Kriminalfälle
Menschen Wissenschaft Politik Mystery Kriminalfälle Spiritualität Verschwörungen Technologie Ufologie Natur Umfragen Unterhaltung

Der Fall Jens Söring

28.318 Beiträge, Schlüsselwörter: Mord, Kino, Gefängnis, Messer, Karten, Sohn, Doppelmord, Unschuldig, Richter, Schuldig, 1985 + 24 weitere
Zu diesem Thema gibt es eine von Diskussionsteilnehmern erstellte Zusammenfassung im Themen-Wiki.
Themen-Wiki: Der Fall Jens Söring

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 11:49
Calligraphie
schrieb:
wenn du die Korrespondenzen des JS gelesen hättest.
Nur eine Verständnisfrage: Calligraphie, meinst Du die Weihnachtsbriefe 84/85 an EH?


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 12:53
tja war er es oder nicht? Ich denke, hier hT jeder irgendeine Meinung dazu. Einige spricht gegen ihn. U.a. die Flucht mit der Geliebten nach Europa.
Ich empfinde seine Schilderungen für glaubwürdig.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 13:03
Ich werde das unangenehme Gefühl nicht los, dass jede heutige Befassung mit dem seit sehr langer Zeit gelösten und verurteilten "Fall" nur das Spiel des JS bespielt.

Eigentlich gibt es keinen Grund, noch ein Wort darüber zu verlieren. Der (wie ich finde: in mannigfaltiger Hinsicht auffällige) Täter hat eine Strafe abgesessen, die länger dauerte, als er sie hierzulande bekommen hätte. Also hat er den gleichen Status wie jeder andere Doppelmörder, der seine Strafe abgesessen hat. Strafe abgesessen = frei. Die Sache ist für ihn durch, und für die Öffentlichkeit auch. Feierabend.



Das ganze Gewese hat m. E. nur einen einzigen Zweck: Tantiemen für Söring. Der muss ja von irgendwas leben. Bestimmt arbeitet er schon an seinem nächsten Buch. :D

Bei einem anderen Ex-Sträfling hat die Pose "armes Justizopfer wird zum Medienstar" immerhin auch funktioniert.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 13:25
josef70
schrieb:
Ich empfinde seine Schilderungen für glaubwürdig.
@josef70
zum besseren Verständnis, welche meinst Du? Welche der vielen Gesichten, die er erzählt hat empfindest du glaubwürdig? Die, dass EH ihre Eltern im Drogenrausch ermordet hat? Oder die , dass es die Landstreicher waren oder aber EH im Komplott mit zwei Freunden.
Evl. meinst aber seine zahlreichen Geständnisse als Solotäter das Ehepaar Haysom ermordet zu haben.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 13:35
Rosenmontag
schrieb:
zum besseren Verständnis, welche meinst Du? Welche der vielen Gesichten, die er erzählt hat empfindest du glaubwürdig? Die, dass EH ihre Eltern im Drogenrausch ermordet hat? Oder die , dass es die Landstreicher waren oder aber EH im Komplott mit zwei Freunden.
Evl. meinst aber seine zahlreichen Geständnisse als Solotäter das Ehepaar Haysom ermordet zu haben.
Von meiner Seite gibt es weder zu diesem noch zu einem anderen Fall irgendwelche Spekulationen. Ich finde ihn in seinen Ausführungen glaubhaft. V.a. in denen, in denen er sagte damals blauäugig gehandelt zu haben. Ob er es nun war oder nicht, kann ich nicht bewerten. Wenn nicht, hat er für eine Jugendsünde bitter gebüßt. Betrachtet man sein Urteil heute, wie in einigen Dokus gezeigt, kommen schon Zweifel.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 13:45
josef70
schrieb:
. Betrachtet man sein Urteil heute, wie in einigen Dokus gezeigt, kommen schon Zweifel.
es könnten aber auch Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Dokus auftreten. War bei mir so, nachdem ich feststellen musste wir einseitig der Fall Jens Söring dargestellt wurde.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 13:49
Rosenmontag
schrieb:
es könnten aber auch Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Dokus auftreten. War bei mir so, nachdem ich feststellen musste wir einseitig der Fall Jens Söring dargestellt wurde.
Das habe ich auch so gesehen und meine Meinung nicht unbdeingt zu Gunsten von JS gebessert. Aber man weiss es nicht. Ich bin Zwiegepalten.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 15:36
JFYI: bereits kürzlich gab es Andeutungen im englischen Söring-Blog über Korruption im Parole-Board. Jetzt ist ein neuer Artikel erschienen: The Soering Parole Decision Revisited. Zum Inhalt kann ich Euch noch nichts näheres sagen, werde erst heute Abend dazu kommen, ihn zu lesen.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 19:10
The Soering Parole Decision Revisited
Mr.Stielz
schrieb:
Jetzt ist ein neuer Artikel erschienen:
Und bei Andrew Hammel gab es gleich am folgenden Tag (gestern) einen interessanten Kommentar:

https://hammeltranslations.com/2020/07/28/the-soring-parole-decision/


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 20:02
@Mr.Stielz
ich habe es bereits gelesen.
Eine wirklich sachliche Analyse und viel Hintergrundwissen zur Entscheidung vom Parole Board.
Aber gleichzeitig auch eine Art Abrechnung damit ,was tatsächlich hinter den Kulissen abgeht.
Die Ränkespiele hinter dem Parole Board. Politik meets Showbusiness.
Und abertausende Häftlinge , die auf dieses Board hinfiebern, sind eigentlich chancenlos.
Wieder einmal beweist sich hier, wer den Mund am lautesten öffnet , die Wahlkampfspender als Freunde hat, der wird belohnt.

Sehr interessant ,das alles zu erfahren.
Pikant auch der Hinweis auf Söring`s " rein zufälliges" Telefonat mit dem Gouverneur. Vermittelt durch seinen Promi Kumpel.

Man will das echt alles gar nicht glauben.

Da wird als Grund vom Parole Board lapidar angegeben, der Steuerzahler werde entlastet.
Dabei hat zb EH mit Ihrem Job in Haft sehr viele $ in die Kasse gespült.

Alleine die Tatsache, daß man noch bei der letzten Söring Anhörung grossspurig abgelehnt hat. Begründet mit monströser Tat usw. und nun im November auf einmal ganz leise Töne dazu.
Elizabeth wurde gleich komplett ausgeblendet seit 2017. Dabei hätte sie den Vorrang haben müssen, schon viel eher .

Der demokratische Gouverneur kann sich zurücklehnen. Es war ja angeblich nicht seine Entscheidung.
Nun weiß man zumindest was da hinter den Kulissen abgegangen ist.
Warum sollte man überrascht sein?
Politische Machtspielchen unter Einflussnahme auf das Paroleboard und mit Hilfe von Promi Spendern , die best Buddies von JS sind.

Kommt einem alles gar nicht so fremd vor. Man muss nur graben.


melden

Der Fall Jens Söring

29.07.2020 um 23:23
Dass es auch bei solchen Dingen nicht immer mit rechten Dingen zugeht, könnte ich mir gut vorstellen. Wie überall kommt man mit Vitamin B weiter. Ob es sich hier tatsächlich so zugetragen hat, spielt im Grunde genommen keine große Rolle. Er saß über 33 Jahre im Gefängnis. Die schönste Zeit seines Lebens, seine Jugend, wird er nie mehr wieder bekommen. Er muss auch weiterhin mit dem Makel des Doppelmörders leben. Er ist somit auch weiterhin gestraft, das wird er nicht mehr abschütteln können. Ob er damit glücklich wird? Keine Ahnung, aber so wie ich ihn einschätzen würde, wird er es nicht werden.


melden

Der Fall Jens Söring

30.07.2020 um 05:27
josef70
schrieb:
Jugendsünde
Ein brutaler Doppelmord ist eine Jugendsünde? Na ja, kann man so sehen, muss aber nicht. Ich finde das eine sehr unpassende Beschreibung der Tat.

Ansonsten kann ich den beiden neuen Artikeln im Prinzip zustimmen. Hier geht es um Politik, nicht mehr um die Frage von Gerechtigkeit.

Und bevor jemand gleich wieder Schnappatmung wegen des "schlimmen amerikanischen Systems" bekommt, in Deutschland ist das ja auch vorhanden. Auch hier gibt es Unterschiede in den typischen Haftzeiten z.B. bei sogenannten "lebenslänglichen" Strafen: man vergleiche nur mal die typische Zeit in einem bayerischen mit der typischen Zeit in einem Berliner Gefämgnis. Mal ganz abgesehen davon, dass der Gesetzgeber, das darf man annehmen, damals als das Strafgesetzbuch geschrieben wurde, mit dem Wort "lebenslänglich" sicherlich nicht gemeint hatte, "15 Jahre." Dass die meisten Deutschen meinen, 15 Jahre seien "lebenslang" hat mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu tun, also einer Entscheidung, die nicht auf der normalen demokratischen Genese eines Gesetzes beruht.

Daher kann man nur sagen: So bedauerlich die Haftentlassung dieses Mörders ist, es ist lediglich "politics as usual," wie wir hier sagen.


melden

Der Fall Jens Söring

30.07.2020 um 06:30
Rick_Blaine
schrieb:
Auch hier gibt es Unterschiede in den typischen Haftzeiten z.B. bei sogenannten "lebenslänglichen" Strafen: man vergleiche nur mal die typische Zeit in einem bayerischen mit der typischen Zeit in einem Berliner Gefämgnis. Mal ganz abgesehen davon, dass der Gesetzgeber, das darf man annehmen, damals als das Strafgesetzbuch geschrieben wurde, mit dem Wort "lebenslänglich" sicherlich nicht gemeint hatte, "15 Jahre." Dass die meisten Deutschen meinen, 15 Jahre seien "lebenslang" hat mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu tun, also einer Entscheidung, die nicht auf der normalen demokratischen Genese eines Gesetzes beruht.
In Bayern lebt man ja auch noch im finsteren Mittelalter was den gesamten Strafvollzug angeht.

Ich denke auch, daß viele Menschen LL mit 15 Jahren gleich setzen dem Umstand geschuldet ist, daß man bei diesem Thema völlig ungebildet ist in Deutschland. Schon das StGB verrät eigentlich etwas anderes.


melden

Der Fall Jens Söring

30.07.2020 um 11:57
Miss_Paula
schrieb:
Und bei Andrew Hammel gab es gleich am folgenden Tag (gestern) einen interessanten Kommentar:
Ein sachlich geschriebener und mit guten Argumenten belegter Kommentar. Ein Begnadigungssystem wie das der USA öffnet der politischen Opportunität und damit der Willkür Tür und Tor.

Interessant auch seine Feststellung, Söring und Haysom mussten deswegen viel länger im Gefängnis bleiben (nicht umgekehrt).
So politics kept Haysom and Soering in prison much longer than they would have if political factors hadn’t played a role.
Quelle: https://hammeltranslations.com/2020/07/28/the-soring-parole-decision/
Rick_Blaine
schrieb:
Dass die meisten Deutschen meinen, 15 Jahre seien "lebenslang" hat mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu tun, also einer Entscheidung, die nicht auf der normalen demokratischen Genese eines Gesetzes beruht.
Die Entscheidung beruht auf dem Grundgesetz, auf Art. 1 Abs. 1 GG. Ohne diese verfassungskonforme Auslegung hätte das BVerfG § 211 StGB für verfassungswidrig erklären müssen - und der Gesetzgeber hätte Gelegenheit gehabt, ein Gesetz mit zeitigen Freiheitsstrafen und "normaler demokratischer Genese" zu schaffen.

Durch die BVerfG-Entscheidung von 1977 sollen sich im Übrigen die durchschnittlich verbüßten Freiheitsstrafen bei Lebenslänglich im Mittel erhöht haben, weil das Kriterium der "besonderen Schwere der Schuld" gesetzlich verankert wurde.

Zuletzt ist Heiko Maas als Bundesjustizminister an einer Reform der §§ 211, 212 StGB gescheitert. Die Angst, es könnte sich etwas ändern (obwohl das für notwendig erachtet wird), was zu jahrelangen Shitstorms und BILD-Headlines führen würde, die war zu groß. Reformen wie 1969 und 1975 würde heute niemand mehr wagen.
Ray.
schrieb:
In Bayern lebt man ja auch noch im finsteren Mittelalter was den gesamten Strafvollzug angeht.
Dem würde ich widersprechen. In Bayern ist das "härter zulangen" zwar durchaus Bestandteil der Landesfolklore (außer man ist Strauß-Sohn oder Bayern-Präsident...). Ob es aber in anderen Bundesländern rechtsstaatlicher oder - gemessen an den Zielen des Strafvollzugs - konstruktiver zugeht, da habe ich so meine Zweifel. Für Schwarz-Weiß-Denken ist jedenfalls wenig Platz.


melden

Der Fall Jens Söring

30.07.2020 um 13:14
monstra
schrieb:
Dem würde ich widersprechen. In Bayern ist das "härter zulangen" zwar durchaus Bestandteil der Landesfolklore (außer man ist Strauß-Sohn oder Bayern-Präsident...). Ob es aber in anderen Bundesländern rechtsstaatlicher oder - gemessen an den Zielen des Strafvollzugs - konstruktiver zugeht, da habe ich so meine Zweifel. Für Schwarz-Weiß-Denken ist jedenfalls wenig Platz.
Nun wirklich konstruktiver ist es in ganz Deutschland nicht. Eigentlich traurig da man ja durchaus weiß wie es besser geht. Trotz allem schießt Bayern im Vergleich noch den Bock ab.


melden

Der Fall Jens Söring

30.07.2020 um 13:21
josef70
schrieb:
Von meiner Seite gibt es weder zu diesem noch zu einem anderen Fall irgendwelche Spekulationen. Ich finde ihn in seinen Ausführungen glaubhaft. V.a. in denen, in denen er sagte damals blauäugig gehandelt zu haben. Ob er es nun war oder nicht, kann ich nicht bewerten. Wenn nicht, hat er für eine Jugendsünde bitter gebüßt. Betrachtet man sein Urteil heute, wie in einigen Dokus gezeigt, kommen schon Zweifel
Ich denke das macht zum (Groß)Teil auch die Faszination Jens Söring aus. Manchmal denkt man, dass man nun weiß, ob er unschuldig ist oder eben nicht und je mehr man von ihm sieht, desto mehr zweifelt man dann doch daran.
Anfangs war ich überzeugt er sei unschuldig, inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Aber inzwischen interessiert es mich auch einfach nicht mehr so.
Man wird es nie wirklich wissen. Manchmal denke ich selbst er selbst weiß es nicht so genau. Abstrus dieser Fall und diese Persönlichkeit.


melden

Der Fall Jens Söring

30.07.2020 um 13:28
Rick_Blaine
schrieb:
Und bevor jemand gleich wieder Schnappatmung wegen des "schlimmen amerikanischen Systems" bekommt, in Deutschland ist das ja auch vorhanden. Auch hier gibt es Unterschiede in den typischen Haftzeiten z.B. bei sogenannten "lebenslänglichen" Strafen: man vergleiche nur mal die typische Zeit in einem bayerischen mit der typischen Zeit in einem Berliner Gefämgnis. Mal ganz abgesehen davon, dass der Gesetzgeber, das darf man annehmen, damals als das Strafgesetzbuch geschrieben wurde, mit dem Wort "lebenslänglich" sicherlich nicht gemeint hatte, "15 Jahre." Dass die meisten Deutschen meinen, 15 Jahre seien "lebenslang" hat mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu tun, also einer Entscheidung, die nicht auf der normalen demokratischen Genese eines Gesetzes beruht.
Danke dass Du darauf hinweist. Bei allen bekannten Schwächen des us-amerikanischen Justizwesens gibt es immerhin eine demokratische Kontrolle. Hierzulande macht jeder Richter was er will oder was er glaubt, das seinem Justizminister gefällt (solange er noch eine Bevörderungschance sieht). Und das Bundesverfassungsgericht nimmt mittlerweile die Rolle einer dritten Kammer ein.

Wir sollten hierzulande wirklich bescheidener sein, was die Rolle der Justiz anbetrifft. Es ist nicht immer das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen muss.

JS wurde rechtskräftig verurteilt, saß viele Jahrzehnte hinter Gittern (mehr vermutlich, als er in seinem "Heimatland" gesessen hätte), und jetzt wurde er freigelassen. Er ist damit ein ganz normaler Schwerstverbrecher, der seine Strafe verbüßt hat und zurück ins normale Leben finden muss.

Sein histrionisches Gehabe empfinde ich als sehr unangemessen, ebenso, dass er eine öffentlich-rechtliche Bühne dafür bekommt.


melden

Der Fall Jens Söring

31.07.2020 um 00:26
EclipseFirst
schrieb:
Hierzulande macht jeder Richter was er will oder was er glaubt, das seinem Justizminister gefällt (solange er noch eine Bevörderungschance sieht).
Woher hast du denn diese "Weisheiten"? Da würde ich gerne mal ein Beispiel sehen. Zumal ja in Strafsachen ab Langericht meistens nicht nur ein Richter beteiligt ist, sondern mehrere, darunter ehrenamtliche (Schöffen). Und was am Amtsgericht der Einzelrichter in Bußgeld- oder Familiensachen macht, interessiert einen Justizminister nicht die Bohne. Den interessieren übrigens auch die meisten Strafsachen ab Landgericht aufwärts nicht.
EclipseFirst
schrieb:
Und das Bundesverfassungsgericht nimmt mittlerweile die Rolle einer dritten Kammer ein.
Das ist falsch. Zwar kassiert das Bundesverfassungsgericht verfassungswidrige Gesetze, macht aber nichts darüber hinaus. Es macht insbesondere keine eigenen Gesetze, sondern es ist natürlich Sache der Legislative, welches neue Gesetz sie anstatt des verfassungswidrigen Gesetzes nun neu beschließt.
EclipseFirst
schrieb:
Es ist nicht immer das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen muss.
Das ist richtig - vorausgesetzt, man hat überhaupt das deutsche (Justiz-)Wesen begriffen. Welches mit dem us-amerikanischen nun gar nicht vergleichbar ist, wobei es nicht um die globale Frage "besser" oder "schlechter" geht. Ist halt anders.


melden

Der Fall Jens Söring

31.07.2020 um 04:00
Andante
schrieb:
Welches mit dem us-amerikanischen nun gar nicht vergleichbar ist, wobei es nicht um die globale Frage "besser" oder "schlechter" geht. Ist halt anders.
Das ist zwar eine gängige Meinung, die aber gar nicht so umfassend zutrifft. Wenn man so wie ich, erst in Deutschland Jura studiert und dann in den USA, passiert es sehr häufig, dass man in der Vorlesung oder im Seminar plötzlich sagt: "ach, schau an, das ist ja wie in Deutschland!" Die entscheidenden Grundsätze des Rechts sind, besonders im Strafrecht, in beiden Staaten nahezu immer die gleichen.

Und das gilt vor allem für die hier entscheidenden Dinge: hier wie da muss dem Täter eine Schuld zweifelsfrei nachgewiesen werden, von der Anklage. Hier wie da gilt: wenn ein Urteil gesprochen wurde, kann man Rechtsmittel einlegen, von der Revision bis zum Wiederaufnahmeantrag und zur Verfassungsbeschwerde (in Deutschland), in den USA gibt es sogar noch mehr Rechtsmittel. Und wenn man in jedem dieser Verfahren wieder verliert, dann gilt in beiden Ländern, dass die Rechtssicherheit nun gebietet, einmal einen Schlusstrich zu ziehen und nun der Verurteilte starke Gründe vorbringen muss, das Urteil doch noch anzufechten. Die Bedingungen dafür sind in beiden Staaten wieder sehr vergleichbar.

Anders geregelt sind die Fragen, wer der "Richter" ist, der die Schuld feststellen muss, in Deutschland eine Kammer, in den USA eine Jury, und natürlich Fragen des Strafmasses, die aber keine juristischen sondern politische Fragen sind.

Daher ist auch nach wie vor meine Meinung, dass JS unter den gleichen Voraussetzungen, also mit exakt den gleichen Indizien usw. in Deutschland genauso verurteilt worden wäre. Er wäre vermutlich früher aus der Haft entlassen worden, aber er könnte sich auch in Deutschland nicht redlich als Unschuldslamm darstellen.
Andante
schrieb:
EclipseFirst schrieb:
Und das Bundesverfassungsgericht nimmt mittlerweile die Rolle einer dritten Kammer ein.

Das ist falsch. Zwar kassiert das Bundesverfassungsgericht verfassungswidrige Gesetze, macht aber nichts darüber hinaus. Es macht insbesondere keine eigenen Gesetze, sondern es ist natürlich Sache der Legislative, welches neue Gesetz sie anstatt des verfassungswidrigen Gesetzes nun neu beschließt.
Na ja, höchste Gerichte geben schon öfter mal der Versuchung nach, anstatt sich ganz und gar auf die Ausführung bestehender Gesetze und ihre Interpretation zu konzentrieren, auch quasi legislativ tätig zu werden. Das gilt im übrigen sowohl für das BVerfG als auch den amerikanischen Supreme Court. "Legislating from the bench" (Gesetze von der Richterbank aus machen) nennt man das hier. Ideal wäre es freilich, wenn alle Richter dieser Versuchung widerstehen würden.


melden

Der Fall Jens Söring

31.07.2020 um 04:17
Rick_Blaine
schrieb:
Anders geregelt sind die Fragen, wer der "Richter" ist, der die Schuld feststellen muss, in Deutschland eine Kammer, in den USA eine Jury, und natürlich Fragen des Strafmasses, die aber keine juristischen sondern politische Fragen sind.
Da ist aber doch ein erheblicher Unterschied zu D. In den USA entscheidet die Jury, also ausschließlich Laienrichter, über die Schuldfrage. Das Strafmaß setzt dann der Berufsrichter fest. Inwieweit das Strafmaß dann eine politische Frage ist, weiß ich nicht, dazu kenne ich mich im US-Recht zu wenig aus.

Ganz anders in D. Da entscheiden Berufsrichter und Schöffen gemeinsam sowohl über die Schuldfrage wie auch über das Strafmaß, und zwar unabhängig von politischen Einflüssen. Richtern in D ist ihre grundgesetzlich garantierte Unabhängigkeit heilig, und jeder Versuch eines Eingriffs in diese endet mit medialem und anderem Aufruhr. Jüngstes Opfer ist unser Landesjustizstaatssektetär, der kürzlich gehen musste, weil er u.a.versucht hatte, in die richterliche Unabhängigkeit einzugreifen.
Rick_Blaine
schrieb:
Na ja, höchste Gerichte geben schon öfter mal der Versuchung nach, anstatt sich ganz und gar auf die Ausführung bestehender Gesetze und ihre Interpretation zu konzentrieren, auch quasi legislativ tätig zu werden.
Das geht nicht, weil Gerichte eben nicht Gesetze verkünden, im Bundesgesetzblatt veröffentlichen und kaum den zuständigen Bundespräsidenten dazu bringen können, von ihnen gemachte "Gesetze" zu unterschreiben.

Was Gerichte einzig machen können, ist, in ihren Urteilsgründen Gedanken zu verbreiten, die den Gesetzgeber zum Nach- und Umdenken bewegen. Mit Gesetzeskraft kann so was von vornherein nur das Bundesverfassungsgericht. Alle anderen Gerichte können mit ihrer Rechtsprechung nur eines: Die Leute durch die Instanzen treiben. Irgendwann, gerade im Steuerrecht, wenn immer der Steuerzahler gewinnt, wird es der Politik zuviel, und sie ändert dann das betreffende Steuergesetz.

Oder der Europäische Gerichtshof bewirkt eine Änderung der nationalen Gesetzgebung in den Mitgliedstaaten.

Alles in allem: Kein Vergleich zur US-Rechtsprechung und Justiz..


melden
218 Mitglieder anwesend
Konto erstellen
Allmystery Newsletter
Alle zwei Wochen
die beliebtesten
Diskussionen per E-Mail.

Themenverwandt
Wo ist Katrin Konert?10.138 Beiträge