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7.229 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

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28.06.2024 um 09:05
The Stepson
Diane Saxon

123239726
When your whole life becomes one big lie…
The night my mum disappeared, after a panicked 3am phone, I knew something was wrong.

The police tried to reassure me. There had to be a logical explanation they said – perhaps she’s taking a break after the tragic death of my father.

But I know my mum.

Or do I?

She would never leave without telling me.

Or would she?

The harder I look, the more I discover deep, dark family secrets I was not privy too.

Worrying secrets I was ever meant to know.

Which means my parents have lied to me my whole life.

But why?

Who can I turn too? Trust?

Who is friend and who is foe?

Were they scared of something in their past?

Or were they trying to protect me?

Has mum gone of her own free will?

Or has someone taken her?
Quelle: Klappentext

https://www.goodreads.com/book/show/123239726-the-stepson

Ich weiß nicht, ob es Absicht ist, dass absolut alle Charaktere in diesem Buch unsympathisch sind. 🤣

Sandra, die Mutter, kommandiert ihren Ehemann ständig herum und verbietet ihm sogar den Kontakt mit seiner Familie.

Henry, der Vater und Ehemann von Sandra, der sich das alles gefallen lässt und seinen Sohn Trevor aus seiner ersten Ehe einfach abschiebt, weil Sandra das so will und gleich auch komplett den Kontakt zu ihm abbricht.

Trevor, besagter Sohn aus erster Ehe und ein totaler Psychopath. Er hätte eine Behandlung in der Psychiatrie benötigt und keine Unterbringung bei verschiedenen schlechten Pflegefamilien. Vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen.

Lorraine, die Tochter von Sandra und Henry, alleinerziehende Mutter, weil ihr Ex ein absoluter Arsch ist. Sie ist absolut ahnungslos, schwer von Begriff und lässt auf sich herumtrampeln. Außerdem ist sie ziemlich selbstgerecht, wozu sie bei ihren eigenen Entscheidungen absolut keinen Grund hat, die sind nämlich auch nicht besser als die jener Menschen, über die sie urteilt.

Tante Caroline, die jüngere Schwester Henrys. Warum sucht sie nach dem Tod ihres Bruders nicht den Kontakt zu ihrer Nichte? Dass die mit ihrer Schwägerin, die ihrem Bruder den Kontakt mit ihr verboten hat, nichts zu tun haben will, ist verständlich, aber warum spricht sie nicht mit ihrer Nichte und erklärt ihr alles?

Alle verhalten sich seltsam. Henry und Sandra erzählen ihrer Tochter nichts über Trevor und was dazu geführt hat, dass sie keinen Kontakt zu ihm haben. Es wäre klüger, alles zu erzählen. Wenn Sandra so große Angst vor Trevor hat, warum warnt sie ihre Tochter nicht vor ihm? Das ist komplett unlogisch.

Dass Lorraine sich als Erwachsene Wort für Wort an einen Wortwechsel ihrer Eltern erinnert, als sie noch ein kleines Kind war, ist eher unwahrscheinlich. Und warum fragt sie nie nach ihren Großeltern oder Verwandten, die sie als kleines Kind ja noch regelmäßig besucht hat? Ein Kind würde doch fragen, warum sie nicht mehr zu Oma und Opa fahren.

Dysfunktionale Familie hin und her, aber da spricht ja nicht einmal die Mutter mit ihrer Tochter, obwohl sie ein gutes Verhältnis haben.

Sehr eigenartig, am liebsten würde ich diese Charaktere die ganze Zeit nur schütteln 🤣.

Die Handlung ist ziemlich durchschaubar, es geht aber auch nicht so sehr darum, was wirklich mit Sandra passiert ist (das ist von Anfang an klar), sondern man beobachtet Lorraine dabei, wie sie nach und nach ihre Familiengeschichte aufdröselt.

Das Buch ist insgesamt okay.


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28.06.2024 um 13:31
Don't Let Her Stay
Nicola Sanders
80830635Original anzeigen (0,3 MB)
Someone inside your house wants you dead, but no one believes you…

Joanne knows how lucky she is. Richard is a wonderful husband, Evie is the most gorgeous baby girl, they live in a beautiful house… Life couldn’t be better.

Until Richard’s twenty-year-old daughter Chloe turns up. Chloe hasn’t spoken to her father since the day he married Joanne two years ago. But Chloe wants to make peace. She’ll even move in for a few weeks to help Joanne with the new baby.

It sounds perfect, but when things happen that make Joanne feel like she’s losing her mind, she begins to wonder: Is Chloe really here to help? Or has Joanne made a terrible mistake by letting her move in?

And is it too late to ask her to leave?

Perfect for fans of Frieda McFadden, Sue Watson and Shalini Boland, Don’t Let Her Stay is a totally addictive psychological thriller with a twist that will shock you!
Quelle: Klappentext

https://www.goodreads.com/book/show/80830635-don-t-let-her-stay

Dieses Buch wurde mir aufgrund dessen vorgeschlagen, dass ich The Stepson gelesen habe. Das passt auch total, die Bücher sind ziemlich ähnlich. Der Psychopath ist halt diesmal die Stieftochter 🤣.

Wieder verstehe ich die Hauptcharaktere nicht bzw. finde ich, dass sie sich seltsam verhalten und unsympathisch sind. Vor allem Richard, der Ehemann und Chloes Vater. Er weiß doch, dass Chloe gefährlich ist und was passiert ist, dennoch besteht er darauf, dass sie bei ihm, Joanne und der kleinen Evie lebt. Wenn Joanne ihm ihre Bedenken hinsichtlich Chloe erzählt und ihm berichtet, was alles vorgefallen ist, während er bei der Arbeit war, pflaumt er sie an und redet ihr ein, dass sie sich alles nur einbildet. Sehr normal 🤣. Loyalität zur Tochter aus erster Ehe gut und schön, nur hat Richard ebenso Verantwortung für Joanne und Evie.

Wenn mein Mann mit mir so umginge wie Richard mit Joanne, hätte ich Baby und Hund schon eingepackt und wäre gegangen. Dass Chloe sich ihr gegenüber unmöglich benimmt, ist ja schon schlimm genug, aber dass Richard sie gaslightet, obwohl er genau weiß, wie Chloe ist, bringt das Fass zum Überlaufen. Ich verstehe überhaupt nicht, wieso sich Joanne so als Fußabtreter benutzen lässt. So reich kann mein Ehemann gar nicht sein, dass ich mir sowas bieten ließe.

Der arme Hund tut mir leid, irgendwie kümmert sich nie jemand so richtig um ihn bzw. liest man auch nicht raus, dass er geliebt und gewollt ist. Eher ist er lästiges Beiwerk. Zuerst wird er von Richard getreten, dann einfach zurückgelassen. Furchtbar finde ich das, man hätte den Hund einfach weglassen sollen.

Die Handlung finde ich jedoch sehr gut und unterhaltsam. Warum das Buch teilweise so schlechte Kritiken erhalten hat, hat mich gewundert. Ich fand es spannend und gerade die Wendung am Schluss fand ich besonders gut. Anderen Leserinnen war sie zu viel. So schlecht geschrieben, wie in manchen Rezensionen kritisiert wird, finde ich das Buch auch nicht. Klar, es ist kein literarisches Meisterwerk, das erwarte ich mir aber von einem Thriller auch nicht. Bei mir liegt der Fokus immer auf der Geschichte und die fand ich unterhaltsam.


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28.06.2024 um 13:42
Sofi Oksanen - Stalins Kühe

Oksanen-Stalins Kuehe

Dieser 2003 im Original veröffentliche Erstlingsroman der damals 26-jährigen finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen sorgte für Aufsehen ob seiner kompositorischen Macht. Kernfigur ist Anna, die an Bulimie (eigentlich nicht) leidet, jedoch ist es keine Autofiktion, sondern ein hochkomplexer Roman einer in Finnland geborenen Tochter eines Finnen und einer Estin.

Oksanen führt uns in eine Welt, in der Finnen auf ihre Sprachverwandten herabschauen, estnische Frauen sich an Finnen prostituieren (sei es im Wortsinn, sei es durch Ehe und Flucht).
Die estnischen Frauen verkaufen sich für ein Paar Strumpfhosen ... in der Sowjetunion lebt man gut, wenn man ein Auto, eine Wohnung und einen finnischen Liebhaber hat …
Wir lernen ihre Mutter kennen, die nicht will, dass Anna Estnisch lernt oder ihre estnische Abstammung offenbart. Wir lernen die in der sowjetischen estnischen Republik lebende Großmutter kennen, die Verschleppungen Hunderttausender vermeintlicher Faschisten in stalinistische Arbeitslager. Über die Lebensbedingungen im Lager schreibt Oksanen:
Osvald kommt ins Platinbergwerk von Norilsk. Er ist klein und mager genug, um zu überleben; die Kräftigeren ertragen die plötzliche Reduzierung der Nahrungsmenge nicht, von ihnen bleiben jeden Morgen einige auf den Pritschen neben Osvald liegen. Die Leichen werden in Säcken fortgebracht und auf einem Platz in der Nähe des Lagers gestapelt. Im Frühling, wenn der Boden - und die Leichen - aufgetaut sind, wird das, was die Tiere der Tundra davon übrig gelassen haben, in ein Massengrab gebracht. Die tägliche Brotration von dreihundert Gramm ist der Lohn für einen zwölfstündigen Arbeitstag, und sie darf nur im Lager gegessen werden, vielleicht wegen der Fluchtgefahr. So als könnte man von dort fliehen. So als wäre es möglich, mit dreihundert Gramm Brot durch Sibirien zu fliehen.
Osvalds Zähne beginnen auszufallen. Wie viel wiegt er? Vierzig Kilo oder fünfzig?
Die Gedanken stocken. Nicht lange, und der Hunger würde anfangen, das Gehirn aufzufressen.
Die Tage haben sich in Rationen von dreihundert Gramm Brot verwandelt und die Feiertage in eine Kelle Suppe.
Osvalds Brust ist blutig von den Läusen. Wunden heilen nicht, denn das Blut ist so dünnflüssig.
Die Bevölkerung Estlands und auch diejeigen, die als "Waldbrüder" Widerstand geleistet haben, werden von den Sowjetbehörden belogen:
Die russische Propaganda verbreitet Gerüchte, dass denjenigen, die aus dem Wald herauskommen, alles verziehen werde. Sie appelliert an Ehefrauen, Geschwister, Eltern und Freunde. Ein Flugzeug wirft über dem Wald Flugblätter ab, in denen gute Absichten beteuert werden.
Einige wollen das glauben.
Sie werden nach Sibirien geschickt oder erschossen.
Die Leichen der gefassten und getöteten Waldbrüder werden in Brunnen geworfen oder auf dem Markt zur Schau gestellt. Oder an die Diensthunde verfüttert.
1946 gibt es die Amnestie durch Stalin, die dann auch gilt. So kommt der Großvater Arnold, der bei den Waldbrüdern war, mit dem Leben davon. Doch damit ist nicht Frieden. Viele Menschen fliehen oder wollen fliehen. Und 1949:
Die Russen bombardieren die Schiffe, die von Virtsu und Haapsalu ablegen. Die Schiffe sind voller Esten, die aus dem Land flüchten ... Die estnischen Dörfer und Städte sind leer von Männern, übrig sind nur Frauen, Kinder und Greise. Bibeln und Kreuze sind in der Erde vergraben worden.
In der Nacht vom 23. zum 24. März 1949 werden unzählige Menschen nach Sibirien verschleppt und die leeren Häuser werden geplündert. Großvater Arnold wird nicht verschleppt, sein Hof muss jedoch in die Kolchose eingegliedert werden. Die nach Sibirien Verschleppten werden gezwungen zu unterschreiben, dass sie freiwillig nach Sibirien gegangen seien. Die in Estland Verbliebenen werden jahrelang immer und immer wieder vom NKWD verhört und drangsaliert. Die Zahl der Selbstmorde ist hoch.

In den Dörfern zeigen sich die Gewinner. Diejenigen, welche den Besitz der Verschleppten mit geplündert haben.
Die Mädchen der Remmels haben wunderschöne Kleider. So schöne, dass die Leute sich in der Stadt danach umdrehen. Als Katariina ein wenig älter ist, flüstert Sofia ihr zu, dass die Remmels die Kleider aus dem Haus der Röugs geholt haben, nachdem Aino und Eduard Röug mit ihren Kindern nach Sibirien gebracht worden waren. Mehr als diese geflüsterten Worte wird über die Sachen nicht gesprochen, obwohl alle es wissen. Wer was aus wessen Haus geholt hat. Was aus welchem Speicher »geholt worden ist« - niemals gestohlen, ausgeräumt, geraubt, immer nur »geholt«.
Die Vertriebenen getrauen sich zum Teil nicht mehr aus Sibirien zurückzukehren:
Die Röug'schen Söhne sind - anders als ihre Eltern und Schwestern - nicht bereit, Sibirien zu verlassen, obwohl die allgemeine Begnadigung der Gefangenen von 1956 sogar die Politischen betrifft und so auch der Familie Rõug das Recht gibt, nach Estland zurückzukehren. Die Söhne heiraten in Sibirien russische Frauen und bleiben dort. Wohin hätten sie auch gehen sollen? In ihr Dorf, das sie verraten hatte, in ihr Haus, in dem andere Leute wohnten, an dessen Tisch die Familie eines Denunzianten saß oder die dicke Tochter eines Russen, die Tee trank oder saure Gurken aß, in das Land, wo die Kühe des Kolchos weideten, und zu den Menschen, unter denen ihre Verschlepper waren, in dasselbe Dorf, um dieselben Wege entlangzuwandern, um für dieselben Menschen im Kolchos zu arbeiten, um denselben Mähdrescher zu fahren, um auf derselben Bank zu sitzen, um nachzusehen, ob Karlas, des lieben Onkels, Kaffeetasse dieselbe war wie die, aus der seinerzeit sie selbst tranken, ob Karlas Söhne die Hosen, die ihnen gehört hatten, bis zum Verschleiß abgetragen hatten, wie Elfride vielleicht als Heldenmutter gefeiert und wie sie im Kleid von Mutter Aino Röug auf einem Foto verewigt wird an dem Tag, als ihr der goldene Stern einer Heldin der sozialistischen Arbeit und Beifall und Blumen und Ehre zuteilwerden?
Bei den Besuchen der Großmutter in den 1980er Jahren wird der himmelschreiende Unterschied der Angebote zwischen Valutageschäften und Geschäften für sowjetische Normalbürger immer deutlicher erkennbar.
Um vorwärtszukommen, muss man Schlange stehen, überall warten und Schlange stehen, in Taxischlangen in Behörden im Café im Stoffladen beim Zoll; um irgendwohin zu kommen, muss man erst Schlange stehen, wenn man etwas haben möchte, muss man Schlange stehen, und sei es vor der leeren Ladentheke des Fleischgeschäfts, neben der die leeren Kühltruhen surren, vielleicht liegen am Grunde Pelmeni, Kinderwurst und Schweineklauen, eines Tages vielleicht auch andere Teile, dann, wenn die estnische Schweinerasse zu einem Schwein veredelt worden ist, von dem man auch anderes abbekommt als nur Schwanz, Klauen und Ohren, die auf dem Boden der großen Kühltruhe in einer weißen Emailleschüssel liegen, während die Verkäuferin in ihrem schmuddeligen Arbeitskittel mit saurer Miene dahinter steht und glotzt, unbeweglich neben ihrem Rechenbrett. Die übrigen Teile des in Estland gezüchteten Schweins werden nämlich nach Moskau gebracht... immer wird alles nach Moskau gebracht, das wie ein Fass ohne Boden ist ... Nichts bleibt hier ... Nach Moskau ... Nach Moskau ... oder in Geschäfte, die für das gewöhnliche Volk unzugänglich sind
Zwischen Annas Eltern passt nichts. Ihr Vater arbeitet seit Jahrzehnten an der finnischen Botschaft in Moskau und auch nachdem er mit seiner Frau in eine finnische Kleinstadt gezogen ist, lebt er in zwei Welten: Selten in Finnland, meistens in Moskau mit seinen russischen "Freundinnen". Statt dies auszusprechen, handelt die Mutter rachsüchtig:
Auf Vatis Einkaufsliste vom Dezember findet Mutter das Wort Shampoo und dann eine Flasche des für die Frau passenden Shampoos in Vatis Koffer. Mutter gießt das Shampoo aus und füllt stattdessen Kleister in die Flasche.
Und bei einem Besuch in Moskau:
Als Mutter und ich in Vatis Hotel die Korridore entlanggingen, sahen uns die Russinnen mit langen Blicken, abschätzend und hasserfüllt an.
Die Frau da trägt so einen Lederrock, wie Vati ihn einmal bei Seppälä gekauft hat. Nicht genau denselben, aber fast!
Es passte Vati überhaupt nicht, dass wir in sein Hotel gekommen waren. Er stürmte viele Meter vor uns her und war wütend. Mutter hatte aus purer Bosheit verlangt, das Hotel zu sehen, weil sie wusste, dass Vati uns dort nicht haben wollte.
Auch die Passagen, in der Anna über ihre Bulimie bzw. ihre Beziehungen schreibt, sind hochinteressant, da es keine Außenperspektive ist. Oksanen selbst litt/leidet unter dieser Krankheit. Ein Abschnitt, wie in der Sowjetunion mit Bulimie-Kranken umgegangen wurde, ist beklemmend:
In einer ganz frischen Zeitung, die ich auf dem Sofatisch gefunden habe, wird von einer Frau aus Pärnu berichtet, die im Jahr 1972 mit Elektro- und Insulinschocks wegen ihrer Krankheit behandelt wurde, die erst jetzt als Bulimie erkannt wurde. Jetzt hat diese Maie, deren Gesundheit durch die Behandlungen vollkommen ruiniert ist, die auf das Dreifache aufgequollen ist, einen Bart bekommen und den Tastsinn ihrer Hände verloren hat, den Rechtsweg beschritten, um vielleicht im Ausland irgendeine Behandlung zu bekommen, die ihren Zustand verbessern könnte.
Ein großartiges Buch.

Stalins Kühe waren übrigens Ziegen.


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02.07.2024 um 11:32
Richard Ford - Kanada

Ford-Kanada

Der 65-jährige Literaturlehrer Dell Parsons blickt auf das Entscheidungsjahr seines Lebens zurück, als er 15 Jahre alt ist und seine Eltern einen Banküberfall verüben, damit sie die Schulden bei einer Viehdiebsbande bezahlen können, die der Vater (ehemaliger Bombenschütze im 2. Weltkrieg, wegen Schwarzhandel geschaßt und danach Gelegenheitsarbeiter in Great Falls, Montana) als Hehler engagiert hat. Die Eltern werden ausgeforscht, seine Zwillingsschwester geht nach Kalifornien und Dell wird zum Bruder einer Freundin seiner Mutter nach Kanada geschleust, der in einem kleinen Ort ein Hotel mit Gänsejagdmöglichkeiten führt. Dieser Arthur Remlinger hat aber auch eine dunkle Vergangenheit als Libertinärer. Er hat ein Gewerkschaftsgebäude gesprengt, bei dem ungewollt ein Gewerkschafter ums Leben kommt. Dell wird Zeuge, als zwei Männer aus Detroit, die Remlinger ausgeforscht haben, diesen stellen wollen und Remlinger beide erschießt. Der Junge hilft mit, die beiden im Frostboden zu begraben und wird von der Frau Remlingers an eine kanadische Highschool geführt. Dell wird Lehrer und heiratet.

Das Buch endet mit einer Reise zu Beginn seiner Pensionierung zu seiner krebskranken Schwester. Wie oft in diesem Roman ist er mit Desolation konfrontiert: die Krankheit der Schwester, den kleinen kanadischen Ort gibt es praktisch nicht mehr, Detroit ist eine verfallene Stadt. Dell reflektiert seine doch etwas moralinsauren Vorträge seinen Schülern gegenüber.

Grundsätzlich ist der Roman ok, die Thematik des Verfalls nicht uninteressant, aber aufgrund der vielen, oft langen Reflexionen Dells doch letztlich zäh zu lesen. Auch sind die Figuren sehr eindimensional charakterisiert, nicht alle Handlungen sind unbedingt logisch motiviert.


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02.07.2024 um 13:15
Reinhard Kleist - Der Traum von Olympia

Kleist-Olympia

Der in Berlin lebende Grafiker Reinhard Kleist ist unter anderem Verfasser von Graphic Novels. 2015 erschien dieser Grafikroman über Samia Yusuf Omar, eine somalische Läuferin und Teilnehmerin an den olympischen Spielen 2008 in Peking, wie sie 2012 aufgrund von Anfeindungen durch Islamisten (ihr Vater wurde ermordet, sie mit dem Tod bedroht) mit ihrer Tante über Libyen nach Italien fliehen will, um sich auf die olympischen Spiele in London vorbereiten zu können. Ein legaler Weg war nicht möglich, für Äthiopien hatte sie keine gültigen Papiere. So bezahlte sie Schlepperbanden für eine Überfahrt durch den Sudan an die libysche Küste, wo ihr erster Versuch, nach Malta zu kommen, durch die Küstenwache verhindert wurde. Der zweite Versuch auf einem Schlauchboot endete tödlich. Sie ertrank.

Die in schwarz-weiß erzählte Lebensgeschichte ist durchaus angemessen umgesetzt und beschönigt weder die Islamisten noch die Schlepperbanden, die sich für ihre sehr zweifelhaften "Dienstleistungen" gut bezahlen lassen. Der Traum der jungen Läuferin, mittels adäquaten Trainingsmöglichkeiten an die Weltspitze zu kommen, mag zwar hochgegriffen erscheinen, eine Flucht nach Europa wurde erst nach Ausweisung aus Äthiopien ins Auge gefasst. Nicht thematisiert, aber mitschwingend: außer bei den olympischen Spielen in Peking hatte Omar keinerlei Unterstützung durch Sponsoren.


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02.07.2024 um 19:20
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:nicht alle Handlungen sind unbedingt logisch motiviert.
Das finde ich bei Büchern auch immer nervig. Andererseits handeln Menschen ja auch meist sehr unlogisch, somit spiegelt eine solche Handlung dann wieder die Realität wider.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Samia Yusuf Omar, eine somalische Läuferin und Teilnehmerin an den olympischen Spielen 2008 in Peking
Ist das eine reale Person oder ist sie fiktiv?


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02.07.2024 um 20:58
Zitat von violetlunavioletluna schrieb:Ist das eine reale Person oder ist sie fiktiv?
Das von Reinhard Kleist nachgezeichnete Schicksal Samia Yusuf Omars ist real. Er hat zum Teil auch vor Ort nachrecherchiert. Hier ein Foto der Läuferin.

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Foto: Kerim Okten/ picture-alliance/ dpa

Bei den olympischen Spielen in Peking 2008 konnte sie mit einer Wild Card für Somalia teilnehmen, obwohl sie die Qualifikationszeit nicht geschafft hatte. Ihre Vorlaufteilnahme ist noch auf YouTube zu sehen, hier im Spoiler

Youtube: Samia Yusuf Omar @ 2008 Beijing Olympics
Samia Yusuf Omar @ 2008 Beijing Olympics
Externer Inhalt
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Für London 2012 hoffte sie, durch bessere Trainingsmöglichkeiten, die Qualifikationszeit zu schaffen. Äthiopien als Trainingsort scheiterte an den Papieren, so versuchte sie, mit einer Tante nach Europa zu gelangen. Unterstützung durch Sponsoren hatte sie nicht. 2008 wurde sie noch gefördert (siehe Nike-Stirnband). Daher ihre Entscheidung, über die Schlepperroute nach Europa zu reisen. Dies endete tödlich.


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02.07.2024 um 21:11
Das ist eine sehr traurige Geschichte!


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05.07.2024 um 11:32
B. Traven - Das Totenschiff

Traven-TotenschiffOriginal anzeigen (0,3 MB)

Wer der unter dem Pseudonym B. Traven schreibende Autor wirklich gewesen ist, weiß man immer noch nicht mit Sicherheit. Vermutet wird, dass es sich um den in Mexiko lebenden deutschen Maschinenschlosser und Gewerkschafter Otto Feige gehandelt haben könnte. Unabhängig davon: Dieser 1926 erschienene Roman zählt zu einem der Klassiker der Abenteuer- wie auch kapitalismuskritischen Literatur, in dem die Problematik der Staatenlosigkeit in Europa nach dem Ersten Weltkrieg sowie die Praxis des Versicherungsbetrugs durch Reedereien thematisiert wird.

Der aus New Orleans stammende Seemann Gales wird in Antwerpen bei einem Landgang von seinem Schiff vergessen (als Anstreicher ist er nicht funktionsrelevant) und findet sich ohne Geld und ohne Papiere in Belgien. Das US-Konsulat kann/will ihm nicht helfen, da er keine Papiere vorweisen kann, die seine Identität bestätigen. Gales wird nach Holland abgeschoben, von dort zurück nach Belgien, von wo aus er über Frankreich, wo er als Knecht auf Bauernhöfen arbeitet, nach Spanien weitergeht. Spanien findet er ganz in Ordnung, da er als Odach- und Staatenloser von den Behörden nicht belästigt wird und die Menschen sehr freigebig sind. Dennoch heuert er in Barcelona auf einem heruntergekommenen Schiff, der Yorrike, an, auf dem ausschließlich Seeleute ohne Papiere ("Tote") arbeiten. Gales gibt sich als Ägypter aus und arbeitet als Heizer. Die Yorrike wird zum Waffen- und Munitionsschmuggel nach Nordafrika verwendet.

Bei einem Landgang in Dakar werden Gales und sein aus Posen stammende Kumpel Stanislaw Koslowski mit Gewalt auf das Schiff "Empress of Madagascar" entführt, da ihnen Heizer fehlen. Dieses erst drei Jahre alte Schiff soll zum Untergang gebracht werden, da es die vorgesehene Maschinenleistung nicht erbringen kann (es fährt nur 4 Knoten statt 12), was in einem Sturm vor der Westküste Afrikas auch gelingt. Gales und Koslowski treiben auf Trümmerteilen, Letzterer ertrinkt und auf einer Kajütenwand treibt Gales nun mit Halluzinationen auf dem Meer. Wie es mit dem Ich-Erzähler Gales weitergeht, bleibt offen.

Traven nimmt in diesem Roman offen eine linksanarchistische Position ein. Den Staat hält er für einen mächtigeren Unterdrücker als alle Könige und Tyrannen zuvor, da er in der Lage ist, über den einzelnen gnadenlos mittels bürokratischer Maßnahmen zu bestimmen. Gezeigt wird das an Gales, der als papierloser US-Amerikaner kein solcher mehr ist, und an Koslowski, der nach dem Ersten Weltkrieg weder für die deutsche noch für die polnische Staatsbürgerschaft optieren konnte, da er auf See war, und nun staatenlos ist, da sowohl in Polen als auch in Deutschland die Frist für eine Antrag auf eine Staatsbürgerschaft ausgelaufen ist. Ähnlich erging es einem Kumpel Koslowskis aus dem Elsass, einem anderen aus Memel (Klaipeda).

Seinen linken Standpunkt legt Traven bereits anhand des Lohnes auf dem regulär zahlenden amerikanischen Schiff dar, mit dem Gales nach Antwerpen fährt:
Der Lohn war ja nicht gerade hoch. Das könnte ich nicht behaupten. Aber wenn ich fünfundzwanzig Jahre lang keinen Cent ausgäbe, jede Monatsheuer sorgfältig auf die andre legte, nie ohne Arbeit wäre während der ganzen Zeit, dann könnte ich nach Ablauf jener fünfundzwanzig Jahre unermüdlichen Arbeitens und Sparens mich zwar nicht zur Ruhe setzen, könnte aber nach weiteren fünfundzwanzig Jahren Arbeitens und Sparens mich mit einigem Stolz zur untersten Schicht der Mittelklasse zählen. Zu jener Schicht, die sagen darf: Gott sei gelobt, ich habe einen kleinen Notpfennig auf die Seite gelegt für Regentage. Und da diese Volksschicht jene gepriesene Schicht ist, die den Staat in seinen Fundamenten erhält, so würde ich dann ein wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft genannt werden können. Dieses Ziel erreichen zu können, ist fünfzig Jahre Sparens und Arbeitens wert. Das Jenseits hat man sich dann gesichert und das Diesseits für andre.
Auch die Kritik an Staat und Bürokratie wie Travens Individualismus werden deutlich formuliert:
m Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Paß bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermißt werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet. Das freilich sind konstruierte Einbildungen, die gar nicht möglich, ja sogar ein Zeichen von Wahnsinn wären, wenn es keinen Bürokratismus, keine Grenzen, keine Pässe gäbe. Im Zeitalter des Staates sind noch ganz andre Dinge möglich und können noch ganz andre Dinge aus dem Universum ausgewischt werden als ein paar Menschen. Die intimsten, die ursprünglichsten Gesetze der Natur können ausgewischt und abgeleugnet werden, wenn der Staat seine innere Macht vergrößern und vertiefen will auf Kosten des einen, des einzelnen, der das Fundament des Universums ist. Denn das Universum ist aufgebaut aus Individuen, nicht aus Herden.
Und weiter:
Das Zeitalter der Tyrannen, das Zeitalter der Despoten, der absoluten Herrscher, der Könige, Kaiser und deren Lakaien und Mätressen ist besiegt worden, und der Sieger ist das Zeitalter eines größeren Tyrannen, das Zeitalter der Landesflagge, das Zeitalter des Staates und seiner Lakaien.
Noch vor Brechts berühmten "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" formuliert Traven, dass Moral den Arbeitermassen eingetrichtert wird, damit sie Skrupel davor haben, sich die Güter der Reichen zu nehmen:
Da kroch ich in einer Wache in der Nacht mal so ’rum in den Eingeweiden. Manchmal findet man ganz angenehme Dinge. Nüsse, Apfelsinen, Tabakblätter, Zigaretten und andres. Manchmal muß man die Kisten aufmachen und sehen, ob neue Hemden drin sind oder Stiefel oder Seife. Moral wird einem ja nur darum gelehrt, damit die, die alles haben, alles behalten können und das übrige noch dazu kriegen. Moral ist die Butter für die, denen das Brot fehlt.
Aufgrund der Schilderungen der oft brutalen Arbeit auf diesen Totenschiffen und der oft lakonischen, sarkastischen Schreibweise ein flott zu lesender Roman mit mehr Tiefgang als viele andere Abenteuergeschichten. Nicht ganz klar ist, warum die US-Konsulate, die Gales aufsucht, nicht die Möglichkeit haben, seine Aussagen zur Identität nachzuprüfen. Eine Transatlantik-Telegraphenverbindung gab es in den 1920er Jahren bereits seit einigen Jahrzehnten.

Verfilmt wurde der Roman 1959 vom österreichischen Regisseur Georg Tressler mit Horst Buchholz in der Rolle von Gales.


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08.07.2024 um 13:11
Virginia Woolf - Orlando

Woolf-OrlandoOriginal anzeigen (0,2 MB)

Der 1928 erschienene Roman spiegelt anhand der unsterblichen (?) Figur Orlando die britische Gesellschaft vom elisabethanischen Zeitalter im 16. Jahrhundert bis ins Jahr 1928.

Orlando ist ein reicher Gutsbesitzer im Süden Englands (365 Schlafzimmer, 200 Diener) und bereits der Einstieg ist makaber: Er spielt in seinem Zimmer mittels eines Säbels mit einem Kopf eines von seinem Vater getöteten Afrikaners. Der junge Orlando ist sehr Literatur zugeneigt und bekommt Zugang zum Hof von Königin Elisabeth I., deren Günstling er aufgrund seiner vorzüglichen Manieren wird.

Der Wendepunkt kommt, als er sich in eine russische Prinzessin verliebt, die aber am Ende des Großen Frosts während eines Themse-Hochwassers mit dem Botschaftsschiff davonfährt und ein Rendezvous mit Orlando nicht einhält. Er fährt als Gesandter nach Konstantinopel, schließt sich dort "Zigeunern" (im Original "gipsies") an, nachdem er nach einem mehrtägigen komatösen Starrzustand durch märchenhaftes Zutun dreier Allegorien (Herrin Reinheit, Herrin Keuschheit, Herrin Bescheidenheit) als dreißigjährige Frau erwacht ist. Die kulturellen Unterschiede sind zu groß, so reist sie zurück nach England und kämpft darum, als Frau weiterhin Gutsherrin sein zu können.

Im Viktorianischen Zeitalter, das ihr wegen der Familienorientierung und der rigiden Moral ("Die Entfremdung der Geschlechter wurde immer größer"), die sich auch in der Londoner Architektur der gleichförmigen Bürgerreihenhäuser ausdrückt, heiratet sie einen Schiffskapitän, der jedoch kaum zuhause ist. Aber immerhin kann sie mit Hilfe eines auch langlebigen (unsterblichen?) Dichters Nick Green, den sie bereits aus dem 16. Jahrhundert kennt, mit ihrem Gedicht "Der Eichbaum" einen Literaturpreis gewinnen.

Der Roman endet 1928. Orlando ist eine moderne, reiche 36-jährige Frau, die mit einem Auto in ein Warenhaus einkaufen fährt.

Schwerpunkt sind Beobachtungen des sozialen Frauenbilds, der klimatischen Veränderungen (vom Großen Frost über die Kleine Eiszeit - "Alles war Finsternis: alles war Zweifel: alles war Wirrnis. Das achtzehnte Jahrhundert war vorüber; das neunzehnte Jahrhundert hatte begonnen") und der sozialen Veränderungen von der vorindustriellen Zeit bis in die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts.

Woolf legt deutlich dar, dass das Frauenbild männlich geprägt ist:
Es fiel ihr ein, daß sie als junger Mann nachdrücklich gefordert hatte, eine Frau müsse gehorsam, züchtig, mit Wohlgerüchen besprengt und köstlich gekleidet sein. »Nun muß ich solche Forderungen am eigenen Leibe büßen«, sagte sie sich, »denn die Frauen sind (soweit ich es nach meiner kurzen Erfahrung in diesem Geschlecht beurteilen kann) an und für sich keineswegs gehorsam, züchtig, wohlriechend und köstlich gekleidet.
Orlando ist sich als Frau der erniedrigenden Rolle, die Frauen in der Gesellschaft zu spielen haben, deutlich bewusst:
Habe ich erst einmal den Fuß auf englischen Boden gesetzt, so darf ich nur noch Tee eingießen und die Herren der Schöpfung fragen, wie es ihnen schmeckt. Etwas Zucker gefällig -? Etwas Sahne gefällig -?‹
Andererseits wird sie auf dem Schiff von Konstantinopel nach England vom Kapitän umschwänzelt:
Als Kapitän Bartolus Orlandos Rock sah, ließ er sogleich ein Sonnensegel für sie spannen, drängte ihr noch eine Scheibe Fleisch auf und lud sie ein, in der Pinasse mit ihm an Land zu fahren. Diese Artigkeiten hätte er ihr gewißlich nicht erwiesen, wenn ihre Röcke nicht niedergewallt wären, sondern nach Art von Kniehosen eng ihre Beine umschlossen hätten.
Angesprochen wird auch die von Marx Entfremdung genannte Auswirkung der industriellen Warenproduktion, die Orlando jedoch ins Magische holt, als sie gegen Ende des Romans das Warenhaus betritt:
Im achtzehnten Jahrhundert wußten wir bei jedem Ding genau, wie es gemacht wurde; hier aber hebe ich mich in die Luft empor; ich höre Stimmen aus Amerika herüberklingen; ich sehe Menschen fliegen - und ich komme nicht einmal dazu, auch nur darüber nachzudenken, wie es gemacht wird. So gewinne ich meinen Glauben an Magie zurück.‹
Aufgrund der vielen Beschreibungen, der massenhaften Erzählerkommentaren und der eher traumhaft als logisch gestalteten Handlungs- und Zeitsequenzen ist der Roman manchmal langatmig zu lesen. Nach dem ersten Kapitel bin ich auf eine deutsche Übersetzung gewechselt (beide Versionen sind frei auch online zugänglich).


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08.07.2024 um 19:33
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 05.07.2024:Wer der unter dem Pseudonym B. Traven schreibende Autor wirklich gewesen ist, weiß man immer noch nicht mit Sicherheit. Vermutet wird, dass es sich um den in Mexiko lebenden deutschen Maschinenschlosser und Gewerkschafter Otto Feige gehandelt haben könnte. Unabhängig davon: Dieser 1926 erschienene Roman zählt zu einem der Klassiker der Abenteuer- wie auch kapitalismuskritischen Literatur
Habe mal was von B. Traven gelesen, fand ich sehr gut.
Die mutmaßliche Biographie von Traven alias Otto Feige wirkt allerdings wie ein fantastischer Roman
Wikipedia: B. Traven
Ich glaube Traven war ein amerikanischer Schriftsteller, der ins Deutsche übersetzt wurde, weil es finden sich bei ihm viele Einflüsse von amerikanischen Schriftstellern, u.a. Jack London und Mark Twain.


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10.07.2024 um 10:59
Mats Wahl - Kill

Wahl-Kill

Schweden-Krimi für Jugendliche oder gar Kinder? Mats Wahl ist schwedischer Jugendbuchautor und Kill ist bereits etwas älter (2003). Wahl greift das Thema Mobbing mittels eines Schussattentats in einer Schule einer Kleinstadt auf, bei dem drei Kinder ums Leben kommen. Die meist neutral geschriebene Perspektive (viele Dialoge) wird durch manche Vorausdeutungen unterbrochen. Aus einem Whodunnit (Suche nach dem Täter) wird schließlich ein Howcatchem (Wie wird der Täter gefangen?). Spannung wird reingebracht, indem die Tat mit der Dienstwaffe des ermittelnden Kommissars Fors, die ihm bei einem Raubüberfall gestohlen worden ist, durchgeführt wird.

Der Schwerpunkt liegt eigentlich weniger beim Krimi-Schema, sondern bei Themen wie Mobbing, Jugendgewalt, Polizeigewalt, Fremdenfeindlichkeit, Vorurteilen, Boulevardjournalismus, Politiker:innenschelte, Reintegration von Straftätern (also klassisch "erzieherisch"), aber Wahl gelingt es dennoch aufgrund seiner neutralen, kommentarlosen Erzählweise den erhobenen Zeigefinger in der Hosentasche zu lassen.

Der Täter (ein Teenager, dessen Bruder die Pistole von Fors gestohlen hat) hat einen ihn über Jahre hinweg mobbenden Mitschüler nur schrecken wollen, aber die Polizeipistole ist für ihn zu schwierig zu betätigen gewesen, sodass er mit fünf Schüssen nicht die Uhr, auf die er gezielt hat, sondern vier Menschen getroffen hat. Aufgrund des fehlenden Tötungswillens geht das Buch wohl auch als Lektüre für Jugendliche ab 14 (Altersempfehlung des Verlags) durch. Die Realität dürfte brutaler sein. Die meisten Schulamokläufe lassen einen Tötungswillen erkennen.

Gut und spannend geschrieben, aber der Text kommt ein wenig in die Jahre.


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10.07.2024 um 16:57
Elke Naters - Königinnen

Koeniginnen

WTF did I just read? Dieser Erstlingsroman über zwei in Berlin lebende Freundinnen Anfang 30, Gloria (verheiratet, ein Kind, schwanger) und Maria (ledig, Trinkerin, einen Mann suchend), der aus München nach Berlin gezogenen Autorin Elke Naters wurde bei Erscheinen 1998 als bösartiges, aber authentisches Werk der "Popliteratur" (was immer das sein mag) abgefeiert (siehe Rezension im Deutschlandfunk).

Was bekommt man zu lesen? Abwechselnde Kurzmonologe der beiden abgetakelten "Königinnen" über Luxusmarkenhandtaschen, Luxusmarkenschuhe, Luxusmarkenkleidung (die beide sich nicht leisten können), über Bar- und Café-Besuche, Saufereien, Männerbekanntschaften und ihren Hass auf das Hässliche (was hier über "hässliche" Menschen hergezogen wird, ist schlichtweg jenseits des Akzeptablen). Nur ein Beispiel (Maria):
Kleine Frauen sollten gar nicht erst aus dem Haus gehen. Kleine Frauen sollten zu Hause bleiben. Nur zum Einkaufen soll man sie herauslassen. Und um mit ihren Kindern auf den Spielplatz zu gehen. Schließlich sollen die Kinder nicht auch noch darunter leiden müssen, dass ihre Mütter klein sind.
Das Idealbild ist eine Frau mit kurzen Haaren in einem schnittigen BMW (Gloria). Und Gloria (Sozialhilfeempfängerin) träumt von Geld:
Ich möchte so richtig viel Geld haben. So viel Geld, dass man es nie ausgeben kann.
Glorias Realität:
Ich könnte mich von Lorenz trennen, aber dann wäre ich nur unglücklich und hätte zwei Kinder am Hals und müsste den ganzen Scheiß machen, den ich sonst auch mache, nur dass ich damit alleine wäre und mir keiner helfen würde. Alleinstehend zu sein macht nur Sinn, wenn man keine Kinder hat. Mein Leben ist verpfuscht.
Der Roman endet mit einem Satz von Maria, die schließlich ihren Traummann gefunden hat (duftet wie ein Mädchen, ist jedoch unglaublich männlich):
Von Weitem hören wir das wahnsinnige Lachen von der Irren, und ich denke mir noch, dass man in dieser verrotteten Stadt wirklich nichts nötiger hat als eine Freundin wie Gloria.
Sie zieht über eine Frau in der U-Bahn her, hasst Berlin und feiert die Freundin ab, über die sie nicht nur einmal in ihren Monologen herzieht.

Falls dies ein Sittenbild von Frauen Anfang 30 in den 90er-Jahren sein soll, dann hat Naters sich mit sehr eigenartigen und - sorry - intellektuell hohlen Menschen abgegeben, die hier ihr (positives?) Vorbild darstellen. Oder hat sie einen Hass auf Berlin ausschütten wollen?

Mühsamer, oberflächlicher Text, zum Glück ziemlich kurz.


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11.07.2024 um 18:21
Friedrich Schiller - Die Jungfrau von Orleans

Schiller-Orleans

Dieses Stück Schillers aus 1801 dürfte bekannt sein. Verfasst in Blankversen ist es damals eines der am meisten aufgeführten Stücke Schillers gewesen. Dass Jeanne D'Arc am Ende in der gegen die Engländer siegreichen Schlacht fällt, entspricht nicht der Überlieferung, laut der sie in Rouen am Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Dem Zeitgeist entsprechend, ist Schillers Heldin eine Vorkämpferin der nationalen Einigung Frankreichs, die Karl VII. und die Burgunder zusammenführt und letztere aus dem Bündnis mit England reißen kann. In direkter Konfrontation mit dem Herzog von Burgund lässt Schiller sie dies sagen:
Was willst du tun, Burgund? Wer ist der Feind,
Den deine Blicke mordbegierig suchen?
Dieser edle Prinz ist Frankreichs Sohn wie du
Dieser Tapfre ist dein Waffenfreund und Landsmann,
Ich selbst bin deines Vaterlandes Tochter.
Wir alle, die du zu vertilgen strebst,
Gehören zu den Deinen - unsre Arme
Sind aufgetan dich zu empfangen, unsre Knie
Bereit dich zu verehren - unser Schwert
Hat keine Spitze gegen dich. Ehrwürdig
Ist uns das Antlitz, selbst im Feindeshelm,
Das unsers Königs teure Züge trägt.
Der Erzbischof ist nach der Vereinigung von Karl und den Burgundern im nationalen Rausch:
Ihr seid vereinigt, Fürsten! Frankreich steigt
Ein neu verjüngter Phonix aus der Asche,
Uns lächelt eine schöne Zukunft an.
Des Landes tiefe Wunden werden heilen,
Die Dörfer, die verwüsteten, die Städte
Aus ihrem Schutt sich prangender erheben,
Die Felder decken sich mit neuem Grün
Dem Waliser Montgomery hält Johanna den Angriffskrieg gegen Frankreich anklagend vor:
Wer rief euch in das fremde Land, den blühnden Fleiß
Der Felder zu verwüsten, von dem heimschen Herd
Uns zu verjagen und des Krieges Feuerbrand
Zu werfen in der Städte friedlich Heiligtum?
Ihr träumtet schon in eures Herzens eitelm Wahn,
Den freigebornen Franken in der Knechtschaft Schmach
Zu stürzen und dies große Land, gleichwie ein Boot,
An euer stolzes Meerschiff zu befestigen!
Ihr Toren! Frankreichs königliches Wappen hängt
Am Throne Gottes, eher rißt ihr einen Stern
Vom Himmelwagen, als ein Dorf aus diesem Reich,
Dem unzertrennlich ewig einigen! - Der Tag
Der Rache ist gekommen, nicht lebendig mehr
Zurückemessen werdet ihr das heilge Meer,
Das Gott zur Länderscheide zwischen euch und uns
Gesetzt, und das ihr frevelnd überschritten habt.
Nur ein englischer Offizier namens Lionel, der sie verehrt, macht sie empfänglich für menschliche Gefühle und "verwirrt" sie, sodass sie von den eigenen Reihen als vom Teufel Verführte verstoßen wird, flieht und in englische Gefangenschaft kommt. Doch dort erlangt sie ihre übernatürlichen Kräfte zurück, kann den Fesseln entspringen und führt das französische Heer zum Sieg in der letzten Schlacht, in der sie auch stirbt.

Für ein Schillerstück gibt es relativ wenig Phrasengedresche, obwohl die Worte, die er in den Worten Johannas einer Erscheinung der Mutter Gottes in den Mund legt, um Johanna zum Anführen des französischen Heeres zu motivieren, ist schon ein Hammer:
Da zürnte sie und scheltend sprach sie dieses Wort:
»Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden,
Das harte Dulden ist ihr schweres Los,
Durch strengen Dienst muß sie geläutert werden,
Die hier gedienet, ist dort oben groß.«
Letztlich ein Stück, das den Nationalismus als von Gott Gewolltes sieht (Zeitgeist der Romantik - Schiller nennt es auch eine "romantische Tragödie"). Definitiv nicht so komplex wie sein Wilhelm Tell, in dem die Frage nach der Rechtmäßigkeit eines Tyrannenmords abgehandelt wird.


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13.07.2024 um 14:49
Wow!
Das müsst ihr lesen!

Der neueste Marc- Uwe Kling ist ein Thriller... und ja, das kann er auch, sehr gut sogar.

"VIEWS"

Ich lese noch, bzw. höre, er liest (wie immer) selbst und auch das sehr gut.
Ein schockierendes Verbrechen – und alle werden es sehen

Die 16-jährige Lena Palmer verschwindet spurlos. Drei Tage später taucht sie in einem verstörend brutalen Video wieder auf, welches in atemberaubendem Tempo viral geht. BKA-Kommissarin Yasira Saad soll Lena finden und die Täter identifizieren. Ihr bleibt wenig Zeit, denn schon gibt es erste gewalttätige Demonstrationen in deutschen Städten. Eine rechtsradikale Gruppierung namens »Aktiver Heimatschutz« gewinnt rasant an Zulauf. Kann Yasira die Täter verhaften, bevor der Lynchmob zuschlägt und der Rechtsstaat zu wanken beginnt?
Quelle: https://marcuwekling.de/de/


9783550202995-661d00d12fe25Original anzeigen (0,4 MB)

Nochmal: Klare 100% Leseempfehlung!


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16.07.2024 um 10:36
Stefan Zweig - Die Welt von Gestern

Zweig-Gestern

Der aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie stammende österreichische Schriftsteller Stefan Zweig blickt als Flüchtling vor den Nationalsozialisten in Brasilien lebend 1941 auf die Welt zurück, die er (1881 in Wien geboren) durchlebt hat. Dabei steht weniger Privates als Kulturelles und schließlich Politisches im Zentrum.

Von finanziellen Sorgen befreit legte er Matura (Abitur), wobei er den Zwang der Schule hasste, wie auch eine Doktorprüfung in Philosophie ab. Bereits in der Schule jedoch lag sein Hauptinteresse an Literatur, vor allem auch modernster Literatur und begann enge Kontakte zu Literaturschaffenden zu knüpfen, was er Zeit seines Lebens ausbaute. Viel Raum nehmen seine Begegnungen und Freundschaften mit verschiedensten Schriftstellern und auch Schriftstellerinnen ein.

Zweig sieht sich als Europäer, als Weltbürger, und mehr als einmal reflektiert er darüber, dass er in der Zeit vor 1914 ohne Pass nicht nur in Europa, sondern auch nach Indien und die USA reisen konnte.
Niemand fragte mich nach meiner Nationalität, meiner Religion, meiner Herkunft, und ich war ja - phantastisch für unsere heutige Welt der Fingerabdrücke, Visen und Polizeinachweise - ohne Paß gereist.
Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben.
Schon zu Beginn stellt er klar, dass der Nationalismus eine "Erzpest" sei, welche"die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat". Das "Zeitalter der Sicherheit" seiner Elterngeneration sei verschwunden, was ihn umso mehr erschüttert, da sowohl im gesellschaftlichen Leben (die Jugend wie auch die Frauen waren viel freier) als auch bezüglich der wissenschaftlichen Entwicklung (Technik, Medizin) gewaltige Fortschritte erzielt worden seien.
Soviel Fortschritt im Sozialen, im Technischen dies Vierteljahrhundert zwischen Weltkrieg und Weltkrieg gebracht, so gibt es doch im einzelnen keine Nation in unserer kleinen Welt des Abendlandes, die nicht unermeßlich viel ihrer einstigen Lebenslust und Unbefangenheit verloren hätte.
Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs sieht er in einer imperialistischen Gier der Großmächte begründet.
Frankreich strotzte von Reichtum. Aber es wollte noch mehr, wollte noch eine Kolonie, obwohl es gar keine Menschen hatte für die alten; beinahe kam es um Marokkos willen zum Kriege. Italien wollte die Cyrenaica, Österreich annektierte Bosnien. Serbien und Bulgarien wiederum stießen gegen die Türkei vor, und Deutschland, vorläufig noch ausgeschaltet, spannte schon die Pranke zum zornigen Hieb. Überall stieg das Blut den Staaten kongestionierend zu Kopf. Aus dem fruchtbaren Willen zur inneren Konsolidierung begann sich überall zugleich, als ob es bazillische Ansteckung wäre, eine Gier nach Expansion zu entwickeln.
Den Ersten Weltkrieg selbst absolvierte Zweig als Bilbiothekar im Kriegsarchiv (in dem zeitweise auch Rilke tätig war). Eine Reise nach Galizien (Tarnow, Drohobytsch, Lemberg), um russische Propagandaplakate zu sammeln, zeigte ihm das wahre Gesicht des Kriegs:
Ich sah vor allem das furchtbare Elend der Zivilbevölkerung, über deren Augen das Grauen über das Erlebte noch wie ein Schatten lag. Ich sah das nie geahnte Elend der jüdischen Ghettobevölkerung, die zu acht, zu zwölft in ebenerdigen oder unterirdischen Zimmern wohnte. Und ich sah zum erstenmal den ›Feind‹. In Tarnow stieß ich auf den ersten Gefangenentransport russischer Soldaten. Sie saßen eingezäunt in einem großen Viereck auf der Erde, rauchten und schwätzten, von zwei oder drei Dutzend älteren, meist bärtigen Tiroler Landsturmsoldaten bewacht, die ebenso abgerissen und verwahrlost waren wie die Gefangenen ...
Das letzte Jahr des Krieges verbrachte er in der Schweiz, in das er offiziell zur Uraufführung eines seiner Theaterstücke fahren durfte. In Genf nahm er den Kontakt zu alten französischen Bekannten wie Romain Rolland wieder auf. Nach Kriegsende fuhr Zweig wieder zurück in ein verkleinertes und verarmtes Österreich, wo er sich in Salzburg eine verfallene Villa gekauft hatte (heute berühmt auch als Touristenattraktion). Er sah die Armut, das Fehlen von Nahrungsmitteln wie Heizmaterial und erlebte den "Betrug", wie Zweig es nennt, der Inflation, mit welcher der Staat seine Schulden reduzierte. Er schreibt:
Wer vierzig Jahre gespart und überdies sein Geld patriotisch in Kriegsanleihe angelegt hatte, wurde zum Bettler. Wer Schulden besaß, war ihrer ledig. Wer korrekt sich an die Lebensmittelverteilung hielt, verhungerte; nur wer sie frech überschritt, aß sich satt.
Österreich erfing sich wieder, Salzburg wurde Dank der Gründung der Festspiele durch Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal (eigentlich ein Projekt zur Unterstützung von arbeitslosen Künstlerinnen und Künstlern) zu einem Kulturzentrum, Stefan Zweigs Villa zu einem Treffpunkt der interantionalen Kunst und Kultur.

In diese Zeit des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs fielen aber auch Beobachtungen des organisierten Faschismus in Italien, Deutschland und Spanien. Es handelt sich um das Auftreten militärisch gedrillter uniformierter Banden (in Deutschland die SA). Über die Beobachtung im spanischen Vigo bei einer Reise nach Lateinamerika reflektiert er über Francos Schlägertrupps, die er sah:
Aber nach einer Viertelstunde sah ich dieselben jungen Burschen verwandelt aus dem Rathaus herauskommen. Sie trugen blitzblanke, neue Uniformen, Gewehre und Bajonette; unter der Aufsicht von Offizieren wurden sie auf ebenfalls ganz neue und blitzblanke Automobile verladen und sausten durch die Straßen aus der Stadt hinaus. Ich erschrak. Wo hatte ich das schon einmal gesehen? In Italien zuerst und dann in Deutschland! Da und dort waren plötzlich diese tadellosen neuen Uniformen dagewesen und die neuen Automobile und Maschinengewehre. Und wieder fragte ich mich: wer liefert, wer bezahlt diese neuen Uniformen, wer organisiert diese jungen blutarmen Menschen, wer treibt sie gegen die bestehende Macht, gegen das gewählte Parlament, gegen ihre eigene legale Volksvertretung?
1934 ging Stefan Zweig, der während des dreitägigen Bürgerkriegs in Wien war und nichts persönlich mitbekommen hat, nach London. Er sah, wie es jüdischen Menschen unter Hitler erging, wie dieser seine Finger nach Österreich ausstreckte und wie auch in Österreich der Nationalsozialismus heimlich wie offen Anhängerschaft gewann. Seine Vorahnungen wurden durch die Ereignisse sofort nach der Annexion 1938 bestätigt, und auch in London hatte er genaueste Informationen über die Vorgänge.
Jetzt wurde nicht mehr bloß geraubt und gestohlen, sondern jedem privaten Rachegelüst freies Spiel gelassen. Mit nackten Händen mußten Universitätsprofessoren die Straßen reiben, fromme weißbärtige Juden wurden in den Tempel geschleppt und von johlenden Burschen gezwungen, Kniebeugen zu machen und im Chor ›Heil Hitler‹ zu schreien. Man fing unschuldige Menschen auf der Straße wie Hasen zusammen und schleppte sie, die Abtritte der SA-Kasernen zu fegen; alles, was krankhaft schmutzige Haßphantasie in vielen Nächten sich orgiastisch ersonnen, tobte sich am hellen Tage aus. Daß sie in die Wohnungen einbrachen und zitternden Frauen die Ohrgehänge abrissen - dergleichen mochte sich bei Städteplünderungen vor Hunderten Jahren in mittelalterlichen Kriegen ebenfalls ereignet haben; neu aber war die schamlose Lust des öffentlichen Quälens, die seelischen Marterungen, die raffinierten Erniedrigungen. All dies ist verzeichnet nicht von einem, sondern von Tausenden, die es erlitten, und eine ruhigere, nicht wie unsere moralisch schon ermüdete Zeit wird mit Schaudern einst lesen, was in dieser Stadt der Kultur im zwanzigsten Jahrhundert ein einziger haßwütiger Mensch verbrochen. Denn das ist Hitlers diabolischster Triumph inmitten seiner militärischen und politischen Siege - diesem einen Manne ist es gelungen, durch fortwährende Ubersteigerung jeden Rechtsbegriff abzustumpfen. Vor dieser ›Neuen Ordnung‹ hatte die Ermordung eines einzigen Menschen ohne Gerichtsspruch und äußere Ursache noch eine Welt erschüttert, Folterung galt für undenkbar im zwanzigsten Jahrhundert, Expropriierungen nannte man noch klar Diebstahl und Raub. Jetzt aber, nach den immer erneut sich folgenden Bartholomäusnächten, nach den täglichen Zutodefolterungen in den Zellen der SA und hinter den Stacheldrähten, was galt da noch ein einzelnes Unrecht, was irdisches Leiden? 1938, nach Österreich, war unsere Welt schon so sehr an Inhumanität, an Rechtlosigkeit und Brutalität gewöhnt wie nie zuvor in Hunderten Jahren. Während vordem allein, was in dieser unglückseligen Stadt Wien geschehen, genügt hätte zur internationalen Ächtung, schwieg das Weltgewissen im Jahre 1938 oder murrte nur ein wenig, ehe es vergaß und verzieh.
In London erlebte er noch die Kapitulation Chamberlains. Großbritannien war im Friedenstaumel, der jedoch bald, nach der Annexion Tschechiens, in ein Gefühl umschlug, dass der Aggressor gestoppt werden müsse. Stefan Zweig verlor nach der Annexion Österreichs seine Staatsbürgerschaft und erhielt in England einen Ausweis für Staatenlose. Nach der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland nach dem Überfall auf Polen exilierte Zweig mit der Angst, nun "feindlicher Ausländer" zu sein, nach Brasilien, worüber er nicht mehr schreibt.

Ein sehr lohnendes Buch, vor allem wenn man sich für europäische Kulturgeschichte interessiert.


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17.07.2024 um 11:22
Friedrich Torberg - Der Schüler Gerber

Torberg-Gerber

1930 erschien dieser Debutroman des damals 22-jährigen Friedrich Torberg über den 19-jährigen Kurt Gerber, der sich zwischen mündlichem Abitur und Notenverkündung an der Schule im dritten Stock aus dem Fenster wirft. So richtig zugänglich ist der Roman nicht mehr.

Gerber ist ein schwacher Schüler, den die Schule nicht interessiert und der nur irgendwie durchkommen will. In sehr langen Passagen werden Ereignisse aus dem Klassenraum geschildert, von strengen und nicht strengen Lehrern und von aufmüpfigen oder unterwürfigen Schülerinnen und Schülern (es war eine gemischte Klasse). Gegenpol ist der Klassenlehrer Artur Kupfer, der privat mal eine Äußerung getätigt hat, Gerber brechen zu wollen.

Der zweite Aspekt ist die Liebe Gerbers zu einer ehemaligen Klassenkollegin Lisa, die immer halbherzig erwidert wird und den sexuellen Wunsch Gerbers ignoriert, obwohl sie mit anderen schläft.

Der Roman, der ein ernsthaftes Thema aufgreift, pendelt permanent zwischen Schülerklamauk (von 19-Jährigen!) bei "hilflosen" Lehrern und Angst bei "strengen" Lehrern. Als Beispiel eine Stunde bei dem "hilflosen" Chemielehrer Filip, bei dem sich die Klasse eher aufführt wie eine Gruppe von Hooligans:
Filip, der eines Tages das Schuljahr aus Chemie für beendet erklärte und die restlichen Stunden mit freien Debatten ausfüllen wollte. Leider ging es gerade in seinen Stunden besonders wüst zu, die Fieberhaftigkeit, die von den übrigen erzeugt wurde, kam hier zu explosiver Entladung, einzelne Bankreihen veranstalteten Sprechchorwettbewerbe, es wurde geschrien und gejohlt, und als Filip in seiner Verzweiflung zu drakonischen Maßnahmen griff (er trug ins Klassenbuch ein, prüfte, drohte mit Karzer und Durchfall) - da wurde er glatt niedergelacht. Man nahm ihn nicht ernst, man wußte, daß er in einer Konferenz niemals durchdringen könnte, es war einfach unvorstellbar, daß jemand auf seinen Antrag hin durchfiele, und die Gewißheit, daß er diesen Antrag gar nicht erst stellen würde, gab ihn dem Hohn der Klasse vollends preis. Seine Ungefährlichkeit wurde mit teuflischem Raffinement ausgenützt, und es war kläglich zu sehen, wie er gegen die losgelassene Meute weder durch Schreien noch durch Bitten oder Appelle an die »Reife« etwas ausrichten konnte.
Auch die Sexualität ist sehr klischeehaft und Handeln wie Denken Gerbers bleiben unzugänglich. Seine sexuellen Nöte (irgendwie ist er "notgeil") werden bei einer jungen Prostituierten und bei einem Fest von Freunden mit einer Unbekannten (wer diese Gruppe ist, bleibt letztlich auch unklar) befriedigt.

Verstärkt wird dieses Nicht-Umgesetzt-Werden des ernsthaften Themas durch eine oft einfache Sprache eines Erzählers, dessen Rolle auch nicht klar wird. Das Lesen ging schnell, und dass man am Ende als Leser froh ist, dass Gerber endlich springt und der Roman aus ist, war wohl kaum die Intention Torbergs.


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20.07.2024 um 21:36
Le Corbusier - Der Modulor
Im Modulor erläutert Le Corbusier seine Architekturtheorien


30730763977Original anzeigen (0,4 MB)

Der Entwurf Le Corbusiers für das UNO Hauptgebäude in New York:

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gestern um 13:40
Joseph Roth - Radetzkymarsch

Roth-Radetzkymarsch

Der aus dem ostgalizischen Brody (heute Westukraine) stammende österreichische Schriftsteller Joseph Roth hat mit dem Roman Radetzkymarsch 1932 anhand der Geschichte einer aus Slowenien stammenden Bauernfamilie namens Trotta die an den Rändern der Donaumonarchie herrschenden Bedingungen in Literatur gegossen.

Ahnenreihe der Familie, die 1916 beinahe zeitgleich mit dem österreichischen Kaiser Franz Joseph ausstarb, in fünf Generationen:

Bauer in Slowenien > Gärtner im Schloss Laxenburg > Retter des Kaisers in Solferino 1859, geadelt > Bezirkshauptmann in Mähren > Leutnant in der Habsburgarmee

Der Roman zeigt die meritokratischen Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Donaumonarchie, der Lebensretter von Franz Joseph in Solferino wird geadelt und bekommt ein Gut, sein Sohn wird Bezirkshauptmann einer mährischen Kleinstadt auf Lebenszeit, dessen Sohn wiederum kann auch ohne Begabung Leutnant in der Armee werden und wird in Galizien in der Nähe Russlands stationiert, wo er säuft, Geld verspielt und eine verheiratete Frau in Wien als Liebhaberin hat. Als seine hohen Schulden zurückgefordert werden, gelingt es seinem Vater (Sohn des Helden von Solferino) bei einer kaiserlichen Audienz, dass der Kaiserhof die Rückzahlung der Schulden regelt.

Vorgestellt wird in oft langen Beschreibungen eine Männergesellschaft, in der Frauen Mütter, Ehefrauen, Liebhaberinnen oder Prostituierte sind. Auch Kleinadelige wie Carl Joseph von Trotta als Baron (der letzte Spross) kann Ehefrauen verführen, wie er will, und die Ehemänner können praktisch nichts dagegen ausrichten, sie müssen es erdulden (in diesem Fall ein Wachmann und später ein geisteskranker Adeliger).

Roth arbeitet den Niedergang der Donaumonarchie anhand von Bildern heraus. Die Schwäche Einzelner wird zum Symbol der Schwäche der Monarchie.
Unsere Großväter haben uns nicht viel Kraft hinterlassen, wenig Kraft zum Leben, es reicht gerade noch, um unsinnig zu sterben.
Andererseits wird die alte Monarchie mit der heraufdämmernden Moderne kontrastiert:
Damals, vor dem großen Kriege, da sich die Begebenheiten zutrugen, von denen auf diesen Blättern berichtet wird, war es noch nicht gleichgültig, ob ein Mensch lebte oder starb. Wenn einer aus der Schar der Irdischen ausgelöscht wurde, trat nicht sofort ein anderer an seine Stelle, um den Toten vergessen zu machen, sondern eine Lücke blieb, wo er fehlte ... heutzutage lebt [man] von der Fähigkeit, schnell und nachdrücklich zu vergessen.
Über den aufkommenden Nationalismus und das Schicksal der Vielvölkermonarchie:
Die Zeit will uns nicht mehr! Diese Zeit will sich erst selbständige Nationalstaaten schaffen! Man glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Religion ist der Nationalismus. Die Völker gehn nicht mehr in die Kirchen. Sie gehn in nationale Vereine. ... Der deutsche Kaiser regiert, wenn Gott ihn verläßt, immer noch; eventuell von der Gnade der Nation. Der Kaiser von Österreich-Ungarn darf nicht von Gott verlassen werden. Nun aber hat ihn Gott verlassen!
Am gelungensten sind die Schilderungen der Kaserne in Brody an der Grenze zu Russland, wo man "den Untergang der Welt" sieht. Geprägt ist der Ort von Schmugglern, von desertierenden russischen Soldaten, von Bauern, von reich werdenden Händlern und Gutsbesitzern. Die Juden sind für den Kleinkram zuständig. Frauen sind im Hintergrund. Die Industrie spiegelt sich in einer gesundheitsschädlichen Borstenfabrik, und bei einem Streik wird das Militär herangezogen, um in die Streikenden zu schießen.

Im Juli 1914 demissioniert Leutnant Trotta und wird Schreiber bei einem kleinen Gutsherrn, muss aber bei Kriegsbeginn wieder in die Armee zurück. Bereits nach drei Tagen begann der Rückzug nach Westen und die Flucht der Zivilisten. Desertierende werden brutalst verurteilt.
Der Krieg der österreichischen Armee begann mit Militärgerichten. Tagelang hingen die echten und die vermeintlichen Verräter an den Bäumen auf den Kirchplätzen, zur Abschreckung der Lebendigen. Aber weit und breit waren die Lebenden geflohen. Rings um die hängenden Leichen an den Bäumen brannte es, und schon begann das Laub zu knistern, und das Feuer war stärker als der ständige, leise rieselnde, graue Landregen, der den blutigen Herbst einleitete. Die alte Rinde der uralten Bäume verkohlte langsam, und schwelende, winzige, silberne Funken krochen zwischen den Rillen empor, feurige Würmer, erfaßten die Blätter, das grüne Blatt rollte sich zusammen und wurde rot, dann schwarz, dann grau; die Stricke lösten sich, und die Leichen fielen zu Boden, die Gesichter verkohlt und die Körper noch unversehrt.
Carl Joseph stirbt, als er für die durstige Kompanie Wasser von einem Brunnen auf einem Bahndamm holen will, im Kugelhagel der russischen Armee. Sein Vater, der Bezirkshauptmann, stirbt 1916, nicht lange nach Franz Joseph.

Dieser hochkomplexe und von Kritik wie Literaturwissenschaft gefeierte Roman ist streckenweise ermüdend zu lesen, aber für an der Donaumonarchie Interessierte ein Gustostückerl. Bis 2022 wurden von einigen Reiseveranstaltern Reisen zu den Handlungsorten der Romane Roths veranstaltet. Im Augenblick sind diese wegen des Überfalls Russlands auf die Ukraine nicht möglich.

Das Sequel ist der Roman Die Kapuzinergruft, das anhand eines anderen Zweigs der Trotta Österreich von 1913 bis 1938 thematisiert.

Hier eine Postkarte aus der Goldgasse in Brody wohl zu der Monarchiezeit, die zeigt, dass es auch im Zentrum des Ortes keinerlei befestigte Straßen gegeben hat und Fußwege mit Holzplanken errichtet worden sind.

Brody
Goldgasse in Brody. Bild: Unbekannt/Brodyer Regionalmuseum/Herder-Institut


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um 13:16
Robert Musil - Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Musil-Toerless

Diese Erzählung war der Erstling des 26-jährigen Robert Musil im Jahr 1906 und mit Hilfe des Starkritikers Alfred Kerr wurde der Text ein Verkaufserfolg. Musil thematisiert anhand von etwa 17-Jährigen in einem Internat eines kk-Militärgymnasiums in Mähren (Tschechien) auch noch heute Aktuelles: toxische und gewaltbereite Männlichkeit, Homoerotik und Gender-Fluid. Musil selbst war im mährischen Weißkirchen/Hranice an einer Militär-Oberschule und beschäftigte sich zur Zeit der Niederschrift mit Philosophie und Psychologie an der Universität in Berlin.

Der aus armen Verhältnissen stammende Schüler Basini bestiehlt Kameraden, um seine Schulden begleichen zu können, die er für seinen aufwendigen Lebensstil macht. Der Freundeskreis Törleß, Beineberg und Reitling decken den Diebstahl auf, zeigen Basini jedoch nicht bei der Direktion an, sondern Beineberg und Reitling beginnen ihn als Sex- und Foltersklaven zu halten. Ort: Eine alte Dachkammer, zu der sie Schlüssel haben. Beineberg will eine indische Seelentheorie austesten, Reitling seine Gewalttätigkeit ausleben (er wird als "Tyrann" bezeichnet). Törleß als Zuseher bei vielen Folterungen will dadurch seinen Charakter stärken, auch wenn ihn die Folterungen immer mehr anekeln und er sicih homoerotisch zu dem masochistischen (?) Basini hingezogen fühlt. Als Reitling und Beineberg die ganze Klasse über die Diebstähle informieren und Basini Opfer von Massengewalt werden soll, empfiehlt Törleß Basini, sich bei der Direktion zu melden und sich selbst anzuzeigen, was dieser tut.

Beineberg und Reitling verteidigen sich, dass sie durch ihre Selbstjustiz Basini haben helfen wollen, wieder in die Gemeinschaft zurückzufinden und nicht durch ein Direktionsurteil ausgestoßen zu werden. Es wird geglaubt, die Folter wird toleriert, es gibt keine Strafen. Törleß stellt seine verwirrten Theorien, warum er zugeschaut hat vor: Er wollte herausfinden, ob es neben der rationalen Welt auch eine irrationale gäbe (wie in der Mathematik mit den irrationalen Zahlen). Der Religionslehrer ist begeistert, er sieht in Törleß einen Gott- und Seelensucher. Bestraft wird Basini, er muss die Schule verlassen, womit ihm die Möglichkeit für den Militär- oder Staatsdienst genommen wird. Törleß verlässt freiwillig die Schule (das hat auch der Direktor empfohlen) und entwickelt sich laut einem Vorgriff zu einer "ästhetisch-intellektuellen Natur von sehr feinem und empfindsamem Geiste".

Die Folterungen werden nicht im Detail geschildert, sondern eher angedeutet, der Hauptteil des Textes sind die durch einen Erzähler vermittelten Gedanken Törleß', die oft so wirr sind, dass in heutiger Zeit die Lektüre dadurch etwas erschwert wird.

Gleich zu Beginn der Erzählung wird konstatiert, dass die Gedankenwelt von Jugendlichen zwar unfertig und ohne Bedeutung ist, doch sie darauf hinzuweisen (also nicht ernst zu nehmen), wäre eine Katastrophe.
Denn diese von außen kommenden Assoziationen und erborgten Gefühle tragen die jungen Leute über den gefährlich weichen seelischen Boden dieser Jahre hinweg, wo man sich selbst etwas bedeuten muß und doch noch zu unfertig ist, um wirklich etwas zu bedeuten. Ob für später bei dem einen etwas davon zurückbleibt oder bei dem andern nichts, ist gleichgültig; dann findet sich schon jeder mit sich ab, und die Gefahr besteht nur in dem Alter des Überganges. Wenn man da solch einem jungen Menschen das Lächerliche seiner Person zur Einsicht bringen könnte, so würde der Boden unter ihm einbrechen, oder er würde wie ein erwachter Nachtwandler herabstürzen, der plötzlich nichts als Leere sieht.
Konstatiert wird auch, dass die erste Leidenschaft junger Männer nicht Liebe, sonder Hass sei:
die erste Leidenschaft des erwachsenden Menschen ist nicht Liebe zu der einen, sondern Haß gegen alle.
Törleß wird als Einzelkind charakterisiert, dessen sexuelles Erwachen sich nicht in übermütigem männlichem Gehabe äußere, aber in seinen Gedanken umso schamloser sei. Die Grundage seines voyeuristischen Ergötzens an den Folterungen Basinis ist gelegt.
Törleß beteiligte sich nicht an dieser übermü-tigen, frühreifen Männlichkeit seiner Freunde.
Der Grund hiezu lag wohl teilweise in einer gewissen Schüchternheit in geschlechtlichen Sachen, wie sie fast allen einzigen Kindern eigentümlich ist, zum größeren Teile jedoch in der ihm besonderen Art der sinnlichen Veranlagung, welche verborgener, mächtiger und dunkler gefärbt war als die seiner Freunde und sich schwerer äußerte.
Während die anderen mit den Weibern schamlos - taten, beinahe mehr um «fesch» zu sein, als aus Begierde, war die Seele des schweigsamen, kleinen Torleß aufgewühlt und von wirklicher Schamlosigkeit gepeitscht.
Die Heftigkeit der Leidenschaft von Törleß gegenüber Basini bricht an einem langen Feiertagswochenende aus, als nur wenige Schüler und Lehrer an der Anstalt sind und Basini einmal nackt zu ihm ins Bett kriecht, was der Erzähler als für damals üblich in Internaten beschreibt. Die Gefühle von Törleß:
In der Nacht hätte Törleß beinahe Basini überfallen. Solch eine mörderische Sinnlichkeit war in ihm nach der Pein des gedankenlosen, stumpfsinnigen Tages erwacht. Zum Glück erlöste ihn noch rechtzeitig der Schlaf.
Seine Gedanken jedoch zeigen, wie er sich erotisch von Basini angezogen fühlt, jedoch selbst nicht in der Lage wäre, Gewalt gegen ihn auszuüben:
Törleß befand sich in einem eigentümlichen Zustande, der ihn wach erhielt. Gestern waren es sinnliche Bilder der Einbildungskraft gewesen, in denen er gefiebert hatte. Erst ganz zum Schlusse hatten sie eine Wendung zu Basini genommen, gleichsam sich unter der unerbittlichen Hand des Schlafes, der sie verlöschte, zum letzten Male aufgebäumt, und er hatte gerade daran nur eine ganz dunkle Erinnerung. Heute aber war es von Anfang an nichts als ein triebhafter Wunsch, aufzustehen und zu Basini hinüberzugehen. Solange er das Gefühl gehabt hatte, daß Basini wache und zu ihm herüber horche, war es kaum auszuhalten gewesen; und jetzt, da dieser doch wohl schon schlief, lag erst recht ein grausamer Kitzel darin, den Schlafenden wie eine Beute zu überfallen.
Törleß spürte schon die Bewegungen des Sichaufrichtens und aus dem Bette Steigens in allen Muskeln zucken. Trotzdem vermochte er aber noch nicht, seine Reglosigkeit abzuschütteln.
«Was soll ich denn eigentlich bei ihm?» fragte er sich in seiner Angst fast laut. Und er mußte sich gestehen, daß die Grausamkeit und Sinnlichkeit in ihm gar kein rechtes Ziel hatte. Er wäre in Verlegenheit gekommen, wenn er sich wirklich auf Basini gestürzt hätte. Er wollte ihn doch nicht prügeln? Gott bewahre! Und in welcher Weise sollte sich denn seine sinnliche Erregung an ihm befriedigen? Er empfand unwillkürlich einen Abscheu, als er an die verschiedenen kleinen Knabenlaster dachte.
Basini jedoch kam zu ihm:
Als er sich umdrehte, stand Basini nackt vor ihm.
Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Der plötzliche Anblick dieses nackten, schneeweißen Körpers, hinter dem das Rot der Wände zu Blut wurde, blendete und bestürzte ihn. Basini war schön gebaut; an seinem Leibe fehlte fast jede Spur männlicher Formen, er war von einer keuschen, schlanken Magerkeit, wie der eines jungen Mädchens.
Dass Törleß seine Neigungen nicht ausleben darf, wird an seiner späteren Abwehr gegen diese eine Nacht gezeigt:
Er schämte sich jetzt überhaupt häufig. Aber nicht eigentlich deswegen, wozu er sich hatte verführen lassen, - denn dies ist in Instituten nichts so Seltenes, - als weil er sich nun tatsächlich einer Art Zärtlichkeit für Basini nicht erwehren konnte und andererseits eindringlicher denn je empfand, wie verachtet und erniedrigt dieser Mensch war.
In einem Rückblick auf die frühe Kindheit von Törleß wird gezeigt, dass er sich nicht als Bub, sondern als Mädchen gefühlt hat, eines sein wollte. Die biologischen Unterschiede kannte er noch nicht.
Als er ganz klein war, - ja, ja, da war's, - als er noch Kleidchen trug und noch nicht in die Schule ging, hatte er Zeiten, da in ihm eine ganz unaussprechliche Sehnsucht war, ein Mäderl zu sein. Und auch diese Sehnsucht saß nicht im Kopfe, - oh nein, - auch nicht im Herzen, - sie kitzelte im ganzen Körper und jagte rings unter der Haut umher. Ja es gab Augenblicke, wo er sich so lebhaft als ein kleines Mädchen fühlte, daß er glaubte, es könne gar nicht anders sein. Denn er wußte damals nichts von der Bedeutung körperlicher Unterschiede, und er verstand es nicht, warum man ihm von allen Seiten sagte, er müsse nun wohl für immer ein Knabe bleiben. Und wenn man ihn fragte, warum er denn glau-be, lieber ein Mäderl zu sein, so fühlte er, daß sich das gar nicht sagen lasse ...
Während Reitling ein sadistischer Tyrann ist, zeigt sich Beineberg als Nihilist, dem das Opfer nichts bedeutet und sein Ich alles. Er sieht in seinen Foltertaten sogar ein Opfer. Selbst die gesamte Menschheit ist ihm nichts. Im Wortlaut:
"ich kann mir nicht vorstellen, daß so ein Mensch in dem wundervollen Mechanismus der Welt irgend etwas bedeuten soll. ... Gerade daß es mir schwer fällt, Basini zu quälen, - ich meine, ihn zu demütigen, herabzudrücken, von mir zu entfernen, - ist gut. Es erfordert ein Opfer. Es wird reinigend wirken. Ich bin mir schuldig, täglich an ihm zu lernen, daß das bloße Menschsein gar nichts bedeutet, - eine bloße äffende, äußerliche Ähnlichkeit."
Beineberg lässt Basini nackt am Boden kriechen, ihn bellen wie ein Hund und grunzen wie ein Schwein. Das Opfer wird entmenschlicht. Verbrämt wird dies mit einer indischen Reinkarnationslehre. Basini über Beineberg:
"Er hält mir erst lange Reden über meine Seele. Ich habe sie beschmutzt, aber gewissermaßen nur den ersten Vorhof von ihr. Im Verhältnis zu dem Innersten sei dies etwas Nichtiges und Äußerliches. Nur müsse man es abtöten; so seien schon viele aus Sündern zu Heiligen geworden. ... er behauptet, daß möglicherweise eine meiner früheren Existenzen so [ein Hund oder ein Schwein] gewesen sei und daß man sie hervorlocken müsse, um sie unschädlich zu machen."
Ein weiterer Aspekt, der von Beineberg angeführt wird, ist der Generationenkonflikt. Eine neue Jugend. Ein Thema, das eine Generation nach Musil von Ödön von Horváth in Jugend ohne Gott mit Bezug auf die nationalsozialistische Jugend aufgegriffen wurde. Beineberg:
"Wir sind jung, eine Generation später, vielleicht sind uns Dinge vorbehalten, die sie nie in ihrem Leben geahnt haben."
Die Rekapitulation des Erzählers am Schluss lässt offen, ob er die Ansicht von Törleß oder die von Musil spiegelt. Gewalt und Folter werden als naturgegeben in Form einer Baummetapher mehr oder weniger rechtfertigt, was durch die Nicht-Bestrafung von Beineberg und Reitling unterstrichen wird.
Eine Entwicklung war abgeschlossen, die Seele hatte einen neuen Jahresring angesetzt wie ein junger Baum, - dieses noch wortlose, überwältigende Gefühl entschuldigte alles, was geschehen war.
Verfilmt wurde diese Erzählung unter anderem 1965 von Volker Schlöndorff.


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