Der Fall Lucy Letby - Teil 4: Anklage, Prozess und Urteil
Nach dreieinhalb Jahren Ermittlungsarbeit wurde Lucy Letby im November 2020 offiziell angeklagt und blieb bis zum Prozessbeginn 2022 in Untersuchungshaft.
Oktober 2022: Prozessbeginn am Manchester Crown Court.
Dauer: Oktober 2022 bis August 2023 (zehn Monate und damit einer der längsten Mordprozesse der britischen Geschichte).
Anklage: Mord an 7 Babys und versuchter Mord an 10 weiteren (insgesamt 22 Anklagepunkte). Die insgesamt 17 Kinder wurden im Prozess zum Schutz der Privatsphäre der Familien lediglich mit Buchstaben benannt (Baby A bis Baby Q).
Beweisführung:
- Medizinisch: Dr. Dewi Evans als Hauptgutachter (Theorie: Luftembolie und Insulin).
- Indizien: Die „Grid“-Tabelle (Dienstpläne) und Facebook-Suchen.
- Direktbeweise: Die in ihrem Haus gefundenen 257 Dokumente und die „Ich bin böse“-Notizen.
Die Staatsanwaltschaft warf ihr vor, den Säuglingen gezielt Schaden zugefügt zu haben durch:
- Injizieren von Luft in die Blutbahn oder den Magen.
- Überfütterung mit Milch.
- Vergiftung mit Insulin.
- Manipulation von Beatmungsschläuchen.
Der Verteidiger Ben Myers argumentierte mit Systemversagen der Klinik (Personalmangel, Hygiene, Bakterien) und einem „Sündenbock“-Szenario der Ärzte.
Lucy Letby verbrachte 14 Tage im Zeugenstand, wies alle Vorwürfe zurück, wirkte aber bei kritischen Fragen (z. B. zu Notizen und Dokumenten) oft ausweichend.
Die Anklage legte detaillierte Muster dar, wie Lucy Letby zwischen Juni 2015 und Juni 2016 vorgegangen sein soll.
Die verstorbenen Kinder (Mord):
Kind A (Juni 2015): Ein Zwillingsjunge. Letby injizierte Luft in seine Blutbahn (Luftembolie). Er starb innerhalb von 90 Minuten nach Schichtbeginn. Urteil: Schuldig.
Kind C (Juni 2015): Ein kleiner, frühgeborener Junge. Letby pumpte Luft über eine Magensonde in seinen Körper, was zum Herz- und Atemstillstand führte. Urteil: Schuldig.
Kind D (Juni 2015): Ein Mädchen, das sich eigentlich von einer Infektion erholte. Letby injizierte ihr absichtlich Luft. Urteil: Schuldig.
Kind E (August 2015): Ein Zwillingsjunge. Letby verursachte eine Luftembolie und schwere innere Blutungen. Die Mutter überraschte Letby während des Angriffs, doch Letby beruhigte sie. Urteil: Schuldig.
Kind I (Oktober 2015): Ein Mädchen. Letby unternahm vier Versuche, sie zu töten, bevor sie schließlich durch Luftinjektionen starb. Urteil: Schuldig.
Kind O & P (Juni 2016): Zwei Brüder einer Drillingsgeburt. Letby tötete beide an aufeinanderfolgenden Tagen durch Luftinjektionen in den Magen und körperliche Misshandlung (Lebertrauma bei Kind O). Urteil: Schuldig.
Die überlebenden Kinder (Versuchter Mord):
Kind B (Juni 2015): Zwillingsschwester von A. Letby versuchte, sie ebenfalls durch Luftinjektion zu töten. Urteil: Schuldig.
Kind F & L (August 2015 & April 2016): Beide wurden durch Insulin im Nahrungsbeutel vergiftet. Sie überlebten nur durch das schnelle Eingreifen anderer Mediziner. Urteil: Schuldig.
Kind G (September 2015): Ein extrem frühgeborenes Mädchen. Letby versuchte dreimal, sie durch Überfütterung mit Milch und Luftinjektionen zu töten. Urteil: Schuldig.
Kind K (Februar 2016): Letby wurde von einem Arzt dabei ertappt, wie sie zusah, wie die Sauerstoffsättigung des Babys sank, ohne einzugreifen. Urteil: Schuldig (nach Wiederaufnahmeverfahren 2024).
Kind N (Juni 2016): Ein Junge mit Hämophilie. Letby versuchte, seinen Zustand auszunutzen, um Verletzungen im Rachenraum zu verursachen. Urteil: Schuldig.
Das Urteil (August 2023): Schuldig in fast allen Hauptpunkten (7 Morde, 7 versuchte Morde). In mehreren Fällen (darunter Baby H, J, K, Q und R) konnte sich die Jury nicht auf ein Urteil einigen oder sprach Letby in einzelnen Punkten frei. Zu Baby K sollte ein weiterer Prozess folgen.
Strafmaß: 14 mal lebenslange Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung oder Bewährung ("Whole Life Order", die härteste Strafe im englischen Recht, Letby wird das Gefängnis nie wieder verlassen).
Die Jury sah es als erwiesen an, dass Letby zwischen 2015 und 2016 sieben Neugeborene tötete und mehrere weitere zu töten versuchte auf der Neugeborenenstation des Countess of Chester Hospital.
Die Beweise bestanden vor allem aus medizinischen Gutachten, statistischen Auffälligkeiten und Indizien, die zeigten, dass ungewöhnliche Zusammenbrüche von Babys immer wieder während ihrer Schichten auftraten.
Das Gericht nahm an, dass sie verschiedene Methoden einsetzte, z. B. Luft in den Blutkreislauf injizierte, Insulin verabreichte oder Atemschläuche manipulierte.
Zusätzlich wurden Notizen von Letby als belastend bewertet, in denen sie u. a. schrieb: „Ich bin böse, ich habe das getan.“
Richter James Goss bezeichnete die Taten als „grausam, berechnend und zynisch“ sowie als extremen Vertrauensbruch gegenüber den schutzbedürftigen Kindern.
Lucy Letby weigerte sich, zur Urteilsverkündung am 21. August 2023 im Gerichtssaal zu erscheinen. Sie blieb in ihrer Zelle und hörte sich auch die emotionalen Statements der Eltern (Victim Impact Statements) nicht an. Dieses Verhalten wurde vom Richter und der Öffentlichkeit als feige und respektlos kritisiert, und von manchen als Schuldeingestädnis betrachtet. Mittlerweile haben Richte eine rechtliche Handhabe, sie können anordnen, dass Täter bei der Urteilsverkündung erscheinen müssen. Gefängnispersonal darf „reasonable force“ (angemessene Gewalt) einsetzen, um sie in den Gerichtssaal oder zu einer Videoübertragung zu bringen. Wer sich weigert, kann zusätzliche Strafen oder Sanktionen bekommen (z. B. zusätzliche Haftjahre oder Verlust von Privilegien). Diese gesetzlichen Änderungen waren auch dem Verfahren gegen Lucy Letby geschuldet.
Lucys Eltern John und Susan Letby waren bei fast jedem Prozesstag anwesend. Als das erste „Schuldig“ vorgelesen wurde, brach ihre Mutter Susan im Gerichtssaal schluchzend zusammen und rief: „Das kann nicht wahr sein, das ist nicht richtig!“. Sie hielten bis zuletzt an der Unschuld ihrer Tochter fest.
Nach dem Urteil im August 2023 kehrte in den Fall Lucy Letby keineswegs Ruhe ein. Es folgte eine juristische und öffentliche Schlammschlacht, die bis heute (März 2026) anhält:
Berufungsversuche: Letby versuchte mehrfach, gegen ihre Verurteilungen Berufung einzulegen. Im Mai 2024 lehnte der Court of Appeal ihren letzten Antrag endgültig ab. Die Richter sahen keine rechtlichen Fehler im ursprünglichen Prozess
Der Fall Baby K (Juli 2024): Da sich die Jury im ersten Prozess bei Baby K nicht einig war, kam es zu einem neuen Verfahren. Diesmal wurde sie des versuchten Mordes schuldig gesprochen, was eine weitere lebenslange Haftstrafe nach sich zog. Damit wurde Letby insgesamt zu 15 mal lebenslanger Haft verurteit.
Da es keine direkten Augenzeugen oder Videoaufnahmen gab, stützte sich die Anklage im Hauptprozess auf Indizien:
- Statistische Auffälligkeiten (sie war bei allen angeklagten Vorfällen im Dienst).
- Die Vorfälle häuften sich zunächst in der Nachtschicht. Als Letby in die Tagschicht wechselte, begannen die ungeklärten Kollapse der Babys auch am Tag.
- Medizinische Gutachten schlossen natürliche Todesursachen aus.
- 257 Übergabeprotokolle, medizinische Unterlagen und Notizen, die sie zu Hause hortete (was die Anklage als „Trophäensammlung“ oder Souvenirs ihrer Taten wertete).
- Handschriftliche Notizen, darunter Sätze wie „Ich bin böse, ich habe das getan“ (was als Tatbeweis gewertet wurde).
- Terminkalendereinträge von Kürzeln an den Todestagen der Kinder (diese wurden als Dokumentation ihrer Taten interpretiert).
- Facebook-Suchen: Die exzessive Suche nach den Eltern der verstorbenen Kinder, oft mitten in der Nacht oder an Jahrestagen wie Todestagen und Weihnachten (sie wurden als Beweis für ein obsessives, voyeuristisches Interesse gewertet, für eine Freude am Leid der Eltern).
Die Anklage hob hervor, dass sie teilweise innerhalb weniger Minuten nacheinander nach den Eltern verschiedener verstorbener Babys suchte, beispielsweise am 25. Juni 2015, als sie kurz hintereinander die Eltern der Zwillinge Baby A und Baby B sowie die Eltern von Baby D aufrief.
- Zeitliche Nähe der Suchen: Oft suchte Letby kurz nach den Vorfällen auf Facebook nach den Eltern der betroffenen Babys. Bereits bei Baby A suchte sie nur wenige Stunden nach dem Tod des Jungen im Juni 2015 am darauffolgenden Morgen nach dem Namen der Mutter.
- Internetrecherchen: Es gab mehrere themenspezifische Suchen, bei denen sie nach medizinischen Ausnahmezuständen wie Luftembolie (Air Embolism) gesucht hatte, unmittelbar nachdem Babys mit genau diesen Symptomen verstorben waren (die Ermittler werteten dies als Versuch, die Effektivität ihrer Methoden zu prüfen oder sicherzustellen, dass die Taten unentdeckt blieben).
- WhatsApp-Kommunikation mit Kollegen: Es gab Nachrichten an Kollegen, in denen sie sich als besonders betroffen darstellte oder Informationen über die sterbenden Kinder einholte (diese wurden als Versuch gewertet, sich unverdächtig zu machen („Gaslighting“).
In anderen Nachrichten zeigte sie ein auffälliges Interesse an den Ergebnissen der Autopsie. Sie fragte Kollegen mehrfach, ob es „schon Neuigkeiten von der Pathologie“ gibt. Die Staatsanwaltschaft interpretierte dies als Angst vor Entdeckung, während Letby angab, es sei normales fachliches Interesse gewesen.
Besonders verstörend war ihr Verhalten den Eltern der Babys gegenüber, wie sich im Prozess heraus stellte.
Die Skepsis der Eltern basierte meist auf drei Punkten:
- Distanzlosigkeit: Sie drängte sich in private Trauermomente.
- Unangemessene Reaktionen: Sie wirkte entweder zu emotional (gekünstelt) oder völlig gefühlskalt.
- Blickkontakt: Das Starren auf Monitore oder die Babys, ohne sofort einzugreifen, blieb vielen Eltern negativ in Erinnerung. Teilweise fühlten sie sich auch von Letby in intimen Trauermomenten beobachtet.
Es gab Aussagen, die Letbys eigene Trauer bei Kollapsen und Todesfällen der Kinder als unauthentisch oder taktisch einordneten. Während sie in Momenten der Krise extrem emotional und mitfühlend auftrat, wurde dies von den Eltern nach Bekanntwerden der Vorwürfe als manipulative Fassade wahrgenommen.
- Baby C:
Kurz nachdem das Baby C verstorben war, betrat Letby das Zimmer mit einem „Kühlkörbchen“ für die Leiche, einem Art Sarg oder tragbaren Behälter, der in Krankenhäusern verwendet wird, um verstorbene Neugeborene oder Säuglinge aufzubewahren. Der Vater sagte aus, er habe ihr Verhalten als „unangemessen schnell“ und fast schon geschäftsmäßig empfunden. Er hatte das Gefühl, sie wolle den Tod des Kindes „abhaken“, während die Eltern noch unter Schock standen bzw. in der Trauerphase waren.
Sie beschrieb die unheimliche Situation, in der sie ihr Kind im Sterben hielt, während sie bemerkte, dass Letby sie beobachtete. Sie verglich dieses Gefühl später mit einem „Horrorfilm“.
- Baby E:
Die Mutter von Baby E berichtete, sie habe die Station betreten, Letby am Inkubator stehen gesehen, das Baby auf eine Weise schreien gehört, die sie „noch nie zuvor gehört“ hatte und Blut an dessen Mund gesehen. Letby wirkte äußerlich ruhig, obwohl das Kind stark aus dem Mund blutete. Sie beruhigte die Mutter kühl mit den Worten: „Vertrauen Sie mir, ich bin Krankenschwester.“ und verwies darauf, dass ein von ihr gerufener Arzt bereits unterwegs sei um die Blutung medizinisch beurteilen zu lassen. Die Mutter sagte aus, dass sie sich weggeschickt gefühlt habe, obwohl sie wusste, dass etwas nicht stimmte. Sie empfand Letbys Verhalten als kühl und distanziert, obwohl offensichtlich war, dass das Kind ernsthaft gefährdet war. Das passt zum allgemeinen Bild, das im Prozess gezeichnet wurde: Letby wirkte professionell, aber Eltern und Kollegen empfanden ihr Verhalten in kritischen Momenten als unpassend oder beunruhigend.
Die Mutter empfand es als „sadistischen Machtmissbrauch“, dass Letby nach dem Tod ihres Sohnes darauf bestand, den Leichnam zu waschen und in ein Taufkleid zu hüllen, das Letby selbst ausgesucht hatte.
Sie bezeichnete Letbys Verhalten rückblickend als „Schauspiel“ (all an act) und nannte sie „das Böse, getarnt als fürsorgliche Krankenschwester“.
- Baby G:
Dieses Baby war ein „Wunderbaby“, das im September 2015 extrem früh (23. Schwangerschaftswoche) geboren wurde.
Die Eltern erinnerten sich im Zeugenstand daran, dass Letby sie „beobachtet“ habe. Der Vater beschrieb ihr Verhalten als „beunruhigend“ und „intensiv“.
Als das Baby schließlich unter Letbys Aufsicht schwer kollabierte, kam es den Eltern seltsam vor, dass dies genau am 100. Lebenstag geschah, einem Tag, den sie eigentlich feiern wollten. In der Neonatologie ist das Überleben bis zum 100. Tag ein enormer Meilenstein, den das Personal und die Eltern oft mit Kuchen oder Bannern feiern. Genau an diesem Tag, dem 7. September 2015, als die Eltern den Meilenstein feiern wollten, erlitt das Baby unter Letbys Aufsicht aber einen schweren Zusammenbruch. Die Anklage warf Letby vor, dem Kind absichtlich eine übermäßige Menge Milch und Luft über die Magensonde zugeführt zu haben, was zu Erbrechen und Atemstillstand führte. Sie argumentierte Letby habe diesen besonderen Tag bewusst gewählt, um die Freude der Eltern und Kollegen in ein maximales Trauma zu verwandeln.
- Baby I
Letby soll Baby I laut Anklage im vierten Versuch im Oktober 2015 getötet haben.
Die Mutter von Baby I sagte aus, dass Letby nach dem Tod des Kindes sehr präsent war. Sie bot an, ein Erinnerungsfoto des toten Babys im Badekörbchen zu machen. Obwohl die Mutter Letby anfangs vertraute, empfand sie es später als „aufdringlich“, dass Letby unbedingt dabei sein wollte, als das verstorbene Baby gebadet wurde. Letby wirkte laut der Mutter „zu präsent“ in diesem intimsten Moment der Trauer.
Wochen später, am Morgen des 10. November 2015, dem Tag der Beerdigung von Baby I, schickte sie der Familie eine Beileidskarte, wenige Stunden vor der Beisetzung.
Auf der Vorderseite der Karte stand folgender gedruckter Standardtext: „Your loved one will be remembered with many smiles.“ handschriftlich ergänzt um „Lots of love, Lucy x“. Das "x" nach "Lucy" symbolisiert einen Kuss.
Die Innenseite hatte einen individuellen, handschriftlichen Text von Letby selbst: „There are no words to make this time any easier. It was a real privilege to care for [Name von Baby I] + get to know you as a family – a family who always put [Name von Baby I] first + did everything possible for her. She will always be a part of your lives + we will never forget her. Thinking of you today + always – sorry I cannot be there to say goodbye.“ (das "+" steht jeweils für "and").

Quelle:
https://www.bbc.com/news/uk-england-merseyside-64496406Letby hatte die Karte kurz bevor sie sie zur Post brachte fotografiert. Das Foto wurde bei der Hausdurchsuchung auf ihrem Smartphone gefunden. Sie gab an, sie habe es getan, um sich an die „netten Worte“ zu erinnern, die sie geschrieben hatte. Die Staatsanwaltschaft bezeichnete das Fotografieren der Karte jedoch als „unnormal“. Sie argumentierte, Letby habe die Karte als „Trophäe“ behalten wollen, um sich an ihre Tat und die Trauer der Eltern zu erinnern, ein „Souvenir“ ihrer Tat. Dass die Karte exakt zu der Zeit verschickt wurde, als das Baby eigentlich hätte geboren werden sollen, wertete die Anklage als Zeichen dafür, dass Letby die Meilensteine im Leben ihrer Opfer genau im Kopf behielt.
In vielen britischen Krankenhäusern (NHS) ist es üblich, dass die Station als Ganzes oder das gesamte Pflegeteam eine offizielle Kondolenzkarte schickt. Dies dient dazu, kollektives Mitgefühl auszudrücken und gleichzeitig professionelle Distanz zu wahren. Alleingänge von Pflegekräften, wie das Versenden privater Karten, können als Überschreitung professioneller Grenzen (boundary crossing) angesehen werden.
In den Vernehmungen gab Letby laut Ermittlern selbst zu, dass es keine normale Praxis bzw. „nicht üblich“ sei, als einzelne Pflegekraft eine Beileidskarte privat an Eltern zu senden. Sie rechtfertigte ihr Verhalten damit, dass sie die Familie von Baby I außergewöhnlich gut kennengelernt hatte.
Die Mutter sagte aus, dass sie die Karte damals als „ungewöhnlich“ empfand, da es nicht die Art von professioneller Distanz war, die man von einer Krankenschwester erwartet.
Eine weitere Besonderheit ist wie schon gesagt, dass Letby die Karte vor dem Versenden mit ihrem Handy fotografiert hatte, was die Staatsanwaltschaft als Teil eines „krankhaften Interesses“ oder einer Art Trophäensammlung wertete.
Mit Kollegen tauschte sie sich per WhatsApp über Baby I aus:
- Nachricht während der ersten Angriffe (September/Oktober 2015): „Sie ist so ein Kämpferherz“.
- Nach den ersten Zusammenbrüchen von Baby I schrieb Letby an Kollegen, wie leid ihr das Kind tue und wie sehr sie hoffe, dass „die Kleine es schafft“.
- In einer weiteren Nachricht fragte sie eine Kollegin: „Hast du was von Baby I gehört? Ich kann nicht aufhören, an sie zu denken.“ (die Anklage wertete dies als Taktik bzw. inszenierte Sorge, um den Verdacht von sich abzulenken und als besonders empathisch wahrgenommen zu werden).
- Kurz bevor Baby I am 23.10.2015 endgültig zusammenbrach, schrieb Letby einer Kollegin, dass das Baby „nicht gut aussehe“ und sie ein „schlechtes Gefühl“ habe (laut Anklage bereitete sie damit das Umfeld psychologisch auf den Tod vor, den sie selbst herbeiführen wollte).
- Nachdem das Baby gestorben war, schrieb sie: „Es war so furchtbar, sie in den Armen ihrer Eltern sterben zu sehen. Ich bin am Boden zerstört.“
- Besonders belastend war eine Nachricht, in der sie ein Foto der Beileidskarte erwähnte, die sie an die Eltern geschickt hatte. Sie schrieb einer Kollegin: „Ich habe eine Karte für die Eltern von Baby I geschrieben. Ich hoffe, es ist okay, wenn ich sie abschicke.“
Bei Baby I gab es auch ein besonders dichtes Netz an Facebook-Suchen, welches die Staatsanwaltschaft als „Besessenheit“ von der Familie wertete:
- Bereits vor (!) dem ersten Angriff suchte Letby am 29. Mai 2015 nach der Mutter, also schon Monate bevor das Kind im August 2015 überhaupt auf die Station kam.
- Unmittelbar nachdem das Baby am 30. September 2015 das erste Mal kollabierte suchte Letby die Mutter erneut auf Facebook.
- In der Phase, in der Baby I mehrfache Zusammenbrüche erlitt (13. und 14. Oktober 2015), gab es weitere Suchen.
- Kurz vor dem Tod am 23. Oktober 2015 suchte Letby die Mutter dann erneut (in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober; die Anklage wertete dies als Zeichen dafür, dass sie den Angriff bereits plante oder die Familie „im Visier“ hatte).
- Letby suchte die Mutter zudem am 5. November 2015 (kurz nach der Beerdigung).
- Sie suchte die Mutter dieses Babys auch an anderen emotionalen Tagen, wie etwa an Heiligabend 2015.
- Später, im Januar 2016, etwa drei Monate nach dem Tod des Kindes zum Zeitpunkt des eigentlichem errechneten Geburtstermin (der „due date“), erfolgte eine weitere Suche.
- Ebenso erfolgte eine Suche am ersten Todestag von Baby I.
- Baby L & M (Zwillinge)
Die Mutter der Zwillinge L & M sagte aus, dass Letby oft „einfach nur dastand und starrte“, während die Babys behandelt wurden oder wenn es Probleme gab. Dieses starre, emotionslose Beobachten wurde von mehreren Eltern als unheimlich beschrieben.
Der Vater gab an, dass Letby ihn während der Notfälle immer wieder direkt ansah, was er als extrem unangenehm und auffällig empfand.
- Baby O, P & G (Drillinge)
Im Prozess gegen Letby und auch in der darauffolgenden öffentlichen Untersuchung (Thirlwall Inquiry) spielten die Aussagen der Eltern der Drillinge eine wichtige Rolle.
Die Zusammenbrüche und Todesfälle der stabilen Drillinge beginnen 24 Stunden nach Letbys Rückkehr aus dem Ibiza-Urlaub am 22. Juni 2016.
Am 23. Juni 2016 verstirbt Baby O plötzlich und unerwartet.
Am folgenden Tag, dem 24. Juni 2026, stirbt auch sein Bruder, Baby P, nach einem plötzlichen Zusammenbruch.
Dr. Brearey, längst skeptisch, weigerte sich am Abend des 24. Juni, Letby am nächsten Tag wieder den Dienst auf der Neugeborenenstation antreten zu lassen. Das Management lehnt seine Forderung mit der Begründung ab, es gebe keine Beweise für ein Verbrechen.
Letby tritt ihren Dienst am 25. Juni 2016 daher wie geplant an – und prompt bricht der dritte Drilling, Baby Q, gesundheitlich zusammen.
Dr. Breakey gab später an, dass Letby nach ihrer Rückkehr aus dem Ibiza-Urlaub am 22. Juni 2016 eine ungewöhnliche Euphorie ausstrahlte. Er beschrieb sie als „aktiviert“. Die Ärzte unterstellten ihr, dass diese Hochstimmung kein normaler Urlaubseffekt war, sondern die Vorfreude darauf, wieder „zuzuschlagen“. Besonders verdächtig erschien ihnen, dass diese gute Laune auch dann nicht verschwand, als am 23. Juni der erste Drilling (Baby O) starb: Dr. Brearey bemerkte, dass sie trotz der Tragödie weiterhin auffallend munter und „bouncy“ wirkte (quietschvergnügt). Auch den Eltern der Drillinge fiel das unangenehm auf.
Einige ihrer Pflegekollegen erinnerten sich rückblickend ebenfalls, dass sie nach ihrer Urlaubsrückkehr sehr präsent war und fast schon drängte, die Pflege der Drillinge übernehmen zu können, obwohl diese eigentlich stabil waren. Dieses „übermäßige Engagement“ in Kombination mit ihrer fröhlichen Art wirkte auf die Ärzte ungewöhnlich, unpassend und im Nachhinein verdächtig.
Der Vater der Drillinge beschrieb Letbys Verhalten in seinen Zeugenaussagen als widersprüchlich und „unnatürlich“, denn er empfand ihren plötzlichen Umschwung von einer fast roboterhaften Professionalität hin zu extremer Emotionalität nach dem Tod eines der Kinder als aufgesetzt und unangemessen für die Situation.
Er legte dar, dass Letbys Verhalten für die Eltern emotional belastend war und dass sie sich im Nachhinein von Letby betrogen und getäuscht fühlen. Der Vater gab an, dass ihn der Hass auf Letby „als Mann und Vater zerstört“ habe und er nach dem Verlust seiner Söhne mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hatte.
Die Eltern der Drillinge erlebten Letby nicht als aggressiv, sondern als „übermäßig präsent“ und ihre Professionalität als „kalt und mechanisch“. Während sie anfangs als engagierte Pflegerin erschien, wirkte sie nach den Todesfällen auf die Eltern wie jemand, der sich am Drama „weidete“.
Der Vater beschrieb, dass Letby nach dem Tod des ersten Kindes (Baby O) am 23. Juni 2016 eine fast schon eine beunruhigende Energie ausstrahlte und sie sich geradezu aufdrängte, die weitere Pflege der beiden noch lebenden Brüder zu übernehmen.
Er sagte weiter aus, dass Letby sich sehr intensiv in die Betreuung einmischte, als es dem zweiten Bruder (Baby P) später auch schlechter ging.
Ein Moment, der die Eltern und Ärzte besonders schockierte, war eine Äußerung Letbys am Bett von Baby P, die „Todes-Vorhersage“: Während die Ärzte noch um sein Leben kämpften, soll sie zu einem Mediziner gesagt haben „Er wird es nicht lebend hier raus schaffen, oder?“. Für die Eltern klang das damals wie eine schreckliche Vorahnung, und mehr noch: Der Vater empfand diesen Satz als extrem unsensibel und schockierend, da das zweite Kind zu diesem Zeitpunkt noch stabil wirkte. Kurz darauf kollabierte auch Kind P und starb. Später wurde diese Äußerung als Hoffnung bzw. Vorfreude einer Mörderin interpretiert.
Der Vater berichtete, dass Letby nach dem Tod von Baby P plötzlich „sichtlich am Boden zerstört“ (visibly devastated) gewirkt habe, was in starkem Kontrast zu ihrem vorherigen kalten Verhalten stand. Die Mutter der Drillinge erinnerte sich, dass Letby nach dem Tod von Baby P „untröstlich“ (inconsolable) schien. Zu diesem Zeitpunkt dankte die Mutter der Krankenschwester sogar noch für ihr Mitgefühl.
Besonders im Gedächtnis blieb den Eltern, dass Letby nachdem auch Baby P verstorben war mit einer Art „aufgesetzten Professionalität“ agierte und dabei nicht echt trauernd wirkte. Sie wurde von den Eltern vielmehr als kalt oder zumindest seltsam distanziert und „roboterhaft“ wahr genommen. Die Eltern empfanden das als unpassend und beunruhigend – Letby wirkte in ihren Augen fast so, als spiele sie Trauer nur, obwohl gerade zwei ihrer Kinder verstorben waren. Dieses Verhalten wurde im Prozess als Hinweis auf ihre angebliche morbide Faszination interpretiert.
Nachdem sie zwei ihrer drei Söhne verloren hatten bot Letby den Eltern an, Fotos von den verstorbenen Babys zusammen mit dem überlebenden Bruder (Baby Q) in einem Körbchen zu machen – als „Andenken“. Die Eltern empfanden das als befremdlich und lehnten ab. Sie wollten den gesunden Bruder nicht mit seinen toten Geschwistern fotografieren. Die Mutter sagte aus, sie habe dies als „völlig unangebracht und makaber“ empfunden. Die Anklage wertete es später als weiteren Beweis für Letbys morbide Faszination und ihren Wunsch, das von ihr angerichtete Drama mittels Foto für ihre „Sammlung“ festzuhalten.
Die Mutter gab an, dass sie nach dem Zusammenbruch des dritten Kindes (Baby Q) am 25. Juni eine tiefe Panik verspürte, sobald Letby den Raum betrat. Die Eltern flehten die Ärzte an, Baby Q sofort in ein anderes Krankenhaus zu verlegen, da sie das Gefühl hatten, dass in Chester etwas furchtbar schief lief. Während die Eltern Letby anfangs für eine engagierte Krankenschwester hielten, verwandelte sich dieses Bild innerhalb von 72 Stunden in tiefes Misstrauen. Sie schilderten eine Mischung aus instinktivem Argwohn und dem Gefühl, dass mit der Anwesenheit von Lucy Letby etwas „Unheilvolles“ verbunden war und erwähnten ihre ständige Präsenz. Sie fragten sich „Warum ist sie immer da?“. Die Eltern äußerten gegenüber den Ärzten schließlich ihre nackte Angst. Die Mutter beschrieb ein Gefühl der „völligen Hilflosigkeit“ und den instinktiven Drang, ihr letztes Kind, Baby Q, vor Letby zu schützen.
Die Eltern flehten die leitenden Ärzte an, Baby Q sofort in ein anderes Krankenhaus zu verlegen. Der Vater sagte aus: „Wir hatten das Vertrauen in dieses Krankenhaus komplett verloren. Wir wollten nur noch weg.“ Sie sahen Lucy Letby als „Unglücksbringerin“, ohne zu diesem Zeitpunkt konkret an Mord zu denken – sie fühlten einfach, dass Kinder in ihrer Nähe sterben.
Baby Q wurde schließlich verlegt und überlebte, Letby in die Verwaltung versetzt.
In Letbys persönlichen Notizen wurde ein Entwurf für eine Beileidskarte an die Eltern der Drillinge (Babys O, P und das überlebende Kind) gefunden. Darin erwähnte sie alle drei namentlich und schrieb Sätze wie „Ihr solltet heute am Leben sein“.
Quellen:
Biography.com. (2026). Where Is Lucy Letby Now?
https://www.biography.com/crime/a70177725/where-is-lucy-letby-now-life-in-prisonPeople Magazine. (2026). Inside Lucy Letby’s Life Today.
https://people.com/inside-lucy-letby-life-today-11899747The Guardian. (2023). Judges in England and Wales to get power to order offenders to attend sentencing.
https://www.theguardian.com/law/2023/aug/30/judges-in-england-and-wales-to-get-power-to-order-offenders-to-attend-sentencingUK Government. (2023). Offenders to be ordered to attend sentencing.
https://www.gov.uk/government/news/offenders-to-be-ordered-to-attend-sentencingBBC News. (2023). What the babies’ parents told Lucy Letby as she was sentenced.
https://www.bbc.com/news/uk‑66570308BBC News. (2023). Lucy Letby: Nurse sent card to grieving parents, jury told.
https://www.bbc.com/news/uk-england-merseyside-64496406Sky News. (2023). The evidence seen during Lucy Letby’s murder trial, from handwritten notes to cards for parents.
https://news.sky.com/story/the-evidence-seen-during-lucy-letbys-murder-trial-from-handwritten-notes-to-cards-for-parents-12944606