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Kann der Reformator Martin Luther für uns ein Vorbild sein?

119 Beiträge, Schlüsselwörter: Religion, Martin Luther, Lutherdekade, Reformator

Kann der Reformator Martin Luther für uns ein Vorbild sein?

02.11.2016 um 12:38
@Mannomann
Mannomann schrieb:Es ist vielleicht hilfreich sich mal in der Phantasie in das späte Mittelalter/die frühe Neuzeit zu begeben. Dann würde man feststellen, das auch der zunächst völlig unbedeutende (und im übrigen zutiefst katholische) Augustinereremit Martin Luther nur Kind seiner Zeit war. Antijuadismus und ein aus heutiger Sicht antiquiertes Frauenbild war eben nichts ungewöhnliches und somit kann man ihm das auch nicht vorwerfen.
Eine nicht sehr einleuchtende Rechtfertigung, die du hier vorbringst. Immerhin hat sich Hitler auf die antisemitischen Aussagen Luthers berufen, um die Verfolgung der Juden zu rechtfertigen. Das gipfelte schließlich im Holocaust. Wenn sich nun die heutigen Protestanten - trotz der von mir aufgezeigten Verfehlungen - nach wie vor zu Luther bekennen, ihn feiern und als Vorbild verehren, dann mutet das schon irgendwie schizophren an.

Hinzu kommt Luthers zwiespältiges Verhalten im Bauernkrieg. Hierzu der nachstehende Auszug aus "Wikipedia":

"Obwohl die Standpunkte der Reformation eine wesentliche Rechtfertigung für die aufständischen Bauern waren, distanzierte sich Martin Luther deutlich vom Bauernkrieg. Schon 1521 unterschied er genau zwischen weltlichem und geistlichem Bereich, da er mit der Reformation die Veränderung der Kirche und nicht – im Gegensatz zu Savonarola – eine Verchristlichung der Welt erreichen wollte. Von der Obrigkeit wurde er trotzdem zunehmend für die Geschehnisse im Bauernkrieg verantwortlich gemacht, wohl auch deshalb, weil er sich nicht eindeutig von den Forderungen der Bauern distanzierte. Noch 1525 kritisierte Luther in seiner Ermahnung zum Frieden das
„hochmütige“ Verhalten der Fürsten. Erst nach der Weinsberger Bluttat schlug er sich eindeutig auf die Seite der Fürsten und verurteilte die Aufständischen scharf: „wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern […] man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

Seine Schrift Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren veröffentlichte Luther allerdings erst zu einem Zeitpunkt, als die Niederlage der Bauern bereits absehbar war.

Nach 1525 verlor der Protestantismus seinen revolutionären Geist und zementierte auch von Luther unterstützt die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Glaubenssatz „Seid untertan der Obrigkeit“. (Zitatende)

Wie man daraus ersehen kann, war Luther ein sehr wankelmütiger Geist, der schon mal sein Fähnchen nach dem Wind richtete. Wenn die Evangelische Kirche dessen ungeachtet Luther auch 500 Jahre danach immer noch als Vorbild verehrt, ist dies für zum kritischen Denken befähigte Menschen leider nicht nachvollziehbar.


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Mannomann
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Kann der Reformator Martin Luther für uns ein Vorbild sein?

02.11.2016 um 13:07
Natürlich ist das eine legitime Rechtfertigung. Auch damals wurden die Leute durch ihr Umfeld geprägt und äußerten sich entsprechend. Und nein, Martin Luther kann nichts dafür, dass sich 500 Jahre später ein Verbrecher dessen Aussagen bemächtigt.

Wie auch schon in dem von dir zitierten Text steht: Luther war ein einfacher Mönch und kein Politiker. Bei der Reformation ging es Luther ausschließlich darum innerkirchlich zu reformieren. Es ging im nicht darum die Kirche zu teilen und schon gar nicht ging es ihm darum Politik zu betreiben.

Im übrigen kann von "Wankelmütigkeit" nicht die Rede sein. Die deftige Sprache ist typisch für Luther. Er kritisiert hier lediglich lautstark, dass die Bauern eine Grenze überschritten haben, nämlich dass sie nicht davor zurückschrecken ihre Forderungen mit einer Exekutation zu zementieren und das ganze noch mit seinen Ideen zu rechtfertigen. Wie würdest du darauf reagieren, wenn man deine Ideen missbraucht?


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04.11.2016 um 07:56
@Mannomann
Mannomann schrieb:Natürlich ist das eine legitime Rechtfertigung. Auch damals wurden die Leute durch ihr Umfeld geprägt und äußerten sich entsprechend. Und nein, Martin Luther kann nichts dafür, dass sich 500 Jahre später ein Verbrecher dessen Aussagen bemächtigt.
Darum geht's doch nicht. Ich weiß sehr wohl, dass der Hass gegenüber den Juden zu Luthers Zeiten weit verbreitet war. Das rechtfertigt aber nicht, dass er das für Christen doch so bedeutungsvolle Gebot der Nächstenliebe so missachtet hat.

Mir geht es hier aber in erster Linie um die Frage, ob Luther uns in der heutigen Zeit überhaupt noch ein Vorbild sein kann. Und ein Vorbild kann er für uns nun wirklich nicht sein. Dass aber die evangelische Kirche diesen Mann in unserer Zeit so über alle Maßen preist und verehrt, ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Sein Judenhass hatte nun mal Auswirkungen in unsere Zeit und das gutzuheißen überschreitet nun wirklich die Grenzen der Toleranz. Immerhin fand Luthers Judenhass den Beifall der evangelischen Kirche, als die Nazis 1933 an die Macht kamen und der Judenhass zum staatlichen Programm erhoben wurde.

Den nachstehenden Text habe ich als Leserbrief an zwei regionale Zeitungen übermittelt:

Martin Luther kommt das Verdienst zu, in seinen 95 Thesen die Unsitte des Verkaufs von sog. Ablassbriefen, mit denen sich die Gläubigen von ihren Sünden freikaufen konnten, kritisiert und angeprangert zu haben.

Zumeist verschwiegen – oder nur nebenbei erwähnt – werden jedoch die dunklen Seiten dieses Mannes, der nachweislich ein fanatischer Antisemit war. (Über Luthers abwertendes Frauenbild und seinen Teufel- und Hexenglauben könnte man seitenweise berichten.) Das Dilemma der Evangelischen Kirche besteht nun darin, dass sie sich entscheiden muss, sich entweder weiter im Verdrängen und Vertuschen der dunklen Seiten Luthers zu üben, oder aber zu riskieren, dass die Gläubigen durch die Bekanntmachung der negativen Seiten des Reformators in ihrem Glauben verunsichert werden und an dessen Integrität zu zweifeln beginnen.

Es ist nicht zu widerlegen, dass Luthers Antijudaismus bis ins 20. Jahrhundert nachgewirkt und zur geistigen Mitvorbereitung der Judenverfolgung durch die Nazis beigetragen hat. Das ist ein schwarzes Kapitel im deutschen Protestantismus, welches in der „Lutherdekade“ hoffentlich auch zur Sprache kommt und aufgearbeitet wird. Ob Frau Käßmann in ihrer Eigenschaft als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ dieses öffentlich (im Fernsehen) abgegebene Versprechen halten wird, muss sich erst erweisen.

In diesem Zusammenhang muss auch an die antisemitischen Äußerungen des späteren Mitgliedes des „Bekennenden Kirche“ und langjährigen Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche nach 1945, Otto Dibelius, erinnert werden. Er begrüßte 1933 in der Potsdamer Nikolai Kirche vor dem neu gewählten, überwiegend nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten die Regierungsübernahme durch die Nazis und erklärte, er habe schon in seiner Studentenzeit „im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden“ Zehn Tage später solidarisierte er sich mit dem Boykott der SA gegen jüdische Geschäfte.

In seinem Hetztraktat „Von den Juden und ihren Lügen“ bezeichnet Luther die Juden als „die elenden, heillosen Leute“, die „uns eine schwere Last, wie eine Plage Pestilenz und eitel Unglück in unserem Land sind“, um später zu fragen: „Was sollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen verdammten Volk der Juden?“ In der Folge entwirft Luther ein Sieben-Punkte-Programm: “Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich…“ Die Aufzählung der übrigen sechs Punkt erspare ich mir.

Wie viel Aufarbeitung in der Lutherdekade auf die Evangelische Kirche noch wartet, ist im Rahmen eines Leserbriefes nicht annähernd umfassend darzustellen. Wie tief jedoch die Verstrickung der Evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus war, möge das Beispiel von Pfarrer Grüner von der Braunschweiger Martinikirche belegen. Er schrieb seinerzeit in einem Gemeindebrief: „In Adolf Hitler ist uns Jesus Christus erschienen.“ Grüner predigte dann:

„Bisher hatte das deutsche Volk in Hitler den Befreier aus nationaler Schande und sozialer Not gesehen; es hatte ihn erkannt als den Erbauer des Dritten Reiches und schenkte ihm darum sein Herz und seinen Glauben. Am 30. Juni wurde er zum Vollstrecker eines Gottesgerichts – weil er Vollmacht von Gott hatte. Den Glauben an seine Sendung, den einst schon Luther hatte; nicht nur vor Kaiser und Reich, Papst und Kirche zu treten, sondern auch in das aufrüherische Wittenberg zu gehen, als verbrecherische Horden sein Werk zu zerstören drohten, - diesen Glauben hat auch Hitler, und darum hat er im Namen und im Auftrag eines höheren handeln und siegen können.“

Die „Stuttgarter Schulderklärung“ vom 29.10.1945, die von der EKD abgegeben wurde, wird zu Recht als ein ärgerliches Zeugnis intellektueller Unredlichkeit bezeichnet. Es ist nichts anderes als ein untauglicher Versuch die Fakten – und damit die Mitschuld am Holocaust – zu beschönigen und zu vernebeln. Bisher ist die Evangelische Kirche die Antwort schuldig geblieben, wo denn gegen den Nazigeist angekämpft wurde!? Die Lutherdekade wäre der geeignete Zeitpunkt, dieses Versäumnis endlich nachzuholen.

Die aus der christlichen Religion (bereits vor Luthers Zeiten bis ins 20. Jahrhundert) wirkende Judenfeindlichkeit ist eine der grundlegenden Wurzeln und Ursachen der mörderischen NS-Ideologie. Ein schweres Erbe, welches von der Evangelischen Kirche endlich aufgearbeitet werden müsste. (Zitatende)

Behauptest du immer noch, dass Luther keinen Einfluss auf das Geschehen in unserer Zeit hatte? Und - kann die evangelische Kirche auf diesen Mann tatsächlich stolz sein und ihn über alle Maßen ehren und als Vorbild hinstellen? Ich meine, dass die evangelische Kirche vor einem gewaltigen Scherbenhaufen steht, und es bisher versäumt hat, diesen Scherbenhaufen wegzuräumen.


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04.11.2016 um 08:43
Martin Luther war aber auch ein ganz schöner Antisemit.


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Mannomann
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04.11.2016 um 12:18
@Argus7

Nochmal: Was kann Luther für den Nationalsozialismus? Was kann Luther für das Verhalten der evangelischen Kirche (und einzelner Pfarrer) im Nationalsozialismus? Was kann ich dafür, dass einer meiner Verwandten Ortsgruppenleiter der NSDAP war?

Antijudaismus war im Christentum (über die Konfessionsgrenzen hinweg) lange vor Luther und bis ins 20. Jahrhundert weit verbreitet (--> "Gottesmord", Karfreitagfürbitte (katholischerseits) etc.) und ist somit keine Eigenart von Martin Luther und somit hat er auch nichts "beeinflusst". Jedwede Bezugnahme auf ihn, diente somit lediglich um der eigenen Aussage mehr Gewicht zu verschaffen, nicht mehr und nicht weniger.


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05.11.2016 um 14:26
@Mannomann
Mannomann schrieb:@Argus7
Nochmal: Was kann Luther für den Nationalsozialismus? Was kann Luther für das Verhalten der evangelischen Kirche (und einzelner Pfarrer) im Nationalsozialismus? Was kann ich dafür, dass einer meiner Verwandten Ortsgruppenleiter der NSDAP war?

Antijudaismus war im Christentum (über die Konfessionsgrenzen hinweg) lange vor Luther und bis ins 20. Jahrhundert weit verbreitet (--> "Gottesmord", Karfreitagfürbitte (katholischerseits) etc.) und ist somit keine Eigenart von Martin Luther und somit hat er auch nichts "beeinflusst". Jedwede Bezugnahme auf ihn, diente somit lediglich um der eigenen Aussage mehr Gewicht zu verschaffen, nicht mehr und nicht weniger.
Deine Frage ist falsch gestellt. Du hättest die Frage stellen müssen, was hat Luthers Aussage in der Geschichte Deutschlands für Auswirkungen gehabt. Gut, das konnte Luther nicht vorhersehen. Darum geht's hier aber auch gar nicht, sondern darum, dass es die geistigen Nachfolger Luthers waren, die seinen Judenhass aufgegriffen und weiterhin auf ihr Fähnlein geschrieben haben. Das war für die Nazis dann ein gefundenes Fressen.

Hier ein Auszug aus "Von den Juden und ihren Lügen" von Martin Luther (1543)
"Verbrenne ihre Synagogen, zwinge sie zur Arbeit und gehe mit ihnen nach aller Unbarmherzigkeit um, wie Moses in der Wüste tat, der 3.000 totschlug, dass nicht der ganze Haufen verderbe. Will das nicht helfen, so müssen wir sie wie die tollen Hunde ausjagen, damit wir nicht ihrer gräulichen Lästerung und aller Laster teilhaftig mit ihnen Gottes Zorn verdienen und verdammt werden."

Im Internet fand ich noch folgenden Text:
Antisemitismus in Deutschland fußt auf der Tradition des christlichen Antijudaismus und ist ohne ihn nicht zu erklären. Das jahrhundertealte negative Bild des Juden ist immer noch präsent: auf Homepages, die über Touristenattraktionen informieren, an den Rändern der Kirchen und in der Volksfrömmigkeit und in Floskeln des alltäglichen Sprachgebrauchs der Politiker. Der Antisemitismus ist kein Vorurteil, schreibt Alan Davies, sondern ein "komplizierter negativer Mythos, der sich über lange Zeit hin in der Geschichte des Westens entwickelt hat." Mit dem christlichen Antijudaismus beschäftigt sich, wenn überhaupt, nur die theologische Fachdiskussion; auf den vielen Websites "gegen rechts" taucht er als Thema nicht auf. (Zitatende)

Im Rahmen einer NDR-Talkshow am 13.11.2015 erklärte der jüdische Publizist Micha Brumlik:
"Wenn Luther solche Texte geschrieben habe, dann sei es nicht überraschend, dass Nationalsozialisten wie der Herausgeber des antisemistischen Hetzblatts "Der Stürmer", Julius Streicher, sich auf ihn als Vorbild berufen hätten. "Julius Streicher hat vor dem Nürnberger Tribunal gesagt, wenn statt meiner Doktor Martin Luther hier stünde, dann müsste er angeklagt werden. Das ist insofern richtig, als Martin Luther bis auf die Vergasung alles gefordert hat, was die Nationalsozialisten schließlich exekutiert haben", so Brumlik.

Dass einzelne Menschen, wie z.B. einer deiner Verwandten, dem Nazi-Wahn verfallen sind und ihm sogar als Helfer gedient haben, kann ich irgendwie noch nachvollziehen und auch entschuldigen. Es war für einzelne Personen ja gar nicht möglich, dem Regime ernsthaft Widerstand entgegen zu setzen, ohne ihr eigenes Leben zu riskieren. Die evangelische und die katholische Kirche hingegen haben - von löblichen Ausnahmen abgesehen - als Organisation kläglich versagt. So konnte Hitler z.B. mit der kath. Kirche sogar einen Vertrag (Konkordat, Kirchenstaatsvertrag) mit den Nazis schließen, der bis heute noch Bestand hat und angeblich nicht aufgelöst werden kann.


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Mannomann
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05.11.2016 um 16:00
@Argus7

Liest du eigentlich auch meine Beiträge?

Was du beschreibst ist ein Problem des gesamten Christentum des 19. und 20. Jahrhunderts. Der christliche Antijudaismus hatte eine jahrhundertelange "Tradition" und erreichte seinen Höhepunkt Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar völlig unabhänig von einen gewissen Pfarrer Martin Luther. Auf diesen haben sich Leute wie Julius Streicher lediglich bezogen um sich ihr eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen und sich zu rechtfertigen. Martin Luthers Anitjudaismus war somit lediglich ein Vorwand.

Ansonsten kann man es sich auch einfach machen, wenn man auf die Kirchen wegen ihrer Rolle im 3. Reich pauschal einprügelt. Letztlich standen sie vor der Wahl: Gleischaltung oder "spuren". Was eine Gleischaltung für "den kleinen Mann der Kirchen", nämlich die Gläubigen, bedeutet hätte, darüber kann man nur spekulieren.


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06.11.2016 um 19:00
@Mannomann
So ist es. Darum müsste man den Vorwurf, den Nazis die theoretische Steilvorlage geboten zu haben, nicht (nur) Luther machen, sondern auch den Evangelisten. Das macht aber komischerweise niemand.
Ich bin jedenfalls der Meinung, dass erst einmal die Idee da sein musste. Und die kam nicht von Luther; er hat sie nur (wie viele mittelalterliche Zeitgenossen) weitergeführt. Die Idee stammt aus der Antike, von den angeblich so nächstenliebenden Urchristen.


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Mannomann
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06.11.2016 um 20:14
@AlteTante
Die "Protestanten" oder die "Evangelischen", die Evangelisten waren andere Typen ;) :P


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Mannomann
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06.11.2016 um 20:36
@Argus7

Das Verhältnis Hitlers zu den Kirchen ist im übrigen Ambivalent. Einerseits wäre es im am liebsten gewesen, wenn die Kirchen die Segel streichen, andererseits war er sich bewusst, dass er sich einen wütenden Mob gegen sich stellen würde, wenn er den Kirchen zu nahe kommt, denn damals waren die meisten Menschen noch gläubig. Daher verfolgte er eine Doppelstrategie: Vereinnahmung und Konfrontation. Zusammen mit Gefühlen wie Angst und Feigheit entwickelte sich insbesondere bei den evangelischen Kirchen daraus eine Lähmung, die einen Widerstand quasi unmöglich machte und sogar zu einer Kirchenspaltung (innerhalb der evangelischen Kirche) führte. Es ist eine überaus komplexe Angelegenheit, die daraus entstand und Schuldzuweisungen sind gar nicht so einfachf.

Ich empfehle dazu mal den Artikel "Kirchenkampf" in der Wikipedia zu lesen, dort wird das ganze Dilemma und dessen Komplexität ganz gut beschrieben.

Wikipedia: Kirchenkampf


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06.11.2016 um 20:41
@Mannomann
Du irrst dich. Ich meine wirklich die Evangelisten. Sprich: Die Autoren der Evangelien in der Bibel. Denn schon die Evangelien sind voll von antijudäischen Diffamierungen.
Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Kirchen, ob Katholiken oder Protestanten, haben das nur aufgegriffen, den Worten der Urchristen aber blutige Taten folgen lassen.


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Mannomann
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06.11.2016 um 21:16
@AlteTante

Dass die Evangelien "voll von antijudäischen Diffamierungen" sind halte ich für ein Gerücht. Hier ist doch eher die Frage was war Intention und was war Rezeption der entsprechenden Bibelstellen.


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06.11.2016 um 21:28
Lies doch mal nach!
Was die damalige Rezeption war, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, was später daraus gemacht wurde. Wenn die mittelalterlichen Christen die Juden verfolgten, fanden sie in den Evangelien genug Begründungen.

Natürlich war die Situation der Christen im 1. Jhd., und damit auch der Evangelisten (Autoren der Evangelien) eine andere als im Mittelalter, wo das Christentum nicht nur die vorherrschende Religion war, sondern neben Andersgläubigen (wie vor allem Juden) auch Abweichler verfolgt wurden. Das stelle ich gar nicht in Abrede.

Ich meine nur, dass es unfair ist, nur Luther seinen (zu seiner Zeit normalen) Antijudaismus vorzuwerfen, den anderer christlicher Vorbilder, wie den der Evangelisten aber zu verschweigen.


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Mannomann
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06.11.2016 um 21:52
Natürlich fanden die genügend (vermeintliche) "Begründungen" und genau deshalb kommt es auch auf die Rezeptionsgeschichte an, genauso wie letztlich auch bei Luthers Äußerungen. Die Verantwortung für den Holcaust haben die Leute des 20. Jahrhunderts und nicht Personen, die längst verblichen waren, völlig egal was sie geschrieben haben. Und diejenigen die sich auf Luther berufen haben, haben entweder einen Grund gesucht sich zu Rechtfertigen (Mittäter des Holocaust) oder sich zu profilieren (Hitler).

Und wo wir gerade bei "vermeintlichen Begründungen sind" mal ein Beispiel. Die "Schuldfrage" für Jesu Kreuzigung wurde ja gerne unter Berufung auf die Evangelien den Juden zugeschrieben. In den Passionsberichten wird das ganze aber ganz anders geschildert. Dort gab es nämlich (Mit)schuldige aus allen beteiligten Gruppierungen:

1. Jesu Gefolgschaft
Judas Ischariot (Verräter)
Petrus (Jesusleugner)

2. Politik
Pontius Pilatus (Rom)
Herodes Antipas (Tetrarchie); nur bei Lukas

3. Das Volk ("Die Juden")
Synhedrin (Hoher Rat)
"Die Menge"


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Mannomann
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06.11.2016 um 22:00
Ergänzung: Rein "glaubenstechnisch" muss man ja mal sagen, dass eine Schuldzuweisung sowieso völlig hanebüchen ist. Die Kreuzigung (und die darauf folgende Auferstehung) ist ja zwingend notwendig. Beides ist ja die Grundlage und Rechtfertigung des christlichen Glaubens. Daher kann es ja gar keinen Schuldigen geben. Aber das führt jetzt voll ganz von Thema ab, also lassen wir das lieber, obwohl nein: Wenn man von Anfang diese Notwendigkeit im Blick gehabt hätte, wäre es vielleicht nie zu einem Antijudaismus gekommen.


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06.11.2016 um 22:11
@Mannomann

"Die Menge" ist ja nicht nur eine große Zahl, sondern laut Evangelium "das ganze Volk", also alle. Unabhängig von der Tatsache, ob das ganze Volk vor Pilatus´ Haus überhaupt Platz gefunden hätte.

Warum Petrus eine Mitschuld haben soll, erschließt sich mir nicht. Es sei denn, du meinst, ein einzelner Jünger allein hätte Jesus retten können. Die anderen Jünger waren schon vor Petrus weggelaufen. Wobei es komisch ist, dass nur Petrus das vorgehalten wird.

Politiker: Herodes hatte doch mit Jesu Verurteilung gar nichts zu tun. Und bei Pilatus betonen die Evangelisten, dass er Jesus nur auf Druck des Sanhedrin und gegen seinen eigenen Willen verurteilt hat (was ich nicht glaube). Ich vermute als Grund dafür, dass die Römer, als die Evangelien geschrieben wurden, immer noch das Sagen hatten und sich die Urchristen mit ihnen gutstellen wollten.


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Mannomann
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06.11.2016 um 22:42
@AlteTante

Es geht bei Petrus wohl eher um eine moralische Schuld, die aber gerade im religiösen Kontext nicht unbedingt weniger schwer wiegen muss. Er, der sich wenige Stunden zuvor als der "Oberjünger" aufgespielt hat leugnet Jesus zu kennen.

Herodes hingegen hat den Hohen Rat und die Schriftgelehrten ja geradezu noch extra aufgewiegelt indem er mit Jesus seinen Spott trieb. Man muss ja nicht gerade jemanden verurteilen um eine Schuld auf sich zu laden.

Ob nun Pilatus auf Druck des Sandrehin agierte oder nicht, lässt sich wohl kaum rekonstruriern, obwohl Pilatus laut Philon von Alexandrien u. a. auch vorgeworfen wurde, dass er öfter mal zu verurteilen pflegte, obwohl es gar keinen ordentlichen Prozess gab.


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Mannomann
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06.11.2016 um 22:54
Dass hier das "ganze Volk" tatsächlich anwesend war lässt sich wohl bezweifeln. Jerusalem hatte seinerzeit vermutlich so um die 150.000 Einwohner, zudem war ja noch das Pascha-Fest und somit jede Menge Pilger und Touristen in der Stadt. Ich denke mal, dass mit "das ganze Volke" eine große Menge gemeint ist.

Wo die Verurteilung stattfand ist unklar. Möglicherweise fand ist auf der Burg Antonia statt, dem Sitz des Prätoriums, dort gab es vermutlich in der Tat viel Platz. Ebenso ist es möglich (und wohl wahrscheinlicher), dass die Veruteilung im Palast des Herodes des Großen stattgefunden hat.


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07.11.2016 um 00:41
@Mannomann
Du denkst nicht, dass die reale Geschichte von den Evangelisten ein bisschen ausgeschmückt wurde?


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Zilli
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07.11.2016 um 09:00
Mannomann schrieb:... Die Kreuzigung (und die darauf folgende Auferstehung) ist ja zwingend notwendig. Beides ist ja die Grundlage und Rechtfertigung des christlichen Glaubens...
Nein, die Kreuzigung Jesu war nicht der Wille Gottes sondern eine Tragödie für die ganze Menschheit.

Jesus, der als der zweite Adam kam, sollte zu seinen Lebzeiten akzeptiert werden und die verlorengegangene 1.Familie wiederherstellen.
Er sollte eine auf Gott ausgerichtet Familie begründen und so einen neuen Anfang machen

Jesus wurde aber von seinem eigenen Volk, das Gott 4000 Jahre lang durch alle Schwierigkeiten hindurch auf den Ankunft ihres Messias vorbereitete, abgelehnt - sie, sein eigenes Clientel ließen ihn von den Römern kreuzigen.
Erst durch die Auferstehung konnte das Christentum entstehen... es war so nicht vorgesehen...


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