Dandelion. Ich hatte deinen Beitrag auch gelesen, der mir auch den Mut gegeben hat, hier darüber zu schreiben. Man hat immer das Gefühl, man müsse sich dafür entschuldigen. Ich finde es toll, was du gemacht hast. Du hast dem Mann sicherlich die letzte Zeit seines Lebens verbessert. Und ich bin sicher, du hast auch viel dadurch zurück bekommen. Weil, sonst macht man das ja nicht. (Meine Auffassung.)
Zitat von -Dandelion--Dandelion- schrieb:Schade, denn Männer freuen sich sehr wohl über Brieffreundschaften mit anderen Männern, sofern geklärt ist, dass es keine (ungewollte) romantische Absicht hat.
Klar. Aber ich kann besser mit Frauen sprechen. Jedenfalls über eher menschliche Themen. Obwohl ich natürlich auch sehe, dass Frauen mit ihrer Haft anders umgehen als Männer. Sie bilden oft 'Familien' im Knast. Und die Liferinnen verbindet dort oft ein großer Zusammenhalt, und sie nehmen oft eine wichtige Rolle im Gefängnis ein, sie sind dort die 'dienstältesten', die alles über das System wissen und Neuankömmlinge wie Töchter unter ihre Fittiche nehmen. Sie werden oft auch von der Gefängnisleitung geschätzt (man könnte auch sagen: ausgenutzt), weil sie als regulierende Faktoren in der Gefängnispopulation fungieren.
Zitat von -Dandelion--Dandelion- schrieb:Ich habe es ähnlich gehalten - plus - meine Einstellung ist, dass er ja bereits verurteilt ist - mit der härtesten Strafe, die es gibt (Death Penalty).
Ich fühlte mich nicht in der Rolle einer Richterin, denn dieser Part war bereits "erledigt".
Genau. Ich habe von vornherein klar gestellt, dass das für mich keine Rolle mehr spielt und sie mir nichts erklären oder sich rechtfertigen muss. Diese Einstellung ist auch nicht aufgesetzt. Ich habe das ja im Prinzip vorher schon beschrieben. Nebenbei, ich empfinde ein Urteil wie LWOP mindestens genauso hart wie das Todesurteil. Viele sagen bei LWOP auch 'Death by Incarceration'. Im Grunde ist es eine Todesstrafe. Es wird einem von vornherein gesagt: 'Egal, wie gut du dich bessern wirst, du kommst nie raus!' Ein großer Antiel der Lifer ist im jungen Alter (unter 20, unter 25) ins Gefängnis gekommen. Ihr Gehirn war noch nicht voll ausgereift. Und sie haben dann 50 Jahre oder so Haft vor sich. Die Menschen mit Todesstrafe sind natürlich auch hart dran: nicht nur, dass sie in der ständigen Gewissheit leben, getötet zu werden, nein, sie müssen nicht selten 20 oder 30 Jahre drauf warten. Und wenn dann die Todesstrafe doch ausfällt, haben sie nachträglich ein LWOP. Das ist ebenso grausam. Man hört manchmal, dass sich Lifer wünschten, sie wären zum Tode verurteilt worden. Nebenbei: zum Todeverurteilte werden juristisch noch sehr ausführlich überprüft. Lifer werden ziemlich schnell vergessen...


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27.05.2026 um 23:46
Nur als Ergänzung. Nicht dass jemand denkte, es handele sich hier um ein Randphänomen. In den USA gibt es knapp 200000 Lifer, davon knapp 7000 Frauen. Nur bei ca. 50% davon ist die Möglichkeit (!) einer 'Parole' mit eingebaut. Es gibt also genug Möglichkeiten, jemanden zu finden, den/die man kontaktieren kann, und die sich sicherlich freuen werden. Nebenbei: alle US-Prisons haben ihre Gefangenen öffentlich im Internet. Sogar mit Foto. Man kann sie dann kontaktieren, sofern man sich aus Europa durch die Anmeldung der schlecht gewarteten kommerziellen Gefängniskommunikationssysteme gequält hat.


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gestern um 00:13
@-Dandelion-
@redsherlock
Ich finde es total interessant zu lesen, was ihr schreibt.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Zweitens: das Verbrechen sollte schon lange (sagen wir 20+ Jahre) zurückliegen. Weil, ich bin ja nicht für Mord, aber nach dieser Zeit sehe ich einen Mord als ausreichend gesühnt an. Das gibt mir das Gefühl, ihre Tat völlig 'neutral' zu sehen
Wenn ich mir so anschaue, welche Auswirkungen die Tötung eines Menschen auf sein Umfeld hat (ich denke da gerade an z.B. die Familie Konert), dann ist auch nach 20+ Jahre nicht alles vorbei und quasi ungeschehen. Da gibt es oft noch Menschen, die noch immer ganz schön an der tat zu knabbern haben.
Für mich würde es auch noch darauf ankommen, wie ein Mörder mit seiner Tat umgeht. Und ob die Tat in den Grundzügen für mich nachvollziehbar wäre (wie z. B. wenn eine Frau ihren Haus-Tyrannen, der sie misshandelt hat, getötet hat).

Und ob ich einem Mörder wirklich gönnen würde, damit abzuschliessen und ein rel. unbeschwertes Leben zu führen - mmm. In vielen Fällen wäre meine Antwort wohl: nein.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Die Täterin hat irgendwann ihre Tat verbüßt und hat ein Anrecht, Teil der Gesellschaft zu sein.
Dagegen steht halt, dass sich dieser Mensch das Recht herausgenommen hat, das Leben einen anderen Menschen zu beenden.
Und das ist ja nichts, was 'einfach so' passiert, so ein Mensch stirbt ja nicht gleich, wenn man ein bisschen draufhaut....da ist ja schon richtig viel Gewalt nötig.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:...extrem lange Haftstrafen (40 oder 50 Jahre). Interessiert, weil ich sowas inhuman, ja als Folter sehe
Mir ist die Dauer der Haftstrafen in Dtl oft zu lasch, ehrlich gesagt.
Wahrscheinlich (ich habe mir darüber nicht wirklich eine Meinung gebildet, es ist jetzt eine spontane Äusserung) wäre ich für längere Haftstrafen, die aber offener gehandhabt werden - wie z.B. der Möglichkeit, eine Arbeit ausserhalb des Gefängnisses aufzunehmen und in einem bestimmten zeitlichen Ausmass auch best. private Interessen und Kontakte zu pflegen - aber dies gekoppelt damit, dass der Täter in einem 'Haftwohnheim' leben muss.


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gestern um 01:05
Wie gesagt, ich habe wenig Interesse an dem Thema, wenn wir nur in Deutschland bleiben. Hier sehe ich einen recht gut funktionierenden Rechtsstaat, wo alles von unabhängigen Richtern entschieden wird, und die Strafen halte ich für 'angemessen'. Manchmal finde ich sie in Deutschland auch zu kurz. Und außerdem können in Deutschland Mörder auch wirklich ein ganzes Leben im Gewahrsam bleiben, weil sie weiterhin als zu gefährlich eingeschätzt (begutachtet) werden. Und das finde ich auch voll okay. Die Sicherheit der Gesellschaft hat natürlich Priorität, genau wie in den USA.
Zitat von JustsayingJustsaying schrieb:Wenn ich mir so anschaue, welche Auswirkungen die Tötung eines Menschen auf sein Umfeld hat (ich denke da gerade an z.B. die Familie Konert), dann ist auch nach 20+ Jahre nicht alles vorbei und quasi ungeschehen. Da gibt es oft noch Menschen, die noch immer ganz schön an der tat zu knabbern haben.
ich sage nicht, dass das Leid der Opferangehörigen nach 20 Jahren oder so vorbei ist. Aber das Urteil wird vom Staat nach den Gesetzen gesprochen, auf Grundlage der objektiven Tat. Es kann doch nicht vom Leid der Opfer abhängen. Das ist nicht mein Rechtsverständnis. Recht und Leid der Opfer sind zu trennen. Sonst sind wir bei Selbstjustiz, bzw. beim Staats als Regulator der Selbstjustiz. Und: auch die Täterfamilie leidet, dass darf man auch nicht vergessen. Ich empfehle als Literatur das Buch: Martha C. Nussbaum, Anger and Foregiveness. Gibt es auch in deutscher Übersetzung.
Zitat von JustsayingJustsaying schrieb:Und ob ich einem Mörder wirklich gönnen würde, damit abzuschliessen und ein rel. unbeschwertes Leben zu führen - mmm. In vielen Fällen wäre meine Antwort wohl: nein.
Erstens sehe ich es so, dass auch ein Mörder nach irgendeiner Zeit der Strafe das Recht hat, wieder Mitglied der Gesellschaft zu werden. Natürlich vorausgesetzt, dass er nicht mehr als gefährlich angesehen wird. Unser deutsches Justizsystem ist auf Resozialisierung ausgelegt, und nicht auf Rache bzw. den Mörder 'genauso' leiden zu lassen, wie das Opfer. Das sind m. E. völlig archaische, alt-testamentarische Sichtweisen.
Zitat von JustsayingJustsaying schrieb:Dagegen steht halt, dass sich dieser Mensch das Recht herausgenommen hat, das Leben einen anderen Menschen zu beenden.
Und das ist ja nichts, was 'einfach so' passiert, so ein Mensch stirbt ja nicht gleich, wenn man ein bisschen draufhaut....da ist ja schon richtig viel Gewalt nötig.
Doch, oftmals geschieht es halt 'einfach so'. Natürlich gibt es den gewissenlosen Hangtäter, u.s.w. Aber viele Taten werden in jungem Alter und oft unter Drogeneinfluss begangen. Das kann man nicht mit den planenden, gewissenlosen Narzissten, Sadisten Mörder vergleichen. Die Neurowissenschaft begründet ja seit langen, dass der menschliche Präfrontale Kortex erst mit ca. 25 ausgereift ist. Vorher herrscht mehr oder weniger Unkontrolliert das 'primitive' limbische System, z. B. die Amygdala, die ungefilterte Emotionen wie Angst, Wut und Aggressionen rauslässt, was in reiferem Alter durch den präfrontalen Kortex moderiert wird, als durch sowas wie Gewissen, Bewusstsein für Unrecht, u.s.w. Deswegen gibt es ja auch ein Jugendstrafrecht, dass auch oft noch auf 20-Jährige angewendet wird. Und Drogen können das unreife, unkontrollierte limbische System noch weiter befeuern und enthemmen. Kriminelles Verhalten wächst sich irgendwann mit dem Alter aus. (Natürlich gibt es da immer Sonderfälle. Täter, die ganz bewusst handeln.) Und alles, was ich gerade schrieb, gilt umso mehr für Frauen in den USA. Oft haben die Frauen (i) selbst die Gewalttat nicht selbst verübt, waren 'nur' 'dabei', (ii) standen unter dem Einfluss eines toxischen Partners, (iii) haben sehr oft Missbrauchserfahrungen im jungen Alter erfahren. Wie auch immer: man kann nicht einfach sagen, die hätten ja vorher bedenken können, was sie anrichten. Das ist nun wirklich zu einfach und fern der Realität. Genau deswegen haben die extrem harten Strafen auch keinen Einfluss auf die Abschreckung (was ja meist deren Sinn sein soll). Wir alle wissen, dass wir mal einen Fehler gemacht haben, den wir später bereut haben. In der Regel war das kein Mord. Aber Fehler werden gemacht, schwere Verbrechen müssen bestraft werden, aber dann hat man auch eine 2. Chance verdient. Viele der Lifers in den USA, die bei der Tat sehr jung (teilweise sogar jugendlich) waren, sind nach 30 Jahren Haft nicht mehr dieselben Perrsonen wie damals. Aber in den USA ist die Philosophie (vereinfacht und pauschal gesagt), dass diese Menschen per se schlecht sind (und seien sie 14-Jährige) und eine Besserung gar nicht möglich ist, die es verdient haben, für immer aus der Gesellschaft entfernt zu werden. Das halte ich für völlig veraltet und falsch. Nebenbei: ein weiteres Problem in den USA ist, dass es so leicht ist, an Waffen zu kommen, und da 'fällt' schonmal ein Schuss.
Zitat von JustsayingJustsaying schrieb:Für mich würde es auch noch darauf ankommen, wie ein Mörder mit seiner Tat umgeht. Und ob die Tat in den Grundzügen für mich nachvollziehbar wäre (wie z. B. wenn eine Frau ihren Haus-Tyrannen, der sie misshandelt hat, getötet hat).
Genau. Ich sage ja, wer weiterhin als gefährlich gilt, soll drin bleiben. Und zum Haus-Tyrannen Mord: auch hier ist die US-Justiz gegen Frauen (auch wieder vereinfacht ausgedrückt): der Mann, der seine Frau aus Eifersucht oder weil sie ihn verlässt erschießt, kommt häufig mit einer Affekt-Tat (Manslaughter, oder 2nd degree murder) davon, während die Frau, die ständig von ihrem Mann geschlagen und vergewaltigt wird, oft als planende Mörderin (1st degree Mörder) verurteilt wird.


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gestern um 01:11
Aber eigentlich sollte man das vielleicht in einem anderen Thread mal diskutieren.


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gestern um 02:09
Zitat von JustsayingJustsaying schrieb:Wahrscheinlich (ich habe mir darüber nicht wirklich eine Meinung gebildet, es ist jetzt eine spontane Äusserung) wäre ich für längere Haftstrafen, die aber offener gehandhabt werden - wie z.B. der Möglichkeit, eine Arbeit ausserhalb des Gefängnisses aufzunehmen und in einem bestimmten zeitlichen Ausmass auch best. private Interessen und Kontakte zu pflegen - aber dies gekoppelt damit, dass der Täter in einem 'Haftwohnheim' leben muss.
Gibt es - Stichwort "offener Vollzug" (ermöglicht: Arbeit, Ausbildung, Studium außerhalb, Besuche außerhalb). Oder stellst du es dir anders als diesen vor? Wenn ja, bzgl. welcher Aspekte?


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gestern um 21:34
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Und: auch die Täterfamilie leidet, dass darf man auch nicht vergessen.
Das ist ein wichtiger Punkt, den du nennst.
Es gibt sehr oft den Fall, dass die Opferfamilie die Exekution nicht möchte, weil dies a) alles wieder aufwühlt (bis zur Hinrichtung vergehen ja meist Jahrzehnte) und b) sie nicht das selbe Leid für die Angehörigen des Täters wünschen.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Man hört manchmal, dass sich Lifer wünschten, sie wären zum Tode verurteilt worden.
Bei meinem war es umgekehrt - sein sehnlichster Wunsch war eine Umwandlung in "Life" - damit er aus der Einzelhaft rauskommt (Death Row Inmates haben nur 1 Std Recreation - oft nicht mal täglich, wenn das Personal fehlt, die restlichen 23 Stunden alleine in der 7m² Zelle).
Er meinte, "Life" würde ihm die Chance geben, Kontakt haben zu dürfen, etwas arbeiten oder lernen zu dürfen, überhaupt etwas Teilhabe zu haben.
Ihm zumindest wäre ein "Life" mit allen Konsequenzen lieber gewesen.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Danke Dandelion. Ich hatte deinen Beitrag auch gelesen, der mir auch den Mut gegeben hat, hier darüber zu schreiben. Man hat immer das Gefühl, man müsse sich dafür entschuldigen.
Wahre Worte!
Als ich in der Zeit vor der Hinrichtung noch mit den pro bono Anwälten in Kontakt war, eine Petition lief und der Antrag auf Begnadigung, wurde es ein wenig "öffentlicher" was mich betraf.
Dass viele Leute abweisend reagieren, ok, damit hatte ich gerechnet ......... aber (gerade online) wurde ein Shitstorm über mir ausgeschüttet.
Zum Glück hatte ich die Kraft, das nach ein paar Tagen einfach nicht mehr zu lesen.
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Du hast dem Mann sicherlich die letzte Zeit seines Lebens verbessert. Und ich bin sicher, du hast auch viel dadurch zurück bekommen.
Wie schon erwähnt, er hat mich als Ersatz-Schwester betitelt, sogar als seinen "Zwilling".
(7 Jahre Briefwechsel sind eine lange Zeit)

Ja, ich habe viel zurück bekommen - sehr viel sogar.
Denn ausser der Freundschaft wird man auch dankbarer .... dankbarer dafür, wie man hier in DE aufgewachsen ist.
Die Eltern waren nicht kriminell oder haben sich prostituiert, kein Drogenkonsum mit 8, kein Dealen mit 13, ohne Gang-Kriminalität (die eine "Ersatzfamilie" war), kein aufwachsen im Ghetto, ohne Chancen ... das alles entschuldigt die Tat nicht - aber ich finde, es erklärt so manches.
Und man fragt sich, wie man unter solchen Umständen selber geworden wäre ... ?!?


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um 15:31
Zitat von redsherlockredsherlock schrieb:Meine Kontaktaufnahme ist rein humanistisch motiviert. Und, ich wollte dieses System auch von innen heraus 'kennen'lernen.
Ja das unbekannte System Gefängnis scheint tatsächlich viele dann doch zu fastzinierten.

Früher häufiger, jetzt nur noch ab und an bin ich Teilnehmer an präventiven Kursen für junge Menschen die drohen im Gefängnis zu landen oder eben auf dem Weg sind auf die schiefe Bahn zu geraten. Da merkt man schon das viele Leute einem schon an den Lippen hängen wenn man über Straftat oder Gefängnis erzählt. Und dabei meine ich durchaus nicht nur die Jugendlichen sondern auch Lehrer, Schulräte oder Eltern.
Kann ich null nachvollziehen aber Kriminalität und Haft scheint für viele ein Thema zu sein bei dem man neugierig wird.


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Warum suchen Leute freiwillig den Kontakt zu Mörder*innen in der JVA

um 15:40
Zitat von Ray.Ray. schrieb:Da merkt man schon das viele Leute einem schon an den Lippen hängen wenn man über Straftat oder Gefängnis erzählt.
Gestern kam in den Abendnachrichten ein Bericht über einen Justizskandal größeren Ausmaßes. Das ist schon erschreckend. Auch wenn die Häftlinge z.T. schlimme Taten begangen haben rechtfertigt das keine üblen Misshandlungen. Man glaubt kaum, dass in Deutschland so etwas passieren kann.
So etwas könnte auch Menschen motivieren, Kontakt zu Inhaftierten aufzunehmen.
Übereinstimmend schildern Zeugen, dass sich die Beamten an solchen Übergriffen erfreut haben sollen. Die Chats bestätigen diesen Eindruck: Ein Beamter schrieb von einem "geilen Tag", an dem die Beamten "viel Spaß" gehabt hätten. Ein weiterer SIG-Wärter schrieb, in Gablingen einen Häftling "zerstört" zu haben.
Nach BR-Recherchen herrschte in Gablingen ein System, das in einer deutschen Justizvollzugsanstalt unvorstellbar erscheint: Gefangene sollen gedemütigt und misshandelt worden sein - systematisch und teils vorsätzlich. Sogar vor kranken oder verletzten Gefangenen sollen JVA-Beamte der SIG keinen Halt gemacht haben.
Quelle:
Fall Gablingen: "Größter JVA-Skandal der Bundesrepublik" | tagesschau.de https://share.google/9MB5li9a28SjtoJIi



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um 15:58
@nairobi
Ich muss über sowas leider nur müde schmunzeln. Solche Verfehlungen sind weder selten noch Einzelfälle. Sie kommen nur viel zu selten an die Oberfläche.


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