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Welches Buch lest ihr gerade?

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02.04.2024 um 02:03
Kapitalismus am Limit

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Zwei Tage habe ich gebraucht, um diesen neu erschienen Band der beiden marxistischen Politologen Ulrich Brand (Universität Wien) und Markus Wissen (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) gelesen zu haben.

Weniger interessant ist die Analyse des Ist-Zustands, der - wie vieles - von anderen übernommen wurde (auch ordentlich referenziert) und bekannt ist, sondern schon mehr die Bewertung sowie die vorgeschlagene Behebungsstrategie.

Brand und Wissen gehen von Gramsci aus, dass wir uns ein einer Übergangsperiode befinden (die Herrschenden können nicht mehr, wie sie wollen, und das Neue kann noch nicht hervorgebracht werden) und dass Klimakrise wie soziale Krisen auf der Expansionsnotwendigkeit des Kapitalismus beruhen (Marx). Dabei wird sehr stark mit Verallgemeinerungen gearbeitet. Die Welt wird in einen "globalen Norden" und einen "globalen Süden" geteilt (der "kollektive Westen" kommt nicht vor, den Angriffskrieg Putins lehnen sie ab) und im "globalen Norden" herrscht eine "imperiale Lebensweise" vor (ein altes Theorem der beiden), wobei die Lohnarbeiter (männlich und weiß) gezwungen sind, ihre Reproduktionsmittel am kapitalistischen Markt zu kaufen, was ihnen durchaus gefällt und was auch als Rollenmodell für aufstrebende Ökonomien im "globalen Süden" dient. Beklagt wird, dass einerseits eine Subsistenzwirtschaft (also Selbstversorgung) durch die Kapitalakkumulationsentwicklungen zerstört wurde/wird, andererseits Reproduktionsaufgaben wie Pflege oder Haushaltsarbeit kostenlos an Frauen bzw. die Familie ausgelagert sind.

Das Verhältnis zwischen "globalem Norden" und "globalem Süden" ist ein Ausbeutungsverhältnis seit Jahrhunderten und daran werde sich auch nichts ändern, wenn der "globale Norden" auf ökologische Produkte umsteigt, die Ausbeutung der Rohstoffländer bleibt, Kosten werden in Raum wie auch in Zeit (auf zukünftige Generationen) abgewälzt. Die Beispiele des Rohstoffabbaus von zum Beispiel Lithium sind durchaus korrekt ermittelt. Logischerweise wird dann auch die EU-Initiative des European Green Deal abgelehnt. Dies sei nichts anderes als ein Grüner Kapitalismus und ein Hegemonieprojekt des Rohstoffkolonialismus.

Sämtliche Parteien der "liberalen Demokratie" (konservative, sozialdemokratische, Grüne) im "globalen Norden" werden als Systemerhalter gebrandmarkt, was aufgrund der vielen Wiederholungen mich schon beinahe an Stalins Sozialfaschimusthese erinnert. Die rechtspopulistischen Parteien hätten die vertikalen Konflikte (Klassenkonflikte) auf horizontale (ethnische, identitäre) umgemünzt und so die deklassierte weiße männliche Arbeiterschicht abgeholt (Trump wird als Beispiel herangezogen, Meloni oder die weiblichen Le Pens werden nicht genannt - diese passen wohl nicht ganz ins Klischee der "Petromaskulinität", das mehrfach vorgebracht wird).

Auch das aktuelle China wird ins kapitalistische Boot geholt. Deren augenblickliches Wirtschaftsmodell beruhe auf einem Postfordismus (der im Westen ab der Krise der 1970er Jahre Einzug gehalten hat und im Neoliberalismus seine ideologische Stütze fand) mit einem "starken und industriepolitisch aktiven Staat". Damit ist eine Diskussion über kommunistischen Imperialismus vom Tisch, China ist kapitalistisch. Die restlichen kommunistisch regierten Staaten werden nie erwähnt.

Was ist nun die Perspektive von Brand und Wissen? Grundsätzlich wird liberale Demokratie abgelehnt, da sie nur dazu diene, die Herrschaft des Kapitals zu bedienen. Doch was ist die Alternative? Kurz wird erwähnt, dass Basisbewegungen in den Regierungen, Parteien, Gewerkschaften, Verbänden stärkeren Einfluss erhalten sollen (also eine ideologische Meritokratie anstelle eines One Person One Vote-Prinzips). Im Wortlaut:
Statt nur Wähler*innen oder Mitglieder repräsentieren zu wollen, müssen Regierungen und Parteien, Gewerkschaften und Verbände, denen es um grundlegende Veränderungen geht, zur Ermächtigung von Bewegungen beitragen, aus der sie umgekehrt ihrerseits Kraft ziehen.
Außer diesem sehr bolschewistischen Konzept kommt nichts, obwohl die Begriffe "Demokratie" und "Solidarität" permanent wiederholt werden. In ihren Worten:
Im Rahmen der liberalen Demokratie ... lässt sich die sozial-ökologische Krise nicht mehr bearbeiten. Die Alternative ist stattdessen, hinter die liberale Demokratie zurückzufallen und die imperiale Lebensweise autoritär zu stabilisieren oder über beide hinauszugehen, das heißt die Demokratie zu demokratisieren und eine solidarische Lebensweise anzustreben.
Aber zugute möchte ich den beiden halten, dass sie nicht im Vagen bleiben, sie werden ganz konkret und das hat es in sich.
Eine solidarische Bearbeitung der Krise der Externalisierung erfordert ... tiefe Eingriffe in die Eigentums- und Verfügungsrechte der Erdzerstörer sowie eine radikale Beschränkung solcher 'Freiheiten' wie ... das Fliegen (mit Privatjets), die Produktion und Nutzung großer Autos, das Rasen ohne Tempolimit, der Erwerb von Aktien von Rüstungs-, Auto-, Öl- oder Bergbaukonzernen.
Wie also sollen "tiefe Eingriffe in die Eigentums- und Verfügungsrechte" nach Brand und Wissen aussehen? Es folgt die Forderung nach einer "Ausweitung demokratischer Verfahren auf solche gesellschaftlichen Bereiche, die bislang systematisch gegenüber ihnen abgeschottet waren". Klingt gut und sehr kommunistisch: In keinem kommunistischen System war bisher definiert, was "demokratisch" bedeutet, die Kontrolle wurde/wird von der Partei übernommen. Und die war demokratisch, weil sie die objektiven Interessen der Arbeiterklasse vertrat/vertritt. Der Wortlaut:
Gefordert wäre folglich eine Ausweitung demokratischer Verfahren auf solche gesellschaftlichen Bereiche, die bislang systematisch gegenüber ihnen abgeschottet waren. Die Förderung von Öl, die Abholzung von Wäldern für die industrielle Landwirtschaft, die Produktion von Gütern wie Handys, Billigfleisch und Panzern, die Herstellung und Nutzung von unsinnigen und schädlichen Luxusgütern wie SUVs, Privatjets oder Yachten dürften nicht länger eine Angelegenheit privater Entscheidungen sein. Dasselbe gilt für Kernbereiche des Grünen Kapitalismus wie die Elektro-Automobilisierung, die - vorangetrieben von starken Partikularinteressen - viele Menschen andernorts und in der Zukunft schädigt, ohne dass diese die Möglichkeit hätten, an den entsprechenden gesellschaftlichen Weichenstellungen mitzuwirken.
Auch bei obigem Zitat bleiben Brand und Wissen noch unkonkret, doch als Marxisten formulieren sie bald, dass es nur eine Entität gibt, die wirksam arbeiten kann, der Staat:
Der Staat und das internationale politische System sind zentral bei der rechtlichen, finanziellen, administrativen und diskursiven Absicherung emanzipatorischer Errungenschaften.
Und was soll der Staat gewährleisten?
solidarische Begrenzungen, Vergesellschaftung als Basis für eine sozial-ökologi-sche Wirtschaft, solidarische Resilienz, Reparatur sowie ein anderes Verständnis und eine andere Praxis von Freiheit.
Jetzt sind wir dort: Vergesellschaftung und Begrenzung. Das klassische Lenin'sche Modell. Und was soll vergesellschaftet werden?

  • Wohnraum
  • Wasserversorgung
  • Landwirtschaft
  • Ernährungssystem
  • Boden (vergesellschaftet oder genossenschaftlich)
  • Industrie (Autoindustrie, Rüstungsindustrie)
  • Energie


Und dann wird ein Umbau zu einer nachhaltigen Wirtschaft möglich sein. Weltweit. Vergessen haben die beiden auf die Finanzwirtschaft (zumindest wäre mir dieser Bereich nicht aufgefallen). Aber es wird wohlwollend das Bundestagsmitglied Hans Thie der deutschen Partei Die Linke zitiert:
»Alles Eigentum, das über das Persönliche hinausgeht und - in welcher Form auch immer - Macht über andere Menschen begründet, wäre demokratiepflichtig.
Was immer "demokratiepflichtig" meint, dies sind Gedanken, die mich an die ultralinken Phasen Maos erinnern. Die "demokratische Kontrolle" von Eigentum, die "über das Persönliche hinausgeht", war in manchen Zeiten für die Betroffenen tödlich. Aber ich gehe davon aus, dass Thie, Brand und Wissen sich ihre Traumzukunft nicht tödlich vorstellen.

Wie leichtfertig Brand und Wissen mit ihren Interpretationen umgehen, sei noch an einem Beispiel gezeigt. So wird die Maastricht-Begrenzung der Schulden auf 60 Prozent des BIP kritisiert, weil damit die EU-Staaten nur mehr wenig Spielraum hätten und dies eine neoliberale Entscheidung gewesen sei. An anderem Ort werden die hohen Schulden der USA angeprangert, die bei 70 Prozent des BIP lägen. Dies sind keine schlüssigen Interpretationen, dies ist unstimmige Propaganda und keine Wissenschaft.


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06.04.2024 um 00:30
Jabbour Douaihy - Morgen des Zorns

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Mit diesem Roman greift der 2021 verstorbene libanesische, aus einer christlich maronitischen Familie stammende Schriftsteller Jabbour Douaihy auf ein Ereignis aus dem Jahr 1957 im maronitischen Dorf Barka in den libanesischen Bergen zurück, als in einer Kirche aufgrund einer Blutrache nach einem Mord zwei Großfamilien aufeinander geschossen haben und 24 Männer den Tod gefunden haben.

Hauptfigur des aus mehreren Perspektiven aufgerollten Ereignisses ist ein Elia, der von seinem dem Glückspiel verfallenen Vater in der Nacht vor dessen Tod gezeugt worden ist. Seine Mutter hat den zunächst wilden und in den späten Schuljahren intellektuellen Jungen nach seinem Abitur gedrängt, das Land zu verlassen. In New York hat er aber sein Technik-Studium abgebrochen und zu jobben begonnen. Seine große Liebe gilt jedoch blonden amerikanischen Frauen, denen er Fantasiegeschichten über seine Herkunft und sein Leben auftischt.

Nicht ganz 50 Jahre nach der Tat kehrt Elia zu seiner alten, mittlerweile wegen ihres Grauen Stars erblindeten Mutter zurück und sucht in Dokumenten wie mit Hilfe von Zeitzeugen dem Ereignis auf den Grund zu gehen. Dabei präsentiert Douaihy anhand unterschiedlicher Figuren eine libanesische Gesellschaft, die sehr stark auf die Großfamilie zentriert ist und Wohngegenden nach Clans abgesteckt sind, wobei das Fremde argwöhnisch beäugt wird. Als fremd gilt jemand sogleich, wenn der arabische Akzent anders ist. Die Gesellschaft ist sehr männerzentriert, die Frauen sind ans Haus gebunden. Wegen dieser Enge ist die Landflucht der jungen Männer sehr groß. Viele gehen nach Beirut oder - wie Elia - ins Ausland, wobei die meisten wieder in der libanesischen Community Halt suchen. Nur Elia ist anders, er verschleiert in den den USA seine Herkunft und sucht keinerlei Kontakte zu anderen libanesischen Exilierten. Erst am Rückflug von Paris nach New York erzählt er einer auf seiner Schulter dösenden Amerikanerin seine wahre Geschichte, jedoch ohne Namen zu nennen. Nach Ende des Fluges werden sie keinen Kontakt mehr haben, womit der Roman endet.

Interessant ist, wie der 1958 zum Präsidenten gewählte maronitische Armeegeneral Fuad Schihab den Familien der Verstorbenen Entschädigungszahlungen hat zukommen lassen, um damit die Familien auszusöhnen und die Kette der Blutrache zu unterbrechen.

Nicht alle Charakterisierungen der doch vielen Figuren gelingt, manche bleiben doch blass, aber insgesamt ist dieser Roman ein zum Teil erschütterndes Zeugnis einer brutalen Gesellschaft. Douaihy soll den Stoff dieses Romans eigenen Kindheitserinnerungen entnommen haben.


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06.04.2024 um 14:50
Jeff Burk - Shatnerquake

Burk-Shatnerquake

Jeff Burk sieht sich als Teil der Bizarro-Fiktions-Bewegung, deren Hauptelemente Absurdität, Groteske und Satire sind. Burks Texte gehören dem Genre Horror-Fiktion an und zeichnen sich durch extreme Gewalt aus.

In diesem 2009 veröffentlichten Text ist der Schauspieler William Shatner die Hauptfigur. Die Handlung spielt in einer Art SF-Gegenwart nach einem sogenannten Netzkrieg, auf den nicht näher eingegangen wird. In einem riesigen Veransaltungskomplex wird ein William-Shatner-Konvent abgehalten, zu dem er selbst auch eingeladen ist. Alleine die Ankunft ist absurd: Shatner wird in eine erste Autogramm-Sitzung geführt, die er acht Stunden lang bedienen soll. Gleichzeitig wird ihm aufgetragen, einen dreistündigen Vortrag vorzubereiten. Den Abertausenden Shatner-Fans werden rund um die Uhr in mehreren riesgen Kinosälen seine Serien gespielt, absurde Fan-Artikel werden zum Verkauf angeboten, in einem Museum sind mehr oder weniger alle Requisiten, die er benutzt hat, ausgestellt, aber auch Privates bis hin zu von Shatner gebrauchten Kondomen.

Schon bei der Zufahrt fällt Shatner auf, dass sich Fans des Schauspielers Bruce Campbell mit Armstumpfen (Hommage an Evil Dead) versammelt haben, um die Konvention zu stören. Sie platzieren eine Fiktions-Bombe (eine Erfindung aus den Netzkriegen), mit der sämtliche Aufnahmen mit Shatner als Schauspieler gelöscht werden sollen. Diese jedoch funktioniert nicht so wie geplant, sondern sämtliche von Shatner je gespielten Figuren werden lebendig und in eine für sie komplett unbekannte Welt katapultiert. Das Veranstaltungszentrum ist in einer Parallelwelt gefangen, in der Außenwelt wird nur noch ein weißes Rauschen gesehen.

Im Veranstaltungszentrum beginnt das totale Chaos, Captain Kirk beginnt Shatner-Fans mit dem funktionierenden Phaser zu jagen, Lichtschwerter funktionieren. Berge von zerschnittenen Leichen bzw. von zu Tode Getrampelten liegen herum. Shatner hat zunächst gegen den Polizisten TJ Hooker zu kämpfen, und als dessen Bauch mit einem Schwert aufgeschnitten wird, kommen eine ölige Substanz und Filmrollen zum Vorschein. Als Kirk Shatner zu jagen beginnt, gelingt dem diesem mit einem alten Rettungswagen die Flucht, nachdem er einen Shatner-Doppelgänger jenem ausgeliefert hat, und stürzt mit dem Wagen über eine Treppe in die Eingangshalle, nicht ohne mit der Motorhaube eine Organisatorin des Konvents in zwei Teile zu schneiden.

Shatner überlebt unverletzt, wird aber von den Campbell-Terroristen gefangen. Mit einer weiteren Fiktions-Bombe soll nun seine ganze Erinnerung an seine Rollen als Schauspieler ausgelöscht werden. Doch auch diese Bombe funktioniert anders. Die fiktive Welt verschwindet, die Film-Figuren desintegrieren. Polizei und Rettungsteams sind vor Ort, Shatner geht unverletzt, aber mit höllischen Kopfschmerzen in eine Bar, wo er eine Unmenge an Whiskey und Schmerztabletten zu sich nimmt. Nachdem er sie verlassen hat, umarmt ihn auf der Straße ein Campbell-Fan mit einem Sprengstoffgürtel. Dieser funktioniert.

Dieser schnell zu lesende Text hat was. Was passiert nämlich, wenn die in B-Serien und B-Filmen dargestellten Handlungen und Charaktere Wirklichkeit werden? Ein Horrortrip. Das Fernsehzeitalter kommt nicht gut weg.


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06.04.2024 um 15:01
Wunderzeit: Die Schwestern vom Waldfriede - Roman. Das große Finale der mitreißenden historischen Saga – jeder Band ein Bestseller! (Die Waldfriede-Saga 4)
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Bereits der 4. Teil des Romans - Sehr schön zu lesen, spielt in der Zeit vor , während und nach dem 2. Weltkrieg!
Nach wahren Begebenheiten: Inspiriert von der Chronik einer Krankenschwester erzählt Erfolgsautorin Corina Bomann von der Geburtsstunde der Berliner Waldfriede-Klinik.
Quelle:


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06.04.2024 um 17:49
Krisztina Toth - Strichcode

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Die ungarische Dichterin Krisztina Toth hat 2006 (deutsche Übersetzung 2011) 15 kurze Erzählungen einer Ich-Erzählerin aus verschiedenen Lebensphasen (oder sind es 15 verschiedene?) während der Endzeit des kommunistischen Regimes und der 1990er Jahre veröffentlicht. Strukturiert ist nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern wie Erinnerungen oder Beobachtungen ungeordnet. In poetischer Sprache werden die dunklen Seiten der ungarischen Gesellschaft wie auch der menschlichen Seele beleuchtet.

UNBEWOHNT (Trennlinie): Gleich die Eingangsgeschichte (1990er Jahre?) beginnt mit dem Tod eines 80-Jährigen in der Provinzstadt Kecskemét, dessen Verhältnis zur Erzählerin unklar bleibt, und schwenkt dann über auf einen amputierten Obdachlosen namens Robin in einer Budapester U-Bahnstation, der in Containern nach Brauchbarem sucht. Erinnerungsfetzen gehen zurück in die Jugend, dass sie einen hübschen 20-Jährigen Robin kannte, der ein Meister auf dem Skateboard war. Ob dies dieselben Personen sind?

FEDERMÄPPCHEN (Richtlinie): Schulzeiterinnerung. Das Treppenlaufen während des Sportunterrichts, da nicht ausreichend Sporträume zur Verfügung standen, und dass die Tochter eines Parteifunktionärs ein schickes Federmäppchen mit Magnetverschluss aus dem Ausland hatte, was für nicht privilegierte Kinder es in Ungarn nicht zu kaufen gab. Und als es gestohlen wurde, gesteht sie die Tat. Ob sie es war, bleibt offen.

WEISSE LANDKARTE (Lebenslinie): 6. Juli 1989, der Todestag von János Kádár. Die Erzählerin ist Studentin der Geschichte, hat eine Geschichteprüfung, bei der sie weiße Landkarten mit Daten hätte befüllen sollen, verschoben, am Plattensee macht ihr Freund mit ihr Schluss. Sie öffnet sich die Pulsadern. Überlebt. Der Einstieg in die Geschichte: Eine Freundin sieht in ihrer Hand eine unterbrochene Lebenslinie.

DER ZAUN (Blutlinie): Kindheitserinnerungen an den Vater, der einen teuren Plankenzaun um das Gartengrundstück legen will, um es vor rumlungernden Alkoholikern schützen zu können. Aufgrund einer Gallenkrankheit muss herausgefunden werden, warum er so viele unregelmäßige Operationsnarben an Brust, Bauch und Rücken hat und ein Splitter an der Leber zu sehen ist. Offiziell war es ein Autounfall, in Wirklichkeit war er als 14-Jähriger 1956 bei einem Fluchtversuch nach Österreich der einzige Überlebende, als die Gruppe von Grenzwächtern niedergeschossen wurde. Ein Arzt holte am Küchentisch die Kugeln raus.

AMEISENSTRASSEN (Weglinien): Kindheitserinnerung an das heruntergekommene Häuschen der Großmutter, ihren Freund Schuli, an den Dreck, den Gestank. Als sie zu Verwandte nach Újpest fährt, wird ihr der Schorf an der Kopfhaut mit Petroleum abgewaschen und in den juckenden After wird Kernseife gesteckt.

DAS SCHLOSS (Grenzlinie): Erinnerungen an die Sommerbesuche eines extrem dicken Onkel Franz aus Kaschau in der Slowakei, dessen Mutter in einer verwahrlosen Souterrain-Wohnung hauste. Onkel Franz bringt immer kleine Geschenke mit und sein Hund reibt seinen Penis am Bein des Mädchens. Erinnerungen an ein zweiwöchiges Ferienlager, das als Bonus für gute Noten gewährt wurde. Das Ferienlager ist ein Horror mit militärischem Drill, Spind- und Bettkontrollen, Sportübungen, weggenommenen Medikamenten und Vitaminpillen, diktatorischen Betreuerinnen, eine von ihnen treibt es mit dem jungen Arzt. Wegen einer Blutvergiftung landet das Mädchen im Krankenhaus. Wutausbruch des Vaters: „Vermaledeite Pissnelken und Kommunistenschweine“.

LAUWARME MILCH (Strichcode): Wieder eine Geschichte eines Schulmädchens so um die 14 bis 15 Jahre. Sie spielt vermutlich in den späten 70er Jahren, Jimmy Carter wird erwähnt. In die ungarische Familie kommt eine Gastschülerin aus den USA, Kathy. Der Vater wundert sich, warum Kathy kein Wort versteht, wenn seine Tochter etwas auf Englisch sagt und dürfte wohl an das rausgeschmissene Geld für den Privatunterricht denken. Das Mädchen ist in einen Robi verliebt, der sich beim Eislaufen jedoch an Kathy heranmacht. In der Schule gibt es vor, eine Leukämie-Diagnose zu haben, wird entlassen, stiehlt Robis Eishockey-Ausrüstung und zerstört sie auf ihrem Heimweg. Warum „Strichcode“? Zu Beginn wird darüber geschrieben, wie alle beinahe als Heiligtum verehrten Waren aus dem Westen, meist aus Wien, diese nicht erklärbaren Aufkleber mit den schwarzen Strichen haben. Der Vergleich mit den Nummertätowierungen von KZ-Häftlingen ist dann doch etwas übertrieben. „Lauwarme Milch“? Eine solche mit Haut wird Kathy an den Hals gewünscht.

SCHWARZER SCHNEEMANN (Liniennetz): Aufwachsen in einem Plattenbauviertel mit seiner linienförmigen Anordnung wie die Linien in karierten Mathematikschulheften. Die Wände sind dünn, der Hausmeister ist Hausverwalter, die Kinder spielen im Hof und holen sich schwarze Schlackesteine von der Baustelle, an der weitere Plattenbauten hochgezogen werden. Aus diesen Schlackesteinen werden Figuren gestaltet, die als Schmuck getragen werden. Erst viel später erfährt die Erzählerin, dass diese Hochofenschlackesteine hochgiftig waren.

WARMER BODEN (Schnittlinie): Ein 14-jähriges Mädchen mit einem gleichaltrigen Freund (Klein-Tibi), der sexuell näher kommen will. Sie zieht mit ihm und seinem Vater zum Pfuschen (Auslegen von Teppichböden) in Plattenbauwohnungen. Es sei viel Geld damit zu verdienen (vor oder nach der Wende 1989 bleibt offen). Dass die Kinder einen Teppich falsch zuschneiden, scheint den Vater nicht zu irritieren. Die Besitzer sind nicht da und sie sind wieder weg. Eine Geschichte an der Pubertätswende, die Kindlichkeit wird noch durch das Sammeln von internationalen Fahrscheinen bzw. Klein-Tibis Fan-Begeisterung für einen Fußballverein betont. Häusliche Gewalt wird angedeutet, bleibt aber skurril (in der Küche der Familie des Jungen ist eine Art Galerie eingezogen, in den er bei Strafe verbannt wird).

KALTER BODEN (Höhenlinie): Eine ungarische Dichterin fliegt nach Japan zu einem Schriftstellerkongress, um den es nicht geht. Sie will zwölf erotische Wünsche, die sie auf Zetteln ihrem ehemaligen Geliebten/Mann geschrieben hat, an geeigneten Orten anbringen. „Trauerarbeit“, wie geschrieben ist. So finden die Zettel Platz im Maul eines Löwen einer Shinto-Tempels oder in einer Sparbüchse eines Spielwarengeschäfts. Wir erfahren auch noch, dass sie ohne Angabe von Gründen bei der Einreise am Flughafen festgenommen und ebenso wieder freigelassen wurde. Der Titel bezieht sich auf die Klimaanlage des Hotels, mit der sie nicht umgehen kann - sie heizt auf und findet sich am Morgen am kalten Boden liegend. Der Untertitel wird wohl vom Fuji stammen. Sie wollte einen Zettel in den Krater werfen, kommt jedoch nicht mal in die Nähe des Berges. Oder von der Höhenlinie der Hochhäuser Tokios.

ES WAR EINMAL EINE HEXE (Hotline, besetzt): Eine gerahmte, sehr bedrückende Ich-Erzählung. Die Erzählerin, verheiratet und Mutter eines Kindes, ist schwanger und erfährt, dass es Zwillinge sein werden. Sie fährt zu ihrem Mann, der nicht nach Hause kommt und dessen Telefon dauernd besetzt ist, zum Sommerhäuschen, wo er Gartenarbeiten erledigt, um ihm zu berichten, trifft ihn jedoch mit einer halbnackten Frau an. Er fährt sie noch nach Hause und verlässt sie. Die beiden Kinder werden Totgeburten und sie kehrt anscheinend zu ihrem Elternhaus zurück, über das sie berichtet, wie sie als Vierjährige aus diesem mit ihren Eltern in eine Wohnung gezogen sind und ihre Puppe im Ofen verbrannt worden ist. Mit dem Nachbarjungen hat sie abgemacht, dass sie mal drei Kinder haben würden. Es ist Halloween, die Nachbarstochter kommt vorbei, es sei Halloween. Ihr Sohn möchte als Hexe gehen.

WAS HAST DU DA? (Bikini-Linie): Die Ich-Erzählerin hasst Strand, gemeinschaftliches Baden und reflektiert die Frauwerdung anhand ihrer auch fotografisch festgehaltenen Badekleidung, seit sie Kleinkind war, als nur ein Höschen reichte, auch wenn der Unterschied zwischen Buben und Mädchen bereits sichtbar war. Sie denkt an ihren ersten Bikini, als der Oberteil eigentlich noch nichts zu verdecken hatte, an ihre erste Menstruation, schließlich ans Mutter-Sein.
Mein ganzes Erwachsenenleben wurde durch dieses Unbehagen bestimmt. Ich hasste das Treiben am Strand, das gemeinschaftliche Baden, die ungeschlachten, transpirierenden Leiber, die Zurschaustellung von Haut, von Knitterfalten, die schamlose Tristesse der Füße, das selbstvergessene Herumtollen der armseligen Wesen: hasste die sich duschenden, quietschenden, klatschnassen Ebenbilder, die sich waschenden, uns dabei den Rücken zukehrenden alten Frauen, denen, wenn sie sich nach dem Handtuch greifend vorbeugten, zwischen den Schenkeln verklebte graue Haarbüschel herunterhingen, hasste, dass es Leiber gibt und Tod und dass der Tod sich über den Körper äußert.
ICH TANZE GERN (Schlusslinie): Diese Erzählung thematisiert die Bruchlinien zwischen Budapest und dem ungarischen Land sowie das Ende einer toxischen Beziehung. Die Ich-Erzählerin besucht regelmäßig mit Zoltán, ihrem geschiedenen Lebensgefährten, Bekannte (oder Verwandte?) am Land. Von den Nachbarn wird ihre Beziehung als „Heidenart“ kritisiert. Die Skizze umfasst einige Jahre. Annusch-Néni ist die Besuchte, die schließlich an Darmkrebs stirbt. Zoltán wird als Mensch gezeichnet, dem andere (Lebewesen) egal sind. Eine verletzte Ziege will er schlachten, eine Wespe tötet er aus Lust und Laune, beim Autofahren riskiert er durch gefährliche Manöver Unfälle. Am Ende wartet sie auf ihn mit einem Abendessen, am Telefon hört sie ihn zu einer Edith flüstern, als er erscheint, ist der vormals bärtige Zoltán rasiert. Einziger Kommentar und Schlussbemerkung: „Sie hat einfach gut getanzt. Und ich tanze gern.“

TAKE FIVE (Bruchlinie): Die Ich-Erzählerin ist ungarische Studentin in Paris, ihr Freund lebt noch immer in Budapest und schreibt ihr Briefe. Sie hat wenig Geld, lebt in einem Dachmansardenzimmer ohne Bad und WC zur Untermiete, lebt von Maisdosen und Fischstäbchen. Ihr Nachbar ist laut und putzt das gemeinsame WC nicht. Eigentlich hasst sie ihn, doch als sie eines Tages ihn durch seine offene Wohnungstür mit einem riesigen Schwanz masturbieren sieht, bricht das Animalische in ihr durch. Mehrfach haben sie miteinander wilden Sex: am Gang, in ihrem Zimmer. Sie findet heraus, dass er ein Saxophon besitzt. Als ihr ungarischer Freund zu Besuch kommt, findet sie ihn langweilig, seine Sexualität zu weich und milde. Als sie gemeinsam einen Jazzclub besuchen, wagt sie es nicht, den Saxophonisten zu betrachten. So endet die Geschichte. Ob es zum Bruch kommt oder ob ihre enthemmte Sexualität in den Bereich der Wunschträume verdrängt wird, bleibt offen.

MISERERE (Einen Strich ziehen): Die Ich-Erzählerin erinnert sich an einen Sommer, den sie als kleines Kind bei Freunden ihrer Eltern hat verbringen müssen, da ihre Eltern nach Deutschland gereist sein. Sie erinnert sich, dass der größere Bub namens Jenö mit einem Freund mit Angelhaken Frösche gefangen und damit gequält haben. Einmal braten sie Froschschenkel, die sie von einem lebenden Frosch abgehackt haben, die jedoch nicht schmecken. Die Erzählerin ist jetzt erwachsen, bereits Mutter, und sie besucht Jenö in einer Plattenbauwohnung. Er ist gelähmt, hat Anfälle und die Krankheit MIserere. Er speit Kot. Und so beginnt diese Geschichte:
Auch wenn sie auseinanderklafft, ist die Welt doch irgendwie ein Gefüge von Gesetzen, gelegentlich undurchschaubar oder wie der im Morgendämmern aufblitzende Spinnwebfaden in einem Netz aus Zusammenhängen: das Ende der Fäden festgemacht in ganz unterschiedlichen Ecken der Zeit.
Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas lobt die Dichterin überschwänglich, vergleicht sie mit Tschechow, Gorki oder Camus. Beeindruckt ist er von ihrer „Liebessensitivität“ gepaart mit „Liebesbrutalität“, die ihrem äußeren Bild, das er nur von Fotografien kennt, nicht zusammenpasse. Die Dichterin Kristina Tóth hat für ihn die „Kraft eines Büffels“ und die „Schwerelosigkeit eines Falters“.

Vielleicht müsste man diese Texte auf Ungarisch lesen, denn ich selbst habe die Erzählungen zwar interessant gefunden, aber einen so richtigen Zugang habe ich nicht zu ihnen gefunden.


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07.04.2024 um 23:22
Rudolph Herzog - Der verstrahlte Westernheld

Herzog-Westernheld

2012 hat der Filmemacher Rudolph Herzog dieses Buch mit Episoden aus dem Irrsinn des Atomzeitalters veröffentlicht. Die Darstellungsmethode erinnert an den Filmemacher Paul Jacobs, der 1979 die Atombombenversuche in Nevada einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Nicht alle Informationen sind neu, aber der leicht süffisante Schreibstil Herzogs macht dieses Buch sehr lesens- und nachdenkenswert. Die Titelepisode bezieht sich auf den Film Der Eroberer über Dschingis Khan, der mit John Wayne und Susan Hayward in einer von Atombombentests verseuchten Wüste gedreht wurde. Ob deren Krebstod und der von 90 anderen am Set mit diesen Dreharbeiten in Verbindung gebracht werden kann, lässt sich nicht mehr schlüssig ermitteln.

Spannend zu lesen ist, wie der Österreicher Gernot Zippe und der Deutsche Manfred von Ardenne in sowjetischer Edelgefangenschaft in Sochumi bis 1956 die Gaszentrifuge entwickelten, mit der das für die Atombombenherstellung notwendige Uran-235 isoliert werden kann, die bis heute ein kostengünstiger Zugang zur Gewinnung angereicherten Urans darstellt. Beide erhielten hohe Auszeichnungen in der Sowjetunion. Zippe ging 1957 nach Österreich und entwickelte danach in den USA, den Niederlanden und in Deutschland seine Zentrifuge weiter, die es bis in den Iran und nach Pakistan schaffte. Ardenne ging nach Dresden und war angesehener Physiker in der DDR.

Von den apokalyptischen Entwicklungen sticht die Kobaltbombe ins Auge, welche Radiokativität in einem so hohen Ausmaß speichern kann, dass der Fallout in der Lage ist, sämtliches Leben zu vernichten. Bei ausreichender Sprengkraft eine Bedrohung für sämtliches Leben auf der Erde. Herzog geht davon aus, dass sie nie gebaut wurde. Das Bedenkliche: Das Wissen existiert.

Skurril auch Edward Tellers Bestreben, nukleare Bomben für Bauvorhaben zu nutzen. Ein zweiter Panamakanal, ein zweiter Kanal in Ägypten oder eine Autobahn in Kalifornien war rasch vom Tisch, ein Hafen in Alaska bedurfte des Widerstands der ansäßigen Inuit. Letztlich wurden weder von den USA noch von der Sowjetunion Atom- oder Wasserstoffbomben für Bauvorhaben (zum Beispiel Flussumdrehungen) eingesetzt.

Ausführlich werden Beispiele präsentiert, wie auf die Bevölkerung, die im Einzugsgebiet von Atombombentests lebt, keinerlei Rücksicht genommen worden ist. Sei es seitens der USA, der Sowjetunion in Kasachstan oder Großbritanniens in Australien. Auch die eigenen Soldaten sind als Versuchskaninchen verwendet worden, ohne ihnen Bescheid zu geben oder gar einen Opt-Out anzubiegen. Britische Soldaten in Australien waren mit leichten T-Shirts im engen Umkreis von Bombentests zugegen.

Das Spektrum an Unfällen bzw. an Missachtung von möglichen Spätschäden ist groß. Unfälle wurden vertuscht (Beispiele hauptsächlich von den USA), verstrahltes Material wurde einfach der Natur überlassen, ohne es zu sichern (in der Sowjetunion bei Semipalatinsk oder am Ladogasee, im australischen Outback durch die Briten). In Kinshasa zerfällt ein Versuchsreaktor, in Brasilien wurde ein medizinisches Gerät mit radioaktivem Caesium in einer verfallenden Klinik vergessen, mehrere Mitglieder einer Schrotthändlerfamilie sind an den Strahlen verstorben.

In einem Rückblick werden auch Menschenversuche mit Radioaktivität an Schwerkranken vorgestellt. Die Beispiele sind alle aus den USA, wo die Archive nun offen sind. Was in anderen Atomstaaten abgelaufen ist, wissen wir nicht.


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10.04.2024 um 14:54
"Good Girls Don't Die" von Christina Henry

auf der Buchmesse Leipzig gesehen und das musste natürlich mit mir nach Hause :)
henry

Buchbeschreibung:
Spoiler
From the bestselling author of Alice, three women find themselves trapped inside fictional worlds and must fight to survive in this ground-breaking, locked-room horror novel. One day Celia wakes up in a house that isn't hers with a husband she doesn't recognise and a little girl she's never seen before who claims to be her daughter. She tries to remember who she was before because she is certain that this life - the little family-run restaurant she owns in a gossipy small town, and a feud with a neighbour who ends up dead - is not hers.
Allie and her friends travel to a remote cabin in the woods for the weekend. The cabin looks recently assembled and there are no animals or other life anywhere in the forest. Nothing about the place seems right and then in the middle of the night a stranger is banging on the cabin door...

Maggie, along with twelve other women, wakes up in a shipping container with the number three stamped on the back of her T-shirt. If she wants to see her daughter Paige again, Maggie must complete The Maze - a deadly high-stakes obstacle course.

All three women find themselves in worlds not of their own making and must fight to escape the horrors unleashed on them.
Quelle: https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1067913055


Ich liiiiebe den Schreibstil von Christina Henry, es macht unfassbar Spaß ihre Bücher zu lesen. Direkt ab der ersten Seite bin ich gefühlt direkt im Geschehen und kann das Buch nur schwer aus der Hand legen. Sie schreibt flüssig und spannend, bisher konnte mich so ziemlich jedes Buch überzeugen, welches ich von ihr gelesen habe.
Momentan bin ich in der Mitte des Buches und ich freue mich auf den Feierabend, wenn ich endlich weiterlesen kann.
Ihre "Alice"-Reihe ist übrigens absolut fantastich - eine düstere Nacherzählung von Alice im Wunderland, ich liebe es einfach *.*


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11.04.2024 um 14:46
Natascha Kampusch - 3096 Tage

3096-tage

2010 wurde dieser Bericht veröffentlicht und es ist immer noch beklemmend zu lesen, wie ein maßloser Sadist eine 10-Jährige am Schulweg in Wien entführt hat und über acht Jahre in ein selbstgebautes fensterloses Hochsicherheitskellerloch von fünf Quadratmetern sperrt und Dauerfolter aussetzt (Lichtentzug, Isolierhaft, Lärmfolter durch surrenden Ventilator, permanente Überwachung durch Sprechanalge, Essensentzug, Sklavenarbeiten, brutalste Schläge).

Sehr nachvollziehbar schreibt Kampusch, wie sie als Kind und später aus Überlebenswillen immer wieder versucht, einen Draht zu der Person zufinden, der sie komplett ausgeliefert war und ab der Pubertät beinahe in den Hungertod getrieben hat (mit 15 Jahren hatte sie 38 Kilo, einen BMI von unter 15). Auch durfte Wolfgang Priklopil nichts zustoßen, da eine Kontaktaufnahme mit der Außenwelt aus dem Verlies nicht möglich war und eine Flucht durch eine schwere Stahlbetontür schlichtweg unterbunden war.

Wie sehr sie gefoltert wurde (vergewaltigt wurde sie nach ihren Aussagen nie), ist anhand ihrer Aufzeichnungen aus dem Kellerloch deutlich beschrieben:
Fausthiebe und Tritte, würgen, kratzen, Handgelenk prellen, abquetschen desselbigen, gegen Türrahmen gestoßen. Mit Hammer und mit Fäusten in Magengegend (schwerer Hammer) geschlagen. Ich habe Blutergüsse auf und am: rechten Hüftknochen, rechten Ober- (5 mal 1 cm) und Unterarm (ca. 3,5 cm Durchmesser), am linken und am rechten Oberschenkel außen (links ca. 9 - 10 cm lang und tiefschwärzlich bis violett gefärbt, ca. 4 cm breit) sowie an beiden Schultern. Schürfungen und Kratzschnittwunden an den Oberschenkeln, der linken Wade.
Auch dass sie bei einigen "Ausflügen" in die Außenwelt nicht geflohen ist, schildert sie nachvollziehbar. Sie war ausgehungert und geprügelt, die Körperfunktionen waren auf Sparflamme, außerdem glaubte sie, dass Priklopil bewaffnet ist und - wie angedroht - bei einem Fluchtversuch mögliche Helfer erschießen werde. Dazu kam die Angst, dass ihr niemand mehr glauben würde.

Die geistige Wende kam zu ihrem 18. Geburtstag, zu ihrer Volljährigkeit, für die sie schon als Kind geplant hatte, unabhängig leben zu wollen. Sie fand ihr Selbstbewusstsein, ihre Identität wieder und während eines Disputs soll sie zu Priklopil gesagt haben: "Wenn du dich umbringst, wären die ganzen Probleme auf einmal weg."

Sie fand die Kraft, in einem Moment der Unachtsamkeit Priklopils aus dessen Garten, in dem sie halb nackt (sie durfte nie Unterhosen tragen, wenn sie in seinem Haus Sklavendienste verrichtete) zu fliehen. Und beinahe verlief es so wie befürchtet. Die Frau, an die sie sich wendete, glaubte nichts, rief aber (vielleicht aus Angst vor Kampusch) die Polizei. Priklopil warf sich noch am selben Abend vor einem Zug.

Kampusch geht auch auf Kritik ein, der sie nach ihrer Selbstbefreiung ausgesetzt war. Dass ihre Versuche, einen menschlichen Zugang zu Priklopil zu finden, auf das sogenannte Stockholm-Syndrom zurückzuführen seien, lehnt sie ab. Es sei um das Überleben bei einem Menschen gegangen, der sie in totale Abhängigkeit gezwungen hatte. Andererseits war sie ihrer Aussage zufolge schon so weit gebrochen, dass sie begann, die Perspektive des Täters zu internalisieren. Weiters wäre ihr nie aufgefallen, dass noch weitere Personen beteiligt gewesen wären, es also einen Verbrecherring gegeben hätte.

Kein gutes Haar lässt Kampusch an der schleißigen Ermittlung durch die Polizei, die aufgrund eines Hinweises sogar einmal das Haus und den weißen Kastenwagen sowie Priklopil überprüfte und später einen Hinweis durch einen Hundeführer aus Strasshof ignorierte.


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11.04.2024 um 15:24
@Narrenschiffer

Eindringliche Inhaltsangabe von dir.
Erschreckend auch der Umstand, dass sie nach ihrer Flucht dann nochmals einer Folter - der des öffentlichen Auges ("dick", "Geltungsdrang", "trägt ja vielleicht eine Mitschuld ...") - ausgesetzt war.


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11.04.2024 um 15:39
Franz Kafka - In der Strafkolonie

Kafka-Strafkolonie

Mehrfach in meinem Leben habe ich diesen Text nun gelesen und immer wieder schrecke ich ob seiner zu Ende gedachten Radikalität zurück. Diese Hinrichtungsmaschine auf einer (französischen?) Strafinsel ist ob seiner rationalen Brutalität für mich immer noch ein Sinnbild dessen, was im 20. Jahrhundert an institutionalisierter Gewalt von Verbrecherregimen ausgeübt worden ist. Ob dieser Text Kafkas aus dem Oktober 1914 (zwei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs) Vorahnung dessen ist, lässt sich kaum erschließen. Aber er ist einer der wenigen Texte Kafkas, in denen sowohl der Erzähler als auch eine der Hauptfiguren eindeutig Stellung nehmen und diese Form von Hinrichtung als unmenschlich ablehnen ("Die Ungerechtigkeit des Verfahrens und die Unmenschlichkeit der Exekution war zweifellos"). Auch wird explizit gegen ein Gerichtssystem Stellung genommen, in dem der Angeklagte kein Recht auf Verteidigung hat und in dem es keine Möglichkeit eines Einspruchs in einer höheren Instanz gibt.

Der Reisende, der auf Einladung des neuen Straflagerkommandanten ein Gutachten über diese Hinrichtungsmaschine des alten Kommandanten abgeben soll, erinnert an einen Delegierten des Roten Kreuzes oder einer internationalen Menschenrechtsorganisation, vielleicht auch einer (damals nicht mal in Ansätzen existierenden) Institution wie der UNO oder dem Völkerbund. Er hat kein Entscheidungsrecht, doch sein Gutachten sei doch so gewichtig, dass es ein Ende der Maschine herbeiführen kann.

Der Offizier, der den Reisenden begleitet, will ihm anhand einer Exekution den Mechanismus vorstellen, der über 12 Stunden hindurch mit Nadeln die Schuld des Verurteilten in den Körper sticht, bis er den Schuldspruch "lesen" kann und von den Nadeln der Maschine aufgespießt wird. Die Maschine ist jedoch bereits so schlecht gewartet, dass alle Zahnräder aus ihr fallen, der Verurteilte sich befreien kann.

Was hat er eigentlich verbrochen? Auf nächtlicher Wache hätte er stündlich seinen Vorgesetzten, der eh schläft, mit einem Salut grüßen sollen. Er ist erwischt worden, als er eingeschlafen ist. Die Maschine hätte Folgendes vollziehen sollen, wie der Offizier sagt:
»Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird das Gebot, das er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben. Diesem Verurteilten zum Beispiel« - der Offizier zeigte auf den Mann - »wird auf den Leib geschrieben werden: Ehre deinen Vorgesetzten!«
Aufgrund der ablehnenden Haltung des Reisenden und der Desintegration der Maschine beschließt der Offizier sich selbst, als letzten offenen Befürworter dieser Bestrafungsmethode, auf die Maschine zu legen, die er zuvor akribisch repariert. Folgenden Spruch lässt er sich in die Haut schreiben, bevor die Maschine ihn aufspießen wird: "Sei gerecht!"

Bei der Abreise wollen der ehemals Verurteilte und dessen Bewachungssoldat, die beide kein Französisch sprechen (auch den kolonialen Aspekt hat Kafka in diesen Text integriert), auf dem Schiff von der Insel fliehen. Der Reisende hält sie davon ab, indem er ein schweres, verknotetes Seil drohend schwingt. Der Reisende verkörpert nicht das absolut Gute. Auch dies eine sehr präzise Vorahnung des 20. Jahrhunderts.


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12.04.2024 um 09:22
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Franz Kafka - In der Strafkolonie
Geniale Geschichte.
Wie man sich sowas ausdenken kann ...


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13.04.2024 um 23:23
Halbmond und Hakenkreuz

halbmond-und-hakenkreuz

Die beiden Historiker Klaus Mallmann und Martin Cüppers der Universität Stuttgart haben 2006 einen Band über das Verhältnis zwischen den Nationalsozialisten und dem arabischen Islam veröffentlicht.

Die Annäherung war schwierig und wurde vor allem von radikaler muslimischer Seite vorangetrieben, die sich von Deutschland eine Vertreibung der Kolonialmächte, Unabhängigkeit und eine Vertreibung oder gar Vernichtung der jüdischen Siedler in Palästina erhofften. Die ersten Pogrome begannen 1920, einer der Slogans war: "Palästina ist unser Land, die Juden sind unsere Hunde!" Von der britischen Völkerbundverwaltung wurde Amin el-Husseini zum Großmufti und somit obersten religiösen Haupt in Palästina eingesetzt, der schließlich eine sehr enge Verbindung mit Nazi-Deutschland einging und während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland floh, von wo aus er einen arabischen Aufstand anzetteln sollte. Ins Beiruter Exil ging el-Husseini 1937 nach Ermordung eines britischen Beamten durch ein Terrorkommando, von dort über den Irak weiter nach Deutschland. Diese Tätigkeit war den Deutschen 75.000 Reichsmark monatlich, heute etwa 400.000 Euro, wert, die sie el-Husseini auszahlten.

Ideologisch machten die Nationalsozialisten eine Kehrtwende. In Mein Kampf waren die Araber für Hitler noch Untermenschen, doch während des Versuchs Nordafrika mit Italien unter die Kontrolle der Achse zu bekommen, war ihnen die Unterstützung durch arabischen Widerstand sehr willkommen. Während Deutschland genau wusste, dass Italien Kolonialmacht sein will und nach einem Sieg auch sein wird, fütterte die deutsche Propaganda den Unabhängigkeitsnarrativ der Araber und el-Husseini war einer der wesentlichen Propagandisten. Das Ziel, die Briten mit einem Zangenangriff von Osten (über den Kaukasus eindringend) und von Westen (durch Rommel über Ägypten) zu besiegen, scheiterte. Damit wurde auch die Hoffnung el-Husseinis zunichte, dass Deutschland die jüdischen Siedler in Palästina vernichten wird wie in Europa. Dass el-Husseini über den Holocaust bescheid wusste, ist in zahlreichen Dokumenten belegt. Die Einsatzgruppen standen im Raum Athen bereit.

Die Abkehr vom Haavara-Abkommen aus 1933, das etwa 20.000 vermögenden Jüd:innen eine Emigration nach Palästina ermöglichte, erfolgte vermutlich im Jahr 1939. Seitdem wurde der arabische Widerstand gegen die Briten finanziell und wohl auch mit Waffen unterstützt.

Auch in Ägypten gab es Untergrundorganisationen unter Militärführung, darunter die späteren Präsidenten Gamal Abdel Nasser und Anwar el-Sadat. Letzterer machte nach dem Weltkrieg keinen Hehl daraus, "harmonisch" mit den Deutschen zusammengearbeitet zu haben.

Wie sehr das nationalsozialistische Deutschland in Palästina angesehen war, davon zeugen auch Berichte, dass sich Europäer in arabischen Siedlungen nur mit einem Hakenkreuzabzeichen sehen lassen konnten, da sie ansonsten ihres Lebens nicht sicher waren. Radikale islamistische Organisationen jagten auch Araber:innen, die nicht den radikalen Weg mitgehen wollten oder schienen. Deren Opferzahl war hoch. Die Jewish Agency schätzte, dass etwa 60 Prozent der Nichtjuden Palästinas den Nationalsozialismus unterstützten.

1944 hat Deutschland noch versucht, bosnische und albanische Muslime in SS-Divisionen zusammenzufassen (Handschar und Skanderbeg), Himmler erklärte sie sogar zu "rassisch wertvollen Völkern Europas". Im Einsatz jedoch waren die meisten nur für den Kampf um ihre eigene Heimat motivierbar, und als die Niederlage Deutschlands immer offenkundiger wurde, desertierten sehr viele von ihnen.

el-Husseini wurde nach dem Weltkrieg Präsident des Arabischen Hohen Komitees und wurde bereits 1952 Förderer eines Verwandten: Jassir Arafats. Schließlich starb er 1964 im Exil in Beirut. Selbst von Sadat ist eine skurrile Episode überliefert. Als Gerüchte aufkamen, Hitler hätte sich lebend nach Südamerika abgesetzt, schrieb er einen fiktiven Brief an diesen: "Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen, denn obwohl Sie allem Anschein nach besiegt worden sind, waren Sie doch der wahre Sieger."

Während des Libanonkriegs 1982 wurde der Narrativ umgedreht und von arabischer Seite die israelische Armee mit der SS gleichgesetzt.

Lesenswert ist dieses Buch nicht zuletzt, da nicht nur wenig in der Allgemeinheit Bekanntes präsentiert wird, sondern faktische Details auf Basis von Archivmaterial und somit zum ersten Mal vorgestellt werden. Gleichzeitig ist der Schreibstil so gehalten, dass kein trockenes historisches Werk, sondern ein spannendes Buch entstanden ist.


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