Wie die Wilden
25.09.2006 um 17:50
und noch ein Artikel der Namibischen Allgemeinen Zeitung
,,Wie die Wilden":Alles halb so wild
Doku-Soap von Sat.1 sorgt weiterhin für Kontroverse - Aberist die Sendung wirklich so schlimm?
von Irmgard Schreiber
,,Diese neue Showübertrifft alles an Geschmacklosigkeit"; ,,Sat.1 könnte nicht tiefer sinken"; ,,DieDoku-Serie verstößt gegen die Menschenwürde" - Sat.1 wird für seine neueReality-TV-Sendung ,,Wie die Wilden - Deutsche im Busch" mit Protest-Mails überhäuft.Sind die Vorwürfe des Rassismus und Neokolonialismus berechtigt? WAZon hat sich dasFormat erneut angeschaut und einige der Kommentare unter die Lupe genommen.
Familie Düvel vom Niederrhein, in der TV-Sendung ,,Wie die Wilden" bei den Himba imNordwesten Namibias zu Besuch, hat kürzlich Geschichte geschrieben. Denn laut Sat.1 istin der Folge vom vergangenen Mittwoch ,,durch deutsch-namibische Zusammenarbeit die ersteSchaukel Afrikas" entstanden! Die Gabi und der Heinz Düvel haben das angeregt, dieLehrerin und der Oberstudienrat vom Niederrhein, die seit vier TV-Folgen mit ihren dreiKindern im Kraale der Himba leben. Den ,,Männern Afrikas" hat ,,so ein Blödsinn geradenoch gefehlt", kommentiert der TV-Moderator die Belustigung der Himba angesichts desneuen ,,Spielplatzes". Und während die Himbafrauen es unschicklich finden, dass die weißeFrau so ausgiebig schaukelt, ist ,,Gabi das egal - Hauptsache sie hat ihren Spaß!"
Es sind Szenen wie diese, die besonders uns Namibiern Spaß machen. Juchhu, endlichhat Afrika eine Schaukel! Wir müssen von Windhoek aus nicht mal 500 Kilometer weitfahren, um auch mal schaukeln zu dürfen, nur die armen hungernden Kinder aus Äthiopienhaben es etwas weiter.
In dieser Hinsicht hat die Sat.1-Forumsteilnehmerin,,Affia" wohl recht: ,,Dem gemeinen Stammtischbruder und anderen eher schlichten Leutenbietet man (Sat.1) zum Thema Afrika genau das, was eh schon in den Köpfen war." Ja, wasist denn das, was eh schon in den Köpfen ist? Das ,,Vorurteil, dass `die´ gerade erst ausdem Busch gekrochen sind", wie die deutsche Frau eines Ghanaers in einem Protestbrief anSat.1 schreibt? Es klingt unwahrscheinlich, aber es ist leider wahr. Das können alleNamibier bestätigen, die bei Aufenthalten in Deutschland schon mal gefragt wurden, wiedas denn sein kann: dass man aus Afrika kommt, aber so weiß ist und so gut Deutschspricht.
Aber, Affia, da der gemeine Stammtischbruder sich gemeinhin keineseriösen Dokumentationen über Afrika anschaut, kann Sat.1 nicht per se für die Ignoranzder deutschen Nation verantwortlich gemacht werden.
Nehmen wir mal ,,Gerhpopp"als Beispiel und seinen Kommentar zur Sendung ,,Wie die Wilden": ,,Hallo, es sollen sichdoch alle immer hier anpassen. Diese Familien wollen doch dort mitmachen, also sollen Sievon Ihrem Luxus mal Abstand gewinnen und die Kinder die Fernseh und Gameboymentalitätablegen. So ist dort das Leben und nicht (wie) im Hilton. Ich finde diese Sendung Superdenn dort spielt das tatsächliche Leben."
,,Gerhpopp" gehört offensichtlich zuridealen Zielgruppe von ,,Wie die Wilden". Deshalb wollen wir es ,,Sunrise12" überlassen,auf diesen Kommentar zu antworten: ,,Hallo Gerhpopp, denkst Du wirklich das Du in dieserSendung das ,,wirkliche" Leben der Himba oder Mentawai gezeigt bekommst? Die Familienwollen dort mitmachen? Das hört sich ja an als würden die Himba ein Spiel spielen, beidem die Käsebrote mitspielen wollen. Abgesehen davon, warum wollen denn die Käsebrote mitden Mentawai und Himba spielen? Um ins Fernsehen zu kommen, um etwas Aufmerksamkeit zubekommen."
Da haben wir es. Die ,,Käsebrote" wollen nicht immer nur vor derGlotze sitzen, sondern auch mal selbst drin sein. Doch damit nicht genug: ,,Die Sendungbefriedigt das voyeuristische Interesse scheinbar zivilisierterer Deutscher wie zu Zeitender Völkerschauen", findet Dr. Katja Böhler aus Berlin, die außerdem der Ansicht ist,dass die Doku-Serie gegen die Menschenwürde, Art. 1 des Grundgesetzbuches verstößt. IhrerMeinung schließen sich namhafte Leute an, etwa der Präsident der Gesellschaft fürAfrikanische Philosophie in Berlin, Roger Künkel (AZ-Leserbrief). ,,Ich weiß nicht, ob esden Machern von Sat.1 klar ist, dass sie eine billige und höchst beschämende Form vonNeokolonialismus produzieren. Ähnlich wie die Exotenschauen in Zirkusmanegen des 19. und20. Jahrhunderts, werden andere Kulturen als wild und primitiv dargestellt", beschwertsich ein weiterer Zuschauer im Sat.1-Forum.
Das hört sich wirklich schlimm anund deshalb muss man auf alle Fälle dagegen sein. Grundsätzlich sind wir Namibier sowiesodagegen, dass mit den Himba oder den Buschleuten Doku-Soaps gemacht werden. Zwar ist dasschon zig Mal passiert, aber die Sendungen haben wir ja alle nicht gesehen, weil sie inDänemark, den USA oder in anderen Ländern liefen, zu deren Fernsehen wir keinen Zuganghaben. Über ,,Wie die Wilden" können wir uns jetzt endlich aufregen.
Wir ärgernuns ja sowieso schon darüber, dass immer mehr Touristen ins Kaokoveld kommen um die Himbazu sehen - vor zehn Jahren konnten wir noch da hin fahren, ohne einem einzigen anderenAuto zu begegnen. Und jetzt all die Fernsehteams! Die Freundin von dem Ghanaer (s.o.)sagte es ja schon: ,,Die Himba werden bei vermehrtem Tourismus zur exotischenTouristenattraktion verkommen". Soooo schade. Wir hätten ja so gerne, dass bei den Himbadie Zeit stehen bleibt, schon vor zehn Jahren stehen geblieben wäre. Weil dann könntenwir immer noch einmal im Jahr hinfahren, ohne anderen Leuten zu begegnen und wir hättenunsere ganz exklusive Völkerschau im Busch. Oder?
Vielleicht sollte uns aber malklar werden, dass bei den Himba oder anderen Naturvölkern die Zeit nur scheinbar stehengeblieben ist. Entgegen geläufiger Meinung sind diese ,,Naturvölker" wahrscheinlich garnicht so ,,wild" darauf, ihre traditionelle Lebensweise von vor 100 Jahren weiterzuführen- auch sie hätten vielleicht gerne Kühlschrank, Bett und Fernseher und würden sich gernenen schönen Abend mit der Sat.1-Sendung ,,Wie die Wilden" machen.
Davonauszugehen also, dass die Himba, Mentawai oder Tamberma so gar keine Ahnung hatten,worauf sie sich einließen, als das Fernsehteam von Sat.1 mit den deutschen Familien imDorf auftauchte, zeugt vielleicht von eigentlichem Neokolonialismus und von westlicherÜberheblichkeit. Das ist zumindest ,,Affia" nicht entgangen, die im Sat.1-Forum schreibt:,,Witzig fand ich, dass im Film (,,Wie die Wilden") ein Mann der Himbas die Familiebegrüßte, den ich 3 Stunden vorher auf ARTE gesehen habe, wie er im Parlament im Namender Stämme gegen den Staudammbau gesprochen und dort seine Argumente vorgetragen hat."
Würden die Himba sich durch die Sendung ,,Wie die Wilden" erniedrigt oder ,,inihrer menschlichen Würde verletzt" fühlen, wie etwa David Amutenya, Erster Sekretär derBotschaft Namibias in Berlin, behauptet? Das fällt schwer zu glauben, wenn man die oftbelustigten Gesichter der Himba oder Tamberma betrachtet. Sie scheinen diejenigen zusein, die beim Drehen von ,,Wie die Wilden" den größten Spaß hatten. Sie sindSchauspieler, nebenberuflich. Und wenn sie für die Kamera ihre vermeintlichen Ritualezelebrieren, dann ist das nichts anderes als eine gut inszenierte Theatershow. Die hatman jahrelang geprobt für andere Kunden: die Touristen. Forumsteilnehmer,,Unheilpraktiker" sieht das so: ,,Da die Deutschen an Stammesriten nur Biersaufen,Fußballschauen und Lärm kennen, werden zumindest die Wilden Unterhaltung gebotenbekommen."
Wem das nicht passt, der sollte dem Aufruf besorgter Afrikafreundefolgen und sich den Protestmails an Sat.1 anschließen. Die Antwort wird wahrscheinlichwie folgt lauten: ,,Gerne haben wir Ihre Meinung und die damit verbundene Kritikhinsichtlich des Titels der Sendung ,,Wie die Wilden" entsprechend weitergeleitet.Weiterhin gute Unterhaltung mit unserem Programm wünscht Ihnen Ihre Sat.1Zuschauerredaktion