Wie gesagt, ich habe wenig Interesse an dem Thema, wenn wir nur in Deutschland bleiben. Hier sehe ich einen recht gut funktionierenden Rechtsstaat, wo alles von unabhängigen Richtern entschieden wird, und die Strafen halte ich für 'angemessen'. Manchmal finde ich sie in Deutschland auch zu kurz. Und außerdem können in Deutschland Mörder auch wirklich ein ganzes Leben im Gewahrsam bleiben, weil sie weiterhin als zu gefährlich eingeschätzt (begutachtet) werden. Und das finde ich auch voll okay. Die Sicherheit der Gesellschaft hat natürlich Priorität, genau wie in den USA.
Justsaying schrieb:Wenn ich mir so anschaue, welche Auswirkungen die Tötung eines Menschen auf sein Umfeld hat (ich denke da gerade an z.B. die Familie Konert), dann ist auch nach 20+ Jahre nicht alles vorbei und quasi ungeschehen. Da gibt es oft noch Menschen, die noch immer ganz schön an der tat zu knabbern haben.
ich sage nicht, dass das Leid der Opferangehörigen nach 20 Jahren oder so vorbei ist. Aber das Urteil wird vom Staat nach den Gesetzen gesprochen, auf Grundlage der objektiven Tat. Es kann doch nicht vom Leid der Opfer abhängen. Das ist nicht mein Rechtsverständnis. Recht und Leid der Opfer sind zu trennen. Sonst sind wir bei Selbstjustiz, bzw. beim Staats als Regulator der Selbstjustiz. Und: auch die Täterfamilie leidet, dass darf man auch nicht vergessen. Ich empfehle als Literatur das Buch: Martha C. Nussbaum, Anger and Foregiveness. Gibt es auch in deutscher Übersetzung.
Justsaying schrieb:Und ob ich einem Mörder wirklich gönnen würde, damit abzuschliessen und ein rel. unbeschwertes Leben zu führen - mmm. In vielen Fällen wäre meine Antwort wohl: nein.
Erstens sehe ich es so, dass auch ein Mörder nach irgendeiner Zeit der Strafe das Recht hat, wieder Mitglied der Gesellschaft zu werden. Natürlich vorausgesetzt, dass er nicht mehr als gefährlich angesehen wird. Unser deutsches Justizsystem ist auf Resozialisierung ausgelegt, und nicht auf Rache bzw. den Mörder 'genauso' leiden zu lassen, wie das Opfer. Das sind m. E. völlig archaische, alt-testamentarische Sichtweisen.
Justsaying schrieb:Dagegen steht halt, dass sich dieser Mensch das Recht herausgenommen hat, das Leben einen anderen Menschen zu beenden.
Und das ist ja nichts, was 'einfach so' passiert, so ein Mensch stirbt ja nicht gleich, wenn man ein bisschen draufhaut....da ist ja schon richtig viel Gewalt nötig.
Doch, oftmals geschieht es halt 'einfach so'. Natürlich gibt es den gewissenlosen Hangtäter, u.s.w. Aber viele Taten werden in jungem Alter und oft unter Drogeneinfluss begangen. Das kann man nicht mit den planenden, gewissenlosen Narzissten, Sadisten Mörder vergleichen. Die Neurowissenschaft begründet ja seit langen, dass der menschliche Präfrontale Kortex erst mit ca. 25 ausgereift ist. Vorher herrscht mehr oder weniger Unkontrolliert das 'primitive' limbische System, z. B. die Amygdala, die ungefilterte Emotionen wie Angst, Wut und Aggressionen rauslässt, was in reiferem Alter durch den präfrontalen Kortex moderiert wird, als durch sowas wie Gewissen, Bewusstsein für Unrecht, u.s.w. Deswegen gibt es ja auch ein Jugendstrafrecht, dass auch oft noch auf 20-Jährige angewendet wird. Und Drogen können das unreife, unkontrollierte limbische System noch weiter befeuern und enthemmen. Kriminelles Verhalten wächst sich irgendwann mit dem Alter aus. (Natürlich gibt es da immer Sonderfälle. Täter, die ganz bewusst handeln.) Und alles, was ich gerade schrieb, gilt umso mehr für Frauen in den USA. Oft haben die Frauen (i) selbst die Gewalttat nicht selbst verübt, waren 'nur' 'dabei', (ii) standen unter dem Einfluss eines toxischen Partners, (iii) haben sehr oft Missbrauchserfahrungen im jungen Alter erfahren. Wie auch immer: man kann nicht einfach sagen, die hätten ja vorher bedenken können, was sie anrichten. Das ist nun wirklich zu einfach und fern der Realität. Genau deswegen haben die extrem harten Strafen auch keinen Einfluss auf die Abschreckung (was ja meist deren Sinn sein soll). Wir alle wissen, dass wir mal einen Fehler gemacht haben, den wir später bereut haben. In der Regel war das kein Mord. Aber Fehler werden gemacht, schwere Verbrechen müssen bestraft werden, aber dann hat man auch eine 2. Chance verdient. Viele der Lifers in den USA, die bei der Tat sehr jung (teilweise sogar jugendlich) waren, sind nach 30 Jahren Haft nicht mehr dieselben Perrsonen wie damals. Aber in den USA ist die Philosophie (vereinfacht und pauschal gesagt), dass diese Menschen per se schlecht sind (und seien sie 14-Jährige) und eine Besserung gar nicht möglich ist, die es verdient haben, für immer aus der Gesellschaft entfernt zu werden. Das halte ich für völlig veraltet und falsch. Nebenbei: ein weiteres Problem in den USA ist, dass es so leicht ist, an Waffen zu kommen, und da 'fällt' schonmal ein Schuss.
Justsaying schrieb:Für mich würde es auch noch darauf ankommen, wie ein Mörder mit seiner Tat umgeht. Und ob die Tat in den Grundzügen für mich nachvollziehbar wäre (wie z. B. wenn eine Frau ihren Haus-Tyrannen, der sie misshandelt hat, getötet hat).
Genau. Ich sage ja, wer weiterhin als gefährlich gilt, soll drin bleiben. Und zum Haus-Tyrannen Mord: auch hier ist die US-Justiz gegen Frauen (auch wieder vereinfacht ausgedrückt): der Mann, der seine Frau aus Eifersucht oder weil sie ihn verlässt erschießt, kommt häufig mit einer Affekt-Tat (Manslaughter, oder 2nd degree murder) davon, während die Frau, die ständig von ihrem Mann geschlagen und vergewaltigt wird, oft als planende Mörderin (1st degree Mörder) verurteilt wird.