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7.627 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

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25.01.2026 um 12:22
@clove13
Ja und habe es damit leider nicht geschafft ☹️


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25.01.2026 um 12:46
@Milanthrop
Hast du schon den ersten Band abgebrochen oder erst später in der Reihe?
Und hattest du schon vorher viel von ihm gelesen?


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25.01.2026 um 14:20
@clove13
Ich hab den ersten durch und beim zweiten ging nach 2 oder 3 Kapiteln nix mehr. Ich kanns nicht 🤷🏼‍♀️
Zitat von clove13clove13 schrieb:Und hattest du schon vorher viel von ihm gelesen?
Holy fuck ja 😅 Stephen King ist mein Gott. Ich verehre ihn seit ich ganz klein bin. Nur wegen pennywise bin ich mit ihm beleidigt. Hab den als kleines Kind gesehen, nachts heimlich, und hab seitdem große Panik vor Clowns und find auch Luftballons nicht mehr so prickelnd 😑
Tim Curry konnte ich nie mehr als Schauspieler anschauen. FSK's haben also ihre Daseinsberechtigung 😅

Ansonsten hab ich fast alles gelesen, würde sagen 90%.
Seit es die Hörbücher von David Nathan gesprochen gibt, hol ich jeden Monat bei Audible eins fürn 10er, wobei Briefe aus Jerusalem von Joachim Kerzel gesprochen hat eine geile Atmosphäre 🥰 und die Filme schau ich alles. Wüsste jetzt bis auf shining keinen den ich richtig scheiße fand. Gibt nur Filme an die ich mich nicht rantraue bzw nicht mehr. Eben ES mit Tim Curry, nie mehr gesehen. ES mit dem skarsgard Jungen zwar gesehen, aber mit Händen vor den Augen und den werde ich nie mehr gucken und nu The Long Walk. Buch vor 25 Jahren gelesen, sofort gebannt gewesen. Das hörbuch locker schon 15 mal gehört, aber vorm Film hab ich Angst. Eigentlich wollte ich ihn heute gucken, aber mir fehlt der Mut 🤷🏼‍♀️

Keine Ahnung wie viel du von SK schon gelesen hast, der Todesmarsch und Needful Things muss man gelesen haben. Das sind die zwei Bücher die wirklich die besten sind. Und falls du Needful Things mal als Hörbuch holst, wie David Nathan den Leland Gaunt spricht, ist für mich der pure Wahnsinn.


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25.01.2026 um 16:01
Thomas Glavinic - Das bin doch ich

Glavinic-Ich

2007 veröffentlichte der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic eine mehr oder weniger fiktive Autobiographie über einen eingeschränkten Zeitraum, als sein neuer Roman Die Arbeit der Nacht in den Druckfahnen war.

Wir lernen einen Schriftsteller kennen, der offen über seinen Alkoholkonsum schreibt und ihn noch nicht als Problem erkennt, und noch dazu in Geldnöten steckt, nicht zuletzt da seine Ausgaben sehr hoch sind. Glavinic wird etwa zehn Jahre später seinen Privatkonkurs einreichen müssen. Eingeflochten ist immer wieder der SMS- und Mail-Wechsel mit seinem Freund Daniel Kehlmann, der gleichzeitig durch seinen Bestseller Die Vermessung der Welt ein ansehnliches Vermögen verdient. Glavinic, der meines Erachtens nach ein hochtalentierter Schriftsteller ist, wird bis heute ein solcher Erfolg nicht beschert sein.

Neben seiner persönlichen Situation, seinen Lokalbesuchen und Partys finden sich immer wieder - meist in Dialogform - Auseinandersetzungen über auch heute noch brennende Themen: Sollen die eigenen Kinder wegen des hohen Anteils kaum deutschsprechender Kinder (in Wien derzeit etwa 40 Prozent) in Privatschulen eingeschult werden, um ihnen die Zukunftschanchen nicht zu verbauen? Wie verhält man sich einem Freund gegenüber, der aufgrund der Lage der Palästinenser Kriegsführung gegen Israel befürwortet?

Ein witzig-bedrückendes Büchlein, das es wohl nicht zuletzt wegen seiner Sprachmacht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gebracht hat.


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25.01.2026 um 21:00
Zitat von MilanthropMilanthrop schrieb:Ich hab den ersten durch und beim zweiten ging nach 2 oder 3 Kapiteln nix mehr. Ich kanns nicht 🤷🏼‍♀️
Oh no, das klingt nicht gut aber jeder ist da anders, ich hoffe einfach das beste und werde es versuchen:)
Zitat von MilanthropMilanthrop schrieb:Holy fuck ja 😅 Stephen King ist mein Gott. Ich verehre ihn seit ich ganz klein bin. Nur wegen pennywise bin ich mit ihm beleidigt. Hab den als kleines Kind gesehen, nachts heimlich, und hab seitdem große Panik vor Clowns und find auch Luftballons nicht mehr so prickelnd 😑
Tim Curry konnte ich nie mehr als Schauspieler anschauen. FSK's haben also ihre Daseinsberechtigung 😅
Man merkt, dass du ein eingefleischter Fan bist :D
Ich hab Es das erste mal mit acht gesehen und danach echt fiese Albträume gehabt. Ich kann das also ganz gut nachvollziehen. Als ich älter wurde habe ich mir die Filme( wir hatten sie auf VHS aufgenommen) jeden Tag nach der Schule in kleinen Portionen genehmigt bis ich keine Angst mehr hatte, sozusagen Konfrontationstherapie :D
Tim Curry hat es echt gut gemacht.
Bei mir gab es kein FSK ich hatte große Geschwister , die mir gerne Angst gemacht haben.
Zitat von MilanthropMilanthrop schrieb:Ansonsten hab ich fast alles gelesen, würde sagen 90%.
Seit es die Hörbücher von David Nathan gesprochen gibt, hol ich jeden Monat bei Audible eins fürn 10er, wobei Briefe aus Jerusalem von Joachim Kerzel gesprochen hat eine geile Atmosphäre 🥰 und die Filme schau ich alles. Wüsste jetzt bis auf shining keinen den ich richtig scheiße fand.
Ich liebe David Nathan und habe auf Audible Es, The Stand, Der Outsider, der Anschlag und Fairy Tale gehört. Shining hab ich angefangen aber mich schon ziemlich früh fast eingeschissen🙈 und deswegen mal den Film versucht, ging auch gar nicht. Wird auch von einem anderen Sprecher gelesen.

Es gibt noch einige Bücher die ich nicht gelesen habe, auch Needful things oder Todesmarsch waren noch nicht dabei.
Das Mädchen war das erste Buch und dann Es.
Danach The green Mile, The Stand, Friedhof der Kuscheltiere, Der Outsider, Holly und Billy Summers(fand ich super).
Ungelesen liegen noch Revival und Schwarz auf dem Nachttisch.
Es freut mich irgendwie, dass noch so viele Geschichten auf mich warten und ich kann deine Liebe zu SK sehr gut verstehen:)


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25.01.2026 um 21:21
Zitat von MilanthropMilanthrop schrieb:Wüsste jetzt bis auf shining keinen den ich richtig scheiße fand.
WTF?

Ist doch eine der besten King Verfilmungen...

Scheiße waren "Manchmal kommen sie wieder" oder "The Mangler"
Zitat von MilanthropMilanthrop schrieb:Keine Ahnung wie viel du von SK schon gelesen hast, der Todesmarsch und Needful Things muss man gelesen haben
So unterschiedlich sind die Geschmäcker... :D

Die interessieren mich beide kein bisschen.


Meine King Highlights sind: The Buick, Es, Dreamcatcher, Tommyknockers und The Regulator


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25.01.2026 um 21:29
Zitat von GrouchoGroucho schrieb:besten King Verfilmungen
Die Diskussion hatten wir beide schon, er ist und bleibt so scheiße 🤮
Zitat von GrouchoGroucho schrieb:Die interessieren mich beide kein bisschen
Weil du einfach keinen Geschmack hast ☝🏻😂
Zitat von GrouchoGroucho schrieb:The Regulator
Den hab ich doch dank dir entdeckt und war begeistert 🥰

Im Ernst, es liebt ja auch nicht jeder Spaghetti und stell dir die Welt vor wenn wir alle nur noch Spaghetti lieben würden. Wir würden vor Langeweile sterben.








Shining ist trotzdem doof 😘


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28.01.2026 um 20:40
...immer wieder ein Highlight

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31.01.2026 um 15:17
Zitat von clove13clove13 schrieb am 25.01.2026:Kennt das jemand wenn man unbedingt will, dass das Buch einem gefällt.
Das ging mir auch so, eins der wenigen Bücher von ihm, bei denen ich aufgegeben hab, weil es mich überhaupt nicht gepackt hat.
Zitat von clove13clove13 schrieb am 25.01.2026:Ich hab Es das erste mal mit acht gesehen und danach echt fiese Albträume gehabt
Dabei sind die Filme alle sehr zurückhaltend, gegenüber dem Buch. Letzteres ist für mich ein Meilenstein der US Literatur. Die Filme haben mich nie wirklich gepackt, da ist der Fokus viel zu sehr auf den Clown gerichtet, der im Buch ja nur eine von vielen Charakteren ist. Witzig im Buch fand ich den Bezug zu Shining bzw der Vorgeschichte des Kochs

@Befen
2666 ist ein Meisterwerk. Eins dieser Bücher, die lange nachhallen. Ich hatte damals vorher das Abenteuerlichr Herz von Jünger und über Mexiko gelesen und dachte, das passt. Und es war ein Hammer. Geiles Buch


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01.02.2026 um 13:58
@abberline
Zitat von abberlineabberline schrieb:Das ging mir auch so, eins der wenigen Bücher von ihm, bei denen ich aufgegeben hab, weil es mich überhaupt nicht gepackt hat.
Ach, ich glaub ich schieb es doch noch etwas auf. Eilt ja nicht:)
Zitat von abberlineabberline schrieb:Dabei sind die Filme alle sehr zurückhaltend, gegenüber dem Buch. Letzteres ist für mich ein Meilenstein der US Literatur. Die Filme haben mich nie wirklich gepackt, da ist der Fokus viel zu sehr auf den Clown gerichtet, der im Buch ja nur eine von vielen Charakteren ist. Witzig im Buch fand ich den Bezug zu Shining bzw der Vorgeschichte des Kochs
Ich weiß nicht wie abgehärtet du als achtjähriges Kind so warst aber mich haben die in dem Alter mächtig beeindruckt ;)
Klar ist das Buch besser, ich glaube da muss man gar nicht drüber diskutieren und rückblickend finde ich auch nur den ersten Teil gut, sowohl den alten Fernsehfilm als auch den Kinofilm von 2017.
Und ja, im Roman liegt der Fokus nicht nur auf dem Clown sondern allgemein auf der Präsenz des Bösen würde ich sagen.


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01.02.2026 um 18:11
Juli Zeh - Spieltrieb

Zeh-Spieltrieb

2004 hat die 30-jährige Juli Zeh dieses Romanmonster veröffentlicht, das etwas zu viel will und nicht einhalten kann, auch wenn Zeh enorm sprachmächtig schreiben kann. Grundthese ist, dass die Generation der um 1990 Geborenen eine Zwischengeneration ohne Fundamente ist, ihre Mitglieder sind "fliegende Bauten". Das liberaldemokratische Zeitalter gehe zu Ende, das neue Kommende ist noch nicht abzusehen. Um diese These auch in den Figuren zu spiegeln, sind die Hauptcharaktere entweder Jugendliche zwischen 14 und 18 oder Erwachsene Mitte/Ende 30. Die einen in der Spätpubertät bzw. frühen Adoleszenz, die anderen in ihrer Midlife-Krise. Ort der Handlung ist ein Privatgymnasium in Bonn, in dem schwierige Jugendliche aus der finanzkräftigen Mittel- und Oberschicht durch das Abitur gebracht werden sollen.

Zentrale Figur ist Aba (der Name ist von Nabokov "entlehnt"), ein zu Beginn 15-jähriges Wundermädchen: Sie ist plump gebaut, eine schnelle Dauerläuferin, hochintelligent mit Bestnoten, belesen in Weltliteratur und Philosophie, Raucherin von perfekt selbstgedrehten Zigaretten, begnadete Sängerin, eiskalt vernunftgesteuert, frei von Moral, gewalttätig (von der alten Schule ist sie geflogen, da sie einen Schulkollegen mit einem Schlagring zusammengeschlagen hat). Sie scheint nur ein Problem zu haben. Sobald sie sich einem Jungen hingezogen fühlt, wird sie ihm hörig. So bläst sie einem guten Freund aus einer Metal-Band zum sechzehnten Geburtstag einen, weil der charismatische Bandleader ihr diesen Vorschlag macht. Schräg wird es, als ein "Halbägypter" namens Alev an die Schule kommt, der spieltheoretische Thesen umsetzen will. Er bringt sie dazu, den Deutsch- und Sportlehrer und ihren Lauftrainer Smutek (ein Pole) durch freitaglichen Sex in der Turnhalle, den Alev fotografiert, zu erpressen. Die Fotos werden in einem verschlüsselten Word-Dokument am Server der Schulhomepage abgelegt. Kennwort: "Spieltrieb". Vor Gericht, als Alev und Smutek angeklagt sind, hält sie ein flammendes Plädoyer darüber, dass dieser Fall nur sie drei und nicht den Staat etwas angehe.

Dass dies nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand, und in einem Wutanfall zerschlägt Smutek Alevs Gesicht, dem wohl bleibende Schäden beigefügt werden. Vor Gericht sehen sich beide wieder. Alev wegen Erpressung, Smutek wegen eines Verhältnisses zu einer abhängigen Minderjährigen und wegen schwerer Körperverletzung. Alev erhält sechs Monate Sozialdienst, Smuteks Strafe wegen Sex mit einer Minderjährigen wird ausgesetzt, da Ada in einem flammenden Plädoyer als Zeugin aussagt, dass sie sich lieben würden, und von Körperverletzung wird er wegen Notwehr gegen systematische Terrorisierung und Erpressung freigesprochen (Bratpfannen-Notwehr in der TAZ).

Adas Mutter seht dies nüchterner: "Kriminell, ihr seid alle kriminell."

Der Schluss ist stimmig. Smutek trennt sich von seiner Frau, kündigt und beginnt mit Ada ein neues Leben ohne gesellschafliche Bindungen. Nur: Die Umsetzung ist schwer kitschig. Die beiden fahren an die kroatische Küste mit malerischen Sonnenuntergängen und einem blauen Meer.

Was passiert sonst noch? Bei einer Klassenfahrt bricht die Frau Smuteks bei einem Nachtspaziergang in einen gefrorenen Teich ein, Ada rettet sie, als sie bei ihrem Nachtlauf auf sie stößt. Der Geschichtelehrer stürzt sich vom Schuldach, nachdem seine an MS erkrankte Frau gestorben ist. Smutek ist aus Polen deportiert worden, da er mit einem Solidarnosc-Gewerkschafter verwechselt worden ist. Sein Ferienhaus in den Masuren wird von polnischen Neofaschisten niedergebrannt.




Durchzogen ist der Text von postnihilistischen Gedanken Adas, Alevs und Smuteks (auswechselbar). Hier eine kleine Auswahl.
»Feigheit, Dummheit, Eigennutz«, sagte Alev. »Die Achsen des dreidimensionalen Koordinatensystems allen Verhaltens.«
Man wollte den Selbstzweck, den Willen zur Macht. Spieltrieb.
Die Menschheit hatte sich als ein Rudel gefährlicher, aus den selbstreinigenden Gehegen von Mutter Natur entkommener Mutanten bewiesen, die sich virengleich vermehrten und im Begriff standen, noch die letzten verbliebenen Ordnungssysteme auf dem Planeten zu zerstören.
Der Sinn des Lebens ist, was übrig bleibt, wenn man alles Sinnlose weglässt.
Politisch-Sein bedeutete, dass es nichts gab, wofür das System nicht verantwortlich war.
Es gibt keinen Gott, sondern ein Bedürfnis nach Gott, was dasselbe ist. ... Die Sehnsucht nach Gott war bloß der Wunsch nach einem netten Chef. ... Das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz sei eine feststehende Größe, ähnlich dem Hunger, der täglich nach einer bestimmten Kalorienmenge verlange. Wenn dieses Bedürfnis nicht befriedigt werde, laufe die menschliche Seele bettelnd durchs Land - leichte Beute für jeden Rattenfänger.
Die Beziehung von Hunden zu Menschen spiegelt exakt das Verhältnis der Menschen zu Gott. Für einen Hund ist der Mensch die Instanz, die über Leben und Tod, Futter und Verhungern, Freude und Leid gebietet. Der Mensch straft und belohnt, er spricht eine Sprache, die außerhalb des intellektuellen Radius seiner Jünger liegt, und verständigt sich deshalb in Zeichen und Wundern. Seine Beweggründe sind dem Hund nicht einsichtig.
wenn ich groß bin, werde ich Völkermörder. Dann bin ich Naturwissenschaftler und habe trotzdem eine moralische Berufung. Ich werde mich auf ethische Säuberungen spezialisieren
Wenn man dem demokratischen Zeitalter Namen geben wolle, dann doch bitte nur einen: Epoche der Heuchelei. Vor nicht allzu langer Zeit habe das Oberhaupt eines Landes, das Rohstoffe brauchte, das Notwendige ohne viel Federlesen durchgeführt, während heutzutage eine pervertierte Moral jedem Machthaber das Aufstellen von fünfundneunzig Thesen auferlege, bevor dann doch getan werde, was man seit jeher tat. In diesem Zusammenhang erscheine Terrorismus als ein rhetorisches Problem. Jeder, der solche Legitimationsbestrebungen einen ethischen Fortschritt nenne, bereite ihm nichts als Brechreiz, und das umso mehr, seitdem der verlogenste Begriff aller Zeiten die postmoderne Realpolitik zu entschuldigen habe: Sicherheit. Denn auf einem so engen Planeten könne es Sicherheit ebenso wenig geben wie ewiges Leben, und wenn die Politik etwas anderes behaupte, lüge sie.
Wir haben das Ende der Religion überlebt, wir werden auch das Ende der Philosophie überleben. Vielleicht könnt ihr auf diese Weise verkraften, was auch immer geschieht. Merkt euch zwei Dinge. Wenn das Fernsehen euch sagt, etwas sei wichtig, will irgendjemand gerade ein Produkt verkaufen. Euch bleibt nur eins: Amor fati, die Liebe zu allem, was ist.
Aufgrund perspektivischer Verzerrung schienen das wuchtige Unglück im entfernten Madrid und die kleine, aus unmittelbarer Nähe betrachtete Katastrophe eines Lehrerselbstmords von gleicher Größe zu sein. Ihr Aufeinanderfolgen erzeugte eine Bedrohung. Sobald die Menschen etwas nicht begreifen konnten, fielen sie dem Aberglauben zum Opfer, als wären Aufklärung, Forschung und Fortschritt oberflächliches Geklimper gewesen, das nur in guten Zeiten vom tragischen Geworfensein des Menschen ablenken konnte. ... Während Madrid längst am Stammtisch prominenter medialer Ereignisse saß, hinterließ Höfis Tod eine große Abwesenheit.
Diese jungen Menschen hatten keine Wünsche, keine Überzeugungen, geschweige denn Ideale, sie strebten keinen bestimmten Beruf an, wollten weder politischen Einfluss noch eine glückliche Familie, keine Kinder, keine Haustiere und keine Heimat, und sehnten sich ebenso wenig nach Abenteuern und Revolten wie nach der Ruhe und dem Frieden des Althergebrachten. Überdies hatten sie aufgehört, Spaß als einen Wert zu betrachten. Freizeit und Nichtfreizeit waren gleichermaßen anstrengend und unterschieden sich in erster Linie durch die Frage, ob man Geld verdiente oder ausgab. Hobbys zum Totschlagen der Zeit waren überflüssig, da die Zeit auch von selbst verging. Fernsehen war langweilig, die Literaturszene tot, und im Kino liefen seit Jahren nur Varianten auf drei oder vier verschiedene Filme. Diskotheken waren etwas für Liebhaber von Dummheit und schlechter Musik, und auf Schostakowitsch konnte man nicht tanzen. Diese Jugend hatte aufgehört, sich für industriell geschneiderte Moden, Identitäten, Heldenfiguren und Feindbilder zu interessieren. Weniger als jede Generation vor ihrer bildete sie eine Generation. Sie war einfach da, die Sippschaft eines interimistischen Zeitalters.
Alle Wege führen zur Erkenntnis der Nichtigkeit aller Dinge, aber keiner führt zurück.
Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen gern grausame Dinge tun, sondern darin, dass Grausamkeit so einfach ist. Und was gut funktioniert, gilt heutzutage als gut.
Der Pragmatismus, hatte Ada einmal gesagt, ersetzt uns alles, was früher die großen Ideen, die Ideologien und Religionen, der Glaube an Friede, Menschenrechte und Demokratie zu bieten hatten. Der Pragmatismus hält uns davon ab, zu Verbrechern zu werden, oder macht uns zu solchen, wenn es nötig ist. Er legitimiert das Bestehen von Rechtssystem, Familie und Arbeit, er lässt uns nett sein und empfiehlt, sich ein angenehmes Äußeres zu erwerben.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was Herr El Qamar mit seinem Verhalten bezweckte: Er wollte beweisen, dass das Spiel die letztmögliche und deshalb letztglückliche Seinsform für unsere Gattung bereithält. Wissen Sie, was übrig bleibt, wenn man dem Menschen alle Wertvorstellungen nimmt?



Aus Adas Plädoyer vor Gericht als Zeugin an die Richterin ("kalte Sophie"):
Sie dienen der Demokratie, diesem ephebischen Wesen, das sich weigert, den frei gewordenen Thron des Höchsten einzunehmen und stattdessen wie ein Bürschchen auf den Stufen sitzt und dem Volk zulächelt: Seht her, ich bin einer von euch, seht her, ich bin ihr. L'état c'est moi. Der Demokratie dienen Sie, und damit der ideologiefreiesten Ideologie der Welt. Alt ist sie geworden, trägt Runzeln im Gesicht, hat sich längst zum Sterben hingelegt und hält das Zepter nur noch schwach in der Hand, an dessen anderem Ende die virile Wirtschaft mit aller Kraft zieht. Die Kinder der Demokratie sind groß geworden, haben selbst längst Kinder und Enkelkinder, und diese betrachten das Bild der Urmutter mit Gleichgültigkeit. Auch insoweit dienen Sie einer halb toten Göttin.
Der ideale Mensch unserer demokratischen Grundordnung ist ein geistig-sittliches Wesen und gestaltet seine Freiheiten nicht als diejenige eines isolierten und selbstherrlichen, sondern als die eines gemeinschaftsbezogenen und gemeinschaftsgebundenen Individuums
Erlauben Sie mir für einen Moment, als ein >Wir< zu sprechen, vielleicht als literarisches >Wir<, als das >Wir< eines überindividuellen Zusammenhangs, als >Wir< in der Rolle eines Prototyps. Wir schütteln wie ein Mann die Köpfe angesichts des erwähnten höchstrichterlichen Zitats, und unser massenhaftes Kopfschütteln wird eines Tages einen Sturm ergeben, der die Dächer der Häuser davonträgt. Der ideale Mensch ein geistig-sittliches Wesen? Nicht isoliert und selbstherrlich? Gebunden an und bezogen auf die Gemeinschaft? Welche Gemeinschaft, werden wir fragen, und unser Gelächter wird zum donnergrollenden Soundtrack unserer Verständnislosigkeit.
Wir sind der banalen und kleinkrämerischen Reglementierungen müde, die uns bei Strafe zwingen, ein Licht an unser Fahrrad zu schrauben, mit dem Rauchen bis zum sechzehnten Lebensjahr zu warten und unsere Autos für zwei Euro pro Stunde in ein Kästchen zu stellen, das irgendjemand fein säuberlich auf den Boden gemalt hat, während wenige Flugstunden entfernt ganze Welten verbrennen, vertrocknen, ersaufen, explodieren, verbluten. Wir passen nicht mehr zu diesem Staat, wir sind dem System vorausgeeilt, von den Gedanken und Wünschen vergangener Generationen über die Linie hinausgedrängt worden und stehen außerhalb, kopfschüttelnd, wie es alle paar Jahrzehnte einer Generation passiert. ... Was nützt es uns, dass wir in zwei oder drei Jahrzehnten Recht gehabt haben werden ... Wir müssen uns anhören, dass es böse sei, wenn eine Schülerin ihren Lehrer verführt, sittenwidrig, wenn der Lehrer mit dieser Schülerin schläft, anormal, wenn ein dritter Beteiligter das Geschehen protokolliert, entartet, wenn der Lehrer durch seine Angst vor Entdeckung zum Weitermachen angehalten wird.
Warum behandeln Sie einen Täter mit Milde, der, Ihnen zur Freude, sein Unrechtsbewusstsein beweist und behauptet, sich zu schämen und seine Tat zu bereuen? Wir alle wissen, dass allein die Angst vor Strafe dem geständigen Täter das Wasser aus den Augenwinkeln treibt. Warum belohnen Sie nicht jenen, der sich aufrichtet und sagt: Ich weiß, was ich getan habe, und ich weiß, warum!?
wie seltsam es ist, nach allen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts die Entscheidung über Recht und Unrecht ausgerechnet in die Hände von Staaten zu legen.



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07.02.2026 um 14:30
Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt

Kehlmann-Vermessung

2005 wurde diese fiktive Doppelbiographie über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß von Daniel Kehlmann zum sofortigen Bestseller. Flott und packend geschrieben, zeigt dieser Roman jedoch auch sein Manko: Er prägt die Vorstellung über zwei wirklich gelebt habende Menschen.

So wird Gauß nicht nur als brillanter Mathematiker, sondern auch als Eigenbrötler, Bordellgeher, Arroganzling, Kinderschläger präsentiert. Der weltgewandte Humboldt wird nicht nur dem Stubenhocker und Ungern-Reiser Gauß, sondern auch dem in der Society angesehenen Bruder Wilhelm (Kanzler will er werden, Minister und Universitätsgründer wird er) gegenübergestellt. Alexander Humboldt selbst wird an einer Stelle nur leicht verklausuliert unterstellt, dass er sich "Knaben" hingezogen fühle. Seine "vermutete Homosexualität" wird ja jetzt auch zum "interessanten" Forschungsgegenstand (so der Historiker Andreas W. Daum auf humboldt-foundation.de).

Vielleicht selbstironisch legt Kehlmann Gauß Bedenken zu so einem fiktionalisierenden Projekt in den Mund:
Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. Bühnenbilder etwa, die nicht verbergen wollten, daß sie aus Pappe seien, englische Gemälde, deren Hintergrund in Ölsauce verschwimme, Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde.
So werden einem die außerordentlichen Leistungen der beiden zwar unterhaltsam nähergebracht (Kehlmann kann ja schreiben), aber Vorsicht bleibt angebracht. Die beiden haben auch ganz anders denken, sprechen und handeln können.

Schublade? Postmoderne Dokufiktion.


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12.02.2026 um 03:59
The Bookseller
von Valerie Keogh

223968239

Klappentext:
A woman with a dark past...

Helen Appleby just wants a quiet life. Recently released from prison for the manslaughter of her partner, she's trying to forget her past mistakes – all of them - to rebuild her life and move on.

When she decides to open a bookshop, she’s certain this is the perfect new start. Here, amongst the quiet shelves of her shop and between the covers of her books, she can hide away from the real world and begin again. The world of books the perfect place to find happiness - even if it is all lies.

But the past can never stay hidden…

As she settles into life as an apparently timid bookseller, it seems that someone is determined to sabotage Helen's new life and ruin everything she's built.

But Helen has killed once before. And to protect her future, she could be willing to kill again...
Quelle: https://www.goodreads.com/book/show/223968239-the-bookseller

Ich fand die Inhaltsangabe etwas irreführend. Helen wird hier dargestellt wie eine psychopathische Serienkillerin. Das ist sie nicht.

Helen praktiziert S/M und schämt sich dafür. Sexualität fühlt sich für sie nur dann intensiv an, wenn sie mit Schmerz verbunden ist. Der Grund liegt in ihrer Kindheit. Ihr Vater bestrafte sie erst mit Schlägen und bat danach um Verzeihung und tröstete sie. So vermischten sich für sie früh Schmerz und Zuwendung. Diese Erfahrung prägt ihr späteres Beziehungsverhalten.

So kommt es dazu, dass
Helen eine Beziehung mit Toby beginnt, einem Mann, der Gefallen daran findet, andere zu erniedrigen – nicht nur beim Sex, sondern auch im Alltag.Toby hingegen reizt vor allem die Macht über andere. Für ihn besteht der Reiz gerade darin, dass die Erniedrigung einseitig ist, dass der andere darunter leidet und es nicht als Spiel oder gemeinsame Dynamik erlebt. Diese unterschiedliche Haltung macht ihre Beziehung zunehmend zerstörerisch. Eines Tages eskaliert die Situation und Helen ersticht Toby. Sie wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, kommt aber nach zwei Jahren auf Bewährung frei. Irgendjemand möchte aber, dass sie wieder zurück ins Gefängnis kommt.

Es löst sich dann später auf, wer das ist und warum, das fand ich zwar nachvollziehbar, aber nicht sehr originell. Das ist aber nicht das Einzige, es gibt auch noch jemanden mit einem ganz anderen, viel trivialeren Motiv.

Das Buch ist recht spannend und unterhaltsam. Helen hat einen gewissen Hang zu Gewalt und in ihrem inneren Monolog kommt schon vor, dass sie sich bestimmter Personen am liebsten entledigen würde, aber es ist nicht so, dass sie vorhat, das tatsächlich umzusetzen.

Was ich mir aber gedacht habe beim Lesen: Oje, da wird die Autorin ihre Leser:innen aus der S/M-Community aber verärgern, denn Helens S/M-Vorliebe wird sehr negativ und als sexuelle Störung beschrieben. Es wird hier die Definition von DSM-5 herangezogen. Keogh ist aber klug genug, dies eine Psychologin, die gerade ihren PhD macht, sagen zu lassen, sodass es nicht so klingt, als wäre es ihre persönliche Meinung 😉. Kluger Schachzug.
Die Befundung nach ICD-10, ICD-11 und DSM-5 unterscheidet sich in einem kleinen, aber sehr wesentlichen Detail:

Im ICD-10 werden unter der „Störung der Sexualpräverenz“ (aka Paraphilie) alle diagnostisch bzw. klinisch relevanten sexuellen Normabweichungen zusammengefasst, unabhängig davon ob mit ihnen ein Leidensdruck bzw. nachteiligen Folgen für andere Personen verbunden sind.

Im ICD-11 werden zwar paraphile Störungen nicht mehr als Teil der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen klassifiziert, sondern als eigenständige Kategorie innerhalb des Kapitels zu psychischen, Verhaltens- und neurologischen Entwicklungsstörungen gehandelt. Allerdings wird auch in der aktualisierten Fassung des ICD lediglich Bezug auf die Beschaffenheit der Erregungsmuster bezogen. Also allein die Tatsache, ob ein Erregungsmuster normkonform oder atypisch ist, lässt eine sexuelle Neigung zur paraphilen Störung werden.
[...]
DSM-5: Ein eleganter Umweg
Das äquivalente Diagnosemanual DSM-5 hat diese Problematik in der aktuellen Version elegant umgangen, indem es zwischen „Paraphilien“ und „paraphilen Störungen“ differenziert. Unter „Paraphilien“ werden hier alle sexuellen Neigungen verstanden, die sich nicht auf sexuelle Handlungen an und mit phänotypisch normalen, körperlich erwachsenen und einwilligenden Menschen beziehen. Eine Paraphilie als solche ist dementsprechend nicht automatisch behandlungsbedürftig und schon gar nicht strafrechtlich relevant. Zu einer „paraphilen Störung“ wird das Ganze dann, wenn der Betroffene einen Leidensdruck verspürt und/oder Dritte durch die sexuelle Praktik geschädigt werden.
Quelle: https://www.doccheck.com/de/detail/articles/51807-paraphilie-sex-stigma-stoerung


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13.02.2026 um 19:57
Die 25 Jahre Taschen Kunstbücher Edition ist wirklich sehr gut - sie besticht durch gute Auswahl der Bilder,
sehr gutes Layout, Bindung, Papierqualität und wirklichkeitsgetreue Druckqualität.

Besonders interessant sind Basquiat 25 Jahre Taschen und Cezanne 25 Jahre Taschen, sie sind besser als jedes andere Buch mit Basquiat
oder mit Cezanne.


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gestern um 10:47
Ingeborg Bachmann - Malina

Bachmann-Malina

1971 erschien dieser einzig vollständig erhaltene Roman Ingeborg Bachmanns und oberflächlich könnte gesagt werden, dies sei die Mutter aller Nabelschauromane, aber nur oberflächlich. Die Ich-Erzählerin lebt in Wien, liebt ihren Freund Ivan abgöttisch, scheint jedoch mit einem gewissen Malina eine Wohnung zu teilen, der sich immer mehr in das Leben der Erzählerin einmischt, die schließlich in einem Mauerriss verschwindet. Der Roman endet mit dem Satz: "Es war Mord."

Im Laufe des Romans beginnt Malina immer mehr den Lebensraum der Erzählerin zu dominieren. Er arbeitet im Heeresgeschichtlichen Museum (das Kriegsprinzip - "Es gibt nicht Krieg und Frieden. Es gibt nur den Krieg.") und denkt rational (das männliche Prinzip?). Er scheint keine real existierende Person zu sein, sondern ein Alter Ego (das männliche) der Ich-Erzählerin. Als Beispiel die Erzählerin über ihr Helfersyndrom, sämtlichen karitativen Initiativen Unmengen von Geld zu spenden.
Ich soll den Wiederaufbau einer Mädchenschule in Jerusalem finanzieren, ich soll dreißigtausend Schilling für ein Flüchtlingskomitee zahlen, als kleinen Beitrag, ich soll für die Überschwemmungskatastrophe in Norddeutschland und in Rumänien aufkommen, mich beteiligen mit einer Unterstützung für die Erdbebenopfer, ich soll eine Revolution finanzieren in Mexiko, in Berlin und in La Paz, aber heute noch braucht Martin dringend tausend Schilling, nur bis zum nächsten Ersten geborgt, und er ist verläßlich, Christine Wantschura braucht dringend Geld für die Ausstellung ihres Mannes, aber er darf es nicht wissen, sie will es von ihrer Mutter wiederbekommen, aber sie hat einen alten Streit hervorgeholt mit ihrer Mutter, gerade jetzt. Drei Studenten aus Frankfurt können ihr Wiener Hotel nicht bezahlen, es ist dringend, noch dringender braucht Lina für den Fernsehapparat die nächste Rate, Malina rückt mit dem Geld heraus und sagt ja, aber bei den ganz großen Katastrophen und Unternehmen sagt Malina nein. Malina hat keine Theorie, für ihn richtet sich alles nach der Frage ›Haben oder Nichthaben‹. Wenn es nach ihm ginge, hätten wir unser Auskommen und nie Geldsorgen, die Geldsorgen bringe ich ins Haus, mit den Bulgaren, mit den Deutschen, mit den Südamerikanern, mit den Freundinnen, mit den Freunden, mit den Bekannten, all diesen Leuten, mit der Weltlage und mit der Wetterlage.
Je länger die Erzählerin reflektiert, desto größere Abgründe tun sich auf. Ein Reibebaum sind Vater/Stiefvater, der gewalttätig ist und das Kind vergewaltigt hat. Das zweite der drei Kapitel sind Traumprotokolle, in denen wildeste Gewaltfantasien eine Albtraumserie bilden.

In einem der Träume schließt der Vater sie in einen fensterlosen Raum mit Öffnungen, durch die Gas in den Raum geleitet werden.
mein Vater geht weiter, nimmt einen Schlauch nach dem anderen ab, und eh ich schreien kann, atme ich schon das Gas ein, immer mehr Gas. Ich bin in der Gaskammer, das ist sie, die größte Gaskammer der Welt, und ich bin allein darin. Man wehrt sich nicht im Gas.
In weiteren Träumen will der Vater sie ertränken, von Hochhäusern stürzen, vergiften, als Krokodil im Donaudelta auffressen. In einer Eishalle soll sie bei Minus 50 Grad nackt erfrieren.
Wir stehen bei 50 Grad Kälte, entkleidet, vor dem Palast, müssen die befohlenen Positionen einnehmen, im Publikum seufzen manche, doch jeder denkt, daß Bardos, der unschuldig ist, mitschuldig ist, weil man anfängt, die Ströme eisigen Wassers über uns zu gießen. Ich höre mich noch wimmern und eine Verwünschung ausstoßen, das letzte, was ich wahrnehme, ist das triumphierende Lächeln meines Vaters, und sein befriedigtes Seufzen ist das letzte, was ich höre. Ich kann nicht mehr um das Leben von Bardos bitten. Ich werde zu Eis.
Beruflich ist die Erzählerin Autorin, die aber an Schreibhemmung leidet und von Ivan kritisiert wird, dass sie ständig über den Tod schreibt. Krimiautorin? Reflexion von Bachmann, die an einem Todesartenprojekt schrieb, das nur in diesem Roman einen vollständigen Text ergab? Sie lebt zurückgezogen, gesellschaftliche Treffen oder Reisen sind ihr ein Greuel.
ich bin aber seit Jahren nicht mehr fähig, oft wochenlang, bis zu meiner Wohnungstür zu gehen oder das Telefon abzunehmen oder jemand anzurufen, es ist mir nicht möglich, und ich weiß nicht, wie mir zu helfen ist, wahrscheinlich ist mir nicht mehr zu helfen.
ich weiß, daß ich wahnsinnig bin. Die Elemente der Welt sind noch da, aber in einer so schaurigen Zusammensetzung, wie sie noch nie jemand gesehen hat. Autos rollen herum, von Farben triefend, Menschen tauchen auf, grinsende Larven, und wenn sie auf mich zukommen, fallen sie um, sind Strohpuppen, gebündelte Eisendrähte, Pappfiguren, und ich gehe weiter in dieser Welt, die nicht die Welt ist
Ventil sind Tausende von Briefen, die sie schreibt, jedoch nie abschickt. Ihr Viellesen reflektiert sie folgendermaßen:
ich lese viel, ich habe immer schon viel gelesen. Nein, ich weiß nicht, ob wir einander verstehen. Ich lese am liebsten auf dem Fußboden, auch auf dem Bett, fast alles liegend, nein, es geht dabei weniger um die Bücher, es hat vor allem mit dem Lesen zu tun, mit Schwarz auf Weiß, mit den Buchstaben, den Silben, den Zeilen, diesen unmenschlichen Fixierungen, den Zeichen, diesen Festlegungen, diesem zum Ausdruck erstarrten Wahn, der aus den Menschen kommt. ... Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir
Je weiter der Text fortschreitet, desto unklarer wird, ob die Erzählerin nicht über eine Schizophrenie reflektiert. Hier ein Dialog mit Malina.
Malina: Es war zum Ersticken bei dir. Geraucht hast du auch zuviel, ich habe dich zugedeckt, die Luft wird dir guttun. Wieviel hast du von allem verstanden?
Ich: Beinahe alles. Einmal glaubte ich nichts mehr zu verstehen, meine Mutter hat mich ganz verwirrt. Warum ist mein Vater auch meine Mutter?
Malina: Warum wohl? Wenn jemand alles ist für einen anderen, dann kann er viele Personen in einer Person sein.
Ich: Willst du damit sagen, jemand war einmal alles für mich? Was für ein Irrtum! Das ist ja das Bitterste.
Malina: Ja. Aber du wirst handeln, du wirst etwas tun müssen, du wirst alle Personen in einer Person vernichten müssen.
Ich: Ich bin doch vernichtet worden.
Malina: Ja. Auch das ist richtig.
Ich: Wie leicht wird es, darüber zu reden, es wird schon viel leichter. Aber wie schwer ist es, damit zu leben.
Malina: Darüber hat man nicht zu sprechen, man lebt eben damit.
Einige Seiten später wird die Vieldeutigkeit gesteigert.
Mein Vater legt zuerst die Kleider meiner Mutter ab, er steht so weit weg, daß ich nicht weiß, welches Kostüm er darunter anhat, er wechselt in einem fort die Kostüme, er trägt den blutbefleckten weißen Schlächterschurz, vor einem Schlachthaus im Morgengrauen, er trägt den roten Henkersmantel und steigt die Stufen hinauf, er trägt Silber und Schwarz mit schwarzen Stiefeln vor einem elektrisch geladenen Stacheldraht, vor einer Verladerampe, auf einem Wachtturm, er trägt seine Kostüme zu den Reitpeitschen, zu den Gewehren, zu den Genickschußpistolen, die Kostüme werden in der untersten Nacht getragen, blutbefleckt und zum Grauen!
Und?
Mein Vater, der nicht die Stimme meines Vaters hat, fragt von weit her:
Und?
Und ich sage weithin, weil wir immer weiter auseinanderkommen und weiter auseinander und weiter:
Ich weiß, wer du bist.
Ich habe alles verstanden.

Malina hält mich, er sitzt auf dem Bettrand, und wir sprechen beide eine Weile nicht. Mein Puls geht nicht schneller, nicht langsamer, der Paroxysmus tritt nicht ein, mir ist nicht kalt, es bricht mir kein Schweiß aus, Malina hält und hält mich, wir kommen nicht voneinander los, denn seine Ruhe ist auf mich übergegangen. Dann löse ich mich von ihm, ich rücke die Kopfpolster selber zurecht, ich lege meine Hände um Malinas Hände, nur ansehen kann ich ihn nicht, ich schaue auf unsere Hände nieder, die immer fester ineinandergreifen, ich kann ihn nicht ansehen.

Ich: Es ist nicht mein Vater. Es ist mein Mörder.
Malina antwortet nicht.
Ich: Es ist mein Mörder.
Malina: Ja, das weiß ich.
Ich antworte nicht.
Malina: Warum hast du immer gesagt: mein Vater?
Ich: Habe ich das wirklich gesagt? Wie konnte ich das nur sagen? Ich habe es doch nicht sagen wollen, aber man kann doch nur erzählen, was man sieht, und ich habe dir genau erzählt, wie es mir gezeigt worden ist. Ich habe ihm auch noch sagen wollen, was ich längst begriffen habe – daß man hier eben nicht stirbt, hier wird man ermordet. Darum verstehe ich auch, warum er in mein Leben hat treten können. Einer mußte es tun. Er war es.

Malina: Du wirst also nie mehr sagen: Krieg und Frieden.
Ich: Nie mehr.
Es ist immer Krieg.
Hier ist immer Gewalt.
Hier ist immer Kampf.
Es ist der ewige Krieg.
Dass die Erzählerin ein weibliches und männliches Prinzip in sich trägt, eine gespaltene Persönlichkeit ist, wird anhand einer Astrologin dargelegt.
Frau Senta Novak, die in Schauspielerkreisen sehr gefragt ist, aber auch von Industriellen und Politikern konsultiert wird, hat einmal in Kreise und Quadrate meine Aspekte und alle möglichen Tendenzen eingezeichnet, sie zeigte mir mein Horoskop, das ihr ungemein merkwürdig erschien, ich müsse es direkt selber sehen, wie scharf es gezeichnet sei, sie sagte, eine unheimliche Spannung sei schon auf den ersten Blick daraus zu lesen, es sei eigentlich nicht das Bild von einem Menschen, sondern von zweien, die in einem äußersten Gegensatz zueinander stünden, es müsse eine dauernde Zerreißprobe für mich sein, bei diesen Aspekten, falls ich die Daten genau angegeben hätte. Ich fragte höflich: Der Zerrissene, die Zerrissene, nicht wahr? Getrennt, meinte Frau Novak, wäre das lebbar, aber so, wie es sei, kaum, auch das Männliche und das Weibliche, der Verstand und das Gefühl, die Produktivität und die Selbstzerstörung träten auf eine merkwürdige Weise hervor.
Nachdem die Erzählerin (das weibliche Prinzip?) im Mauerriss verschwunden ist, antwortet Malina am Telefon Ivan:
Wie bitte?
Nein?
Dann habe ich mich nicht richtig ausgedrückt.
Es muß ein Irrtum sein.
Die Nummer ist 72 31 44.
Ja, Ungargasse 6.
Nein, gibt es nicht.
Hier ist keine Frau.
Ich sage doch, hier war nie jemand dieses Namens.
Eine hervorgehobene Stellung im Roman nimmt das Märchen Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran ein. Diese wird von Hunnen entführt, kann jedoch mit einem Pferd fliehen, trifft auf einen alten Mann, der sie jedoch auf ihrem Irrweg zurück in die noch stadtlose Region um Wien nicht begleiten kann, in der es nur Auen und Weiden gibt.

Das Nachwort in dieser Ausgabe schreibt Elfriede Jelinek mit einem für den SPIEGEL geschriebenen Text aus dem Jahr 1983, der jedoch nie angenommen worden ist. Sie interpretiert diesen Roman auf diese Weise:
Die Rolle der Frau als biologisch minderwertiges Sein (und nichts sonst), als »Paria« (Elisabeth Lenk), ist, in ihrer ewigen Unterwerfung, genau die richtige Mischung für die faschistische Ideologie. Die Frau ist reine Natur, dem Blut und dem Boden verwandt, Ruheort für den Mann, der zu den Haltegriffen seiner ewigen Waffen eilt. Die Frau ist der Humus für die Mythenbildung. Sie wird aus der Sphäre der gesellschaftlichen Produktion verdrängt und damit aus der Geschichte, auf »Zeitlosigkeit« (Gerburg Treusch-Dieter) festgelegt, der Welt von Tier und Pflanze zugesellt, verewigt, reines Bild. ... Malina besorgt die nahtlose Einpassung dieser Ich-Erzählerin in die männlich geprägte Ordnungswelt, indem er sie vollständig verdrängt und ihren Platz einnimmt.
Sie spricht auch die Kommunikationslosigkeit zwischen Liebenden an, in diesem Fall die Telefonate zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan, deren Sätze zumeist unvollständig abbrechen. Hier ein Beispiel aus dem Roman:
Hallo. Hallo?
Ich, wer denn sonst
Ja, natürlich, verzeih
Wie es mir? Und dir?
Weiß ich nicht. Heute abend?
Ich verstehe dich so schlecht
Schlecht? Was? Du kannst also
Ich höre dich nicht gut, kannst du
Was? Ist etwas?
Nein, nichts, du kannst mich später noch
Natürlich, ich rufe dich besser später an
Ich, ich sollte zwar mit Freunden
Ja, wenn du nicht kannst, dann
Das habe ich nicht gesagt, nur wenn du nicht
Jedenfalls telefonieren wir später
Ja, aber gegen sechs Uhr, weil
Das ist aber schon zu spät für mich
Ja, für mich eigentlich auch, aber
Heute hat es vielleicht keinen Sinn
Ist jemand hereingekommen?
Nein, nur Fräulein Jellinek ist jetzt
Ach so, du bist nicht mehr allein
Aber später bitte, bitte bestimmt!
Eine schwierige, aber große Literatur.


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gestern um 11:34
Marica Bodrozic - Das Wasser unserer Träume

Bodrozic-Wasser

Mit diesem Text habe ich mir schwer getan. Ein Mann liegt ein Jahr lang (die Kapitel sind beginnend mit Winter nach den vier Jahreszeiten benannt) im Wachkoma (?) und reflektiert in einem Monolog/Bewusstseinsstrom über sich und die Außenwelt, mit der er nur mit den Ohren verbunden ist. Er fantasiert sich zusammen, wie das Krankenzimmer, in dem er liegt,, wie die Pflegerinnen und Pfleger, zu denen er Kontakt sucht, jedoch nicht aufnehmen kann, aussehen können. Wirklichkeit und Fantasie vermischen sich und man weiß nie, ob das Wahrgenommene Fantasie oder Realität ist, ob seine Ex-Frau im Zimmer ist oder nicht, ob seine Ex-Geliebte im Zimmer ist oder nicht. Langsam setzt sich seine Lebensgeschichte zusammen. Er ist bei einem Autounfall in eine Schlucht gestürzt, am Gehirn operiert worden, lebt als Flüchtling vor dem Bosnienkrieg in den USA. In Europa ist er, da er seine Eltern hat besuchen wollen. Am Ende des Textes fährt er mit einem Wheeler (einem kalifornischen Bekannten) und einem von ihm geliebten Esel aus seinen Kindheitserinnerungen in einem Lift ohne Druckknöpfe vom 13. Stockwerk des Krankenhauses in die Freiheit. Das wird wohl der Tod sein, und dass zuvor seine Körperfunktionen zurückgekehrt sind, ist wohl ein Trugspiel seines Gehirns gewesen. So vermutlich auch das Aufstehen und Stehen am Fenster zuvor.

Das in diesem Roman vermittelte Menschenbild ist extrem pessimistisch. Mehrfach wird für das Menschendasein die Metapher "Insel" verwendet. Die Hauptfigur ist eine solche. Auch aus physischen Gründen komplett von der Außenwelt abgeschottet, aber auch in seiner Biographie von seinem Umfeld gewaltsam getrennt. Die so oft angesprochene Liebe als Daseinsziel oder Daseinszweck ist in Realität nie erfüllbar gewesen und schließlich als "Zustand" bezeichnet. Alle Beziehungen haben sich aufgelöst. Neue Beziehungen lassen sich nicht knüpfen, so mäandern Denken und Gefühle zwischen den verschiedenen Pflegerinnen, die er spürt und hört. Es bleibt die Fantasie, die zum höchsten Glück führt, wenn der Tod mit den Liebsten (einem Freund und einem Esel) in eine Kindheitstraumwelt führt.

Die sprachliche Umsetzung wird erst zugänglicher, wenn im letzten Drittel die erinnerungslose Fantasiewelt des Krankenzimmers mit Erinnerungsinseln aus der Lebensvergangenheit (Unfall, Gehirnoperation, Flucht, Kalifornien, Ehe, Geliebte) zusammengeführt wird. Zuvor ist es eine Mixtur aus Beschreibung, sachlichem Bericht (an Kanzleisprache erinnernd), hochvernünftiger Reflexion und Metaphernorgie. Wobei nicht nur eine Metapher etwas eigentümlich anmutet. So diese hier, als der Ich-Erzähler über Menschen in Städten fantasiert:
Sie fahren stundenlang Fahrrad, und die Städte verbeugen sich vor ihren gereinigten Nieren.
Eine Rezension, die mehr Zugang zu diesem Text findet, kann auf literaturkritik.de nachgelesen werden.


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gestern um 12:22
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Je weiter der Text fortschreitet, desto unklarer wird, ob die Erzählerin nicht über eine Schizophrenie reflektiert.
Für mich liest sich das eher wie eine dissoziative Identitätsstörung. Das wäre kein Wunder, wenn sie als Kind tatsächlich von ihrem Stiefvater misshandelt und vergewaltigt wurde.
Extremer Stress in der Kindheit kann manche Kinder davon abhalten, ihre Erlebnisse in einer kohärenten Identität zu vereinen.
Quelle:

https://www.msdmanuals.com/de/heim/psychische-gesundheitsst%C3%B6rungen/dissoziative-st%C3%B6rungen/dissoziative-identit%C3%A4tsst%C3%B6rung


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gestern um 12:25
Zitat von violetlunavioletluna schrieb:dissoziative Identitätsstörung
Vielen Dank für diesen Hinweis. Ich bin in dieser Beziehung ein echter Laie ohne viel Wissen.


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