Orest Subtelny - Ukraine. A History
Orest Subtelny war Historiker an der kanadischen York University in Alberta und legte in drei Auflagen zwischen 1988 und 2009 eine umfassende Geschichte der Ukraine vor, dessen dritte Auflage ich gelesen habe. Dieses Werk ist eines der strukturiertesten Geschichtsbücher, die ich kenne, und ohne zu vereinfachen, werden alle Aspekte in einer Weise präsentiert, die keinerlei Vorwissen voraussetzt. Dass er sich als Kernthemen Staatenlosigkeit und Modernisierung gewählt hat, schränkt seine umfassende Sicht auf den etwa 800 Seiten kaum bis gar nicht ein. Bedauerlich ist, dass Subtelny in hohem Alter 2015 verstorben ist, denn seine Sichtweise zu den Ereignissen ab 2014 wären hochinteressant zu lesen gewesen.
Das Werk beginnt mit den frühesten Besiedelungen vor 150.000 Jahren, stellt die Besiedelung durch den
Cro-Magnon und die
Cucuteni-Tripolje-Kultur vor, bis Letztere durch ein kriegerisches Volk aus den östlichen Steppen überwältigt und möglicherweise assimiliert wurden. Zwischen Dnepr und Don ist ab 3000 v. Chr. die
Sredni-Stog-Kultur (Seredost-Kultur) als ein Schäfervolk nachgewiesen, die etwa 1000 v. Chr. zu Nomaden wurden. Zwischen 1500 und 1000 v. Chr. brachten die
Kimmerier die Eisenzeitkultur in den Raum der Ukraine. Ab dem 7. Jahrhundert besiedelten die
Skythen die ukrainische Steppe, zwangen 513 v. Chr. den Perserkönig Darius bei seinem Invasionsversuch durch eine Strategie der verbrannten Erde zum Rückzug, erlitten 339 v. Chr. gegen Philip von Makedonien eine Niederlage, welche der Beginn des Niedergangs der Skythenkultur war. Schließlich verdrängten um 200 v. Chr. die
Sarmaten die Skythen und beherrschten die Steppe bis etwa 200 n. Chr. Einem dreifachen Ansturm (Hunnen im Osten, Goten im Norden und Römer im Westen) konnten sie Sarmaten nichts mehr entgegensetzen. Die Sarmaten sind bekannt dafür, dass Frauen in Waffen bestattet wurden (es gibt den Mythos, dass sie Abkömmlinge der Skythen und Amazonen seien) und dass sie Handel mit Waren aus China und dem Iran getrieben haben. Entlang der Schwarzmeerküste gründeten die
Griechen ab dem 7. Jh. v. Chr. Kolonien.
Nördlich der ukrainischen Steppe siedelten slawische Stämme, die Landwirtschaft betrieben und ab dem 6. Jh. v. Chr. stieg die historische Bedeutung dieser das bewaldete Flachland besiedelnden Menschen. Sie siedelten in kleinen Dörfern, hatten befestigte Stützpunkte (Grady), jedoch keine Zentralmacht, sondern Stammesführer (Kniazi). Land und Vieh waren Gemeineigentum. In Bedrängnis gerieten sie ab dem 8. Jahrhundert n. Chr., als arabische Händler nicht nur Güter wie Honig, Wachs und Felle verlangten, sondern auch Menschen, die als Sklav:innen verschleppt wurden.
Im Anschluss werden ausführlich Sagen, Mythen sowie die kontroverse wissenschaftliche Diskussion zur Entstehung der Kiewer Rus dargeboten. Überliefert ist, dass der Waräger
Oleh (Helgi) 862 den Kiewer Rus gründete, und Oleh soll ihn "die Mutter aller Rus" genannt haben. Ein netter Seitenhieb ist die Feststellung, dass der angeblich mächtige Rurik in keinen zeitgenössischen Quellen erwähnt ist und einige Historiker seine Existenz überhaupt anzweifeln. Im Anschluss werden die ersten Kiewer Herrscher:innen des 10. Jahrhunderts und ihre Kämpfe und Annäherungen mit/an Byzanz und den/die Khasaren präsentiert:
Oleh,
Ihor,
Olha (sie konvertierte privat zum Christentum),
Swiatoslaw (er einte die Ostslawen und besiegte die Khasaren, brachte damit jedoch den Kiewer Rus in direkten Kontakt mit den Petschenegen, die ihn schließlich bei einem Überfall auch töteten). Nach dessen Tod und einem Machtkampf gelangte 980
Volodymyr der Große an die Macht, eroberte die heutige Westukraine und knüpfte Westkontakte mit den Polen, Ungarn und Tschechen. Das Christentum nahm er an, um die Schwester des Byzantinischen Kaisers, Anne, die als Dank für seine Unterstützung bei der Unterwerfung eines Aufstands ihm versprochen war. Berühmt ist die Massentaufe am Potschaina im Jahr 988. Sein Nachfolger
Jaroslaw der Weise dehnte seinen Machtbereich bis ins baltische Gebiet aus und war mit einer schwedischen Prinzessin verheiratet. Seine Schwestern, Söhne und Töchter verheiratete er mit unzähligen europäischen Fürstenhäusern. Klöster wurden Bildungseinrichtungen, das Recht wurde kodifiziert, Blutrache wurde verboten und durch Strafzahlungen ersetzt. Nicht glücklich war das Rotationssystem, um Verwandte in einem Turnus zu Regionalherrschern in verschiedenen Gebieten zu machen. Die Kämpfe um die Herrschaft in Kiew waren blutigst. Erst 1113 war mit
Volodymyr Monomakh wieder eine Zentralherrschaft gegeben. In seinem Gesetzeswerk verbat er die Unterdrückung der Armen. Monomakh war der letzte Kiewer Fürst, nach seinem Tod 1125 zersplitterte die Rus in rivalisierende Provinzen. Die Zeit ab 1125 war nicht nur von Fragmentierung, sondern auch von wirtschaftlichem Niedergang geprägt. Italien übernahm die Handelswege in den Nahen Osten durch seine Flotte, mit dem Abstieg des Abbasiden-Reichs und der Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer fielen zwei wichtige Handelspartner weg. 1240 fiel Kiew an die Mongolen, die Rus wurde tributpflichtig. Auch litt die Rus unter Einfällen von Nomaden aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meers.
Das erste abfallende Gebiet war Galizien (eines der reichsten Gebiete der Rus) und im Jahr 1199 vereinten sich
Galizien und
Wolhynien zu einem gemeinsamen Fürstentum. Der bedeutendste Fürst im 13. Jahrhundert war der etwa 60 Jahre herrschende Danylo, der Deutsche, Armenier und Juden ins Land brachte, um es wirtschaftlich zu entwickeln. Mit Polen und Ungarn wurden freundschaftliche Beziehungen aufgenommen. Bis ins 14. Jahrhundert verdankte dieses Gebiet seinen Bemühungen eine stabile Entwicklung. 1340 wurde der letzte Fürst bei einem Konflikt mit Bojaren vergiftet. Galizien-Wolhynien wird seine Unabhängigkeit verlieren und an
Litauen bzw.
Polen fallen, die sich schließlich 1569 zu einem gemeinsamen Reich, der Rzeczpospolita (Subtelny nennt es nicht Republik, sondern Commonwealth) vereinen. Subtelny stellt diesen Werdegang sehr ausführlich vor und resümiert, dass Ukrainer sich fremden Herrschern und fremden Völkern mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten unterwerfen mussten. Die lokalen Eliten verloren ihre Machtstellungen an eine Zentralgewalt, die je nach Herrscher sanfter oder härter (bis hin zu terroristischen Maßnahmen) regierten. Dies führte mittelfristig dazu, dass sich die ukrainische Elite assimilierte und sich mit der polnischen Kultur identifizierten. Anfang des 16. Jahrhunderts verloren die Bauern ihr Land an den Adel, ab 1505 durften sie das Land ihres Herrn nicht mehr ohne Genehmigung verlassen. Sie wurden zu Leibeigenen.
Nördlich und östlich der Ukraine stieg innerhalb der Goldenen Horde
Moskau zu einem Machtfaktor auf und annektierte im 15. Jahrhundert unter anderem Rostow am Don sowie Nowgorod. Und nach Ende der Oberherrschaft der Mongolen 1480 erklärte Iwan, er sei der Herrscher über alle Rus und beanspruchte alle Gebiete, die jemals Teil der Kiewer Rus waren.
Im Dnepr-Becken begann im 16. Jahrhundert der Machtaufstieg der
Kosaken, der Wehrbauern ab 1240 zur Abwehr von Tatarenüberfällen. Zentrum war die Saporoger Sitsch. Diplomatische Beziehungen wurden nach Wien (mit einem Repräsentanten in der Sitsch) und zum Vatikan geknüpft. Von den etwa 50.000 Kosaken waren 3.000 beim polnischen König registriert. Außerhalb der Sitsch gab es noch Kosakeneinheiten in Grenzorten. Die Kosaken änderten ihre Rolle im 17. Jahrhundert, indem sie muslimische bzw. osmanische Stellungen angriffen. 1616 gelang es bei einer Attacke auf Kaffa, dem Skalvenhandelszentrum auf der Krim, tausende Versklavte zu befreien. Auf der anderen Seite "vermieteten" sich die Kosaken auch für Kriegsdienste, vor allem an Polen, das für ihre Verdienste die Zahl der registrierten Kosaken immer wieder erhöhte (bis zu 8.000).
Als 1648 der Führer eines Bauernaufstands gegen die polnische Oberherrschaft und die Leibeigenschaft in die Sitsch floh, verbündeten sich Kosaken und Tataren gegen Polen. Der Feldzug war ein blutiges Massaker. Ein Augenzeugenbericht ist überliefert (Szlachta ist der polnische Adel):
Wherever they found the szlachta, royal officials or Jews, they killed them all, sparing neither women nor children. They pillaged the estates of the Jews and nobles, burned [Catholic] churches and killed their priests, leaving nothing whole. It was a rare individual in those days who had not soaked his hands in blood and participated in the pillage.
Innerhalb einiger Monate waren alle Polen in der Ukraine ermordet oder vertrieben, zehntausende Juden, die oft als Verwalter für polnische Landherrn arbeiteten und gleichsam zum Gegner wurden, abgeschlachtet. Die von Polen aufgestellte Armee, um die Kosaken zu stoppen, verfiel ebenso in einen Blutrausch. Der 1649 geschlossene Vertrag war für die Kosaken günstig. Die registrierten Kosaken wurden auf 40.000 angehoben und im Raum Kiew durften sich keine polnischen Adeligen ansiedeln. Juden wurden generell von einer Ansiedlung ausgeschlossen.
Der Hetman (Anführer) der Kosaken, Bohdan Chmelnyzkyj, wollte für das Kosakengebiet eine politische Führung, einen Schutzherrn. Es kamen nur der osmanische Sultan bzw. der Moskauer Zar in Frage (er selbst sah sich nicht als Kandidat, ich schätze wegen seiner kleinadeligen Herkunft). Die Entscheidung fiel auf den Moskauer Zar, dem im Vertrag von Perejaslaw 1654 Treue geschworen wird. Aber nur einseitig, der Zar bekundet keine Schutzpflicht. Schon zwei Jahre danach waren die Kosaken angebissen, da der Zar mit den Polen Frieden schloss. 1660 zerfiel das Kosakengebiet: Links des Dneprs unter russische Oberherrschaft, rechts des Dnepr unter polnische. 1686 wurde schließlich die Ukraine unter Russland, Polen und dem Osmanischen Reich aufgeteilt. Den Weg dorthin beschreibt Subtelny akribisch. Als während des Nordischen Kriegs Zar Peter Unterstützung für die Kosaken verweigerte, lief der Hetman Iwan Mazepa zu den Schweden über. In der kosakischen Hauptsadt Baturyn wurden als Rache etwa 6000 Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet. Die Sitsch wurde zerstört und die Schweden verloren schließlich 1709 bei Poltawa. Die weitere Geschichte des Hetmanats wird ausführlich geschildert, auch wie sie immer mehr unter russische Kontrolle kam, bis schließlich Katharina II. 1764 jegliche Autonomie abschaffte. Die ukrainischen Bauern wurden auch in Russland Leibeigene, die ukrainische russifiziert. 1772 bis 1795 wurde Polen dreimal geteilt. Die ukrainischen Gebiete fielen zu 80 Prozent an Russland, Galizien und die Bukowina an Österreich. Wirtschaftlich blieb die Ukraine in dieser Zeit bäuerlich geprägt mit Subsistenzwirtschaft. Technologisch blieb man bei der Dreifelderwirtschaft und wendete nicht die produktivere Fruchtwechselwirtschaft an. Die Obligationen für Fronarbeit wurden auch in russischen Gebieten immer mehr. Der Landadel spezialisierte sich in Pferdezucht. Der Handel war von lokalen Märkten geprägt, der größere Handel wurde von russischen Händlern übernommen.
Nach der Zerstörung des Hetmanats und des Krim-Khanats begannen russische Adelige das Land der Steppe und der Krim sich anzueignen. An der Schwarzmeerküste wurden Städte gegründet, welche den Getreideexport ermöglichten.
Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg war im
russisch beherrschten Teil von Unterdrückung geprägt. Die Provinzen wurden von Statthaltern beherrscht, die vom Zar eingesetzt waren. Jegliche ukrainische Eigenständigkeit wurde im Keim erstickt. Der auf ukrainisch schreibende Dichter Taras Sewtschenko wurde wegen seiner Gedichte nach Sibirien verbannt. Nach der Niederlage im Krimkrieg beendete der neue Zar Alexander II. 1861 die Leibeigenschaft. Ab 1864 durften Gemeinden ihre Vertreter auf regionaler und Provizebene wählen und auch Steuern einheben. Auch wurde das Justizwesen unabhängig und öffentlich. Ab etwa 1870 wurde die heutige Ostukraine industrialisiert (Kohle und Eisen), das Kapital stammte hauptsächlich aus Frankreich und Belgien. Das Verhältnis war kolonialistisch: Russland bekam billig Rohmaterial, lieferte aber minimal Gebrauchsgüter zurück. Auch die ethnische Zusammensetzung änderte sich mit der Ansiedlung russischer Experten und auch russischer Arbeiter. Auch die Russifizierung verschärfte sich, so verbat Alexander II. in seinem Emser Ukas 1873 ukrainischsprachige Bücher und die Verwendung der ukrainischen Sprache in Theatern. Der Widerstand radikalisierte sich, einer der radikalen Ideengeber war Bakunin. Alexander II. wurde 1881 ermordet, etliche Regierungsbeamte wurden unter anderem in Kiew ermordet, wo die Narodniki (Volksfreunde) besonders aktiv waren. 1900 formierte sich die erste ukrainische Partei in Russland, die Revolutionäre Ukrainische Partei (RUP), die sich zu einer marxistischen sozialdemokratischen Partei entwickelte. 1904 wurde die Ukrainische Demokratische Partei, die für eine Verfassung, ein föderalistisches Russland, Sozialreformen und umfassenden nationalen Rechten für Ukrainer eintrat, gegründet.
Im
österreichischen Teil waren die Reformen Maria Theresias bzw. Josephs II. abgeschlossen, das Klima offener, die Bevölkerung multiethnisch, wirtschaftlich waren Galizien und die Bukowina jedoch sehr unterentwickelt. Ukrainische Kultur wurde gefördert. In Wien wurde ein griechisch-orthodoxes Seminar eingerichtet, das noch heute existierende Barbareum, an der Universität Lwiw (Lemberg) wurde die Ruthenische Fakultät eingerichtet, ukrainischsprachige Schulen wurden errichtet. Der konservative Franz I. nahm einige Reformen zurück und führte die Leibeigenschaft wieder ein. Die (griechisch-orthodoxen) Eliten waren keine Hilfe bei einem wie immer gearteten Widerstand, sie hegten und pflegten einen Ruthenismus (rutenstvo), blickten verächtlich auf ukrainischsprachige Bauern herab und konversierten untereinander auf Polnisch. Die Bauernbefreiung von 1848 war ein doppelschneidiges Schwert: Das Land, das sie bekamen, mussten sie über Jahre hinweg abbezahlen, was oft wirtschaftlich sehr schwierig war. Politisch war mehr Mitbestimmung möglich. Es wurde ein Oberster Ruthenischer Rat gebildet und ein Viertel der galizischen Abgeordneten im österreichischen Parlament waren Ukrainer.
Nach 1867, dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn, garantierte Österreich zur Ruhigstellung der polnischen Elite die Verwaltungsführung in
Galizien. Der Statthalter Galiziens war bis 1916 ausschließlich ein Pole, österreichische Beamte wurden durch polnische ersetzt, Polnisch wurde Amts- und Schulsprache. Als Gegenreaktion sammelten sich sogenannte Narodovtsi (Ukrainische Populisten), die im Gegensatz zu den Russophilen sich der ukrainischen Sprache zuwendeten und nicht nur eine Autonomie im Habsburgreich, sondern einen ukrainischen Nationalstaat zum Ziel hatten. Bedeutend war der in Lwiw (Lemberg) gegründete Kulturverein Prosvita, der zu einer sozialen Organisation sich entwickelte mit Gründung von Konsumgenossenschaften, Lagerhäusern und Kreditvereinen (mit günstigen Krediten setzten sie den Wuchergeldverleihern ein Ende). Zur Jahrhundertwende wurden erste Parteien gegründet. Die Nationaldemokratische Partei mit dem Ziel einer Unabhängigkeit war die größte. Weiters bildeten sich eine Sozialdemokratische Partei, eine Katholisch-Ruthenische Allianz sowie eine Russischnationale Partei. Letztere war gewaltbereit, und deren Schlägerbanden setzte die Nationaldemokratische Partei ihre eigenen entgegen. Im Gegensatz zu Galizien war in der
Bukowina ein Ausgleich zwischen den Nationalitäten gegeben, die auch alle parlamentarische Vertreter hatten. In der
Karpatoukraine jedoch begann Ungarn mit einer radikalen Magyarisierung (Ungarisierung). Alle 479 ukrainischsprachige Schulen wurden geschlossen oder umgewidmet, Parteigründungen waren nicht möglich.
In beiden Teilen waren jedoch die wirtschaftlichen Bedingungen so drückend, dass eine Emigrationswelle einsetzte. In Russland zogen um die Wende zum 20. Jahrhundert etwa 2 Mio Ukrainer in den fernen Osten Russlands und Ukrainer aus Galizien emigrierten nach Kanada und machten die Prärie urbar.
Im
Ersten Weltkrieg mussten Ukrainer gegeneinander kämpfen. Auf Seiten Russlands waren 3,5 Mio Ukrainer eingezogen, auf Seiten Österreichs 250.000. In Österreich wurden bekennende Russophile und später auch Ukrainophile inhaftiert, auch hingerichtet. In Thalerhof bei Graz wurden 30.000 Ukrainer in einem Lager unter horrenden Bedingungen gefangegehalten. Tausende starben an Krankheiten. Das österreichische Parlament erreichte 1917, dass dieses Lager aufgelöst wurde. In Galizien brach im Juli 1917 Chaos aus, als die russische Armee zerfiel und marodierenden Horden an Bewaffneten heimgesucht wurde.
In den russischen Teilen der Ukraine ergab sich mit der russischen
Februarrevolution 1917 eine völlig neue Situation. Bereits am 17. März wurde von den ukrainischen Parteien die Zentralna Rada (der Zentrale Rat) gebildet. Am 19. April wählten 900 Delegierte beim All-Ukrainischen Nationalkongress 150 Abgeordnete in die Zentralna Rada. In den Folgemonaten schlossen sich Abgeordnete des Militärs, der Bauern und der Arbeiter an. Die Zentralna Rada wählte ein Generalsekretariat, das Exekutivfunktionen, also Regierungsfunktionen einnahm. Insgesamt gab es 822 Sitze. Die ethnische Verteilung war: drei Viertel der Abgeordneten waren Ukrainer, ein Viertel Russen, Polen, Juden und weitere Ethnien. Subtelny beklagt, dass über den politischen Fragen einer Staatsstruktur praktische wie Rechtswesen, funktionierende Infrastruktur und Verkehr sowie Landreform vernachlässigt wurden. Dies kam den Bolschewiken zu Gute, deren Slogan Lenins "Friede, Brot und Land" wie auch sein postuliertes Recht auf Selbständigkeit auf fruchtbaren Boden fiel. Innerhalb von Monaten stieg die Mitgliedschaft auf 350.000. Im August schlossen sich die Bolschewiken der Zentralna Rada an. Nach der
Oktoberrevolution in Petrograd stellte sich die Zentralna Rada hinter die etwa 6000 bewaffneten Bolschewiken in Kiew und die russische Armee wurde vertrieben. Im Süden der Ukraine schlossen sich kosakische Einheiten antibolschewistischen Armeen an. Aus Russland begann die Invasion der Roten Armee. Nach dem
Frieden von Brest-Litowsk lösten deutsche Truppen die Zentralna Rada am 29. April 1918 auf.
Die reale Macht in der Ukraine hatte ab dem Zeitpunkt die deutsche Armee. Die formale Macht hielt Hetman Pawlo Skoropadskyj, dessen Regierung durchaus beachtliche infrastrukturelle Verbesserungen erzielt habe. Nicht angegangen wurde eine Landreform. Doch nach der Kapitulation Deutschlands orientierte er sich antibolschewistisch, die Opposition bildete eine Aufstandsregierung, das Direktorium der Ukrainischen Volksrepublik. Am 14. Dezember 1918 räumte die deutsche Armee Kiew, Skoropadskyj floh mit ihnen und ging schließlich nach Deutschland ins Exil, die Ukrainische Volksrepublik wurde wiederhergestellt.
1919 war vor allem für die Bauern (Requirierungshorror) und Juden (als Sündenbock für eh alles wurden bis zu 50.000 jüdische Menschen Opfer bei Pogromen) ein katastrophales Jahr. Sechs Armeen kämpften gegeneinander: die ukrainische, die bolschewistische, die Weiße (Denikins Armee löste sich im Oktober aufgrund mangelnder Versorgung und Epidemien auf), Truppen der Entente (darunter 60.000 französische Soldaten an der Schwarzmeerküste), die polnische und Anarchisten. Hinzu kamen rivalisierende Kosakentruppen. In Kiew wechselten fünfmal die Machthaber, nachdem das Direktorium Anfang Februar nach Winnyzja ging. Am erfolgreichsten war die Rote Armee, die bereits im Juni große Teile der Ukraine besetzte, jedoch auf massiven Widerstand seitens der Landbevölkerung stieß, welche sich gegen die terroristischen Requirierungsmethoden wehrte. Die Rote Armee musste sich schließlich zurückziehen. In
Lwiw übernahm im Oktober nach dem Polnisch-ukrainischen Krieg die ukrainische Armee die Macht, die massiven Widerstand der Polen traf (deren Herrschaft in Galizien wurde von der Entente anerkannt) und sich auf einen Häuserkampf einließ. Am 1. November wurde die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen, die acht Monate existierte. Die
Bukowina wurde großteils von Rumänien erobert, die
Karapatoukraine blieb unter ungarischer Herrschaft.
Bolschewistische Machtergreifung: Im Dezember 1919 unternahm die Rote Armee erneut einen Invasionsversuch mit bis zu 50.000 Soldaten, darunter Elitetruppen der Tscheka und ehemalige zaristische Offiziere. Die Widerstandsarmee von etwa 40.000 Kämpfern konnte bis 1921 niedergerungen werden. Bauern und auch Arbeiter verlegten sich auf passiven Widerstand, verweigerten Abgaben und legten die Arbeit nieder. Hinzu kam eine Dürre, was 1921/22 zu einer Hungerkatastrophe führte. Anders als Anfang der 1930er Jahre Stalin erlaubte Lenin westliche Hilfsorganisationen ins Land. Dennoch verhungerten Hunderttausende in der Ukraine und in Südrussland.
Die
Neue Ökonomische Politik stabilisierte in den 1920er Jahren die Wirtschaft. Schwerindustrie, Banken, Transport, Außenhandel blieben zwar Staatsmonopole, aber die landwirtschaftlichen Erträge wurden nicht requiriert, sondern besteuert, die Bauern hatten Möglichkeit, Überschüsse privat zu verkaufen und privates Händlertum war erlaubt. Ende des Jahrzehnts wurde wirtschaftlich das Vorkriegsniveau erreicht oder übertroffen.
Mit der
Bildung der Sowjetunion Ende 1922 bekam die Ukraine zwar das theoretische Recht zur Sezession, realiter war die Macht jedoch in Moskau. Daran sollte sich abgesehen von Graduierungen der kolonialen Abhängigkeit bis in die 1980er Jahre nichts mehr ändern. Wofür die Bolschewiken sorgten, war eine massive Bildungskampagne, um die Bevölkerung zu alphabetisieren, auch in der ukrainischen Sprache (vor allem bis zur vollen Macht Stalins ab 1929). Beinahe alle Kinder wurden auf Ukrainisch geschult.
Die
Industrialisierung der Ukraine in den
1930er Jahren wurde vor allem in den traditionellen Industriegebieten im Osten vorangetrieben. Der Westen blieb bis auf Lwiw weiterhin stark landwirtschaftlich geprägt. Nach der Weigerung von Bauern 1928 wegen der niedrigen Preise Getreide an den Staat zu verkaufen, startete 1929 Stalins massive Kampagne zur
Kollektivierung der Landwirtschaft. Hunderttausende "Kulaken" (also Bauern mit ein paar Stück Vieh) wurden nach Asien verfrachtet, viele kamen dabei ums Leben. Die Zahl der gleich vor der Haustür Erschossenen war nicht unbeträchtlich. Der Widerstand in den Dörfern war ebenso radikal. Bis 1932 wurde etwa die Hälfte des Viehbestands geschlachtet, damit sie nicht in Kollektive überführt werden, Staatsbeamte, welche die Kollektivierung vollziehen sollten, wurden erschlagen oder gar erschossen. Aber bis Mitte 1930 hatten sich über drei Millionen Bauernhaushalte dem Kollektivierungsschicksal ergeben. Trotz einer kurzen Atempause waren 1932 etwa 70 Prozent der Bauernhaushalte kollektiviert.
Die Kollektivierung brachte auch strukturell Probleme mit sich. Das für große landwirtschaftliche Einheiten notwendige technische Gerät fehlte oder war unbrauchbar. Traktoren wurden nicht geliefert oder funktionierten nicht. 1931 konnte ein Drittel der Ernte nicht eingebracht werden. 1932 konnte nur auf vier Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche ausgesät werden. Verschärft wurde die Lage durch eine Dürre 1931. Da damit weder die Abgabeforderungen noch die notwendigen Selbstbehalte abgedeckt werden, plädierte die ukrainische Kommunistische Partei in Moskau, die Abgabequoten zu senken. Stalin gewährte eine minimale Senkung. Die Ernte 1932 blieb um 12 Prozent unter dem Durchschnitt, Stalin entschied, die Abgabequoten um 44 Prozent anzuheben. In einer Rede vom 11. Januar 1933 adressiert Stalin die Funktionäre, die für die Getreidebeschaffung zuständig sind, Folgendes:
Lasst euch nicht durch die Sorge um Fonds und Reserven aller Art ablenken, lasst euch nicht von der Hauptaufgabe abbringen, entfaltet die Getreidebeschaffung schon von den ersten Erntetagen an und forciert sie, denn das erste Gebot ist die Erfüllung des
Plans der Getreidebeschaffung
Quelle: Stalin Werke, Band 13, Dietz Verlag Berlin 1955, S. 130Damit nahm die Hungerkatastrophe ihren Lauf. Anders als 1921 wurden auch keine internationalen Hilfslieferungen erlaubt. Millionen Menschen starben in der Ukraine, in Kasachstan und zum Teil in Russland. Als 1937 bei der Volkszählung das demographische Ausmaß der Katastrophe ersichtlich wurde, ließ Stalin federführende Statistiker erschießen.
Hinzu kamen Säuberungen in der ukrainischen Partei, von 240 ukrainischen Autoren verschwanden 200, 62 von 85 ukrainischen Sprachwissenschaftern wurden erschossen, ebenso mehrere hundert Kobzari (traditionelle, oft blinde ukrainische Wandersänger). 1937 wurde die Führungsebene des Ukrainischen Sowjet und der Ukrainischen Kommunistischen Partei liquidiert. 37 Prozent der Mitglieder der Ukrainischen Kommunistischen Partei wurden bis 1937 "gesäubert". Allein in einem Massengrab bei Winnyzja wurden 1937/38 über 10.000 vom NKWD (Innenministerium mir Geheimdienst) Erschossene verscharrt. 1937 war die Ukraine gänzlich unter Moskauer Kontrolle und russifiziert. Ukrainische Schulbücher wurden durch Einheitsbücher ersetzt.
Auch das
polnische Galizien radikalisierte sich in den 1930er Jahren. Im Sommer 1930 wurden von nationalistischen ukrainischen Jugendlichen polnische Güter niedergebrannt. Die 1929 gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) verübte Attentate auf hochrangige polnische Politiker und Beamte. Die polnische Regierung schränkte daraufhin die politische Freiheit der Ukrainer ein und politisch ist ebenso eine Drift in Richtung ultrarechts gegeben. Die 1925 gegründete moderate Ukrainische Nationaldemokratische Allianz (UNDO) war von der Gewaltbereitschaft der OUN angewidert und begann Kompromisse auszuhandeln. 1935 wurde "Normalisation" vereinbart: Die Ukrainer anerkennen die polnische Oberhoheit in Galizien und im Gegenzug wird der UNDO wieder der Zugang zum Parlament gewährt. Dennoch wird die Politik der Polonisierung konsequent weitergeführt. Ukrainische Genossenschaften werden polnischen angeschlossen, es gibt weiterhin kein ukrainischsprachiges Bildungswesen. Dies wiederum förderte eine Stärkung protofaschistischer Bewegungen, die einen integrale Nationalismus unter Führung einer einzigen Nationalpartei und eines Führers sowie der Hintanstellung individueller Interessen befürworteten. Bewaffneter Zweig dieser Richtung war die 1920 in Prag gegründete Ukrainische Militärische Organisation (UVO), die sich 1929 in Wien zur Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) erweiterte. Die OUN erklärte alle Ukrainer, die den bewaffneten Kampf gegen Polen nicht unterstützten, zu Verrätern, die der Gefahr der Liquidierung ausgesetzt sind.
Die etwa 500.000 Ukrainer der
rumänischen Bukowina waren weiterhin jeglicher autonomer Rechte beschnitten. Rumänien sah sie als Rumänen, welche "ihre Sprache vergessen haben". Besser erging es den Ukrainern der
Karpatoukraine unter Tschechoslowakischer Herrschaft. Diese Angliederung erfolgte freiwillig. Die Tschechoslowakei steckte mehr infrastrukturelle Förderungen in das Gebiet, als es wirtschaftlich herausholen konnte (die Karpatoukraine war Nettoempfänger), das Bildungswesen war unter anderem ukrainisch. Nach dem forcierten Zusammenbruch der Tschechoslowakei wurde am 14. März 1939 nach einer Entscheidung Hitlers die Karpatoukraine unter ungarische Herrschaft gestellt, wo sofort eine radikale Magyarisierung durchgezogen wurde. Die etwa 100.000 jüdischen Menschen wurden praktisch zur Gänze im Holocaust ermordet.
Im September 1939 besetzte die Sowjetunion in vertraglicher Absprache mit Deutschland Galizien und Wolhynien, im Juni 1940 trat Rumänien die Bukowina und Bessarabien an die Sowjetunion ab. Für diese rückständigen Gebiete verbesserte sich dadurch zwar das Gesundheitswesen, auch ukrainischsprachige Schulen wurden eingerichtet, andererseits wurden die autonomen Genossenschaften demontiert, die politische Elite, Geschäftsleute, Offiziere, Priester und weitere "Volksfeinde" (rund 400.000 Ukrainer, insgesamt 1,5 Millionen, mehrheitlich Polen) wurden in Arbeitslager deportiert. Über 20.000 Ukrainer flohen. Die polnischen Gutsbesitzer wurden enteignet, gleichzeitig wurde der Druck auf Bauern erhöht, Kollektiven beizutreten. Etwa eine halbe Million Ukrainer lebte unter deutscher Besatzung. In Krakau wurde das Ukrainische Zentralkomitee unter deutscher Oberaufsicht eingerichtet.
Nach der Ermordung ihres Führers Konowalez 1938 spaltete die OUN sich in zwei Flügel: OUN-M und OUN-B. Andrij Melnyk (OUN-M) trat für ein Bündnis mit Hitlerdeutschland ein, Stepan Bandera (OUN-B) sah die Unabhängigkeit der Ukraine als oberstes Ziel und war bereit, auch gegen deutsche Besatzer zu kämpfen.
Der Überfall Deutschlands am 22. Juni 1941 war für die Ukraine eine Katastrophe. Die Deutschen massakrierten massenhaft Gefangene, vermeintliche Bolschwiken und Juden, die Sowjets zerstörten verbleibende Wirtschafts- und Infrastruktur. Alle sowjetische Gefängnisinsassen mit einer Strafe ab drei Jahren wurden erschossen. Am 30. Juni 1941 rief die OUN-B in Lwiw einen unabhängigen ukrainischen Staat aus. Binnen Tagen waren Stepan Bandera und weitere führende OUN-B-Funktionäre von der Gestapo verhaftet. Die Nationalsozialisten folgten nicht Alfred Rosenbergs Idee einer verbündeten eigenständigen Ukraine, sondern wollten das Land für sich zur Ausbeutung. Ukrainische Nationalisten waren dabei im Weg. Im September 1941 verhaftete und erschoss die SS alle Mitglieder der OUN-B, derer sie habhaft werden konnte, im November erging es den in Kiew weilenden Mitgliedern der OUN-M nicht besser. Die überlebenden radikalen Nationalisten gingen in den Untergrund. Die Ukraine wurde dem Reichskommissar Erich Koch unterstellt. Juden wurden ghettoisiert bzw. in Lager gesteckt, Einsatzgruppen erschossen etwa 850.000 von ihnen. Von den sowjetischen Gefangenen starb über eine Million allein auf dem Gebiet der Ukraine. Wirtschaftlich blieben die Kolchosen aufrecht, die Bauernbefreiung erfüllte sich nicht. Mehr als zwei Millionen Ukrainer:innen wurden als Ostarbeiter in deutsches Herrschaftsgebiet verfrachtet, die Städte wurden unterversorgt, da Koch sie als nicht relevant betrachtete. In Galizien blieb noch die ukrainische Vertretung aufrecht, auch ein Basisbildungwesen inklusive Berufsschulen blieb eingerichtet. Der östlichste Teil der Ukraine blieb unter Verwaltung der Wehrmacht, was für die Bewohner zumindest weniger Polizeiterror bedeutete. Kollaboration war im gesamten Besatzungsgebiet zum Teil überlebenswichtig, etwa 13.000 Ukrainer schlossen sich 1943 als Freiwillige der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS an.
Bewaffneter Widerstand wurde in der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) organisiert, die vor allem in den schwer zugänglichen Gebieten Wolhyniens operierte. Sie versuchte OUN-B und OUN-M zu vereinen. 1944 ging aus ihr der politische Flügel des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats (UHVR) hervor, der die rassistische Exklusivität eines integralen Nationalismus zurückwies. Problematisch war, dass die UPA in Wolhynien auch gegen Polen kämpfte, wobei etwa 80.000 polnische Kinder, Frauen und Männer massakriert wurden. Die Retalation der Polnischen Befreiungsarmee war nicht weniger brutal. In den 1990er Jahren, als sich Polen und die Ukraine annäherten, bekannten sich beide Staaten zu ihren Massakern und brachten ihr Bedauern zum Ausdruck, was die Beziehungen erleichterte. Neben diesen Organisationen waren auch sowjetische Partisanen auf ukrainischem Boden aktiv, mehrheitlich bestanden sie aus ethnischen Russen. Am 6. November 1943 nahm die Rote Armee Kiew ein, im Oktober 1944 war das gesamte ukrainische Gebiet in sowjetischer Hand. Wie 1941 die Sowjets verfolgte die deutsche Wehrmacht beim Rückzug eine Politik der verbrannten Erde. Die UPA führte den Kampf gegen die Sowjets weiter und hoffte auf eine Unterstützung der Westalliierten, was sich als illusorisch herausstellte.
Die Kriegsfolgen für die Ukraine waren verheerende:
- Ein Sechstel der Bevölkerung kam ums Leben (5,3 Millionen)
- Von 2,7 Millionen jüdischen Menschen überlebten 800.000
- 700 Städte und 28.000 Dörfer waren teilweise oder ganz zerstört
- 10 Millionen Menschen ware obdachlos
- 16.000 Fabriken und Gewerbebetriebe bzw. 28.000 Kolchosen waren zerstört
- 40 Prozent der Wirtschaftskraft waren zerstört
Durch die Eroberung der Westukraine durch die Rote Armee und die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz, Stalin die Gebiete des Hitler-Stalin-Pakts zuzuschreiben, war die Ukraine zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder ein einheitliches Gebiet, das als Republik Teil der Sowjetunion war, jedoch in der UNO einen Sitz erhielt. Im Zuge dieser Gebietsveränderungen wurden etwa eine Million Polen aus der Westukraine nach Polen umgesiedelt und etwa eine halbe Million Ukrainer aus Polen in die Sowjetunion. Die Tschechoslowakei übergab die Karpatoukraine der Sowjetunion, Rumänien die Nordbukowina.
In den ersten 15 Jahren nach Ende des Kriegs stand der Wiederaufbau im Zentrum, und der Anteil der russischen Bevölkerung erhöhte sich von 4 Millionen auf 7 Millionen, angesiedelt wurden sie vor allem in den Industriegebieten des Ostens. 1953 war Russisch die Verwaltungssprache bzw. die Sprache der höheren Bildung in der gesamten Ukraine. Mittelpunkt des wirtschaftlichen Aufbaus war die Schwerindustrie, die bereits 1950 die Vorkriegsproduktion von 1940 übertraf. Die Getreideproduktion lag 1950 jedoch erst bei 60 %. 1946 führte zusätzlich eine Dürre zu einer weiteren Hungerkatastrophe mit etwa einer Million Toten. Weiterhin wurden Konsumgüter vernachlässigt, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, aber auch Basislebensmittel wie Brot waren Mangelware. Die Kommunistische Partei war weiterhin bei Arbeitern oder Bauern kein Anziehungspunkt, während zum Beispiel jeder fünfte Arzt Parteimitglied war (Intellektualisierung der Partei). Gegen die UPA in Wolhynien wurde mit polnischer und tschechoslowakischer Unterstützung ein erbarmungsloser Krieg geführt, die UPA selbst löste sich schließlich 1948 mehr oder weniger auf, als ihr klar wurde, dass es zu keinem Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion kommen würde. Auch wurde die Versorgung der UPA durch die Kolchosen erschwert. Formal wurden UPA und OUN Mitte 1950 aufgelöst.
Unter Chrustschow und Breschnew (beide hatten ihre politischen Wurzeln in der Ukraine) war ein politischer Aufstieg ukrainischer Kommunisten in der KPdSU gefördert. Bedingung: Sie sprachen Russisch. Die Partei- und Republiksführer der Ukraine hatten bis 1989 zum Ziel, dass die Ukraine in etwa den Wert an Gütern von der Union erhielt, den sie der Union exportierten. Die meisten Pläne gewährten dies nicht. In der Regel lag der Input 10 Prozent unter dem Output in die Union. Zivilen Dissens gab es vor allem nach den Helsinki-Akkorden, aber zu Beginn der 1980er Jahre wurden praktisch alle Helsinki-Aktivisten für Menschenrechte inhaftiert. Wirtschaftlich war zwar ein Aufschwung gegeben, aber die Kaufkraft im Vergleich zu den USA nach aufgewendeten Arbeitsstunden lag bei 1:3. Abgesehen davon waren die sowjetischen Produkte qualitativ mangelhaft, die Dienstleistungen "schäbig" ("shoddy" schreibt Subtelny) und die Wohnverhältnisse extrem beengt.
Nach dem Wirtschaftsniedergang während der Gorbatschow-Ära und der Unabhängigkeit der Ukraine am 24. August 1991 mit Bestätigung in einem Referendum begann eine neue und schwierige Ära. Mit Russland wurde unter Vermittlung der USA ausgehandelt, dass die ukrainischen Atomwaffen vernichtet werden und die Schwarzmeerflotte in Sewastopol bis 2017 unter russischer Federführung bleibt. Strukturell stellte sich die Frage, ob die Ukraine föderal oder zentralistisch organisiert wird (Verfassung von 1996). Letzteres setzte sich durch. Damit waren aber regionale Konflikte (Osten gegen Westen) und Konflikte um die Machtstärke von Präsident, Regierungschef bzw. Parlament vorgezeichnet. In den 1990er Jahren desintegrierte die Wirtschaft, die sehr stark von anderen Sowjetrepubliken abhängig war, Wirtschaftsleiter der Partei brachten günstigst Staatsbetriebe in ihr Eigentum (neue Oligarchie), Menschen wurden en masse arbeitslos und verarmten, das Land wurde von Hyperinflation geplagt, womit alle Sparer ihr meist kleines Vermögen bzw. ihre Pensionsvorsorge verloren. Die Einführung des Hrywna als Währung 1996 brachte Stabilisierung. Neue Märkte konnten wegen mangelnder Qualität kaum erschlossen werden, für Investoren war die Ukraine nicht attraktiv. Eine wirtschaftliche Erholung begann zur Jahrtausendwende. Hinzu kam, in welche Richtung sich das Land außenpolitisch orientieren sollen. Die östlichen Industriegebiete bevorzugten Russland, da sie dorthin ihre Wirtschaftsverbindungen hatten, der Westen der Ukraine bevorzugte die Europäische Union. Eine Annäherung an die NATO wurde 2008 schließlich von Deutschland und Frankreich vereitelt. Überlagert wurde dies auch noch von einem Sprachenstreit. Die Umgangssprache der Hälfte der Bevölkerung war Russisch, alleinige Amtssprache Ukrainisch. Ein Konfliktpotenzial, das bis zum heutigen Tag ideologisch gemolken wird. Auch von Russland.
Ausführlich und detailliert beschreibt Subtelny die Gründe, wie es zur Orangen Revolution 2004 kam und welche Player (eigentlich eh alles Oligarchen) im Spiel waren. Dass Juschtschenkos Präsidentschaft enttäuschend war, ist bekannt, auch dass er Janukowitsch wieder ins Spiel brachte. Beklagt wird, dass in der zweiten Hälfte der Nullerjahre deswegen die Abneigung der Bevölkerung gegenüber Politik und Politiker:innen sehr groß war.
Das Fazit der Jahre von 1991 bis 2008 für Subtelny ist, dass sich die Ukraine als unabhängiger Staat etablieren konnte und international anerkannt wird. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme sind nun eigene Probleme und nicht von außen aufgedrückt, daher müssen auch eigene Wege zur Lösung gefunden werden.
Weitere Kapitel behandeln die vier Emigrationswellen seit dem 19. Jahrhundert bzw. die demographische und poltische Problematik der Krim, die ohne Bewertung präsentiert wird.