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Gedichte aus aller Welt

360 Beiträge, Schlüsselwörter: Gedichte, Epik, Belletristik, Schiller, Homer, Goethe, Lyrik, Poesie, Literatur, Büchner

Gedichte aus aller Welt

05.11.2012 um 16:40

Mein Herz, mein Herz ist traurig

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;
Ich stehe, gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fließt der blaue
Stadtgraben in stiller Ruh;
Ein Knabe fährt im Kahne,
Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erheben sich freundlich,
In winziger, bunter Gestalt,
Lusthäuser, und Gärten, und Menschen,
Und Ochsen, und Wiesen, und Wald.

Die Mägde bleichen Wäsche,
Und springen im Gras herum;
Das Mühlrad stäubt Diamanten,
Ich höre sein fernes Gesumm.

Am alten grauen Turme
Ein Schilderhäuschen steht;
Ein rotgeröckter Bursche
Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,
Er präsentiert und schultert -
Ich wollt, er schösse mich tot.

Heinrich Heine



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Birkenschrei
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Gedichte aus aller Welt

06.11.2012 um 09:44
MUCH MADNESS IS DIVINEST SENSE


Much Madness is divinest Sense -
To a discerning Eye -
Much Sense - the starkest Madness -
'Tis the Majority
In this, as All, prevail -
Assent - and you are sane -
Demur - you're straightway dangerous
And handled with a Chain -

Emily Dickinson

Es gibt davon zwei interessante deutsche Übersetzungen:


I.
Verrücktheit, höchster Götter Sinn -
Für's Auge, das da späht -
Viel Sinn - die ärgste Tollheit -
S'ist die Majorität
die hier, wie Allem, herrscht:
Stimm' zu - dann liegst Du richtig -
Sträub' dich - dann bist' Gefahr
Und damit kettenpflichtig -

Übersetzung Walter A.Aue


II.
Mancher Wahn ist göttlichster Sinn –
Für ein scharfsichtiges Auge –
Mancher Sinn – der reinste Wahn –
's ist die Mehrheit,
Die auch hierin vorherrscht –
Stimm zu – und du bist gesund –
Lehn ab – du bist geradezu gefährlich –
Und man legt dich an die Kette.


Übersetzung Hans Arnfrid Astel


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Gedichte aus aller Welt

06.11.2012 um 10:54


Hast du einen Freund,
dem du fest vertraust,
geh oft, ihn aufzusuchen!
Denn Gesträuch wächst
und starkes Gras
auf dem Weg,
den kein Wandrer geht.

Aus der Edda



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Gedichte aus aller Welt

06.11.2012 um 16:36

Il mio messaggio

Il mio messaggio
per il mondo è
che non ho
un messaggio.
Chi sostiene
di averne uno
racconta bugie.
Non c'è niente
che vale
per tutti.
Ci obbliga
solo
la voce
del cuore
e questa vale
senza riserva.

Übersetzung

Meine Botschaft

Meine Botschaft
für die Welt ist,
dass ich keine
Botschaft besitze.
Wer eine
behauptet
erzählt Lügen.
Es gibt nichts
das für alle
gilt.
Wir sind nur
der Stimme
des Herzens
verpflichtet
und diese gilt
ohne Beschränkung.

http://www.poesie-italiane.de/



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Gedichte aus aller Welt

07.11.2012 um 20:03

Die andere Möglichkeit

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
mit Wogenprall und Sturmgebraus,
dann wäre Deutschland nicht zu retten
und gliche einem Irrenhaus

Man würde uns nach Noten zähmen
wie einen wilden Völkerstamm.
Wir sprängen, wenn Sergeanten kämen,
vom Trottoir und stünden stramm.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wären wir ein stolzer Staat.
Und pressten noch in unsern Betten
die Hände an die Hosennaht.

Die Frauen müssten Kinder werfen,
Ein Kind im Jahre. Oder Haft.
Der Staat braucht Kinder als Konserven.
Und Blut schmeckt ihm wie Himbeersaft.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wär der Himmel national.
Die Pfarrer trügen Epauletten.
Und Gott wär deutscher General.

Die Grenze wär ein Schützengraben.
Der Mond wär ein Gefreitenknopf.
Wir würden einen Kaiser haben
und einen Helm statt einem Kopf.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wäre jedermann Soldat.
Ein Volk der Laffen und Lafetten!
Und ringsherum wär Stacheldraht!

Dann würde auf Befehl geboren.
Weil Menschen ziemlich billig sind.
Und weil man mit Kanonenrohren
allein die Kriege nicht gewinnt.

Dann läge die Vernunft in Ketten.
Und stünde stündlich vor Gericht.
Und Kriege gäb's wie Operetten.
Wenn wir den Krieg gewonnen hätten -
zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Erich Kästner



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Gedichte aus aller Welt

07.11.2012 um 20:06

Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Erich Kästner



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Plop
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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 13:49
Wer kein geliebtes Wesen
In seine heissen Arme schleusst,
Der ist, so viel er prahle,
Ein Körper ohne Seel' und Geist.
Georg Friedrich Daumer


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Plop
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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 13:51
Wenn ihr mich weinen seht,
fragt nicht, warum.
Leid, das in Tränen steht,
tröstet sich stumm.

Wenn ihr mich fluchen hört,
stimmt mich nicht mild.
Zorn, der sich laut empört,
schmilzt, wenn er schilt.

Doch wenn ich trink und lach,
lad ich euch ein.
Freude wird grau und schwach,
bleibt sie allein.
Erich Mühsam
aus: Verse eines Kämpfers


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Plop
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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 13:55
Stille Trauer

Das war für mich ein Todestag,
Da du mich hast verlassen,
's ist lange her – schon treibt der Wind
Das Herbstlaub durch die Gassen.

Schon glimmt an deinem Herd so traut
Das stille Winterfeuer,
Doch über meiner Seele liegt
Noch heut' der schwarze Schleier.

Und in verwaisten Nächten oft
Durchrieselt mich ein Schauer, -
Das Trauerjahr ist längst zu End',
Wann endet wohl die Trauer?
Karl Stieler


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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 17:08

Schlußstück

Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen,
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.


Rainer Maria Rilke



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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 17:57

Die Nacht meines Lebens

Zu vergessen wünsch ich die vergangene Nacht,
in der das Chaos mich hat um den Schlaf gebracht.
Aber von Anfang an will ich doch beginnen,
wie alles begann, will ich mich recht entsinnen:

Es fing an nach einem guten Abendessen,
ich hab zusammen mit einem Freund gegessen.
Auf der anschließenden Fahrt nach dem Nachhause,
machte ich an der Tankstelle eine Pause.

Die Autofahrt ging dann weiter über das Land,
ich lauschte der Musik ganz gelöst und entspannt,
als plötzlich mein Fahrzeug wild umherschleuderte,
so dass ich recht verstört hin und her steuerte.

Leichenblass und gottfroh, stieg ich aus dem Wagen,
meine Knie wollten gar ihren Dienst versagen.
Ich erblickte sofort die ganze Bescherung,
ein Reifenplatzer war hierfür die Erklärung.

Nun half auch kein großes Herumlamentieren,
ich musste halt ein neues Rad aufmontieren.
Tja, einmal kräftig in beide Hände gespuckt
und dann fix nach meinem Ersatzreifen geguckt.

Doch ich suchte im ganzen Auto vergebens,
nicht mal ein Notrad, oh, Grausamkeit des Lebens.
So musste ich halt fremde Hilfe besorgen,
zum Glück habe ich kürzlich ein Handy erworben.

Die Notrufnummer hatte ich schnell eingetippt,
doch bin ich daraufhin gleich wieder ausgeflippt.
Ich konnte es kaum glauben, ich wollt nicht mehr,
mein Handyakkumulator war restlos leer.

So stand ich nun verzweifelt am Straßenrand
und schaute ohne Hoffnung in die Nacht gebannt
Da näherte sich gemächlich ein dunkler Saab,
ich daraufhin sofort das Tramperzeichen gab.

Das Auto kam immer näher zu mir heran
und hielt zum Glück unmittelbar nach mir an.
Habe dem Fahrer die Situation erklärt,
er sagte, dass er mich ins Dorf rasch fährt.

Doch ich bemerkte bald, dass er mich nur anlog,
als er blitzartig links in den Waldweg einbog.
In seiner Hand hielt er dann ein großes Messer,
erklärte, ich gebe ihm mein Geld wohl besser.

Ich habe mich gleich entschlossen, kein Held zu sein
und übergab ihm einen 100-Euro-Schein.
Nun stand ich blöd vor mir da, ganz allein im Wald,
rasch überlegend, wie ich mich denn nun verhalt.

Um zu verhindern solch weitere Querelen,
entschloss ich mich, den Wald nach Haus zu durchqueren.
Als ich mich irgendwo tief im Wald befand,
erkannte ich nicht mal mehr die eigene Hand.

Die große Dunkelheit umschloss mich ganz und gar,
so war dann die weitere Folge ganz sonnenklar,
ich stolperte und fiel gleich einen Hang hinab,
Kopf voran ging es schmerzhaft immer nur bergab.

Mühsam rappelte ich mich langsam wieder auf
und erkannte in der Ferne das erste Haus.
Zielgerichtet und flott rannte ich darauf zu,
bis ich frontal kollidierte mit einer Kuh.

Die dachte sich wohl, dass ich sie jetzt schände,
so nahm ich gleich die Beine unter die Hände
und ein Hechter folgte über den Stachelzaun,
ich wünschte mir, dies alles wäre nur ein Traum.

Im Flug machte ich wohl keine gute Pose,
denn am Stachelzaun blieb hängen ein Stück Hose.
Unbeirrt setzte ich meinen Weg trotzdem fort
und erreichte erschöpft den heimatlichen Ort.

Als ich dann endlich vor meiner Haustür stand,
verließ mich der letzte Rest von meinem Verstand,
in meinen Gliedern fuhr der nächste große Schreck,
meine Hausschlüssel waren einfach spurlos weg.

Ich blickte ganz entmutigt die Hauswand hinauf,
„Juhu“, ich ließ das Badezimmerfenster auf.
Ich wurde augenblicklich ein wenig heiter,
als ich erblickte des Nachbarn seine Leiter.

Ich habe sie rasch unter das Fenster gelehnt
und hab mich beim Klettern nach Schlaf gesehnt.
Ich dachte schon der Horror wäre jetzt vorbei,
als ich hörte: „Halt stehen bleiben, Polizei!“

Ein riesengroßer Schreck mir in die Glieder schoss,
da brach auch noch an der Leiter die letzte Spross.
Ich stürzte hinab und wie sollt’ es anders sein,
ich brach mir den Arm und auch das linke Bein.

Ergo sum, so liege ich im Krankenbett
und passiert Revue die ganze Nacht komplett.
Der Polizei konnte ich alles erklären
auch musst’ ich keiner Schadenfreude entbehren.

Man könnt jetzt glauben, ich wäre ein armes Schwein,
da das Leben war zu mir doch richtig gemein,
doch dann lasst mich jetzt das Eine zu euch sagen,
warum die Pechsträhne sich ließ gut ertragen:

Ich lernte hier eine nette Schwester kennen,
will es Liebe auf den ersten Blick gar nennen,
jawohl, es hat zwischen uns so richtig gefunkt,
das ist der zu erklärende, einzige Punkt.

Und die ganze Moral in dieser Geschichte,
in der ich von dem Pech und dem Glück berichte:
Vieles im Leben hat einen tieferen Sinn
und das Ende eröffnet einen Neubeginn.

von Udo Steinke



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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 18:00

Frau Holle - ein modernes Märchen

Frau Holle - diesen Namen kennt
nicht nur, wer sich "gebildet" nennt:
schon jedem Kind, das einmal Märchen
gehört hat, ist er klar wie Klärchen.
In Stadt und Land, in aller Welt
weiß jedermann: wenn Regen fällt
und winters weiße Flockenpracht,
ist sie's, die dann grad Betten macht.
In ihrem Ofen backt sie Brot
und Äpfel fallen, frisch und rot,
im Garten von Frau Holle, kaum
dass man dran rütteln muss, vom Baum.


Zuständig ist seit eh und je
Frau Holle also für den Schnee -
und zwar - hast du das je einmal
bedacht? - weltweit! Jawohl: global!
Frau Holle hat, das siehst du nun,
da doch so allerhand zu tun.
Schneemachen ist kein Kinderspiel.
Die Arbeit wird ihr oft zuviel.
(Die Jüngste ist sie auch nicht mehr.)
Sie bräuchte Hilfe. Aber wer
ist heut' zu helfen noch bereit?
Kein Mensch hat mehr zum Helfen Zeit.

So kommt es, wie es kommen muss:
Dort gibt es Schnee im Überfluss,
wo's sonst noch nie geschneit hat je;
woanders wartet man auf Schnee
und bläst, damit die Skitouristen
nicht murren, Kunstschnee auf die Pisten.


Frau Holles zweiter großer Segen
ist - außer ihrem Schnee - der Regen.
Gerecht Verteilen ist bei dem
ein fast noch größeres Problem:
Kein Mensch will wochenlang nur schwitzen,
erst recht nicht auf dem Trocknen sitzen.
Trinkwasser ist für Mensch und Tier
und Pflanze Lebenselixier.
Ringsum verteilen also muss
Frau Holle ihren Regenguss.
Das ist fürwahr kein Kinderspiel.
Die Arbeit wird ihr oft zuviel.
(Die Jüngste ist sie auch nicht mehr.)
Sie bräuchte Hilfe. Aber wer
ist heut' zu helfen noch bereit?
Kein Mensch hat mehr zum Helfen Zeit.

So kommt es, wie es kommen muss:
Dort regnet es im Überfluss,
dass Berge rutschen, Mensch und Tier
ertrinken elend, während hier
sie dürsten und der Boden trocken,
zu Sand wird, weil die Quellen stocken.


Frau Holle backt auch immer schon
für Menschen eine Brotration.
Doch unlängst ist es wie verhext:
die Zahl der Menschen wächst und wächst.
Und hier erweist sich außerdem
als schwerstes das Verteil-Problem:
Das Backen ginge grade noch,
am Brotverteilen krankt's jedoch:
Portionen kommen falsch ans Ziel.
Frau Holles Arbeit wird zuviel.
(Die Jüngste ist sie auch nicht mehr.)
Sie bräuchte Hilfe. Aber wer
ist heut' zu helfen noch bereit?
Kein Mensch hat mehr zum Helfen Zeit.

So kommt es, wie es kommen muss:
Hier gibt es Brot im Überfluss,
sodass gedankenlos die Satten
zum Müll es werfen für die Ratten,
indessen dort, weil's fehlt an Brot,
manch Kind schon stirbt den Hungertod.
Nicht um sich Reichtum zu erraffen,
aus Hunger greift man zu den Waffen
und ein Verzweiflungskrieg beginnt,
weil's Brot nicht reicht für Frau und Kind.


Frau Holle nennt auch stolz ihr Eigen
ein Apfelbäumchen. An den Zweigen
hängt Jahr für Jahr zur Erntezeit
die schönste Lese weit und breit.
Doch wenn der Herbstwind dann dran rüttelt,
die Äpfel von dem Bäumchen schüttelt,
sodass sie auf die Erde fallen,
ist keineswegs gewährt bei allen,
dass Menschen sie nur essen. Nein,
den Menschen fällt auch and'res ein.
Was aber kann Frau Holle machen?
Den Fall der Äpfel überwachen?
Und was draus wird, wenn einer fiel?
Die Arbeit wird ihr oft zuviel.
(Die Jüngste ist sie auch nicht mehr.)
Sie bräuchte Hilfe. Aber wer
ist heut' zu helfen noch bereit?
Kein Mensch hat mehr zum Helfen Zeit.

Nicht nur um Äpfel muss man bangen,
wenn sie in Menschenhand gelangen.
Mit allem, was er grapschen kann,
stellt prompt der Mensch das Schlimmste an.
Aus Obst macht er sich Alkohol:
ein Apfelschnäpschen. Dann zum Wohl!
Zwar heißt es, Trinken mache dumm
auf Dauer, doch wer schert sich drum?
Fürs erste wird oft, wer zu tief
ins Glas geschaut hat, aggressiv.
Ob Kumpels, Kinder oder Frauen:
im Suff wird einfach draufgehauen;
denn schließlich hat man seinen Frust -
und jetzt ihn abzubauen Lust.
Schon macht als Wettkampfsport die Jugend
von heut' aus Trinken eine Tugend.
Doch Alkohol macht, liebe Kinder,
euch nicht erwachs'ner noch gesünder.
Die Zukunft mag nicht schön sein, wohl -
sie wird's auch nicht durch Alkohol.


Nie mehr wird es so schön sein wie
zu jener Zeit der Goldmarie.
Dies Mädchen war, wie jeder weiß,
ein Muster an Geschick und Fleiß.
Es half auf jede Art Frau Holle,
speziell jedoch durch liebevolle
Verteilung auf der Welt von Regen,
Schnee, Brot und Äpfeln. Als hingegen
die Pechmarie sie rausgemobbt
und dann an ihrer Statt gejobbt,
war innerhalb von zwei, drei Wochen
das volle Chaos ausgebrochen:
Nur ungern tat sie ihre Pflicht,
die Arbeit kümmerte sie nicht:
Schnee, Regen, Äpfel, Brot - egal.
Keck sagte sie: "Ihr könnt mich mal!"
Das ist dann doch ein schlechter Stil.
Frau Holle wär' es längst zuviel
(Die Jüngste ist sie auch nicht mehr.)
Sie bräuchte Hilfe. Aber wer
ist heut' zu helfen noch bereit?
Kein Mensch hat mehr zum Helfen Zeit.

So bleibt sie angewiesen wie
bis dato auf die Pechmarie -
die freilich keine Hilfe ist;
denn was die anpackt auch, wird Mist.
Ja, Pechmarie, ihr lieben Leute,
verteilt Frau Holles Gaben heute.
Und was sie da schon angestellt,
das seht ihr an der heut'gen Welt.

Wollt ihr jedoch was ändern dran,
klopft einfach bei Frau Holle an.
Was hör' ich? Ihr wärt gern bereit?
Ach so: nur leider keine Zeit ...

von Franz Jarek



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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 20:04

Den Vereinigten Staaten

Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, der alte,
Hast keine verfallene Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern
Zu lebendiger Zeit
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!
Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick
Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.

Bei einer großen Wassersnot
Rief man zu Hülfe das Feuer,
Da ward sogleich der Himmel rot,
Und nirgend war es geheuer:
Durch Wälder und Felder kamen gerannt
Die Blitze zu flammenden Rotten,
Die ganze Erde, sie war verbrannt,
Noch eh die Fische gesotten.

Und als die Fische gesotten waren,
Bereitet' man große Feste;
Ein jeder brachte sein Schüsselein mit,
Groß war die Zahl der Gäste;
Ein jeder drängte sich herbei,
Hier gab es keine Faule;
Die Gröbsten aber schlugen sich durch
Und fraßen's den andern vom Maule.

Die Engel stritten für uns Gerechte,
Zogen den kürzern in jedem Gefechte;
Da stürzte denn alles drüber und drunter,
Dem Teufel gehörte der ganze Plunder.
Nun ging es an ein Beten und Flehen!
Gott ward bewegt, hereinzusehen.
Spricht Logos, dem die Sache klar
Von Ewigkeit her gewesen war:
Sie sollten sich keineswegs genieren,
Sich auch einmal als Teufel gerieren,
Auf jede Weise den Sieg erringen
Und hierauf das Tedeum singen.

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen,
Und siehe! die Teufel waren geschlagen.
Natürlich fanden sie hinterdrein,
Es sei recht hübsch, ein Teufel zu sein.

Wenn auch der Held sich selbst genug ist,
Verbunden geht es doch geschwinder;
Und wenn der Überwundne klug ist,
Gesellt er sich zum Überwinder.

Die reitenden Helden vom festen Land
Haben jetzt gar viel zu bedeuten;
Doch stünd es ganz in meiner Hand,
Ein Meerpferd möcht ich reiten.

Am Jüngsten Tag vor Gottes Thron
Stand endlich Held Napoleon.
Der Teufel hielt ein großes Register
Gegen denselben und seine Geschwister,
War ein wundersam verruchtes Wesen:
Satan fing an, es abzulesen.

Gott Vater oder Gott der Sohn,
Einer von beiden sprach vom Thron,
Wenn nicht etwa gar der Heilige Geist
Das Wort genommen allermeist:

"Wiederhol' nicht vor göttlichen Ohren!
Du sprichst wie die deutschen Professoren.
Wir wissen alles, mach es kurz!
Am Jüngsten Tag ist's nur ein ...
Getraust du dich, ihn anzugreifen,
So magst du ihn nach der Hölle schleifen."

Ich kann mich nicht betören lassen,
Macht euren Gegner nur nicht klein:
Ein Kerl, den alle Menschen hassen,
Der muss was sein!

Wolltet ihr in Leipzigs Gauen
Denkmal in die Wolken richten,
Wandert, Männer all und Frauen,
Frommen Umgang zu verrichten!

Jeder werfe dann die Narrheit,
Die ihn selbst und andre quälet,
Zu des runden Haufens Starrheit,
Nicht ist unser Zweck verfehlet.

Ziehen Junker auch und Fräulen
Zu der Wallfahrt stillem Frieden,
Wie erhabne Riesensäulen
Wachsen unsre Pyramiden.

Gott Dank! dass uns so wohl geschah:
Der Tyrann sitzt auf Helena!
Doch ließ sich nur der eine bannen,
Wir haben jetzo hundert Tyrannen.
Die schmieden, uns gar unbequem,
Ein neues Kontinentalsystem.
Deutschland soll rein sich isolieren,
Einen Pestkordon um die Grenze führen,
Dass nicht einschleiche fort und fort
Kopf, Körper und Schwanz von fremdem Wort.


Johann Wolfgang von Goethe



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Pancho
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Gedichte aus aller Welt

08.11.2012 um 21:56
Irischer Segen

Die Strasse komme dir entgegen
der Wind stärke dir den Rücken
die Sonne scheine warm in dein Gesicht
der Regen falle sanft auf deine Felder
und bis wir uns wiedersehen berge dich
Gott in der Tiefe seiner Hand


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Gedichte aus aller Welt

09.11.2012 um 15:32

Der geheimnisvolle Nachen

Gestern Nachts, als alles schlief,
Kaum der Wind mit ungewissen
Seufzern durch die Gassen lief,
Gab mir Ruhe nicht das Kissen,
Noch der Mohn, noch, was sonst tief
Schlafen macht, ein gut Gewissen.

Endlich schlug ich mir den Schlaf
Aus dem Sinn und lief zum Strande.
Mondhell war's und mild, - ich traf
Mann und Kahn auf warmem Sande,
Schläfrig beide, Hirt und Schaf ...
Schläfrig stiess der Kahn vom Lande.

Eine Stunde, leicht auch zwei,
Oder war's ein Jahr? - da sanken
Plötzlich mir Sinn und Gedanken
In ein ew'ges Einerlei,
Und ein Abgrund ohne Schranken
Tat sich auf ... da war's vorbei!

Morgen kam: auf schwarzen Tiefen
Steht ein Kahn und ruht und ruht ...
Was geschah? so rief's, so riefen
Hundert bald: was gab es? Blut?
Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen
Alle ... ach, so gut! so gut!

Friedrich Nietzsche



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09.11.2012 um 15:33

Der Panther


Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille -

und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke



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Gedichte aus aller Welt

09.11.2012 um 20:14

Der Spuk

Ach Schwester, liebe Schwester,
Es ist gewißlich wahr,
Es spukt in deiner Kammer,
Ich hörte es ganz klar.

Ach Schwester, liebe Schwester,
Das war im Stroh die Maus,
Wir woll'n den Besen nehmen
Und jagen sie hinaus.

Ach Schwester, liebe Schwester,
Die Maus die war es nicht,
Es trug ja einen Schnurrbart
In seinem Angesicht.

Ach Schwester, liebe Schwester,
Der Kater wird es sein,
Wir woll'n die Tür verriegeln,
Dann kann er nicht herein.

Ach Schwester, liebe Schwester,
Es war kein Katertier,
Es kam ja durch das Fenster
Und flüsterte mit dir.

Ach Schwester, liebe Schwester,
Laß doch das Fragen sein,
Es spukt vielleicht auch nächstens
In deinem Kämmerlein.

Hermann Löns



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10.11.2012 um 00:25

Far over the Misty Mountains cold

Far over the Misty Mountains cold,
To dungeons deep and caverns old,
We must away, ere break of day,
To seek our pale enchanted gold.

The dwarves of yore made mighty spells,
While hammers fell like ringing bells,
In places deep, where dark things sleep,
In hollow halls beneath the fells.

For ancient king and elvish lord
There many a gleaming golden hoard
They shaped and wrought, and light they caught,
To hide in gems on hilt of sword.

On silver necklaces they strung
The flowering stars, on crowns they hung
The dragon-fire, on twisted wire
They meshed the light of moon and sun.

Far over the Misty Mountains cold,
To dungeons deep and caverns old,
We must away, ere break of day,
To claim our long-forgotten gold.

Goblets they carved there for themselves,
And harps of gold, where no man delves
There lay they long, and many a song
Was sung unheard by men or elves.

The pines were roaring on the heights,
The wind was moaning in the night,
The fire was red, it flaming spread,
The trees like torches blazed with light.

The bells were ringing in the dale,
And men looked up with faces pale.
The dragon's ire, more fierce than fire,
Laid low their towers and houses frail.

The mountain smoked beneath the moon.
The dwarves, they heard the tramp of doom.
They fled the hall to dying fall
Beneath his feet, beneath the moon.

Far over the Misty Mountains grim,
To dungeons deep and caverns dim,
We must away, ere break of day,
To win our harps and gold from him!

The wind was on the withered heath,
But in the forest stirred no leaf:
There shadows lay be night or day,
And dark things silent crept beneath.

The wind came down from mountains cold,
And like a tide it roared and rolled.
The branches groaned, the forest moaned,
And leaves were laid upon the mould.

The wind went on from West to East;
All movement in the forest ceased.
But shrill and harsh across the marsh,
Its whistling voices were released.

The grasses hissed, their tassels bent,
The reeds were rattling--on it went.
O'er shaken pool under heavens cool,
Where racing clouds were torn and rent.

It passed the Lonely Mountain bare,
And swept above the dragon's lair:
There black and dark lay boulders stark,
And flying smoke was in the air.

It left the world and took its flight
Over the wide seas of the night.
The moon set sale upon the gale,
And stars were fanned to leaping light.

Under the Mountain dark and tall,
The King has come unto his hall!
His foe is dead, the Worm of Dread,
And ever so his foes shall fall!

The sword is sharp, the spear is long,
The arrow swift, the Gate is strong.
The heart is bold that looks on gold;
The dwarves no more shall suffer wrong.

The dwarves of yore made mighty spells,
While hammers fell like ringing bells
In places deep, where dark things sleep,
In hollow halls beneath the fells.

On silver necklaces they strung
The light of stars, on crowns they hung
The dragon-fire, from twisted wire
The melody of harps they wrung.

The mountain throne once more is freed!
O! Wandering folk, the summons heed!
Come haste! Come haste! Across the waste!
The king of freind and kin has need.

Now call we over the mountains cold,
'Come back unto the caverns old!'
Here at the gates the king awaits,
His hands are rich with gems and gold.

The king has come unto his hall
Under the Mountain dark and tall.
The Worm of Dread is slain and dead,
And ever so our foes shall fall!

Farewell we call to hearth and hall!
Though wind may blow and rain may fall,
We must away, ere break of day
Far over the wood and mountain tall.

To Rivendell, where Elves yet dwell
In glades beneath the misty fell.
Through moor and waste we ride in haste,
And whither then we cannot tell.

With foes ahead, behind us dread,
Beneath the sky shall be our bed,
Until at last our toil be passed,
Our journey done, our errand sped.

We must away! We must away!
We ride before the break of day!

J.R.R. Tolkien "The Hobbit"



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Gedichte aus aller Welt

10.11.2012 um 00:31
Hier eine "deutsche Teilübersetzung" des Tolkien Gedichts!

Über die Nebelberge weit

Über die Nebelberge weit,
Zu Höhlen tief aus alter Zeit,
Da ziehn wir hin, da lockt Gewinn
An Gold und Silber und Geschmeid.

Wo einst das Reich der Zwerge lag,
Wo glockengleich ihr Hammerschlag
Manch Wunder weckt, das still versteckt
Schlief in Gewölben unter Tag.

Das Gold und Silber dieser Erd
Geschürft, geschmiedet und vermehrt.
Sie fingen ein im edlen Stein
Das Licht als Zierart für das Schwert.

An Silberkettchen Stern an Stern,
Der Sonn- und Mondlichts reiner Kern,
Von Drachenblut die letzte Glut
Ging ein in Kronen großer Herrn.

Über die Nebelberge weit,
Zu Höhlen tief aus alter Zeit,
Dahin ich zieh in aller Früh
Durch Wind und Wetter, Not und Leid.

Aus goldnen Bechern, ganz für sich,
Da zechten sie allabendlich
Bei Harfenklang und Chorgesang,
Wo manche Stunde schnell verstrich.

Und knisternd im Gehölz erwacht
Ein Brand. Von Winden angefacht,
Zum Himmel rot die Flamme loht.
Bergwald befackelte die Nacht.

Die Glocken läuteten im Tal,
Die Menschen wurden stumm und fahl.
Der große Wurm im Feuersturm
Sengt' ihre Länder schwarz und kahl.

Die Zwerge traf das Schicksal auch,
Im Mondschein stand der Berg in Rauch.
Durchs Tor entflohn, sanken sie schon
Dahin in seinem Feuerhauch.

Über die Nebelberge hin
Ins wilde Land lockt der Gewinn.
Dort liegt bereits seit alter Zeit,
Was unser war von Anbeginn.



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The_Shade
ehemaliges Mitglied


Gedichte aus aller Welt

10.11.2012 um 20:22
Gott, voller Weisheit, hehr und mild,
schuf uns nach seinem Ebenbild.
Gewiß, wir Menschen sind gescheit,
doch wo ist unsere Menschlichkeit ?
Erscheint uns jemand edel, groß,
so täuscht das: er verstellt sich bloß !
Erst wenn er Böses tut und spricht,
zeigt er sein wahres Angesicht ! --

Um obiges nun zu beweisen,
laßt alphabetisch uns verreisen,
dann kann man sehn, was so geschah !
Wir fangen vorne an, bei A !!!

A (Amerika)

Amerika, du Land der Super-
lative und dort wo James Cooper
zwar seinen "Lederstrumpf" verfaßte,
man aber die Indianer haßte,
weshalb man sie, halb ausgerottet,
in Reservaten eingemottet,
sich dafür aber Schwarze kaufte,
sie schlug und zur Belohnung taufte,
doch heute meidet wie die Pest,
sie aber für sich sterben läßt --
wie beispielgebend stehst du da
für Menschlichkeit ! O USA

B (Briten)

Jedoch auch sie, die vielen Briten,
die Schott- und Engländer, sie bieten
für unser Thema Menschlichkeit
so manchen Stoff seit alter Zeit !
Nur waren's statt Indianer Inder,
die sie ermordeten, auch Kinder;
und ähnlich Schreckliches erfuhren
danach die Iren und die Buren,
die man durch den Entzug des Fetts
verschmachten ließ in den Kazetts !
Jedoch bei Völkern, welche siegen,
wird sowas immer totgeschwiegen ...

C (Christen)

Dann wäre da, bar jeden Ruhms,
so manche Tat des Christentums,
die, eben wegen seiner Lehre,
am besten unterblieben wäre !
Man denke da zum Beispiel an
Inquisition zuerst und dann
an Waffensegnung mit Gebeten,
um andre Gläubigen zu töten !
Auch dieses: lieber Menschenmassen
verelenden und hungern lassen,
statt man Geburtenregelung übe --
auch das zeugt nicht von Menschenliebe !

D (Deutschland)

Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet
es mit dem D jetzt weitergeht ?
Ist es nicht besser, wenn ich ende ?
Wascht nur in Unschuld eure Hände
und greift, kraft eigenen Ermessens,
zum güt'gen Handtuch des Vergessens ...

Doch hilft das Waschen nicht und Reiben:
Die Flecke bleiben !

(Heinz Erhardt)


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