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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

145 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Global Justice Report, Milliardäre besteuern, Thomas Piketty ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

21.10.2026 um 12:37
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Solange Geld als Schuld- und Spekulationsinstrument von Großbanken kontrolliert wird, erzeugt es schon Ungleichheit.
Falsch, die Zentralbanken machen das.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Geld entsteht ja auch dadurch, dass Banken Kredite (Schulden) vergeben.
Falsch, Geld entsteht durch Mehrwert, davon werde ua die Zinsen bezahlt.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Wer arm ist, zahlt Zinsen und wird ärmer.
Solange er keinen Mehrwert schafft, stimmt das.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Das System erzeugt quasi automatisch Ungleichheit :(
Nein, der Hauptgrund ist nach wie vor: wer nichts tut, der fällt zurück. In Deutschland fällt er sogar sehr weich.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Wenn man die Finanzmärkten und Banken aber die Macht entzieht, indem globale Vermögen und die Gewinne von KI-Giganten demokratisch besteuert werden, wird Geld von einem Machtinstrument der Wenigen zu einem Gestaltungsmittel für alle.
Da habe ich eine andere Meinung: Geld wird danach nichts mehr Wert sein, weil es weder Motivation ist, noch ein geeignetes Gegenwert zu Leistung/Mehrwert. Die Leute werden sch umorientieren und anders tauschen...um das zu unterbinden, braucht man Zwang.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Dafür muss kein Mensch mehr individuell bezahlen, weil es solidarisch getragen wird.
Falsch, steht im Bericht, Leistungsträger und Unternehmer somit ihre Inhaber.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:ie 5.000 Euro Kaufkraft sind dann für Wohnen, Vermögensaufbau (z.B. Eigentumswohnung) und Konsum da, so verstehe ich es zumindest.
Wenn das Pinke Pinketty System kommen sollte, kann man sich davon einen Kaffee kaufen.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Was mir an diesem Report jedoch am allerallermeisten :) gefällt,
Die Farbauswahl ist super, auch die sorgfältig gewählte Schrift.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Piketty verbindet die soziale Frage direkt mit dem Klimaschutz.
Pinketty verbindet ALLES miteinander: Macht, Gerechtigkeit, Klimaschutz, BGE, Care Arbeit, Feminismus, Tierschutz, Finanzsystem, Wirtschaftssysteme...einfach alles. Die Rationierung vom Klopapier fehlt, ist aber bestimmt irgendwo.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Überall auf der Welt scheint Unzufriedenheit bis tiefe Unzufriedenheit zu herrschen. Die gesellschaftlichen Spannungen nehmen spürbar zu, und der Frust entlädt sich immer häufiger in heftigen Konflikten, wie man den Nachrichten auch entnehmen kann. Sehr viele schütteln darüber nur den Kopf oder schimpfen über die Wut der Menschen, verurteilen sie. Nur ... tiefe Enttäuschung und Verbitterung entstehen nicht aus Nichts. Sie sind unübersehbare Symptome einer Krankheit: der extremen Ungleichheit.
Ja, in Deutschland werden Arbeitnehmer massiv benachteiligt, idiotische Zwangsversicherungen ohne Gegenwert, Hinderung am Vermögensaufbau, Gleichmacherei mit beitragsfreien Erwerbslosen.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Wenn Menschen das Gefühl verlieren, dass sich ehrliche Arbeit überhaupt noch lohnt, während die Vermögen an der Spitze leistungslos explodieren, bricht der soziale Vertrag.
Aus meiner Sicht unzulässige Verbindung. Arbeit lohnt sich in Deutschland einfach nicht, egal ob es 200 oder 400 Milliardäre gibt.
Der Staat bereichert sich durch Abzocke mehr an einem Arbeiter (40-50% vom Verdienst) als ein Milliardär (5-8%).
Der soziale Vertrag wird vom Staat gebrochen nicht von den Reichen sondern vom Staat mit mehr Steuern, mit höheren Steuern, mit steigenden Versicherungsbeiträge und sinkenden Leistungen aus diesen.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Dennoch haben viele Menschen eine seltsame Hemmung, das Problem an der Ursache anzugehen, und Multikonzerne und Milliardäre fair zu besteuern. Warum blockieren wir uns selbst?
Weil sie nicht das Problem sind? Nicht alle sind blöd oder lassen sich von kommunistische Lobbyisten aufhetzen.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Piketty will den Kapitalismus nicht abschaffen,
..nur ersetzen.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Es sorgt dafür, dass die Steuern auf ehrliche Arbeit für 90% der Menschen massiv sinken
Und auf die anderen 10% wird geschiessen...aber keine Sorge, einführen und die wird es nicht mehr geben. Da bin ich gespannt woher die anderen 90% den Zirkus finanzieren.


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

21.10.2026 um 15:15
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:falsch, die Zentralbanken machen das.
Zentralbanken machen nach meinem Dafürhalten die Spielregeln. Wer schiebt das Geld im Alltag denn millionenfach für Spekulationen hin und her? Das sind die großen Privatbanken, die die Vorgaben der Zentralbanken für ihre eigenen Interessen nutzen.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Falsch, Geld entsteht durch Mehrwert, davon werde ua die Zinsen bezahlt.
Du verwechselst doch gerade den Gewinn eines Unternehmers mit der Entstehung von Geld. Natürlich erwirtschaften Betriebe einen Mehrwert. Aber das Geld, mit dem dieser Gewinn überhaupt bezahlt wird, erschaffen private Banken vorher per Knopfdruck am Computer, wenn sie Kredite vergeben. Ohne diese Kredite gäbe es das Geld im Kreislauf ja gar nicht.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Nein, der Hauptgrund ist nach wie vor: wer nichts tut, der fällt zurück. In Deutschland fällt er sogar sehr weich.
Meine Fresse, schon wieder Deine völlig sinnfreien Vorurteile vom faulen Armen. Die Realität ist: im Handwerk, in der Pflege oder in Kitas schuften sich Menschen in Vollzeit ab und können sich kein Eigenheim mehr leisten, während immense Vermögen an der Spitze leistungslos durch Erbe explodieren.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Da habe ich eine andere Meinung: Geld wird danach nichts mehr Wert sein, weil es weder Motivation ist, noch ein geeignetes Gegenwert zu Leistung/Mehrwert. Die Leute werden sch umorientieren und anders tauschen...um das zu unterbinden, braucht man Zwang.
Arbeit lohnt sich vor allem deshalb nicht mehr, weil der ganze Reichtum, den Maschinen und KI erwirtschaften, fast nur noch bei den Tech-Giganten landet, statt der gesamten Gesellschaft zugutezukommen. So siehts aus.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Falsch, steht im Bericht, Leistungsträger und Unternehmer somit ihre Inhaber.
Blubb blubb. Diese Bereiche sollen aus dem Fonds gespeist werden.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Wenn das Pinke Pinketty System kommen sollte, kann man sich davon einen Kaffee kaufen.
Keine Sorge, es wird keine Leistung verboten. Schau nach Skandinavien im letzten Jahrhundert. Hohe Spitzensteuern und ein starkes soziales Netz hatten dort zu einer stabilen, kaufkräftigen Mitte geführt, nicht zum Untergang.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Die Farbauswahl ist super, auch die sorgfältig gewählte Schrift.
Das Auge isst bekanntlich mit.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Pinketty verbindet ALLES miteinander: Macht, Gerechtigkeit, Klimaschutz, BGE, Care Arbeit, Feminismus, Tierschutz, Finanzsystem, Wirtschaftssysteme...einfach alles. Die Rationierung vom Klopapier fehlt, ist aber bestimmt irgendwo.
In einer globalisierten Welt hängen Wirtschaft, Klima und sozialer Frieden nun mal zusammen. Ob's der Herr Apex erfassen kann oder nicht.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Gleichmacherei mit beitragsfreien Erwerbslosen.
Schluß jetzt! Hör auf mit dem Leistungsbezieher-Gebashe. Langt!
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Aus meiner Sicht unzulässige Verbindung. Arbeit lohnt sich in Deutschland einfach nicht, egal ob es 200 oder 400 Milliardäre gibt. Der Staat bereichert sich durch Abzocke mehr an einem Arbeiter (40-50% vom Verdienst) als ein Milliardär (5-8%).
Arbeit wird hoch besteuert, weil der Staat sich nicht an die globalen Tech-Giganten und Multimillionäre traut, die sich durch Steuertricks arm rechnen. Piketty will genau das umdrehen. Riesenvermögen fair beteiligen, damit die Steuern auf echte, ehrliche Arbeit drastisch sinken. Das entlastet den Mittelstand.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Weil sie nicht das Problem sind? Nicht alle sind blöd oder lassen sich von kommunistische Lobbyisten aufhetzen.
Wer die Erträge des Welthandels fair verteilen will, ist kein "kommunistischer Lobbyist". Aber es ist natürlich Simpelhausen, mit roten Gespenstern zu drohen, als sich einzugestehen, dass der aktuelle Turbokapitalismus die gesellschaftliche Mitte auffrisst.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:..nur ersetzen.
Wenn das Ersetzen von leistungslosen Milliarden-Monopolen durch eine soziale Marktwirtschaft für Dich das Ende der Welt bedeutet, sagt das mehr über Dein Weltbild aus als über Pikettys Report.
Zitat von ApexOneApexOne schrieb:Und auf die anderen 10% wird geschiessen...aber keine Sorge, einführen und die wird es nicht mehr geben. Da bin ich gespannt woher die anderen 90% den Zirkus finanzieren.
Bleib Du mal gespannt. Unternehmen, Fabriken, Immobilien und die KI-Infrastruktur lösen sich nicht in Luft auf, nur weil die Besitzer an der Spitze wechseln oder endlich Steuern zahlen. Und falls die obersten 1% wirklich beleidigt auswandern wollen ... die Konsummärkte, aus denen sie ihre Milliarden scheffeln, nehmen sie ganz sicher nicht mit. Grüße an Dödel!


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

24.10.2026 um 16:52
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb am 21.10.2026:Piketty will das System so umbauen, dass die existenziellen Dinge des Lebens (Gesundheit, Bildung, Pflege und die Rente) aus dem Markt genommen werden. Dafür muss kein Mensch mehr individuell bezahlen, weil es solidarisch getragen wird. Die 5.000 Euro Kaufkraft sind dann für Wohnen, Vermögensaufbau (z.B. Eigentumswohnung) und Konsum da, so verstehe ich es zumindest.
Wie meinst du das mit dem aus dem Markt genommen - kommt das Geld aus dem Markt, um diese existenziellen Dinge des Lebens bezahlen zu können - oder eher irgendwie andersrum? @mitH2CO3

Die Rente wird heute schon solidarisch getragen - kann man sagen - aber wenn das Geld quasi veruntreut wird, reicht es halt nicht dafür, wofür es gedacht war - zwar für jene, welche eingezahlt und für die Rentner vor ihnen ihren solidarischen Beitrag geleistet haben.
Ansonsten basiert unsere gesetzliche Sozialversicherung ohnehin auf dem Solidaritätsprinzip. Also bräuchte man eigentlich nur jene, welche du meinst, irgendwie dazu bringen, da auch ihren Beitrag zu leisten. Oder nicht?

Wohnen gehört für mich auch zu diesen existenziellen Dingen des Lebens, sowie Kleidung und Nahrung und und und - Konsum würde sich nach deinen Ausführungen bei mir also lediglich auf Luxus beschränken, ja und Vermögensaufbau.


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

24.10.2026 um 19:07
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb am 19.10.2026:Durchschnittseinkommen von rund 5.000 Euro monatlich für alle Weltregionen
Das muss ich mir mal durchrechnen. 2025 betrug das globale BIP etwa 110 Bio USD (Statista). Bei 8,4 Milliarden Menschen macht das pro Kopf monatlich etwa 1090 USD pro Kopf).

Dessen sind sich die Autor:innen auch bewusst (Seite 7).
Average per capita monthly gross national income (PPP Euros 2025) rises to 5,000 Euros in all countries by 2100. Today, it ranges from 290 Euros in Sub-Saharan Africa to 4,590 Euros in North America/Oceania (a 16-fold gap).
In 74 Jahren müsste also eine Verfünffachung der globalen Wertschöpfung stattfinden. Theoretisch ist das möglich. Von 1960 bis 2020 hat sich das globale BIP von nominal 1 Bio USD auf 100 Bio USD erhöht (macrotends.net, der Kaufwert des USD ist auf rund ein Zehntel gefallen (CPI inflation calculator).

Die Frage ist nur, ob die Durchsetzung eines relativ einheitlichen Welteinkommens möglich ist. Dies lässt sich gut an der Wirtschaftsgeschichte der Sowjetunion studieren. Die frühen Bolschewiken sind mit dem gleichen Einkommen für alle gescheitert, Stalin hat wieder eine extreme Einkommensschere installiert, um die Techniker für die Industrialisierung zu bekommen. Chrustschow hat die Schere beinahe geschlossen und die Aufkaufspreise für Kolchosen erhöht. Damit eine Grundversorgung der städtischen Bevölkerung mit mikrigem Einkommen sichergestellt werden kann, wurden Grundnahrungsmittel subventioniert, mit der Folge von Engpässen in der Versorgung. Gleichzeitig wurde Wohnraum gratis zur Verfügung gestellt und auf etwa 6-8 Quadratmeter pro Person beschränkt (außer Privilegienberechtigte). Das Wirtschaftssystem war unter Chrustschow und Breschnew ziemlich egalitär, aber auf einem Niveau, auf dem wohl niemand hier im Forum leben möchte. Außerdem war mit diesem System jeglicher Anreiz für Innovation und Investition gebrochen und schließlich ist das System implodiert.

Nun ein westeuropäisches Beispiel. Das durchschnittliche Brutto-Einkommen pro Monat liegt in Österreich 2025 bei 60.500 Euro (auf 12 Monate aufgeteilt sind das rund 5040 Euro), das Median-Einkommen liegt bei 55.000. Bei einer Inflation von knapp über 2 Prozent wären die 60.500 im Jahr 2100 etwa 265.000 Euro (auf 12 Monate aufgeteilt etwa 22.000).

Wenn man in Österreich das Durchschnittseinkommen verdient, hat man keinen Anspruch auf geförderte Mietwohnung mehr, sondern ist auf den freien Monatsmietmarkt angewiesen. In Wien kosten am freien Mietmarkt eine 70-Quadratmeter-Altbauwohnung (nicht am neuesten Stand, dann wäre man bei 1500) und eine 50-Quadratmeter-Neubauwohnung mit allem Pipapo etwa gleich viel: 1100 Euro inkl. Strom und Heizung. 1100 Euro 2025 wären bei knapp über 2 Prozent Inflation 2100 etwa 5000 Euro.

Ergo. Bei den Ideen des Global Justice Reports für 2100 müsste extremst in die Lohn- und Preisstruktur einzelner Länder eingegriffen werden. Dies ist den Autor:innen auch bewusst, da sie eine globale Währung, eine globale Zentralbank fordern und die Rückkehr zu Bretton Woods (Golddeckung, fixe Wechselkurse) wohl als Fallback, falls China und die USA nicht mitspielen, wie sie wohl zurecht annehmen.

Als Denkanstoß vielleicht interessant, in der Umsetzung jedoch nur bolschewistisch möglich. Es muss eine gewaltbereite Zentralmacht geben, welche diese Richtlinien durchsetzt, ansonsten werden diejenigen, die das wirklich versuchen, weggeschossen (wörtlich). Bei der Durchsetzung wird es für diejenigen, die dieses Vorhaben subventionieren, kein Leben in Pastellfarben (siehe Preisgefüge Österreich), und ich befürchte, dass bei Durchsetzung die wirtschaftlichen Grundlagen, die das finanzieren sollen, wegbrechen. Auch eine Erfahrung, die aus der Sowjetunion gelernt werden könnte. Statt Schlaraffenland wirtschaftlicher Zusammenbruch. Gut gemeint, Katastrophe geschafft. Der Geist, der stets das Gute will, doch stets das Böse schafft.


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

24.10.2026 um 20:18
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb am 19.10.2026:Einzelne können nicht mehr zu viel Macht durch ihre gigantischen Vermögen erlangen bzw. halten, was weitere Wahlkampffinanzierungen, extremen Lobbyismus in politischen Bereichen, Übernahmen von Medien vermindern/verhindern würde -> Schutz der Demokratie :)
Predige ich schon seit Jahren, dass es keine Milliardäre geben dürfte, aus genau dem Grund: Schutz der Demokratie


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

25.10.2026 um 10:20
Zitat von NiselprimNiselprim schrieb:Wohnen gehört für mich auch zu diesen existenziellen Dingen des Lebens, sowie Kleidung und Nahrung und und und - Konsum würde sich nach deinen Ausführungen bei mir also lediglich auf Luxus beschränken, ja und Vermögensaufbau.
Wohnen ist absolut existenziell. Pikettys Idee ist ja eigentlich, dass die Mieten durch staatlichen/gemeinnützigen Wohnungsbau so doll sinken, dass von dem Geld eben genug für das normale Leben und Sparen übrig bleibt.
Zitat von NiselprimNiselprim schrieb:Wie meinst du das mit dem aus dem Markt genommen - kommt das Geld aus dem Markt, um diese existenziellen Dinge des Lebens bezahlen zu können - oder eher irgendwie andersrum? @mitH2CO3
Mit "aus dem Markt nehmen" meinte ich, daß Krankenhäuser, Pflegeheime oder Schulen keine Profite für private Konzerne abwerfen sollten. Das Geld dafür kommt natürlich am Ende aus der Wirtschaft, aber eben über Steuern auf extreme Vermögen, statt daß der einzelne Bürger dafür zahlen muss. Das entlastet vor allem die Beschäftigten (oft ja Frauen) im Pflege- und Gesundheitsbereich.
Zitat von NiselprimNiselprim schrieb:Ansonsten basiert unsere gesetzliche Sozialversicherung ohnehin auf dem Solidaritätsprinzip. Also bräuchte man eigentlich nur jene, welche du meinst, irgendwie dazu bringen, da auch ihren Beitrag zu leisten. Oder nicht?
Beim Solidaritätsprinzip bin ich soweit bei dir. Unser System ist im Ansatz gut, aber ungrecht, weil sich die Über-Reichen ausklinken können. Wenn wirklich alle, auch mit ihren Gewinnen aus Aktien oder Immobilien, einzahlen würden, stünden wir schon viel besser da.
Ich stecke in den Steuer- und Finanzdetails auch noch nicht perfekt drin, aber ich finde den Ansatz, die Grundversorgung komplett vom Profitdruck zu befreien, wirklich interessant.

Btw. wir sprechen hier gerade von einem Modell, dass bis 2100 umgesetzt werden könnte, so der Wille dafür da wäre. Und es ist nicht so gemeint, dass es zwingend 1:1 umgesetzt werden müßte. Ich verstehe den Report so, daß er einen möglichen Weg aufzeigen will, wenn man diesen Themenkomplex (Klimawandel, Ausbeutung globaler Süden und Wirtschaftlichkeit) zusammen betrachtet. Ich verstehe Piketty absolut nicht als Kommunist, der den Kapitalismus zerschlagen möchte. Er zielt nach meinen Verständnis auf eine Transformation ab. Und die Aspekte, die ich bisher aus dem Report meine verstanden zu haben, finde ich sinnvoll. Ich habe den Eindruck, dass sie die Antworten/Vorschläge, die dort gemacht werden, den komplexen Problemen gerecht werden könnten. Der erste Schritt bleibt:

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25.10.2026 um 10:44
@Narrenschiffer
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Die Frage ist nur, ob die Durchsetzung eines relativ einheitlichen Welteinkommens möglich ist. Dies lässt sich gut an der Wirtschaftsgeschichte der Sowjetunion studieren.
Piketty fordert eben keine sowjetische Gleichmacherei, bei der im Jahr 2100 alle stur denselben Geldbetrag auf dem Konto haben oder Inflation ignoriert wird. Es geht darum, dass Menschen weltweit bis 2100 einen Lebensstandard erreichen sollen, der der Kaufkraft von 5.000 Euro im Jahr 2025 entspricht. Es geht nicht um Planwirtschaft, die vorschreibt, wer wie viel Wohnraum kriegt. Es geht um globalen Ausgleich. Extreme Gewinne aus der Ausbeutung des globalen Südens und der CO2-Ausstoß sollen gerechter besteuert werden. Das Geld soll in globale Infrastruktur (Bildung, Gesundheit) fließen, damit ärmere Regionen überhaupt erst aufholen können. Daß das ohne weltweite Regeln und Zusammenarbeit nicht funktioniert is klar. Aber globale Krisen wie der Klimawandel lassen sich ja nun mal nicht rein national lösen.

Piketty & Co. sind sich im Klaren darüber, dass man nicht sofort alle Länder in's Boot holen kann. Deshalb scheint ihr Ansatz auch darin zu liegen, zunächst mal mit einer Allianz der Freiwilligen zu beginnen, in der Hoffnung, daß sich vllt. später mal die G20-Staaten für ein gemeinsames Vorgehen durchringen können, oder eben bspw. die EU mit Schwellenländern. Selbstredend ist das ein langer Prozess bis 2100. Aber was bleibt denn alternativ anderes übrig, als diese großen Themen (Klima, Ausbeutung und Wirtschaftlichkeit) endlich zusammenzudenken, und im Report werden sie ja sogar mathematisch berechnet. Demnach scheint es auch rechnerisch zu funktionieren :)


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25.10.2026 um 11:22
Zitat von GrouchoGroucho schrieb:Predige ich schon seit Jahren, dass es keine Milliardäre geben dürfte, aus genau dem Grund: Schutz der Demokratie
Gute Predigt :Y: Das Modell rechnet ja konkret durch, wie man das Geld von den Superreichen und CO2-Verursachern dorthin zurückholt, wo es gebraucht wird, und zwar zunächst mal in den globalen Süden. Das ist doch die einzig gerechte Antwort auf eine Doppelkrise. Denn diese Regionen wurden erst Jahrhundertelang brutal vom Westen ausgebeutet und leiden jetzt am härtesten unter den Klimafolgen, die sie selbst am wenigsten verursacht haben.

Wenn es dem Süden wirtschaftlich besser geht, entsteht dort neue Kaufkraft. Das kurbelt am Ende die weltweite Nachfrage an und kommt langfristig auch wieder unserer eigenen Marktwirtschaft zugute. Es ist also eine win-win-Situation. Durch die Besteuerung von Multikonzernen hat man auch einen Hebel, um eine Produktion mit nachhaltigen, klimafreundlichen Materialien durchzusetzen. Zurzeit können wir als Verbraucher*innen zumeist nur das kaufen, was die Konzerne vor die Nase setzen. Und mehrheitlich sind das ja wohl sehr CO-2 intensive Materialien (insb. aber wohl im Baubereich). Also:

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25.10.2026 um 18:19
Doku-TIPP
Verfügbar bis zum 09/02/2027
Tax me (if you can!) (1/2) - Die Steuertricks der Superreichen
Der erste Teil der Dokumentation zeigt, wie die Ungleichheiten im Steuersystem im vergangenen halben Jahrhundert langsam, aber stetig zunahm. Einige Vermögende entwickelten unter US-Präsident Ronald Reagan die "Trickle-down-Theorie" und ließen die Welt glauben, dass ihre Steuererleichterungen im Laufe der Zeit auch dem Allgemeinwohl zugutekämen.
https://www.arte.tv/de/videos/123344-000-A/tax-me-if-you-can-1-2/


Tax me (if you can!) (2/2) - Millionäre kämpfen für Gerechtigkeit
Wer kämpft für mehr Steuergerechtigkeit? Der Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman ist der Held einer Bewegung, die in den USA ihren Anfang nahm. Einige Millionäre schlossen sich ihm an, um Staaten und Institutionen von der Notwendigkeit einer Reform für die Besteuerung der Superreichen zu überzeugen. Davon erzählt der zweite Teil der Dokumentation "Tax me (if you can!)".

Die Superreichen stehen im Visier von Politik und Öffentlichkeit. In Kanada, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Deutschland wird über Reichensteuern diskutiert. Der zweite Teil der Dokumentation "Tax me (if you can!)" blickt auf eine neue Steuergerechtigkeitsbewegung. Sie besteht einerseits aus Wirtschaftswissenschaftlern um den Franzosen Gabriel Zucman, der ein neues Steuerkonzept für Superreiche entwickelte. Andererseits gehören ihr auch politisch engagierte Millionäre, wie die US-Amerikanerin Abigail Disney, die Österreicherin Marlene Engelhorn und der Franzose Guillaume Rambourg, an. Ihr Anliegen: Sie fordern höhere Steuern, um einen gerechten Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten.
Vom G20-Gipfeltreffen über die Europäische Kommission und die französische Nationalversammlung bis zum US-Senat mischen sich diese "Steuerrebellen" in die öffentlichen Debatten ein. Ihr Slogan ist so einfach wie unmissverständlich: "Tax us now!".
https://www.arte.tv/de/videos/123345-000-A/tax-me-if-you-can-2-2/


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25.10.2026 um 19:01
Einige Vermögende entwickelten unter US-Präsident Ronald Reagan die "Trickle-down-Theorie" und ließen die Welt glauben, dass ihre Steuererleichterungen im Laufe der Zeit auch dem Allgemeinwohl zugutekämen.
Nennen wir es 2026 besser die Trickle down Lüge


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25.10.2026 um 19:34
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Es geht darum, dass Menschen weltweit bis 2100 einen Lebensstandard erreichen sollen, der der Kaufkraft von 5.000 Euro im Jahr 2025 entspricht.
Genau das habe ich ja ausgerechnet, dass dies nicht geht, selbst wenn niemand mehr monatlich hat als die 5.000. Dann bräuchte man ein globales BIP von heutigen (!) 500 Billionen Euro. Das ist knapp fünf mal mehr als das augenblickliche globale BIP. Und falls das Einkommen mit der Gelddruckmaschine erzeugt wird, hat man eine fette Inflation. Gut, die kann man verstecken wie in der Sowjetunion und auf jegliche Investitionen mehr oder weniger verzichten. Ist eh nichts da, wenn alles in den Konsum geht. Nur: Was tun, wenn die Regale leer sind?


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26.10.2026 um 10:36
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Wohnen ist absolut existenziell. Pikettys Idee ist ja eigentlich, dass die Mieten durch staatlichen/gemeinnützigen Wohnungsbau so doll sinken, dass von dem Geld eben genug für das normale Leben und Sparen übrig bleibt.
Nönö - wenn schon denn schon, dann sollen sie auch die Wohnungen kostenlos hergeben - und Kleidung und Nahrung :) @mitH2CO3
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Mit "aus dem Markt nehmen" meinte ich, daß Krankenhäuser, Pflegeheime oder Schulen keine Profite für private Konzerne abwerfen sollten. Das Geld dafür kommt natürlich am Ende aus der Wirtschaft, aber eben über Steuern auf extreme Vermögen, statt daß der einzelne Bürger dafür zahlen muss. Das entlastet vor allem die Beschäftigten (oft ja Frauen) im Pflege- und Gesundheitsbereich.
Ja gut. Man könnte auch noch die Post, Internet und Energie staatlich oder von den Gemeinden regeln lassen, so wie das Wasser auch nur von der Gemeinde geliefert und abgerechnet wird.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Wenn wirklich alle, auch mit ihren Gewinnen aus Aktien oder Immobilien, einzahlen würden, stünden wir schon viel besser da.
Denke ich auch.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Ich verstehe Piketty absolut nicht als Kommunist, der den Kapitalismus zerschlagen möchte. Er zielt nach meinen Verständnis auf eine Transformation ab. Und die Aspekte, die ich bisher aus dem Report meine verstanden zu haben, finde ich sinnvoll. Ich habe den Eindruck, dass sie die Antworten/Vorschläge, die dort gemacht werden, den komplexen Problemen gerecht werden könnten.
Wie bereits angedeutet, müsste man meiner Meinung nach das Kapital, also das Geld, wenigstens innerhalb der Gemeinschaft abschaffen, wollte man irgendwie eine finanzielle Gerechtigkeit für alle innerhalb der Gemeinschaft schaffen.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Es geht darum, dass Menschen weltweit bis 2100 einen Lebensstandard erreichen sollen, der der Kaufkraft von 5.000 Euro im Jahr 2025 entspricht. Es geht nicht um Planwirtschaft, die vorschreibt, wer wie viel Wohnraum kriegt.
Wozu noch Kaufkraft? Es wäre doch viel gerechter, wenn man einfach nur ins Lager zu gehen braucht und sich dort holt, was man benötigt. -> Das spart sehr viel Geld ;) :) :D


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

26.10.2026 um 13:57
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Genau das habe ich ja ausgerechnet, dass dies nicht geht, selbst wenn niemand mehr monatlich hat als die 5.000. Dann bräuchte man ein globales BIP von heutigen (!) 500 Billionen Euro. Das ist knapp fünf mal mehr als das augenblickliche globale BIP. Und falls das Einkommen mit der Gelddruckmaschine erzeugt wird, hat man eine fette Inflation. Gut, die kann man verstecken wie in der Sowjetunion und auf jegliche Investitionen mehr oder weniger verzichten. Ist eh nichts da, wenn alles in den Konsum geht. Nur: Was tun, wenn die Regale leer sind?
Im Report geht es um die Zeitspanne von heute bis zum Jahr 2100. Das sind fast 75 Jahre. Es soll und will in der Zeit niemand einfach die Gelddruckmaschine anwerfen. Es geht vielmehr um echtes, reales Wachstum über Jahrzehnte. Wenn die weltweite Wirtschaft bis 2100 durch technische Entwicklung, bessere Bildung und grüne Investitionen (insb. im globalen Süden) im Schnitt um nur knapp 2 % pro Jahr wächst, dann vervier- bis verfünffacht sich das globale BIP in dieser Zeit. Das ist historisch gesehen ja nicht utopisch. Du hattest selbst geschrieben, wie groß das Wachstum seit 1960 war. Tatsächlich liegt das weltweite Wachstum aktuell sogar bei über 3%. Die Annahme im Report ist demnach vorsichtig kalkuliert.

Es geht darum, dass die ärmeren Regionen durch gezielte Investitionen überhaupt erst mal die Chance bekommen aufzuholen. Wenn dort die Produktivität steigt, entstehen ja auch echte Werte und Waren. Das Geld dafür soll durch die Milliardärs-Steuern auf extreme Übergewinne und CO2-Ausstoß so umverteilt werden, dass der globale Süden zunächst erst mal am meisten davon profitieren soll.

Das eine mega Herausforderung und politisch schwer umzusetzen. Aber rechnerisch dürfte das Modell nicht scheitern, weil dem Geld am End eben auch echte Waren, bessere Infrastruktur und reale Leistung gegenüberstehen. Es ist Piketty & Co. zumindest rechnerisch scheinbar gelungen, dieses auch für Fachleute plausibel darzustellen. Zumindest wird das Modell in der UNO und in akademischen Kreisen sehr diskutiert, was man halt so aus den Medien entnehmen kann.

****

Btw. in Kalifornien wird im November über eine Vermögenssteuer abgestimmt. Scheint z.Zt. nicht ganz so gut zu laufen. Viele scheuen sich anscheinend dafür zu stimmen, weil die Ängste vor möglichem Jobverlust oder Wegfall von Steuern (so die Konzerne dort weggehen würden) sehr geschürt wurden. Immerhin hebt sich der Ceo von Nvidia, Jen-Hsun Huang von dieser Denke ab, indem er öffentlich kundtat, jeden geforderten steuerlichen Beitrag für die Gesellschaft erbringen zu wollen, der da bei ihm geltend gemacht wird. Hut ab! Mal jemand der dem Fluchtreflex nicht nachgibt.
Wir spannend (und vermutlich auch etwas wegweisend) wie in Kalifornien dann abgestimmt wird.


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

26.10.2026 um 14:48
Zitat von NiselprimNiselprim schrieb:Wozu noch Kaufkraft? Es wäre doch viel gerechter, wenn man einfach nur ins Lager zu gehen braucht und sich dort holt, was man benötigt. -> Das spart sehr viel Geld ;) :) :D
Super unkompliziert 😉 Und genau das ist eben nicht der Ansatz von Piketty, und ehrlich gesagt auch nicht meiner :D Wenn wir das Geld abschaffen, landen wir directly in einer staatlichen Planwirtschaft. Denn irgendwer müsste dann entscheiden, was in diesem Lager liegt, wie viel produziert wird und wer wie viel davon bekommt. Das hat historisch nie funktioniert und nimmt dem Menschen auch jegliche persönliche Freiheit. Piketty will das Geld oder den Markt überhaupt nicht abschaffen. Er will Regeln für den Kapitalismus. Geld ist doch an sich nichts Schlechtes. Es gibt den Menschen die Freiheit, selbst zu entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Jap, Kaufkraft bedeutet auch Selbstbestimmung ☝️
Mir geht es um faire Startbedingungen und Verteilungsgerechtigkeit, nicht um das Abschaffen von Geld. Jeder soll für seine Leistung belohnt werden und sich Dinge leisten können. Aber es kann halt nicht sein, dass die Reichsten der Welt ihr Geld in Steueroasen bunkern, während die Menschen im Globalen Süden unter den Folgen des Klimawandels leiden und ausgebeutet werden. Es geht also um einen gezähmten, fairen Kapitalismus mit starker sozialer Absicherung, nicht um ein Leben ohne Geld :) Und daher und immer wieder ...

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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

28.10.2026 um 10:50
Drei Forschende des Global Justice Report 2026 werden hier interviewt (auf deutsch).

Youtube: Gutes Leben für alle im Jahr 2100 durch Umverteilung (Sonderfolge zum Global Justice Report 2026)
Gutes Leben für alle im Jahr 2100 durch Umverteilung (Sonderfolge zum Global Justice Report 2026)
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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

28.10.2026 um 14:31
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Es geht darum, dass die ärmeren Regionen durch gezielte Investitionen überhaupt erst mal die Chance bekommen aufzuholen. Wenn dort die Produktivität steigt, entstehen ja auch echte Werte und Waren.
dir ist aber schon klar, dass wenn andere aufholen die derzeit führenden ihren Wohlstand verlieren werden?

zeigt sich ja in der EU schon deutlich jetzt wenn Unternehmen die Produktion auslagern in Länder die aufholen und dadurch z.b. in Deutschland Arbeitsplätze verlorengehen?


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

28.10.2026 um 18:11
Zitat von RayWondersRayWonders schrieb:dir ist aber schon klar, dass wenn andere aufholen die derzeit führenden ihren Wohlstand verlieren werden?
Globaler Wohlstand bedeutet nicht, dass wir verlieren, wenn andere gewinnen.
Zitat von RayWondersRayWonders schrieb:zeigt sich ja in der EU schon deutlich jetzt wenn Unternehmen die Produktion auslagern in Länder die aufholen und dadurch z.b. in Deutschland Arbeitsplätze verlorengehen?
Das Problem, das du beschreibst (Verlust von Arbeitsplätzen durch Auslagerung), liegt an einer unfairen Globalisierung, die auf Lohndumping und schwachen Standards basiert. Das ist ja der Kritikpunkt. Bei dem erwünschten Aufholen des Südens geht es darum, dass diese Regionen starke eigene Märkte aufbauen und faire Löhne zahlen. Langfristig hilft das doch dann allen. Ein wirtschaftlich stabiler Globaler Süden hat mehr Kaufkraft, um auch unsere Produkte zu kaufen, und er mindert Krisen und Fluchtursachen. Es geht um faire Kooperation auf Augenhöhe, nicht um Ausbeutung auf Kosten unserer oder ihrer Arbeitsplätze.


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

28.10.2026 um 18:33
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Ein wirtschaftlich stabiler Globaler Süden hat mehr Kaufkraft, um auch unsere Produkte zu kaufen, und er mindert Krisen und Fluchtursachen.
und woher soll die größere Kaufkraft kommen? dazu muss Geld in dem Land generiert werden. das schafft man nur durch eigene Produkte die entweder besser oder preiswerter sind als anderswo damit sie gekauft werden. und genau da passiert was ich schrieb, die anderen Ländern verlieren etwas von ihrer Kaufkraft/Export.

ich hab das letztens über Afrika gelesen, dass sich viele Länder wünschen wir z.b. in Europa würden viel mehr z.b. Früchte kaufen. Aber es gibt nun mal nur einen bestimmten Markt in einer bestimmten Größe dafür in Europa. sowas wie Bedarf kann man nicht einfach mal schnell dazuerfinden denke ich..


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

28.10.2026 um 19:12
Zitat von RayWondersRayWonders schrieb:ich hab das letztens über Afrika gelesen, dass sich viele Länder wünschen wir z.b. in Europa würden viel mehr z.b. Früchte kaufen. Aber es gibt nun mal nur einen bestimmten Markt in einer bestimmten Größe dafür in Europa. sowas wie Bedarf kann man nicht einfach mal schnell dazuerfinden denke ich..
Du hast recht, dass man den Bedarf an bestimmten Produkten nicht unendlich vergrößern kann. Klar, der europäische Markt ist irgendwann mit einer bestimmten Ware (bspw. Früchte) gesättigt. Daher geht es mehr darum, die von dir angesprochene Kaufkraft im Globalen Süden zu erhöhen.
Entscheidend wäre darum Güter im eigenen Land weiterzuverarbeiten, und nicht nur der Export von Rohstoffen. Wenn ein Land fertige Produkte statt nur Rohstoffe exportiert, bleibt mehr Geld im Land. Kaufkraft entsteht ja nicht nur durch den Export zu uns, sondern vor allem durch den Handel untereinander und den Aufbau eigener Dienstleistungs- und Industriebereiche. Weshalb sollte das dem globalen Süden nicht gelingen? Nach meinem Verständnis würden sie in der Anfangszeit ja auch aus diesem Weltfond subventioniert.


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GLOBAL JUSTICE REPORT 2026 (T. Piketty et al.)

29.10.2026 um 08:59
@mitH2CO3
Hallo TE,
für mich macht es irgendwie keinen Sinn das im Detail zu diskutieren, ich habe gemerkt was sich wie Kommunismus liest, was wie Kommunismus argumentiert und kommunistische Pläne hat, ist Kommunismus.
Die feinen Details, die Verkettung von Buzzwords: Ungerechtigkeitkeit, Vermögensungleichheit, Klimawandel, Erbe+Erbschaft+Grunderbe, Steuern und Vergesellschaftung ist zwar "geschickt", bleibt aber ein Scheiß.

Ich habe es versucht für mich zu überschlagen in der Annahme ich würde bis 2100 leben und müsste mitmachen weil es tatsächlich weltweit käme.
Bei der Einführung bzw. davor würde ich sofort alle Aktivitäten einstellen (50 MA direkt/indirekt arbeitslos), auch meine Arbeit, würde in einem fruchtbaren Land auswandern wo ich aus meinem Garten überleben und die 5k monatlich kassieren kann.
Man kann mich gerne "besteuern und enteignen", ich gebe freiwillig alles ab und zwar auf einmal am ersten Tag.
Ich bin faul, gebe das gerne zu und ich arbeite&investiere wenn es sich für mich lohnt - ich habe dies Jahrzehnte gemacht und 50%+ abgegeben, wenn das nicht reicht, dann lassen wir es. Ich fahre von mir aus einen einen Schulbus oder räume Regale die angedachten 20h die Woche, der Rest bin ich in meinem Garten.

Eine Sache wird es nicht geben: arbeiten und riskieren wie jetzt, bei höheren Abgaben, nicht mit mir.

Ich erwarte die 5k pünktlich und keine weiteren Nachrichten, bitte keinen Brainfuck warum es nicht geklappt hat, mehr als alles am ersten Tag abgeben kann ich nicht leisten. Ich weiss auch dass beim Kippen des Finanzmodells Zwangsarbeit kommt, da ich davon ausgehe dass viele Unternehmer auch so reagieren werden (deswegen ist es alles aus der Ich Perspektive geschrieben)

Darüber hinaus möchte ich wissen warum die junge Generation noch studieren oder unternehmerisch aktiv werden soll wenn es ein weltweites Basisgehalt geben wird.
Zitat von mitH2CO3mitH2CO3 schrieb:Drei Forschende des Global Justice Report 2026 werden hier interviewt (auf deutsch).
Das hier habe ich mir komplett angehört und war auschlaggebend, es geht um Gleichmacherei und kommunistische Machtergreifung durch Verdummung der Massen.

Hier beim Lügen erwischt, es geht doch um jeden:
[28:28] Das wollte ich noch dazu sagen. – Christoph, du wolltest rein, oder? Aber ganz kurz vorher: Ich glaube, du hast dich versprochen – ihr startet bei Millionären, nicht bei Milliardären, oder? Das gibt es ja in der Debatte durchaus auch. – Sorry, da habe ich mich versprochen, ja.
Nochmal klarer und es der Steuer wird Enteignung, uppsy, Vergesellschaftung:
[30:57] Wenn ich deine Frage richtig verstehe, geht es darum, warum wir nicht einfach gesagt haben: Alle Milliardäre müssen morgen 50 % ihres Vermögens abgeben, das wird vergesellschaftet. Wie du sagst, wäre das Ergebnis vielleicht gar nicht so anders. Warum nennen wir es Steuer? Ich glaube, es passt, weil es nicht nur um Milliardäre geht – wir müssen auch darunter besteuern, sonst ist das Aufkommen nicht groß genug. Klar könnte man sagen, bis zu einem bestimmten Level besteuern wir und darüber vergesellschaften wir. Aber ich glaube, es ist einfach ein kohärenteres Framework, das als Steuer zu präsentieren. Ich finde es aber einen total interessanten Gedanken, warum wir es nicht Vergesellschaftung genannt haben.
Quelle: Hier da komplette Transkript des Videos ->
Spoiler
Kapitel
1. Begrüßung und Vorstellung der Gäste (00:07)
2. Idee hinter dem Global Justice Report (04:00)
3. Die Vision: Konvergenz innerhalb planetarer Grenzen (05:33)
4. Normative Grundlagen: Gerechtigkeit und Fairness (11:08)
5. Prädistribution vs. Umverteilung (16:20)
6. Der Global Justice Fund (21:19)
7. Globale Vermögensteuer: Wie konkret ist der Vorschlag? (24:19)
8. Steuer oder Vergesellschaftung? (28:45)
9. Ausgestaltung: Durchschnittsvermögen und Steuersätze (35:38)
10. Politische Durchsetzbarkeit (41:27)
11. Globale Einkommensteuer (49:48)
12. Finanzierung über die Zeit (52:30)
13. Governance des Fonds und UN-Steuerkonvention (56:23)
14. Koalitionen und Resonanz (1:00:14)
15. Suffizienz und Lebensqualität (1:05:32)
16. Reparationen (1:10:25)
17. Abschluss (1:13:43)
Transkript
1. Begrüßung und Vorstellung der Gäste (00:07)
[00:07] Herzlich willkommen zum Podcast Steuergerechtigkeit, heute mit einer Sonderfolge zum Global Justice Report 2026. Was das genau ist, werden wir natürlich später noch einmal besprechen, aber vielleicht im Vorfeld zur Einordnung: Das kommt aus dem Umfeld des World Inequality Lab, das auch den Weltungleichheitsbericht veröffentlicht, den wir hier im Podcast ja schon besprochen haben, und die großen Leute, die man kennt, die Franzosen-Gang um Lucas Chancel, Gabriel Zucman und Thomas Piketty.
[00:37] Aber natürlich arbeiten nicht nur die daran, sondern auch ganz viele tolle andere Menschen, und drei davon, die tollerweise deutschsprachig sind, haben wir heute für die Sonderfolge in den Podcast geholt: einmal Cornelia Maren von der Sciences Po, hallo. – Hallo. – Dann haben wir Jonas Dietrich von der Paris School of Economics.
[00:55] – Hallo. – Und Moritz Oderesky, ebenfalls von der Paris School of Economics, moin. – Hallo, danke für die Einladung. – Sehr gerne. Und das Team vom Podcast ist heute nur zu zweit, nämlich einmal Christoph, moin. – Hallo. – Und ich, der Jannik. Vielleicht fangen wir mit einer kleinen Vorstellungsrunde an.
[01:19] Es sind ja gleich drei neue Stimmen im Podcast, damit die Leute die Stimmen mit den Menschen verknüpfen können. Wenn ihr euch der Reihe nach kurz vorstellen könntet: Wie seid ihr zum Global Justice Project gekommen, das ja direkt hinter dem Bericht steht, und inwiefern habt ihr am Bericht mitgewirkt? Ich würde in der Reihenfolge von eben mit dir, Cornelia, starten.
[01:42] Okay, hallo, danke für die Einladung natürlich auch von meiner Seite. Ich bin Cornelia, ich bin PhD-Studentin an der Sciences Po und arbeite seit ein bisschen mehr als drei Jahren am World Inequality Lab als Environmental Coordinator, also hauptsächlich zu umweltbezogenen Ungleichheiten.
[02:04] Und als vor ungefähr drei Jahren die Projektidee für den Global Justice Report aufkam, war auch klar, dass bei dieser Vision für die Zukunft, wo es natürlich viel um soziale Fragen und soziale Gerechtigkeit geht, auch die Klimafrage mitgedacht werden muss.
[02:24] Durch meine Rolle als Environmental Coordinator war ich praktisch von Anfang an mit an Bord und war gemeinsam mit Jonas, Moritz und noch ein paar anderen im Koordinationsteam des Reports. – Top, danke. Dann zu Jonas. – Ja, ich heiße Jonas und bin jetzt tatsächlich fast zweieinhalb Jahre am World Inequality Lab.
[02:48] Das ist ja an die Paris School of Economics angedockt. Ich habe hier meinen Master gemacht, bin mit den Professoren in Kontakt gekommen, habe angefragt, erst mal Praktika zu machen, habe dann als studentische Hilfskraft angefangen und bin so langsam reingekommen.
[03:04] Inzwischen habe ich hier an der Universität meine Promotion gestartet und über die letzten zwei Jahre an dem Report gearbeitet, vor allem an Fragen der Verteilung und der Projektion von Ungleichheit: Wie könnte sich das entwickeln? – Danke sehr.
[03:23] Und Moritz, du machst ja den Mund auf, schieß los. – Ich bin Moritz, und meine Geschichte, wie ich zum World Inequality Lab kam, verläuft sehr parallel zu der von Jonas: Wir waren im gleichen Masterjahrgang und haben gleichzeitig am World Inequality Lab angefangen, also vor zweieinhalb Jahren.
[03:38] Letztes Jahr waren wir dann beide Vollzeit angestellt, um am Global Justice Report zu arbeiten. Ich habe vor allem zu planetaren Grenzen und Wirtschaftswachstum gearbeitet, also an der Modellierung für die Zukunft – weniger an den Verteilungsfragen, die Jonas mehr gemacht hat, sondern mehr an den Klimafragen. Und jetzt habe ich auch meine Promotion bei Thomas Piketty angefangen.
2. Idee hinter dem Global Justice Report (04:00)
[04:00] Klasse. Da habt ihr echt viele Themen abgedeckt, die wir gleich beackern können. Ich würde mit einer kleinen Einordnungsfrage starten. Ich habe gerade schon gesagt, der Weltungleichheitsbericht kommt ja quasi aus ähnlichem Hause.
[04:15] Cornelia, du hast gesagt, vor drei Jahren kam die Projektidee auf. Was war denn die Idee dahinter? Wieso braucht es einen neuen Bericht, inwiefern weicht er vom Weltungleichheitsbericht ab und inwiefern baut er vielleicht darauf auf? Cornelia, mach du vielleicht einfach.
[04:31] Okay. Die Weltungleichheitsberichte, die wir alle vier Jahre veröffentlichen, werfen ja vor allem einen Blick auf Ungleichheiten, wie sie heute existieren – global, auch innerhalb von Ländern, in verschiedenen Dimensionen: Einkommen, Vermögen, Umwelt, Klima und so weiter.
[04:49] Und eben auch auf die historische Entwicklung, also wie wir dahin gekommen sind, wo wir heute sind. Die Idee hinter dem Global Justice Report ist zu sagen: Wir nutzen dieses Wissen über die Vergangenheit, das, was wir in der Geschichte beobachtet haben, um eine neue Vision oder in gewisser Weise eine Utopie für die Zukunft zu beschreiben.
[05:10] Einmal, weil wir viel aus der Vergangenheit lernen können, zum anderen, weil wir zur Überzeugung gekommen sind, dass es höchste Zeit ist, die Narrative für die Zukunft mitzubestimmen, eine positive Alternative zu entwerfen, wie eine Welt aussehen könnte, die deutlich gerechter ist als heute, die die Klimakrise bekämpft und soziale und ökologische Fragen zusammen denkt.
3. Die Vision: Konvergenz innerhalb planetarer Grenzen (05:33)
[05:33] Dann gucken wir doch einmal genauer rein. Vision hast du gesagt – das ist wahrscheinlich das Stichwort, es ist wirklich sehr breit und visionär gedacht. Es heißt ja nicht einfach nur Global Justice Report, sondern die Überschrift ist „The Global Justice Report: A plan for equality and prosperity within planetary boundaries“.
[05:50] Das zeigt schon an, was eure Hauptthemengebiete sind. Aber kann jemand von euch noch einmal sagen, welche Bereiche ihr euch angeguckt habt und was jeweils die Vision in diesen Bereichen ist?
[06:06] Also: Wo wollt ihr hin, und nehmt uns dahin mit. – Nelli hatte schon erwähnt, dass wir soziale und ökologische Fragen zusammen denken wollen, und das hat eigentlich zwei Gründe. Innerhalb des World Inequality Lab arbeiten Teams sowohl an Einkommens- und Vermögensungleichheit als auch an Klimaungleichheiten und der Klimakrise, und in aller Forschung über heute und die Vergangenheit ist klar, dass beides sehr eng verbunden ist. Trotzdem gibt es viele Zukunftsszenarien, wie wir die Klimakrise bearbeiten, die Verteilungsfragen außen vor lassen, und andererseits denken Verteilungsfragen die Klimakomponente oft nicht mit. Das war die Grundidee: diese zwei Sachen zusammenzubringen und eine integrierte Vision für die Zukunft zu entwerfen, die an beiden Fronten große Fortschritte macht.
[06:59] Auf beiden Seiten fangen wir mit zwei Dingen an, die für uns unumstößlich sind. Bezüglich der Ungleichheit, vor allem der großen Ungleichheit zwischen Ländern, gehen wir davon aus, dass alle Länder konvergieren: Die Durchschnittseinkommen aller Länder kommen bis 2100, also in rund 75 Jahren, auf das gleiche Niveau, einfach weil das der Anspruch des globalen Südens ist und es sehr schwierig ist, ihm diesen Anspruch aus guten normativen Gründen abzuerkennen. Deswegen wollen wir eine gerechtere Vision entwerfen, die davon ausgeht, dass alle Länder im Durchschnitt gleich reich sein können. Auf der anderen Seite ist eines der dringendsten ökologischen Probleme natürlich die Klimakrise.
[07:50] Die Staaten haben sich mit dem Pariser Abkommen auf einer rechtlichen Grundlage darauf geeinigt, die Erwärmung auf unter zwei Grad, eigentlich auf nahe 1,5 Grad, zu begrenzen. Aber ziemlich schnell ist klar, dass realistisch keine Vision mehr nahe an 1,5 Grad herankommt. Unser Startpunkt war also: Wir wollen unter zwei Grad bleiben – und diese zwei Ideen zusammenbringen.
[08:11] Welche Form und welches Niveau von Konvergenz? Welches globale Einkommensniveau ist mit zwei Grad vereinbar? Und vor allem: Wie muss sich unsere Wirtschaft ändern, um diese zwei Dinge zusammenzubringen? Das ist der Startpunkt dieses Projekts.
[08:28] Damit haben wir uns zwei Jahre lang beschäftigt, haben modelliert, Visionen entworfen und so weiter. – Um das, was Moritz gerade beschrieben hat, noch konkreter zu machen: eine Vision, in der 2100 das Durchschnittseinkommen pro Person in allen Ländern gleich ist.
[08:44] In dem Szenario, das wir als positive Vision beschreiben und im Report Konvergenzszenario nennen, erreichen alle Länder im Jahr 2100 ein Pro-Kopf-Einkommen von 60.000 Euro. Pro Monat wären das 5.000 Euro pro Person, was etwas höher liegt als heute in den meisten reichen westlichen Ländern.
[09:10] Das bedeutet eine enorme Einkommenssteigerung für den globalen Süden. Und das ist wirklich der Kern dieses Reports: Es bedeutet enormes Wirtschaftswachstum für sehr viele Menschen, gerade im globalen Süden, und damit eine enorme Steigerung des Wohlstands – aber wie bringen wir das mit einem begrenzten Maß an Emissionen zusammen?
[09:31] Das ist wirklich die Kernfrage des Reports. – Also durchaus auch wirtschaftspolitisch: Wie kann man Wachstum anregen? Über Umverteilungsfragen hinaus macht ihr euch ganz konkret Gedanken, wie man – wenn man es gemein formulieren will – Entwicklungshilfe so gestaltet, dass dort tatsächlich etwas wächst? Verstehe ich das richtig? – Ja, genau. Es braucht natürlich – keine Überraschung von Leuten, die am Inequality Lab arbeiten – eine Reduzierung der Ungleichheit innerhalb von Ländern. Aber die große Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Ländern, in denen selbst das Durchschnittseinkommen noch sehr gering ist.
[10:20] Da reicht es nicht, Ungleichheiten zu reduzieren, da braucht es insgesamt Wachstum. Und da sind wir bei dem Punkt, was wir in unserem weltweiten Wirtschaftssystem ändern müssen. Wir machen Vorschläge, wie sich das internationale Finanz- und Handelssystem ändern muss, um Ländern des globalen Südens eine fairere Chance zu geben, und wie man sie beim Aufholen gegenüber reichen Ländern unterstützt – z. B. durch Investitionen in Bildung und Gesundheit, eine wichtige Komponente, um Wachstum zu schaffen. – Du hast gerade ein Wort gesagt: Fairness.
4. Normative Grundlagen: Gerechtigkeit und Fairness (11:08)
[11:08] Da würde ich gern vorweg einhaken, weil die Ziele – gerade dass es sich global angleichen soll – natürlich moralisch begründet sind. Habt ihr euch tatsächlich zusammengesetzt und über die philosophischen Grundlagen des Berichts gesprochen, und was ist dabei herausgekommen? Gleichheit zwischen Ländern – da würden viele sagen, das klingt gut. Aber wie viel Gleichheit soll es innerhalb von Ländern geben? Wie stark soll das gefördert werden, besteht darin auch eine Gefahr? Sollte es einen maximalen Reichtum geben? Dazu kommen wir später noch, ihr langt ja bei den größten Vermögen sehr zu.
[11:56] Habt ihr euch mit solchen Themen vorher auseinandergesetzt, auch mit philosophischen Theorien? Was sind eure Gedanken dazu? – Ich starte mal, Nelly und Moritz können gern ergänzen. Ja, wir haben uns bis zu einem gewissen Maß damit auseinandergesetzt, aber wir sind immer noch relativ stark auf Volkswirtschaftslehre konzentriert. Wir stellen Bezüge her, haben aber keine ausgearbeitete große philosophische Theorie als Grundlage. Im Report machen wir aber implizit und, glaube ich, auch explizit Referenzen zu Leuten wie John Rawls oder Amartya Sen – Leuten, die Gerechtigkeit darin sehen, möglichst vielen Menschen ein möglichst umfassendes Maß an Gütern zur Verfügung zu stellen, wobei Bildung und Gesundheit grundlegende Güter sind. Bei Amartya Sen ist der Begriff der Capabilities ganz zentral: Güter, die dir erst ermöglichen, am Leben teilzuhaben. Da sind Bildung und Gesundheit natürlich ganz zentral.
[13:16] Zur Frage eines absoluten Maximums: Wir sagen nicht explizit, bei einer Milliarde Euro oder wo auch immer ist Schluss. Aber implizit, dadurch dass wir ab einem gewissen Level sehr hohe Vermögensteuern ansetzen, die nicht aus den Renditen bezahlt werden können, führt das zu einer Begrenzung des Vermögens.
[13:40] In dem Sinne sind wir recht nah an Leuten, die eine Obergrenze für Vermögen fordern. – Ich stimme dir total zu, Jonas. Generell ist es wichtig zu betonen, dass unser Anspruch nicht ist, fertige Antworten zu liefern, sondern einen Beitrag zur Debatte zu leisten.
[14:00] Über die allererste Annahme, dass alle Länder auf das gleiche Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen kommen sollen, waren wir uns ziemlich schnell einig. Kniffliger wurde die Diskussion, wie stark wir die Einkommens- und Vermögensverteilung innerhalb von Ländern komprimieren wollen. Am Ende haben wir uns auf bestimmte Verhältnisse zwischen den höchsten und den geringsten Einkommen und Vermögen geeinigt.
[14:25] Das hat teilweise recht pragmatische Gründe: Aufgrund unserer Umwelt- und Klimarestriktionen können wir nur ein bestimmtes Wachstum ermöglichen. Wie viel davon können wir den Reichsten noch geben, ohne dass die Ärmsten zu wenig haben? Wir wollen in unserer Modellierung sicherstellen, dass selbst die Ärmsten innerhalb der Länder am Ende des Jahrhunderts ein Leben in Wohlstand führen können und im Vergleich zu ihrer heutigen Lebensrealität enorm profitieren. Es ist also ein Mix aus Pragmatismus und starken normativen Annahmen, die aber auf jeden Fall zur Diskussion stehen sollen. Der letzte wichtige Punkt ist die ökonomisch-historische Evidenz.
[15:16] Wir kommen aus der Tradition, lange historische Datenreihen zu Einkommens- und Vermögensungleichheit anzuschauen. Im Report vergleichen wir oft, wie sich die Ungleichheit z. B. im 20. Jahrhundert verändert hat – zwischen 1900 und den 1970er-Jahren, als Nordeuropa, Europa und die USA bei Einkommen und Vermögen am gleichsten waren – und was das ausgelöst hat, etwa bei der Produktivität, denn das ist ja die Sorge: Kostet es Wachstum oder Produktivität? Wir haben geschaut, was uns die historische Evidenz zeigt und inwiefern wir in den nächsten 75 Jahren Ähnliches erreichen oder darüber hinausgehen und eine gerechtere Welt schaffen können.
[16:03] Es sind also diese drei Komponenten: normative Annahmen, Pragmatismus in Verbindung mit Emissionen und Klimakrise und schließlich die historische Evidenz darüber, was soziale Bewegungen in der Vergangenheit erreicht haben und was das mit unserer Wirtschaft gemacht hat. – Vielen Dank.
5. Prädistribution vs. Umverteilung (16:20)
[16:20] Wir sind hier im Podcast Steuergerechtigkeit, gleich wird es also vermehrt um Steuern gehen. Aber vorher will ich noch etwas abarbeiten, das schon mehrfach anklang: Es braucht auch Wirtschaftspolitik. Kann jemand von euch etwas zu Predistribution versus Redistribution sagen? Wie viel wollen wir umverteilen, und wie viel wird schon entschieden, bevor Steuern überhaupt ins Spiel kommen? Was sagt die Evidenz, was sind die wirksamsten Mechanismen, um die Primärverteilung auf dem Arbeitsmarkt – gerade auch global – gleicher zu machen? – Ich kann anfangen. Das geht eher auf die Arbeit anderer Leute am Inequality Lab zurück, die sich die historische Evidenz angeschaut haben und zu dem Ergebnis kamen, dass der größte Teil der Kompression von Einkommen und Vermögen historisch durch Predistribution passiert ist. Das heißt aber nicht, dass Steuern unwichtig sind; sie spielen auf zwei Wegen eine wichtige Rolle. Erstens finanzieren sie die Predistribution, denn einer der wichtigsten Teile davon ist die Bereitstellung öffentlicher Bildung und öffentlicher Gesundheitssysteme, die für eine gerechtere Einkommensverteilung und für soziale Mobilität über Generationen hinweg zentral sind. Zweitens haben Firmen bei einem progressiveren Steuersystem weniger Anreize, sehr ungerechte Gehälter zu zahlen. Wenn der CEO mit 90 % besteuert wird, überlegt sich die Firma genau, ob sie ihm noch mehr zahlt oder ob das Geld nicht besser bei niedrigen und mittleren Einkommen aufgehoben ist.
[18:14] Predistribution und Postdistribution sind also beide wichtig, haben historisch beide eine wichtige Rolle gespielt und lassen sich nicht ganz trennen, sondern bedingen sich gegenseitig. Im Report beschäftigen wir uns später viel mit globalen Vermögens- und Einkommensteuern, setzen diesen Punkt aber voraus.
[18:32] Es muss auch Predistribution geben, also Bildung und Gesundheit, aber auch Arbeitsmarktregeln, Gewerkschaften – all das spielt eine wichtige Rolle. Traditionell ist das auf nationaler Ebene angesiedelt, und die nationale Ebene wird wichtig bleiben, weil diese Institutionen dort schon bestehen und es vermutlich einfacher ist, sie dort zu stärken.
[18:52] Das heißt natürlich nicht, dass internationale Kooperation das nicht erleichtern kann. – Gibt es auch Dinge, die man nicht einfach aus der nationalen Diskussion auf die globale Ebene hochskalieren kann? Also nicht nur: Wir fordern ein gleiches Bildungssystem und investieren deshalb global in Bildung – sondern Dinge, die speziell auf globaler Ebene funktionieren, an die man bei globalen Predistribution-Maßnahmen vielleicht nicht sofort denkt? Was ist die globale Komponente? – Ich weiß nicht, ob es deine Frage beantwortet, aber wenn wir globale Predistribution im Sinne von Ungleichheit zwischen Ländern denken, sind wir bei den Fragen des großen Wirtschaftssystems. Wir haben z. B. viel über die Rolle des US-Dollars geschrieben, der bestimmte Länder bevorzugt und anderen Nachteile bringt. Solche Mechanismen haben wir meist nicht Predistribution genannt, aber sie lenken die Ergebnisse des Marktgeschehens zum Vorteil einiger und zum Nachteil anderer Länder. Als einzelnes Land kann man sich schwer gegen den US-Dollar stellen, wenn man nicht gerade China ist. Da braucht es Initiativen auf überstaatlicher Ebene, um Institutionen wie die Dollar-Dominanz oder den Welthandel anzugehen.
[20:39] Ähnlich wie Jonas gedacht: Die Klimafragen lassen sich auch nicht durch nationale Steuer- und Sozialsysteme lösen. Klar kann man Klimaschäden irgendwie kompensieren, aber der Spielraum einzelner Länder, die Klimakrise zu bekämpfen, ist recht begrenzt.
[20:59] Das würden wir im Bericht nicht unbedingt Predistribution nennen, aber wie stark wir die Klimakrise angehen, beeinflusst die Einkommensverteilung vor nationalen Steuersystemen extrem. Und es ist eben ein globales Problem, das wir global angehen müssen. – Super spannend.
6. Der Global Justice Fund (21:19)
[21:19] Ihr habt schon internationale Institutionen genannt; das nehme ich als Absprung zum nächsten Thema, dem Global Justice Fund. Sagt vielleicht einmal, was das genau ist. Da muss ja viel Geld reinfließen – damit kommen wir zur Redistribution: Warum braucht man so viel Geld, und was ist der Global Justice Fund, der es verwaltet? Gebt uns einen Überblick über eure große internationale Institution. – Um den Punkt noch mal zu machen: Wir schlagen auch Reformen für das internationale Handels- und Währungssystem vor; das wäre der Predistribution-Teil. Das globale Äquivalent zur Postdistribution, also zu klassischen Steuersystemen, ist unser Global Justice Fund. Die Idee ist eine globale Institution, die z. B. aus der UN herauswachsen kann, die weltweit Einkommens- und Vermögensteuern einsammelt. Das Geld fließt in den Global Justice Fund und geht von dort in zwei Richtungen. Zum einen baut er einen World Sovereign Fund auf, also einen globalen Staatsfonds, nach dem Vorbild von Staatsfonds wie in
[22:38] Norwegen oder Saudi-Arabien. Diese wurden mit Erträgen aus Öl und Gas aufgebaut; wir wollen ihn aus einem sehr progressiven globalen Steuersystem aufbauen. Zum anderen fließen die Steuereinnahmen in Pro-Kopf-Dividenden, die ausgezahlt werden, mit der Idee, in die Anpassung an die Klimakrise sowie in Gesundheits- und Bildungssysteme zu investieren, um die zwei Ziele zu erreichen:
[23:06] zum einen Wachstum und Konvergenz gerade im globalen Süden, zum anderen Anpassung an die Klimakrise und deren Eindämmung. Wie groß dieses Steuersystem ist, folgt daraus, wie viel Geld wir brauchen. Und wie du schon gesagt hast: Es ist ziemlich substanziell, nämlich in den nächsten Jahrzehnten ungefähr 10 % des globalen BIP.
[23:30] Das ergibt sich daraus, dass nach unseren Schätzungen und denen anderer Studien ab jetzt jährlich 3 bis 4 % benötigt werden, wenn wir eine ausreichend schnelle Transformation unserer Energiesysteme wollen, um die Erwärmung unter 2 Grad zu halten. Hinzu kommt die Anpassung an Klimafolgen, die auch bei 2 Grad schon eintreten.
[23:53] Und noch einmal ungefähr 4 % werden für die Wachstumsraten gebraucht, also um den globalen Süden bei Investitionen in Bildung, Gesundheit und andere Infrastruktur zu unterstützen. So landen wir bei knapp 10 % des BIP, die jährlich als Investition benötigt werden. Daher kommen auch die relativ progressiven und hohen Steuersätze, gerade auf sehr hohe Einkommen und Vermögen, um dieses Geld einzutreiben.
7. Globale Vermögensteuer: Wie konkret ist der Vorschlag? (24:19)
[24:19] Gut, dann kommen wir konkreter zu den Steuern. Du hast angesprochen, dass vor allem zwei Steuern erhoben werden sollen, die in den Global Justice Fund fließen. Die erste wäre eine Vermögensteuer, über die wir länger mit euch reden wollen. Sie soll so aufgebaut sein, dass sich die Steuersätze nach dem Vielfachen des durchschnittlichen globalen Vermögens richten.
[24:49] Das durchschnittliche globale Vermögen, das ihr errechnet habt, liegt bei 110.600 Euro. Die jährliche Vermögensteuer geht hoch bis 20 %, wenn man beim 5.000-Fachen dieses Durchschnittsvermögens angekommen ist. So weit die Grundinfos. Aber vorweg eine ketzerische Frage: Inwiefern ist das wirklich ein echter Vorschlag? Man hat schon herausgehört, 10 % des BIP sollen jährlich hineinfließen – riesige Summen, alles sehr visionär. Wenn wir über eure konkreten Vorschläge zur Vermögens- und später zur Einkommensteuer sprechen: Sind das Vorschläge, die bis ins letzte Detail, mit konkretem Gesetzestext, schon in euren Köpfen sind? Oder sind sie am Ende eher ein Werkzeug, um zu zeigen: Ungefähr so viel bräuchte man, ungefähr so viel könnte man erheben? Ordnet doch einmal ein, wie konkret die Vorschläge wirklich sind – oder ist es eher eine Metapher, ein Symbol: Wir holen das Geld von den Reichen, und da ist es? – Ich kann anfangen. Ich würde sagen, es ist mehr als eine Metapher und vielleicht weniger als ein konkreter Gesetzestext. Es gibt noch keinen Gesetzestext, aber es ist ein Vorschlag für die akademische wie die politische Debatte.
[26:21] Jeder darf das gern kritisieren oder sagen, das sei unrealistisch und viel zu viel. Aber dann muss die Person auch sagen, bei welchen unserer Ziele sie Abstriche machen will. Was nicht geht, ist zu sagen: Ich finde das Ziel gut, alle Länder sollen bis 2040 konvergieren,
[26:41] Investitionen in klimafreundliche Technologien finde ich auch gut, warum nicht bis 2040 – und dann nicht zu sagen, wer das bezahlen soll. Das muss zusammenpassen. Wir sind der Meinung, dass es für unsere Ziele genau das braucht, und wir freuen uns, wenn uns jemand zeigt, wie sie ohne diese massiven Investitionen erreicht werden können. Aber das ist teilweise ein Ergebnis unserer Forschung: Das ist es, was wir brauchen. Und angesichts der aktuellen Ungleichheit sind wir überzeugt, dass ein sehr progressives Steuersystem die Antwort ist, wenn wir diese Summen investieren wollen. – Ich glaube, es ist auch wichtig, im Kopf zu behalten: Natürlich sieht diese Steuer massiv aus, würde irgendwann dazu führen, dass es keine Superreichen mehr gibt, und wirkt sehr radikal. Aber weil wir erst beim Zehnfachen des Durchschnitts starten, wären nur weniger als 2 % der Weltbevölkerung betroffen – ich glaube, 1,8 % der Menschen würden diese globale Vermögensteuer zahlen. Das zeigt noch einmal krass, wie ungleich diese Welt ist: Wir haben einen enormen Finanzierungsbedarf, aber weil die Welt so ungleich ist, könnten ziemlich wenige Menschen dieses Geld aufbringen. Das verknüpft sich natürlich mit der normativen Debatte, ob es vertretbar ist, dass manche so viel Vermögen haben und die allermeisten praktisch gar keins.
[28:28] Das wollte ich noch dazu sagen. – Christoph, du wolltest rein, oder? Aber ganz kurz vorher: Ich glaube, du hast dich versprochen – ihr startet bei Millionären, nicht bei Milliardären, oder? Das gibt es ja in der Debatte durchaus auch. – Sorry, da habe ich mich versprochen, ja.
8. Steuer oder Vergesellschaftung? (28:45)
[28:45] Passend dazu: Ihr nennt das, was ihr mit den Milliardären und auch mit den Millionären macht, eine Steuer. Aber wenn man sich eure Kurven anschaut, sind die in fünf bis zehn Jahren keine Milliardäre mehr. Eine 20-prozentige Vermögensteuer gab es noch nie, und es fällt mir schwer, das noch eine Steuer zu nennen.
[29:06] Das ist eher eine Vergesellschaftung ihres Vermögens innerhalb weniger Jahre. Habt ihr Alternativen erwogen, wie eine Vergesellschaftung großer Vermögen aussehen könnte, und warum habt ihr es am Ende Steuer genannt? – Du hast total recht: Wer jährlich 20 % Vermögensteuer zahlen muss, muss Vermögen verkaufen oder abgeben. Auch Milliardäre, die im Schnitt höhere Renditen erzielen als das Durchschnittsvermögen, kommen auf etwa sechs bis acht Prozent. Bei 20 % Steuer lässt sich das nicht allein aus den Kapitaleinkommen finanzieren, man muss also Anteile verkaufen. Genau dort diskutieren wir die Rolle des World Sovereign Fund.
[29:53] Die Steuer kann auch in Form von Anteilen gezahlt werden, die an den World Sovereign Fund übergehen. Und der Anteil des Gesamtvermögens, den der Staat kontrolliert, soll wieder auf rund 30 % des weltweiten Vermögens steigen – etwa der Anteil der 1970er- und 1980er-Jahre.
[30:13] Es wird also nicht alles Vermögen vergesellschaftet und von der öffentlichen Hand verwaltet, sondern es gibt vor allem eine ganz starke Umverteilung beim privaten Vermögen: Viele Menschen sollen Vermögen bekommen. Dazu machen wir Vorschläge. Vieles muss natürlich auf nationaler Ebene passieren, z. B.
[30:36] der Zugang zu passenden Sparmöglichkeiten oder dass Beschäftigte mehr Anteile an Unternehmen kontrollieren dürfen. Wir legen eine Vision vor, wie diese Umverteilung aussehen kann, behaupten aber nicht, dass wir alle Politikmaßnahmen genau ausformuliert haben.
[30:57] Wenn ich deine Frage richtig verstehe, geht es darum, warum wir nicht einfach gesagt haben: Alle Milliardäre müssen morgen 50 % ihres Vermögens abgeben, das wird vergesellschaftet. Wie du sagst, wäre das Ergebnis vielleicht gar nicht so anders. Warum nennen wir es Steuer? Ich glaube, es passt, weil es nicht nur um Milliardäre geht – wir müssen auch darunter besteuern, sonst ist das Aufkommen nicht groß genug. Klar könnte man sagen, bis zu einem bestimmten Level besteuern wir und darüber vergesellschaften wir. Aber ich glaube, es ist einfach ein kohärenteres Framework, das als Steuer zu präsentieren. Ich finde es aber einen total interessanten Gedanken, warum wir es nicht Vergesellschaftung genannt haben.
[31:50] Die Idee ist jedenfalls nicht, dass alles komplett in Staatshand geht. Wie Mo richtig gesagt hat: Wir stellen uns vor, dass Staaten einen höheren Anteil am weltweiten Vermögen halten als heute, aber nicht, dass das gesamte besteuerte Vermögen in staatliche Hand geht.
[32:14] – Ich wollte weniger auf den Unterschied privat–staatlich hinaus als auf Steuer versus Abgabe: also darauf, wie wir vom Grundgesetz her oder anhand historischer Beispiele dahin kämen. Ihr nennt im Bericht ja den deutschen Lastenausgleich nach dem Zweiten Weltkrieg als Vorbild.
[32:40] Der hatte, auf ein Jahr gerechnet, einen Steuersatz von 1,7 % – weit entfernt von 20 % und von dieser massiven Umverteilung. Steuer klingt vertraut, aber in Deutschland bekäme man ganz massive verfassungsrechtliche Probleme, wenn man eine Vermögensteuer von 20 % beschließen würde.
[33:04] Das würde unser Bundesverfassungsgericht nicht mehr als Steuer ansehen, sondern als Vergesellschaftung, und dann müsste man es anders begründen und anders aufziehen. Deshalb meine Frage, ob ihr Alternativen erwogen habt, etwa: Wir zerschlagen große Konzerne, wir sorgen dafür, dass Eigentum
[33:24] in Genossenschaften und in Mitarbeiterhand übergeht – das kann man ja auch erreichen, ohne diese Steuer vorwegzunehmen. Und ob sich das sowohl wirtschaftspolitisch als auch verfassungsrechtlich besser begründen und aus historischen und konkreten Beispielen ableiten lässt als eine so massive Steuer.
[33:48] – Das ist ein guter Punkt. Wir haben uns nicht direkt damit beschäftigt, wie so eine Steuer in den verschiedenen Ländern verfassungsrechtlich umgesetzt werden könnte. Aber es ist eine interessante Anmerkung, und wir würden in dem Sinne
[34:09] nicht widersprechen. Für alles, was du gerade aufgezählt hast – dass Vermögen stärker in Mitarbeiterhand oder in kommunalen Gesellschaften gehalten wird –, sind wir sehr offen. – Ja, es ist total hilfreich, eure Expertise dazu zu haben, denn unser Projekt ist im Grunde eine große Accounting-Aufgabe.
[34:37] Wir haben uns angeschaut: Wo wollen wir hin, wie viel können wir wachsen, was bedeutet das für Emissionen, wie verteilen wir das Geld und wie kommen wir dahin – aus einer reinen Finanzierungsperspektive. Die politischen Vorschläge sind nicht so weit durchdacht, dass sie direkt umgesetzt werden könnten, sondern eher eine Illustration, wie es aus Finanzierungssicht funktionieren könnte. Natürlich immer mit der Frage im Hinterkopf, ob solche Maßnahmen politische Zustimmung in der Bevölkerung finden könnten und ob wir so etwas schon einmal in der Geschichte gesehen haben. Wir versuchen, halbwegs realistische Vorschläge zu machen, aber solche Gedanken nehmen wir auf jeden Fall mit.
[35:22] Und es wäre super, wenn die öffentliche Debatte in diese Richtung geht – nicht mehr nur zu fragen, ob wir übereinstimmen, so viel Geld umzuverteilen, sondern wie wir es umverteilen können. – Wir sind jetzt schon sehr tief in der Debatte über die Vermögensteuer.
9. Ausgestaltung: Durchschnittsvermögen und Steuersätze (35:38)
[35:38] Ich würde gern einen kleinen Schritt zurückgehen zur konkreten Ausgestaltung. Wie am Anfang kurz gesagt: Der Steuersatz steigt mit dem Vielfachen des globalen Durchschnittsvermögens.
[35:56] Weil Leute das aus dem nationalen Kontext vielleicht nicht gewohnt sind: Warum geht ihr vom Durchschnittsvermögen aus? Und damit zusammenhängend: Ihr habt etwa 110.000 Euro als Durchschnittsvermögen errechnet.
[36:15] Da denken sich viele unserer deutschen Hörerinnen wahrscheinlich: „Uff, so viel habe ich noch lange nicht.“ Wie kann das globale Durchschnittsvermögen so hoch sein? Ich kann mir die Antworten denken, aber sagt es noch einmal in euren Worten, damit es klarer wird.
[36:33] Zum Durchschnittsvermögen: Das liegt einfach daran, dass Vermögen sehr ungleich verteilt ist. In Deutschland liegt das Durchschnittsvermögen bei rund 300.000 Euro, das Medianvermögen – also das Vermögen der Person genau in der Mitte der Gesellschaft – aber bei rund 100.000 Euro, also niedriger als das globale Durchschnittsvermögen. Die untere Hälfte hat global wie in Deutschland kaum etwas: Weltweit kontrollieren die unteren 50 % der Bevölkerung rund 2 % des Vermögens.
[37:11] Auch in Deutschland verfügt die untere Hälfte über rund 2 % des gesamten Vermögens. Dass wir die Schwellen als Vielfaches des Durchschnittsvermögens ausdrücken, ist eine Skalierungsfrage: Wenn Einkommen und Vermögen steigen, sollen die Steuersätze nicht verschwinden oder alle in höhere Sätze rutschen. Der Steuersatz soll sich danach richten, wie ungleich verteilt ist, nicht nach dem aktuellen absoluten Niveau. – Das heißt, man zahlt als Millionär nur Steuern, solange nicht alle anderen auch Millionäre sind. Sobald alle anderen Millionäre sind, ist man raus aus der Steuer.
[38:01] Man kann sein Vermögen trotzdem genießen. Dann haben wir Wohlstand für alle erreicht und müssen dafür zumindest keine Steuern mehr eintreiben. Konkret müsste man das globale Vermögen also regelmäßig neu ermitteln und die Schwellen jedes Jahr anpassen.
[38:22] – So wie wir die Steuer vorschlagen, würden sich die konkreten Beträge jedes Jahr ändern. – Okay. Dann noch einmal zum oberen Ende: 20 % als Maximum, ab dem 5.000-Fachen, das sind laut Bericht 553 Millionen. Warum gerade 20 %? Soll das knapp über den Renditen der Superreichen liegen? Das geht auch in die Richtung dessen, was Christoph gesagt hat: Wenn man am Ende enteignen will, warum dann nicht deutlich mehr? Wie kommt man auf die 20 %, und wie auf das 5.000-Fache bzw. 550 Millionen? In Deutschland wird viel über eine Milliardärssteuer geredet – warum nicht eher in diese Richtung? Welche objektiven Grundlagen gibt es für diese Zahlen? – Da sind wir relativ pragmatisch und nicht auf 20 % fixiert; 20 ist rund und liest sich gut. Einig waren wir uns, dass wir ein progressives Steuersystem wollen, also höhere Steuersätze für Menschen mit mehr Vermögen. Und dann muss man überlegen, wie man ein bestimmtes Aufkommen erreicht.
[39:50] Man möchte vielleicht nicht, dass schon 100.000 Euro besteuert werden, also muss man überlegen, wo man startet. Dann soll es progressiv sein. Man könnte sich genauso vorstellen, dass Millionäre etwas mehr und Milliardäre etwas weniger zahlen, dann landet man vielleicht bei 18 %.
[40:08] Wir sind also nicht auf eine bestimmte Zahl fixiert. Wir sind aber überzeugt – wie Moritz vorhin gesagt hat –, dass Menschen mit 500 Millionen ihr Vermögen reduzieren sollen. Das heißt, der Satz muss höher als etwa 10 % liegen, damit sie ihr Vermögen nicht einfach durch die Renditen erhalten können.
[40:30] Das waren unsere Überlegungen. Auf die exakte Zahl aufs Komma sind wir nicht fixiert, sie ist eher ein Ergebnis. Und die Schwellenwerte, die du nennst, ergeben sich daraus, dass wir mit Vielfachen des Durchschnittsvermögens arbeiten.
[40:49] Dasselbe ließe sich auch mit einem leicht anderen Steuerprofil erreichen. Und zur Frage, warum nicht nur eine Milliardärssteuer: Da geht es darum, wie viel Steueraufkommen wir generieren können.
[41:09] Milliardäre sind überall auf der Welt sehr reich, aber es gibt nicht so viele von ihnen. Von den Menschen mit vielen Hundert Millionen Euro gibt es so viel mehr, dass wir überzeugt sind, dass auch sie schon eine signifikante Vermögensteuer zahlen müssen.
10. Politische Durchsetzbarkeit (41:27)
[41:27] Genau zu diesem Punkt wäre auch meine letzte Frage zur Vermögensteuer. In Deutschland gibt es dieselbe Diskussion: Wenn wir nur eine Milliardärssteuer einführen, deckt das nicht unseren Bedarf. Wer wirklich signifikante Einnahmen will, muss auch bei den Millionären anfangen.
[41:45] Aber wenn ich mir eure Steuersätze anschaue – dass man schon mit, in ganz großen Anführungszeichen, „nur“ 10 Millionen Euro jährlich 5 % zahlen muss –, dann fängt die Enteignung durch die Hintertür schon bei weniger reichen Menschen an. Mit 10 Millionen ist man natürlich nicht arm, da ist man einfach reich, gegen das Label kann man sich nicht wehren.
[42:08] Trotzdem: In Deutschland sagt man, eine Milliardärssteuer kann man einführen, weil man dafür viel mehr Momentum auf der Straße erzeugen kann – die Leute haben das Gefühl, damit haben sie eh nichts zu tun. Habt ihr darüber nachgedacht? Am Ende müsste ja viel vom Druck für euer Projekt in den heute reichen Ländern erzeugt werden.
[42:31] Habt ihr euch Gedanken gemacht, wie sich sehr hohe Steuersätze schon für „normal Reiche“, die in der politischen Diskussion sehr viel Macht haben, damit vereinbaren lassen, dass schon beim zehnfachen Millionär die Enteignung beginnt?
[42:53] Wie bringt man das mit einem öffentlichen Druck dafür zusammen? – Um eine Zahl aus unserem Bericht zu nennen – korrigiert mich, Jonas und Moritz, falls ich falsch liege: Auch in Europa wären weniger als 5 % der Bevölkerung von so einer Steuer betroffen. Die Zahlen für Deutschland habe ich gerade nicht im Kopf.
[43:14] Klar gibt es in Deutschland Leute, die 10 Millionen Euro besitzen, aber nicht sehr viele. Wenn wir überlegen, wer nicht mehr auf die Straße gehen würde, weil er selbst betroffen ist – so viele Menschen können das nicht sein.
[43:31] – Ich glaube, die größere Frage ist, was du meintest: Diese 5 % – und 5 % beginnt ungefähr bei 2 Millionen Vermögen, nicht bei 10 Millionen – sitzen natürlich in sehr mächtigen Positionen und sind in Medien, Politik und so weiter absolut überrepräsentiert. Das ist ein Problem, das jede stark progressive Vermögensbesteuerung haben wird.
[43:53] Wenn nur die Milliardäre deine Gegner sind, sind sie als Einzelpersonen vielleicht die stärksten, aber es sind nicht viele. Wenn du alle Millionäre dazubekommst, wird deine politische Aufgabe noch schwieriger und größer.
[44:08] Das stimmt total. Aber wenn wir wieder in die Geschichte schauen: Das war schon immer so. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es keinerlei progressive Einkommensteuer, und die Millionärinnen und Millionäre waren bestimmt nicht glücklich, als sie eingeführt wurde –
[44:24] und zwar in sämtlichen westlichen Ländern – und sie plötzlich 50 % ihres Einkommens jedes Jahr abgeben mussten, in Ländern wie den USA zwischenzeitlich sogar 70, 80 oder 90 %. Politische Koalitionen aufzubauen, um diese Hindernisse zu überwinden, hat also schon in der Vergangenheit geklappt.
[44:44] Und nichts spricht dagegen, dass es in Zukunft wieder klappt. Gerade angesichts der multiplen Krisen, in denen wir leben, wird irgendwann wieder der Moment kommen, in dem Leute sagen: Es muss sich etwas radikal ändern. Die Idee dieses Vorschlags ist, dass dann Vorschläge auf dem Tisch liegen, die in eine progressive Richtung gehen.
[45:02] Wie schon mehrmals gesagt, muss nicht jeder dieser Steuersätze genau so sein. Aber es soll ein Debattenbeitrag mit einer großen Vision sein, um bewusst zu machen, dass etwa eine 2-prozentige Millionärssteuer nicht ausreicht und nicht das Ende der Debatte ist, um globale Krisen wie die wachsende Vermögensungleichheit oder die Klimakrise zu lösen. Sie wäre ein wichtiger erster Schritt, würde aber nicht alle Haushaltsprobleme Deutschlands oder anderer Länder allein lösen; für vieles brauchen wir größere Schritte. Unser Vorschlag liegt am ganz anderen Ende des Spektrums und hat dadurch das Problem, dass er politisch vielleicht nicht sofort oder nie in dieser Form realisierbar ist. Aber er soll klarmachen, dass die 2-prozentige Mindeststeuer auf Vermögen nicht das Ende der Debatte ist, sondern mehr passieren muss.
[45:56] Das bewusst zu machen, ist die Idee. Die radikal hohen Steuersätze sollen zeigen, was nötig wäre, wenn wir bestimmte andere Ziele erreichen wollen. – Da bin ich total an Bord, mit allem, was du sagst.
[46:14] Ein kleiner Input: Wenn ihr sagt, die Sätze sind flexibel, würde ich es weniger formelhaft aufbauen und mit der Vergesellschaftung weiter oben starten, nicht schon so weit unten. Ich glaube, das ist extrem schwer zu verkaufen und zu schlucken.
[46:29] Es ist noch mal etwas anderes. Klar haben die „Superreichen“ Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als die progressive Einkommensteuer eingeführt wurde, auch Zeter und Mordio geschrien. Aber es ist auch objektiv etwas anderes, ob man aktiv an die Substanz geht oder „nur“ ans Einkommen.
[46:49] – Da würde ich tatsächlich widersprechen. Auch wenn das, was wir in Deutschland fordern, natürlich viel, viel bescheidener ist als eure Forderungen: Die nötigen Veränderungen, wie ihr sie beschreibt, gelingen eben nicht in kleinen Schritten. Man kann klein anfangen, aber am Ende muss man den Druck der Straße so erhöhen, dass große Änderungen möglich werden. Das hast du gut beschrieben: Die ganz große Mehrheit der Menschen würde davon profitieren, und sie muss den Druck erhöhen, sonst bekommen wir die nötigen Änderungen nicht hin. Und ihr habt das Ziel schön definiert: Der reichste Mensch soll zehnmal so viel Vermögen haben wie der ärmste.
[47:39] Das ist auch eine Grenze, die die meisten Menschen, wenn man sie fragt, ungefähr so setzen würden. Sie ist nicht zufällig gewählt. Und dann muss man sagen: Um dahin zu kommen, sind solche radikalen Maßnahmen nötig, und den Widerstand, den du beschreibst, muss man überwinden.
[47:58] Das ist für mich die Botschaft, und sie ist absolut richtig. Wir versuchen es aktuell in kleinen Schritten, überlegen aber genau, ob wir nicht auch über andere Wege, Maßnahmen und Ziele sprechen sollten. – Genau deswegen zeigen wir einen konkreten Steuersatz: Er macht klar, über welche unterschiedlichen Dimensionen wir reden und was nötig wäre, um auf diese Krisen zu reagieren. 20 % auf Milliardäre statt 2 % – da weiß man sofort, das ist eine ganz andere Dimension. Wir haben noch nicht so konkret darüber geredet, aber zwischen 2 und 5 Millionen liegt der Satz z. B. bei 1 % – ein Satz, der sich durch Kapitaleinkommen finanzieren lässt.
[48:45] Bei kleineren Millionären ist das also noch keine Enteignung. Erst ab etwa 11 Millionen – als Paar 22 Millionen – sind wir bei 5 %, was ungefähr in die Reichweite klassischer Kapitaleinkommen kommt und dann zu einer Reduktion der Vermögen führt.
[49:05] – Ich glaube, am meisten hilft die Botschaft an diese Menschen: Ihr müsst gar keine Steuer zahlen. Ihr könnt eure Anteile auch einfach an eure Mitarbeiter abgeben oder in anderer Form zu einer guten Welt beitragen, in der ihr nicht mehr so reich seid wie heute
[49:26] und trotzdem immer noch mehr als genug für euch habt. Das meinte ich vorhin: Man müsste auch über alternative Wege zum gleichen Ziel nachdenken, die nicht unbedingt eine Steuer sind, und sie genauer beschreiben. Denn eine Steuer ist für viele vermutlich zu abschreckend oder rechtlich zu schwierig.
11. Globale Einkommensteuer (49:48)
[49:48] Damit es kein Fachgespräch unter Steuerleuten wird – aber ihr lasst ja auch die Erbschaftsteuer außen vor. Da könnte man ebenfalls zugreifen. Wenn wir über einen alternativen Maßnahmenkatalog nachdenken, würde ich bei der Vermögensteuer zumindest unten niedriger ansetzen
[50:04] und dafür bei der Erbschaftsteuer zuschlagen. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um die nächste Steuer, die wir etwas kürzer halten als die Vermögensteuer: die Einkommensteuer, die du schon angesprochen hattest, Moritz. Sie funktioniert ähnlich: Ausgangspunkt ist das Durchschnittseinkommen, und mit dem Vielfachen steigt der Steuersatz.
[50:23] Das globale verfügbare Einkommen liegt im Durchschnitt bei 21.300 Euro. Das kommt einem in Deutschland vielleicht weniger spanisch vor – man sieht, dass Einkommen etwas weniger ungleich verteilt sind. Das Prinzip ist ähnlich, diesmal geht es bis zu einem Spitzensatz von 90 % ab ungefähr 107 Millionen im Jahr.
[50:46] Ich kann mir vorstellen, dass das nicht allzu viele Leute betrifft. Ihr wollt diese Einkommensteuer erst nach den nationalen Steuern erheben, also nachgelagert, wenn ich euch richtig verstanden habe. Sagt doch ein paar Sätze dazu, warum ihr dieses System gewählt habt und was es bewirken soll.
[51:05] – Ein Grund ist: Der Global Justice Fund soll nicht alle nationalen Steuersysteme ersetzen. Und in dem Sinne setzt er für Länder einen Anreiz, ihr eigenes Steuersystem progressiver zu gestalten. Wenn die Ungleichheit nach Steuern im Land schon deutlich reduziert wurde, muss das Land vielleicht gar nicht mehr so viel an den Global Justice Fund abgeben.
[51:33] Das ist durchaus ein Ziel: Wir ersetzen nicht, was das Land macht. Aber in Ländern, in denen es immer noch sehr starke Ungleichheit und sehr einkommensreiche Menschen gibt, wird diese Steuer zusätzlich erhoben.
[51:52] – Ich wollte noch betonen, dass die Vermögensteuer und die globale Einkommensteuer, die wir besprochen haben, gar nicht ausreichen, um die Ungleichheit auf das gewünschte Maß zu bringen – nämlich eine Kompression der Einkommen auf 5 zu 1 und der Vermögen auf ungefähr 10 zu 1.
[52:12] Allein durch diese schon sehr progressiven Vermögens- und Einkommensteuern und die entsprechende Umverteilung kommen wir nicht dahin. Wir brauchen zusätzlich nationale Politikmaßnahmen, die die nationalen Verteilungssysteme bzw. die Verteilung nach Steuern noch progressiver machen.
12. Finanzierung über die Zeit (52:30)
[52:30] Wenn so viel Geld für den Global Justice Fund gebraucht wird und die Besteuerung durch den Fund nachgelagert ist: Wie stellt ihr sicher, dass langfristig tatsächlich diese Einnahmen entstehen und Länder nicht einfach ihr nationales System anpassen? Das wäre, wie gesagt, schon ein großer Fortschritt an sich, aber am Ende muss ja auch Geld hereinkommen.
[52:53] Wie baut ihr das auf? – Wir haben das modelliert, und es gibt zwei Punkte. Erstens brauchen wir die meisten Investitionen jetzt. Die Klimakrise drängt, es reicht nicht, sie irgendwann Ende des Jahrhunderts anzugehen. Und gerade die Vermögensteuer generiert durch ihren Aufbau am Anfang das meiste Aufkommen. Wenn die Vermögensungleichheit abnimmt, bringt sie weniger ein – wir haben dann weniger Steuereinnahmen, brauchen aber auch weniger.
[53:25] Zweitens werden nicht alle Einnahmen sofort ausgezahlt; ein Teil fließt in den World Sovereign Fund, wird investiert, bleibt unter Kontrolle der Staatengemeinschaft und erzeugt Kapitaleinkommen und Rendite.
[53:42] Über das Jahrhundert hinweg wird der Global Justice Fund also immer weniger aus Steuereinnahmen und immer mehr aus den Investitionsrenditen des World Sovereign Fund finanziert. Es ist für uns also überhaupt kein Problem, wenn Länder bald gleicher und gerechter werden: Wir brauchen dann weniger Investitionen und haben weiterhin Einkommen aus dem World Sovereign Fund, sodass der Global Justice Fund nicht leer ausgeht. – Aber wenn ich es richtig verstehe, wäre es schon ein Problem, wenn Friedrich Merz morgen sagen würde: „Ihr habt mich überzeugt, ich bin dabei und führe diese Steuern direkt in Deutschland ein“ – aber weiter an der Schuldenbremse und Co. hängt.
[54:28] Also statt zu investieren, zahle ich einfach alle Bundesschatzbriefe aus – das wäre schon ein Problem, oder? Ihr verlasst euch darauf, dass die nötigen Investitionen getätigt werden, selbst wenn national erhoben wird. – Wir machen Annahmen darüber, wie sich die Verteilung in allen Ländern entwickelt, und die fällt schon ziemlich deutlich aus.
[54:50] Wir bräuchten schon einen ziemlich progressiven Friedrich Merz, der in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entscheidet, die Ungleichheit in Deutschland freiwillig stark zu reduzieren. Aber ja: Wenn Friedrich Merz unsere Erwartungen noch übertrifft und Deutschland von Anfang an die Ziele erfüllt, die bei uns für Ende des Jahrhunderts stehen, dann bekämen wir vielleicht tatsächlich zu wenig Einnahmen aus Einkommen- und Vermögensteuer.
[55:14] Wenn es dazu kommt, sind wir bereit, den Plan anzupassen. – Wenn Friedrich Merz so einen Sinneswandel hat, kann man ihn vielleicht auch überzeugen, noch etwas ins Klima zu investieren. Hoffen wir es. – Zum Abschluss der Steuern noch der Vergleich zwischen Vermögensteuer und Einkommensteuer:
[55:33] Wie viel wollt ihr jeweils generieren? Verlasst ihr euch vor allem auf die Vermögensteuer oder auf die Einkommensteuer – was wäre das Wichtigste, was zuerst umgesetzt werden müsste? – Der Großteil kommt auf jeden Fall aus der Vermögensteuer. Erstens ist Vermögen, wie besprochen, ungleicher verteilt als Einkommen, und zweitens wird es sehr viel weniger, in den allermeisten Ländern gar nicht besteuert. Unser progressiver Vermögensteuersatz beißt daher stärker als der Einkommensteuersatz. Gerade in den ersten Jahren kommt das meiste Geld für den Global Justice Fund aus der Vermögensteuer. Die Einkommensteuer bringt länger über das Jahrhundert Einnahmen, aber die Vermögensteuer ist auf jeden Fall das Wichtigste und später im Jahrhundert dann die Investitionsrenditen.
13. Governance des Fonds und UN-Steuerkonvention (56:23)
[56:23] Top, danke. Der Global Justice Fund ist also aufgesetzt, mit unzähligen Billionen Euro ausgestattet und jetzt eine extrem mächtige Institution. Wie wird dafür gesorgt, dass sie vernünftig geführt wird und unabhängig bleibt? Ihr habt gesagt, sie könnte aus der UN entstehen. Hätte jedes Land den gleichen Einfluss? Gibt es eine eigene Verfassung? Es ist ja wirklich ein unglaublich mächtiges Instrument.
[56:53] Welche Gedanken habt ihr euch dazu gemacht? – Das ist auf jeden Fall nicht unsere Kernexpertise. Aber wir haben uns Gedanken gemacht und zuerst analysiert, wie internationale Organisationen heute funktionieren. In Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds sehen wir, dass sie alles andere als demokratisch verwaltet werden.
[57:15] Das Stimmgewicht hängt vor allem von Wirtschaftsmacht ab, entsprechend haben reiche Länder heute z. B. im IWF einen überproportionalen Einfluss. Wir sind überzeugt, dass eine neue Institution, die den Weg für eine gerechtere Welt bereitet oder Teil davon ist, auch gerecht verwaltet werden muss.
[57:35] Wir diskutieren ein sogenanntes Double-Majority-System, also eine doppelte Mehrheit: Entscheidungen fallen nur, wenn eine Mehrheit der Länder zustimmt, die zugleich eine Mehrheit oder 60 % der Bevölkerung repräsentiert. Das ist ein Vorschlag und natürlich debattierbar. Aber wir müssen weg von der Verwaltungsstruktur heutiger großer internationaler Institutionen, weshalb wir eine neue Institution vorschlagen, statt sie etwa direkt an den Internationalen Währungsfonds anzugliedern. – Im Moment gibt es ja die UN-Steuerkonvention. Seht ihr Parallelen zu dem, was ihr vorschlagt? Seid ihr im Kontakt, verfolgt ihr, was gerade auf internationaler Ebene läuft, und versucht ihr vielleicht, dort schon eure Finger reinzustecken? Am Ende müsste es ja auf globaler Ebene initiiert werden. Wie wäre der Weg dahin, und sind wir vielleicht schon unterwegs? – Ich würde sagen, das ist die Initiative, die dem, was es braucht, unter dem, was gerade real in der Welt passiert, am nächsten kommt. Es ist schon ein großer Fortschritt, dass globale Steuerfragen jetzt in der UN verhandelt werden. Vorher wurden internationale Steuerabkommen vor allem im Rahmen der OECD verhandelt, wo viele Länder des globalen Südens nicht oder nur am Rand dabei waren, aber nicht wirklich stimmberechtigt. Dass diese Themen jetzt in der UN besprochen werden, ist ein wahnsinniger Fortschritt. Wir waren auch schon im Austausch mit Leuten dort. Es wäre natürlich sehr wünschenswert, wenn eine solche Konvention in Zukunft auch für globale Steuern genutzt werden könnte. – Das führt schon zu meiner nächsten Frage.
[59:48] Das knüpft auch an unsere letzten Folgen an, in denen wir hier im Podcast Steuergerechtigkeit ab und zu über die UN-Steuerkonvention gesprochen haben. Spannend war dabei, andere Konfliktlinien zu sehen – nicht CDU gegen Linke oder Arm gegen Reich in Deutschland, sondern, auch wenn „gegen“ etwas falsch klingt, globaler Süden gegen globalen Norden auf der Ebene der UN-Steuerkonvention. Welche Koalitionen bräuchte es dafür? National wissen wir in Deutschland ungefähr, wo wir stehen – aber wo seht ihr sie international? Ihr seid ja ein europäisches Team, und das EU Tax Observatory um Gabriel Zucman wird ja auch von der EU gefördert.
14. Koalitionen und Resonanz (1:00:14)
[1:00:41] Ist die EU hier ein potenzieller Verbündeter, oder funktioniert das realistisch nicht? Woher könnte international wirklich der Druck kommen? Und damit verbunden: Macht ihr auch selbst Lobbyarbeit im globalen Süden? Ihr klingt ein bisschen wie jemand, der für den globalen Süden arbeitet, sitzt aber in Paris und seid ein sehr europäisches Team. Was wird euch aus dem globalen Süden und aus anderen Regionen gespiegelt? Wo ist am ehesten etwas zu holen – woher kommt in zehn Jahren der Schub, um es umzusetzen? – Bei all den Initiativen, die es schon gibt – die UN Tax Convention, das auf UN-Ebene diskutierte International Panel on Inequality, die Bridgetown Initiative – kommt der Anstoß oft aus einer Koalition des globalen Südens, weil es dort drängender ist, das internationale Währungs-, Handels- und Steuersystem zu reformieren. Am Ende ist es wahrscheinlich unumgänglich, dass es auch Koalitionen aus dem Norden gibt, die das unterstützen.
[1:01:59] So wie die internationalen Institutionen heute aufgebaut sind, haben reiche Länder mehr Macht; deshalb braucht es auch in reichen Ländern Koalitionen, die den globalen Süden unterstützen. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass das kein reiner Altruismus ist. Gerade angesichts der Klimakrise, einer globalen Krise, die nur global lösbar ist, gewinnen auch wir im globalen Norden sehr viel, wenn wir einen progressiveren Politikpfad einschlagen. Und du hast recht: Wir sind in Europa ansässig und mehrheitlich ein europäisches Team. Wir haben auch Leute aus anderen Ländern, die aber oft ebenfalls in Europa arbeiten oder forschen.
[1:02:48] Wir sind keine NGO oder Lobbyagentur; die meisten von uns sind an der Uni beschäftigt und machen Forschung. Aber seit wir den Bericht im Juni veröffentlicht haben, haben wir uns über den Sommer mit vielen Akteuren ausgetauscht – wir drei viel mit deutschen Akteuren, verschiedenen Parteien und NGOs. Es gab aber auch Gespräche mit Parteien und Organisationen aus Argentinien und Ghana, die auf uns zugekommen sind, weil sie es interessant fanden. Auch die Medienresonanz war im globalen Süden insgesamt größer und positiver. Die größten Zeitungen Indiens haben den Plan relativ positiv aufgenommen, durchaus mit dem Spin, dass er für Indien gut sei und Indien relativ zu den USA gewinne. In den Medien kommt eben immer wieder diese nationale Komponente hinein.
[1:03:40] Wir betonen dagegen immer, dass es ein universalistischer Plan ist, der nicht nur Ländern des globalen Südens helfen soll, sondern eine positive Vision und ein besseres Leben für alle bzw. für die 95 % bietet. Das als Einblick, wer auf uns zukam: Es kam wirklich aus verschiedenen Ländern, im globalen Norden eher aus dem linkeren Partei- und Medienspektrum, im globalen Süden breiter.
[1:04:07] – Noch eine kleine Beobachtung zu den anderen 5 %, zu denen wir gehören und die vielleicht keinen großen Zuwachs an Vermögen oder Einkommen hätten: Nach eurer Vision müssten sie nur noch 1.000 statt 3.000 Stunden im Jahr arbeiten. Das wäre eine große Entlastung für viele, die mit ihrem Einkommen zufrieden sind, aber auf gleichem Wohlstandsniveau mit weniger Konflikten und weniger Stress besser leben könnten, ohne mehr Geld.
[1:04:37] – Ja, und es ist wichtig zu sagen: Alles in Euro auszudrücken – wie viel wir wachsen, wie viel Einkommen und Vermögen wir haben – ist die einfachste Metrik. Aber eine Zukunft, in der wir die Klimakrise stark eindämmen, weniger arbeiten, auf gewisse Weise bewusster und in einer weniger ungleichen Gesellschaft leben, hat viele positive Effekte auf das Wohlbefinden, die sich nicht einfach monetär beziffern lassen. Vor allem auch die Vermeidung katastrophaler Klimaschäden, die uns bevorstehen, wenn wir so weitermachen. – Und als einziger Soziologe hier muss ich noch sagen: Es gibt genug Studien, dass eine gleichere Gesellschaft auch zu höherem Glücksempfinden führt, selbst bei denen ganz oben, die eigentlich belastet werden. – Ich habe noch zwei Fragen, ohne grandiose Überleitung. Die erste geht vermutlich an dich, Nelly. Wir haben einiges ausgeklammert – Christoph hat es schon angesprochen: weniger arbeiten, Suffizienz und so weiter.
15. Suffizienz und Lebensqualität (1:05:32)
[1:05:47] Mich würde sehr interessieren – weil wir das hier im Podcast quasi nie haben und keine Expertise dazu haben –, was global passieren müsste, um das CO₂-Ziel noch zu erreichen bzw. die Erderwärmung noch zu stoppen. Ich habe das Gefühl, viele Menschen um mich herum verzweifeln schon und denken, es sei alles verloren: Kipppunkte und so weiter.
[1:06:10] Kannst du, soweit möglich, eine frohe Botschaft verkünden? Wenn wir es jetzt wirklich mit viel Wumms anpacken, könnten wir die Ziele doch noch erreichen? Was müsste passieren, und wie realistisch ist das, wenn man das Geld wirklich hat? – Moritz und Jonas können dazu auch viel sagen. In unserer Projektion wollten wir verstehen, unter welchen Bedingungen es möglich ist, dass alle Länder ein Pro-Kopf-Einkommen erreichen, das den heutigen reichsten Ländern entspricht. Wir nehmen an, dass wir die Energiewende extrem beschleunigen – daher der Finanzierungsbedarf von ungefähr 4 % des globalen BIP pro Jahr, den Moritz angesprochen hat: schneller Ausbau erneuerbarer Energien, Elektrifizierung, wo immer möglich, und so weiter.
[1:07:05] Dann haben wir uns angeschaut, was das für die Emissionen in jedem Sektor und jedem Land bedeutet, und festgestellt: Wir bleiben nicht unter 2 Grad. Deshalb haben wir die Idee der Suffizienz entwickelt, also weitere Bausteine, mit denen wir Emissionen senken können.
[1:07:27] Suffizienz besteht konkret aus drei Säulen. Erstens die Arbeitszeit. Sie ist direkt mit unserem Konvergenzziel verknüpft, also mit der Frage, ob wir im globalen Norden im Durchschnitt noch viel mehr wachsen können als heute.
[1:07:45] Wir haben herausgefunden, dass das nicht möglich ist. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen in den USA oder Dänemark sind in unseren Projektionen praktisch an ihrem Maximum angelangt. Das bedeutet aber nicht, dass dort niemand mehr ein steigendes Einkommen sieht – wegen der Umverteilung innerhalb der Länder.
[1:08:02] Wenn wir annehmen, dass es weiter Innovation und Produktivitätswachstum gibt, können wir unsere Arbeitszeit reduzieren. Und historisch zeigen wir, dass Produktivitätswachstum tatsächlich immer auch genutzt wurde, um Arbeitszeit zu verringern.
[1:08:18] Das ist der erste Baustein. Der zweite ist die Frage, was in unserem Konsumkorb ist. Wir zeigen, dass ein enormes Potenzial zur Emissionsreduktion darin liegt, sauberere Dinge zu konsumieren – vor allem Bildung, Gesundheit und Kultur – und weniger materielle Güter aus den Bereichen Verkehr, Energie und Ernährung.
[1:08:46] Wir stellen natürlich sicher, dass von all diesen Gütern genug da ist, reduzieren aber ihren relativen Anteil. Der dritte Bestandteil sind unsere Ernährungsgewohnheiten. Wir wissen, dass vor allem die Viehhaltung extrem viel Land beansprucht und mit Abholzung einhergeht, was CO₂-Emissionen verursacht und natürliche CO₂-Speicher wie Wälder reduziert.
[1:09:12] Dazu ist die Viehhaltung selbst extrem emissionsintensiv. Wir modellieren, dass wir deutlich Emissionen einsparen können, wenn wir in Europa nur noch etwa halb so viel Fleisch essen wie heute. Das sind die drei Bestandteile der Suffizienz: weniger arbeiten, anders konsumieren, die Ernährung umstellen.
[1:09:36] Am Ende landen wir bei einer Vision, in der 98 % der Weltbevölkerung schon rein monetär deutlich besser dastehen als heute, auch eine große Mehrheit von 90 % in reichen Ländern. Hinzu kommen die nicht-monetären Vorteile: eine bessere Umwelt, verhinderte schlimmere Klimafolgen und etwa halbierte Arbeitszeit. Derzeit liegen wir im globalen Durchschnitt bei rund 2.000 Arbeitsstunden pro Jahr; das wird auf etwa 1.000 Stunden halbiert, rund eine 25-Stunden-Woche mit 12 Wochen Urlaub. Diese Vorteile genießen nicht nur wenige Länder, sondern die ganze Welt. – Top. Das klingt super und eigentlich nach einem tollen Schlusswort, aber meine letzte Frage will ich trotzdem noch unterbringen, wo ich euch schon mal hier habe.
16. Reparationen (1:10:25)
[1:10:25] Ich weiß nicht, ob ihr sie grandios beantworten könnt, aber es geht um Reparationen. Ihr kommt ja aus dem Umfeld von Thomas Piketty, der dazu viel schreibt. Ich glaube, es ist extrem unpopulär zu sagen, dass die reichen Länder eine moralische Pflicht haben, den Ländern, die im Kolonialismus und auf andere Weise ausgebeutet wurden, aktiv etwas zurückzuzahlen.
[1:10:49] Vielleicht kann jemand von euch unseren Zuhörerinnen und mir das Plädoyer für Reparationszahlungen geben, damit man einfach mal davon gehört hat – es ist ja gar nicht in der Debatte. Ich finde auch, dass man sich dem moralisch sehr schwer verweigern kann; irgendetwas muss da passieren.
[1:11:11] Bringt es doch zumindest in die Debatte unserer Hörerinnen ein: Welche moralischen Argumente gibt es? – Um zur normativen Grundlage des Berichts zurückzukehren: Wir gehen eigentlich von einer sehr universalistischen Annahme aus. Wir behandeln jeden Milliardär und jeden Millionär gleich, egal in welchem Land er wohnt.
[1:11:36] Alle zahlen die gleichen Steuern. Wir sagen, das heutige Weltwirtschaftssystem ist ungerecht, und wir wollen es auf gleiche Füße stellen. Weil wir Pro-Kopf-Dividenden auszahlen und mehr reiche Menschen im Norden leben, die also mehr Steuern zahlen, entstehen Transfers vom Norden in den Süden. Aber das folgt aus der universalistischen Annahme, dass alle gleich behandelt werden.
[1:11:58] Wir diskutieren auch Reparationen und hatten durchaus große interne Debatten darüber, ob wir von Anfang an stärker einen Reparationsansatz wählen sollten, weil es, wie du sagst, sehr gute moralische und ethische Argumente gibt. Um es einmal darzustellen – wir haben vorher über Predistribution geredet:
[1:12:16] Ist die heutige Verteilung vor Steuern, im Land wie zwischen Ländern, gottgegeben oder gerecht? Ganz sicher nicht. Sie ist das Ergebnis von Institutionen, wie sie heute sind, und der Geschichte.
[1:12:32] Dass Subsahara-Afrika im Durchschnitt etwa ein Zwanzigstel des Einkommens von Nordamerika hat, liegt nicht daran, dass Nordamerika einen fairen Marktwettbewerb gewonnen hat. Es ist das Ergebnis historischer Ungerechtigkeiten, des Kolonialismus, und auch aktuellerer Schäden, z. B.
[1:12:57] Klimaschäden, die ganz überproportional vom globalen Norden verursacht und überproportional im globalen Süden gespürt werden. Bei Kolonialismus wie bei Klimaschäden gäbe es ein gutes Argument zu sagen: Dass wir heute im globalen Norden so viel reicher sind, liegt an großen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, bis hin zum Sklavenhandel, der für den Vermögensaufbau nicht nur in den USA, sondern auch in vielen europäischen Kolonialmächten sehr wichtig war. Daraus folgt eine moralische Verantwortung, etwas zurückzuzahlen oder den globalen Süden zumindest aktiver dabei zu unterstützen, auf ähnliche Einkommensniveaus wie der globale Norden zu kommen. – Ganz toll, vielen Dank. Das wäre dann das Ende unserer heutigen Folge.
17. Abschluss (1:13:43)
[1:13:43] Der Global Justice Report ist natürlich in den Shownotes verlinkt. Ganz toll, dass ihr dabei wart und dass ihr das macht – ich liebe das so sehr. Das Netzwerk Steuergerechtigkeit arbeitet ja weniger in Visionen und mehr in konkreten Maßnahmen. Ich finde es toll, dass ihr euch dessen angenommen habt, einmal so ein ganz großes Framework zu schaffen. Vielen Dank.
[1:14:03] Moritz, Jonas und Cornelia – vielen Dank. – Danke euch. – Das war's. Danke.



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