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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

125 Beiträge, Schlüsselwörter: Hannover, Polizist, Pension, Gimmlitztal

Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 10:31
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Das-Grauen-im-Gimmlitztal-artikel8622742-2.php

Pension war zweite Liebe

Detlev G. und sein Partner schlossen im Mai 2003 vor dem Dresdner Regierungspräsidium die Ehe, wie beide im August 2004 in einem Gespräch mit der "Freien Presse" erzählten. Mit etwa 150 Gästen wurde damals im Gimmlitztal gefeiert. Die anfängliche Skepsis gegenüber dem homosexuellen Paar sei bei den Nachbarn schnell gewichen.

Im Jahr 2000 hatten sich der Thüringer und sein Freund kennengelernt. Die Pension war ihre zweite Liebe, erzählten sie damals. Sie wollten Gastgeber im Nebenberuf sein - hatten sich deshalb im Gimmlitztal niedergelassen. Detlev G. plauderte im Interview mit der "Freien Presse" darüber, dass er tagsüber seine Brötchen als Kriminaltechniker beim Landeskriminalamt in Dresden verdient - als einer der wenigen Schriftsachverständigen der Behörde. Die Pension war Detlev G. und seinem Partner Ausgleich und idyllischer Ort zum Rückzug gleichermaßen, berichtete G. 2004. Seinem Partner war das Haus aus Kindertagen bekannt gewesen. Er hatte das nach der Wende leer stehende Gebäude gekauft und mit G. stückweise zur Pension ausgebaut. Dieser hatte seinen Hauptwohnsitz bereits zum Zeitpunkt des "Freie Presse"-Gesprächs in die Pension verlegt. Sein Partner kommt auch heute noch wegen seiner Tätigkeit auswärts nur am Wochenende ins Gimmlitztal. "Er ist ein freier Mann und gilt nicht als verdächtig", sagt Wolfgang Kießling, Pressesprecher der Polizeidirektion Dresden.

"Das kann man nicht begreifen", sagt Nachbarin Katja Köhler tonlos. "Was hier passiert ist, hinterlässt eine Leere im Gehirn, macht uns alle fassungslos." Noch am Dienstag hatte die aufgeschlossene Frau - wie fast jeden Morgen - Detlev G. die Hand geschüttelt, bevor er an ihr vorbei nach Dresden zur Arbeit fuhr. "Alles war wie immer. Ich habe ihm noch zugerufen: Bist aber spät dran." Ihr Nachbar habe - freundlich wie immer - gelächelt und sei mit seinem dunklen Auto davongefahren.

Umso unfassbarer ist, was sich nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler am 4. November abspielte. Detlev G. und seine Internet-Bekanntschaft hatten sich verabredet, in einer E-Mail soll es konkret um eine Tötung an diesem Tag gegangen sein. Das Opfer, ein 59-jähriger Geschäftsmann aus Hannover, fuhr am Morgen mit dem Bus nach Berlin. Von da ging es weiter mit dem Fernbus nach Dresden. Hier traf er gegen 15.15 Uhr ein und wartete dann auf seinen mutmaßlichen Mörder. Zusammen fuhren beide mit dem Auto in das Wohnhaus im Gimmlitztal. In der Pension soll es zu diesem Zeitpunkt keine Gäste gegeben haben. Nach den bisherigen Ermittlungen wurde der 59-Jährige unmittelbar nach dem Eintreffen mit einem Messer getötet. Am 11. November gab ein Geschäftspartner des Opfers eine Vermisstenanzeige auf. Die Polizei stellte später eine letzte Ortung des Mobiltelefons des Vermissten in Berlin fest. Internet-Recherchen der Polizei in Hannover führten schließlich auf die Spur des Beamten. An seinem Arbeitsplatz im Landeskriminalamt wurde er am Mittwoch festgenommen.

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20.06.2014 um 10:32
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Das-Grauen-im-Gimmlitztal-artikel8622742-3.php

Verbrechen verlangt selbst hartgesottenen Kriminaltechnikern viel ab

Am Freitag ist die Zufahrt zum Gimmlitztal dicht. Die Polizisten am Abzweig von der Hauptstraße lassen nur Presseleute in das einsame Tal. Nahe der Pension, die dem Täter und seinem Ehemann gehört, wimmelt es immer noch von Beamten. Pressesprecher Kießling weist Kamerateams, Journalisten und Fotografen ein. Als einer der Beamten die Absperrung hebt, dürfen sie alle in die Nähe des Tatorts. Der Blick wird frei auf den Garten der Pension, wo Kriminaltechniker ihre Arbeit verrichten. Kleine gelbe Hütchen markieren Stellen im umgegrabenen Erdreich, an denen die Spezialisten auf Leichenteile stießen. Diese sind laut Kießling in die Gerichtsmedizin nach Dresden gebracht worden. Wie viele menschliche Überreste gefunden wurden, will der Pressesprecher nicht sagen. Nur so viel: "Das ist selbst für uns schwer zu verkraften."

Detlev G. selbst hatte den Ermittlern erklärt, wo er sein Opfer vergraben hat. Eine verrußte Feuerschale steht unweit der Markierungen im Pensionsgarten. "Die Kriminaltechniker graben noch weiter", sagt Wolfgang Kießling mit Blick auf die Beamten in Weiß. Zwei Zelte schützen die Ermittler vor dem nasskalten Wetter. Gesprochen wird wenig - zu unwirklich ist das Geschehen. Dieses Verbrechen verlangt selbst den hartgesottenen Kriminaltechnikern viel ab.

Seit Donnerstagmorgen sind die Teams in Schichten im Einsatz, sagt Kießling. Wieder nimmt er ein Kamerateam in Empfang. "Hier ist ja die Welt zu Ende", kommentiert einer der Neuankömmlinge, die nach drei Stunden Fahrt aus Berlin ihre Technik aufbauen und nach Anwohnern fragen. Deren Türen aber sind fest verschlossen, niemand lässt sich mehr auf der Straße sehen. Selbst der Postbote muss an einer Haustür lange klingeln, ehe sich etwas regt.

Schließlich dreht sich der Schlüssel in der Tür in unmittelbarer Nachbarschaft des Fundorts. "Was sich hier abgespielt hat, ist ein menschliches Drama. Wir haben gewaltig damit zu kämpfen. Er muss psychisch krank sein, und keiner wusste davon", sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. Nie habe es Anzeichen für etwas Ungewöhnliches gegeben. "Wir alle haben gewaltig damit zu kämpfen. Wir sind hier kein Monstertal", sagt er. Es sei doch heute kein Problem, übers Internet alle wilden Fantasien auszuleben. Und der "Kannibale von Rotenburg" sei ja durch alle Medien gegangen.

Nachbarin Katja Köhler macht sich Sorgen um die Gimmlitztal-Bewohner: "Wie soll es denn nun hier weitergehen? Ich denke, wir müssen offen miteinander über alles sprechen. Das hilft vielleicht."

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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 10:34
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Das-Grauen-im-Gimmlitztal-artikel8622742-4.php

Interview: Das letzte große Tabu

Spektakuläre Tötungsdelikte provozieren die Frage nach dem Warum - Die Kriminologin Petra Klages stellt diese Frage beruflich: im Gespräch mit den Tätern

Petra Klages beschäftigt sich mit den Ursachen abweichenden Verhaltens. Die Kriminologin und Pädagogin arbeitet seit Jahren mit Intensivtätern. Unter ihnen war auch Armin Meiwes, bekannt als der "Kannibale von Rotenburg". Mit Ulrike Nimz sprach sie über die Entstehung bizarrer Fantasien und Tatmotive.

Freie Presse: Frau Klages, der aktuelle Fall aus dem Osterzgebirge ruft Erinnerungen an den "Kannibalen von Rotenburg" wach. Auch Armin Meiwes fand sein Opfer im Internet und tötete es auf dessen Verlangen hin. Inwiefern kann man von Einvernehmlichkeit sprechen?

Petra Klages: Im Fall Armin Meiwes ist diese Bezeichnung sicher zutreffend. Es gibt Chat-Protokolle, die eine entsprechende Übereinkunft belegen. Herr Meiwes hatte diese archiviert, auch um sich selbst zu schützen. Meiwes hat eine sexuelle Störung: Sein Fetisch ist das Fleisch von Männern, die er sympathisch findet und die sich ihm zur Tötung anbieten. Besser noch: sich selbst töten. Denn Meiwes lehnt es ab, jemandem Schmerzen zuzufügen. Er ist ein friedfertiger Mensch. Sein Opfer allerdings war hochgradig masochistisch, wollte von Meiwes auch gefoltert werden. Meiwes aber war dazu nicht fähig, musste sich vielmehr vom Opfer anleiten lassen. Er ist kein Sadist.

Sondern?

In Meiwes' Fall liegt keine Persönlichkeits-, sondern eine Bindungsstörung zugrunde. Armin Meiwes ist früh von Vater und Geschwistern verlassen worden. Ihn trieb der Wunsch, sich einen geliebten Menschen buchstäblich einzuverleiben, um ihn nie wieder zu verlieren. Hinzu kam, dass er als Kind im ländlichen Raum aufwuchs und relativ früh Schlachtungen von Tieren beiwohnte, die er mochte und mit Namen kannte. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich seine sexuelle Identität, es kam zu Verknüpfungen. Trotzdem stand bei seiner Tat nicht die Lust im Vordergrund, sondern der Bindungsgedanke. Opfer und Täter hatten im Fall Meiwes völlig unterschiedliche Motive. Sie haben sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, um gegenseitig ihre Fantasien zu befriedigen.

Mit Fantasien wie diesen ist es unwahrscheinlich, im täglichen Leben einen Gleichgesinnten zu treffen. Welche Rolle spielt das Internet?

Die entscheidende. Das Internet bietet vielen unterschiedlichen Formen schwerer Kriminalität neue Möglichkeiten. Allem voran dem sexuellen Missbrauch von Kindern, sei es durch den Konsum von Kinderpornografie oder anonyme Annäherung. In den erwähnten Kannibalen-Foren finden Menschen zusammen, die ähnliche Neigungen haben. Auch wenn ein Großteil auf lange Sicht dabei bleibt, nur Fantasien auszutauschen, lässt allein die Kommunikation unter Gleichgesinnten das abweichende Verhalten mit der Zeit normaler erscheinen. Dadurch sinkt auch die Schwelle, zur Tat zu schreiten.

Bei Ihrer Arbeit steht nicht nur die Tat im Mittelpunkt, vielmehr deren Ursache. Wie entstehen solch bizarre Neigungen?

Schwerstkriminalität entsteht nicht von jetzt auf gleich, sondern hat viele Vorstufen. Der sogenannte "Rhein-Ruhr-Ripper" beispielsweise erlitt seit dem achten Lebensjahr wiederholt schwersten sexuellen Missbrauch, begann erst dann damit, Tiere zu quälen, verging sich an Leichen, bevor er in letzter Konsequenz Frauen tötete.

Nicht jedes missbrauchte Kind wird zum Täter.

Natürlich nicht, dann hätten wir ein ernstes Problem. Die Frage, warum jemand nicht zum Täter wird, stellt sich Menschen meines Metiers jedoch selten.

Im aktuellen Fall hat der mutmaßliche Täter ein funktionierendes Sozialleben. Wie kann man einen so destruktiven Teil der Persönlichkeit verbergen?

Wenn die Fantasien so extrem sind, ist es selbstverständlich, dass wir sie nicht offen kommunizieren, beziehungsweise nur im geschlossenen Kreis, wie den entsprechenden Internetforen. Der "Rhein-Ruhr-Ripper" beispielsweise war ein sehr liebevoller Familienvater. Es ist anzunehmen, dass es Menschen gibt, die mit ihren Abgründen leben, ohne jemals auf- oder straffällig zu werden.

Der Kannibalismusvorwurf hat sich bislang nicht bestätigt, trotzdem dominiert dieses noch unbewiesene Detail die Schlagzeilen.

Kannibalismus gibt es seit Menschengedenken und in den unterschiedlichsten Formen, nicht nur sexuell motiviert oder wahnhaft. Denken Sie an Hungerkannibalismus während eines Kriegsgeschehens. Längst hat das Phänomen Einzug in die populäre Kultur gehalten: "Das Schweigen der Lämmer" oder "Robinson Crusoe". Gleichzeitig ist Kannibalismus natürlich das letzte große Tabu unserer Gesellschaft. Und das fasziniert.


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 10:45
@StreuGut
Auf die Schnelle, ehe ich los muß: vielen Dank für die Berichte!
Das Interview von "Seite 4" finde ich interessant und ich denke, genau das ist es, was wir versuchen wollen, zu verstehen - und eben, wie dann im Prozeß agiert wird.

Jetzt muß ich aber wirklich los :(

Bis später :)


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 10:46
@ARWEN1976
Ja, bis später! Ich hab gerade noch was gefunden, aber das läuft nicht weg.


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 10:47
@ARWEN1976
@StreuGut
ARWEN1976 schrieb:Herr G. war ja überdies selbst beim LKA und irgendwo drängt sich mir der Verdacht auf, daß er es "schlauer" anstellen wollte, als Armin M. und das Video entsprechend gesteuert hat, sodaß man ihm am Tod des Opfers aktiv (scheinbar) nichts würde nachweisen können.
Ein interesanter Gedanke. Als Polizeibeamter ist man überdies auch mit den Gesetzen vertraut.
Nur wie weißt man das eben nach, wenn das Video erst an einer bestimmten Stelle ansetzt.

Wenn auf dem Video tatsählich zu sehen ist, wie das Opfer die Beine anwinkelt, obwohl er hätte stehen können, fällt Mord weg.
Wenn es bei Störung der Totenruhe bleibt, könnte es für diese Tat ein recht mildes Urteil geben, bis zu 3 Jahre oder Geldstrafe.
Irgendwie erschreckend....

http://dejure.org/gesetze/StGB/168.html


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 10:50
@Infinitas
Stimmt, aber ich habe es eher so verstanden, daß wohl doch mehr nachweisbar ist. Nebenbei - irgendwo hatte ich gelesen, daß Detlev G. an den Ermittlungen zum Fall Meiwes beteiligt war. Irre ich mich da? Ich finde es gerade nicht.

Hier noch ein paar Hintergrundinfos zum Fall und zum Thema Kannibalismus

Auf dass der Tod sie einet
Das Opfer und sein Schlächter trafen sich auf einer Internetseite für den Austausch kannibalistischer Fantasien. Wirklich gegessen habe er aber nicht von dem Mann, den er tötete, sagt der ansonsten geständige Detlev G. aus Reichenau. Die Obduktion soll nun klären, ob er die Wahrheit sagt.

Reichenau. Der Mord an dem Hannoveraner Geschäftsmann Wojciech S. stellt vieles auf den Kopf. Die beschauliche Gemütlichkeit des osterzgebirgischen Gimmlitztals wurde im Zuge des Buddelns nach Leichenteilen mit umgepflügt. Dass der geständige Täter Detlev G. Kriminalkommissar ist, lässt das Urvertrauen in den Polizisten als Garanten für Sicherheit und Ordnung wanken. Und auch bei der Obduktion gelten andere Regeln. Schneiden müssen die Rechtsmediziner nicht viel. Die Obduktion des 59-jährigen Wojciech S. gleicht einem Puzzle, bei dem zusammengesetzt wird.

Nachdem die Ermittler die Suche nach den Überresten des Toten abgeschlossen haben, gilt das Augenmerk der Forensiker nun der Frage, ob Teile fehlen. "Viele Stücke sind sehr klein, auch Knochen wurden zerteilt. Man muss jetzt herausfinden, was da ist, und ob etwas fehlt", sagt der Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft, Lorenz Haase. Immerhin steht noch jener Verdacht im Raum, den der ansonsten geständige Tatverdächtige bisher bestreitet: eventuell Teile seines Opfers aufgegessen zu haben.

Schließlich kamen sich Opfer und Täter auf der Webseite "zambianmeat.com" näher, einer Internetplattform, die vordergründig abstrakt den Konsum exotischen Fleisches propagiert, deren Nutzer sich aber mit abnormen Fantasien outen und deutlich machen, dass menschliches Fleisch gemeint ist.
Armin Meiwes aß sein Opfer mit dessen Einwilligung.

Foto: Foto: Uwe Zucchi/dpa

Das zeigt sich schon an den Namen der Chatteilnehmer. "Hezsla-Longpig" etwa nannte sich das Opfer des aktuellen Mordfalls auf der Kannibalen-Webseite. Der Begriff "Longpig" bezeichnet nicht etwa ein langes Schwein. Er ist aus der Bezeichnung abgeleitet, die kannibalistisch lebende Urwaldstämme für menschliche Opfer wählten. Mit dieser Bezeichnung beschreiben sich solche Chatteilnehmer, die sich als Opfer eines kannibalistischen Aktes sehen möchten. Diejenigen, die sich selbst eher in die Rolle des aktiven Kannibalen fantasieren, bezeichnen sich als "Chef". Der sächsische LKA-Mann präsentierte sich unter dem Namen "Caligula", ein für seine Gewaltherrschaft bekannter römischer Kaiser. Auf derselben Webseite, die den in Sachsen lebenden Täter und sein in Niedersachsen beheimatetes Opfer zusammenbrachte, kamen sich vor über zwölf Jahren bereits der Kannibale von Rotenburg, Armin Meiwes, und sein Opfer Bernd Brandes näher.

Ein Verbot der Plattform hält Oberstaatsanwalt Haase für nicht praktikabel. Zum einen seien Gedanken nicht zu verbieten, so lange sie sich auf rollenspielartiger Ebene bewegten. Zum anderen sei die genannte Plattform, selbst wenn es rechtliche Handhabe gäbe, kaum greifbar. "Der Server steht sicher irgendwo auf den Cayman-Inseln, da ist kaum ranzukommen", orakelt Haase. Auf den Caymans ist die Internetplattform nicht registriert, sondern im US-Bundesstaat New Jersey. Wer sie angemeldet hat, ist über Zwischenanmelder kaschiert. Die Nutzer stammen aus unterschiedlichsten Ländern. Und nicht nur solche Tummelplätze für kranke Köpfe bietet das Internet. Wer sucht, findet sogar detaillierte Schlachtanweisungen für Menschen inklusive Zubereitungstipps.

Nachdem Ermittler im aktuellen Fall Screenshots der Kontakte des Todesopfers auswerteten, bestätigte der Dresdner Polizeipräsident Dieter Kroll, dass auch Wojciech S. kannibalistische Vorstellungen hatte. "Schon seit seiner Jugend" habe er die Fantasie gehegt, "sich töten und aufessen zu lassen". Außer diesen Chats gibt es laut Oberstaatsanwalt Haase keine Beweise für die Version des Tatverdächtigen Detlev G. Der beteuerte, die Tötung sei "auf Verlangen des Opfers" erfolgt.
Kannibale von Milwaukee: Serienmörder Jeffrey Dahmer.

Foto: Foto: FBI

Auch ob die Tötung so stattfand, wie der LKA-Hauptkommissar Detlev G. behauptet, werde im Zuge der Obduktion überprüft, sagte Haase der "Freien Presse". Nach Version des Täters schnitt dieser dem Opfer mit dessen Einverständnis die Kehle durch, bevor er es zerteilte. Auch wenn Wojciech S. im Chat den Wunsch geäußert hatte, gegessen zu werden, habe er dies aber nicht getan, gab der Tatverdächtige an. Auch habe er die Tat nicht aus sexuellen Motiven begangen, versichert er. Welche Motive hinter der Tat standen, das versuche man derzeit anhand der Chat-Kontakte der beiden Beteiligten nachzuvollziehen, sagt Oberstaatsanwalt Haase.

Der ursprünglich aus Thüringen stammende Tatverdächtige lebte seit Jahren in einer festen Beziehung mit einem anderen Mann in Sachsen. Dieser allerdings wohnte nur zeitweise mit in der Pension, die das Paar in einem ehemaligen DDR-Ferienheim betrieb. Während der Woche war der Partner des Tatverdächtigen auswärts. Gegen ihn liegen keine Verdachtsmomente vor, betont die Staatsanwaltschaft. Nach Schilderung von Menschen, die das Paar kannten, war der jetzt Verdächtige der ruhige, häusliche Typ in der Beziehung. Sein Partner galt als aufgeschlossen und lebensfroh.

Dass der Tatverdächtige in einer festen Beziehung lebte, unterscheidet ihn von der Mehrzahl an Kannibalen aus dem Kreis der Serienmörder und auch vom Kannibalen von Rotenburg, Armin Meiwes: Immer wieder habe er die gleichen Fantasien gehabt, betonte Meiwes vor Gericht. "Fleisch zerschneiden und sich einverleiben. Aber nicht, weil mich das sexuell erregt hat. Ich wollte, dass ein lieber Mensch in mir ist und mich nicht mehr verlassen kann." So schilderte Meiwes damals seine Motivlage.
Der Chemnitzer Bernhard Oehme aß seine Schwester.

Foto: Foto: Kriminalamt

Bei mehreren Kannibalen der Kriminalgeschichte gelten Vereinsamung und Verlustangst als treibende Kräfte, etwa bei Jeffrey Dahmer aus Milwaukee im US-Staat Wisconsin. Von den Eltern vernachlässigt, wurde er in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts zunächst vom Sammler totgefahrener Tiere am Straßenrand zum Mörder und dann zum Kannibalen. Vereinsamung unterstellte Kriminalhistoriker Hans Pfeiffer auch dem Serienmörder Karl Denke, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Schlesien Wanderer aufnahm, tötete und aufaß.

Der Kriminalbeamte und Buchautor Stephan Harbort, Experte in Sachen Serienmord, macht noch andere Motive aus: "Während den meisten Tätern Verschmelzungswünsche unterstellt und diese Annahme durch gleich lautende Selbstaussagen gestützt wird, sind indes auch Fälle bekannt geworden, in denen ausschließlich die totale Vernichtung des Opfers zielgebend und bestimmend gewesen sind", schreibt Harbort in seiner Abhandlung "Das Kannibalen-Syndrom". Als Ursache für solche Störungen diskutiere man eine "frühkindliche Irritation des Selbstbildes".

So beflissen die Ermittler der Frage "Hat er oder hat er nicht?" derzeit nachgehen, strafrechtliche Relevanz hat ihre Beantwortung nur mittelbar. Kannibalismus selbst ist kein Straftatbestand. Er kann lediglich als "Störung der Totenruhe" interpretiert werden. Doch ist dieses Delikt im Strafgesetzbuch mit der Vorstellung verbunden, dass mit der Leiche "beschimpfender Unfug" getrieben wird. Ein Einverleiben fällt nicht zwangsläufig darunter.
Formen des Kannibalismus

Ritueller Kannibalismus war in primitiven Kulturen verbreitet (Amazonien, Neuguinea, Indonesien, Australien, Neuseeland). Man unterscheidet Exo- und Endo-Kannibalismus. Endo-Kannibalismus vollzieht sich innerhalb eines Stamms etwa durchs Trinken der Asche von Toten, um deren Geist in sich aufzunehmen. Exo-Kannibalismus, das Verzehren von Feinden, dient deren völliger Zerstörung.

Hunger-Kannibalismus kommt in Extremsituationen vor. In der Samara-Region aßen Menschen während des russischen Bürgerkriegs nicht nur Verstorbene, sondern töteten auch weitere Opfer. Bei der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg kam es zu Kannibalismus. Die Passagiere des uruguayischen Fluges 571, deren Maschine 1972 in den Anden abstürzte, harrten über Monate in Schnee und Eis aus. Die Überlebenden aßen Leichen der durchs Unglück Umgekommenen. Der Fall des Chemnitzer Kannibalen Bernhard Oehme, der 1948 seine Schwester erschlug und teilweise verspeiste, wurde in der West-Presse als Hunger-Kannibalismus dargestellt, da er in einer Zeit knapper Ressourcen geschah. Doch diente der Kannibalismus dem Mörder eher als Weg zur Beseitigung der Leiche.

Ausdruck psychotischer Störungen ist Kannibalismus bei Verbechern, etwa Serienmördern oder kannibalistischen Einzeltätern. Die zwei häufigsten Motivlagen sind das Sicheinverleiben einer anderen Person durch von Verlustängsten geprägte Täter und der Trieb, ein Opfer nicht nur zu töten, sondern völlig zu zerstören. (eu)

erschienen am 14.12.2013 (Von Jens Eumann)
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG

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20.06.2014 um 10:51
Und dann gibt mir zu denken - er hat erst was von "Kehle durchschneiden" gestanden, wo er doch das Video praktisch als Beweis einsetzen hätte können, daß er AKTIV gar nicht getötet hat...


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20.06.2014 um 11:12
@StreuGut
StreuGut schrieb:Und dann gibt mir zu denken - er hat erst was von "Kehle durchschneiden" gestanden, wo er doch das Video praktisch als Beweis einsetzen hätte können, daß er AKTIV gar nicht getötet hat...
Das war auch mein erster Gedanke! Warum hat er das Video gelöscht, wenn es ihn "entlasten" könnte??
Konnte den bei der Obduktion bestätigt werden, das dem Opfer die Kehle durchgeschnitten wurde?
StreuGut schrieb:daß Detlev G. an den Ermittlungen zum Fall Meiwes beteiligt war. Irre ich mich da?
Das weiß ich leider nicht. Ich hatte den Fall Meiwes nicht ganz so intensiv verfolgt.
Interessieren würde mich das aber schon. Wäre ganz schön makaber oder?


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20.06.2014 um 11:16
@Infinitas
Also, es wurde wohl bestätigt, daß das Opfer stranguliert wurde (Obduktion der Lunge) - ich weiß aber nicht, ob diese Spuren nur bei Eintritt des Todes oder auch schon bei bloßem Würgen zu sehen sind.
Der Kopf war ab, also ist die durchgeschnittene Kehle ja in jedem Fall vorhanden, ABER ich denke, wenn man in dem Video das Opfer sieht, dann sieht man auch den Hals. Ob verletzt oder unverletzt.
Vielleicht war das falsche Geständnis auch Taktik, denn das schafft zusätzliche Verwirrung.


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FraumitHut
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20.06.2014 um 11:17
@StreuGut
Vielen Dank für das Einstellen der wirklich guten Artikel. Ich kämpfe mich gerade durch ;-)


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20.06.2014 um 11:18
@FraumitHut
Ja, kämpfen ist es wahrlich. Durch den Inhalt. Bitteschön.


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20.06.2014 um 11:28
@StreuGut
Aber schon eine eigenartige Taktik oder? Er kennt sich höchstwahrscheinlich mit den Gesetzen aus, weiß also welche Anklage schlimmsten fall auf ihn zugekommen wäre.
Warum riskiert er eine Mordanklage und vielleicht eine daraus resultierende lange Haftstrafe, wenn es doch dieses Video gibt?
Konnte er es vielleicht nicht tun? Worte sind eine Sache, die Tat eine ganz andere.


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20.06.2014 um 11:32
@Infinitas
vielleicht war ihm das peinlich? Oder es war "im Eifer des Gefechtes" doch etwas Belastendes auf dem Video gelandet?

Übrigens weiß ich bis jetzt nicht, ob der Penis und ein Hoden vom Opfer nun gefunden worden, oder nicht, siehe unten. Da stellt sich mir doch die Frage, was auf dem Video IN DER KÜCHE zu sehen ist... Wobei, Kannibalismus ist ja angeblich nicht ganz so schlimm, nur Störung der Totenruhe. Und dann stellet sich mir auch die Frage, wenn es NICHT sexuell motiviert ist, warum der Täter dann nackt und im Slip agiert. Ich denke, diese sexuelle Motivation erhöht wiederum das Strafmaß. Ergo wäre das Video dann doch nicht so ganz entlastend gewesen.

http://www.focus.de/panorama/welt/lka-beamter-zerstueckelte-leiche-der-penis-liegt-noch-im-garten-vergraben_id_3617592.h...



Der LKA-Beamte Detlev G. zerstückelte Unternehmer Wojciech S. nach dessen Tod. Doch noch immer sind nicht alle Einzelteile der Leiche gefunden. Die Ermittler hätten einfach nicht gut genug gesucht, sagt der Täter und verweist auf den Garten.

Der Tod des Unternehmers Wojciech S. schockierte Deutschland. Denn der 59-Jährige fuhr zum Sterben zu einem Mann, den er über ein Kannibalen-Forum im Internet kennengelernt hatte. Ob der LKA-Beamte Detlev G. ihn tötete oder sich Wojciech S. selbst erhängte, ist noch nicht geklärt. Dass Detlev G. ihn anschließend zerstückelte und Leichenteile im Garten seines Anwesens im Erzgebirge vergrub, ist hingegen unbestritten. Und noch immer fehlen Einzelteile des Toten: ein Hoden und der Penis. „Die Polizei hat nicht genau gesucht", sagt Endrik Wilhelm, Anwalt von Detlev G., gegenüber der "Bild"-Zeitung. "Mein Mandant sagt, der fehlende Penis liegt noch im Garten vergraben."

Auch den Oberstaatsanwalt Lorenz Haase zitiert das Blatt mit dieser Aussage: "Die Ermittlungen laufen. Daher kommentieren wir das nicht." Für Detlev G. wäre es wichtig, dass die Polizei nochmal genau(er) sucht, denn ein Auffinden würde ihn vom Vorwurf freisprechen, dass er Leichenteile gegessen hat.Währenddessen ist ein Video aufgetaucht, das zeigt wie Detlev G. den Körper von Wojciech S. zerlegt. 55 Minuten perversen Horrors seien zu sehen, heißt es.


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20.06.2014 um 11:38
Die kleinen fehlenden Fleischteile ohne Knochen können auch von Ratten oder Ameisen gefressen worden sein. Da wird man nichts mehr finden.


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20.06.2014 um 11:39
@FraumitHut
Nur seltsam, daß ausgerechnet DIESE Teile fehlen, da der rest wohl auch sehr kleinteilig war.


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 11:45
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/124554469
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-124554469.html


20.01.2014
KRIMINALITÄT
Tod und Spiele

Von Winter, Steffen

Ein sächsischer Polizeibeamter soll einen Menschen getötet und die Leiche zerstückelt und vergraben haben. Ist der Kriminalhauptkommissar wirklich ein Mörder? Ein rekonstruiertes Video lässt Zweifel an der bisherigen Version der Ermittler zu.

Wie soll man beschreiben, was kaum zu beschreiben ist? Wie das Grauen in Worte fassen? Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll findet, alle Grenzen seien überschritten bei diesem Verbrechen, für das es in der Geschichte nur "wenige Beispiele" gebe. "Grauenvollste Phantasien" hätten sich ihren Weg gebahnt, er könne die Tat "weder nachvollziehen noch verstehen".

Es ist eine Tat, die Ermittlern einen seltenen Einblick in eine sonst abgeschottete Welt bietet. Zwei Männer verabreden sich im Internet: Der eine möchte geschlachtet werden, der andere möchte ihm diesen Wunsch erfüllen. Was als Spiel beginnt, scheint in einem malerischen sächsischen Gebirgstal zur Realität zu werden. Das Opfer liegt ausgeweidet, zerlegt in kleinste Teile, in einem Graben.

Mit alldem können Fahnder umgehen, Verrückte gibt es immer wieder. Doch dieser Tatverdächtige ist anders. Er ist einer von ihnen: ein Ermittler. Der 56-Jährige ist Hauptkommissar des sächsischen Landeskriminalamts. Unbescholten, beliebt, seit 33 Jahren Polizist. Verhaftet am Arbeitsplatz, bei der Elite der sächsischen Kriminalpolizei.

Detlev G. soll, so stellten es Staatsanwaltschaft und Polizei bisher dar, am 4. November 2013 dem 59-jährigen Wojciech S. im Keller seines Hauses im Gimmlitztal aus sexueller Lust die Kehle durchgeschnitten haben. Dann habe er ihn zerlegt und auf seinem Grundstück vergraben. Die Ermittler glauben, dass Wojciech S. gar nicht sterben, sondern mit seiner Schlacht-Phantasie nur seine Lust steigern wollte. Detlev G., Schriftsachverständiger des Landeskriminalamts Sachsen, steht seither unter dringendem Mordverdacht. Die Nachricht aus Dresden ging durch Europa.

Dass der Fall tatsächlich so einfach liegt, muss inzwischen bezweifelt werden. Ein von der Polizei bereits Mitte Dezember wiederhergestelltes Video der Kellernacht lässt den Schluss zu, dass Wojciech S. nicht durch einen Schnitt mit dem Messer, sondern durch Erhängen starb. Der Dresdner Rechtsanwalt Endrik Wilhelm, der Detlev G. vertritt, geht von einem Selbstmord des Mannes aus. Er hat am Freitag Haftbeschwerde eingelegt und fordert die Freilassung seines Mandanten.

G. hatte den Mord per Kehlschnitt in seiner ersten Vernehmung ohne Rechtsbeistand gestanden. Wilhelm glaubt jedoch, dass dabei erheblicher Druck auf seinen Klienten ausgeübt worden sei. Nur so lasse sich ein Geständnis erklären, das mit den Videosequenzen nicht in Einklang zu bringen sei. "Der Staatsanwalt hat mir gesagt, die aufgefundene Lunge des Toten zeige Spuren, die zu einer Strangulation passten", sagt Wilhelm. Todesursache sei aber eindeutig kein Kehlschnitt. Für den spektakulären Fall und vor allem für G., der seit dem 27. November in Untersuchungshaft sitzt, wäre dies die Wende. Statt Mord könnte ihm womöglich nur noch Störung der Totenruhe angelastet werden. Ein Delikt, das mit einer Geldstrafe oder maximal drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird.

Für den Kriminalbeamten steht viel auf dem Spiel. Seine Polizeikarriere begann zu Zeiten der DDR in seiner Thüringer Heimat. Als gelernter Galvaniseur war G. 1980 mit 23 Jahren zur Deutschen Volkspolizei nach Suhl und Meiningen gekommen. Er lief Streife, wurde Kriminaltechniker, dann Schriftsachverständiger. Bis 1994 tat G. im Landeskriminalamt Thüringen Dienst, dann wechselte er nach Sachsen.

Die Ermittlungen lassen inzwischen eine weitgehende Rekonstruktion des Falls zu: Wojciech S. stieg am 4. November am Hauptbahnhof Hannover in den 7-Uhr-Fernbus nach Berlin und kam um 10.05 Uhr am Zentralen Omnibusbahnhof in der Berliner Masurenallee an. S. betrieb in Hannover eine kleine Arbeitsvermittlung, er brachte osteuropäische Arbeiter in deutschen Firmen unter. Seiner Mitarbeiterin hatte er am Morgen gesagt, er habe ein Treffen in Berlin. Gegen 12 Uhr habe er nochmals angerufen und erklärt, er warte noch, so erzählte es die Mitarbeiterin den Ermittlern.

Tatsächlich stieg Wojciech S. um 12.30 Uhr für acht Euro in einen Fernbus, der um 15.15 Uhr an der Rückseite des Dresdner Hauptbahnhofs ankam. Dort wartete der Mann, der ihn zerstückeln sollte, mit seinem schwarzen Honda Civic.

Die beiden Männer hatten sich über das Internet verabredet. Offenbar waren sie sich auf der Website zambianmeat.com nähergekommen, einem Tummelplatz für Hunderte Kannibalenfans aus aller Welt. Die Ermittler stellten Chat-Protokolle vom 2. Oktober sicher. Detlev G. trat dort unter dem Pseudonym "Caligula31" auf, Wojciech S. als "LongpigHeszla".

"Long Pigs", lange Schweine: So werden jene Mitglieder genannt, die gern als Schlachtopfer zur Verfügung stehen wollen. Als "Chefs" gelten jene, die lieber schlachten und kochen. Die meisten Nutzer der Website sind nur an Rollenspielen interessiert. Ein bisschen so tun, als ob es ernst würde, ein bisschen Sex, mehr nicht. G. war einen Schritt weiter gegangen. Er gab in seinem Profil an, er sei an "real life"-Kandidaten interessiert.

Wojciech S. meldete sich, fragte an, ob Caligula auch Interesse an Älteren habe. Das Alter spiele keine Rolle, kam als Antwort. Er stehe zur Verfügung, versicherte S., habe aber einige Wünsche. Keine Verletzungen im Kopfbereich, solange er noch lebe - "außer natürlich Kopf abschneiden". Keine Knochenbrüche, Gelenkverletzungen und Hodenquetschungen, solange er noch etwas spüre. Und er wolle vom ersten Moment der Begegnung an als Essen angesehen werden: "Am besten wäre, gleich am Tag des Treffens werde ich geschlachtet."

Die Ermittler sicherten mehr als 400 Nachrichten, die Detlev G. als Caligula31 zwischen September und November 2013 bei Zambianmeat verschick-

te, an Adressaten wie schlachtvieh1985, Goodmeal, delicious und Todesopfer. An hadrian schreibt G. am 6. Oktober: "Nach deinem Tod werde ich dir als Erstes den Kopf abtrennen, dann die Arme, an den Beinen wirst du hängen." G. beschreibt an jenem Tag beinahe exakt, was er später mit der Leiche machen wird.

Doch G. findet keine Real-Life-Kandidaten. In einer Nachricht vom 17. Oktober klagt er, bereits zwei Long Pigs hätten es nicht bis zum Schluss durchgezogen, obwohl alles vorbereitet gewesen sei. Einmal habe er zweieinhalb Stunden am Bahnhof gestanden und gewartet. Andererseits bestärkt er vier Tage später einen Chat-Partner darin, am Leben zu bleiben. "Man kann ja seine Phantasien in einem Rollenspiel ausleben, da muss man nicht gleich das Finale wollen." Und: "Ich weiß auch selber nicht, ob ich es am Ende auch durchgezogen hätte, denn da ist bei mir die Hemmschwelle doch noch zu hoch."

Was ist real, was ist Spiel? Die Grenzen verschwimmen in dieser anonymen Welt.

Einer kam dann doch. Seinen Chat-Partner Junjie holte Detlev G. im Oktober in seine Pension im Gimmlitztal, dafür fuhr er 516 Kilometer nach Lotte bei Osnabrück. Junjies erklärter Wunsch war es, sich einen Spieß vom Anus aus durch den Körper zu bohren und dann über einem Feuer zu grillen.

Die Ermittler wurden auf den Mann aufmerksam, weil er nach der Verhaftung des Kommissars einen Wikipedia-Eintrag über Detlev G. verfasst hatte. Bei der Vernehmung schilderte er seinen skurrilen Ausflug ins Gimmlitztal. Als G. in Lotte auftauchte, stöpselten sie den Rechner ab und luden ihn in den Wagen, um die Spuren ihrer Netzkontakte zu verwischen. Dann fuhren sie zu einem Parkplatz. Junjie wurde von G. mit Essigmarinade oder Öl eingerieben und in Frischhaltefolie verpackt. So lag er fünf Stunden lang auf der Rückbank, bis der Wagen zwischen 4 und 5 Uhr morgens in das Gimmlitztal einbog.

Vor Ort überfiel die Herren die Müdigkeit. Das Grillfest wurde verschoben. Aber auch die Tage darauf war G. eher unwillig. Die Männer hatten zwar Sex miteinander, doch Detlev G., den Junjie als nett und sympathisch beschreibt, habe ihm schließlich gesagt, er sei zu jung und habe doch das ganze Leben noch vor sich. G. zahlte das Ticket, Junjie fuhr mit dem Zug wieder nach Hause.

Doch nun, an jenem 4. November 2013, saß Wojciech S. auf dem Beifahrersitz des Honda Civic. Der Mann, der geschlachtet werden wollte. Der nicht jung war, sondern fast 60 Jahre alt. Detlev G. sagte in seiner Vernehmung, S. habe ihn noch am Bahnhof angebettelt, ihn zu töten. Er habe es abgewiesen. Stattdessen habe er ihm gesagt, er solle am Morgen wieder zurückfahren. In der Pension, sagt G., hätten sie zunächst Kaffee getrunken. Dann seien sie in den Keller gegangen.

Der Weg dahin führt an einer kleinen Bar vorbei. Rote Hocker, Girlanden in Regenbogenfarben, an der Wand ein Jüngling mit entblößtem Oberkörper. Gegenüber dem Tresen ist eine kleine Tür, dahinter gehen die Stufen hinab in den Keller. Hier liegt das dunkle Geheimnis des Kriminalbeamten, den sie im Tal alle nur Detlev nennen und mit dem sie gern und häufig gefeiert und gegrillt haben.

Am Ende der Treppe öffnet sich links ein kleiner Raum. Rechts ein rostiger Käfig und ein Plastikskelett, daneben ein Regal mit diversen Utensilien, an der Wand ein Henkerbeil und ein dreiteiliger Spiegel. Eine Handschelle hängt herab. Links steht eine Art Marterpfahl, an der Decke hängt eine elektrische Seilwinde. Es ist ein kleines Sadomaso-Studio.

An den Wänden kleben inzwischen kleine Pfeile aus Papier. Das sind die Reste der Spurensicherung, die Ermittler haben damit Blutspuren markiert. In diesem Raum direkt unter der Bar hauchte Wojciech S. sein Leben aus, hier wurde er auch zerstückelt.

Was genau an jenem 4. November zwischen 15.50 Uhr und der Nacht geschah, weiß heute nur ein Mensch: Detlev G. Nur einmal hat er ausgesagt in den sieben Wochen seiner Untersuchungshaft, gleich am Tag seiner Verhaftung. Zunächst bestritt er, Wojciech S. zu kennen. Auch gab er an, er lasse sich bei SM-Spielen lieber quälen. Als die Ermittler andeuteten, Beweise für den Kontakt zu haben, räumte G. die Tat ein. Er habe S. auf dessen Wunsch mit einem Messer die Kehle durchschnitten, dann sei er in Ohnmacht gefallen. Er habe das eigentlich nicht gewollt, und es habe ihn auch nicht sexuell erregt. Die Kleidung des Opfers habe er verbrannt.

Doch die Leiche habe verschwinden müssen. Er habe den Kopf abgeschnitten, den Körper auf den Tisch einer Bierzeltgarnitur gelegt und mit einem elektrischen Fuchsschwanz bearbeitet; alle Eingeweide herausgenommen und in einen Plastikkübel gelegt. Dreimal sei er mit dem Kübel in den Garten gelaufen. Er habe Arme und Beine an den Gelenken abgetrennt, das Fleisch abgeschnitten. Den Schädel habe er mit einem Vorschlaghammer zerkleinert. Vier bis fünf Stunden habe das alles gedauert. Lust habe er auch dabei nicht empfunden: "Er sollte einfach nur weg."

Die größte Überraschung der Ermittler ist das Video, dessen Existenz G. bei seiner Vernehmung noch bestritt. Der Kriminalbeamte hatte eine Kamera in seinen SM-Keller gestellt, um das Erhängen und das Zerstückeln zu filmen. Später hatte er das Video gelöscht. Experten des Landeskriminalamts in Magdeburg konnten die Datei wiederherstellen. 55 Minuten ist der Film lang; in den ersten drei Minuten zeigt er, wie Wojciech S. nackt an einem Seil an der Decke des Raumes hängt. Sein Mund ist mit einem Panzerband verklebt, seine Hände sind mit einem Kabelbinder auf dem Rücken fixiert.

Als das Video einsetzt, bewegt sich S. nicht mehr. Anwalt Wilhelm geht von Hirntod durch akuten Sauerstoffmangel aus. Zweimal sind leichte Bewegungen am Bauch zu sehen, letzte Zuckungen offenbar, bevor das Herz stillsteht. Doch S. hängt nicht in der Luft, könnte sich jederzeit hinstellen. Warum kämpft er nicht um sein Leben? Und wie kommt der gefesselte Mann in die Schlinge?

Wilhelm schildert einen anderen Verlauf: S. habe sich selbst erhängen wollen. Er habe sich das Seil eigenhändig um den Hals gelegt, dann habe ihm G. auf seinen Wunsch hin die Hände gefesselt und den Raum verlassen - um das Kaffeegeschirr zu spülen. Den Raum habe G. erst wieder betreten, als das Video einsetzte.

Nur: Kann man sich selbst erhängen, wenn die Füße jederzeit auf dem Boden stehen können? Laut Fachliteratur durchaus. Der Brandenburger Gerichtsmediziner Ingo Wirth etwa bejaht diese Frage. Die Blutzufuhr zum Kopf stoppt sofort, wenn man sich in die Schlinge fallen lässt; nach fünf Sekunden tritt Bewusstlosigkeit ein.

Die Staatsanwaltschaft Dresden will sich zu der neuen Entwicklung des Falls nicht äußern. Sie verweist auf laufende Ermittlungen.

Wollte S. wirklich sterben? Seine Ehefrau in Hannover sagt: nein. Aus dem Umfeld seiner Ex-Frau in Polen kommen andere Stimmen. Dort seien die Phantasien bekannt gewesen. G. sagt, S. habe ihm vor seinem Tod noch erzählt, er rechne fest mit seiner Wiederauferstehung.

Und wenn es Selbstmord gewesen sein sollte: Ist das Zerstückeln eines Toten strafbar? Möglicherweise als Störung der Totenruhe. Demnach wird bestraft, wer "beschimpfenden Unfug" mit einer Leiche betreibt.

Unter Zambianmeat-Fans wird der Fall diskutiert. Die Ermittler waren Detlev G. recht simpel auf die Schliche gekommen; er hatte sich auch bei gay.de, einer Kontaktbörse für Schwule, als "Caligula31" angemeldet und dort eine E-Mail-Adresse mit seinem richtigen Namen und dem Wohnort hinterlegt. Zambianmeat-Nutzer "Mannesser" fragt sich deshalb: "Wenn der Typ tagtäglich mit der Auswertung von Spuren zu tun hat, warum hinterlässt er dann selber so viele?"
* Am 29. November 2013.


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 11:47
Das steht's "Schriftsachverständiger" - ich hab in Erinnerung, er war beim Meiwes-Fall als Ermittler tätig... Ich suche noch ein bißchen, vielleicht irre ich mich ja.


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 12:05
@StreuGut
Vielleicht war es ihm "peinlich" einzugestehen, das er keinen Menschen töten konnte.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum der andere Zeuge, die Pension wieder lebend verlassen hat.
Oder das Opfer hatte tatsächlich den Wunsch sich selbst zu töten, und das wollte G. nicht zugeben. Warum auch immer.
StreuGut schrieb:Und dann stellet sich mir auch die Frage, wenn es NICHT sexuell motiviert ist, warum der Täter dann nackt und im Slip agiert. Ich denke, diese sexuelle Motivation erhöht wiederum das Strafmaß.
Trotzdem wäre das Strafmaß für Mord wahrscheinlich höher, als Selbstmord und dann das zerstückeln aus sexueller Motivation heraus. Also kein Grund das Video verschwinden zulassen.


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Gimmlitztal-Mord - Töten nach Verabredung im Internet?

20.06.2014 um 12:05
Ich kann mich nur an "Schriftsachverständiger" erinnern. Das war wohl seine letzte Tätigkeit. Er ist ja ein Quereinsteiger und somit auch in anderen Bereichen der Kipo tätig gewesen. Vielleicht war er da auch als "ein Mitarbeiter" beim Meiwes Fall tätig, wohl aber nicht als "der Ermittler".


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