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Politischer Islam (Islamismus)

385 Beiträge, Schlüsselwörter: Islam, Westen, Islamismus, Khomeini
Realo
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Politischer Islam (Islamismus)

19.11.2016 um 17:23
Als ich im Winter 1979 als junger Student meine erste Auslandsreise machte, nach Marokko, kam mir eines Spätnachmittags mein einheimischer Freund, Student aus Agadir, freudestrahlend entgegen. "Hörst du das Hupkonzert? Es ist geschafft, die Revolution hat gerade begonnen. Dafür lade ich dich heute mal ein. Sag mir, wo du hingehen willst, was du essen und trinken willst, ich werde für alles sorgen."

Khomeini war aus dem Exil nach Teheran zurückgekehrt, um zu übernehmen.

Für die Muslime war er sicherlich der wichtigste Mann nach Mohammed; sie verehrten ihn wie einen Halbgott. Aber er war nicht nur ein religiöser Führer, sondern auch und vor allem ein politischer und hat mit Spätzeitwirkung das geschafft, worüber hier in immer mehr Threads gestritten wird. Ohne Khomeini keine AfD? Sehr weit hergeholt, aber die Beziehung ließe sich nahtlos rekonstrúieren. Ein andermal.

Ein paar Tage später machter ich auf der Rückfahrt noch zwei Tage in Casablanca Station, damals dem "Paris des Südens". Da war ein Strandbad, wo sich neben europäischen Touristen auch die Schickeria der Einheimischen traf. Junge Frauen in knappen Bikinis, die sich von Europäerinnen allenfalls durch ihre etwas dunklere Haut unterschieden. Ein paar Jahre später, als ich noch mal da war, gab es das alles nicht, geradeso als wärs von einem anderen Stern gewesen. "Ich will keinen anderen Staat, ich will kein anderes Haus, ich will eine andere Welt", sagte Khomeini mal. (On another occasion emphasizing the importance of martyrdom over material prosperity, he said: "Could anyone wish his child to be martyred to obtain a good house? This is not the issue. The issue is another world." )
Wikipedia: Ruhollah_Khomeini#Emigration_and_economy

Da haben wirs, das ist ein extrem wichtiger Punkt, wenn wir die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus, zwischen Religion und politischem Islam herausarbeiten wollen.

Für die Religiösen war das Himmelreich schon stets ein "Jenseits". Auch wenn es Jesus anders formulierte, nämlich dass es nur hier und jetzt sein kann, wenn… und dann kommt der ganze Rattenschwanz an Bedingungen, die die Menschen erfüllen müssten, damit es so kommt. Mohammed sah das ähnlich. Und auch Khomeini – und mit diesem Anspruch, die Umma im Hier und Jetzt zu erreichen, was bedeutet, eine andere Welt innerhalb der hiesigen zu errichten, hat er, ohne daraus eine Vorlesung machen zu müssen, mit diesen paar dürren Worten das Programm des politischen Islams formuliert.

Deshalb, genau deshalb, war das Land an seinem Todestag außer Rand und Band. 3,5 Millionen Trauernde allein in Teheran. Und das nach all den politischen und wirtschaftlichen Debakeln, in die er es in seiner 10-jährigen Herrschaft hineingeritten hat.

Ich versuchte mit meinem Freund auch über die zwiegespaltene Kultur der Araber bzw. der Muslime zu sprechen, die einerseits den Westen als Satan verdammen, ihn andererseits in Sachen Mode noch "links" bzw. westlich zu überholen versuchen, sich gleichzeitig aber nicht von ihrer traditionellen Kultur und von einer starren, unbeweglichen Interpretation dessen, was Islam ist und ausmacht, emanzipieren können. Seine Antwort war, dass das wohl nur ein Ausflug in die Denk- und Lebenswelt des Westens war, dass es aber grundsätzlich keine Einigung zwischen Islam und Christentum, anderen Religionen oder Atheismus geben kann, so dass wie uns "morgen", also bei einer hypothetischen Wiederbegegnung ein paar Jahre später, nicht als Freunde begegnen werden, sondern als erbitterte Feinde.

Ich konnte das nicht glauben, aber er sollte wohl recht behalten.

Ziel des politischen Islams ist es also wohl, die ganze Welt zu islamisieren, auch wenn deren Anhänger nicht so dumm sind um nicht zu wissen, dass das unmöglich ist. Aber Aufgabe des politischen Islamisten ist es nun mal, eben dies nicht hinzunehmen, sondern mit allen Mitteln, auch jenen, die wir für verabscheuenswert und hochgradig kriminell halten, dafür zu kämpfen, da es nach ihrer Sicht kein Zusammenleben zwischen Gläubigen und Ungläubigen geben kann. Was aber in einer globalisierten Welt heißt, dass es für sie keinen Nichtkriegszustand geben kann.

Wikipedia: Islamism

Das hieße dann in letzter Konsequenz, dass noch ein Weltkrieg in petto ist?

Im Jahr 2010 gab es weltweit 2,3 Mrd. Christen, 1,6 Mrd. Muslime und knapp 1 Mrd. Hindus. Wir dürfen nach der Entwicklung der letzten Jahre davon ausgehen, dass sich dieses Verhältnis seither sehr extrem zugunsten des Islams entwickelt hat, zumal die Christen tendenziell immer mehr Atheisten werden. Wahrscheinlich gibt es schon heute mehr gläubige Muslime als Christen, und in 5 Jahren wird das Verhältnis noch viel krasser sein.

Wo es also um 1/3 oder vielleicht bald auch schon die Hälfte der Menschheit geht, da ist ein Weltkrieg, wenn es um "Grundsätzliches" geht, alles andere als ausgeschlossen. Warum es einen Dialog nicht geben kann, hab ich ja schon kurz angedeutet.

Oder seht ihr das anders? Give me hope, Joanna, give me hope, Joanna, give me hope before the morning come…


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19.11.2016 um 17:40
@Realo
Also aus meiner Sicht ist ein Politischer Islam und Terrorismus ein und das selbe, vor allem wenn um Schikane, denunzieren, beschatten, ausspieronieren, unter Druck setzen geht, all das sind Instrumente die in Islamischen Länder gern benutzen um die "Gläubigen " am glauben zu halten.


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19.11.2016 um 17:46
Ja das ist klar, dass zwei antagonistische Seiten die Begriffe ebenfalls antagonistisch besetzen. Was für uns islamistischer Terrorismus ist, ist für sie heiliger Krieg zu Errichtung des Gottesstaats. Das ist jetzt aber ein bisschen dünn, das wussten wir auch vorher schon.


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Politischer Islam (Islamismus)

19.11.2016 um 19:51
Islam und Islamismus sind zunächst einmal unterschiedliche Kategorien. Das eine ist ein Glaube, eine Weltreligion, das andere eine politische Vision oder Ideologie. Nun verhält es sich aber so, dass diese beiden Kategorien nicht ganz sauber voneinander zu trennen sind, nicht nur, weil zweiteres ohne ersteres gar nicht existieren würde, sondern da der Islam in sich wiederum eine politische Vision darstellt und zwar von Beginn an.

Mohammed ist durchaus, mit heutigen Begrifflichkeiten gesprochen, als arabischer Nationalist anzusehen. Sein Ziel war es offenbar, die einzelnen Beduinenstämme der Arabischen Halbinsel zu einem Volk zu formen und dieses anzuführen. Deshalb betont der Koran ja auch, dass es nur einen Gott gibt. Es ist anzunehmen, dass die verschiedenen arabischen Stämme ihre jeweiligen Stammesgottheiten verehrten, von daher dürfte die Idee von der Annahme eines einzigen universellen Gottes ein Bild für die Einheit des Volkes sein. Man muss bedenken, dass es seinerzeit selbstverständlich war, einen Bezug zu den Göttern oder Gott herzustellen, um einen Machtanspruch, der einer politischen Ideologie offenbar zwingend zugrunde liegt, zu formulieren. Ob Mohammed tatsächlich die Schaffung einer Weltreligion vorschwebte, dürfte wohl kaum überliefert sein und es ist auch nicht wirklich anzunehmen, seine Ambitionen für die "Umma" waren wohl eher auf Arabien gerichtet, möglicherweise zunächst auf den Raum um die Städte Mekka und Medina. Ganz offensichtlich hat er sich aber ein Beispiel an den Juden genommen, hier gab es bereits ein Volk, das unter dem Glauben an den einen Gott geeint war.

Die Expansion des Islam über die Arabische Halbinsel hinaus erfolgte erst nach Mohammeds Tod unter den Kalifen bzw. der Omaijadendynastie. Womöglich verlor man beim Versuch, eine originär arabische Nationalreligion in rasantem Tempo über die ganze damals bekannte Welt zu verbreiten, das eigentliche Ziel aus den Augen. Schließlich kam es ebenso schnell zu erneuten Spaltungen, bei denen die alten Stammeskonflikte wohl auch eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben dürften und wenn man heute sieht, dass es eigentlich keine arabische Nation, sondern 22 einzelne arabische Staaten gibt, müsste deutlich werden, dass sich die Vision des Propheten 1400 Jahre nach seinem Tod noch nicht ansatzweise erfüllt hat. Was aber haben z. B. die Türken oder die Perser mit der Einheit der Araber am Hut? Offenbar hat man versucht, diese Völker über die Annahme des islamischen Glaubens quasi in ein arabisches Volk mit einzugemeinden, das hat jedoch wohl kaum funktioniert, heute haben Türken wie Perser eindeutige und eigenständige nationale Selbstverständnisse und ihre entsprechenden Staatsgebilde, dies fehlt ausgerechnet den Arabern bislang.

Eine bessere Lösung als die derzeit verbreitete verblendete Raserei wäre daher allemal eine Neuauflage des gesamtarabischen Nationalismus ohne dezidiert religiösen Bezug wie ihn z. B. Nasser im 20. Jh. bereits propagiert hatte. Die Abkehr von der Religion an sich ist deshalb wichtig, weil der Gottesbezug wie oben beschrieben nur ein Vehikel war, das im 7. Jh. gebraucht wurde, um eine politische Vision zu verbreiten, heute ist das nicht mehr unbedingt notwendig. So könnte der Islam losgelöst von der politischen Ideologie als Glaube weiterhin bestehen, immerhin stellt er mittlerweile auch eine gewichtige und prägende kulturelle Grundlage in der entsprechenden Region dar. Ein Araber müsste dann allerdings auch nicht zwangsläufig Moslem sein, es reicht im nationalen Kontext schließlich vollkommen aus, wenn er dem arabischen Kulturraum zugehörig ist.

Der Fehler beim Nasserismus lag übrigens nicht an der Idee selber, sondern in der Umsetzung, da aufgrund des Allmachtsanspruchs der Potentaten einzelner arabischer Staaten, an vorderster Front Nasser selber, das Projekt eines großarabischen Staatsgebildes zum Scheitern verurteilt war.

@Realo
Im Übrigen gebe ich deinem marokkanischen Freund Recht, ein Zusammenleben ist in diesem Sinne wohl nicht unbedingt vorgesehen. Kulturelle Identitäten sind nun einmal prägend, auch wenn das viele möglicherweise nicht wahrhaben wollen, ein Blick in die heutige Realität zeigt genau dies. Wirklich öffnen kann man sich ohnehin erst dann, wenn man sich der eigenen Identität sicher ist, das klingt abgedroschen, ist aber so und wahrscheinlich erst dann ist auch die Konfrontation mit verschiedenen kulturellen Identitäten nicht mehr konfliktträchtig. Derzeit ist die Phase der Findung kultureller Gewissheit – nicht nur bei den Arabern! – eben noch längst nicht abgeschlossen. Ob es da Sinn macht, dies ausschließlich im Individuum "als Mensch" zu suchen, ist angesichts der Tatsache, dass Menschen schon allein aufgrund ihres biologischen Erbes nun einmal zur Gruppenbildung neigen, eher zweifelhaft, wenn nicht gar vermessen.


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19.11.2016 um 20:12
Sehr gut und interessant, was du geschrieben hast. Allerdings wusste man bereits mit der Eroberung und Islamisierung Persiens (zu dem damals auch der heutige Irak gehörte), dass es mit der "Arabisierung" wohl nicht ganz klappte. Man war zwar eine hauchdünne arabische Oberschicht, die sich aber selbst sehr schnell und sehr gründlich iraniseirte (wie sich ja schon das gesamte Seljuk-Reich und später die Safavid-Dynastie von einstigen Türken zu Iranern verwandelt hat - es reichte eifach zur iranischen Sprache überzuwechseln).

Aber spätestens, als man merkte, dass es keine arabische Nationalisierung sein konnte, wurde es eine Islamisierung um der Sache willen.
DerKlassiker schrieb:Eine bessere Lösung als die derzeit verbreitete verblendete Raserei wäre daher allemal eine Neuauflage des gesamtarabischen Nationalismus ohne dezidiert religiösen Bezug wie ihn z. B. Nasser im 20. Jh. bereits propagiert hatte. Die Abkehr von der Religion an sich ist deshalb wichtig, weil der Gottesbezug wie oben beschrieben nur ein Vehikel war, das im 7. Jh. gebraucht wurde, um eine politische Vision zu verbreiten, heute ist das nicht mehr unbedingt notwendig. So könnte der Islam losgelöst von der politischen Ideologie als Glaube weiterhin bestehen, immerhin stellt er mittlerweile auch eine gewichtige und prägende kulturelle Grundlage in der entsprechenden Region dar.
Ja, so war es aber bereits in den letzten Jahrhunderten - bis eben Khomeini kam, der das ganze neu aufmischte und sich explizit auf einen islamischen Gottesstaat bezog - wobei die jeweilige Nationalität zweitrangig war. Also das genaue Gegenteil vom Nasser-Kurs. das ist ja gerade das Wesentliche des Islamismus: dass er einen geeinigten Gottesstaat über alle nationalen Grenzen hinweg anstrebt. Aölles andere ist --- herkömmlicher Islam.
DerKlassiker schrieb:Derzeit ist die Phase der Findung kultureller Gewissheit – nicht nur bei den Arabern! – eben noch längst nicht abgeschlossen.
Ja aber bei den Arabern kommt eben noch die Kernproblematik hinzu, ob sie einen gemäßigten Islam wollen oder einen radikalen, also einen Goittesstaat. Ich denke, sie kennen den Unterschied noch besser als wir hier, haben aber das Problem, dass sie, wenn sie sich auf "islam light" festlegen, möglicherweise als zu glaubensschwach angesehen werden und in streng muslimischen Ländern wie Iran oder Saudi Arabien dadurch auch berufliche Nachteile haben. Vielleicht strebt ja sogar die Türkei ohne dies ausdrücklich so zu benennen einen islamischen Gottesstaat an. Zutrauen tue ich das Erdogan absolut.


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19.11.2016 um 22:58
@Realo

In der Entstehungszeit des Islam war die Globalisierung der Religion über Völkerschaftsgrenzen hinweg gerade en vogue, denkt man z. B. an das Konzil von Nicäa. Beim Christentum mag das ja einleuchten, da die Botschaft der selbstlosen Liebe auch nicht zwingend an einen konkreten Kulturkreis gebunden ist, auch wenn dieses Ziel wohl nahezu unerreichbar erscheinen mag. Der Islam jedoch richtet sich doch in seiner Kernbotschaft dezidiert an die Araber und ist daher als globale Religion nicht wirklich geeignet, mir erscheint er eher als arabische Spielart des Judentums. Das macht es Arabern neben den oft noch relativ stark vorhandenen Stammesidentitäten offensichtlich auch schwer, sich als Nation zu begreifen unabhängig vom religiösen Bezug als Muslime, natürlich muss man dabei auch die Auswirkungen der geografischen Dimensionen bedenken, die dank der arabisch-islamischen Expansion heute vom Persischen Golf bis nach Marokko reichen, wo gewiss jeweils sehr unterschiedliche Ausprägungen der arabischen Kultur vorzufinden sind. Ein transnationaler islamischer Gottesstaat ist wohl kaum eine gute Idee, es wäre sinnvoller, sich der Schaffung eines gesamtarabischen Staatsgebildes zu widmen. Bezeichnend dabei ist, dass Khomeini als Vorreiter des Gottesstaats Perser ist, der zudem der minderheitlichen schiitischen Glaubensrichtung angehört. Das verführerische an der Idee eines gesamtarabischen Nationalstaats wäre natürlich auch, dass dies nach dem Scheitern des Nasserismus wohl ausschließlich über den Pluralismus zu erreichen wäre. Da hätte die arabische Welt bestimmt noch einen sehr weiten Weg vor sich, aber auch eine große Aufgabe, die wohl Generationen erfordert.
Realo schrieb:haben aber das Problem, dass sie, wenn sie sich auf "islam light" festlegen, möglicherweise als zu glaubensschwach angesehen werden und in streng muslimischen Ländern wie Iran oder Saudi Arabien dadurch auch berufliche Nachteile haben.
Auch dies könnte sich bei einer Verschiebung weg von einer religiösen hin zu einer nationalen Identität in Wohlgefallen auflösen. Als Araber ist es doch letztendlich unerheblich, wie stark der Glaube an Gott ist. Der eine kann den ganzen Tag beten, der nächste sich ein Bierchen gönnen und die Dame kann im Minirock ausgehen, es sind dennoch alles gleichsam Araber, übrigens auch unabhängig davon, ob sie Muslime oder Christen sind. Durch diese Umstellung könnte auch die häufig geforderte Reform des Islam funktionieren. Natürlich ist das nun erstmal reine Theorie und grenzt möglicherweise sogar an Utopie; mir ist sehr wohl bewusst, dass Vereinigungsprojekte von Staaten und Identitätsumstellungen auch außerhalb des arabischen Kulturkreises nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sind, einen gewissen Hoffnungsschimmer bewahre ich mir hier dennoch und zwar aus folgendem Grund: Immerhin benutzt man sowohl im Maghreb wie am Golf seit jeher dieselbe Schriftsprache, ein zentrales Transportationsmittel kultureller Identität. Und mal ehrlich, so wie die Arabische Welt momentan verfasst ist, kann es doch keinesfalls bleiben…


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Politischer Islam (Islamismus)

20.11.2016 um 03:31
Realo schrieb:Ziel des politischen Islams ist es also wohl, die ganze Welt zu islamisieren, auch wenn deren Anhänger nicht so dumm sind um nicht zu wissen, dass das unmöglich ist. Aber Aufgabe des politischen Islamisten ist es nun mal, eben dies nicht hinzunehmen, sondern mit allen Mitteln, auch jenen, die wir für verabscheuenswert und hochgradig kriminell halten, dafür zu kämpfen, da es nach ihrer Sicht kein Zusammenleben zwischen Gläubigen und Ungläubigen geben kann. Was aber in einer globalisierten Welt heißt, dass es für sie keinen Nichtkriegszustand geben kann.
Die zündende Kraft der meisten Bewegungen des "politischen Islam" fängt nicht bei der Idee der Weltherrschaft an. Viele Bewegungen hatten das Ziel ihr Land von fremder Kolonialherrschaft zu befreien. Die Muslimbrüder entstanden als Antwort auf die Briten in Ägypten. Auch die Palästinenser haben sich nicht radikalisiert weil sie nach der Weltherrschaft greifen wollen, sondern als Antwort auf Israel.

Es ist aber einfacher realitätsferne Motive in den Vordergrund zu rücken. Wie die Weltherrschaft, das ist viel banaler und übergeht alle lokalen Ursachen solcher Bewegungen. So macht man aus politischen Bewegungen mit durchaus berechtigten Forderungen und Beschwerden stumpfsinnige Bösewichte. Dies ermöglicht dann die direkte Bekämpfung ohne das die Frage gestellt werden muss, ob irgendwas an den Forderungen und Beweggründen berechtigt ist.

Was die echten Tendenzen und Vorstellungen einer Weltherrschaft angeht, sind Muslime nicht machthungriger als der Rest der Welt. Ist ja nicht so als hätten andere Kulturen in Asien und Westen nicht immer versucht die Welt in irgendeiner Form zu beherrschen. Alle Welt spricht von der Supermacht USA die alles dominieren will, aber die problematischen Möchtegern Weltbeherrscher sieht man nicht in Washington oder Moskau sondern im politischen Islam? Einseitig.

Die echten Kandidaten für die Weltherrschaft, in der heute möglichen Form, als Hegemonie, sind nicht im islamischen Kulturraum zu finden. Sie sind in den USA, in der EU, in Russland, in China. Die hegemonialen Bestrebungen dieser Mächte offenbaren das nicht nur politische Muslime gerne ihren Einfluss ausweiten wollen.
Wenn du willst kannst du daraus auch ableiten das diese Mächte mit ihrer politischen oder kulturellen Prägung ungeeignet für die Koexistenz mit anderen Kulturen sind.
Wenn die Welt mit einer machthungrigen USA und China leben kann, dann auch mit einem machthungrigen politischen Islam. Man sollte jedenfalls keine einseitigen Darstellungen bemühen.


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20.11.2016 um 09:07
@lukistar
lukistar schrieb:Sie sind in den USA, in der EU, in Russland, in China.
Ist das so? Dann bitte ich Dich dies fundiert zu begründen.

Bei dem Thema: angestrebte Weltherrschaft... sehe ich weit und breit keinen Staat der dies wirklich anstrebt.
Okay.... vlt. der IS ... er hat zumindest versucht seinen Einflußbereich mit Gewalt zu vergrößern.

Natürlich hat jeder Staat seine geopolitischen Interessen.


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20.11.2016 um 10:10
@kukistar

Selbst wenn die ursprünglichen Beweggründe der Islamisten nachvollziehbar gewesen sind, so sind es ihre gegenwärtigen Taten nicht. Man kann barbarischen Terror nicht mit vergangenem erlittenem Unrecht rechtfertigen.

Deshalb ist ein entschlossener Kampf gegen den politischen Islamismus als menschenverachtende Ideologie ebenso notwendig wie vor einigen Jahrzehnten der Kampf gegen den Nationalsozialismus. Der wurde auch nicht in erster Instanz durch Integration gewonnen, sondern durch eine Zerstörung eines totalitären Systems.


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20.11.2016 um 10:39
@Realo
Ich habe ein Problem mit deinem EP, du sprichst vom politischen Islam, als wâre er 1979 enstanden, das stimmt so nicht, die Politik hat viel früher einfluss genommen und zwar kurz nach dem Tod von dem Propheten. Mit dem Umsturz im Iran hat der politische Islam in der Neuzeit das erste mal ein Staatsgebilde aber es gab ihn schon viel früher. Auch solltest du beachten das Khomeini nicht von jedem gefeiert wurde als er in der Air France Maschine nach Teheran geflogen ist, ich glaube mehr von dem Westen als von den Muslimen damals. Der Islam selbst befiehlt keine aggressive Expansion, im gegensatz zum Politischen Islam, aber wie er sich entwickelt hat sollte dir schon klar sein, er hat sich in den letzten Jahrhunderten transformiert, ist anders geworden, Mythen und Lügen wurden herangeholt um dies den Menschen zu verkaufen. Mit dem Nationalismus hat er erst seine heutige Struktur erhalten.


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20.11.2016 um 10:51
lukistar schrieb:Alle Welt spricht von der Supermacht USA die alles dominieren will, aber die problematischen Möchtegern Weltbeherrscher sieht man nicht in Washington oder Moskau sondern im politischen Islam? Einseitig.
Nein, es ist nicht einseitig. Weder China noch die USA haben eine vergleichbare Position zum Islamismus, für den immer noch die Zweite Fatwa von 1998 Leitbild ist: die Ermordung von Bürgern der USA und ihrer Verbündeten, wenn immer es möglich ist.

Ein Vergleich ist erst dann zu ziehen, falls sich die religiös-politischen Vorstellungen eines Jan van Leyden mit dem Aufstandkonzept Andras Breiviks verbänden und auf dieser Basis eine Kampfbewegung entstände. Dann wäre ich geneigt zu sagen, es gibt im europäischen Raum eine dem IS vergleichbare Bewegung.


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20.11.2016 um 11:16
@lukistar
Die Muslimbrüder entstanden als Antwort auf die Briten in Ägypten. (...) So macht man aus politischen Bewegungen mit durchaus berechtigten Forderungen und Beschwerden stumpfsinnige Bösewichte.
Bemerkenswert ist, wie Hamed Abdel Samad in seinem Buch "Der islamische Faschismus" beschreibt, dass die Muslimbrüder in derselben Zeit unter vergleichbaren ideellen Voraussetzungen entstanden, wie der italienische Faschismus oder die NSDAP. Alles Bewegungen, die als Reaktion auf eine tatsächliche oder vermeintliche unfaire Behandlung durch andere entstanden und sich alsbald in gewalttätigen Allmachtsfantasien ergossen. Die Kritik in Deutschland an der Einseitigkeit des Versailler Vertrags mag in einigen Punkten ja ebenfalls berechtigt gewesen sein, die Nazis aber waren letztendlich genau das, stumpfsinnige Bösewichte, Kriegstreiber und Massenmörder. Da gibt es durchaus eine Analogie zum heutigen Islamismus. Es gibt immer gute Gründe, Ungerechtigkeiten anzuprangern und sich dagegen aufzulehnen, das Recht, andere zu unterdrücken und brutal zu ermorden, leitet sich daraus aber bestimmt niemals ab.
lukistar schrieb:Die echten Kandidaten für die Weltherrschaft, in der heute möglichen Form, als Hegemonie, sind nicht im islamischen Kulturraum zu finden. Sie sind in den USA, in der EU, in Russland, in China.
Es ist absolut davon auszugehen, dass auch die muslimische oder arabische Welt irgendeine Form der Weltherrschaft ebenso wie die anderen genannten Mächte anstrebt, nur ihr fehlt im Gegensatz zu jenen momentan jegliche Grundlage dazu, weil es aufgrund der starken Partikularisierung der muslimischen Staatenwelt derzeit kein politisch homogenes Staatsgebilde oder ein entsprechend funktionierendes Bündnis gibt. Dies würde sich sicherlich ändern, sobald ein wie auch immer geartetes gesamtarabisches Staats- oder Bundeskonzept, wie ich es zuvor beschrieben habe, entstehen würde und wenn es sich auch zunächst lediglich um eine Art arabische EU handeln würde.


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20.11.2016 um 11:31
lukistar schrieb:Es ist aber einfacher realitätsferne Motive in den Vordergrund zu rücken. Wie die Weltherrschaft, das ist viel banaler und übergeht alle lokalen Ursachen solcher Bewegungen. So macht man aus politischen Bewegungen mit durchaus berechtigten Forderungen und Beschwerden stumpfsinnige Bösewichte.
Naja, zwischen der PLO und dem IS liegen noch ein paar Zwischenstufen. Ich glaube nicht, dass der IS primär lokale bzw. regionale Ziele verfolgt, sonst hätte er sich auch nicht von ISIS zu IS umbenannt. Man kann also schon nachvollziehen, dass er sich als DIE Gegenkraft gegen den von den USA dominierten Westen versteht und damit als historische Kraft.
lukistar schrieb:Die echten Kandidaten für die Weltherrschaft, in der heute möglichen Form, als Hegemonie, sind nicht im islamischen Kulturraum zu finden. Sie sind in den USA, in der EU, in Russland, in China. Die hegemonialen Bestrebungen dieser Mächte offenbaren das nicht nur politische Muslime gerne ihren Einfluss ausweiten wollen.
Das ist richtig, aber ihnen fehlt die supranationale kulturelle Kraft des Islamismus. Eine Nato kann schlicht nicht so einen dichten Zusammenhang zwischen den Menschen und Völkern herstellen wie dies die islamischen Kräfte tun. Und die Nato erzeugt auch keine Märtyrer. Die erste große Islamisierungswelle im 7. und 8. Jahrhundert zerbrach nicht an mangelbnder Willensbereitschaft, auch noch den Rest der damals bekannten Welt zu islamisieren, sondern an den zu weit gedehnten militärischen Grenzen, die den Gegnern einen jeweils regionalen Vorteil brachten, so dass z.B. Europa (bis auf Spanien) niemals islamisiert werden konnte. Das gleiche Problem hatte im Mittelalter das Osmanische Reich. Anders als bei der Invasion der Mongolen, bei denen es um reine kill & destroy Aktionen ging, hatten sich die europäischen Staaten noch rechtzeitig gegen das Osmanische Reich verbündet, um ein weiteres Vordringen zu verhindern. Es ist nicht der mangelnde Wille die ganze Welt zum Islam bekehren zu wollen, sondern es sind allein die begrenzten militärischen Mittel, die die islamische Bewegung stoppen.


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20.11.2016 um 13:59
Die Europäer und Amerikaner haben ziemlich abstruse Vorstellungen vom islamischen Fundamentalismus und subsummieren alles unter Fundamentalismus, was sie nicht verstehen oder was irgendwie vom konservativen Islam abweicht. So können sie z.B. nicht die himmelweiten Unterschiede zwischen schiitischem und salafistischen Fundamentalismus erkennen.

Wie komplex die Sache mit dem islamischen Fundamentalismus ist, kann man gut in der englischen Wikipedia nachlesen:
Wikipedia: Islamic_Principlism_in_Iran


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20.11.2016 um 14:08
Realo schrieb:Die Europäer und Amerikaner haben ziemlich abstruse Vorstellungen vom islamischen Fundamentalismus
Wer bitte sind "die Europäer" und "die Amerikaner"?


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20.11.2016 um 14:12
Ich empfehle "Zeichen auf dem Weg" von Sayyid Qutb. Gibt einen netten Einblick in die Gedankenwelt


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20.11.2016 um 14:53
@Realo
Realo schrieb:Die Europäer und Amerikaner haben ziemlich abstruse Vorstellungen vom islamischen Fundamentalismus und subsummieren alles unter Fundamentalismus, was sie nicht verstehen oder was irgendwie vom konservativen Islam abweicht.
Welche Erkenntnisse lassen Dich diese recht gewagte These vertreten?

Wiki zu verlinken ist jetzt zu einfach.


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Politischer Islam (Islamismus)

20.11.2016 um 15:04
Weil das zwei völlig verschiedene, total inkompatible Philosophien sind; geradeso als würde ein Muslim, der sich nicht in westlicher Philosophie auskennt, Marxismus und Neoliberalismus gleichsetzen, bloß weil sie beide irgendwie was mit Ökonomie zu tun haben.

Ich empfehle dir wirklich die verlinkte Lektüre und dort die weiterführenden Links, falls dich das Thema wirklich interessiert. Bin selbst noch in der Einlesungsphase, aber so viel kann ich schon sagen.

Man sollte also nur über Fundamentalismus bis hin zu islamischem Terrorismus - was die Ursachen und Strömungen anbelangt - disktuieren, wenn man zumindest über die Grundbegrifflichkeiten informiert ist und diese (und deren Unterschiede) nicht einfach nur aus einer europäischen Sichtweise heraus imaginiert. Die Vorstellung ist meistens ein schlechter Ratgeber bei Diskursen über eine nicht einfache und zudem unserer Kultur artfremde Materie.


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20.11.2016 um 15:15
@Realo

Nun.. ich denke nicht das ich meine europäische Sichtweise auf Fundamentalismus/Islamismus aufgeben muß um dies zu beurteilen.


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20.11.2016 um 15:32
Dann musst du allerdings sehr viel lesen, um die Unterschiede zwischen Salafismus und shiitischem Fundamentalismus ansatzweise zu verstehen.

Das ist allerdings auch das Problem mit Gesellschaften, die von einer absolutistischen (Staats-)Ideologie gelenkt werden, insbesondere im Bereich der Wissenschaft. In den kommunistischen Ländern war jede Wissenschaft eine "marxistische" und konnte nur durch diese Brille erlernt und praktiziert werden, was den Ostblock auch wissenschaftlich weit zurückwarf. In einem Gottsstaat wie Iran, in dem alles findamental-islamisch interpretiert wird, tut sich die Wissenschaft ähnlich schwer, in allen Aspekten mit der Ideologie konform zu sein, womit alles, das mit ihr inkompatibel ist, als nicht wissenschaftlich gilt. Damit kriegt sie nicht nur Probleme mit der Evolutionsbiologie, sondern mit vielem anderen mehr. Kein Wunder, dass diese Länder jetzt auch wissenschaftlich immer weiter hinterher hinken.

Also eine Dauerlösung kann das nicht sein. Das enthebt dich allerdings dennoch nicht der Aufgabe, diese intraislamischen Gegensätze kennenzulernen, wenn du z.B. die Geschichte islamisch motivierten Terrorismus' verstehen willst oder auch z.B. die Frage, wie eine Ideologie, wie sie vom IS gelehrt wird, überhaupt möglich werden konnte in einer überwiegend aufgeklärten Welt (auch normale Muslime kenen die Grundbegriffe der Aufklärung, weil sie auch Geschichte in der Schule gelernt haben), und weshalb andere Staaten, eben wie z.B. der iranische Gottesstaat, extrem gegen Terrorismus, auch islamischen sind. Und da bist du dann wieder bei dem Punkt, den Unterschied zwischen Salafismus und Shiitismus kennen zu müssen, um das nachvollziehen zu können.


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