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Der Fall Jens Söring

28.555 Beiträge, Schlüsselwörter: Mord, Kino, Gefängnis, Messer, Sohn, Karten, Doppelmord, Unschuldig, Richter, Briefe, Schuldig + 24 weitere
Zu diesem Thema gibt es eine von Diskussionsteilnehmern erstellte Zusammenfassung im Themen-Wiki.
Themen-Wiki: Der Fall Jens Söring

Der Fall Jens Söring

11.08.2020 um 19:18
Das Messer
Zitat von EclipseFirst
EclipseFirst
schrieb:
Er hat auf einige Fragen mehr als sonderbar geantwortet, vor allem auf die Fragen nach dem Messer. Ein Beschuldigter muss sich nicht einlassen, aber wenn er sich einlässt, warum sagt er dann wiederholt solche Sachen wie

“I really…I really don’t want to answer that.”
Vielleicht kann das noch einmal jemand von den gut Informierten wie @Venice2009 beantworten bzw. aufklären.

Die Messergeschichte ist meines Wissens eine so vertrackte, dass sie sogar Markus Lanz noch einmal in dem Interview mit JS ansprach und eine völlig schräge Antwort bekam.

Erinnere ich mich richtig, dass JS und EH ein Butterflymesser gekauft hatten und vermutet wurde, er hätte es - also die Tatwaffe - vorsätzlich zum Tatort mitgebracht?

Die Art der Schnittverletzungen müsste doch eigentlich gerichtsmedizinisch geklärt sein. Einige Verletzungen rührten m. W. von einem Küchenmesser her, für andere konnte im Haus nicht das passende Tatmesser sichergestellt werden.

Liege ich da richtig? Bitte helft mir auf die Sprünge.



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Der Fall Jens Söring

11.08.2020 um 19:26
Zitat von monstra
monstra
schrieb:
Sie wollten den Fall nicht wirklich aufklären, sondern sie wollten einen Schuldigen.
Das ist eine Unterstellung, die sich kaum halten lässt.
Zitat von monstra
monstra
schrieb:
Die Ermittler haben sich nicht nur mit der Plausibilität der Söring'schen Erzählungen abgefunden, sondern auch noch mit den umplausiblen Stellen.
Goldene Regel der Kriminalistik: wenn zwei Verdächtige unabhängig voneinander verhört werden und beide erzählen i.W. dieselbe Geschichte, dann ist diese Geschichte wahr. Ganz besonders dann, wenn die Geständnisse so unvorteilhaft sind, dass sie die eine Täterin lebenslang ins Gefängnis und den anderen Täter auf den elektrischen Stuhl bringen können.

Soviel kriminalistischen Sachverstand und logisches Denkvermägen unterstelle ich selbst den Yokels in Virginia.
Zitat von monstra
monstra
schrieb:
Ist er der Täter, sollte man sich vergegenwärtigen, dass diese Ermittlungsarbeit mit ihrer mangelnden kritischen Sicht dazu beigetragen hat, eine erhebliche Zahl offener Türchen zu schaffen. Türchen, auf denen er dann seine Unschuldsgeschichte aufbauen konnte.
Was für Türchen denn bitte? Außer der Lage der Leichen und der Kleidung der Frau Haysom hat doch in den viertägigen Vernehmungen alles gepasst. Die ganzen Hintertürchen, die Du sehen willst, die wurden doch erst hinterher von Söring dazugedichtet.



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Venice2009
ehemaliges Mitglied

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Der Fall Jens Söring

11.08.2020 um 20:20
Zitat von Miss_Paula
Miss_Paula
schrieb:
Vielleicht kann das noch einmal jemand von den gut Informierten wie @Venice2009 beantworten bzw. aufklären.
Aufklären kann ich es nicht, jedoch könnte ich mir gut vorstellen, weshalb er die Geschichte mit dem Messer nicht vertiefen wollte.

Er versuchte die Situation so darzustellen, als sei der Abend bei den Haysoms mit dem Streit eskaliert. Er sei also nicht mit der Absicht hingefahren, diese zu töten.
Hätte er nun erzählt, er hätte sich z. B. das Steakmesser geschnappt und die Haysoms erstochen, wüssten die Ermittler, dass dies nicht stimmen kann (und hätten daraus schließen können, dass er absichtlich log um eine Anklage wegen Mordes zu umgehen). Denn die Verletzungen hätten wahrscheinlich nicht zu dieser Art des Messer gepasst. Also hätte man eine spontane Tat ausschließen können. Daher wollte er die Frage dahingehend umgehen, und sie lieber gar nicht beantworten. Denn auf einen Mord steht bekanntlich die Todesstrafe. Hätte er nun ausgesagt, er hätte das Messer bereits mitgebracht, wäre er mit der Absicht hingefahren um die Haysoms zu töten. Daher hat er meiner Meinung nach, genau richtig reagiert, als er die Frage umging.



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Venice2009
ehemaliges Mitglied

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Der Fall Jens Söring

11.08.2020 um 20:32
Zitat von Miss_Paula
Miss_Paula
schrieb:
Erinnere ich mich richtig, dass JS und EH ein Butterflymesser gekauft hatten und vermutet wurde, er hätte es - also die Tatwaffe - vorsätzlich zum Tatort mitgebracht?
ja genau, angeblich sollte es ursprünglich ein Geburtstagsgeschenk (meine für Jens Bruder) werden. Allerdings konnte diese Messergeschichte wohl nicht mehr so genau nachvollzogen werden, da einfach zu viel Zeit verstrichen war. Seine Verhandlung fand ja erst 1990 statt und die Morde 1985.
Zitat von Miss_Paula
Miss_Paula
schrieb:
Die Art der Schnittverletzungen müsste doch eigentlich gerichtsmedizinisch geklärt sein. Einige Verletzungen rührten m. W. von einem Küchenmesser her, für andere konnte im Haus nicht das passende Tatmesser sichergestellt werden.
Ich glaube man konnte die Verletzungen keinem Messer zuordnen. JS sagte selber in seinem Geständnis aus, dass Frau Haysom sich ein Messer schnappte um ihn anzugreifen bzw. sich zu verteidigen, er ihr dieses entriss, sich dabei selber verletzte und sie anschießend mit diesem Messer tötete. Später entsorgte er die Tatwaffe(n) in einem Müllcontainer.



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Der Fall Jens Söring

11.08.2020 um 20:33
Danke @Venice2009

Hier habe ich die Ausschnitte aus dem Verhör von EH gefunden

quoting from the testimony of Kenneth Beever from Haysom’s sentencing hearing on August 24, 1987, p. 94-96

Da wird das ganze Thema mit dem Butterflymesser "abgehandelt". Das war es, was ich meinte.



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12.08.2020 um 19:38
Im englischen Söring-Blog gibt es einen neuen Artikel:
The Virginia Parole Board’s Violation of State Law
Arriving like an unsolicited gift, fresh events have shone more light on the ethical standards of the Virginia Parole Board and its former chairwoman Adrianne Bennett, so a brief update is now required. The last post here was unequivocal in asserting that the Board's decision to release Jens Soering on parole at the same time
Lesen müsst Ihr leider selber, der Stielz macht Steuerverklärung.



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Der Fall Jens Söring

12.08.2020 um 19:44
Ein satz: Vorschriften und Standards des boards (zb opferanhörung) wurden bei einem polizistenmörder bei der bewährungsgewährung nicht eingehalten.

Es fragt sich daher ob die Entscheidung bei JS ein Fehler war.



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13.08.2020 um 06:51
ZDFinfo „Killing for Love“, Folge 4: „Das Urteil“:
In dieser Folge kommt auch der Vater von Jens Söring zu Wort, was mir aus der deutschen Kurzfassung seinerzeit nicht in Erinnerung geblieben war. Er soll im Zeugenstand dem Staatsanwalt bestätigen, dass es sich um seine Kreditkarte handelte, die von den Tätern genutzt wurde, woraufhin er etwas genervt reagiert.

In welcher Rolle mag sich Vater Söring hier wiedergefunden haben?
Immerhin musste auch er trotz eines anders lautenden Abschiedsbriefes mindestens 5 Jahre lang von der Schuld seines Sohnes ausgehen: Er erlebte eine Flucht und mehrere Geständnisse. Oder hat ihm sein Sohn zwischendurch mal unter 4 Augen im Gefängnis zugewispert, dass alles nur ein Trick sei, um seine Freundin vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren? Hatte der Vater dafür Verständnis und hat er das mitgetragen? Immerhin soll seine Frau „wie Glas zerbrochen sein“, wie ein Freund der Familie in der Doku beschreibt.

Zudem hatte der Vater die komplette Entwicklung mitbekommen:
Flucht. Dann die Geständnisse. Später der Versuch, diese mit der Gewaltandrohung der Ermittler zu erklären. Das Abschmettern dieser Version durch den amerikanischen Richter. Anschließend die neue Geschichte von der Rettung der „schrecklich Geliebten“, um vor Gericht in Virginia zu bestehen.

Hat der Vater jemals an die Unschuld seines Sohnes geglaubt?
Oder stirbt die Hoffnung zuletzt?
Ist sie dann schließlich endgültig gestorben?

Auch Vater Söring wird die Ankunft seines Sohnes in Deutschland im Fernsehen gesehen haben.
Ob er sich gefreut haben mag?



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13.08.2020 um 08:16
@silentlistener
Was soll die Täterfamilie denken oder gar fühlen? Sie sind genauso ein Opfer des Täters.



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Der Fall Jens Söring

13.08.2020 um 08:54
Zitat von Ray.
Ray.
schrieb:
Was soll die Täterfamilie denken oder gar fühlen? Sie sind genauso ein Opfer des Täters.
Da stimme ich Dir natürlich zu.

In meinem Beitrag geht es mir vielmehr wieder um die Schuldfrage.
Wie passt das Verhalten und die Reaktionen der Täterfamilie in die aktuelle Version des Täters?
Wie realistisch ist die "ich rette meine schrecklich Geliebte"-Version im Zusammenspiel mit der eigenen Familie?

Meine These: Da passt wieder etwas nicht.
Jens Söring lässt seine Eltern "wie Glas zerbrechen"? Sagt sich: 'Da müssen die durch, im Interesse der Rettung meiner Geliebten!'
Und sagt nach seinem Geständnis ganze 4 Jahre lang niemandem etwas von seinen "wahren Beweggründen"? ('Sei nicht traurig, Mutter, es wird sich alles auflösen.') Sobald der Vater vom "Versprechen" erfahren hätte, wäre er doch sofort damit an die Öffentlichkeit gegangen.

Nein. Meiner Meinung ist das ein weiterer Hinweis, dass die Version "Das Versprechen" erst im Zuge des Prozesses 1990 entstanden ist. Nachdem die Version "ich wurde durch Gewaltandrohung gegen meine Freundin zum falschen Geständnis gezwungen" verworfen werden musste.

Zuvor existierte diese Idee von einer Rettung der "wahren" Täterin gar nicht, wie der Film es suggeriert.
Weder bei Jens Söring, noch bei einer anderen Person, wie der Mittäterin, dem Vater oder dem Rest der eigenen Familie.



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Der Fall Jens Söring

13.08.2020 um 11:26
Zitat von silentlistener
silentlistener
schrieb:
Jens Söring lässt seine Eltern "wie Glas zerbrechen"? Sagt sich: 'Da müssen die durch, im Interesse der Rettung meiner Geliebten!'
Und sagt nach seinem Geständnis ganze 4 Jahre lang niemandem etwas von seinen "wahren Beweggründen"?
Söring erklärt es selbst mit rasiermesserscharfer Logik: er musste die Bürde seiner Unschuld ganz alleine tragen. Keine Menschenseele konnte er einweihen, weder seinen Vater noch seine Verteidiger, denn die Besuchsräume wurden abgehört und das Eingeständnis seiner Unschuld hätte die sofortige Auslieferung und in Amerika den elektrischen Stuhl bedeutet.

Bei der Suche nach dem Originaltext war ich auf die Schnelle erfolglos, dafür eine andere interessante Textstelle zu seinen Geständnissen:
I was certainly in no rush to unburden a guilty conscience! Although I admitted during the 8:05 p.m. interrogation that I had been at the scene of crime, I retracted that partial confession the next day and did not admit to killing Derek and Nancy Haysom until the evening of June 8.
Quelle: Mortal Thoughts, Chapter 11

Wie passt dieses Aussageverhalten, so es denn wahr ist, zum behaupteten Rettungsmotiv? Er will am Tatort gewesen sein, hat aber nicht getötet? Wer dann, und wer hat Sörings blood-type hinterlassen? Und dann zieht er dieses Teilgeständnis zurück, weil er seine Lizzy doch nicht retten will?

Und noch ein Goody aus einem Schachforum, wo derzeit der Computerbetrug einer sehr speziellen Ex-Nationalspielerin diskutiert wird (sie heißt passenderweise Elisabeth):
Ich komme mir vor wie in Star Trek - Deep Space 9:

Elim Garak zu Dr. Julian Bashir:
"Die Wahrheit, Doktor, die liegt im Auge des Betrachters. Ich erzähle nie die Wahrheit, weil ich der Ansicht bin, dass die Wahrheit nicht existiert."
("Die Konspiration", 2. Staffel, Folge 5)

Dr. Julian Bashir:
"Wissen Sie, ich habe noch eine Reihe von Fragen, die Ihre Vergangenheit betreffen."
Elim Garak:
"Ich habe Ihnen all die Antworten gegeben, die ich geben konnte."
Dr. Julian Bashir:
"Sie haben mir geantwortet, ganz recht. Aber immer verschieden. Was mich interessiert ist, welche der Geschichten, die Sie mir erzählt haben, waren wirklich wahr und welche waren gelogen?"
Elim Garak:
"Mein guter Doktor, sie sind alle wahr."
Dr. Julian Bashir:
"Auch die Lügen?"
Elim Garak:
"Ganz besonders die Lügen."
("Das Implantat", 2. Staffel, Folge 22)



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Der Fall Jens Söring

13.08.2020 um 11:55
@silentlistener
Letztlich ohnehin mühselig sich damit zu beschäftigen. Er saß die Zeit ab ob er schuldig war oder nicht.



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Der Fall Jens Söring

13.08.2020 um 12:49
Zitat von Ray.
Ray.
schrieb:
Letztlich ohnehin mühselig sich damit zu beschäftigen.
Das ist eine vernünftige und durchaus auch nachvollziehbare Haltung.

Sehr viele Menschen mit dieser Haltung lesen diesen Thread daher gar nicht erst.
Geschweige denn, dass sie hier etwas kommentieren.



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13.08.2020 um 17:26
@silentlistener
Nun es gibt ja noch mehr Gründe warum man so einen thread liest als die Frage nach der Schuld.



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Der Fall Jens Söring

13.08.2020 um 19:51
Zitat von Mr.Stielz
Mr.Stielz
schrieb:
Im englischen Söring-Blog gibt es einen neuen Artikel:
The Virginia Parole Board’s Violation of State Law
Sodele, nachdem das Finanzamt hoffentlich erfolgreich beglückt ist, kann ich Euch eine kurze Zusammenfassung liefern. Es geht darum, dass das Parole-Board einen Polizistenmörder nach 41 Jahren unter Nichtbeachtung einiger Vorschriften zur Bewährung entlassen haben soll, Der Häftling war aber auch schon 65 Jahre alt, die Entlassung wurde zweimal wegen Bedenken der Familie des Opfers verschoben, und in einem Fachartikel wird Vincent Lamont Martin von Adrianne L. Bennett wie folgt charakterisiert:
“A trusted leader, peacemaker, mediator … in the correctional community”
Quelle: Law Enforcement Today : Va. man convicted of killing police officer in 1979 gets parole

Kurzum: einen Skandal sehe ich hier nicht, und mit dem Fall Söring hat diese "kriminelle" Entscheidung des Paole-Boards auch herzlich wenig zu tun.



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14.08.2020 um 07:58
Zitat von Mr.Stielz
Mr.Stielz
schrieb:
Söring erklärt es selbst mit rasiermesserscharfer Logik: er musste die Bürde seiner Unschuld ganz alleine tragen. Keine Menschenseele konnte er einweihen, weder seinen Vater noch seine Verteidiger, denn die Besuchsräume wurden abgehört und das Eingeständnis seiner Unschuld hätte die sofortige Auslieferung und in Amerika den elektrischen Stuhl bedeutet.

Bei der Suche nach dem Originaltext war ich auf die Schnelle erfolglos,
Es findet sich auf Seite 155 von "Mortal Thoughts"
http://web.archive.org/web/20100124092431/http://lucy.ukc.ac.uk:80/Soering/Contents.html
"I could not tell my family or my lawyers the truth, since the visiting rooms of English Category A-inmates like myself were widely known to be bugged. I could not write a letter, because all Category A correspondence had to be turned in unsealed so the prison administration could photocopy the letters before posting. I could not even smuggle out a note during a visit: if the screws intercepted that one crucial letter during a search, I was dead - - literally! Safety lay only in complete, total, and absolute silence. There was no one, no one at all to whom I could unburden myself."

Nach seiner Version musste er an seinem Geständnis festhalten, damit ihm in den USA zwingend die Todesstrafe droht.
Nur dann würde der Europäische Gerichtshofs eine Auslieferung an die Zusicherung knüpfen, dass die Todesstrafe nicht angewendet wird.
Als Nicht-Jurist fiel mir auf, dass der entsprechende Urteilstext (wurde in diesem Thread mal gepostet) diese These nicht bestätigt. Auch an anderer Stelle wird bezweifelt, dass Juristen ihm geraten haben könnten, aus diesem Grund an seinem Geständnis festzuhalten.

Als Laie lege ich für niemanden meine Hand ins Feuer.
Aber seltsam klingt es schon, dass ein Staatsanwalt zwar die Todesstrafe fordert, der EU-Gerichtshof aber zur Einschätzung kommen könnte, dass diese nicht in Frage kommt, weil der Angeklagte die Tat leugnet.



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Der Fall Jens Söring

14.08.2020 um 11:30
Zitat von silentlistener
silentlistener
schrieb:
Nach seiner Version musste er an seinem Geständnis festhalten, damit ihm in den USA zwingend die Todesstrafe droht.
Nur dann würde der Europäische Gerichtshofs eine Auslieferung an die Zusicherung knüpfen, dass die Todesstrafe nicht angewendet wird.
Als Nicht-Jurist fiel mir auf, dass der entsprechende Urteilstext (wurde in diesem Thread mal gepostet) diese These nicht bestätigt. Auch an anderer Stelle wird bezweifelt, dass Juristen ihm geraten haben könnten, aus diesem Grund an seinem Geständnis festzuhalten.
Wie immer ist das nicht so leicht zu beantworten. Ich meine: Das ist juristisch kein Muss. Nachdem aber das Verfahren vor dem EGMR lief, war es prozesstaktisch sicher besser, das Geständnis nicht zurückzuziehen. Die Entscheidung geht darauf nicht ein.

https://hudoc.echr.coe.int/eng#{"itemid":["001-57619"]}

Der EGMR befasst sich nicht ausdrücklich mit der Frage, ob ein Geständnis notwendig ist, um zum Tode verurteilt zu werden und gegen eine Auslieferung vorgehen zu können. Allerdings scheint das Geständnis für den EGMR wesentlich für die Frage zu sein, ob ein entsprechender Tatverdacht besteht, der eine Auslieferung an die USA im Grundsatz rechtfertigt - und damit eine Befassung des EGMR.

So stützen sich die USA für ihr Auslieferungsersuchen vorrangig auf das Geständnis:
Die Regierung der Vereinigten Staaten legte Beweise dazu vor, dass der Bf. in der Nacht vom 30. März 1985 William und Nancy Haysom in deren Haus getötet hat. Die Regierung stützte sich im Wesentlichen auf das Geständnis, wie es in der Niederschrift des Polizeiinspektors von Bedford wiedergegeben war.
Quelle: s.o., S. 379

Der EGMR ging in seiner Entscheidung auch davon aus, dass Söring getötet hatte:
Soering hatte seine Opfer, William Reginald Haysom (72) und Nancy Astor Haysom (53), die Eltern seiner Freundin Elizabeth Haysom in Bedford County im US-Bundesstaat Virginia im März 1985 getötet. Wegen des Widerstandes der Eltern Haysom gegen die Beziehung der beiden, fassten der Bf. und seine Freundin den Plan, sie zu töten. In einem Streit fügte der Bf. den Eltern Haysom mit einem Messer eine Vielzahl massiver Stich- und Schnittwunden in Hals, Kehle und Leib zu, die zum Tode führten. Zur Tatzeit war der Bf. 18 Jahre und Elizabeth Haysom 20 Jahre alt.
Quelle: s.o., S. 377 f.

Es fällt auf, dass der EGMR nicht schreibt "soll seine Opfer getötet haben", sondern im Indikativ. So als handle es sich um eine festgestellte Tatsache. Da es noch kein Strafgerichtsverfahren gegeben hatte, konnte es sich nur um einen Verdacht handeln. Vielleicht hätte Söring ohne Geständnis mangels Tatverdacht gar nicht ausgeliefert werden dürfen. Da er aber bereits gestanden hatte, hätte ihm ein Widerruf nur geholfen, wenn er triftige Gründe hatte vorbringen können (z.B. Geständnis erzwungen).

Aus Sicht der Verteidigung kann also der Widerruf der Geständnisse keinen großen Sinn gemacht haben. Das halte ich für gut möglich. Und die Frage, ob ein Widerruf nicht zwingend hätte erfolgen müssen, schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit, die sah 1987 bis 1989 sicher anders aus als heute.



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14.08.2020 um 11:36
Hier noch einmal der Link zum EGMR:

http://hudoc.echr.coe.int/eng?i=001-57619



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Der Fall Jens Söring

14.08.2020 um 14:02
Nach genauerem Studium der o.g. Entscheidung des EGMR kann ich die Situation noch etwas besser einschätzen:

1. Das Auslieferungsabkommen zwischen UK und den USA verlangt einen Beweis prima facie, d.h. einen widerleglichen Anscheinsbeweis. Im Falle Söring war dies das Geständnis (S. 381).

2. Hätte Söring sein Geständnis widerrufen, hätte er diesen Beweis dadurch wohl nicht widerlegen können. Ihm hätte weiter die Auslieferung gedroht.

3. Die Wahrscheinlichkeit, mit der Söring die Todesstrafe drohte, ist prozessual von Belang, weil es um die Anwendung von Art. 3 EMRK (Verbot unmenschlicher Bestrafung) ging. UK bestritt diese Gefahr (S. 392), weil die USA gebeten wurden, die Todesstrafe nicht zu verhängen.
Die Regierung des Vereinigten Königreichs erkennt – im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, der Kommission und dem Bf. – nicht an, dass das Risiko der Todesstrafe eine ausreichende Wahrscheinlichkeitsstufe erreicht hat, um Art. 3 anwendbar werden zu lassen.
Der EMRG meinte nach Abwägung aller dafür und dagegen sprechenden Umstände (darunter auch das Alter, das Geständnis und die Frage der Schuldunfähigkeit sowie des Rechts in Virginia):
Die Schlussfolgerung des Gerichtshofs ist daher, dass die Wahrscheinlichkeit der vom Bf. befürchteten Gefährdung im Hinblick auf das Todeszellentrakt-Syndrom einen Grad erreicht hat, der Art. 3 zur Anwendung bringt. (...)

Es ist nicht Aufgabe des Gerichtshofs, Fragen strafrechtlicher Schuld und angemessener Strafe zu präjudizieren. Dennoch müssen das jugendliche Alter des Bf. zum Tatzeitpunkt und sein damaliger Geisteszustand nach der derzeitigen psychiatrischen Beweislage in Erwägung gezogen werden, um im vorliegenden Fall die Behandlung im Todeszellentrakt in den Anwendungsbereich
von Art. 3 zu bringen.
Quelle: s.o. S. 395, 401.

4. Diese Wahrscheinlichkeit der Todesstrafe war natürlich umso höher, wenn das Geständnis Grundlage einer Verurteilung in Virginia werden würde. Im Ergebnis sah der EGMR eine Verletzung von Art. 3 EMRK als gegeben an, weil UK bei Auslieferungen die USA nur bitten konnte, von der Verhängung der Todesstrafe abzusehen.
Aus diesen Gründen entscheidet der Gerichtshof einstimmig,
1. dass eine Verletzung von Art. 3 vorliegen würde, wenn die Entscheidung des Ministers, den Bf. an die Vereinigten Staaten von Amerika auszuliefern, vollstreckt würde;
Quelle: s.o. S. 406

Nun mussten die USA die Zusicherung geben, dass die Todesstrafe nicht verhängt werden wird. Und Söring durfte ohne Verstoß gegen die EMRK ausgeliefert werden.

Nach dieser - genaueren Analyse - halte ich es für durchaus plausibel, dass man mit dem aufrecht erhaltenen Geständnis die Auslieferung verhindern bzw. eine Abwendung der Todesstrafe erreichen wollte. Jedenfalls die Chancen dafür Verbessern wollte. Bei dem, was Söring so juristisch von sich gibt, erscheint mir oft eine gewissen holzschnittartige Sicht vorzuherrschen. Falsch liegt er aber nicht.



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14.08.2020 um 20:29
Zitat von monstra
monstra
schrieb:
Nach dieser - genaueren Analyse - halte ich es für durchaus plausibel, dass man mit dem aufrecht erhaltenen Geständnis die Auslieferung verhindern bzw. eine Abwendung der Todesstrafe erreichen wollte. Jedenfalls die Chancen dafür Verbessern wollte. Bei dem, was Söring so juristisch von sich gibt, erscheint mir oft eine gewissen holzschnittartige Sicht vorzuherrschen. Falsch liegt er aber nicht.
Ist das die Analyse einer Juristin/Juristen?
Hätte diese Juristin/Jurist dem Mandanten Söring ebenfalls geraten, das Geständnis des Doppelmordes aufrecht zu erhalten?

Für einen Laien klingt seine Geschichte irrwitzig und abenteuerlich:
"Hesitantly I asked the attorneys what my legal position would be if I were not guilty?
My lawyers' eyes immediately widened in horror: Heaven forbid the possibility of my innocence! To have any hope at all of gaining a binding assurance that the death penalty would not be imposed, it was essential to maintain my complete guilt throughout the extradition proceedings."

http://web.archive.org/web/20100126235243/http://lucy.ukc.ac.uk/Soering/chapter10.html

Gibt es so etwas tatsächlich auf dieser Welt?
Einen Anwalt, der entsetzt ist über die Aussage seines Mandanten, er sei unschuldig. Und ihm empfiehlt, einen geschehenen Doppelmord weiterhin zu gestehen, auch wenn er unschuldig sein sollte?

Im Übrigen: Was war das Ergebnis?
Söring wurde ausgeliefert und zweimal lebenslänglich verurteilt. Saß 30 Jahre ab und haderte mit seinem Schicksal.
Seinen damaligen Londoner Anwälten scheint er aber bis heute nicht gram zu sein.

Was wäre gewesen, wenn er sein Geständnis schon in London widerrufen hätte? Vielleicht wäre die Auslieferung schwieriger geworden?
Schließlich lag "nur" das Geständnis als Rechtfertigung der US-Anklage vor.
Diese Gedankenspiele kommen bei ihm aber nicht vor. Wo er doch sonst mit allen und jedem Beteiligten hadert, die ihn falsch verteidigt oder Sonstiges haben.

Außerdem: Haben die Anwälte ihn jetzt beraten oder nicht? Wussten sie jetzt von der angeblichen Unschuld oder nicht?
Denn wie heißt es weiter in "Mortal Thoughts":
"I could not tell my family or my lawyers the truth, since the visiting rooms of English Category A-inmates like myself were widely known to be bugged."

Söring bleibt Söring.



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