Ignatius schrieb:Darf ich fragen, ob Du ihn vielleicht kanntest als Kind?
Nein. Ich bin in München aufgewachsen.
Allerdings habe ich 1998 die Meldungen in TV und Zeitung schon mitbekommen; damals allerdings habe ich mich noch nicht so intensiv mit ungelösten Mord- und Vermisstenfällen beschäftigt. Zudem war und ist mir meine Generation ziemlich fremd.
Aber je mehr ich heute Rückschau halte, desto mehr kann ich mich in Tristan versetzen.
Diese innere Zerissenheit. Die Mutter verloren, der Vater arbeitet viel (und war vermutlich suchtkrank [Alkohol]), vielleicht nur die Oma als Konstante und viel Zeit für sich. Man sucht als Jugendlicher seinen Weg und Platz…aber es fehlt an „Anleitung“, vermutlich auch an echtem Selbstwert, weil niemand da ist, der das vermittelt oder vermitteln kann…Talente werden nicht oder kaum gefördert, weil die Möglichkeiten innerfamiliär nicht gegeben sind und in der Schule oder auch zusätzlich daheim nicht interessiert haben usw.
Und dann kommt vielleicht jemand, der einem scheinbar Zuneigung entgegenbringt, ggf. dazu Geld zusteckt (bspw. für kleine Gefälligkeiten) und ratzfatz ist so ein Kind oder Jugendlicher in ganz unguten Kreisen. Kommt dann vielleicht noch eine Drohung dazu „Wenn du nicht…, dann erzähl‘ ich das deinen Eltern/deiner Oma/deinen Großeltern (also demjenigen an dem das Herz des Kindes hängt).“ - man hat das Kind dann im Griff (mglw. kennt das Kind solche Dynamiken der [emotionalen] Erpressung bereits durch sehr nahestehende Personen [bei mir war es die Mutter]).
Wenn man dann noch weiß, dass man mit den Eltern oder verbliebenem Elternteil darüber/über diese Erfahrungen und/oder Erpressungen nicht wirklich reden kann, weil bspw. Suchterkrankung, Eltern haben selbst viele Probleme oder schnödes Desinteresse am Kind (das war es in meinem Fall)…man ist sehr schnell in einer sehr destruktiven Spirale.
Das ist natürlich nur eine Theorie. Wir wissen nicht wirklich, in welchen Kreisen Tristan unterwegs war. Wir haben nur sehr vage Hinweise, bspw. durch angebliche Freunde aus der Jugend, dass Tristan wohl in Kreise geraten ist, die für ihn destruktiv waren (ob der Mord damit zusammenhängt weiß man nicht; ich persönlich gehe sehr stark davon aus).
Für mich ist der Mord an Tristan kein Zufallsgeschehen, in dem er einer gänzlich unbekannten Person zum
Opfer fiel. Ich gehe von einer Vorgeschichte aus.
Es ist traurig, dass Tristan so jung sterben musste. Genauso traurig ist es, dass viele Kinder und Jugendliche heute auch in solchen Gefügen feststecken, bzw. zusätzlich durch das Internet sogar noch wesentlich einfacher reingeraten können, und die niemanden haben, den sie ansprechen können oder der sich für sie und ihre Nöte interessiert, bzw. ihnen helfen könnte.
Auch Tristan hätte eine Zukunft verdient gehabt, in der er erwachsen werden hätte dürfen, in der er seinen beruflichen Weg hätte wählen können, in der er Liebesbeziehungen eingehen hätte können usw..
Das alles hat der Täter verhindert und letztlich den Vater Tristans auch noch mit in den Tod gestoßen.
Das macht mich einerseits sehr traurig und andererseits sehr wütend.