Fiona Venn - The Oil Crisis
Fiona Venn ist Historikerin an der Universität von Essex und hat 2002 ein Buch über die Ölkrise von 1973 veröffentlicht, die sie in einen historischen Zusammenhang setzt. Dabei geht sie auch auf die Ursache der Ölkrise ein, den arabisch-israelischen Krieg von 1973.
1973 ist für Venn ein Wendepunkt der Erdölwirtschaft, indem die 1960 gegründete OPEC ab nun die Preise und die Förderquoten für Erdöl bestimmt. Zuvor waren es die großen Erdölmultis aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden (Exxon, Mobil, Chevron, Texaco, Gulf Oil, British Petroleum, Shell). Nach dem seit den 1940er und 1950er Jahren üblichen Profit-Split von 50:50 (die eine Hälfte für das konzessierte Förderunternehmen, die andere Hälfte für den Ölförderstaat) war dies ein nächster Schritt zu einem größeren Einfluss der Ölförderstaaten. 1970 war der Split in der OPEC bereits bei 70:30 für die Förderstaaten.
Obwohl die Preise für Erdöl in kurzer Zeit anstiegen, hält Venn dies nicht für den Auslöser der Stagflation in den westlichen Industriestaaten, da auch nach Sinken der Rohölpreise die Inflation hoch blieb. Ein Indiz ist, dass Deutschland und Japan trotz hoher Energiekosten in den 1970er Jahren weiterhin eine sehr hohe Exportquote für seine Fertigprodukte aufwiesen. Versorgungsprobleme gab es eher durch den Boykott der arabischen Ölfördernationen OAPEC gegen die USA und die Niederlande, da diese Israel unterstützten. Von der OAPEC als neutral eingestufte Staaten erhielten Öl je nach Förderquote (so zum Beispiel Österreich). Von der OAPEC als befreundet (arabischfreundlich) eingestufte Staaten erhielten die von ihnen gewünschten Erdölmengen. In Europa waren dies Frankreich, Spanien und Großbritannien.
Da die westlichen Industriestaaten sich auf keine einheitliche Politik einigen konnten und jeder Staat selbst seinen Öleinkauf regelte, war es für die OPEC auch ein leichtes Spiel. Hinzu kam, dass wegen der Nordseefunde Großbritannien zum erdölproduzierenden Land wurde und hohe Erdölpreise kostspielige Fördermethoden leichter finanzieren ließen. Die USA hingegen subventionierte aus Steuergeldern die Verbraucherpreise von 1973 bis 1981.
Die erdölfördernden Staaten hatten auf der anderen Seite kein großes Interesse an einem wirtschaftlichen Abstieg der Industrienationen, da sie begannen, ihren Reichtum zu diversifizieren und in den Industriestaaten zu investieren.
Katastrophal waren jedoch die Auswirkungen der Ölkrise auf die nicht erdölfördernden "Entwicklungsländer". Diese nahmen sehr hohe Kredite auf, um ihren Energiebedarf einkaufen zu können. Venn sieht darin den Beginn der Schuldenkrise der "Dritten Welt". Eine Kartellbildung wie die OPEC gelang diesen Staaten nicht, da ihre Rohstoffe zu diversifiziert waren bzw. zu Luxusgütern (Kaffee, Kakao, Edelhölzer) zählten.
Die Ursache der zweiten Ölpreisspitze nach der Revolution im Iran sieht Venn nicht in der OPEC, sondern in den Panikkäufen der Industriestaaten, die binnen kürzester Zeit ihre Lager füllen wollten. Dieser Preisanstieg war dem Angebot-Nachfrage-Spiel geschuldet.
10 Jahre nach der Ölkrise verlor die OPEC ihre Macht, da es nun mehr Player auf dem Markt gab, die ihr Öl am freien Spot-Markt anboten. 1983 bot die New York Mercantile Exchange (die New Yorker Warenbörse für Rohstoffe) Terminkontrakte auf Öl an. Mit diesen Derivaten übernahm der Markt die Gestaltung der Preise. Zusätzlich war die OPEC durch den Irak-Iran-Krieg sowie interne Konflikte geschwächt. 1993 lag der Barrel-Preis für Öl auf extrem niedrigen 14 USD, und das bei dem nach Ende von Bretton Woods (1978 formell) stark abgewertetem USD.
Es ist durchaus interessant, auf diese Krise zurückzublicken und darüber zu lesen, wie sie sich ausgewirkt hat. Auch das Scheitern von Konzepten wird genannt. Einerseits gelang die bereits damals von den Industriestaaten angestrebte Diversifizierung der Energiequellen nur kaum, auch wenn man sich von der Erdölabhängigkeit lösen wollte und die Klimaproblematik bekannt war. Erdöl blieb die Energiequelle Nummer Eins für den Verkehr, der den Welthandel und die Globalisierung vorantrieb.
Manchmal hätte das Buch etwas konziser vor allem bei der chronologischen Darstellung sein können. Es wird doch sehr hin- und hergesprungen und so manche Informationen sind mehrfach wiedergegeben. Dennoch ist es eine lohnende Lektüre.