Literatur
Menschen Wissenschaft Politik Mystery Kriminalfälle Spiritualität Verschwörungen Technologie Ufologie Natur Umfragen Unterhaltung
weitere Rubriken
PhilosophieTräumeOrteEsoterikLiteraturAstronomieHelpdeskGruppenGamingFilmeMusikClashVerbesserungenAllmysteryEnglish
Diskussions-Übersichten
BesuchtTeilgenommenAlleNeueGeschlossenLesenswertSchlüsselwörter
Schiebe oft benutzte Tabs in die Navigationsleiste (zurücksetzen).

Welches Buch lest ihr gerade?

7.798 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Welches Buch lest ihr gerade?

08.08.2026 um 12:26
Stanislawski - Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle


9783861501824-de

Stanislawski war mal ein bekannter Schauspiellehrer und hatte später großen Einfluss auf die Hollywoodschauspielkunst.
In dem Buch beschreibt er seine Erfahrungen und die Schlüsse die er daraus gezogen hat. Für Stanislawski spielt das Unter- und Überbewsstsein eine große Rolle.
Das Buch ist auch sprachlich sehr gut.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

09.08.2026 um 08:22
Alina Vituchnowskaja: Schwarze Ikone

Eine nihilistische und provokante Abrechnung mit der Post-sowjetischen Gesellschaft. Punkrock, Industrial Culture, Apocalyose Now, Selbstinszenierung, ein Schlag in die Fresse des Mainstream Geschmacks, L'art pour l'Art, Futurismus,Gabriele D'Annunzio, Van der Graaf Generator, Wiener Aktionismus, Post sowjetisches Chaos, Gothic, Julia Kristeva, Nietzsche, Laibach, Regimekritikerin, Verhaftungen, Überfälle durch Unbekannt, Drahdiwaberl, Dostojewski, Sex Pistols, Current 93, Revolte gegen die moderne Welt, Post-Punk, Throbbing Gristle, russischer Knast, Psychiatrie, Bukowski, David Peace, SPK - und verdammt nötig


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

10.08.2026 um 20:33
Wu Ming - Die Armee der Schlafwandler

Schlafwandler

Wu Ming ist ein italienisches Autorenkollektiv, das sich auf historische Romane spezialisiert hat, wobei in zusammenhängenden Episoden ein Panoptikum der Lebensumstände der "einfachen" Leute entsteht. In diesem Roman steht der Zeitraum der Jakobinerherrschaft im Zentrum. Zentralfiguren sind ein italienischer Schauspieler (Scaramouche), verschiedene Frauen, ein magnetisierender Arzt, Konterrevolutionäre und der angeblich ausgetauschte Sohn Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes. Historische Dokumente sind eingeflochten.

Eine durchgehende Handlung ist kaum auszumachen, Figuren werden aufgegriffen, treten in den Hintergrund, tauchen wieder auf und verschwinden. In vielen Episoden spielt Gewalt eine zentrale Rolle, vor allem bei Scaramouche aus Bologna, der einen italienischen und einen französischen Namen trägt: Leonida Modonnesi bzw. Leo Modonnét und den es wirklich gegeben hat - im Anhang sind die Personen vorgestellt und die Quellen genannt, aus denen Wu Ming geschöpft hat. Er steht für ein Volk, das sich gegen Hunger und Unterdrückung wehrt. Versorgungslage und Preise spielen eine zentrale Rolle für den "normalen" Menschen. Dies befeuert auch den Widerstand und den Kampfesmut der weiblichen Protagonistinnen. Betrogen werden sie jedoch alle, der Hunger verschwindet auch unter der Jakobinerherrschaft nicht. Und nach deren gewaltsamem Ende schlägt eine "Armee der Schlafwandler" zurück, eine Armee aus reichen Dandys, der Jeunesse Doré, der Goldjugend. Sie tritt auf wie eine faschistische Schlägerbande:
Hetzjagd auf Menschen, hundert gegen einen, Frauen und Alte verprügeln, Bettler totschlagen, Feuer legen in den letzten noch geöffneten Jakobinerclubs
Nur der wieder aufgetauchte Scaramouche stellt sich ihnen entgegen.

Der im Temple festgehaltene und von dort befreite Ludwig XVII. wird auch nicht an die Macht kommen. Wie alle Figuren verschwindet er langsam aus der Geschichte, wie sich auch die realen Personen in den Überlieferungen nach dem Thermidor (der Entmachtung der Jakobiner) während der Direktoriumszeit sich verlieren. In ersten Aktionen begegnen wir kurz angerissen einem jungen Korsen, Napoleon Bonaparte.

Manche Abschnitte sind faszinierend geschrieben, doch wegen der vielen Geschichten, bei denen sich nur langsam erschließt, was die thematische Klammer ist, kann der Text durchaus langatmig sein. Vor allem weil man nicht mehr weiß, ob eine Figur nicht schon vorher mal aufgetaucht ist. Ergo: Das Vergessen ist doch ein Manko des Zugangs zu diesem 2014 entstandenen und 2020 ins Deutsche übersetzten, fast 700 Seiten langen Text.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

21.08.2026 um 23:06
Zitat von MomjulMomjul schrieb am 09.06.2026:Ich lese derzeit Einführungen ins Mittelägyptische bzw. die Hieroglyphenschrift.
Dazu passt ganz gut:
Echnaton - Sonnenhymnen
Ägyptisch (Hieroglyphen)/Deutsch

In Ägypten war Gott mit der Sonne identisch, entsprechend wurde die Sonne angepriesen

csm 9783150184929 cb69c1a7b7
Alle Blumen leben,
und das, was auf dem Erdboden wächst,
gedeiht bei deinem Aufgang...



1x zitiertmelden

Welches Buch lest ihr gerade?

23.08.2026 um 11:31
Das Buch von Ernst Müller 'Der Sohar' ist angekommen. Nach den ersten Seiten: Die Grammatik der Sätze ist gerade so an der Grenze für mich, ‐also, solche Sätze im Zusammenhang zu verstehen. Teils schon überfordert und das ist erst die Einleitung...
Manchmal denk' ich: ich hätte das Metier der Lucky Luke Heftchen vielleicht doch nicht verlassen sollen. Überwiegend nur Bilder; also genau mein Niveau. Aber was willst'e machen.

Allgemeine Frage: Ich suche ein gutes Buch über japanische (traditionelle) Denkweisen, mit etwas Geschichte, und viel über die Kultur. Das kann gern in Richtung Spiritualität gehen sofern es sachlich und seriös ist.


1x zitiertmelden

Welches Buch lest ihr gerade?

23.08.2026 um 11:37
Dann war mir beim Einkaufen noch Friedmans 'Fremd' in die Hände gefallen.
Eine Stelle die ich besonders gut fand:
Mein ich ist meine Identität.
Kein Ich ist nur ein Ich.
Mein Ich besteht aus vielen Ichs.
Mein Ich ist
voller Widersprüche.
Meine Ichs
gehen sich auf die Nerven,
ergänzen sich,
erfreuen sich einander,
machen Angst,
beruhigen,
Stellen mich stumm,
brüllen aus mir heraus,
bringen Bewegung in mein Leben,
machen mich neugierig,
sind kaum auszuhalten.



melden

Welches Buch lest ihr gerade?

26.08.2026 um 01:20
Zitat von SiegelschildSiegelschild schrieb:Allgemeine Frage: Ich suche ein gutes Buch über japanische (traditionelle) Denkweisen, mit etwas Geschichte, und viel über die Kultur. Das kann gern in Richtung Spiritualität gehen sofern es sachlich und seriös ist.
Von

Vom Architekten Bruno Taut gibts 2 Bücher, die er in den 30ern in Japan geschrieben hat - Nippon mit europäischen Augen gesehen und
Das japanische Haus und sein Leben.

Es geht vor allem um traditionelle japanische Architektur, aber auch um japanische Lebensart und Kultur allgemein, und die Bücher sind ziemlich gut geschrieben.
In Deutschland sind die Bücher weitgehend unbekannt (und die deutschen Ausgaben sind teuer), in Japan hatten und haben aber die Bücher Kultstatus
KI:
Nippon (1934)
→ breiteres Publikum, Kultur, Kunst, Architektur und allgemeine Beobachtungen
→ großer unmittelbarer Erfolg in Japan

Houses and People of Japan (1937)
→ viel stärker Fachbuch/Architektur- und Kulturgeschichte
→ zwei japanische Auflagen und langfristig sehr großer Einfluss auf Architekten und Architekturgeschichte, aber kein vergleichbarer Massenbestseller.

Eine wissenschaftliche Darstellung bezeichnet Taut zusammen mit Lafcadio Hearn sogar als einen der bekanntesten und beliebtesten Ausländer, die Japan besuchten. Seine Schriften über Japan wurden mehrfach neu herausgegeben; eine gekürzte Sammlung seiner japanischen Texte erschien später als „Rediscovering Japanese Beauty“ bei Iwanami Shinsho und erreichte eine breite Leserschaft.



melden

Welches Buch lest ihr gerade?

26.08.2026 um 13:46
Orest Subtelny - Ukraine. A History

Subtelny-Ukraine

Orest Subtelny war Historiker an der kanadischen York University in Alberta und legte in drei Auflagen zwischen 1988 und 2009 eine umfassende Geschichte der Ukraine vor, dessen dritte Auflage ich gelesen habe. Dieses Werk ist eines der strukturiertesten Geschichtsbücher, die ich kenne, und ohne zu vereinfachen, werden alle Aspekte in einer Weise präsentiert, die keinerlei Vorwissen voraussetzt. Dass er sich als Kernthemen Staatenlosigkeit und Modernisierung gewählt hat, schränkt seine umfassende Sicht auf den etwa 800 Seiten kaum bis gar nicht ein. Bedauerlich ist, dass Subtelny in hohem Alter 2015 verstorben ist, denn seine Sichtweise zu den Ereignissen ab 2014 wären hochinteressant zu lesen gewesen.

Das Werk beginnt mit den frühesten Besiedelungen vor 150.000 Jahren, stellt die Besiedelung durch den Cro-Magnon und die Cucuteni-Tripolje-Kultur vor, bis Letztere durch ein kriegerisches Volk aus den östlichen Steppen überwältigt und möglicherweise assimiliert wurden. Zwischen Dnepr und Don ist ab 3000 v. Chr. die Sredni-Stog-Kultur (Seredost-Kultur) als ein Schäfervolk nachgewiesen, die etwa 1000 v. Chr. zu Nomaden wurden. Zwischen 1500 und 1000 v. Chr. brachten die Kimmerier die Eisenzeitkultur in den Raum der Ukraine. Ab dem 7. Jahrhundert besiedelten die Skythen die ukrainische Steppe, zwangen 513 v. Chr. den Perserkönig Darius bei seinem Invasionsversuch durch eine Strategie der verbrannten Erde zum Rückzug, erlitten 339 v. Chr. gegen Philip von Makedonien eine Niederlage, welche der Beginn des Niedergangs der Skythenkultur war. Schließlich verdrängten um 200 v. Chr. die Sarmaten die Skythen und beherrschten die Steppe bis etwa 200 n. Chr. Einem dreifachen Ansturm (Hunnen im Osten, Goten im Norden und Römer im Westen) konnten sie Sarmaten nichts mehr entgegensetzen. Die Sarmaten sind bekannt dafür, dass Frauen in Waffen bestattet wurden (es gibt den Mythos, dass sie Abkömmlinge der Skythen und Amazonen seien) und dass sie Handel mit Waren aus China und dem Iran getrieben haben. Entlang der Schwarzmeerküste gründeten die Griechen ab dem 7. Jh. v. Chr. Kolonien.

Nördlich der ukrainischen Steppe siedelten slawische Stämme, die Landwirtschaft betrieben und ab dem 6. Jh. v. Chr. stieg die historische Bedeutung dieser das bewaldete Flachland besiedelnden Menschen. Sie siedelten in kleinen Dörfern, hatten befestigte Stützpunkte (Grady), jedoch keine Zentralmacht, sondern Stammesführer (Kniazi). Land und Vieh waren Gemeineigentum. In Bedrängnis gerieten sie ab dem 8. Jahrhundert n. Chr., als arabische Händler nicht nur Güter wie Honig, Wachs und Felle verlangten, sondern auch Menschen, die als Sklav:innen verschleppt wurden.

Im Anschluss werden ausführlich Sagen, Mythen sowie die kontroverse wissenschaftliche Diskussion zur Entstehung der Kiewer Rus dargeboten. Überliefert ist, dass der Waräger Oleh (Helgi) 862 den Kiewer Rus gründete, und Oleh soll ihn "die Mutter aller Rus" genannt haben. Ein netter Seitenhieb ist die Feststellung, dass der angeblich mächtige Rurik in keinen zeitgenössischen Quellen erwähnt ist und einige Historiker seine Existenz überhaupt anzweifeln. Im Anschluss werden die ersten Kiewer Herrscher:innen des 10. Jahrhunderts und ihre Kämpfe und Annäherungen mit/an Byzanz und den/die Khasaren präsentiert: Oleh, Ihor, Olha (sie konvertierte privat zum Christentum), Swiatoslaw (er einte die Ostslawen und besiegte die Khasaren, brachte damit jedoch den Kiewer Rus in direkten Kontakt mit den Petschenegen, die ihn schließlich bei einem Überfall auch töteten). Nach dessen Tod und einem Machtkampf gelangte 980 Volodymyr der Große an die Macht, eroberte die heutige Westukraine und knüpfte Westkontakte mit den Polen, Ungarn und Tschechen. Das Christentum nahm er an, um die Schwester des Byzantinischen Kaisers, Anne, die als Dank für seine Unterstützung bei der Unterwerfung eines Aufstands ihm versprochen war. Berühmt ist die Massentaufe am Potschaina im Jahr 988. Sein Nachfolger Jaroslaw der Weise dehnte seinen Machtbereich bis ins baltische Gebiet aus und war mit einer schwedischen Prinzessin verheiratet. Seine Schwestern, Söhne und Töchter verheiratete er mit unzähligen europäischen Fürstenhäusern. Klöster wurden Bildungseinrichtungen, das Recht wurde kodifiziert, Blutrache wurde verboten und durch Strafzahlungen ersetzt. Nicht glücklich war das Rotationssystem, um Verwandte in einem Turnus zu Regionalherrschern in verschiedenen Gebieten zu machen. Die Kämpfe um die Herrschaft in Kiew waren blutigst. Erst 1113 war mit Volodymyr Monomakh wieder eine Zentralherrschaft gegeben. In seinem Gesetzeswerk verbat er die Unterdrückung der Armen. Monomakh war der letzte Kiewer Fürst, nach seinem Tod 1125 zersplitterte die Rus in rivalisierende Provinzen. Die Zeit ab 1125 war nicht nur von Fragmentierung, sondern auch von wirtschaftlichem Niedergang geprägt. Italien übernahm die Handelswege in den Nahen Osten durch seine Flotte, mit dem Abstieg des Abbasiden-Reichs und der Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer fielen zwei wichtige Handelspartner weg. 1240 fiel Kiew an die Mongolen, die Rus wurde tributpflichtig. Auch litt die Rus unter Einfällen von Nomaden aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meers.

Das erste abfallende Gebiet war Galizien (eines der reichsten Gebiete der Rus) und im Jahr 1199 vereinten sich Galizien und Wolhynien zu einem gemeinsamen Fürstentum. Der bedeutendste Fürst im 13. Jahrhundert war der etwa 60 Jahre herrschende Danylo, der Deutsche, Armenier und Juden ins Land brachte, um es wirtschaftlich zu entwickeln. Mit Polen und Ungarn wurden freundschaftliche Beziehungen aufgenommen. Bis ins 14. Jahrhundert verdankte dieses Gebiet seinen Bemühungen eine stabile Entwicklung. 1340 wurde der letzte Fürst bei einem Konflikt mit Bojaren vergiftet. Galizien-Wolhynien wird seine Unabhängigkeit verlieren und an Litauen bzw. Polen fallen, die sich schließlich 1569 zu einem gemeinsamen Reich, der Rzeczpospolita (Subtelny nennt es nicht Republik, sondern Commonwealth) vereinen. Subtelny stellt diesen Werdegang sehr ausführlich vor und resümiert, dass Ukrainer sich fremden Herrschern und fremden Völkern mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten unterwerfen mussten. Die lokalen Eliten verloren ihre Machtstellungen an eine Zentralgewalt, die je nach Herrscher sanfter oder härter (bis hin zu terroristischen Maßnahmen) regierten. Dies führte mittelfristig dazu, dass sich die ukrainische Elite assimilierte und sich mit der polnischen Kultur identifizierten. Anfang des 16. Jahrhunderts verloren die Bauern ihr Land an den Adel, ab 1505 durften sie das Land ihres Herrn nicht mehr ohne Genehmigung verlassen. Sie wurden zu Leibeigenen.

Nördlich und östlich der Ukraine stieg innerhalb der Goldenen Horde Moskau zu einem Machtfaktor auf und annektierte im 15. Jahrhundert unter anderem Rostow am Don sowie Nowgorod. Und nach Ende der Oberherrschaft der Mongolen 1480 erklärte Iwan, er sei der Herrscher über alle Rus und beanspruchte alle Gebiete, die jemals Teil der Kiewer Rus waren.

Im Dnepr-Becken begann im 16. Jahrhundert der Machtaufstieg der Kosaken, der Wehrbauern ab 1240 zur Abwehr von Tatarenüberfällen. Zentrum war die Saporoger Sitsch. Diplomatische Beziehungen wurden nach Wien (mit einem Repräsentanten in der Sitsch) und zum Vatikan geknüpft. Von den etwa 50.000 Kosaken waren 3.000 beim polnischen König registriert. Außerhalb der Sitsch gab es noch Kosakeneinheiten in Grenzorten. Die Kosaken änderten ihre Rolle im 17. Jahrhundert, indem sie muslimische bzw. osmanische Stellungen angriffen. 1616 gelang es bei einer Attacke auf Kaffa, dem Skalvenhandelszentrum auf der Krim, tausende Versklavte zu befreien. Auf der anderen Seite "vermieteten" sich die Kosaken auch für Kriegsdienste, vor allem an Polen, das für ihre Verdienste die Zahl der registrierten Kosaken immer wieder erhöhte (bis zu 8.000).

Als 1648 der Führer eines Bauernaufstands gegen die polnische Oberherrschaft und die Leibeigenschaft in die Sitsch floh, verbündeten sich Kosaken und Tataren gegen Polen. Der Feldzug war ein blutiges Massaker. Ein Augenzeugenbericht ist überliefert (Szlachta ist der polnische Adel):
Wherever they found the szlachta, royal officials or Jews, they killed them all, sparing neither women nor children. They pillaged the estates of the Jews and nobles, burned [Catholic] churches and killed their priests, leaving nothing whole. It was a rare individual in those days who had not soaked his hands in blood and participated in the pillage.
Innerhalb einiger Monate waren alle Polen in der Ukraine ermordet oder vertrieben, zehntausende Juden, die oft als Verwalter für polnische Landherrn arbeiteten und gleichsam zum Gegner wurden, abgeschlachtet. Die von Polen aufgestellte Armee, um die Kosaken zu stoppen, verfiel ebenso in einen Blutrausch. Der 1649 geschlossene Vertrag war für die Kosaken günstig. Die registrierten Kosaken wurden auf 40.000 angehoben und im Raum Kiew durften sich keine polnischen Adeligen ansiedeln. Juden wurden generell von einer Ansiedlung ausgeschlossen.

Der Hetman (Anführer) der Kosaken, Bohdan Chmelnyzkyj, wollte für das Kosakengebiet eine politische Führung, einen Schutzherrn. Es kamen nur der osmanische Sultan bzw. der Moskauer Zar in Frage (er selbst sah sich nicht als Kandidat, ich schätze wegen seiner kleinadeligen Herkunft). Die Entscheidung fiel auf den Moskauer Zar, dem im Vertrag von Perejaslaw 1654 Treue geschworen wird. Aber nur einseitig, der Zar bekundet keine Schutzpflicht. Schon zwei Jahre danach waren die Kosaken angebissen, da der Zar mit den Polen Frieden schloss. 1660 zerfiel das Kosakengebiet: Links des Dneprs unter russische Oberherrschaft, rechts des Dnepr unter polnische. 1686 wurde schließlich die Ukraine unter Russland, Polen und dem Osmanischen Reich aufgeteilt. Den Weg dorthin beschreibt Subtelny akribisch. Als während des Nordischen Kriegs Zar Peter Unterstützung für die Kosaken verweigerte, lief der Hetman Iwan Mazepa zu den Schweden über. In der kosakischen Hauptsadt Baturyn wurden als Rache etwa 6000 Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet. Die Sitsch wurde zerstört und die Schweden verloren schließlich 1709 bei Poltawa. Die weitere Geschichte des Hetmanats wird ausführlich geschildert, auch wie sie immer mehr unter russische Kontrolle kam, bis schließlich Katharina II. 1764 jegliche Autonomie abschaffte. Die ukrainischen Bauern wurden auch in Russland Leibeigene, die ukrainische russifiziert. 1772 bis 1795 wurde Polen dreimal geteilt. Die ukrainischen Gebiete fielen zu 80 Prozent an Russland, Galizien und die Bukowina an Österreich. Wirtschaftlich blieb die Ukraine in dieser Zeit bäuerlich geprägt mit Subsistenzwirtschaft. Technologisch blieb man bei der Dreifelderwirtschaft und wendete nicht die produktivere Fruchtwechselwirtschaft an. Die Obligationen für Fronarbeit wurden auch in russischen Gebieten immer mehr. Der Landadel spezialisierte sich in Pferdezucht. Der Handel war von lokalen Märkten geprägt, der größere Handel wurde von russischen Händlern übernommen.

Nach der Zerstörung des Hetmanats und des Krim-Khanats begannen russische Adelige das Land der Steppe und der Krim sich anzueignen. An der Schwarzmeerküste wurden Städte gegründet, welche den Getreideexport ermöglichten.

Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg war im russisch beherrschten Teil von Unterdrückung geprägt. Die Provinzen wurden von Statthaltern beherrscht, die vom Zar eingesetzt waren. Jegliche ukrainische Eigenständigkeit wurde im Keim erstickt. Der auf ukrainisch schreibende Dichter Taras Sewtschenko wurde wegen seiner Gedichte nach Sibirien verbannt. Nach der Niederlage im Krimkrieg beendete der neue Zar Alexander II. 1861 die Leibeigenschaft. Ab 1864 durften Gemeinden ihre Vertreter auf regionaler und Provizebene wählen und auch Steuern einheben. Auch wurde das Justizwesen unabhängig und öffentlich. Ab etwa 1870 wurde die heutige Ostukraine industrialisiert (Kohle und Eisen), das Kapital stammte hauptsächlich aus Frankreich und Belgien. Das Verhältnis war kolonialistisch: Russland bekam billig Rohmaterial, lieferte aber minimal Gebrauchsgüter zurück. Auch die ethnische Zusammensetzung änderte sich mit der Ansiedlung russischer Experten und auch russischer Arbeiter. Auch die Russifizierung verschärfte sich, so verbat Alexander II. in seinem Emser Ukas 1873 ukrainischsprachige Bücher und die Verwendung der ukrainischen Sprache in Theatern. Der Widerstand radikalisierte sich, einer der radikalen Ideengeber war Bakunin. Alexander II. wurde 1881 ermordet, etliche Regierungsbeamte wurden unter anderem in Kiew ermordet, wo die Narodniki (Volksfreunde) besonders aktiv waren. 1900 formierte sich die erste ukrainische Partei in Russland, die Revolutionäre Ukrainische Partei (RUP), die sich zu einer marxistischen sozialdemokratischen Partei entwickelte. 1904 wurde die Ukrainische Demokratische Partei, die für eine Verfassung, ein föderalistisches Russland, Sozialreformen und umfassenden nationalen Rechten für Ukrainer eintrat, gegründet.

Im österreichischen Teil waren die Reformen Maria Theresias bzw. Josephs II. abgeschlossen, das Klima offener, die Bevölkerung multiethnisch, wirtschaftlich waren Galizien und die Bukowina jedoch sehr unterentwickelt. Ukrainische Kultur wurde gefördert. In Wien wurde ein griechisch-orthodoxes Seminar eingerichtet, das noch heute existierende Barbareum, an der Universität Lwiw (Lemberg) wurde die Ruthenische Fakultät eingerichtet, ukrainischsprachige Schulen wurden errichtet. Der konservative Franz I. nahm einige Reformen zurück und führte die Leibeigenschaft wieder ein. Die (griechisch-orthodoxen) Eliten waren keine Hilfe bei einem wie immer gearteten Widerstand, sie hegten und pflegten einen Ruthenismus (rutenstvo), blickten verächtlich auf ukrainischsprachige Bauern herab und konversierten untereinander auf Polnisch. Die Bauernbefreiung von 1848 war ein doppelschneidiges Schwert: Das Land, das sie bekamen, mussten sie über Jahre hinweg abbezahlen, was oft wirtschaftlich sehr schwierig war. Politisch war mehr Mitbestimmung möglich. Es wurde ein Oberster Ruthenischer Rat gebildet und ein Viertel der galizischen Abgeordneten im österreichischen Parlament waren Ukrainer.

Nach 1867, dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn, garantierte Österreich zur Ruhigstellung der polnischen Elite die Verwaltungsführung in Galizien. Der Statthalter Galiziens war bis 1916 ausschließlich ein Pole, österreichische Beamte wurden durch polnische ersetzt, Polnisch wurde Amts- und Schulsprache. Als Gegenreaktion sammelten sich sogenannte Narodovtsi (Ukrainische Populisten), die im Gegensatz zu den Russophilen sich der ukrainischen Sprache zuwendeten und nicht nur eine Autonomie im Habsburgreich, sondern einen ukrainischen Nationalstaat zum Ziel hatten. Bedeutend war der in Lwiw (Lemberg) gegründete Kulturverein Prosvita, der zu einer sozialen Organisation sich entwickelte mit Gründung von Konsumgenossenschaften, Lagerhäusern und Kreditvereinen (mit günstigen Krediten setzten sie den Wuchergeldverleihern ein Ende). Zur Jahrhundertwende wurden erste Parteien gegründet. Die Nationaldemokratische Partei mit dem Ziel einer Unabhängigkeit war die größte. Weiters bildeten sich eine Sozialdemokratische Partei, eine Katholisch-Ruthenische Allianz sowie eine Russischnationale Partei. Letztere war gewaltbereit, und deren Schlägerbanden setzte die Nationaldemokratische Partei ihre eigenen entgegen. Im Gegensatz zu Galizien war in der Bukowina ein Ausgleich zwischen den Nationalitäten gegeben, die auch alle parlamentarische Vertreter hatten. In der Karpatoukraine jedoch begann Ungarn mit einer radikalen Magyarisierung (Ungarisierung). Alle 479 ukrainischsprachige Schulen wurden geschlossen oder umgewidmet, Parteigründungen waren nicht möglich.

In beiden Teilen waren jedoch die wirtschaftlichen Bedingungen so drückend, dass eine Emigrationswelle einsetzte. In Russland zogen um die Wende zum 20. Jahrhundert etwa 2 Mio Ukrainer in den fernen Osten Russlands und Ukrainer aus Galizien emigrierten nach Kanada und machten die Prärie urbar.

Im Ersten Weltkrieg mussten Ukrainer gegeneinander kämpfen. Auf Seiten Russlands waren 3,5 Mio Ukrainer eingezogen, auf Seiten Österreichs 250.000. In Österreich wurden bekennende Russophile und später auch Ukrainophile inhaftiert, auch hingerichtet. In Thalerhof bei Graz wurden 30.000 Ukrainer in einem Lager unter horrenden Bedingungen gefangegehalten. Tausende starben an Krankheiten. Das österreichische Parlament erreichte 1917, dass dieses Lager aufgelöst wurde. In Galizien brach im Juli 1917 Chaos aus, als die russische Armee zerfiel und marodierenden Horden an Bewaffneten heimgesucht wurde.

In den russischen Teilen der Ukraine ergab sich mit der russischen Februarrevolution 1917 eine völlig neue Situation. Bereits am 17. März wurde von den ukrainischen Parteien die Zentralna Rada (der Zentrale Rat) gebildet. Am 19. April wählten 900 Delegierte beim All-Ukrainischen Nationalkongress 150 Abgeordnete in die Zentralna Rada. In den Folgemonaten schlossen sich Abgeordnete des Militärs, der Bauern und der Arbeiter an. Die Zentralna Rada wählte ein Generalsekretariat, das Exekutivfunktionen, also Regierungsfunktionen einnahm. Insgesamt gab es 822 Sitze. Die ethnische Verteilung war: drei Viertel der Abgeordneten waren Ukrainer, ein Viertel Russen, Polen, Juden und weitere Ethnien. Subtelny beklagt, dass über den politischen Fragen einer Staatsstruktur praktische wie Rechtswesen, funktionierende Infrastruktur und Verkehr sowie Landreform vernachlässigt wurden. Dies kam den Bolschewiken zu Gute, deren Slogan Lenins "Friede, Brot und Land" wie auch sein postuliertes Recht auf Selbständigkeit auf fruchtbaren Boden fiel. Innerhalb von Monaten stieg die Mitgliedschaft auf 350.000. Im August schlossen sich die Bolschewiken der Zentralna Rada an. Nach der Oktoberrevolution in Petrograd stellte sich die Zentralna Rada hinter die etwa 6000 bewaffneten Bolschewiken in Kiew und die russische Armee wurde vertrieben. Im Süden der Ukraine schlossen sich kosakische Einheiten antibolschewistischen Armeen an. Aus Russland begann die Invasion der Roten Armee. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk lösten deutsche Truppen die Zentralna Rada am 29. April 1918 auf.

Die reale Macht in der Ukraine hatte ab dem Zeitpunkt die deutsche Armee. Die formale Macht hielt Hetman Pawlo Skoropadskyj, dessen Regierung durchaus beachtliche infrastrukturelle Verbesserungen erzielt habe. Nicht angegangen wurde eine Landreform. Doch nach der Kapitulation Deutschlands orientierte er sich antibolschewistisch, die Opposition bildete eine Aufstandsregierung, das Direktorium der Ukrainischen Volksrepublik. Am 14. Dezember 1918 räumte die deutsche Armee Kiew, Skoropadskyj floh mit ihnen und ging schließlich nach Deutschland ins Exil, die Ukrainische Volksrepublik wurde wiederhergestellt.

1919 war vor allem für die Bauern (Requirierungshorror) und Juden (als Sündenbock für eh alles wurden bis zu 50.000 jüdische Menschen Opfer bei Pogromen) ein katastrophales Jahr. Sechs Armeen kämpften gegeneinander: die ukrainische, die bolschewistische, die Weiße (Denikins Armee löste sich im Oktober aufgrund mangelnder Versorgung und Epidemien auf), Truppen der Entente (darunter 60.000 französische Soldaten an der Schwarzmeerküste), die polnische und Anarchisten. Hinzu kamen rivalisierende Kosakentruppen. In Kiew wechselten fünfmal die Machthaber, nachdem das Direktorium Anfang Februar nach Winnyzja ging. Am erfolgreichsten war die Rote Armee, die bereits im Juni große Teile der Ukraine besetzte, jedoch auf massiven Widerstand seitens der Landbevölkerung stieß, welche sich gegen die terroristischen Requirierungsmethoden wehrte. Die Rote Armee musste sich schließlich zurückziehen. In Lwiw übernahm im Oktober nach dem Polnisch-ukrainischen Krieg die ukrainische Armee die Macht, die massiven Widerstand der Polen traf (deren Herrschaft in Galizien wurde von der Entente anerkannt) und sich auf einen Häuserkampf einließ. Am 1. November wurde die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen, die acht Monate existierte. Die Bukowina wurde großteils von Rumänien erobert, die Karapatoukraine blieb unter ungarischer Herrschaft.

Bolschewistische Machtergreifung: Im Dezember 1919 unternahm die Rote Armee erneut einen Invasionsversuch mit bis zu 50.000 Soldaten, darunter Elitetruppen der Tscheka und ehemalige zaristische Offiziere. Die Widerstandsarmee von etwa 40.000 Kämpfern konnte bis 1921 niedergerungen werden. Bauern und auch Arbeiter verlegten sich auf passiven Widerstand, verweigerten Abgaben und legten die Arbeit nieder. Hinzu kam eine Dürre, was 1921/22 zu einer Hungerkatastrophe führte. Anders als Anfang der 1930er Jahre Stalin erlaubte Lenin westliche Hilfsorganisationen ins Land. Dennoch verhungerten Hunderttausende in der Ukraine und in Südrussland.

Die Neue Ökonomische Politik stabilisierte in den 1920er Jahren die Wirtschaft. Schwerindustrie, Banken, Transport, Außenhandel blieben zwar Staatsmonopole, aber die landwirtschaftlichen Erträge wurden nicht requiriert, sondern besteuert, die Bauern hatten Möglichkeit, Überschüsse privat zu verkaufen und privates Händlertum war erlaubt. Ende des Jahrzehnts wurde wirtschaftlich das Vorkriegsniveau erreicht oder übertroffen.

Mit der Bildung der Sowjetunion Ende 1922 bekam die Ukraine zwar das theoretische Recht zur Sezession, realiter war die Macht jedoch in Moskau. Daran sollte sich abgesehen von Graduierungen der kolonialen Abhängigkeit bis in die 1980er Jahre nichts mehr ändern. Wofür die Bolschewiken sorgten, war eine massive Bildungskampagne, um die Bevölkerung zu alphabetisieren, auch in der ukrainischen Sprache (vor allem bis zur vollen Macht Stalins ab 1929). Beinahe alle Kinder wurden auf Ukrainisch geschult.

Die Industrialisierung der Ukraine in den 1930er Jahren wurde vor allem in den traditionellen Industriegebieten im Osten vorangetrieben. Der Westen blieb bis auf Lwiw weiterhin stark landwirtschaftlich geprägt. Nach der Weigerung von Bauern 1928 wegen der niedrigen Preise Getreide an den Staat zu verkaufen, startete 1929 Stalins massive Kampagne zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Hunderttausende "Kulaken" (also Bauern mit ein paar Stück Vieh) wurden nach Asien verfrachtet, viele kamen dabei ums Leben. Die Zahl der gleich vor der Haustür Erschossenen war nicht unbeträchtlich. Der Widerstand in den Dörfern war ebenso radikal. Bis 1932 wurde etwa die Hälfte des Viehbestands geschlachtet, damit sie nicht in Kollektive überführt werden, Staatsbeamte, welche die Kollektivierung vollziehen sollten, wurden erschlagen oder gar erschossen. Aber bis Mitte 1930 hatten sich über drei Millionen Bauernhaushalte dem Kollektivierungsschicksal ergeben. Trotz einer kurzen Atempause waren 1932 etwa 70 Prozent der Bauernhaushalte kollektiviert.

Die Kollektivierung brachte auch strukturell Probleme mit sich. Das für große landwirtschaftliche Einheiten notwendige technische Gerät fehlte oder war unbrauchbar. Traktoren wurden nicht geliefert oder funktionierten nicht. 1931 konnte ein Drittel der Ernte nicht eingebracht werden. 1932 konnte nur auf vier Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche ausgesät werden. Verschärft wurde die Lage durch eine Dürre 1931. Da damit weder die Abgabeforderungen noch die notwendigen Selbstbehalte abgedeckt werden, plädierte die ukrainische Kommunistische Partei in Moskau, die Abgabequoten zu senken. Stalin gewährte eine minimale Senkung. Die Ernte 1932 blieb um 12 Prozent unter dem Durchschnitt, Stalin entschied, die Abgabequoten um 44 Prozent anzuheben. In einer Rede vom 11. Januar 1933 adressiert Stalin die Funktionäre, die für die Getreidebeschaffung zuständig sind, Folgendes:
Lasst euch nicht durch die Sorge um Fonds und Reserven aller Art ablenken, lasst euch nicht von der Hauptaufgabe abbringen, entfaltet die Getreidebeschaffung schon von den ersten Erntetagen an und forciert sie, denn das erste Gebot ist die Erfüllung des
Plans der Getreidebeschaffung
Quelle: Stalin Werke, Band 13, Dietz Verlag Berlin 1955, S. 130

Damit nahm die Hungerkatastrophe ihren Lauf. Anders als 1921 wurden auch keine internationalen Hilfslieferungen erlaubt. Millionen Menschen starben in der Ukraine, in Kasachstan und zum Teil in Russland. Als 1937 bei der Volkszählung das demographische Ausmaß der Katastrophe ersichtlich wurde, ließ Stalin federführende Statistiker erschießen.

Hinzu kamen Säuberungen in der ukrainischen Partei, von 240 ukrainischen Autoren verschwanden 200, 62 von 85 ukrainischen Sprachwissenschaftern wurden erschossen, ebenso mehrere hundert Kobzari (traditionelle, oft blinde ukrainische Wandersänger). 1937 wurde die Führungsebene des Ukrainischen Sowjet und der Ukrainischen Kommunistischen Partei liquidiert. 37 Prozent der Mitglieder der Ukrainischen Kommunistischen Partei wurden bis 1937 "gesäubert". Allein in einem Massengrab bei Winnyzja wurden 1937/38 über 10.000 vom NKWD (Innenministerium mir Geheimdienst) Erschossene verscharrt. 1937 war die Ukraine gänzlich unter Moskauer Kontrolle und russifiziert. Ukrainische Schulbücher wurden durch Einheitsbücher ersetzt.

Auch das polnische Galizien radikalisierte sich in den 1930er Jahren. Im Sommer 1930 wurden von nationalistischen ukrainischen Jugendlichen polnische Güter niedergebrannt. Die 1929 gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) verübte Attentate auf hochrangige polnische Politiker und Beamte. Die polnische Regierung schränkte daraufhin die politische Freiheit der Ukrainer ein und politisch ist ebenso eine Drift in Richtung ultrarechts gegeben. Die 1925 gegründete moderate Ukrainische Nationaldemokratische Allianz (UNDO) war von der Gewaltbereitschaft der OUN angewidert und begann Kompromisse auszuhandeln. 1935 wurde "Normalisation" vereinbart: Die Ukrainer anerkennen die polnische Oberhoheit in Galizien und im Gegenzug wird der UNDO wieder der Zugang zum Parlament gewährt. Dennoch wird die Politik der Polonisierung konsequent weitergeführt. Ukrainische Genossenschaften werden polnischen angeschlossen, es gibt weiterhin kein ukrainischsprachiges Bildungswesen. Dies wiederum förderte eine Stärkung protofaschistischer Bewegungen, die einen integrale Nationalismus unter Führung einer einzigen Nationalpartei und eines Führers sowie der Hintanstellung individueller Interessen befürworteten. Bewaffneter Zweig dieser Richtung war die 1920 in Prag gegründete Ukrainische Militärische Organisation (UVO), die sich 1929 in Wien zur Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) erweiterte. Die OUN erklärte alle Ukrainer, die den bewaffneten Kampf gegen Polen nicht unterstützten, zu Verrätern, die der Gefahr der Liquidierung ausgesetzt sind.

Die etwa 500.000 Ukrainer der rumänischen Bukowina waren weiterhin jeglicher autonomer Rechte beschnitten. Rumänien sah sie als Rumänen, welche "ihre Sprache vergessen haben". Besser erging es den Ukrainern der Karpatoukraine unter Tschechoslowakischer Herrschaft. Diese Angliederung erfolgte freiwillig. Die Tschechoslowakei steckte mehr infrastrukturelle Förderungen in das Gebiet, als es wirtschaftlich herausholen konnte (die Karpatoukraine war Nettoempfänger), das Bildungswesen war unter anderem ukrainisch. Nach dem forcierten Zusammenbruch der Tschechoslowakei wurde am 14. März 1939 nach einer Entscheidung Hitlers die Karpatoukraine unter ungarische Herrschaft gestellt, wo sofort eine radikale Magyarisierung durchgezogen wurde. Die etwa 100.000 jüdischen Menschen wurden praktisch zur Gänze im Holocaust ermordet.

Im September 1939 besetzte die Sowjetunion in vertraglicher Absprache mit Deutschland Galizien und Wolhynien, im Juni 1940 trat Rumänien die Bukowina und Bessarabien an die Sowjetunion ab. Für diese rückständigen Gebiete verbesserte sich dadurch zwar das Gesundheitswesen, auch ukrainischsprachige Schulen wurden eingerichtet, andererseits wurden die autonomen Genossenschaften demontiert, die politische Elite, Geschäftsleute, Offiziere, Priester und weitere "Volksfeinde" (rund 400.000 Ukrainer, insgesamt 1,5 Millionen, mehrheitlich Polen) wurden in Arbeitslager deportiert. Über 20.000 Ukrainer flohen. Die polnischen Gutsbesitzer wurden enteignet, gleichzeitig wurde der Druck auf Bauern erhöht, Kollektiven beizutreten. Etwa eine halbe Million Ukrainer lebte unter deutscher Besatzung. In Krakau wurde das Ukrainische Zentralkomitee unter deutscher Oberaufsicht eingerichtet.

Nach der Ermordung ihres Führers Konowalez 1938 spaltete die OUN sich in zwei Flügel: OUN-M und OUN-B. Andrij Melnyk (OUN-M) trat für ein Bündnis mit Hitlerdeutschland ein, Stepan Bandera (OUN-B) sah die Unabhängigkeit der Ukraine als oberstes Ziel und war bereit, auch gegen deutsche Besatzer zu kämpfen.

Der Überfall Deutschlands am 22. Juni 1941 war für die Ukraine eine Katastrophe. Die Deutschen massakrierten massenhaft Gefangene, vermeintliche Bolschwiken und Juden, die Sowjets zerstörten verbleibende Wirtschafts- und Infrastruktur. Alle sowjetische Gefängnisinsassen mit einer Strafe ab drei Jahren wurden erschossen. Am 30. Juni 1941 rief die OUN-B in Lwiw einen unabhängigen ukrainischen Staat aus. Binnen Tagen waren Stepan Bandera und weitere führende OUN-B-Funktionäre von der Gestapo verhaftet. Die Nationalsozialisten folgten nicht Alfred Rosenbergs Idee einer verbündeten eigenständigen Ukraine, sondern wollten das Land für sich zur Ausbeutung. Ukrainische Nationalisten waren dabei im Weg. Im September 1941 verhaftete und erschoss die SS alle Mitglieder der OUN-B, derer sie habhaft werden konnte, im November erging es den in Kiew weilenden Mitgliedern der OUN-M nicht besser. Die überlebenden radikalen Nationalisten gingen in den Untergrund. Die Ukraine wurde dem Reichskommissar Erich Koch unterstellt. Juden wurden ghettoisiert bzw. in Lager gesteckt, Einsatzgruppen erschossen etwa 850.000 von ihnen. Von den sowjetischen Gefangenen starb über eine Million allein auf dem Gebiet der Ukraine. Wirtschaftlich blieben die Kolchosen aufrecht, die Bauernbefreiung erfüllte sich nicht. Mehr als zwei Millionen Ukrainer:innen wurden als Ostarbeiter in deutsches Herrschaftsgebiet verfrachtet, die Städte wurden unterversorgt, da Koch sie als nicht relevant betrachtete. In Galizien blieb noch die ukrainische Vertretung aufrecht, auch ein Basisbildungwesen inklusive Berufsschulen blieb eingerichtet. Der östlichste Teil der Ukraine blieb unter Verwaltung der Wehrmacht, was für die Bewohner zumindest weniger Polizeiterror bedeutete. Kollaboration war im gesamten Besatzungsgebiet zum Teil überlebenswichtig, etwa 13.000 Ukrainer schlossen sich 1943 als Freiwillige der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS an.

Bewaffneter Widerstand wurde in der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) organisiert, die vor allem in den schwer zugänglichen Gebieten Wolhyniens operierte. Sie versuchte OUN-B und OUN-M zu vereinen. 1944 ging aus ihr der politische Flügel des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats (UHVR) hervor, der die rassistische Exklusivität eines integralen Nationalismus zurückwies. Problematisch war, dass die UPA in Wolhynien auch gegen Polen kämpfte, wobei etwa 80.000 polnische Kinder, Frauen und Männer massakriert wurden. Die Retalation der Polnischen Befreiungsarmee war nicht weniger brutal. In den 1990er Jahren, als sich Polen und die Ukraine annäherten, bekannten sich beide Staaten zu ihren Massakern und brachten ihr Bedauern zum Ausdruck, was die Beziehungen erleichterte. Neben diesen Organisationen waren auch sowjetische Partisanen auf ukrainischem Boden aktiv, mehrheitlich bestanden sie aus ethnischen Russen. Am 6. November 1943 nahm die Rote Armee Kiew ein, im Oktober 1944 war das gesamte ukrainische Gebiet in sowjetischer Hand. Wie 1941 die Sowjets verfolgte die deutsche Wehrmacht beim Rückzug eine Politik der verbrannten Erde. Die UPA führte den Kampf gegen die Sowjets weiter und hoffte auf eine Unterstützung der Westalliierten, was sich als illusorisch herausstellte.

Die Kriegsfolgen für die Ukraine waren verheerende:

  • Ein Sechstel der Bevölkerung kam ums Leben (5,3 Millionen)
  • Von 2,7 Millionen jüdischen Menschen überlebten 800.000
  • 700 Städte und 28.000 Dörfer waren teilweise oder ganz zerstört
  • 10 Millionen Menschen ware obdachlos
  • 16.000 Fabriken und Gewerbebetriebe bzw. 28.000 Kolchosen waren zerstört
  • 40 Prozent der Wirtschaftskraft waren zerstört


Durch die Eroberung der Westukraine durch die Rote Armee und die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz, Stalin die Gebiete des Hitler-Stalin-Pakts zuzuschreiben, war die Ukraine zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder ein einheitliches Gebiet, das als Republik Teil der Sowjetunion war, jedoch in der UNO einen Sitz erhielt. Im Zuge dieser Gebietsveränderungen wurden etwa eine Million Polen aus der Westukraine nach Polen umgesiedelt und etwa eine halbe Million Ukrainer aus Polen in die Sowjetunion. Die Tschechoslowakei übergab die Karpatoukraine der Sowjetunion, Rumänien die Nordbukowina.

In den ersten 15 Jahren nach Ende des Kriegs stand der Wiederaufbau im Zentrum, und der Anteil der russischen Bevölkerung erhöhte sich von 4 Millionen auf 7 Millionen, angesiedelt wurden sie vor allem in den Industriegebieten des Ostens. 1953 war Russisch die Verwaltungssprache bzw. die Sprache der höheren Bildung in der gesamten Ukraine. Mittelpunkt des wirtschaftlichen Aufbaus war die Schwerindustrie, die bereits 1950 die Vorkriegsproduktion von 1940 übertraf. Die Getreideproduktion lag 1950 jedoch erst bei 60 %. 1946 führte zusätzlich eine Dürre zu einer weiteren Hungerkatastrophe mit etwa einer Million Toten. Weiterhin wurden Konsumgüter vernachlässigt, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, aber auch Basislebensmittel wie Brot waren Mangelware. Die Kommunistische Partei war weiterhin bei Arbeitern oder Bauern kein Anziehungspunkt, während zum Beispiel jeder fünfte Arzt Parteimitglied war (Intellektualisierung der Partei). Gegen die UPA in Wolhynien wurde mit polnischer und tschechoslowakischer Unterstützung ein erbarmungsloser Krieg geführt, die UPA selbst löste sich schließlich 1948 mehr oder weniger auf, als ihr klar wurde, dass es zu keinem Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion kommen würde. Auch wurde die Versorgung der UPA durch die Kolchosen erschwert. Formal wurden UPA und OUN Mitte 1950 aufgelöst.

Unter Chrustschow und Breschnew (beide hatten ihre politischen Wurzeln in der Ukraine) war ein politischer Aufstieg ukrainischer Kommunisten in der KPdSU gefördert. Bedingung: Sie sprachen Russisch. Die Partei- und Republiksführer der Ukraine hatten bis 1989 zum Ziel, dass die Ukraine in etwa den Wert an Gütern von der Union erhielt, den sie der Union exportierten. Die meisten Pläne gewährten dies nicht. In der Regel lag der Input 10 Prozent unter dem Output in die Union. Zivilen Dissens gab es vor allem nach den Helsinki-Akkorden, aber zu Beginn der 1980er Jahre wurden praktisch alle Helsinki-Aktivisten für Menschenrechte inhaftiert. Wirtschaftlich war zwar ein Aufschwung gegeben, aber die Kaufkraft im Vergleich zu den USA nach aufgewendeten Arbeitsstunden lag bei 1:3. Abgesehen davon waren die sowjetischen Produkte qualitativ mangelhaft, die Dienstleistungen "schäbig" ("shoddy" schreibt Subtelny) und die Wohnverhältnisse extrem beengt.

Nach dem Wirtschaftsniedergang während der Gorbatschow-Ära und der Unabhängigkeit der Ukraine am 24. August 1991 mit Bestätigung in einem Referendum begann eine neue und schwierige Ära. Mit Russland wurde unter Vermittlung der USA ausgehandelt, dass die ukrainischen Atomwaffen vernichtet werden und die Schwarzmeerflotte in Sewastopol bis 2017 unter russischer Federführung bleibt. Strukturell stellte sich die Frage, ob die Ukraine föderal oder zentralistisch organisiert wird (Verfassung von 1996). Letzteres setzte sich durch. Damit waren aber regionale Konflikte (Osten gegen Westen) und Konflikte um die Machtstärke von Präsident, Regierungschef bzw. Parlament vorgezeichnet. In den 1990er Jahren desintegrierte die Wirtschaft, die sehr stark von anderen Sowjetrepubliken abhängig war, Wirtschaftsleiter der Partei brachten günstigst Staatsbetriebe in ihr Eigentum (neue Oligarchie), Menschen wurden en masse arbeitslos und verarmten, das Land wurde von Hyperinflation geplagt, womit alle Sparer ihr meist kleines Vermögen bzw. ihre Pensionsvorsorge verloren. Die Einführung des Hrywna als Währung 1996 brachte Stabilisierung. Neue Märkte konnten wegen mangelnder Qualität kaum erschlossen werden, für Investoren war die Ukraine nicht attraktiv. Eine wirtschaftliche Erholung begann zur Jahrtausendwende. Hinzu kam, in welche Richtung sich das Land außenpolitisch orientieren sollen. Die östlichen Industriegebiete bevorzugten Russland, da sie dorthin ihre Wirtschaftsverbindungen hatten, der Westen der Ukraine bevorzugte die Europäische Union. Eine Annäherung an die NATO wurde 2008 schließlich von Deutschland und Frankreich vereitelt. Überlagert wurde dies auch noch von einem Sprachenstreit. Die Umgangssprache der Hälfte der Bevölkerung war Russisch, alleinige Amtssprache Ukrainisch. Ein Konfliktpotenzial, das bis zum heutigen Tag ideologisch gemolken wird. Auch von Russland.

Ausführlich und detailliert beschreibt Subtelny die Gründe, wie es zur Orangen Revolution 2004 kam und welche Player (eigentlich eh alles Oligarchen) im Spiel waren. Dass Juschtschenkos Präsidentschaft enttäuschend war, ist bekannt, auch dass er Janukowitsch wieder ins Spiel brachte. Beklagt wird, dass in der zweiten Hälfte der Nullerjahre deswegen die Abneigung der Bevölkerung gegenüber Politik und Politiker:innen sehr groß war.

Das Fazit der Jahre von 1991 bis 2008 für Subtelny ist, dass sich die Ukraine als unabhängiger Staat etablieren konnte und international anerkannt wird. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme sind nun eigene Probleme und nicht von außen aufgedrückt, daher müssen auch eigene Wege zur Lösung gefunden werden.

Weitere Kapitel behandeln die vier Emigrationswellen seit dem 19. Jahrhundert bzw. die demographische und poltische Problematik der Krim, die ohne Bewertung präsentiert wird.


1x zitiertmelden

Welches Buch lest ihr gerade?

27.08.2026 um 14:33
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Orest Subtelny - Ukraine. A History
Das Buchcover ist ein Kosak Mamaj Bild. Der Kosak Mamaj war ein beliebtes Motiv der ukrainischen Folklore-Malerei.
Hier zeigt er den Kosak Mamaj beim Schnapstrinken mit einem Polen, der karikaturartig dargestellt ist.
Das ist ein sehr untypisches Bild, denn normalerweise wird der Kosak Mamaj alleine in der Wildnis beim
Lautespielen dargestellt.
Gemälde „Unterhaltung zwischen einem Kosaken und einem Polen“ von einem unbekannten Künstler (19. Jahrhundert). Nationales Kunstmuseum der Ukraine
https://uain.press/articles/mamaj-krimskij-zaporozhets-453491/attachment/kozak-mamaj-4

Wikipedia: Kosak Mamaj


product thumb 4386 64d4d79daca2e0.944578


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

27.08.2026 um 16:12
@parabol

Vielen Dank für diese Info. Das Umschlagsbild habe ich nicht recherchiert gehabt.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

30.08.2026 um 05:19
Mit Werken von Yukio Mishima (rechts) und Kenzaburo Oe (links) kann man eigentlich nie falsch liegen.

An Sachbüchern empfehle ich aktuell:
Joshua Graf: Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Kommunismus vor Marx.

9783894388706


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

30.08.2026 um 05:30
Zitat von parabolparabol schrieb am 21.08.2026:Dazu passt ganz gut:
Echnaton - Sonnenhymnen
Ägyptisch (Hieroglyphen)/Deutsch

In Ägypten war Gott mit der Sonne identisch, entsprechend wurde die Sonne angepriesen
Ja, wobei unter Echnaton die Sonnenscheibe "Aton" direkter angebetet wurde als vorher der Sonnengott "Re".

Das ging in Richtung Monotheismus (ein Gott) oder zumindest Henotheismus (ein Hauptgott).

Einige glauben, dass Echnatons Politik Moses beeinflusst haben könnte, aus Göttern wie El, Jahwe und anderen einen Eingottglauben/Monotheismus zu stricken. Aber das ist Spekulation.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

01.09.2026 um 00:14
House-of-Leaves-School-Librar-Hardcover-


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

01.09.2026 um 17:07
Alec Nove - An Economic History of the USSR

Nove-EcoUSSR

Alec Nove emigrierte als Neunjähriger 1924 mit seinen Eltern aus Leningrad nach Großbritannien und wurde schließlich Professor für Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Sowjetunion an der Universität von Glasgow in Schottland. Die erste Auflage dieser Wirtschaftsgeschichte erschien 1969 und die dritte Auflage umspannt die Zeit bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991. Auf nicht ganz 500 Seiten sind die Kapitel in chronologische Großabschnitte geteilt, in denen innerhalb nach wirtschaftlichen Kriterien die Entwicklungen präsentiert sind. Nove stützt sich nicht nur auf vorhandene Quellen, sondern aufgrund seiner Sprachkenntnisse auch auf sowjetische Quellen, die zum Teil erst zur Zeit von Glasnost ab 1987 zugänglich wurden. In einem Anhangskapitel werden kurz die statistischen Grundlagen zur Ermittlung von wirtschaftlichen Kenndaten präsentiert.

Die ersten Kapitel präsentieren die Wirtschaftsentwicklung des zaristischen Russland bis zum bolschewistischen Putsch und Nove konstatiert, dass die industriellen Wachstumsraten die höchsten auf der Welt waren, jedoch von einem sehr niedrigen Niveau ausgehend, sodass die Kenndaten nie führende Industrieländer erreichten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Russland hauptsächlich ein Agrarland war und die Anbaumethoden mittelalterlich waren (Dreifelderwirtschaft statt Fruchtwechselwirtschaft, großteils hölzerne Pflüge, wenig Zugtiere, praktisch keine Technisierung bzw. kein Kunstdünger). Nach Rücktritt des Zaren hatte die Provisorische Regierung kaum Rückhalt und die Bolschewiken unter Lenin ergriffen die Macht in einem desintegrierenden Staat, in dem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war.

Lenin wird als politischer Führer vorgestellt, dessen Hauptziel Machterlangung und Machterhaltung war. Diesem Ziel wurden die politischen Entscheidungen angepasst und in einen ideologischen Rahmen gesetzt, wobei ihm zugute kam, dass weder Marx noch Engels genauere Vorstellungen hatten, wie eine "Diktatur des Proletariats" organisiert sein kann. Da Russland ein "Bauernland" war, integrierte er den "Landhunger" der Bauernschaft in seine vorrevolutionäre Planung. Die Bauernschaft war bei der sogenannten Bauernbefreiung 1861, bei dem die Hälfte der Gutsbesitze an die Bauern verteilt wurde, insofern benachteiligt, dass sie dieses Land kaufen mussten, eine von den Bolschewiken versprochene Landverteilung wurde begrüßt. Damit wurde jedoch auch erreicht, dass es nach der Landverteilung hauptsächlich Kleinstbauern (Familienbetriebe) gab, ab zwei Kühen oder zwei Pferden und wenn man externe Hilfe anmieten konnte, galt man als Großbauer, als Kulak (im Vergleich mit Bauern in westlichen Staaten waren das immer noch arme Hungerleider). Auswirkung hatte dies insofern, dass die Landwirtschaft eine Subsistenzwirtschaft wurde, die Ernte reichte aus, um sich selbst zu versorgen, ein Überschuss zur Versorgung der nicht in der Landwirtschaft Tätigen (etwa 25 Prozent der Bevölkerung) wurde schwierig. Um dies gewährleisten zu können, griff Lenin zu unterschiedlichsten Methoden, die laut Nove notwendig waren, um die Herrschaft der Bolschewiken unter dem ideologischen Gerüst der Verstaatlichung der Kernbereiche der nichtagrarischen Wirtschaft erhalten zu können.

Organisatorisch waren nach der Machtergreifung Wirtschaftseinheiten mehr oder weniger selbstorganisiert, da den Bolschewiken jeglicher Staatsapparat für eine zentral geleitete Wirtschaft fehlte. Dies blieb jedoch nur Übergang, bereits Ende 1917 wurde der Oberste Volkswirtschaftsrat gebildet, im Juni 1918 war die gesamte Wirtschaft bis auf Kleinstgewerbebetriebe verstaatlicht. Auf dieser Basis wurde der Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe ein Ende gesetzt und eine semi-militärische Kommandowirtschaft eingeführt, die bis zum Ende der Sowjetunion aufrecht blieb. Auch war Lenin strikt gegen eine Arbeiterdemokratie in den Betrieben, sondern setzte das sogenannte Ein-Mann-Management durch. Der Direktor hat Entscheidungsmacht. Damit war es strukturell auch einfacher, zentrale Anweisungen ohne Diskussion durchzusetzen, und zentrale Anweisungen waren von den Betrieben umzusetzen.

Während des bewaffneten Kampfes um die Macht sowie die Wiederherstellung eines binnenkoloniaistischen Reichs bis 1921 wurde auf gewaltsame Requirierung von Agrarprodukten zurückgegriffen (wie auch die Weißen Armeen). Die Folge war, dass massenhaft Bauern verhungerten, da ihnen nicht mehr das Notwendigste zum Überleben blieb. Marktbeziehungen waren ausgesetzt, Geld praktisch abgeschafft. Gebrauchsgüter wurden verteilt, Lebensmittel waren rationiert. Am wichtigsten war die Versorgung der Roten Armee.

Nach Niederringung jeglicher Opposition (auch von Bauernaufständen und dem Matrosenaufstand von Kronstadt) war Lenin klar, dass diese Form der wirtschaftlichen "Beziehungen" nicht aufrechterhalten werden kann, ohne in eine Katastrophe zu führen. Die Wirtschaftsdaten für 1921 sprechen für sich (Seite 62).

1921

Die innerhalb der Partei durchaus umstrittene Neue Ökonomische Politik (NÖP) setzte Marktmechanismen mit einem Geldkreislauf wieder in Kraft, privater Handel wurde erlaubt und war der wesentliche Grund dafür, dass landwirtschaftliche Güter wieder in ausreichendem Maß den Gesamtstaat versorgen konnten. Es wurde nicht mehr requiriert, Bauern wurden besteuert und den Überschuss durften sie verkaufen. Die antiquierten Produktionsmethoden blieben. Nicht geändert wurde, dass Grund und Boden verstaatlicht waren. Die Bauern waren nicht Eigentümer ihres bearbeiteten Landes, das daher auch nicht verkauft bzw. gekauft werden konnte. Begleitet war diese wirtschaftliche Liberalisierung von der absoluten Machtübernahme der Bolschewiken: Jegliche andere Parteien sowie Fraktionierung innerhalb der bolschewistischen Partei waren nun verboten.

Problematisch war die Preisschere. Industrieprodukte stiegen in ihrem Preis seit 1914 um das Dreifache wie Agrarprodukte. Industriell wurde viel auf Halde produziert, da es keine Abnehmer mit Geld gab, die Arbeitslosigkeit stieg. Um die Inflation zu bekämpfen und den Staatshaushalt zu sanieren, wurde der Chervonets (eine Goldmünze mit Wert von 10 Rubel) als Stabilisator ausgegeben. Industriepreise wurden gesenkt, Agrarpreise erhöht. Der Staatshaushalt konnte saniert werden.

Die Löhne im Industriebereich blieben immer noch unter dem Vorkriegsniveau, die Arbeiter mussten nun für ihr Lebensnotwendiges zahlen, es wurde nicht mehr zugeteilt. Fortschrittlich war die Entwicklung von Arbeitsschutzmaßnahmen: Achtstundentag, zwei Wochen Urlaub pro Jahr, Sozialversicherung mit Pensionen (wenn auch auf sehr niedrigem Niveau). Dennoch: Ziel der Bolschewiken war die Industrialisierung (auch aus ideologischen Gründen: wozu eine "Arbeitermacht", wenn es fast keine Arbeiter gibt?). Das Kapital für eine Industrialisierung konnte nur durch Export von Agrargütern ins kapitalistische Ausland erwirtschaftet werden, doch diese Güter standen nicht zur Verfügung. Bucharins Ansatz: Förderung von erfolgreichen Bauern ("Bereichert euch!"), damit deren Überschuss abgeschöpft werden kann. Gegenpol war der Wirtschaftstheoretiker Jewgeni Preobraschenski, der das Ausquetschen des privaten Sektors empfahl. Stalin war damals als Generalsekretär noch auf der Seite Bucharins und meinte, dass dies "nicht tolerierbare Opfer" fordern würde. Zukunftsweisend war die Ansicht der beiden, dass der Sozialismus in einem Land aufgebaut werden müsse. Es werde in absehbarer Zeit keine Revolutionen in führenden Industriestaaten geben.

Die Wende kam beim 15. Parteitag 1927. Es wurde beschlossen, die Industrialisierung voranzutreiben und die Landwirtschaft zu kollektivieren, wobei aber noch von einem langsamen, freiwilligen Prozess ausgegangen wurde. Bereits 1926 wurde ein Gesetz verabschiedet, das Preistreiberei, Hortung und Nichtplatzierung von Agrargütern am Markt unter Strafe stellte. Die spätere Grundlage von Stalins Terrorherrschaft gegenüber Bauern. Auch erhielten die Kolchosen (einige gab es schon) Industriegüter zum staatlich fixierten niedrigen Preis, freie Bauern mussten sie zum hohen Marktpreis kaufen. Die staatlichen Aufkaufpreise lagen weit unter dem der freien Händler, sodass die Bauern Getreide zurückhielten oder verfütterten. Auch wurde ein progressives Besteuerungssystem eingeführt, das erfolgreiche Bauern belastete. Das Problem dieser Maßnahmen: Es fehlte jeglicher Anreiz für Bauern, für höhere Erträge zu sorgen, selbst "erfolgreich" zu werden. In ein paar Jahren kam hinzu, dass kein Bauer erfolgreich sein wollte, um nicht als "Kulak" abgestempelt zu werden und von Inhaftierung, Enteignung oder Deportation bedroht zu sein. Folge: 1928 lag der Ernteertrag in der Sowjetunion ein Viertel unter dem von 1927. Die Reaktion Stalins: Statt Erhöhung der Aufkaufpreise zog er Methoden des Kriegskommunismus vor. Märkte wurden geschlossen, private Händler verdrängt, Verweigerung des Verkaufs an den Staat wurde unter Strafe gestellt. Requirierungs-Einheiten trieben Getreide mit Gewalt ein. Bucharin sprach von Stalin nun als "Dschings Khan" und von einer Rückkehr der "militär-feudalen Ausbeutung".

Am 7. November 1929 kündigte Stalin in einem Artikel in der Prawda öffentlich die Kollektivierung der Landwirtschaft an. Bauern hatten sämtlichen Tierbestand in die Genossenschaft einzubringen, Ausnahmen wurden von Stalin verweigert. Den Parteikomitees, die es nicht schafften, innerhalb von zwei Tagen alle Bauern eines Gebiets in die Genossenschaft zu bringen, wurde in manchen Regionen der Parteiausschluss angedroht. Nicht in die Genossenschaften durften "Kulaken" (also die mit zwei Kühen oder Pferden) eintreten. Entweder erhielten sie ein Stück schlechtes Land oder wurden gleich nach Asien deportiert (was viele nicht lange überlebten). Als binnen kurzer Zeit 50 Prozent der Bauern in Genossenschaften waren, machte Stalin am 2. März 1930 in dem Prawda-Artikel "Vor Erfolgen von Schwindel befallen" (Text auf 1000dokumente.de) einen Rückzieher. Bauern durften aus der Genossenschaft austreten, jedoch wurde gleichzeitig die alte Dorfkommune aufgelöst, die Genossenschaften und die Partei hatten das endgültige Sagen am Land. Die Kollektivierungsoffensive ging nun nicht ganz so militärisch weiter und 1937 gab es schließlich keine freien Bauern mehr.

Der Widerstand gegen die Kollektivierung war enorm. In Kasachstan wurde beinahe der ganze Schafbestand geschlachtet, in der Ukraine wurde so viel requiriert, sodass kaum Futter für die Tiere übrigblieb, sodass 1931 aufgrund fehlender oder nicht mehr einsatzfähiger Zugtiere viel zu wenig ausgesät wurde und im Herbst 13 Prozent der Ernte nicht eingebracht werden konnte. Traktoren fehlten oder waren nicht funktionsfähig. Stalin sah sich in einem Krieg, der gegen die Sowjetmacht geführt werde, wie er in einem Antwortbrief an den Schriftsteller Michail Scholochow (Der stille Don) am 6. Mai 1933 ausführte:
Und der andere Aspekt ist die Tatsache, daß die geschätzten Bauern Ihres Distrikts – und nicht nur diese – gestreikt und sabotiert haben und auch bereit waren, die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot zu lassen! Die Tatsache, daß es eine stillschweigende und offensichtlich friedliche Sabotage (ohne Blutvergießen) war – ändert nichts an der grundsätzlichen Angelegenheit, nämlich, daß Ihre geschätzten Bauern einen Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht geführt haben. Einen Kampf auf Leben und Tod, lieber Genosse Scholochow!
Quelle: russlanddeutschegeschichte.de

Die Requirierungsquoten wurden trotz miserabler Lage in den Kolchosen massiv erhöht und lagen auch nach Anpassung nach unten durch Stalin selbst noch über den Werten, die einen Selbsterhalt ermöglicht hätten. Erschwerend kam hinzu, dass aus Übereifer manche Funktionäre falsche und überhöhte Erntezahlen an die Planungszentrale schickten. Als die Requirierungszahlen nicht eingehalten wurden, wurden im Wolgagebiet und in der Ukraine Tausende als "Saboteure" deportiert, die lokalen Parteigruppen wurden "gesäubert", die betroffenen Kolchosen wurden mit keinerlei Waren mehr beliefert. Die Maschinen-Traktoren-Stationen wurden zur Überwachung der Kolchosen mit Leuten von der OGPU besetzt. Nove schreibt von etwa sieben Millionen Hungerstoten zwischen 1931 und 1933 in der Sowjetunion. Als 1937 eine Volkszählung einen demographischen Rückgang bestätigte, wurden die Verantwortlichen erschossen und neue, gefälschte Daten veröffentlicht.

Dass die miserable Lage strukturell bedingt war, durfte den Verantwortlichen bewusst gewesen sein. Im Mai wurde Bauernfamilien erlaubt, ein kleines Stück selbst zu bebauen und eine kleine Anzahl von Nutzvieh zu halten, deren Produkte am Markt zu freien Preisen angeboten werden durften, nachdem die Kolchose ihre Abgabepflicht erfüllt hatte.

1927 wurde von der Partei auch die Industrialisierung beschlossen und der erste Fünfjahresplan (1929-1933) anvisiert. Dieser wurde mehrfach nach oben revidiert. Erreicht wurde auch die zweite Version nicht (Seite 190).

Plan1

Auch der Lebensstandard der Arbeitenden wurde nicht verbessert, was mit der Kollektivierung und der Zerschlagung des privaten Handels begründet wird, aber auch mit der Priorisierung der Schwerindustrie. Gebrauchsgüter gab es einfach nicht in ausreichendem Maße. Hinzu kamen beengte Wohnverhältnisse. Dass die Bevölkerung dermaßen unterversorgt war, dass - trotz florierendem Schwarzmarkt - nicht mal der mikrige Lohn ausgegeben werden konnte, beweise eine gesteigerte "Sparquote", auf welche der Staat 1932 nach Abschaffung der Rationierungen reagierte und ein nicht egalitäres Handelssystem einführte:


  1. Städtische Geschäfte mit Normpreisen: Waren zu stark subventionierten Preisen, aber mit begrenztem Angebot
  2. Staatliche kommerzielle Geschäfte: Waren wurden in staatlichen Geschäften zu höheren Preisen angeboten
  3. Geschäfte in Arbeitervierteln: Preise zwischen 1 und 2
  4. Dörfliche Geschäfte: Preise in etwa wie in 2
  5. Musterwarenhäuser: Preise über 2
  6. Devisengeschäfte: Zahlbar mit Devisen oder Gold. Für Sowjetbürger:innen nur mit Genehmigung zugänglich
  7. Legaler freier Markt


Hinzu kam ein illegaler Schwarzmarkt.

Die Einrichtung von 2+3 diente der Abschöpfung von Kaufkraft, die durch die Normpreisgeschäfte nicht erfolgen konnte. 4 war wohl Teil der erhöhten Abschöpfung der Landwirtschaft, was 1933 durch eine massive Erhöhung der dörflichen Preise für Gebrauchsgüter noch verschärft wurde. Industriekader, Manager und politische Funktionäre hatten ihre Privilegien in Sachleistungen: Zugang zu "geschlossenen" Geschäften, Zuweisung komfortablen Wohnraums, Kupons zum Erwerb von Qualitätsprodukten.

Die allgemeine Arbeiterschaft wurde in ihren Rechten hingegen beschnitten. Die Gewerkschaften werden zu Vollziehungsorganen von Weisungen, nicht gerechtfertigte Abwesenheit vom Arbeitsplatz wurde bei wiederholtem Vergehen streng bestraft: Verlust von Vergünstigungen, Kündigung, Verlust des Wohnraums. Ab 1940 war es ein strafrechtliches Vergehen, und das bereits bei 20 Minuten Verspätung.

Wie finanzierte der Staat seinen Haushalt bzw. die Industrialisierung?

  • Umsatzsteuer: Diese hat nichts mit dem zu tun, wie wir sie kennen, sondern es ist die Differenz zwischen staatlichen Aufkauf- und Distributionskosten für ein Produkt und dem Verkaufspreis. Auch waren die Aufschläge nach Produkten unterschiedlich. Seife zum Beispiel 70 Prozent, Glühbirnen 10 Prozent, Petroleum 90 Prozent
  • Verbrauchssteuer: Dies ist eine zusätzliche Steuer auf Güter wie Streichhölzer, Salz oder Alkohol (Gorbatschows Anti-Alkoholkampagne riss ein Loch in den Staatshaushalt!)
  • Staatsanleihen: Die Arbeiterschaft wurde zunächst angeregt und schließlich verpflichtet, jährlich Staatsanleihen in der Höhe etwa eines Monatsgehalts zu kaufen. Diese wurden 1947 bei der Währungsreform auf ein Drittel ihres Werts reduziert und nach einem Moratorium zwischen 1974 und 1990 mittels eines "Lotteriesystems" (die Zahlen wurden gezogen) im Nominalpreis zurückgezahlt. Ergo: mehr oder weniger eine Pflichtsteuer.
  • Deviseneinnahmen: Durch Export bzw. in den Devisenläden
  • Goldverkauf: Vor allem in Krisenzeiten
  • Geldpresse: Wenn alles das nicht reichte, wurde die Gelddruckmaschine angeworfen.


Direkte Steuern (Einkommenssteuern) waren irrelevant. Einkommen wurde mit maximal 4 Prozent besteuert, wenn überhaupt.

Auch die Planung wurde zentralisiert. Materialzuteilung und Produktverteilung wurde nun neben den Zielvorgaben zentral vorgegeben. Ein Handel zwischen Unternehmen war nicht mehr möglich. Investitionen wurden vom Staat nun "geschenkt" und waren keine rückzuzahlenden Kredite mehr. Das zentrale Planungssystem war abgeschlossen, bis zu Gorbatschow wurde nur mehr an den Organisationsstrukturen herumgedoktort.

Ab dem zweiten Fünf-Jahres-Plan (1933-1937) wurden die Rüstungsausgaben massiv erhöht. Aber auch für die Qualifizierung der Arbeitskräfte wurde durch Reformen im Bildungswesen gesorgt. Damit sollte die Produktivität gesteigert werden, was zusätzlich durch "Schockbrigaden" (berühmt ist Stachanow) erreicht werden sollte, also durch erhöhte Ausbeutung der Arbeiterschaft, was 1936 durch verbindliche Normenerhöhungen fixiert wurde. Sowohl Investitionen als auch das Nationalprodukt stiegen weiter, wenn auch in den Jahren 1937/38 ein wohl auf den massiven Säuberungen (Hinrichtungen) von "bürgerlichen" Spezialisten beruhender Einbruch zu erkennen ist. Die Reallöhne der Arbeiterschaft lagen selbst 1937 immer noch unter dem Wert von 1928, und das bei einer Lohnerhöhung von 35 Prozent gegenüber 1935.

Die Landwirtschaft erholte sich, etwa ein Drittel der Erträge verblieb bei den Kolchosen, das private Landstück erleichterte die Versorgung und wurde auch immer zentraler für die Lebensmittelversorgung der Sowjetunion. Das Geldeinkommen von Kolchosbauern, die nicht staatlich bezahlt wurden, blieb jedoch immer noch gering (das Jahreseinkommen entsprach ungefähr einem Paar Lederschuhe im staatlichen Laden). Bessere Aufkaufpreise erhielten Kolchosen mit Industriepflanzen wie Baumwolle. Die Infrastruktur der Kolchosen war weiterhin erbärmlich (nur vier Prozent waren an das Stromnetz angeschlossen, Kunstdünger erhielten hauptsächlich Kolchosen mit Industriepflanzen). Belastend war, dass ab 1935 Anschaffungen vom Traktor bis hin zu Nägeln Kolchosen nicht mehr zum Produktionspreis, sondern zum Einzelhandelspreis tätigen mussten, und dieser war - siehe oben - höher als der städtische Einzelhandelspreis.

Der dritte Fünf-Jahres-Plan wurde nur mehr bis 1941 umgesetzt (deutscher Überfall) und war schon ein militärisch geprägter, der nicht mehr alle Wirtschaftsbereiche öffentlich preisgab. Ab 1939 war die Sowjetunion ein Kriegsland (Überfall auf das geschwächte Polen, Finnlandkrieg) und erweiterte ihr Gebiet: Baltische Staaten, Ostpolen, Bessarabien. Den Kolchosbauern wurden 2,5 Mio Hektar (25.000 Quadratkilometer) selbst bebaubares Land entzogen, die Abgabenquoten wurden jedoch erhöht. Steigende Preise auf dem freien Markt weisen auf Versorgungsschwierigkeiten in staatlichen Geschäften hin. Die staatliche Überwachung wurde verschärft. Arbeitende mussten ein Arbeitsbuch führen, in dem festgehalten ist, wo sie arbeiten bzw. gearbeitet haben, und ein internes Pass-System beschränkte die interne Mobilität. Ein Arbeitsplatzwechsel ohne Genehmigung war nicht mehr möglich. Auch wurde die Arbeitszeit 1940 verlängert (6 Tage zu 8 Stunden). Ferner wurde die Mutterschaftskarenz verkürzt und es wurden Gebühren für Sekundar- und Hochschulen eingeführt.

Die Kriegsjahre ab dem Überfall Deutschlands war einerseits geprägt durch einen massiven Produktionsrückgang aufgrund der Gebietsverluste und Zerstörungen, andererseits wird die effektive Evakuierung von ganzen Fabriken in den Ural-Raum positiv als organisatorische Großleistung hervorgehoben. Bezüglich Rüstungsproduktion wird der Lend-Lease-Vertrag mit den USA als nicht kriegsentscheidend betont (das Verhältnis Sowjetunion:Lend-Lease war 480.000:9.800 Gewehre, 136.000:18.700 Flugzeuge, 102.500:10.800 Panzer). Wichtiger war der Import von Fahrzeugen, Lokomotiven, Werkzeugmaschinen, Nichteisenmetallen, Kabeln und Draht.

Die Aufkaufpreise für Agrarprodukte sanken, Lebensmittel waren rationiert, die Preise am freien Markt stiegen exorbitant, was für einige Bauern, die noch Überschüsse produzierten, die Möglichkeit gab, Vermögen anzusparen, das jedoch durch die Währungsreform von 1947 vernichtet wurde. Insgesamt waren die Lebensbedingungen kriegsbedingt extrem harsch.

Insgesamt fielen 27 Millionen Sowjetmenschen dem Krieg zum Opfer. Der materielle Schaden wird von Nove zusammengefasst (S. 292):
Of the 11.6 million horses in occupied territory, 7 million were killed or taken away, as were 20 out of 23 million pigs. 137,000 tractors, 49,000 grain combines and large numbers of cowsheds and other farm buildings were destroyed. Transport was hit by the destruction of 65,000 kilometres of railway track, loss of or damage to 15,800 locomotives, 428,000 goods wagons, 4,280 river boats, and half of all the railway bridges in occupied territory. Almost 50 per cent of all urban living space in this territory, 1.2 million houses, was destroyed, as well as 3.5 million houses in rural areas.

Many towns lay in ruins. Thousands of villages were smashed. People lived in holes in the ground. A great many factories, dams, bridges, which had been put up with so much sacrifice in the first five-year plan period, now had to be rebuilt.
Der Wiederaufbau nach dem Krieg bedingte, dass 88 Prozent der Investitionen in die Schwerindustrie und nur 12 Prozent in die Gebrauchsgüter- und Lebensmittelindustrie gingen. Aus den besetzten Ländern wurde so viel Industriematerial (zum Teil ganze Fabriken) abgezogen, wie nur möglich war. Politisch wurden Parteikontrolle und Zentralisierung verschärft. Den Fachministerien wurden Politbüromitglieder vorgesetzt, den Republiksministerium wurden Entscheidungsbefugnisse entzogen. 1946 war ein Dürrejahr, den Hungernden wurde wieder jegliche Hilfe verweigert, mehr als eine Million Menschen verhungerten, viele in der Ukraine. In Kolchosen wurde weiterhin kaum investiert (keine Elektrifizierung, kaum Baumaterial). Bis 1950 war die Umstrukturierung zur Kolchoswirtschaft in den baltischen Staaten abgeschlossen.

Die Aufkaufpreise für die Landwirtschaft lagen noch 1952 unter jenen von 1940, die Kolchosen hatten nun zusätzlich für den Transport der Güter zu den Großlagern zu bezahlen. Der Staat entzog der Landwirtschaft noch mehr Kapital als vor dem Krieg. Zahlen (in Rubel pro Zentner) gibt es für Staatshöfe (Sowchosen):

1940 - Aufkaufpreis 8,63; Produktionspreis 29,70
1952 - Aufkaufpreis 8,25; Produktionspreis 62,00

Die Steuer auf das privat genutzte Stück Land wurde erhöht, sodass der private Viehbestand zurückging. Der Staat reagierte mit einer absurden Entscheidung, dass auf das private Land eine Abgabesteuer unabhängig vom Besitz erhoben wurde. So musste jede Bauernfamilie Milch (ca. 250 Liter pro Jahr), Fleisch, Gemüse etc. abliefern, unabhängig davon, ob sie Kühe hatten oder nicht (nur 50 Prozent hatten welche). Wie sie das auftrieben, war dem Staat egal.

Die oben erwähnte Währungsreform von 1947 war keine nominale (100 Rubel blieben 100 Rubel), sondern zielte auf Vermögenswerte (in bar oder in Einlagen) ab. Bargeld wurde im Verhältnis 1:10 umgetauscht, nur Spareinlagen bis zu 3000 Rubel behielten ihren Wert. Die Pflichtanleihen wurden in einem Verhältnis von 1:3 umgetauscht. Sprich: Der Schuldenstand des Staats gegenüber seinen Bürgern war mit einem Schlag auf ein Drittel gesunken.

Der Lebensstandard wurde nach der Währungsreform leicht angehoben. Die Preise in den normalen Geschäften sanken, die freien Preise lagen zum Teil noch darunter, es kamen mehr Gebrauchsgüter auf den Markt als die Löhne stiegen, also sanken auch deren Preise.

Im Außenhandel spielte der mit den kommunistischen Satellitenstaaten RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) kaum eine Rolle. Bezüglich Wirtschaftsstruktur war die Konfrontation mit den USA relevant. Etwa ein Viertel der Staatsausgaben wurde 1952 in den militärischen Bereich gesteckt.

Nach Stalins Tod war zunächst die Macht bei dem Triumvirat Malenkow, Beria, Molotow. Krustschow lauerte in der zweiten Reihe. Die Entscheidung, die Verkaufspreise zu senken, führte wieder zu Versorgungsknappheit. Auch wurde der Kauf von Anleihen abgeschafft. Auch wurden die Aufkaufpreise bei den Kolchosen erhöht und die Abgabequoten gesenkt. Abgaben über der Quote wurden besser bezahlt (das Verhältnis für eine Tonne Getreide lag 1957 bei 25:80 Rubel). Auch war ein Wohnungsbauprogramm vorgesehen. Vernachlässigte Bereiche sollten auf einen Schlag verbessert werden, aber insgesamt war dies zum ersten Mal ein Konzept, welches die Staatseinnahmen senkte. Malenkow wollte eine Priorisierung der Gebrauchsgüterindustrie und ist wohl an dieser politischen Ausrichtung am Widerstand der eingesessenen Interessen der Schwerindustrie gescheitert.

Chrustschow konnte für sich die Macht nach Malenkow gewinnen (Beria war hingerichtet, Molotow hat sich mit Chrustschow verbündet und war Außenminister). Sein Stil ist erratisch und kampagnenorientiert. Für die Landwirtschaft (worin er Experte war) sah er die Umwandlung von Kolchosen in Staatsgüter (Sowchosen) vor, Kolchosen sollen zusammengelegt und Großbetriebe werden (es fehlte jedoch die Maschinisierung), in der sibirischen Steppe soll Neuland gewonnen werden (ging ein paar Jahre gut, dann waren die Böden ausgelaugt). Die privat erwirtschafteten Produkte wurden 1958 von jeglicher Abgabepflicht befreit.

Die Umstrukturierung der Planungs- und Weisungsketten (Regionalisierung) war ungeschickt und führte nicht zu Verbesserungen, da die Regionen natürlich Eigeninteresse versuchten umzusetzen. Auch die Trennung der Partei in industrielle und landwirtschaftliche Verantwortungsbereiche war nicht glücklich. Beides wurde nach Chrustschows Absetzung rückgängig gemacht.

Bezüglich Preisgestaltung war die Sowjetunion stabilisiert. Die Verbraucherpreise änderten sich bis 1980 kaum noch. Auch die Sozialgesetzgebung wurde wieder erweitert, und die Arbeitenden konnten wieder frei ihren Arbeitsplatz wechseln. Insgesamt resümiert Nove, dass die Reformen Chrustschows den Menschen mit den geringsten Einkommen zugute kamen. Nicht in den Griff bekam die Wirtschaft Malenkows Wunsch, qualitativ bessere Produkte herzustellen. Dazu hätten die Planvorgaben geändert werden müssen, die sich auf Tonnagen bezogen. Und wie Nove anekdotisch schreibt: Mit dickerem Blech wird der Plan eher erfüllt als mit dünnerem, und die Unernehmen waren nicht ihren Abnehmern verpflichtet, sondern dem Plan. Auch die Planvorgabe, so günstig wie möglich zu produzieren, stand einer Qualitätsverbesserung im Wege. Auch die Entwicklung neuer Produkte war stark gehemmt. Was nicht im Plan steht, wird nicht produziert. Dennoch waren mehr Konsumgüter erhältlich als je zuvor und es kam auch vor, dass Produkte wegen ihre schlechten Qualität von den Konsumierenden zurückgewiesen (nicht gekauft) wurden.

Außenpolitisch intensivierten sich die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Satellitenstaaten, auch um Aufstände wie in der DDR, in Polen oder in Ungarn zu vermeiden. Die DDR musste ab 1954 keine Reparationen mehr zahlen, sowjetisch requiriertes Eigentum wurde in der DDR und in Rumänien wieder zurückgegeben, Polen wurde entschuldet, Kredite (auch für China und Nordkorea) waren günstig. Ungarn erhielt nach der Niederschlagung des Aufstands Nothilfe. Auch zahlte die Sowjetunion für importierte Produkte Weltmarktpreise. Mit Indien und Argentinien wurden Handelsbeziehungen aufgebaut. Das Außenhandelsvolumen 1958 verdreifachte sich beinahe seit 1950.

Der Sieben-Jahres-Plan bis 1965 sah eine verstärkte Investition in der chemischen Industrie und bei der Öl- und Gasförderung vor, was auch mehr oder weniger gelang (Seite 363). Bemerkenswert laut Nove sei, dass mit 40 Prozent der Investitionen der Osten der Sowjetunion (der asiatische Teil) einen größeren Anteil erhielt als in früheren Plänen.

Plan2

Die Landwirtschaft war eine Heiß-Kalt-Dusche. Nach Abschaffung der Maschinen-Traktor-Stationen mussten die Kolchosen nun technisches Gerät anmieten oder ankaufen, was ihre finanziellen Möglichkeiten oft überstieg bzw. auf Kosten der Investitionen und der Bezahlung der Arbeitenden ging. Auch die Kampagnen, die gefordert wurden, waren letztlich nicht erfolgreich. Die Monokulturen des Neulands waren nicht nachhaltig, die Maiskampagne in für Mais ungeeigneten Gebieten war ein Fehlschuss. Die Abgabequoten waren oft irreal hoch und die Aufkaufpreise weit unter den Produktionskosten. Die Folge: Die Kolchosen verarmten immer weiter. Eine witterungsbedingte schlechte Ernte war neben der Ummodelung der Parteistruktur sowie der Kuba-Geschichte wohl der Knackpunkt, dass Chrustschow abgesetzt wurde, auch wenn er viele Probleme nicht selbst verursacht, sondern geerbt hat.

Breschnew stellte die alte Parteistruktur wieder her, versprach das Ende der Kampagnen-Politik und versuchte Landwirtschaft und Urbanität zu versöhnen, indem die Aufkaufpreise erhöht wurden, ohne die Verkaufspreise mit zu erhöhen. Die Wirtschaft wuchs, wenn auch von einem sehr niedrigen Niveau ausgehend. Was nie erreicht wurde, war ein Warenangebot, das den erhöhten Löhnen entsprach, und die Sowjetunion wurde immer mehr von Importen aus kapitalistischen Ländern abhängig (zum Beispiel Futtergetreide, um den erhöhten Fleischkonsum zu ermöglichen). Um dies zu finanzieren, kam Breschnew die Ölkrise von 1973 mit ihren steigenden Ölpreisen zugute. Aber es wurden auch Goldvorräte verkauft. Eine erhellende Feststellung Noves ist, dass der zehnte Fünf-Jahres-Plan 1980 nur bei zwei Produktkategorien erfüllt war: bei der Ölförderung und der Fahrzeugproduktion. Die beginnende Abschwung der sowjetischen Wirtschaft zeigt sich 1985. Der elfte Fünf-Jahres-Plan war in keiner Kategorie mehr erfüllt (Seite 387):

Plan3

Die Unterversorgung mit Gütern bei steigenden Löhnen wurde nun die Basis für Korruption, Bestechung, Unter-dem-Ladentisch-Verkäufe, Hortung. Es war ein extremer Verkäufermarkt, und die Käufer wurden als Bittsteller angesehen und auch so behandelt. Die Militärausgaben waren nach wie vor hoch. Außerdem ist Produktion und Distribution durch Ineffizienz, Vergeudung, sehr langsamen technischen Fortschritt, Unausgewogenheiten sowie Flaschenhälsen gekennzeichnet.

Außenpolitisch sind die 1970er Jahre durch Entspannung zwischen den USA und der Sowjetunion gekennzeichnet. Das kam auch dem Export zugute, wobei nach Nove neben Öl der Waffenexport an Entwicklungsländer zu erwähnen sei. Der Ölexport in die RGW-Länder war so gestaltet, dass der durchschnittliche Weltmarktpreis der letzten fünf Jahre zu zahlen war. Ab 1973 war der Ölimport für diese Länder daher sehr günstig. Im Gegenzug wurde er ab 1986 bei fallenden Weltmarktpreisen sehr teuer. Diese Preisgestaltung hätte nichts mit politischen Absichten zu tun gehabt, so seien die Verträge gewesen.

Die Entwicklung der Außenhandelsbeziehungen von 1965 bis 1984 (Seite 393):

Aussenhandel

Die erste Wertung Noves bezüglich Gorbatschow ist, dass sich nichts geändert habe. Er sei auf verschiedenste Hindernisse gestoßen.


  1. Ideologie: Markt und Sozialismus war für viele Kommunisten unvereinbar.
  2. Eigeninteresse: Partei- und Staatsfunktionäre wollten ihren Aufgabenbereich oder ihre Stellung nicht verlieren.
  3. Gewohnheit: Der Antrieb, eingefahrene Strukturen zu ändern, war bei vielen gering.
  4. Unwissen: Es gab kaum ein Wissen darüber, wie eine Marktwirtschaft funktioniert.


Die Folgen waren katastrophal. Die beklagte Stagnation der Breschnewzeit entwickelte sich zu einem Wirtschaftsniedergang (Seite 399/400):

Wachstum1

Plan4

Das Gesetz über staatliche Unternehmen von 1987 sollte Entscheidungsgewalt den Republiken übergeben, aber es war nicht praktikabel. Wirkung zeigte es hindoch einige Jahre später, als einige Republiken reklamierten, dass die nationale Eigentümerin nicht die Sowjetunion, sondern die Republik sei.

Das Genossenschaftsgesetz von 1988 hatte zum Ziel, Kleinunternehmen zu gründen, was auch passierte. Es wurde jedoch auch dahingehend genutzt, dass innerhalb von Staatsunternehmen Kooperativen gegründet wurden, mit deren Hilfe sich vor allem die obere Managementebene schnell bereichern konnte. Gleiches passierte bei Bankengründungen.

Insgesamt ergibt ein Mix an Faktoren, dass die Staatsausgaben stiegen und die Einnahmen fielen:

  • Die Antialkohol-Kampagne senkte die Einnahmen der Alkoholsteuer
  • Rückgang der Exporteinnahmen wegen des fallenden Ölpreises
  • Eskalierende Kosten der Lebensmittelsubventionierung
  • Steigende Ausgaben für lange vernachlässigte Bereiche (Gesundheitswesen, Bildung, Pensionen, Wohnen)
  • Über 100.000 neue Investitionsprojekte (gegen die Vorgaben)
  • Exorbitante Rüstungs- und Militärausgaben - zwei Drittel der Beschäftigten im Maschinenbau waren im Rüstungssektor beschäftigt


Nicht in Angriff genommen wurde die Preisschere. Die Preise der Lebensmittel in den Städten entsprachen nicht den Produktionskosten. Profitiert hätten davon laut Nove aber nicht diejenigen, die eine Unterstützung benötigt hätten, sondern die Moskauer Bevölkerung und diejenigen, die sowieso Zugang zu den Spezialgeschäften gehabt hätten. Die Ärmsten in der Sowjetunion wären auf den sehr teuren freien Markt angewiesen gewesen. Auch an den stark subventionierten Preisen für Energie und Holz sei nicht gerüttelt worden. Es habe einfach Angst vor Widerstand gegeben. Dieses Zögern jedoch hätte dazu geführt, dass 1991 die unausgewogenen Preisrelationen in Bezug auf hohe Geldmenge und knappe Güter zu einer nicht steuerbaren Hyperinflation geführt hätten. Verschärft wurde die Krise durch den Zerfall des RGW, wodurch es zu Knappheiten bei benötigten Ausrüstungen gab. Frühere Preisinterventionen hätten laut Nove dies möglicherweise verhindern können. Die Erhöhung der Großhandelspreise im Januar 1991 und der Verbraucherpreise im April 1991 sei zu spät gewesen, vor allem habe es wegen des Zusammenbruchs der Produktion kaum noch Produkte zu erwerben gegeben. Am 2. April 1991 wurde schließlich der private Handel unter Einschluss der Möglichkeit, Angestellte einzustellen, ermöglicht.

Der Abfall der Republiken (Russland erklärte sich 1990 selbständig) hatte nicht nur rechtliche Auswirkungen bezüglich des Zuständigkeitsbereichs von Gesetzen und soziale aufgrund der Durchmischung der Bevölkerung (Mischehen sowie Menschen, die nicht in der Heimatrepublik lebten), sondern auch wirtschaftliche. Die Produktionsketten waren über Republiken verteilt, die nun zerrissen waren. Kollaps und Konflikte drohten. Im Herbst 1990 machte Gorbatschow nochmal eine Kehrtwendung und scharte Konservative um sich (die zum Teil 1991 einen Putschversuch starteten), im Januar 1991 versuchte er vergeblich eine Abspaltung der baltischen Republiken militärisch zu verhindern. Nach dem gescheiterten Putschversuch im August 1991 war Gorbatschow Präsident eines Staates, den es de facto nicht mehr gab.


1x zitiertmelden

Welches Buch lest ihr gerade?

02.09.2026 um 17:52
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Die innerhalb der Partei durchaus umstrittene Neue Ökonomische Politik (NÖP) setzte Marktmechanismen mit einem Geldkreislauf wieder in Kraft, privater Handel wurde erlaubt und war der wesentliche Grund dafür, dass landwirtschaftliche Güter wieder in ausreichendem Maß den Gesamtstaat versorgen konnten.
Die NÖP war die Chance, dass die Sowjetunion wieder in gemäßigte wirtschaftliche und politische Richtung sich entwickelt, leider wurde die Chance vertan.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Der Widerstand gegen die Kollektivierung war enorm. In Kasachstan wurde beinahe der ganze Schafbestand geschlachtet
Während der Kollektivierung in Kasachstan 1930 bis 33 sind rund 40% der Bevölkerung verhungert,
das waren um die 2 Millionen Menschen, dazu kamen noch 1 Million Flüchtlinge. Die Gründe waren u.a, dass die Kasachen, die als Nomaden lebten, von der Sowjetmacht gehindert wurden, mit ihren Herden umherzuziehen.
Die kasachische Hungersnot von 1930–1933 , auch bekannt als Ascharischlyk [ a ], war eine Hungersnot in der Kasachischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik , die damals Teil der Sowjetunion war. Schätzungsweise 1,3 bis 2,3 Millionen Menschen starben, die meisten von ihnen ethnische Kasachen
Die Hungersnot war eine direkte Folge der sowjetischen Kollektivierungspolitik
Wikipedia: Kazakh famine of 1930–1933


1x zitiertmelden

Welches Buch lest ihr gerade?

02.09.2026 um 23:44
Zitat von parabolparabol schrieb:Während der Kollektivierung in Kasachstan 1930 bis 33 sind rund 40% der Bevölkerung verhungert
Das ist purer Wahnsinn. Ich glaube, Nove hat das auch erwähnt. Aber alleine sich das vorzustellen, bringt einen um den Verstand.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

03.09.2026 um 00:33
Mao war auch nicht ohne:
Durch seine Massenkampagnen sind viele Millionen Menschen gestorben. Währenddessen hat er laut der Biographie seines Leibarztes Li Zhisui in Luxus geschwelgt und mit 2.000 Frauen geschlafen.

Übrigens: Auch diese Biographie ist eine Leseempfehlung. Sie hat mich wach gehalten, als ich meinen Wehrdienst geleistet habe und auf Posten nicht einschlafen durfte. :)

A1-YEqYZYyL. AC UF8941000 QL80


1x zitiertmelden

Welches Buch lest ihr gerade?

04.09.2026 um 10:58
das Buch hatte ich bereits vor längerer Zeit mal begonnen, hatte es aber noch nicht zu Ende gelesen:
Roberto Yáñez wuchs als Sohn von Sonja Honecker und des chilenischen Dissidenten Leonardo Yáñez Betancourt in Ost-Berlin auf. Seine Großeltern mütterlicherseits waren der langjährige SED-Generalsekretär Erich Honecker und die Volksbildungsministerin Margot Honecker.
Quelle: Wikipedia: Roberto Yáñez

ich-war-der-letzte-buerger-der-ddr-tasch.webp


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

05.09.2026 um 13:26
Zitat von MomjulMomjul schrieb:Mao war auch nicht ohne:
Durch seine Massenkampagnen sind viele Millionen Menschen gestorben.
Mao war ja Stalinist. Stalin ist 1953 gestorben, in der Sowjetunion fing das Tauwetter unter Chruschtschow an, in Mao lebte aber Stalins böser Geist weiter.
Mit den Massenverbrechen gings in China erst iin den 60ern so richtig los.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

05.09.2026 um 15:28
Bis heute wird Mao als Einiger Chinas gefeiert.

Dabei waren das Tschiang Kai-shek und andere.


melden