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Unbekannte Tote in Fürstenwalde (Zeitraum 1965-1975)

58 Beiträge, Schlüsselwörter: Mord, Jauchegrube, Fürstenwalde
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Unbekannte Tote in Fürstenwalde (Zeitraum 1965-1975)

02.04.2019 um 22:09
puntanorte schrieb:Der heute 75-jährige Fürstenwalder leitete die Sero-Station von 1964/65 bis 1975
Also genau zur Zeit des vermuteten Tatzeitraumes. Schade, dass ihm damals anscheinend nichts weiter aufgefallen ist.
Ein Zufall, dass der Leiter der Sero-Stelle genau in dem fraglichen Zeitraum diese Position innehatte.
Das meine ich vollkommen wertneutral. Es ist einfach eine zufällige Koinzidenz, allerdings kann der ehemalige Leiter vielleicht eine Liste von den damaligen Mitarbeitern erstellen.
puntanorte schrieb:Sehr interessanter Fall - danke fürs Einstellen @Kreuzbergerin
Danke fürs Mitdiskutieren!


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03.04.2019 um 08:34
Auch der Stern berichtet jetzt darüber:

https://www.stern.de/panorama/stern-crime/skelett-in-jauchegrube-gefunden--polizei-raetselt---wer-ist-diese-frau--864839...

In dem Artikel stehen zusammengefasst noch einmal alles, was in den Berichten der anderen Zeitungen steht.

Die Polizei bittet um Hinweise aus der Bevölkerung.
Nach wie vor sind viele Fragen offen.Daher machen die Ermittler den Fall nun öffentlich und bitten die Bevölkerung um Mithilfe. Bisher sei ein Hinweis bei der Polizei eingegangen, so eine Sprecherin auf Nachfrage des stern.
Die Mordkommission der Polizeidirektion Ost fragt: Wer kann sich an eine junge Frau erinnern, die in den 1960-er Jahren aus ihrem Lebensumfeld plötzlich verschwand? Sie könnte der Frau auf den Phantombildern ähnlich sehen.
Ein Hinweis ist bis jetzt bei der Polizei eingegangen.


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03.04.2019 um 09:24
Kreuzbergerin schrieb:Auf jeden Fall ist es relativ mysteriös, dass die Tote von niemandem vermisst wurde.
So ist es wohl. Wobei man vorsichtig sein muss, die DDR um 1965 ist nicht unbedingt mit der DDR um 1975 zu vergleichen. In wieweit in den 60er Jahren bereits eine relativ umfassende "Inventaraufnahme" der Bevölkerung bestand, ist fraglich. Ich denke damals bestand vor allem das typische Meldesystem, das nicht gross anders war, als in der Bundesrepublik. Ein geborenes Kind wurde angemeldet, und fortan in den Akten der Gemeinde geführt. Schulpflicht wurde abgehakt, eventuelle Mitgliedschaft in den Jungen Pionieren, der FDJ usw. Da sie eine Frau war, fiel sie nicht unter die Wehrpflicht. Und wenn man dann als Erwachsene den Ort wechselte, musste man sich abmelden und am neuen Wohnort wieder anmelden. Tat man das nicht, konnte man auch "verschwinden," solange man nicht wieder etwas vom Staat wollte, z.B. eine Wohnung usw.

Und hier wird die Sache interessant: Die Mauer wurde 1961 gebaut. Bei Leichenfunden, deren Todeszeitpunkt lange zurück liegt, ist es nicht ungewöhnlich, dass erste Schätzungen um einige Jahre daneben liegen.

Wenn sie vor dem Mauerbau bereits umgebracht wurde, dann ist es durchaus möglich, dass von ihrem Umfeld angenommen wurde, dass sie zu den vielen gehörte, die in Berlin einfach in die Westsektoren gegangen und nie wieder zurückgekommen sind. Die Behörden haben das zwar versucht zu registrieren, aber es sollte nicht öffentlich bekannt werden, wie viele dem Arbeiter- und Bauernparadies den Rücken kehrten. Tauchte eine Person auf einmal nicht mehr am Wohnort auf, wurde sie einfach aus dem Melderegister gelöscht. "Wieder eine in den Westen..."

Die DDR Behörden hatten in dem Zusammenhang auch keinerlei Zusammenarbeit mit westdeutschen oder westberliner Behörden. So wäre nie aufgefallen, dass eine DDR-Bewohnerin sich nie in Westberlin oder Westdeutschland registriert hätte. Und wenn dann sehr zeitnah der Mauerbau kam, hatten auch die Angehörigen keine Möglichkeit irgendwo nachzuhaken, warum ihre Tochter usw. sich denn nie aus Westberlin meldete...

Nach dem Mauerbau war das eine Zeitlang auch nicht besser. Undurchlässig war die "Mauer" am Beginn noch nicht, aber nach einer geglückten Flucht war ein Kontakt zu Familienangehörigen erst einmal schwierig.

Hier hätte ein Täter nun auch den Angehörigen einreden können: "die hat nach Westdeutschland rübergemacht, macht euch mal keine Sorgen, der geht's jetzt gut..." Aufgefallen wäre das vermutlich erst nach einigen Jahren, als die Beziehungen und damit auch Postverbindungen etc. besser wurden. Dann hätten sich Angehörige vielleicht gewundert, dass man immer noch nichts von "drüben" gehört hat. Aber wenn sie dann keine Angehörigen in der DDR mehr hatte... dann war da auch niemand mehr, der sie vermissen konnte.

Das wäre also eine Möglichkeit zu erklären, warum sie nie offiziell vermisst wurde.

Die andere Möglichkeit wurde hier schon angesprochen: sie könnte Russin gewesen sein. Nicht unbedingt Soldatin, aber z.B. Familienangehörige eines russischen Soldaten. Offiziere durften ihre Familien durchaus mit in die DDR nehmen und wohnten dann mit den Familien in Kasernennähe in eigenen Wohngebieten. Sie durften sich zwar frei in der DDR bewegen, aber blieben in der Regel ganz unter sich.

Die DDR Behörden hatte keinerlei "Hoheit" über die Angehörigen der GSSD und diese arbeiteten auch mit den DDR Behörden so gut wie nicht zusammen. Straftaten seitens russischer Soldaten wurden intern durch die russische Militärpolizei und evtl. die russischen Geheimdienste bearbeitet. Die DDR wurde nur dann hinzugezogen, wenn man mal wieder einen Deserteur suchte und dazu manpower Unterstützung durch die Volkspolizei brauchte, was häufig vorkam. Wurde der gefunden, war es das. Die DDR Behörden erhielten keinen weiteren Einblick in das Schicksal der Person.

Bei einem Vermisstenfall innerhalb der russischen Garnison ist es sehr wahrscheinlich, dass die DDR Behörden nie davon Kenntnis erlangten. Auch hier galt: "was nicht sein darf, das kann nicht sein - es verschwinden keine russischen Staatsbürger!"

Wenn es sich hier also um eine russische Angehörige der GSSD handelte, und evtl. auch der Täter, dann ist es sehr plausibel, dass ihr Schicksal in der DDR unbekannt blieb.
IamSherlocked schrieb:Die Vermutung, dass sie "Sowjetbürgerin" war, ist, imho, aber, egal, wie sie nach Fürstenwalde kam, recht nahe liegend.

Na ja, und da durfte oft bis gar nicht ermittelt werden in dem Umfeld, selbst der Stasi waren da oftmals die Hände gebunden....
So ist es.


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03.04.2019 um 09:47
Rick_Blaine schrieb:Die andere Möglichkeit wurde hier schon angesprochen: sie könnte Russin gewesen sein. Nicht unbedingt Soldatin, aber z.B. Familienangehörige eines russischen Soldaten. Offiziere durften ihre Familien durchaus mit in die DDR nehmen und wohnten dann mit den Familien in Kasernennähe in eigenen Wohngebieten. Sie durften sich zwar frei in der DDR bewegen, aber blieben in der Regel ganz unter sich
Hallo @Rick_Blaine,
weißt du ob es in den Wohngebieten der Sowjetsoldaten auch eigene Läden gab?
Und ob dort eher Produkte aus der UDSSR oder aus der DDR verkauft wurden?

An der Toten wurde Reste von Kleidung aus DDR Produktion gefunden, anhand der Materialien wurde der Todeszeitraum ermittelt (1965-1975).

Hätten Angehörige der sowjetischen Truppen eher Kleidung aus der DDR oder aus der Sowjetunion getragen?

Die Angehörigen der US Truppen in West-Berlin hatten bekanntlich ihren eigenen Shop auf dem Gelände an der Clayallee, den PX Shop, in dem sie ihre geliebten US Produkte kaufen konnten. Diese Produkte waren damals noch nicht so leicht überall zu bekommen wie heute, also kauften die US Soldaten sehr gerne in ihrem PX Shop ein.


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03.04.2019 um 09:58
Soweit ich weiß (Quelle: mein Freund) gab es so etwas jedenfalls in den 1980er Jahren. Da gingen die Offizierskinder allerdings wohl auch in die normalen Kindergärten, er erzählt jedenfalls immer von einem russischen Mädchen in seiner Gruppe. Ob das in den 60er/70er Jahren auch so war, weiß ich nicht.

Das mit der Kleidung ist finde ich ein schwaches Indiz - es spricht zwar zunächst für eine DDR-Bürgerin, aber natürlich kann auch eine Vertragsarbeiterin oder eine Russin gerade an diesem Tag die Kleidung getragen haben, die sie sich vor Ort gekauft hatte. Möglich war es sicher, ob es sehr wahrscheinlich ist, ist eine andere Frage.


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03.04.2019 um 10:01
Kreuzbergerin schrieb:weißt du ob es in den Wohngebieten der Sowjetsoldaten auch eigene Läden gab?
Und ob dort eher Produkte aus der UDSSR oder aus der DDR verkauft wurden?
Kreuzbergerin schrieb:Hätten Angehörige der sowjetischen Truppen eher Kleidung aus der DDR oder aus der Sowjetunion getragen?
Ja, es gab dort eigene Läden. Als ich 1987 einmal in der DDR war, war ich erstaunt festzustellen, dass man dort recht frei Zugang hatte. Meine DDR-Bekannten waren mit mir dorthin gefahren, ich fühlte mich als "West-Ausländer" relativ unwohl und erwartete jederzeit ein paar wütende KGB Agenten, die mich als Spion sofort nach Sibirien transportieren würden. Aber meine DDR-Bekannten nahmen das ganz locker. DDR Bürger konnten in den Läden nicht einkaufen, aber man konnte sich in den Wohngebieten der Russen bewegen. Das war also genau wie auf westlicher Seite mit den PX und NAAFES Läden. Wer einen Freund bei den jeweiligen Streitkräften hatte, konnte so auch ab und an mal an solche Waren kommen. Das war aber wohl in der DDR weitaus seltener als im Westen der Fall, da sowohl die Sowjets als auch die DDR keine Freundschaften zwischen den jeweiligen Bürgern wollten.

Russen konnten dagegen frei in DDR Läden einkaufen, wenn sie DDR-Mark hatten. Inwieweit sie Zugang zu DDR-Mark hatten weiss ich nicht, aber ich weiss, dass Russen durchaus in DDR Läden einkauften. Es war ja typisch für die sozialistische Wirtschaft, dass es hier mal etwas gab, was man zu Hause nicht bekam und umgekehrt.

Ich halte es daher für möglich, dass eine Russin DDR-Kleidung hatte, aber typisch wäre vermutlich eher russische Kleidung gewesen. Nehme ich an.

Meine Erfahrung ist eben auch aus den 1980er Jahren. Wie das in den 60er Jahren war, weiss ich nicht.


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03.04.2019 um 10:10
Was die Vertragsarbeiter-Theorie angeht, denke ich, die wurden am Ende eher überwacht als DDR-Bürger. Die kamen in der Regel ja in Kontingenten und irgendwo war ein Funktionär, der die Verantwortung darüber trug, dass dieses Kontingent vollzählig war. Hier kann ich mir auch am ehesten vorstellen, dass der Todeszeitpunkt dieser Frau vor dem Mauerbau liegt und man dann ebenfalls dachte: "Mist, die ist in den Westen abgehauen." Und dann wurde das eben von den polnischen Behörden oder woher sie auch gekommen sein mag irgendwann geschluckt.

Nach dem Mauerbau erscheint es mir dagegen eher wahrscheinlich, dass man irgendwo in den DDR-Akten einen Suchvermerk hätte. Ob man den natürlich heute noch finden würde ist fraglich.


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03.04.2019 um 10:23
Rick_Blaine schrieb:Hier kann ich mir auch am ehesten vorstellen, dass der Todeszeitpunkt dieser Frau vor dem Mauerbau liegt
Die These, dass die Tat vor dem Mauerbau stattfand, lässt sich wohl nicht halten.

https://www.bz-berlin.de/tatort/weibliches-skelett-in-jauchegrube-in-fuerstenwalde-gefunden
Dass die Frau zu DDR-Zeiten gestorben sei, stellten Ermittler nach der Untersuchung von Kleidungsfasern fest. Von der Kleidung selbst war nach so langer Zeit nichts mehr übrig. Die Fasern reichten jedoch, um zu erkennen, dass es sich um Malimo-Strickware handelt, die erst Mitte der 60er in der DDR hergestellt wurde. Auch die gefunden Schuhe und Strümpfe seien aus einem Material, das erst ab Mitte der 60er Jahre in der DDR verwendet wurde. Die Polizei geht deshalb davon aus, dass die Frau zwischen 1965 und 1975 getötet wurde.
Durch die gefundenen Kleidungsfasern und den Materialien der Schuhe lässt sich feststellen, dass die Tat nach 1965 geschehen sein muss. Die Malimo Strickwaren wurden erst ab Mitte der 60er Jahre produziert.
Die Tat muss also einige Jahre NACH Mauerbau geschehen sein.


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03.04.2019 um 10:29
Ah, schade, das bedeutet allerdings, dass man die These, das Verschwinden wurde mit einer möglichen Übersiedlung in den Westen getarnt, als weniger wahrscheinlich erachten kann.

Ganz unmöglich ist es aber nicht, ein Täter aus ihrem Umfeld hätte es immer noch als "geglückte Flucht" darstellen können, vor allem ihren Angehörigen gegenüber. Aber es wäre wahrscheinlicher, dass es dann zumindest auch den Behörden aufgefallen ist.

Wobei man wohl annehmen muss, dass auch Mitte der 60er Jahre man seitens der Behörden nicht wollte, dass die Bevölkerung von "geglückten Fluchten" erfährt. Wenn man dann noch an einen eher faulen Volkspolizisten geriet, dem es ganz Recht war, den Fall als eine solche abzuhaken, dann ist es möglich, dass sie irgendwo stillschweigend in den Akten der DDR verschwunden ist.


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03.04.2019 um 11:19
Ich finde die Theorie "Angehörige der russischen Streitkräfte" soweit sehr gut und einleuchtend. Was mich etwas daran zweifeln lässt, ist die erforderliche Ortskenntnis. Sie müssten ja Kenntnis über die Jauchegrube gehabt haben UND Kenntnis, dass dort sehr selten bis gar nicht abgepumpt wird. Das halte ich für unwahrscheinlich. Deshalb geht meine Vermutung in Richtung Mitarbeiter/Aushilfen, möglicherweise sogar Täter und Opfer.


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03.04.2019 um 11:32
puntanorte schrieb:Deshalb geht meine Vermutung in Richtung Mitarbeiter/Aushilfen, möglicherweise sogar Täter und Opfer.
Wenn die Tote auch in der Sero Annahmestelle gearbeitet hätte, hätte der Leiter der Sero Stelle, der dort von 1965 - 1975 gearbeitet hat, sie kennen müssen.
Wäre ein Verschwinden nicht aufgefallen? Eine Mitarbeiterin, die von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war.


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03.04.2019 um 11:40
Bei einer Aushilfe hätte ein plötzliches Verschwinden ggf. kein Aufsehen erregt. Und wenn ich noch eins draufsetzen darf ;-): Heimkind oder Jugendhaftentlassene mit z.B. zugewiesenem Arbeitsplatz dort. Das Umfeld wusste, dass sie alleine ist und von niemandem vermisst wird. Der Leiter der Sero erinnert sich heute nicht mehr an alle Aushilfen oder Mitarbeiter, die nur kurz da waren. Personalakten oder ähnliches wurden im Laufer der Jahre vernichtet. Meine krude Theorie.


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03.04.2019 um 12:02
Ich vermute inzwischen, dass es sich bei unserer Toten doch eher um eine Deutsche handelt, aber in Fürstenwalde gab es 26 Einrichtungen der Sowjetarmee: Kasernen, Wohngebiete, usw.

http://www.sowjetische-militaerstandorte-in-deutschland.de/content_detail_v4.cfm?ort=Fürstenwalde

Das bedeutet, dass sich dort schon eine relativ grosse Anzahl russischer Soldaten und ihrer Familien aufgehalten hat.

Wie das Miteinander in der DDR so recht oder eher schlecht funktionierte zeigen diese Artikel:

http://www.spiegel.de/einestages/sowjetische-besatzung-a-946718.html
Offiziell hatte das Verhältnis gut zu sein: Die Sowjets waren die "Befreier vom Hitlerfaschismus" und wurden "Freunde" genannt. Die von den SED-Oberen immer wieder bemühte Phrase von der "unverbrüchlichen Freundschaft mit der Sowjetunion" durchzog alle gemeinsamen Aktivitäten - vom organisierten "Erfahrungsaustausch" über sportliche Wettkämpfe bis zur Erntehilfe. Doch die unfreiwillige Nachbarschaft wurde bald zur Belastung - und zur Nervenprobe.

Mehr als einmal soll es zu Handgreiflichkeiten im Streit um das knappe DDR-Warenangebot gekommen sein. Etwa, als an eine "deutsche Mutter pro Kind nur ein Paar Schuhe abgegeben werden durfte", wie Stadtchronist Henrik Schulze in seinem Buch über die "Geschichte der Garnison Jüterbog" berichtet, "und daneben die russische Frau ohne Rücksicht auf Form und Größen alle Schuhe aus einem Regal in ihren Korb wischte.“ Die Warenzuteilung erfolgte entsprechend der Einwohnerzahl - nicht mitgerechnet wurden dabei die vielen Offiziersfamilien und Zivilangestellten der Sowjetarmee, die gern auch ihre Verwandten in der UdSSR versorgten oder einfach Güter zum Tauschen benötigten.
Offensichtlich konnten Russen DDR-Waren einkaufen und taten das auch.

Sollte es sich bei unserem Opfer um eine Russin handeln, ist sehr wahrscheinlich, dass die DDR Behörden nie erfuhren, dass sie vermisst wurde:
Der Einfluss der DDR-Behörden auf die Besatzer allerdings war begrenzt. Angezeigte Straftaten wurden zwar verfolgt, doch nicht immer zur Zufriedenheit der Betroffenen. Was sich hingegen innerhalb der Kasernen abspielte, davon bekamen die Deutschen kaum etwas mit. Bis zum Ende der DDR verfügte die Partei- und Staatsführung noch nicht einmal über eine verlässliche Auflistung aller sowjetischen Liegenschaften im Land.
Quellen siehe oben: Spiegel.


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03.04.2019 um 12:20
Ich könnte mir vorstellen, dass sie aus einem Jugendwerkhof kam. Das könnte nämlich bedeuten, dass sie entweder keine Familie hatte oder ihr Charakter als schwierig galt (keine Wertung meinerseits) und ein verschwinden als typisch abgestempelt wurde. Da, laut Wikipedia, nur ein seltenen Fällen die Insassen bis zu 20 Jahre alt waren, könnte sich die Leitung auch das Problem vom Hals gehalten haben und ihre Akte geschlossen haben, nach dem Motto:"Ist jetzt alt genug - soll die doch machen was sie will." Da ich mich in der Gegend, als "Westdeutsche", überhaupt nicht auskenne, würde es mich interessieren, ob ees dort solche Einrichtungen gab.


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03.04.2019 um 12:30
In Fürstenwalde hat es wohl keinen Jugendwerkhof gegeben

Wikipedia: Liste_der_Jugendwerkhöfe_der_DDR

Das Problem ist einfach, dass Mitte der 60er Jahre es noch viele Möglichkeiten gab, aus der bürokratischen Totalüberwachung, welche die DDR in den späten 70ern und 80ern versuchte umzusetzen, auszubrechen. Man war einfach nicht so weit, und auch nicht so interessiert daran.

Und wie schon festgestellt, man kann heute nicht einmal genau sagen, dass sie nicht vermisst wurde - die Akten aus der damaligen Zeit sind garantiert nicht komplett.

Und wenn sie doch von ihren Eltern und Angehörigen vermisst wurde, dann wissen wir das heute nicht mehr. Es gibt aber sogar plausible Szenarien, wie oben gezeigt, dass sie nicht vermisst wurde, ohne dass man den Angehörigen dafür Vorwürfe machen könnte. Das ist das eigentlich traurige an diesem Fall: möglicherweise dachten ihre Angehörigen, sie hat ein gutes Leben im "Westen" und kamen nie darauf, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte. Und der Täter freute sich.


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03.04.2019 um 12:34
Nach DDR-Strafrecht, was für diesen Fall im Hinblick auf die Verjährungsfristen relevant wäre, dürfte dieses Verbrechen doch leider schon verjährt sein? Denn laut DDR-Recht verjährte Mord nach 25 Jahren, nur nach bundesdeutschem Recht nie.


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03.04.2019 um 12:46
Nein, das wurde nach der Vereinigung besonders geregelt, Mord in der DDR verjährt daher nicht.

§ 315a (3) EGStGB

https://www.gesetze-im-internet.de/stgbeg/art_315a.html

Ausnahme wäre, wenn die Tat so lange zurückliegt, dass sie bereits in der DDR verjährt wäre. Das könnte sein, wenn sie 1965 oder vorher begangen wurde.


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03.04.2019 um 12:53
Wir hatten hier doch mal den Fall eines mutmaßlichen Kindsmordes, wo es hieß:

„Nach DDR-Recht verjährt Mord nach 25 Jahren“, sagt Gerichtssprecherin Iris Le Claire unserer Redaktion. „Allerdings wurde im Zuge der Wiedervereinigung und der Rechtsangleichung veranlasst, dass die Verjährung nur bis 1993 gelte.“ Das mutmaßliche Verbrechen von Erna F. wäre erst 1999 verjährt. Nach bundesdeutschem Strafrecht verjährt Mord nie.

Quelle: https://www.derwesten.de/panorama/mordfall-aus-ddr-zeiten-wird-wieder-neu-aufgerollt-id11777719.html

Es käme also im Fall Fürstenwalde vermutlich darauf an, ob sich der Todeszeitpunkt näher eingrenzen ließe.

bis 30.9. 1968: verjährt
ab 01.10. 1968: noch nicht verjährt

https://www.gesetze-im-internet.de/stgbeg/art_315a.html

Zitat: (3) Verbrechen, die den Tatbestand des Mordes (§ 211 des Strafgesetzbuches) erfüllen, für welche sich die Strafe jedoch nach dem Recht der Deutschen Demokratischen Republik bestimmt, verjähren nicht.
(4) Die Absätze 2 und 3 gelten nicht für Taten, deren Verfolgung am 30. September 1993 bereits verjährt war.


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03.04.2019 um 12:55
So ist es.

Aber da ich bezweifle, dass man je einen Täter finden wird, ist das vermutlich eher eine akademische Frage.

Ah, ich sehe gerade, ich hätte oben 1968 schreiben müssen. Nicht 1965.


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03.04.2019 um 13:01
@Rick_Blaine
@Egi
@DatNat
@puntanorte
@orakel09
@inextenso
@Gildonus
@IamSherlocked
@Seefahrer
@jerry142
@all

Ich habe bis jetzt vergeblich versucht, einen alten DDR Stadtplan von Fürstenwalde im Netz zu finden.
Die Uferstr. gibt es immer noch, aber wo damals die Sero-Stelle genau lag, finde ich nicht.
Gibt es irgendwo eine Seite, wo alte DDR Stadtpläne zu finden sind?
Vielleicht auch mit den Liegenschaften der Sowjetarmee drauf?


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