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Der Fall Uwe Barschel

326 Beiträge, Schlüsselwörter: Uwe Barschel, Beau-rivage

Der Fall Uwe Barschel

12.11.2017 um 13:53
Vielen Dank!

Mir ist nicht bekannt, dass der BND die Schweizer Behörden bat, nur einen Suizid in Betracht zu ziehen. Ich glaube, das haben die Schweizer Behörden von Anfang selbst getan (Badewannensuizide sind eben nicht so einmalig, einmalig war hier ein Pressefoto davon), kritisiert wird ja immer, sie hätten es zu sehr. Aber das kann ich gut nachvollziehen, da eben die Prominenz und politische Brisanz dieses Todes aus Schweizer Sicht eher unwichtig war. Die haben einfach ihr Programm für solche Fälle durchgezogen. Die Ermittlungsrichterin hat auch immer betont, dass dieser Fall behandelt würde, wie andere auch. Sonst gäbe es vielleicht heute nicht das eine oder andere Erkenntnisloch.

Der BND hat dazu auch überhaupt kein Mandat (das läuft entweder über Rechtshilfeersuchen über das BMJ - langwierig - oder über das BKA, das Verbindungsbeamte in der Schweiz hat - schneller. Vermutlich bekamen die Schweizer grundlegende Informationen zur Person Barschel von den Deutschen Polizeibehörden, also Landespolizei->BKA->Schweizer Polizei). Der BND hat auch sicher nicht die Aufgabe gehabt, die Ermittlungen zu erschweren oder zu vertuschen oder selbst zu ermitteln. Es gab evtl. Erkenntnisanfragen von Polizei und StA an ihn, ob ihm aus der Welt der Dienste Gerüchte bekannt geworden sind, hier habe ein fremder Dienst seine Finger im Spiel gehabt. Aber da wird dem BND nichts bekannt gewesen sein.

Der BND ist vorrangig eine Behörde, die der Beschaffung von Informationen über außen- und sicherheitspolitische Fragen verpflichtet ist. Jede Einflussnahme auf Ermittlungen wäre ihm verboten und für die beteiligten Beamten eine schwere Dienstpflichtverletzung. Als der BND 2004 Terrorverdächtige in US-Gewahrsam in Guantanamo oder Syrien befragt hat, war das schon ein riesiger Aufstand. Der BND hatte 1987 sicher auch einen Verbindungsbeamten in der Schweiz, aber der diente vorrangig als Kontaktmann für die Schweizer Nachrichtendienste. Eigene Spionage/Ausspähung z.B. in Genf durfte der aber nicht betreiben. Ich sehe zudem kein Interesse oder Motiv, warum der BND auf die Ermittlungen Einfluss nehmen sollte.

Was meinst Du mit "Ermittlungsakten unter Verschluss"?

Polizeiliche bzw. staatsanwaltschaftliche Ermittlungsakten sind grundsätzlich nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Das hat viele verschiedene Gründe, von Polizeitaktik über Persönlichkeitsrechte bis hin zum Schutz beteiligter Amtsträger. Einsicht erhält nur der Verteidiger und ggf. die Nebenklage sowie das (Straf-)Gericht, das aber Akteninhalte öffentlich (mündlich) machen muss, soweit sie für ein Urteil von Belang sind. Deshalb werden z.B. in München im NSU-Prozess manchmal stundenlang Akten verlesen. Einen solchen Prozess gab es hier - mangels Beschuldigten - nicht. Zudem wird die Familie Barschels wenig Interesse daran haben, Ermittlungsergebnisse zur Person Uwe Barschel und seinen Familienverhältnissen öffentlich zu machen.

Ansonsten gelten die üblichen Archivfristen. D.h. in 20 Jahren kann sich evtl. ein Historiker über die Akten beugen und ein Buch dazu schreiben. Da wird dann noch das eine oder andere Detail öffentlich bekannt werden.

Damit man mich nicht falsch versteht: Gäbe es Motive oder Spuren, die nicht in Richtung Mord und NICHT zugleich in Richtung Geheimdienste zeigen würden, dann wäre ich einer Alternative gegenüber aufgeschlossener. Doch alle Wege führen nur dahin und setzen deshalb ein Bild von Geheimdiensten voraus, das zumeist wenig der Realität entspricht. Natürlich kann man diese Realität auch wieder als Illusion der Dienste abtun, aber dann haben wir es mit metaphysischen Monstern zu tun, an die in VT geglaubt wird, aber selten unter Polizeibeamten und Staatsanwälten.


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12.11.2017 um 16:58
So, habe nochmals nach der BND-Barschel-Akte recherchiert. Die gibt es, BILD im Jahre 2013 hat eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) gemacht und sie nicht bekommen. Kein Wunder, Ansprüche nach dem IFG umfassen nicht geheime Akten der Nachrichtendienste. Die rücken die Dienste zumeist auch nicht raus, weil sie nicht nur die Rückschlüsse auf Mitarbeiter und Quellen zulassen, sondern auch auf die nachrichtendienstliche Methodik. Oder man schwärzt so viel, dass nur noch neue Gerüchte entstehen...

Es handelt sich im Übrigen dabei nicht um eine Ermittlungsakte, sondern um eine Vorgangsakte, d.h. es werden alle Informationen gesammelt, egal aus welchen Quellen, egal ob unbestätigt oder nicht, die zu einem Sachverhalt dem Dienst bekannt werden. Anlass war vermutlich die Erkenntnisanfrage der Staatsanwaltschaft. Aber der BND wird keine eigenen Ermittlungshandlungen oder Nachforschungen vorgenommen haben, weil das eben nicht seine Aufgabe ist.

BILD bekam aber wohl vom BND eine Inhaltsangabe zugereicht, über die BILD dann auch berichtet.

Daran zeigt sich: Viele Gerüchte und Behauptungen wurden gesammelt. Aber es passt nichts zusammen. Erst recht, wenn man Udo Ulfkottes Verschwörungsbuch zum BND oder den Bericht der Berliner Zeitung liest. Es scheint ein gutes Dutzend "Theorien" zu geben, die alle geheimnisvolle Gewährsmänner ins Feld führen und zugleich mit den Fakten sehr, sehr selektiv umgehen. Da haben wir die Stasi, den Mossad, den iranischen und nordkoreanischen Geheimdienst (sogar beide zusammen - um Himmels Willen, was hatten Iran und Nordkorea anno 1987 für gemeinsame Interessen???), CIA und BND, die Mafia (wahlweise spanisch, italienisch oder international). Es fehlen eigentlich nur noch SPD und CDU, die von Barschel mit schlimmen Dingen erpresst wurden oder verschleiern wollten, welche Anteile sie selbst an der "Waterkant-Affäre" hatten...

So wurde in der Jonny-Walker-Flasche zwar Diphenhydramin nachgewiesen, die Konzentration war aber so gering, dass daraus nicht der Schluss gezogen werden kann, ihm sei das Gift aus dieser Flasche eingeflößt worden. Sondern dass aus seinem Mund beim Leeren der Flasche Spuren des Mittels in die Flasche gelangt waren. Warum die angeblich hochprofessionellen Dienste solche Fehler machen, wie Schuhe herumliegen zu lassen oder Weinflaschen zu entsorgen, erschließt sich mir nicht. Im Übrigen versucht ein professioneller Kellner in einem der besten Hotels der Stadt, in dem auch schon Sissi logierte, eben keine Fingerabdrücke auf einem Weinglas zu hinterlassen. Und nicht jede Berührung führt zu Fingerabdrücken.

Soweit noch hierzu... :-)


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12.11.2017 um 22:26
monstra schrieb:Wir kennen nicht nur die Badenwannen und Obduktionsfotos, sondern auch das Ergebnis der Obduktion, an dem sich kaum rütteln lässt. Denkbar ist es erst zu betäuben und dann den Giftcoktail einzuflößen, aber das ist auch nur denkbar, weil es keine Anzeichen gibt, dass die Medikamente gegen seinen Willen oder gewaltsam beigebracht wurden.
Ich weiß nicht, wer "wir" ist und ich zumindest kenne nicht nur das Ergebnis "der" Obdukion (in der Schweiz), sondern beider Obduktionen - also auch das, von der Obduktion, die von der Familie in Auftrag gegeben wurde und die am gerichtsmedizinischen Institut der Universität Hamburg durchgeführt wurde. Und zwar ordendlich und nicht hingepfuscht.

Wie erklärst Du Dir denn z.B. die punktförmigen Einblutungen in der linken Nasenschleimhaut, der Speiseröhre und dem Magen? Diese Einblutungen sind typisch für das Einführen eines Schlauches durch die Nase in den Magen.

Oder das Fehlen jedweder Tabletten-Rückstände oder -Anhaftungen in der Speiseröhre, obwohl er 80 bis 100 Stück geschluckt haben müsste?

Oder die großflächige Anschwellung der Kopfschwarte im Hinterkopfbereich oberhalb der Hutenkrempenlinie? Ein Verletzungsbild, was typisch für einen Schlag mit einem stumpfen, bedingt biegsamen Gegenstand ist (Schlagstock).
monstra schrieb:So wurde in der Jonny-Walker-Flasche zwar Diphenhydramin nachgewiesen, die Konzentration war aber so gering, dass daraus nicht der Schluss gezogen werden kann, ihm sei das Gift aus dieser Flasche eingeflößt worden. Sondern dass aus seinem Mund beim Leeren der Flasche Spuren des Mittels in die Flasche gelangt waren.
Die "Speichelrückflusstheorie" ist der persönliche Notnagel von Rex. Außer ihm (und Dir) glaubt das eigentlich niemand. Es war ja nicht nur der Diphenhydramin-Gehalt minimal, sondern auch der Alkoholgehalt. Die Flasche wurde also ausgespült, bevor sie weggeworfen wurde.

Rex hat daraus konstruiert, Barschel habe sie mit Leitungswasser aufgefüllt, um nachzutrinken. Hast Du jemals versucht, so ein Fläschchen unter einem Wasserhahn aufzufüllen? Und würdest Du es tun, wenn Du Weingläser, div. Gläser in der Minibar und Zahnputzbecher zur Hand hast?


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12.11.2017 um 22:47
monstra schrieb:Doch alle Wege führen nur dahin und setzen deshalb ein Bild von Geheimdiensten voraus, das zumeist wenig der Realität entspricht.
Na dann hier mal ein kleines, sehr sehenswertes Video zur Realität des Mossad:
http://www.spiegel.de/video/mord-in-dubai-mossad-killer-in-aktion-video-1049801.html


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Der Fall Uwe Barschel

13.11.2017 um 02:33
@monstra

Wow, Sehr viel Mühe und Text. Sehr schön ! Ich fange ordnungsgemäß vorn an:
monstra schrieb:1. Selbstmord als Mord. Nettes Krimithema. Es gibt zwar immer wieder Versuche, einen Mord als Selbsttötung zu tarnen, aber entweder wird das anhand der Spurenlage relativ schnell enttarnt (Obduktion usw.), oder die Art und Weise ist von vorneherein auf das Vernichten von Spuren angelegt (Brand, Zerstörung der Leiche). Mir ist kein Fall bekannt, in dem erst nach langen mühsamen Ermittlungen entgegen allen Anscheins eine vermeintliche Selbsttötung als Mord entlarvt wurde. (...)
Natürlich landen wir gerade beim Thema "Geheimdienst" geradezu unausweichlich bei den VT. Es ist schließlich Sinn und Zweck des Geheimdienstes, nicht alle Methoden offen zu legen. Und natürlich, Geheimdienste im Allgemeinen und Speziellen umweht immernoch dieser "007-Mythos" von Geheimwaffen und Tötungsmethoden die niemand kennt und/oder erkennt. Dennoch stehen im realen Leben bei einer Tötungsabsicht auch einem Geheimdienst (sofern er überhaupt entspr. agiert bzw. agieren darf) alle Möglichkeiten offen, die einem nicht geheimdienstlichen Akteur offenstehen. Schlussendlich auch die offenbar schwierigste Methode, einen Mord als Selbstmord zu tarnen. Man könnte nun trefflich innerhalb einer VT darüber diskutieren, ob es am Ende überhaupt darum ging, einen Selbstmord vorzugaukeln oder dieses Bild eher ungewollt bzw. zufällig dabei entstand. Oder darüber, ob es einigermaßen gelang einen Suizid vorzutäuschen oder eben gründlich misslungen ist. Wir werden es mutmaßlich nie erfahren. Allerdings kann man seinen Blick von möglichen Tätern auch einfach wieder auf die vorhandenen Hinweise/Spuren/Indizien richten. Da haben wir ein Obduktionsergebnis und eine Fundsituation zu beleuchten. Das Obduktionsergebnis steht natürlich ersteinmal als Fakt im Raum. Doch es lässt beide Theorien zu. Sowohl den Suizid (sei er nun begleitet worden oder nicht) und Mord. Gänzlich ausschließen kann der Bericht leider keine These.

Die Fundsituation ist auch nicht klarer. Hier gibt es die bekannten, erklärungswürdigen Kleinigkeiten, die eben -je nach der schon besprochenen Sichtweise- eben so oder so ausgelegt werden können oder eindeutig uneindeutig sind. Aber sie sind da. Ohne eine bislang eindeutige Erklärung des Zustandekommens von offizieller Seite.
monstra schrieb:(...) Den meisten Menschen ist noch nicht mal bekannt, dass deutsche Geheimdienste reine Informationsdienste sind, die weder im In- wie im Ausland aktiv handeln dürfen. Die Tötungs(-versuche) von Geheimdiensten, die wir kennen (Mossad, Stasi, CIA) beruhten meist auf offensichtlicher Gewalteinwirkung (Erschießen, Bombe, Polonium).(...)
Hier diskutieren wir indirekt schon über das Motiv für eine Tat und damit über den Rückschluss auf eine mögliche Täterschaft. Das ist ggf. schon einen Schritt zu weit. Nun, ein Geheimdienst kann entweder selbst agieren oder gewissermaßen agieren lassen. Für letzteres stehen viele Wege offen. Von Instrumentalisierung bis Erpressung oder Bezahlung von Einzeltätern oder ganzen Gruppen. Wenn wir uns als Beispiel dafür in einem Exkurs z.B. den sog. "Gladio-Operationen" zuwenden, einfach weil viel darüber inzwischen offiziell untersucht und freigegeben wurde, ist in den dortigen Fällen nicht der Geheimdienst selbst aktiv geworden, sondern es wurden Untergrund- oder Terrorgruppen bestimmter politischer Ausrichtung oder Gewaltbereitschaft aktiviert und lediglich geheimdienstlich logistisch und Materiell unterstützt. Wenn ein Geheimdienst selbst agierte, war -in den wenigen bekannten Fällen- oftmals entweder zu wenig Zeit für die Aquise von Dritten und/oder es sollte ein entsprechend klares Zeichen nach außen gesetzt werden. Dementsprechend offensiv wurde dann auch vorgegangen. Wir kennen im Gegensatz dazu jedoch kaum oder sogar garkeine Fälle, in denen einem Geheimdienst eine Operation ohne offensiven Charakter (Zeichen) bzw. Zeitdruck gelungen wäre, eben weil zum Gelingen einer solchen Operation gehört, dass die "wahren" Täter nie ermittelt werden können und auch nicht offensichtlich sind.
monstra schrieb:(...) Ich frage mich aber: Wie und warum soll ein Dienst das machen?
Darüber wie ein Dienst es gatan haben könnte, gibt es mehrere Theorien. Mittels improvisierter Magensonde (Schlauch durch Hals) und/oder rektal ist nur eine davon. Alles ist in der Theorie möglich und praktisch (noch) nicht bewiesen. Das Problem: Es gibt Anhaltspunkte z.B. in Form von kleinen punktförmigen Verletzungen im Rachenraum des Opfers, dass auf das Einführen eines entsprechenden Schlauches hindeuten kann. Das allein reicht jedoch nicht als Beweis einer solch unterstellten Handlung durch Dritte aus. So ist es immer wieder in diesem Fall. Jeder Hinweis für sich scheint anzuzeigen, es stimmt was nicht. Barschel war nicht allein als er starb. Aber genauso ist jeder Hinweis für sich nicht beweiskräftig genug, Theorien auszuschließen oder klar zu belegen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die Menge der Indizien eine Kette bilden kann oder ob Details bislang übersehen wurden. Deshalb würde ich mir von einer neuerlichen Untersuchung durch unvoreingenomme Experten verschiedener Fachgebiete erhoffen, ein eindeutigeres Ergebnis zu erarbeiten. Wenn dies nicht gelänge, wäre immerhin alles getan worden, hier für mehr Klarheit zu sorgen. So wie es jetzt ist, steht ein zumindest für mich persönlich unbefriedigendes, schwammiges Ergebnis im Raum. Der Fall scheint mir eben doch nicht ausermittelt sein.

Ein ganz anderes Thema ist das Motiv, welches ein Dienst gehabt haben könnte. Es gibt tausende unterstellte Motive die bereits in diesem Fall angeführt wurden. Viele davon sind mMn nach an den Haaren herbei gezogen und eher infantile Krimiphantasien. Andere hingegen erscheinen durchaus schlüssig. Ohne Wertung der Person Dr.Dr. Uwe Barschels ist jedoch (inzwischen) Fakt, dass er nicht ausschließlich Landespolitik im Sinne des Bürgerauftrages betrieb. Er war in Grauzonen der Legalität unterwegs, in der Halbwelt von Waffenhändlern, deren Lobbyisten, Geheimdiensten und hatte auch Kontakte zu Diktatoren und deren Clans. Wie ich bereits in meinem vorangegangenen Beitrag schrieb, ist es leicht bis unvermeidbar, sich in diesem Umfeld auch ggf. mächtige Feinde zu machen. Möglicherweise ohne es selbst zu wissen. Denn seine Tavor-Abhängigkeit hatte ggf. sogar dafür gesorgt, dass er so tief in diese Machenschaften hinein geraten ist, ohne das ihn die natürliche Angst und Vernunft gebremst hätte. Das ist aber spekulativ und soll hier kein Plädoyer für irgendetwas darstellen. Ich komme jedenfalls zu dem Schluss, dass es durchaus Motive für einen Mord gibt.
monstra schrieb:Du argumentierst aus Ermittlersicht. Aber die Ermittlungen sind eingestellt, der Fall ist ausermittelt. Wo wären noch Ansatzpunkte für Ermittlungshandlungen, wenn man eine Soko Barschel erneut einberufen würde?
Das stimmt. Offiziell ist der Fall ausermittelt. Ebenfalls richtig, ich schreibe eher aus Ermittlersicht. Allerdings steht es nicht in meiner (juristischen) Macht, irgendetwas offiziell daran zu ändern. Und das ist auch nicht mein Ansinnen. Denn sonst wäre ich wohl eher nicht in diesem Forum. Ich persönlich sehe viel mehr den Ansatz, alles nochmals gründlich und mit einer Gruppe von Experten des jeweiligen Fachgebietes zu untersuchen und anschließend zu bewerten. Denn ich persönlich kann mich des Eindruckes nicht erwähren, dass nicht immer alles objektiv, unvoreingenommen und mit absoluter Professionalität mit den jeweils besten zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden untersucht wurde. Vor allem wurde ggf. nicht alles an Einzelhinweisen/Indizien zusammengebracht, wie es heute beim sog. Profiling der Fall ist. Wenn, gibt es nur so noch eine minimale Chance auf mehr Licht im Dunkel des Istzustandes.
monstra schrieb:Ich sehe die Sache eher als Richter. Und als solcher ("freie richterliche Beweiswürdigung") hätte ich beim Stand der Ermittlungen keine vernünftigen Zweifel mehr (auch wenn Restzweifel verbleiben), dass sich Barschel selbst getötet hat. Im einzigen gerichtlichen Szenario, dass ich mir vorstellen kann (Zivilprozess) wäre die Entscheidung auch so, da bin ich überzeugt. Ich halte die Erkenntnislücken einer Suizidtheorie, die wohl für immer bleiben müssen, für geringer und unwesentlicher, als die riesengroßen Erkenntnislücken einer Mordtheorie, der ganz wesentliche Ansatzpunkte fehlen.
Das ist ja bereits der aktuelle Stand. Es wird -soweit ich weiß- aktuell nichts mehr ermittelt und/oder untersucht. Natürlich kann eine Theorie recht "rund" sein und nach dem Status quo auch zu einer solchen Entscheidung führen. Das ist aus juristischer Sicht auch in Ordnung. Doch wenn man den nötigen Aufwand, die erforderlichen Mittel und auch die mögliche Chance auf ein anderslautendes Untersuchungsergebnis einmal ausblendet, erkennt man auch das Potenzial was in den Lücken der Mordtheorie ggf. durch oberflächliche und voreingenomme Untersuchungen ungenutzt brachliegt. Was wäre, würde es tatsächlich "den" einen Hinweis darunter geben, der die Anwesenheit einer oder mehrer dritter Personen während des Sterbeprozesses des Opfers beweisen würde ? Mir ist klar, wahrscheinlich wird es die entsprechende Untersuchung nicht geben. Aber aus meiner persönlichen Sicht, ist dieser Fall eben nicht sauber, professionell und auch ausermittelt zuende gebracht worden.
monstra schrieb:Würde es sich nicht um einen prominenten Fall aus der Politik handeln, hätte niemand auch nur ein Wort über "Ermittlungsfehler" der Polizei verschwendet. (...)
Natürlich ist es der Prominenz des Opfers geschuldet, dass überhaupt mal jemand hingesehen hat. Wäre dort ein unbekannter und persönlich verzweifelter Mensch umgekommen, es hätte mutmaßlich nicht einmal zu einer Spalte in der Lokalpresse gereicht. Aber das heißt im Umkehrschluss nicht, dass dieser Unbekannte tatsächlich Suizid begangen und nicht ermordet worden wäre. Er hätte nur keine Lobby gehabt, die entsprechende Aufklärung einzufordern. Wie lange hat es gedauert, bis aus unzähligen "natürlichen Stebefällen" auf der Geriatriestation eines Krankenhauses/Pflegeheimes ein Serienmord wurde ? Es gab mehrere Fälle in denen in zweistelliger Höhe gemordet wurde, ohne das es mangels Prominenz der Opfer und unvoreingenommener Ermittlung zu den richtigen Schlüssen kam und ein Serienmord festgestellt werden konnte.
monstra schrieb:Der BND ist vorrangig eine Behörde, die der Beschaffung von Informationen über außen- und sicherheitspolitische Fragen verpflichtet ist. Jede Einflussnahme auf Ermittlungen wäre ihm verboten und für die beteiligten Beamten eine schwere Dienstpflichtverletzung. Als der BND 2004 Terrorverdächtige in US-Gewahrsam in Guantanamo oder Syrien befragt hat, war das schon ein riesiger Aufstand. Der BND hatte 1987 sicher auch einen Verbindungsbeamten in der Schweiz, aber der diente vorrangig als Kontaktmann für die Schweizer Nachrichtendienste. Eigene Spionage/Ausspähung z.B. in Genf durfte der aber nicht betreiben. Ich sehe zudem kein Interesse oder Motiv, warum der BND auf die Ermittlungen Einfluss nehmen sollte.
monstra schrieb:(...) Gäbe es Motive oder Spuren, die nicht in Richtung Mord und NICHT zugleich in Richtung Geheimdienste zeigen würden, dann wäre ich einer Alternative gegenüber aufgeschlossener. Doch alle Wege führen nur dahin und setzen deshalb ein Bild von Geheimdiensten voraus, das zumeist wenig der Realität entspricht. Natürlich kann man diese Realität auch wieder als Illusion der Dienste abtun, aber dann haben wir es mit metaphysischen Monstern zu tun, an die in VT geglaubt wird, aber selten unter Polizeibeamten und Staatsanwälten.
So steht es in den Statuten. Trotzdem sollte bei aller Geheimhaltung nicht übermäßig verwundern, dass gegebene Möglichkeiten in Geheimdiensten als Resource auch für das illegale Ausspähen von Spitzenpolitikern befreundeter Nationen und zur ebenfalls illegalen Informationsbeschaffung in der Wirtschaft (Wirtschaftsspionage) genutzt wurden und wohl auch heute noch werden. Genauso hat es immer Personen gegeben, die in "bedauerlichen Einzelfällen" ihre Kompetenzen weit überschritten und eigenmächtig Mittel und Möglichkeiten innerhalb der Dienste zweckentfremdeten. Ich persönlich bin zumindest dem BFV/BND/MAD usw. wohlgesonnen. Ich stehe den Diensten eher mit Dankbarkeit für ihre Arbeit, als mit pauschalem Misstrauen und Ablehnung gegenüber. Das tue ich, obschon ich über die Existenz der oben genannten Praktiken weiß. Denn die Existenz dieser Dienste ist unbestritten existenziell für einen Staat, der in der Welt Gehör finden möchte und sich aufgrund seiner Größe, Wirtschaftsmacht und Eigenständigkeit entsprechenden Angriffen von außen erwehren muß. Egal wie man nun zu den angewandten Methoden steht, ist das die Realität.

Ich persönlich fühle mich deshalb jedoch nicht genötigt, ein schöngefärbtes Bild der deutschen Geheimdienste zu zeichnen, deren vorderrangige Aufgabe scheinbar darin besteht, Marmelade für Waisenhäuser zu kochen. Das erscheint mir außerhalb politischer Öffentlichkeitsarbeit etwas zu naiv. Nennen wir die Dinge doch beim Namen. Natürlich ist Wissen Macht. Und natürlich verursacht schon die Information an sich gerne mal Kollateralschäden auf dem Weg zu ihrem Ziel, eigene Staatliche Interessen wahrzunehmen und zu schützen. Genauso verhält es sich, wenn -ggf. sogar ungewollt- Informationen gewonnen werden, die das Potenzial haben, die eigenen Strukturen und/oder den Staat/die Öffentlichkeit/die Sicherheitsinteressen nachhaltig zu gefährden. Der Umgang mit solchen Informationen ist dann strenge Ermessenssache und äußerst sensibel. Heraus kommt dabei dann entweder deren Vernichtung oder sie werden zunächst -unter höchster Geheimhaltungsstufe- weggeschlossen. Im besten Fall werden "nur" eigene Mitarbeiter oder Quellen gefährdet. Da wird schon eher mal archiviert und bei drohender Veröffentlichung fleißig geschwärzt. Kurz und gut: Die Geheimdienste sind per se keine Monster. Aber auch sicher keine Kuscheltiere. Das gilt im übrigen gerne auch mal für Großbanken und Konzerne. Das ist das Spiel. Man kann damit leben oder eben nicht. Nur verleugnen sollte man diese Tatsache auch nicht unbedingt.

Im vorliegenden Fall glaube ich persönlich im übrigen nicht, dass der BND seine Finger im Spiel hat. Auch wenn zur gleichen Zeit ein -nennen wir ihn- "freier Mitarbeiter" nebst Mitarbeiter und Gattin mit eigenem Flugzeug angereist vor Ort, jedoch in einem anderen Hotel war. Da ging es eher um das Treffen einiger der größten Waffenhändler und die entsprechenden Kunden oder andere außenpolitische Angelegenheiten, weniger um die persönliche "Mission" des Dr.Dr. Uwe Barschel.Außerdem ist der BND weit davon entfernt, eigene sog. Hit-Teams zu unterhalten. Dafür ist die BRD auch ein zu kleines Licht und geheimdienstlich zu abhängig. Es dürfte auch nicht im Interesse unserer Politik sein, nach all den Dingen, die im letzten Jahrhundert passiert sind, solche drastischen Dinge zu betreiben. Sicher nicht.


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Der Fall Uwe Barschel

13.11.2017 um 14:01
@slaterator
Das Argument "Es sind so viele Merkwürdigkeiten, das deutet auf etwas hin" ist an der Stelle sehr problematisch bzw. falsch.
Du wirst bei vielen Obduktion mehrere mögliche Erklärungen für eine bestimmte Verletzung finden. Die Einblutungen können von einem Tubus stammen - oder auch nicht. Die Verletzung im Nacken könnte von einem Schlagstock stammen - oder auch nicht.
Wie wahrscheinlich der jeweilige Rückschluss des Gerichtsmediziners ist, weiß ich nicht. Aber alleine das vorliegen vieler kleiner Anhaltspunkte für eine bestimmte Erklärung sagt nichts aus.
Das ist der absolute Normalfall. Selten sind Verletzungen eindeutig zuordenbar, jedenfalls nicht solche vagen Verletzungen.

Man kann die Erkenntnisse nun heranziehen, und damit weiter ermitteln. Würde man einen passenden Tubus finden, könnte man den ggf. zuordnen.

Das ist letztlich stets das Problem vieler VTs. Sie erscheinen schlüssig, weil die Interpretation der Fakten grundsätzlich so möglich ist und weil man das Gefühl hat, dass alles so wunderbar passt.
Dabei wird aber verkannt, dass all das auf ein alternatives Erklärungsmodell genau so gut passt.

Vor allem aber eine nachträgliche Betrachtung der Situation weckt in uns das Gefühl, dass so keiner handeln würde. Wir verkennen aber dabei, dass die Handelnden die Situation eben nicht aus unserer Sicht sehen (ex post) sondern ständig Prognosen abgeben müssen. Da passieren weit mehr Fehler, als man in einer Nachbetrachtung für möglich halten würde.


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Der Fall Uwe Barschel

13.11.2017 um 14:25
Zum Mossad: Ja, der Mossad mordet. Und er darf das nach israelischen Recht auch. Schon nach München 1972 wurden Drahtzieher des Anschlags auf die Olympischen Spiele liquidiert, bis die Regierung das stoppte. Der Spiegel TV-Film zeigt schön, wie das passiert. Rückschlüsse auf Barschel lassen sich nicht ziehen, im Gegenteil: Die Liquidierungen des Mossad sind eher schnöde und wenig raffiniert. Da soll durchaus nach Außen Macht demonstriert und die Botschaft verbreitet werden: "Wir kriegen Euch!" Deshalb haben diese Liquidationen immer auch eine politische Dimension. Terroristen und Kämpfer gegen Israel sollen abgeschreckt werden.

Der BND darf das nicht und macht das nicht. Aber die Welt der Geheimdienste betrachte ich hier als pure Spekulation. Es gibt keinen Fakt, der auf einen Dienst oder das organisierte Verbrechen hindeutet. Von V-Leuten bis Waffenhändlern bleibt alles bei Gerüchten vom Hörensagen, keine Zeugen oder unmittelbare Verlautbarungen. Von "Gladio" (gab es wohl mal im "Kalten Krieg" als sicherheitsbehördlichen Verbund) usw. will ich jetzt mal gar nicht anfangen, dann kann ich gleich Parallelen zwischen den Freimauerern, JFK und Barschel suchen... Auf Hajo Funke sei hier nur am Rande verwiesen, das ist nicht mal mehr Spekulation, sondern ein Anpassen der Wirklichkeit an die eigene paranoide Vorstellungswelt.

Zur Obduktion: Die beteiligten Gerichtsmediziner in Hamburg haben sich dezidiert gegen eine Ermordung gewandt. Angebliche Hinweise auf Gewaltanwendungen seien aus dem Zusammenhang gerissen. Blutungen und Hämatome seien auf die Lagerung (immerhin fast 6 Wochen) und den Transport nach Hamburg zurückzuführen. Es gab keine Anhaltspunkte für eine Magensonde, Spritze, gewaltsame Beibringung oder Ähnliches.

Ein von der Familie beauftragter Schweizer Toxikologe hat zwar die These aufgestellt, das tödliche Barbiturat sei erst nach der Betäubung eingeführt worden. Er spekuliert - wenig seriös - über eine Magensonde. Er hat aber als Beurteilungsgrundlage allein die Ergebnisse der Hamburger Rechtsmediziner herangezogen.

Interessant ist in beiden Fällen die Familie, die von "politischem Mord" spricht und sowohl die Hamburger Obduktion als auch das Schweizer Gutachten veranlasst hat. Sie hat den verantwortlichen Rechtsmediziner in Hamburg angezeigt, nachdem dieser in der "Zeit" ein Interview gegeben hat. Er habe seine Schweigepflicht verletzt. Das deutet darauf hin, dass die Familie nur die Teile des Obduktionsprotokolls freigeben möchte, die die Mordthese stützen. Dazu gehören wohl die protokollierten kleinen Verletzungen, denen die Obduzenten keine Bedeutung beigemessen haben. "Angehörige von Verbrechensopfern dürfen alles." hat mal ein Justizminister zu mir gesagt. Aber das Maß an Befangenheit ist hochgradig. Das muss ich einfach berücksichtigen. Und das mag auch das Schweizer Toxologiegutachten beeinflusst haben, das ich jetzt nicht automatisch als neutral betrachten würde.

Also Verletzungen oder Spuren für Gewaltanwendung vor Todeseintritt sind kein Faktum.

Die leere Whiskey-Flasche ist ein Faktum, aber bei genauerer Betrachtung ein "neutrales Faktum", das weder die eine noch die andere These zu stützen geeignet ist. Als Beweis für einen zwangsweise Beibringung taugt sie jedenfalls weniger wie als Wasserfläschchen für Tabletten im Mund.

Im Grunde machen die Mord-Befürworter etwas, was ein Ermittler nicht machen dürfte: Sie setzen eine These und suchen dann selektov nach Anhaltspunkten, die das Szenario stützen könnten. Lassen wir doch einfach die Variante Suizid bei Seite und konzentrieren wir uns auf die Variante Mord (nach den Anhaltspunkten müsste auch ein Ermittler suchen, der von vorneherein von Suizid ausgeht, um seine These zu überprüfen):

1) Tatort: Leiche ohne offensichtliche Dritteinwirkung. Keine unmittelbaren Hinweise auf Anwesenheit von Dritten. Weinflasche verschwunden, evtl. Kellner. Whiskey-Fläschchen leer, entweder ausgeschüttet oder ausgedrunken und mit Wasser aufgefüllt und erneut geleert. Warum? Schuhe liegen rum. Opfer angezogen, mit Krawatte in der Badewanne. Warum Krawatte? Warum Badewanne? Anhaltspunkte für Dritteinwirkung: Keine.

2) Obduktion: Leiche ohne offensichtliche Gewalteinwirkung. Leichtes Hämatom an der rechten Stirn. Entweder durch Stoß vor Betäubung (durch Dritte?) oder durch Sinken des Kopfes nach Bewusstseinsverlust auf den Wannenrand. Toxikologie: Tödliche Mischung von Medikamenten, hochkomplexe Einnahme - scheinbar nach "Anleitung" durch Suizidhelfer. Anhaltspunkte für Dritteinwirkung: Keine.

3) Motiv: Bis vor kurzem Ministerpräsident. Beziehungen zur Wirtschaft, zur Rüstungsindustrie und in die DDR. Hat in Partei und Land Chaos hinterlassen. Soll vor Untersuchungsausschuss aussagen. Soll er zum Schweigen gebracht werden? Durch wen? Vor was? Am Naheliegendsten: Politische Freunde im Heimatland. Anhaltspunkte: Keine.

Wenn ich mir 1) bis 3) ansehe, dann bleibt außer den offenen Fragen nur die Spekulation. Und da kommt der Ermittler dann eben doch zu einer Abwägung: Wie passt dieser Suizid zu anderen gleichartigen Suiziden? Am Tatort, bei der Obduktion, bei den Motiven? Da finden sich eben zu gleichgelagerten Fällen viele Parallelen. Und wie passt ein Mord zu anderen gleichartigen Morden? Da bleibt nicht viel, weil ja diese Art zu Morden so raffiniert sein soll, dass sie gar nicht als Mord erkannt werden sollte. Vergleichbare Fälle? Vielleicht Alexander Walterowitsch Litwinenko (London 2006), Georgi Markow (London 1978), Roberto Calvi (London 1982). Aber es gibt dann auch keine evidenzbasierten Anknüpfungspunkte für ein Mordszenario.

Die ganzen Geschichten, die ein Mordszenario schlüssig machen wollen, müssen weit ausholen und tief einsteigen in die Welt der unbekannten Mörder, Gifte, Bedrohungen und Organisationen, in die Welt eines geheimnisvollen Vorlebens des Opfers, der Vertuschung und Verschleierung und der geheimen Mächte, die eine Aufdeckung des Mordes mit allen Mitteln verhindern wollen.

Seriös ist das nicht.


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Der Fall Uwe Barschel

13.11.2017 um 19:16
monstra schrieb:Die ganzen Geschichten, die ein Mordszenario schlüssig machen wollen, müssen weit ausholen und tief einsteigen in die Welt der unbekannten Mörder, Gifte, Bedrohungen und Organisationen, in die Welt eines geheimnisvollen Vorlebens des Opfers, der Vertuschung und Verschleierung und der geheimen Mächte, die eine Aufdeckung des Mordes mit allen Mitteln verhindern wollen.

Seriös ist das nicht
Ja, aber diese Welt gibt es. Wenn Geheimdienste erklären, sie hätten in den letzten 40 Jahren niemanden ermordet, lache ich aber ganz laut. Was machte Mauss vor Ort und warum mußte sein Gehilfe Jean Jacques Griessen Zimmer im Beaurivage mit Wanzen und Kameras präparieren? Der südafrikanische Waffenhändler Stoffberg teilet mit, daß der spätere amerikanische Verteidigungminister Robert Gates, zum Todeszeitpunkt Barschels CIA Direktor, Barschel in Genf treffen wollte. Es ging um Barschels Drohung, Waffengeschäfte auffliegen zu lassen. Kurz bevor Stoffberg eine eidesstattliche Versicherung abgeben wollte, beging er nach offiziellen Angaben Selbstmord. Ahahaha.

Somit haben wir bereits den CIA, den Mossad und Privatermittler im Szenario. In einem Buch des amerikanischen Politologen Robert E. Harkavy wird klar, daß Barschel Kontakt zu mehreren Geheimdiensten hatte, bevor er starb. Es gibt keine Worte, mit denen ich meine allertiefste Abneigung gegen solche Typen zum Ausdruck bringen könnte. Mir wird regelmäßig übel, wenn ich auch nur irgendwo was von Geheimdienst lese. Das Lebenselixier dieser Leute ist es, zu lügen und zu betrügen, das kann man nicht oft genug betonen. Das hat auch nichts Menschliches.


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13.11.2017 um 20:49
kleinundgrün schrieb:Das Argument "Es sind so viele Merkwürdigkeiten, das deutet auf etwas hin" ist an der Stelle sehr problematisch bzw. falsch.
Du wirst bei vielen Obduktion mehrere mögliche Erklärungen für eine bestimmte Verletzung finden. Die Einblutungen können von einem Tubus stammen - oder auch nicht. (...)
Das habe ich auch nicht in Abrede gestellt. Zur Verdeutlichung nochmal meine Aussage:
slaterator schrieb:(...) Das Problem: Es gibt Anhaltspunkte z.B. in Form von kleinen punktförmigen Verletzungen im Rachenraum des Opfers, dass auf das Einführen eines entsprechenden Schlauches hindeuten kann. Das allein reicht jedoch nicht als Beweis einer solch unterstellten Handlung durch Dritte aus. So ist es immer wieder in diesem Fall. Jeder Hinweis für sich scheint anzuzeigen, es stimmt was nicht. Barschel war nicht allein als er starb. Aber genauso ist jeder Hinweis für sich nicht beweiskräftig genug, Theorien auszuschließen oder klar zu belegen. (...)
Ich schreibe "hindeuten kann" und nicht "hindeutet" oder "hindeuten muß". Weiterhin habe ich im Anschluß verdeutlicht, dass diese Verletzungen -wie alle anderen Hinweise auch- allein NICHTS beweisen. Das schließt die Möglichkeit von verschiedenen Erklärungen zu ein und demselben Sachverhalt mit ein. Ich gehe da jetzt von einem Missverständnis aus.

Nochmal, ich vertrete hier nicht die VT. Was ich mir wünsche, ist eine nochmalige, unvoreingenomme, professionelle und fachgerechte Untersuchung aller vorhandener Hinweise durch geeignete und unabhängige Experten des jeweilig nötigen Fachgebietes. Warum ? Ich habe den unqualifizierten, weil privaten und persönlichen Eindruck, dass die vorhandenen Hinweise nicht auf diese vorgenannte Weise untersucht und eingeordnet worden sein könnten. Meiner Meinung nach würde eine professionelle und unabhängige Untersuchung diese geschichtlich wichtigen Ereignisse endlich zu einem "würdigen" Abschluss bringen können, ohne das die Familie und auch der Rest der Welt von -meiner Meinung nach- durchaus berechtigten Zweifeln geplagt wird.

Davon losgelöst sind die restlichen Ausführungen in Deiner Antwort klar und wir sind da auch einer Meinung.


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Der Fall Uwe Barschel

13.11.2017 um 21:57
monstra schrieb:Zum Mossad: Ja, der Mossad mordet. Und er darf das nach israelischen Recht auch. Schon nach München 1972 wurden Drahtzieher des Anschlags auf die Olympischen Spiele liquidiert, bis die Regierung das stoppte. Der Spiegel TV-Film zeigt schön, wie das passiert. Rückschlüsse auf Barschel lassen sich nicht ziehen, im Gegenteil: Die Liquidierungen des Mossad sind eher schnöde und wenig raffiniert.(...)
Alles richtig. Was Du allerdings hier außer Acht lässt ist die Tatsache, dass die bekannt gewordenen "Aktionen" mutmaßlich nur ein Bruchteil aller durch Mossad Hit-Teams durchgeführte Aktionen sind. Wie viele es sind ? Wir wissen es nicht. Aber eine eigens für solche "nasse Sachen" existierende Abteilung wird sicherlich nicht ohne Grund impletiert und nur alle 15 jahre mal zur Tat schreiten. Das ist aber nur eine freie Spekulation aus betriebswirtschaftlicher Denkweise meinerseits. Wenn dem so sein sollte, können wir die Vorgehensweise des Mossad bei eben diesen "nassen Sachen" nicht wirklich als "schnöde und wenig raffiniert" bewerten. Denn vieleicht sind die "extravaganten und ausgeklügelten" Missionen -aus Mossadsicht- geglückt und daher nicht auf den Geheimdienst zurückzuführen.
monstra schrieb:Der BND darf das nicht und macht das nicht.
Ja so richtig. Dem gibt es auch nichts hinzuzufügen.
monstra schrieb:Aber die Welt der Geheimdienste betrachte ich hier als pure Spekulation.
Ist das jetzt einfach pauschal so ? Aus Überzeugung ? Glauben ? Natürlich ist man zur Spekulation gezwungen, da es keine klaren Beweise gibt. Wir spekulieren auf Almy fortwährend. Wenn ich mich nicht irre, hatte aber Dr. Dr. Barschel in diesem Fall nicht nur berufsbedingte Kontakte zum eigenen und befreundeten Diensten, sondern auch zum MFS. Das ist keine Spekulation.
monstra schrieb:(...) Die beteiligten Gerichtsmediziner in Hamburg haben sich dezidiert gegen eine Ermordung gewandt. Angebliche Hinweise auf Gewaltanwendungen seien aus dem Zusammenhang gerissen. Blutungen und Hämatome seien auf die Lagerung (immerhin fast 6 Wochen) und den Transport nach Hamburg zurückzuführen.
In HH war das so. Ich stelle mir nur immer mal wieder in diesem Fall die Frage, wie das wohl Experten gesehen hätten, die völlig unvoreingenommen und unabhängig hätten agieren können ?
monstra schrieb:(...) Er spekuliert - wenig seriös - über eine Magensonde. (...)
"Wenig seriös" ist in diesem speziellen Fall eine sehr persönliche Wertung. Ich bin mir an dieser Stelle nicht sicher, wo hier das Diskussionsniveau anzusiedeln ist. Wollen wir jetzt darüber spekulieren, ob ein Tubus solche Verletzungen hervorrufen kann ? Klar kann er. Ich persönlich habe in meinem Leben schon einige Menschen intubiert. Und jetzt ?
monstra schrieb:1) Tatort: Leiche ohne offensichtliche Dritteinwirkung. (...)
Wow, damit bist Du weiter als die Befürworter von gleich zwei Theorien: Mord und Sterbehilfe.
monstra schrieb:Die ganzen Geschichten, die ein Mordszenario schlüssig machen wollen, müssen weit ausholen und tief einsteigen in die Welt der unbekannten Mörder, Gifte, Bedrohungen und Organisationen, in die Welt eines geheimnisvollen Vorlebens des Opfers, der Vertuschung und Verschleierung und der geheimen Mächte, die eine Aufdeckung des Mordes mit allen Mitteln verhindern wollen.
Ja. Weil Herr Dr. Dr. Uwe Barschel eben nicht von einem Auto überfahren wurde. Er starb in einem Hotel. In Genf. Kurz vor einer wichtigen Aussage. Mit Wissen und Verstrickung in Geheimdienstaktivitäten. In einer Badewanne. Mit Anzug und Krawatte, ohne obertsen Hemdknopf. Mit verstreuten Schuhen, adäquat auf dem Bett plaziertem Schlafanzug und sonst halt einem Selbstmörder entsprechendem Szenario.

Seriös ist das nicht.


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 12:08
Wie gesagt, es gibt Geheimdienste, die morden oder gemordet haben. Das ist historisch evidenzbasiert. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, Barschel sei von ihnen ermordet worden. Umso mehr, wenn man noch nicht mal ein schlüssige Szenario entwickeln kann a) welcher Dienst, b) warum und c) wie die Tatausführung war (v.a. unter Täuschung mehrer Grichtsmediziner)?

Barschel hatte vermutlich bei seinen Inkognito-Besuchen der DDR (nur einer ist gesichert) Kontakt zu Stasiangehörigen (das war quasi unvermeidlich), aber wir wissen nicht, wozu diese Besuche dienten. Es könnte ganz einfach um Wirtschaftsfragen gegangen sein. Franz Josef Strauß war Anfang der 1980er Jahre auch inkognito in der DDR (auch andere Westpolitiker), um den Mrd.-Kredit zu verhandeln. Da hatte er auch Kontakt zu Stasiangehörigen. Dennoch wird keiner behaupten wollen, er sei Anfang Oktober 1988 von der Stasi ermordet (oder vom Fürsten von Thurn & Taxis aus Versehen erschossen) worden. Oder doch?

Es gibt für das Geheimdienstszenario keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte. Das Vorhandensein etwaiger kleiner Hämatome oder punktförmiger Blutungen am Kehlkopf der Leiche nach sechs Wochen Liegezeit mag zwar eine Tatsache sein, aber eben keine, die auf Gewaltanwendung hindeutet, wenn die beteiligten Gerichtsmediziner (nur sie haben die Stellen gesehen und begutachtet) sie als unwesentlich betrachten. Erst recht, wenn sie statt Spuren eines gewaltsamen Beibringens eine beginnende Bronchitis und Lungenentzündung diagnostizieren. Ich habe noch keine Menschen intubiert oder obduziert. Die Expertise dieser Fachleute ist daher hoch einzuschätzen. Das heißt nicht, dass sie sich nicht irren könnten. So wie menschliche Fehler immer passieren können. Fehlerkultur und -kontrolle tun deshalb not.

Dennoch bleibt der Tod "rätselhaft". Auf eine subjektive Weise, weil es keinen Abschiedsbrief oder Äußerungen zu Dritten gibt, die wir kennen. Was wollte Barschel in Zürich, dann in Genf oder Madrid? Erinnert sich die Dame auf den Kanaren richtig? War es ihm wirklich egal, wohin er flog? Mit wem telefonierte Barschel vom Hotel in Genf aus (es haben sich keine Zeugen gemeldet, die mit ihm kurz vor seinem Tod gesprochen haben)? Wer ist Roloff? Eine Erfindung Barschels, der den Suizid schon geplant, aber sich nochmals reinwaschen wollte, indem er selbst solche Spuren ins Nichts legte? Woher die Medikamente? Warum das Bad? Wie war der seelische Zustand Barschels in den Stunden vor seinem Tod? Hier lässt sich durchaus seriös spekulieren, hier lassen sich aber auch (teilweise) schlüssige Erklärungen finden, die sich ins Gesamtkonzept einfügen, weil sie an Fakten anknüpfen und mit ihnen auch hinreichend verbunden sind (Badewanne=Ertrinken bei Bewusstlosigkeit; Kleidung=typisch bei Suiziden. Dagegen macht die Badewanne bei einem Mord keinen Sinn, denn auch ohne sie hätte ein Suizid vorgetäuscht werden können).

Es sind die Leerstellen im Sachverhalt, von denen ich schon am Anfang sprach. Diese Leerstellen darf man aber nicht benutzen, um sie mit einem alternativen Szenario zu füllen, für das die Leerstellen selbst eben kein zureichender tatsächlicher Anhaltspunkt sind. Und ich darf sie auch nicht mit Gerüchten oder Behauptungen füllen, die sich rein auf's Hörensagen beziehen und als Zeugen vor keinem Gericht glaubwürdig wären. Das ist unseriös, auch aus Ermittlersicht, ja. Genauso unseriös wäre es, ernstzunehmende Hinweise auf am Tatgeschehen beteiligte Dritte zu ignorieren. Vielleicht sähen wir den Sachverhalt anders, hätte es 1987 schon so viele Videokameras gegeben wie 2010 in Dubai. Weil es die aber nicht gibt, darf ich daraus keine Schlüsse in die eine oder andere Richtung ableiten.

Leerstellen sind neutral. Sie sind keine Projektionsfläche.

Letztlich ist es bei JFK nicht anders. Wer es sich einfach nicht vorstellen kann, dass ein durchgeknallter US-Kommunist mit einem schwachbrüstigen Gewehr aus 30 Meter Entfernung einen "Glücktreffer" landet, der die Hoffnung einer ganzen Generation zerstört, der wird sich darauf stürzen, dass die Warren-Kommission von vorneherein nur der Alleintäterthese folgte. Auf die Zeugen, die von weiteren Schüssen von anderer Stelle berichteten. Auf die Amateurfilme und -fotos. Und er landet dann bei der Mafia oder Castro, wenn er ein alternatives Szenario zum durchgeknallten Alleintäter entwickeln möchte. Auch hier gibt es keinen zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkt, der ein solches Szenario stützen würde. Aber auch ich, das gebe ich gerne zu, kann mir einfach nicht vorstellen, dass LHO der Alleintäter war. Das wäre viel zu banal, zu viel Zufall, zu mickrig für die Folgen.

Genauso ist der Tod Barschels auch (subjektiv) interessengeleitet. Ich bin seit 1987 mit dem Suizid konfrontiert und habe danach etliche andere "Badewannenfälle" zur Kenntnis genommen und Suizide in meiner Umgebung erlebt und teilweise auch untersucht, genauso wie die "Empfehlungen" der Suizid(hilfs-)organisationen. Die Zeiten haben sich geändert. Rohwedder, Bad Kleinen, 9/11, Irakkrieg, NSU, NSA usw. Heute werden viel mehr Dinge grundsätzlich angezweifelt. Insbesondere Regierungshandeln. Das ist ein Argument für die Popularität einer Mordthese. Aber kein Argument für diese These...


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 12:39
@slaterator
Mich hat diese Formulierung gestört:
Jeder Hinweis für sich scheint anzuzeigen, es stimmt was nicht.
Aber das ist ja geklärt.
slaterator schrieb:Was ich mir wünsche, ist eine nochmalige, unvoreingenomme, professionelle und fachgerechte Untersuchung aller vorhandener Hinweise durch geeignete und unabhängige Experten des jeweilig nötigen Fachgebietes.
Na ja, das wäre sicher eine Möglichkeit - aber Du betrachtest diesen einen Fall.
Wenn Du Dir alle anderen Fälle eines nicht natürlichen Todeseintritts ansehen würdest, würdest Du auf eine Unzahl von Merkwürdigkeiten kommen (als Laie und wenn Du nur das betrachtest, was Dir außerhalb der Ermittlungen so bekannt wird). Wo willst Du das Grenzen ziehen?

Ich verstehe Dich schon, dass es Merkwürdigkeiten gibt, die Dich stören. Aber solche tatsächlichen und auch scheinbaren Merkwürdigkeiten sind die Regel. Irgend was findet man immer, das nicht so recht passt. Bzw. würde finden, wenn man alle Fälle so zerpflücken würde. Kriminalistik ist leider keine Mathematik. Es wird immer Unbekannte geben, die man im Nachhinein nicht mehr ausreichend ermitteln kann und die dann als "merkwürdig" stehen bleiben.

Die Ermittler und Gutachter im Fall Barschel haben sicher weit weniger Bauchschmerzen als Du, weil sie weit mehr Fakten und Zusammenhänge kennen. Ermittlungsberichte sind eine Zusammenfassung und Verdichtung des Wissens der Ermittler - nicht jede Einzelheit der Wahrheit. Sie enthalten das, was die Ermittler für wichtig und relevant erachteten. Deswegen erscheinen sie lückenhaft, wenn man von anderen Voraussetzungen aus geht.

Und was würde eine weitere Untersuchung bringen? Was müsste diese anders machen, dass Du ihr mehr Vertrauen schenkst? Das Problem, dass Du de Leuten nicht so recht glaubst, würde sich doch nicht beheben, wenn noch mal jemand untersucht und sich anschließend hin stellt und sagt: "War aus folgenden Gründen so, wie die anderen Untersuchungen ergeben haben".


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 12:48
Auf diesen Artikel wollte ich noch verlinken. Der Pathologe Werner Janssen hatte 1987 Barschel in Hamburg untersucht und 2016 noch einmal bekräftigt, dass es sich seiner Ansicht nach nur um Suizid handeln konnte.

Entlarvend, dass sich der Bruder Barschels und der ehemalige ermittelnde Staatsanwalt Wille vorrangig darüber ärgern, dass Janssen seine Schweigepflicht verletzt hatte. Und zugleich ihnen die Alleininterpretation der Obduktionsergebnisse streitig gemacht hat.

Entlarvend auch das Gegenargument von Ex-StA Wille: Der Obduzent hätte auch im Blick haben müssen, dass professionelle Killer das tödliche Barbiturat Barschel auch flüssig hätten einflößen können. Ja, das ist nicht ausgeschlossen, aber dafür gibt es eben keine Anhaltspunkte. Genauso hätte Barschel die 20 Tabletten auch aus Versehen nehmen können, weil er sie in einem Anfall geistiger Umnachtung für Smarties gehalten hat.

Unfall statt Suizid ist genauso möglich, nur hat diese Lösung eben nicht so viele Befürworter.


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 14:09
Eigentlich ein ähnlicher - unaufgeklärter - Fall, der auch ähnlich wie bei Barschel zu Mord führen könnte (gar müsste), wenn man nur kräftig genug spekuliert, ist der von Fritz Bauer 1968. Ein Film mit dem Titel "Der Staat gegen Fritz Bauer" hat diese Spekulationen 2015 wieder aufgegriffen.

Bauer legte sich - an einem warmen Juni-Abend (!) - in die Badewanne und verstirbt. Über 1,0 Promille Alkohol im Blut und eine Überdosis Veronal (ein Barbiturat) im Magen. Die Türe verschlossen, keine Gewaltanwendung ersichtlich. Die Dosis Veronal mit 5 Tabletten zwar deutlich übersdosiert und gefährlich, aber nicht zwingend tödlich (eher 50). Allerdings kombinierte sich die Wirkung mit einer Herzkrankheit und mit Alkohol, die Alkoholkonzentration habe auch deutlich höher als die bei der Obduktion gemessenen 1 Promille sein können. Letztlich wurde eine "Tablettenvergiftung" angenommen.

Suizid? Unfall? Mord?

Für Mordspekulationen gibt es jedenfalls viel mehr Anlass, den Bauer hatte Feinde:

Er war Holocaust-Überlebender, Sozialdemokrat, Generalstaatsanwalt in Hessen und hatte in den 1960er Jahre die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt initiiert. Zudem hatte er Israel auf den Aufenthaltsort von Adolf Eichmann aufmerksam gemacht. Er sprach davon, dass "außerhalb seines Arbeitszimmers Feindesland" beginnen würde. Es gab sicher massenhaft Ex-Nazis, die Bauer lieber tot als lebendig gesehen hätten. Und die Gestapo war auch mit allen Wassern gewaschen. Bauer erhielt auch Morddrohungen und wurde in der "Deutschen Nationalzeitung" diffamiert.

Trotzdem: Es gibt keine Anhaltspunkte für Fremdeinwirkung.

Es gab Mordgerüchte, aber weder einen eitlen Staatsanwalt in Lübeck, noch eine reiche Familie, die für eine Mordthese trommelten und selektiv Details veröffentlichten bzw. streuten. Nazi-Mörder waren 1968 einfach nicht en vogue, es gab zu viele Nazis in Polizei und Justiz.


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 16:28
kleinundgrün schrieb:Die Ermittler und Gutachter im Fall Barschel haben sicher weit weniger Bauchschmerzen als Du, weil sie weit mehr Fakten und Zusammenhänge kennen. Ermittlungsberichte sind eine Zusammenfassung und Verdichtung des Wissens der Ermittler - nicht jede Einzelheit der Wahrheit. Sie enthalten das, was die Ermittler für wichtig und relevant erachteten. Deswegen erscheinen sie lückenhaft, wenn man von anderen Voraussetzungen aus geht.
Ja, das ist auch meine Erfahrung. Wenn man mal echte Ermittlungsakten in der Hand hatte (bei einer Mordermittlung sind das schnell einige hundert dicke Aktenordner), dann bemerkt man schnell, wie routiniert und systematisch Spuren abgearbeitet werden, die auch nur im entferntesten mit dem Tatgeschehen (bzw. Opfer oder Verdächtigen) in Zusammenhang stehen.

Das werden schnell einige hundert oder tausend, für dann Spurenakten angelegt werden. Je weiter eine Spur (scheinbar) vom Tatgeschehen entfernt, desto weniger intensiv werden sie bearbeitet. Je näher am Geschehen, desto intensiver. Sie werden auch noch weiter bearbeitet, wenn man einen Beschuldigten gefunden hat. So kann dann die Spur "Patronenhülse am Tatort" und die Suche nach einer bestimmten Tatwaffe 100 Aktenordner umfassen, wenn z.B. tausende Waffenbesitzer ermittelt und Pistolen beschossen werden müssen. Zugleich ist dann die Suche nach einem fremden Haar am Tatort schnell am Ende, weil sich zwar DNA extrahieren, aber keine Vergleichsprobe findet. Da landet das Gutachten im Ordner und das war es, bis sich vielleicht ein Verdächtiger findet, dem das Haar zugeordnet werden kann. Oder ein Zeuge will einen fremden Mann gesehen haben, es wird ein Phantombild erstellt, das nach Ansicht der Beteiligten zu unsicher ist, um es zu veröffentlichen. Ende der Ermittlungen. Punkt. Verschwindet dieses Haar 25 Jahre später, weil die Behörde x-mal umgezogen und oder die StA nach Ablauf der Mindestaufbewahrungszeit die Vernichtung aller verbliebenen Asservate angeordnet hat, ist das auch noch kein Beleg für böses Tun. Sondern einfach Platzprobleme.

So mancher Vorwurf, es sei "nur in eine Richtung" oder "schlampig" ermittelt worden, die relativiert sich dann. Man muss auch in den Akten lange suchen, um an einen Punkt zu gelangen, an dem tatsächlich Fehler passieren. Die passieren eher offen bei "kleinen" Fällen (z.B. Diebstahl), wenn es die Polizei aus Voreingenommenheit nicht für nötig befindet, ein Tonband abzuhören oder einen Zeugen zu befragen.


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 17:40
@monstra
Vor allem ist es eben auch schwierig, aus einer ex-post-Sicht und kraft überlegenem Wissens auf die Qualität einer Handlung zu schließen, die zu einem früheren Zeitpunkt und ohne dieses Wissen entschieden werden musste.
Bei Fehlern geht es letztlich auch um die Analyse der Vermeidbarkeit - und zwar zum Zeitpunkt der Handlung.

Aber in der Tat, bei Ermittlungen zu Tötungsdelikten liegt die Messlatte in der Regel recht hoch. Da ist es gar nicht so leicht, schlechte Arbeit zu leisten. Denn es finden eine Menge Kontrollen statt - durch die StA, die Gerichte, die Anwälte der Opfer - da können leicht Karrieren bei der Polizei enden oder knicken, wenn die Fehler wirklich objektiv zurechenbar sind.


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 18:06
@kleinundgrün
Wenn da schlechte Arbeit zu verzeichnen ist, sind es häufig organisatorische oder institutionelle Fehler. Da klappt dann die Zusammenarbeit zwischen Behörden (Land, Bund, Ausland) nicht. Der Informationsfluss klappt nicht. Wichtige Hinweise bleiben hängen oder werden nicht als solche erkannt (z.B. der ortspolizeiliche Hinweis auf ein eventuelles Versteck von Schleyer). Gerade bei aufwändigen Ermittlungen über viele Grenzen hinweg ist die Fehleranfälligkeit hoch.

Dann gibt es auch rechtsstaatliche Grenzen. Es kann eben nicht einfach mal schnell durchsucht, eine DNA-Probe oder ein bestimmter Bezug hergestellt werden. Der Datenschutz kommt hinzu. Für eine Rasterfahndung in Sachen NSU-Morde (Abgleich von Handy-Daten an den Tatorten) musste der zuständige Staatsanwalt in Nürnberg im Jahre 2007 über 100 gerichtliche Anträge stellen. Einen solchen Aufwand scheut man natürlich, wenn man nicht sicher ist, ob man auf der richtigen Spur ist.

Und retrospektiv ist man immer schlauer. Fehler wären vermutlich nicht passiert, wenn man gewusst hätte, welche Bedeutung sie haben. So hätte der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Amri, wegen Drogenhandels festgenommen werden können. Dann wäre das Attentat nicht passiert. Ja. Aber man wusste nicht, dass Amri einen Anschlag begehen würde. Sonst hätte man ihn auf jeden Fall festgenommen.

Auch hier ist groß von "Versäumnissen" und "Fehlern" die Rede, man könnte fast glauben, die Sicherheitsbehörden seien eine Horde von Pennern und Vertuschern. Aber sowenig wie es eine absolute Sicherheit in der Wahrheit gibt, gibt es eine absolute Sicherheit vor Gefahren. Denn Menschen machen Fehler, die meisten in Unkenntnis etwaiger schrecklicher Folgen. Treten die dann ein, kann man schön Kausalketten zurückverfolgen und den Knackpunkt ausmachen. Umgekehrt wissen wir aber häufig nicht, welche Knackpunkte wir gerade unaufmerksam passieren...


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Der Fall Uwe Barschel

14.11.2017 um 23:48
monstra schrieb:Wie gesagt, es gibt Geheimdienste, die morden oder gemordet haben. Das ist historisch evidenzbasiert. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, Barschel sei von ihnen ermordet worden.
So gut wie alle Geheimdienste arbeiten für den militärisch- industriellen Rüstungskomplex. Von daher ist die Aussage Barschels, die Waffengeschäfte "auffliegen" zu lassen, sehr wohl evidenzbasiert, denn wir wissen von mehreren Morden in diesem Milieu. Jürgen Roth hat das in vielen seiner Bücher beschrieben. Oder auch Dagobert Lindlau. Somit wurde er zu einer großen Gefahr für die Dealer.


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15.11.2017 um 10:45
monstra schrieb:Und retrospektiv ist man immer schlauer.
Ich sehe hier auch den sogenannten CSI-Effekt am Werk: der durchschnittliche, kriminalistisch unbewanderte Normalverbraucher ist durch Dekaden der Berieselung mit Tatort, CSI und anderen Krimis eine bestimmte Dramaturgie gewohnt: aufgrund der Gesetze einer Unterhaltungssendung, die in 45-90 Minuten einen Fall von der Tat bis zur Verurteilung abspulen muss, kriegt man nur die Spuren präsentiert, die für die Handlung relevant sind, und meist verrät ein zunächst unscheinbares Detail den Täter. Dass in der Realität 99% der Spuren ins Nichts führen oder völlig irrelevante Alltagsartefakte sind (man überlege nur mal, wie viele Haare, Körperflüssigkeiten und Hautschuppen z.B. in einem Hotelzimmer völlig unbescholtenen Gästen und Bediensteten zuzuordnen sind) kommt in der Krimihandlung selten vor. Genau so wichtig, aber meist übersehen ist, dass nunmal jeder Mensch ein Individuum ist und sich nicht jede menschliche Handlung nahtlos in einen einzelnen logischen Erzählstrang einfügt. Ich garantiere, dass man bei jedem einzelnen User "Merkwürdigkeiten" finden würde, wenn er unvermittelt verstirbt und man die Wohnung auf Spuren untersucht...


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15.11.2017 um 11:47
Foxyterry schrieb:So gut wie alle Geheimdienste arbeiten für den militärisch- industriellen Rüstungskomplex.
Gewagte aussage. Hast du dafür irgendwelche quellen das "so gut wie alle geheimdienste" für jemanden anderst arbeiten als für ihre Regierung?


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