Anna Ivanova - Money, Property and Labor
Anna Ivanova ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Geschichte Osteuropas am
Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Uninversität Berlin. Vorgestellt wird hier ihre Doktorarbeit, die 2022 an der Harvard-Universität eingereicht wurde und
am Server dieser Universität gehostet wird.
Im Zentrum der Arbeit steht, wie zu Breschnew-Zeiten (1964-1982) in der Sowjetunion das Egalitätsprinzip Chrustschows sich in eine Richtung gewandelt hat, dass der Erwerb von Vermögen politisch akzeptabel wurde, auch wenn dieses aus zweifelhaften oder illegalen Quellen stammte. Damit sei mental die Wende Gorbatschows zu Privatunternehmen (Genossenschaftsgesetz) und die postkommunistische Zeit bereits sehr früh vorbereitet worden, was jedoch zu Irritationen geführt habe, wie Ivanova nachweisen kann.
In Frühzeiten der Sowjetunion war der Egalitätsgedanke sehr stark ausgeprägt, auch wenn die NÖP es ermöglichte, durch Verkauf von Agrarprodukten und durch Handel zu einem Vermögen zu kommen. Stalin beendete diesen Gedanken aus ideologischen Gründen, indem er zu Marx' Prinzip "Jedem nach seiner Leistung" zurückkehrte, um für die angestrebte Industrialisierung motivieren zu können. Besonders hohe Einkommen konnten Schockbrigaden, Parteifunktionäre, Wirtschaftsdirektoren, Techniker, Naturwissenschafter, Architekten und staatstreue Künstler:innen erzielen. Die höchsten Einkommen lagen um das Siebzigfache über dem durchschnittlichen sowjetischen Gehalt, hinzu kamen Priviliegien wie Einkauf in Sondergeschäften.
Diese "exzessive" Kluft begann Chrustschow in zwei Richtungen zu schließen: Erhöhung der durchschnittlichen Gehälter, Senkung der privilegierten hohen Einkommen. Eine Folge davon waren Produktivitätsprobleme, da sowieso das Grundgehalt verdient wird, und weniger Motivation, sich höher zu qualifizieren. Auch schränkte er die Möglichkeit ein, zusätzliches Einkommen zu erwerben. Die privat nutzbaren Landflächen für Bauern wurden beschränkt, Gewerbegenossenschaften von Einzelgewerbetreibenden wurden verboten, Schwarzhandel wurde radikal verfolgt (Hunderte Schwarzhändler wurden hingerichtet). Andererseits wurden zu seiner Zeit Ideen entwickelt, die noch heute modern klingen. So soll statt der Förderung des privaten Autobesitzes ein System an Taxis und Car-Sharing entstehen, das es den Sowjetbürger:innen ermöglicht, jederzeit ein Auto nutzen zu können. Realität wurde diese Idee nie, selbst dafür war die Produktionskapazität zu schwach.
Breschnew lockerte diese Einschränkungen, die Einkommensschere ging wieder auseinander, aber gleichzeitig wurde nach sowjetischem Recht illegale Wirtschaftsstätigkeit immer mehr toleriert, da diese (Handel und Pfusch) Leistungen erbrachte, zu denen der Staat nicht fähig war. Schwarzhandel und Reparaturwerkstätten wurden zu einer lukrativen Einkommensquelle und die offizielle Illegalität verschaffte lokalen Behörden einen kontinuierlichen Zufluss an Bestechungsgeldern, um Augen zudrücken zu können. Ende der 1970er Jahre war diese Form von Wirtschaftstätigkeit bereits so akzeptiert, dass Händler oder Autowerkstättenbesitzer ihren Reichtum offen zur Schau stellten (Villen, Autos). Zum ersten Mal seit den 1920er Jahren war in der Sowjetunion privilegierter Wohlstand nicht vom Staat gegeben, sondern selbst erwirtschaftet. Auch wurde kaum noch erhoben, ob persönliches Eigentum wie Häuser aus legalem oder Grauzoneneinkommen stammte. Auch der Privatverkauf von Lebensmitteln in Kolchosenmärkten zu freien Preisen wurde zu einer lohnenden Einnahmequelle. Bauern reisten auch in andere Republiken, um ihre Produkte zu verkaufen. Trotz Reisekosten war dies profitabel. 1976 wurde in einem Brief an die Prawda der Reichtum von Zwiebelhändlern in der Wolgaregion beklagt:
"Those onion entrepreneurs own luxurious houses, cars, carpets and gold. Some of them have up to 100 thousand rubles on their bank accounts.
Hinzu kam die Errichtung privater, illegaler Produktionsstätten, zum Beispiel für Kleidung. Und Menschen mit Auslandsreisemöglichkeiten etablierten einen Importschmuggel, vor allem Matrosen. Als Beispiel wird auch ein Unterhaltungsmusiker angeführt, der auf einem Urlaubsschiff spielte, das die Donau bis Wien und Passau befuhr. Dort kaufte er Kleider, Strümpfe, Kugelschreiber und verkaufte sie in der Sowjetunion gewinnbringend, sodass er in Moskau eine Drei-Zimmer-Genossenschaftswohnung erwerben konnte. Selbst als er wegen Schwarzhandels verurteilt wurde, konnte seine Frau ihn und die Wärter mit gutem Essen und extravaganter Kleidung versorgen.
Ein weiteres Beispiel sind die Untergrunddiskos in Dnieptropetrovsk Ende der 1970er Jahre, die populär waren, da westliche Musik gespielt wurde und daher hohe Eintrittspreise verlangt werden konnten. Die Gewinne strichen nicht nur Private (darunter die späteren ukrainischen Politiker:innen Petro Poroshenko und Yulia Timoshenko), sondern auch der örtliche Komsomol ein.
Die Zahlen für die Gesamtwirtschaft sprechen für sich.
1971-1986: Die Geldmenge verdreifachte sich, die Produktmenge an Konsumgütern verdoppelte sich.
1964-1975: Der durchschnittliche Staatsgehalt verdoppelte sich, das Schwarzeinkommen verzwölffachte sich.
Der privat erwirtschaftete Reichtum brachte auch Neider mit sich. So schrieb 1981 ein Architekt an die Literaturnaya Gazeta:
"Why do people who work as waiters in restaurants near Moscow own Mercedes cars, when almost nobody in the Soviet Union has one? Why do hairdressers wear extravagant sheepskin coats and manage to get tickets to the Bolshoi Theatre? Why can barmen afford vacations at Black Sea resorts?'504
Also: Barkeeper, Kellner:innen oder Friseure/Friseusen waren Gewinner der privaten Grauzone, was die alte, staatsgeförderte Elite aufbrachte, da jene nun sich ihre zugeteilten Privilegien leisten konnten, und zwar mit Geld und nicht politischer Protektion. Das Geld konnte erwirtschaftet werden, weil der Dienstleistungssektor so stark unterentwickelt war, dass Private den Preis diktieren konnten.
1987 sanktionierte Gorbatschow schließlich privates Unternehmertum in einer Diskussionsrunde mit einem beinahe skurril anmutenden Schlusssatz:
Our local authorities create hindrances to individual entrepreneurs. It is a huge mistake because these entrepreneurs are our resource! We have a lot of skilled, enterprising people. We should help them. For real! It doesn't matter how much these people will earn. We should give them a possibility to earn what they deserve. All this serves to one goal - improve our economics, combining private and public interest. This is what I call "work for socialism".
Dies war der Schlusspunkt der sowjetischen Wirtschaft, das Genossenschaftsgesetz war der erste Schritt in ein anderes Wirtschaftssystem.