martenot schrieb:Umso befremdlicher finde ich, dass es auch unter den LGBTs zunehmend anscheinend Leute gibt, die der AfD zugetan sind. Habe ich erst vor kurzem in einer Whatsapp-Diskussion erlebt, dass jemand sich über die PRÜF-Demo am Wochenende aufgeregt hat, statt froh zu sein, dass es noch Menschen gibt, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen (von denen wir alle profitieren, insbesondere auch die LBGTs)
Das finde ich tatsächlich auch ziemlich befremdlich. Gerade bei LGBTQ-Menschen würde ich eigentlich erwarten, dass man besonders sensibel dafür ist, wenn eine politische Bewegung bestimmte Vorstellungen von „richtiger“ Familie und gesellschaftlicher Normalität zum Leitbild erhebt.
Und bei der PRÜF-Demo finde ich die Reaktion ebenfalls etwas eigenartig. Man muss ja nicht jede konkrete Forderung oder jeden Teilnehmer sympathisch finden. Aber dass Menschen überhaupt für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen, sollte doch gerade aus LGBTQ-Perspektive eher etwas sein, worüber man sich freut. Schließlich sind es genau diese demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen, die uns unsere eigenen Rechte garantieren.
Man muss eine Demo nicht mögen. Aber sich darüber zu ärgern, dass Menschen für die eigenen Grundrechte demonstrieren, finde ich schon ziemlich kurzsichtig.
sacredheart schrieb:Allerdings unterscheiden sich die geforderten Konsequenzen schon. Keine Regenbogenflaggen an öffentlichen Gebäuden und keine Frühsexualisierung in der Schule sind ja schon doch etwas Anderes als echte Verfolgung oder Erhängen an einem Baukran.
Umgekehrt wundere ich mich, wie unkritisch aus der LQGBT Szene häufig der politische Islam gesehen wird, als ob der unsere gesellschaft nun gar nicht verändern würde. Am Verrücktesten erscheinen mir da die Queers for palestine.
Natürlich unterscheiden sich die konkreten Forderungen. Aber „keine Regenbogenflaggen“ und „keine Frühsexualisierung“ sind eben nicht die einzigen bzw. zwangsläufigen Konsequenzen einer Politik, die eine bestimmte Familien- und Geschlechtervorstellung zum gesellschaftlichen Leitbild macht.
Und bei der „Frühsexualisierung“ wird schon die Prämisse übernommen, dass Aufklärung über unterschiedliche Lebens- und Familienformen irgendeine Form von Sexualisierung von Kindern sei. Das ist ein ziemlich praktischer Kampfbegriff, aber kein besonders guter Ausgangspunkt für eine sachliche Diskussion.
Vor allem ging es in meinem Beitrag gar nicht darum, AfD und Islamismus gleichzusetzen. Mir ging es um eine Gemeinsamkeit im politischen Mechanismus: Eine bestimmte Vorstellung davon, wie Familie und Gesellschaft auszusehen haben, wird zum Leitbild erhoben und Abweichungen davon werden als gesellschaftlich problematisch dargestellt. Dass die daraus geforderten Konsequenzen bei AfD und Islamisten völlig unterschiedlich weit gehen können, steht dem überhaupt nicht entgegen.
Und ja: Politischer Islamismus innerhalb der LGBTQ-Szene kann und sollte man selbstverständlich kritisieren. Das ist kein Widerspruch zu einer Kritik an der AfD. Menschenrechte werden nicht dadurch weniger wichtig, dass derjenige, der sie einschränken möchte, politisch aus einer anderen Richtung kommt.
Der Hinweis auf „Verfolgung oder Erhängen am Baukran“ ist deshalb letztlich nur eine Ablenkung: Niemand hat behauptet, dass das dasselbe sei. Die relevante Frage ist, in welche Richtung sich gesellschaftliche und staatliche Ausgrenzung entwickelt – und nicht, ob wir bereits bei der extremsten denkbaren Stufe angekommen sind.