Wie haben eure Vorfahren den Krieg erlebt?
10.08.2026 um 11:05
Mein Großvater kam in Buchenwald ums Leben: 1948. Wir alle wissen, dass 1945 der Krieg zu Ende war und auch alle Konzentrationslager aufgelöst wurden. Bereits vor vielen Jahren wollte ein Onkel mir das erklären. Ich dumme, Nicht-Geschichtsinteressierte, verstand nichts und antwortete nicht. Erst jetzt verstand ich durch einen Brief aus dem Nachlass meines Vaters, dass alle unsere Vorfahren tatsächlich Menschen waren, Gefühle hatten, Briefe schreiben konnten.
Dieser Brief meines Großvaters war an seine Frau (meine Oma) gerichtet, datiert am 03.02.1945, so voller Liebe und (Schreib-)Stil, mit dem Bewusstsein, dass er den Krieg nicht überleben würde – und so kam es auch. Er brachte mich zum Weinen, zum Verstehen, Suchen. „Sowjetische Speziallager“ ist der Begriff, den alle verschwiegen haben. Bis 1950 lebten und starben weiterhin in Buchenwald Menschen.
melden
Wie haben eure Vorfahren den Krieg erlebt?
11.08.2026 um 21:12
Mein Opa hat auch nie über den Krieg gesprochen. Er war in Montecassino und hat dort ein Bein verloren, damit war der Krieg für ihn vorbei. Ein Nazi war er gewiss nicht.
Viel schlimmer war für ihn wohl der Verlust der alten Heimat. Seine Familie besaß ein Gut in Pommern mit einer Pferdezucht und wurde, wie so viele andere auch, vertrieben.
Bei Omma sah das leider anders aus. Meine Oma hat immer von der Zeit im BDM geschwärmt. "Alles andere" habe man nicht gewusst und das wurde ja hinterher auch furchtbar aufgebauscht... Man habe damals vermittelt bekommen, dass das Straf- und Arbeitslager für Kriminelle waren und das haben viele auch gern geglaubt - manche ja bis heute...
Ich schwanke bis heute zwischen den Annahmen, dass Oma ein Vorzeige-Nazi war oder dass das eine Strategie ist, mit dem Erlebten abzuschließen.
melden
Wie haben eure Vorfahren den Krieg erlebt?
18.08.2026 um 13:19
Mein Großvater war von 1915 bis 1918 in Frankreich, er war bei der Artillerie. Einzelne "Annekdoten" will ich hier gar nicht wiedergeben, aber jetzt, als alter weißer Mann, verstehe ich ihn ein wenig besser.
Wie fast alle aus der Generation, ist er schwer traumatatisiert zurück gekommen, das, was heute PtBS genannt wird.
Die Veteranen behandelten ihr Trauma mit sehr viel Alkohol und er lebte sein Leben, als ob er sich im Krieg geschworen hätte "wenn ich das hier überlebe, werde ich mein Leben in vollen Zügen genießen."
Zu Anfang des zweiten Weltkrieges wurde er nochmals Soldat, wurde dann aber, nach kurzer Zeit entlassen, aus Altersgründen, er war Jahrgang 1895.
Ich weiß nicht, wann für ihn der Krieg wirklich zuende war, eventuell nie, für ihn persönlich war der 2. Weltkrieg aber nicht so einschneidend, keine Flucht, keine Vertreibung, kein naher Angehöriger, der gefallen ist.
Er war, natürlich, im Stahlhelm, wie fast alle Veteranen in unserem Dorf, ist aber nicht mit in die SA gegangen.
Er war in der Partei und Ortsbauernführer, hat den moralischen Kompass dabei aber nicht verloren, sein Trauma aus dem 1. Weltkrieg zieht sich wie ein roter Faden durch die Familiengeschichte, mit einem ganz starken Echo über mindestens eine Generation hinweg.
melden
Wie haben eure Vorfahren den Krieg erlebt?
18.08.2026 um 16:27
Nun, ich hatte einen Arbeitskollegen, der bis er 95 Jahren starb, bei uns gearbeitet hatte.cEr war natürlich im Krieg.
Ich hatte auch ein freundschaftlisches Verhältnis zu ihm und wir besuchten uns auch privat.
Oft wenn ich bei ihm war, kamen wir auf das Thema Krieg... Ich könnte jetzt sicherlich terabytelange Posts verfassen und Geschichten schreiben da würde mir dann aber sichlerlich mein eigener Tod "dazwischen kommen" ;)
Daher in Kürze:
Seine Erzählungen waren für mich so bildlich und "greifbar", als wäre ich fast dabei gewesen, kann man so sagen.
Ob es dabei um undramatische Geschichten ging oder um sehr dramatische und auch emotionale, er brachte sie fast rüber, als wären sie live und ich dabei.
Dazu kam noch, dass er gebürtiger Berliner war, dort auch viel Zeit seiner Kindheit/Jugend verbracht hatte und dass er eine "typische berliner Schnauze" hatte. Ihm konnte ich stundenlang zuhören.
Jede seiner Erzählungen aber zeigte mir mehr und mehr als jede Doku es kann, die Unsinnigkeit, den Irrsinn, das mutwillige, sinnlose Zerstören von uns und anderen auf und brachte mich mehr und mehr zu der Frage:
Der Mensch ist das EINZIGE Lebewesen, das über die Konsequenzen seines Handelns VORHER NACHDENKEN kann. Wieso tut er das nicht und wieso lernt er nichts daraus? Ist der Mensch so "gleichgültig"?
Gucky.
melden