Die Einordnung seines Verhaltens scheint wesentlich mit seiner queeren/flamboyanten Erscheinung und seiner sexuellen Orientierung verknüpft zu sein.
Fremde Leute angraben, anschnorren, provozieren oder geringfügige Sachbeschädigung machen viele extrovertierte oder vielleicht auch mental belastete junge Menschen, ohne dass sie einem unaufgeklärten Mord mit Übertötung und gezielter Verstümmelung zum Opfer fallen.
Ich finde auch nicht dass die Familie oder Freunde das kleingeredet haben. Die haben ja gesagt dass das Verhalten aus ihrer Sicht provokant war und sie Angst hatten dass es mal zur schweren Körperverletzung kommt.
Aber halt im Kontext davon dass das Opfer optisch und affektiv als nicht heteronormativ wahrgenommen wurde, auf Männer stand und das wohl nach außen getragen hat.
Meine Vermutung ist dass RB sich heute als non binär/transfem oder als binäre trans Frau identifizieren würde.
Dafür spricht dass wohl schon früh im Kindesalter weibliche Pronomen und Namen bevorzugt wurden etc.
Dass der männliche Körper mutmaßlich später als schön empfunden wurde muss nichts heißen. Der gesellschaftliche Druck sich mit der qua Geburt zugewiesenen Geschlechterrolle zu identifizieren ist enorm hoch und die Pubertät, wenn sich der Körper entgegen der Geschlechtsidentität entwickelt, für Betroffene in der Regel extrem traumatisch.
Das Opfer hat da in den 90ern wahrscheinlich relativ früh gemerkt dass die Welt eher ein feindlicher Ort ist. Anscheinend war RB vor der Tat auch schon länger suizidal, wurde bedroht und/oder wollte abhauen und eventuell ein neues Leben in einer Stadt in Berlin beginnen.
Das Geld das gefordert wurde war vermutlich eher dafür gedacht nach einer letzten Partynacht in der Heimat die Stadt zu verlassen.
Für eine Operation wären die Beträge um die es ging viel zu niedrig und damals waren das Medical Gatekeeping/Pathologisierung extrem hoch und die Informationen um das Thema Transidentität noch derart schlecht dass ich kaum glaube dass damit eine geschelechtsangleichende Oeration privat finanziert werden sollte.
Die Theorie dass das Opfer von Rechtsextremen oder queerfeindlichen US-Soldaten bedroht und dann ermordet wurde halte ich daher am plausibelsten. Denkbar wäre auch eine Vorbeiziehung mit romantischem/sexuellen Kontakt. Also nicht aus der offenen queeren Szene sondern ein Täter der mit dem Opfer sexuellen Kontakt hatte, aber nach außen hin eine heteronormative Fassade aufrechterhalten wollte und deshalb vielleicht sogar die Tat begangen hat.
Aber da Queerfeindlichkeit extrem weit verbreitet ist könnten es natürlich auch Täter gewesen sein die in der Nacht zufällig auf das Opfer getroffen sind.
Dazu kommt dass die Polizei da eventuell auch nicht optimal ermittelt hat. Bei marginalisierten Opfergruppen war der Ermittlungsdruck vor allem damals wahrscheinlich nicht so hoch wie bei gesellschaftlich akzeptierteren Opfern.
Eventuelle politische Verwerfungen bei einem queeren Opfer das durch sein Verhalten die Tat nach Auffassung Vieler irgendwie selbst verschuldet hat, hat man da vielleicht lieber vermieden und die Hinweise auf Involvierung von US-Soldaten nicht ganz so eingehend verfolgt. Schließlich weiß man ja dass die nach ein paar Monaten wieder in Übersee sind und vielleicht wurde der Täter auch so aus dem Verkehr gezogen falls es interne Hinweise oder diskreten politischen Druck gab. Also das der oder die Täter ohne einen politischen Skandal zu verursachen klammheimlich in die USA abkommandiert wurde(n). Es war ja noch die Zeit des kalten Krieges und die US-Soldsten eine Lebensversicherung für die BRD.
Jedenfalls deutet auch diese Aussage ab Minute 1:10 auf derartige "Ermittlungspannen" hin:
https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:ff4924b26295c0d2/