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Gedichte aus aller Welt

813 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Literatur, Gedichte, Lyrik ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Gedichte aus aller Welt

02.05.2024 um 08:10
SIEBENBÜRGISCHE ELEGIE

Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit.
Früh faßt den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit.
Wohlvermauert in Grüften modert der Väter Gebein,
Zögernd nur schlagen die Uhren, zögernd bröckelt der Stein.
Siehst du das Wappen am Tore? Längst verwelkte die Hand.
Völker kamen und gingen, selbst ihr Namen entschwand.
Aber der fromme Bauer sät in den Totenschrein,
Schneidet aus ihm sein Korn, keltert aus ihm seinen Wein.
Anders schmeckt hier der Märzenwind, anders der Duft von Heu,
Anders klingt hier das Wort von Liebe und ewiger Treu.
Roter Mond, vieler Nächte einzig geliebter Freund,
Bleichte die Stirne dem Jüngling, die der Mittag gebräunt,
Reifte ihn wie der gewaltige Tod mit betäubendem Ruch,
Wie in grünlichem Dämmer Eichbaum mit weisem Spruch.
Ehern, wie die Gestirne, zogen die Jahre herauf,
Ach, schon ist es September. Langsam neigt sich ihr Lauf.

Adolf Meschendörfer, 1927
Kronstadt, * 8.5.1877, † 4.7.1963


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Gedichte aus aller Welt

30.05.2024 um 10:39
Rainer Maria Rilke - Archaischer Torso Apollos
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.



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Gedichte aus aller Welt

30.05.2024 um 11:13
William Wordsworth - A Slumber did my Spirit Seal
A slumber did my spirit seal;
I had no human fears:
She seemed a thing that could not feel
The touch of earthly years.

No motion has she now, no force;
She neither hears nor sees;
Rolled round in earth's diurnal course,
With rocks, and stones, and trees.



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Gedichte aus aller Welt

30.05.2024 um 13:48
古池や
蛙飛び込む
水の音

(Haiku, von Matsuo Bashō)


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Gedichte aus aller Welt

01.06.2024 um 00:06
Paul Scheerbart - Kikakoku
Ekoraláps! Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffroprópsa
pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke – própsa pî!
Jasóllu ... ... ...
Projekt Gutenberg

Paul Scheerbart wurde 1863 in Danzig geboren und starb 1915 in Berlin. Als freischaffender Schriftsteller war er zeitlebens in Geldnöten - die Konstruktion eines Perpetuum Mobile musste zwangsläufig scheitern - und starb an einem Schlaganfall. Laut Walter Mehring habe er als Pazifist seit Kriegsbeginn eine Nahrungsaufnahme mehr oder weniger verweigert und sei an Entkräftigung gestorben. Dieses Gedicht gilt als eines der Vorläufer des Dadaismus.


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Gedichte aus aller Welt

01.06.2024 um 00:14
Christian Morgenstern - Das große Lalula
Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokronto -- prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi
quasti bast bo ...
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Enpente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei [ ]!
Lalu lalu lalu lalu la!
Auch dieses Gedicht aus Christian Morgensterns Galgenliedern (1905) zählt zu den Vorreitern des Dadaismus.

Folgende Animation für die Sendung mit der Maus finde ich sehr gelungen.

Youtube: Das große Lalula
Das große Lalula
Externer Inhalt
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Zeichnungen v. Norman Junge, Musik v. Tobias Becker, nach dem Text v. Morgenstern, gesprochen v. Bernd Kohlhepp, Computeranimation Helga Gorgs u. KF. Baumgärtel.


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Gedichte aus aller Welt

01.06.2024 um 00:45
Georg Philipp Harsdörffer - Wechselsatz
Auf Angst / Noht / Leid / Haß / Schmach /
Spott / Krieg /
Sturm / Furcht / Streit / Müh' / und Fleiß
folgt Lust / Raht / Trost / Gunst / Ruhm / Lob /
Sieg / Ruh / Mut / Nutz / Lohn / und
Preiß.
wechselsatz trichter big

Quelle: Pleintekst


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Gedichte aus aller Welt

19.06.2024 um 17:21
Friedrich Schiller - Die Kraniche des Ibykus
Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Corinthus Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibycus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süssen Mund Apoll;
So wandert er, am leichtem Stabe,
Aus Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Acrocorinth des Wandrers Blicken,
Und in Poseidons Fichtenhayn
Tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme
In graulichtem Geschwader ziehn.

Seid mir gegrüsst, befreundte Schaaren!
Die mir zur See Begleiter waren.
Zum guten Zeichen nehm ich euch,
Mein Loos, es ist dem euren gleich.
Von fernher kommen wir gezogen.
Und flehen um ein wirthlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!

Und munter fördert er die Schritte,
Und sieht sich in des Waldes Mitte,
Da sperren auf gedrangem Steg,
Zwey Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muss er sich bereiten,
Doch bald ermattet sinkt die Hand,
Sie hat der Leyer zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
Wie weit er auch die Stimme schickt,
Nichts lebendes wird hier erblickt.
„So muss ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch kein Rächer mir erscheint!“

Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche Gefieder,
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
„Von euch, ihr Kraniche dort oben!
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sey meines Mordes Klag’ erhoben!“
Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nakte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
Erkennt der Gastfreund in Corinth
Die Züge, die ihm theuer sind.
„Und muss ich so dich wiederfinden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz
Des Sängers Schläfe zu umwinden,
Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“

Und jammernd hörens alle Gäste,
Versammelt bey Neptunus Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz
Verloren hat ihn jedes Herz,
Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fodert seine Wut
Zu rächen des Erschlagnen Manen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.

Doch wo die Spur, die aus der Menge,
Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Thäter kenntlich macht?
Sinds Räuber, die ihn feig erschlagen?
Thats neidisch ein verborgner Feind?
Nur Helios vermags zu sagen,
Der alles Irdische bescheint!

Er geht vielleicht mit frechem Schritte,
Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
Und während ihn die Rache sucht,
Geniesst er seines Frevels Frucht.
Auf ihres eignen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,
Die dort sich zum Theater drängt.

Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeygeströmt von Fern und Nah,
Der Griechen Völker wartend da,
Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
Von Menschen wimmelnd wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Nahmen,
Die gastlich hier zusammen kamen?
Von Theseus Stadt, von Aulis Strand,
Von Phocis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegner Küste,
Von allen Inseln kamen sie,
Und horchen von dem Schaugerüste
Des Chores grauser Melodie –

Der, streng und ernst, nach alter Sitte,
Mit langsam abgemessnem Schritte,
Hervortritt aus dem Hintergrund,
Umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine irrdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmass der Leiber
Hoch über menschliches hinaus.

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
Sie schwingen in entfleischten Händen
Der Fackel düsterrothe Glut,
In ihren Wangen fliesst kein Blut.
Und wo die Haare lieblich flattern,
Um Menschenstirnen freundlich wehn,
Da sieht man Schlangen hier und Nattern
Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

Und schauerlich gedreht im Kreise,
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreissend dringt,
Die Bande um den Sünder schlingt.
Besinnungraubend, Herzbethörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang.

Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere That vollbracht,
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

Und glaubt er fliehend zu entspringen,
Geflügelt sind wir da, die Schlingen
Ihm werfend um den flüchtgen Fuss,
Dass er zu Boden fallen muss.
So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
Versöhnen kann uns keine Reu,
Ihn fort und fort bis zu den Schatten,
Und geben ihn auch dort nicht frei.“

So singend tanzen sie den Reigen,
Und Stille, wie des Todes Schweigen
Liegt überm ganzen Hause schwer,
Als ob die Gottheit nahe wär’.
Und feierlich, nach alter Sitte
Umwandelnd des Theaters Rund,
Mit langsam abgemessnem Schritte,
Verschwinden sie im Hintergrund.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
Noch zweifelnd jede Brust und bebet,
Und huldiget der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet
Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibycus!“ –
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin,
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel,
Ein Kranichheer vorüberziehn.

„Des Ibycus!“ Der theure Nahme
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und, wie im Meere Well’ auf Well,
So läufts von Mund zu Munde schnell.
„Des Ibycus, den wir beweinen,
Den eine Mörderhand erschlug!
Was ists mit dem? was kann er meinen?
Was ists mit diesem Kranichzug?“ –

Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegts, mit Blitzesschlage,
Durch alle Herzen „Gebet acht!
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar.
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an den’s gerichtet war.“

Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht’ ers im Busen gern bewahren;
Umsonst, der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewussten kund.
Man reisst und schleppt sie vor den Richter,
Die Scene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.



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Gedichte aus aller Welt

20.06.2024 um 23:22
IF

If you can keep your head when all about you
Are loosing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or, being lied about, don't deal in lies,
Or, being hated, don't give way to hating,
And yet don't look too good, nor talk too wise:

If you can dream -- and not make dreams your master;
If you can think -- and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors as the same;

If you can bear to hear the truth you've spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life for, broken,
And stoop and build'em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And loose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;

If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the will which says to them: "Hold on!"

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with Kings -- nor loose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count worth you, but none too much;

If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds' worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that's in it,
And -- which is more -- you'll be a man, my son!

(Rudyard Kipling)


Deutsche Übersetzung Lothar Sauer
Wenn...

Wenn du den Kopf bewahrst, ob rings die Massen
Ihn auch verlieren und nach Opfern schrein;
Dir treu sein kannst, wenn alle dich verlassen,
Und dennoch ihren Wankelmut verzeih'n;
Kannst warten du und langes Warten tragen,
Läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein;
Kannst du dem Hasser deinen Haß versagen
Und doch dem Unrecht unversöhnlich sein:

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden;
Nachdenken -- und trotzdem kein Grübler sein;
Wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
Weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;

Kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
Verdreht als Köder für den Pöbelhauf;
Siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
Und baust mit letzter Kraft es wieder auf:

Wenn du auf eines Loses Wurf kannst wagen
Die Summe dessen, was du je gewannst,
Es ganz verlieren, und nicht darum klagen,
Nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;

Wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
Sie noch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
Und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
Als nur dein Wille, der "Durchhalten" heißt:

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
Und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
Läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
Schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;

Füllst jede unerbittliche Minute
Mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
Und was noch mehr mein Sohn: Du bist ein Mann!


Deutsche Übersetzung Simpsons Version
Wenn...

Wenn Du den Kopf behältst und alle andern verlieren ihn
und sagen: Du bist schuld.
Wenn keiner Dir mehr glaubt, doch Du vertraust Dir,
Und Du erträgst ihr Misstrauen in Geduld,
Und wenn Du warten kannst und wirst nicht müde,
und die Dich hassen dennoch weiterliebst,
die Dich belügen, strafst Du nicht mit Lüge
und Dich trotz Weisheit nicht zu weise gibst,

Wenn Du Dich nicht verlierst in Deinen Träumen,
Wenn Du nicht ziellos wirst in Deinem Geist,
Wenn Du Triumph und Niederlage hinnimmst,
Beide Betrüger gleich willkommen heißt,
Wenn Du die Wahrheit, die Du mal gesprochen
Aus Narrenmäulern umgedreht vernimmst
Und siehst Dein Lebenswerk vor Dir zerbrochen
Und niederkniest, wenn Du es neu beginnst,

Setzt Du Deinen Gewinn auf eine Karte
Und bist nicht traurig, wenn Du ihn verlierst
Und Du beginnst noch einmal ganz von vorne
Und sagst kein Wort, was Du dabei riskierst,
Wenn Du Dein Herz bezwingst und Deine Sinne
AIl das zu tun, was Du von Dir verlangst,
Auch wenn Du glaubst, es gibt nichts mehr da drinnen
Außer dem Willen, der Dir sagt: Du kannst

Wenn Dich die Menge liebt
Und Du doch Du bleibst,
Wenn Du den König und den Bettler ehrst,
Wenn Dich nicht Feind noch Freund verletzen können,
Und Du die Hilfe niemandem verwehrst,
Wenn Du die unverzeihliche Minute
sechzig Sekunden lang verzeihen kannst:
Dein ist die Welt und alles was darin ist -
Und noch viel mehr, mein Freund,
dann bist Du ein Mann.



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Gedichte aus aller Welt

18.07.2024 um 20:44
Rainer Maria Rilke

Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest..... (wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -) erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume...



Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, 31. Januar 1922)


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Gedichte aus aller Welt

20.07.2024 um 05:00
赤壁赋 (Ode an den Roten Felsen)

壬戌之秋,七月既望,苏子与客泛舟游于赤壁之下。清风徐来,水波不兴。举酒属客,诵明月之诗,
歌窈窕之章。少焉,月出于东山之上,徘徊于斗牛之间。白露横江,水光接天。纵一苇之所如,凌万顷之茫然。
浩浩乎如凭虚御风,而不知其所止;飘飘乎如遗世独立,羽化而登仙。


Wikipedia: Former Ode on the Red Cliffs


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Gedichte aus aller Welt

31.08.2024 um 14:06
Ferdinand Freiligrath - Der Mohrenfürst
1.

Sein Heer durchwogte das Palmenthal.
Er wand um die Locken den Purpurshawl;
Er hing um die Schultern die Löwenhaut;
Kriegerisch klirrte der Becken Laut.

Wie Termiten wogte der wilde Schwarm.
Den goldumreiften, den schwarzen Arm
Schlang er um die Geliebte fest:
"Schmücke dich, Mädchen, zum Siegesfest!

Sieh', glänzende Perlen bring' ich dir dar!
Sie flicht durch dein krauses, schwarzes Haar!
Wo Persia's Meersfluth Korallen umzischt,
Da haben sie triefende Taucher gefischt.

Sieh, Federn vom Strauße! laß sie dich schmücken!
Weiß auf dein Antlitz, das dunkle, nicken!
Schmücke das Zelt! bereite das Mahl!
Fülle, bekränze den Siegespokal!"

Aus dem schimmernden, weißen Zelte hervor
Tritt der schlachtgerüstete, fürstliche Mohr;
So tritt aus schimmernder Wolken Thor
Der Mond, der verfinsterte, dunkle, hervor.

Da grüßt ihn jubelnd der Seinen Ruf,
Da grüßt ihn stampfend der Rosse Huf.
Ihm rollt der Neger treues Blut,
Und des Nigers räthselhafte Fluth.

"So führ' uns zum Siege! so führ' uns zur Schlacht!"
Sie stritten vom Morgen bis tief in die Nacht.
Des Elephanten gehöhlter Zahn
Feuerte schmetternd die Kämpfer an.

Es fleucht der Leu, es fliehn die Schlangen
Vor dem Rasseln der Trommel, mit Schädeln behangen.
Hoch weht die Fahne, verkündend Tod;
Das Gelb der Wüste färbt sich roth. -

So tobt der Kampf im Palmenthal!
Sie aber bereitet daheim das Mahl;
Sie füllt den Becher mit Palmensaft,
Umwindet mit Blumen der Zeltstäbe Schaft.

Mit Perlen, die Persia's Fluth gebar,
Durchflicht sie das krause, schwarze Haar,
Schmückt die Stirne mit wallenden Federn, und
Den Hals und die Arme mit Muscheln bunt.

Sie setzt sich vor des Geliebten Zelt;
Sie lauscht, wie ferne das Kriegshorn gellt.
Der Mittag brennt und die Sonne sticht;
Die Kränze welken, sie achtet's nicht.

Die Sonne sinkt, und der Abend siegt;
Der Nachtthau rauscht und der Glühwurm fliegt.
Aus dem lauen Strom blickt das Krokodill,
Als ob es der Kühle genießen will.

Es regt sich der Leu und brüllt nach Raub,
Elephantenrudel durchrauschen das Laub.
Die Giraffe sucht des Lagers Ruh',
Augen und Blumen schließen sich zu.

Ihr Busen schwillt vor Angst empor;
Da naht ein flüchtiger blutender Mohr.
"Verloren die Hoffnung! verloren die Schlacht!
Dein Buhle gefangen, gen Westen gebracht!

Ans Meer! den blanken Menschen verkauft!"
Da stürzt sie zur Erde, das Haar zerrauft,
Die Perlen zerdrückt sie mit zitternder Hand,
Birgt die glühende Wange im glühenden Sand.


2.

Auf der Messe, da zieht es, da stürmt es hinan
Zum Circus, zum glatten, geebneten Plan.
Es schmettern Trompeten, das Becken klingt,
Dumpf wirbelt die Trommel, Bajazzo springt.

Herbei, herbei! - das tobt und drängt;
Die Reiter fliegen; die Bahn durchsprengt
Der Türkenrapp und der Brittenfuchs;
Die Weiber zeigen den üppigen Wuchs.

Und an der Reitbahn verschleiertem Thor
Steht ernst ein krausgelockter Mohr;
Die türkische Trommel schlägt er laut,
Auf der Trommel liegt eine Löwenhaut.

Er sieht nicht der Reiter zierlichen Schwung,
Er sieht nicht der Rosse gewagten Sprung.
Mit starrem, trocknem Auge schaut
Der Mohr auf die zottige Löwenhaut.

Er denkt an den fernen, fernen Niger,
Und daß er gejagt den Löwen, den Tiger;
Und daß er geschwungen im Kampfe das Schwert,
Und daß er nimmer zum Lager gekehrt;

Und daß Sie Blumen für ihn gepflückt,
Und daß Sie das Haar mit Perlen geschmückt -
Sein Auge ward naß; mit dumpfem Klang
Schlug er das Fell, daß es rasselnd zersprang.



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Gedichte aus aller Welt

08.09.2024 um 17:47
Oskar Loerke - Schiwa und Wischnu (1939)
Gott Schiwa sandte hernieder ein Ungeheuer,
Daß es die Menschheit im Erdreich tilgen sollte.
Gott Wischnu waren manche Menschen teuer,
Wiewohl er den Heeren ihrer Toren grollte.

Er ließ die Erzverbrecher von den Ketten :
Sie sollten sich opfern — und brachten willig ihr Leben,
Vom allverschlingenden Unhold die Besten zu retten.
Und diese sollten dafür ihren Rettern vergeben.

Allein sie sollten den Übeltätern verzeihen?
Sie mochten das Bittre mit Rechtem nicht versüßen.
Da brach Gott Wischnu mit Schiwa in ihre Reihen.
Alle mußten die Torheit im Untergang büßen.
Quelle: Sinn und Form, 1. Jg. 1949, Heft 1, S. 45-46

Oskar Loerke war dem Nationalsozialismus grundsätzlich abgeneigt, blieb jedoch in Deutschland. Die Zeitschrift Sinn und Form der Deutschen Akademie der Künste veröffentlichte 1949 in ihrer ersten Nummer unveröffentlichte Gedichte des 1941 verstorbenen Dichters.

Wen in diesem Gedicht Schiwa repräsentiert, ist unschwer zu erkennen, ebenso die Hoffnung, dass er zu Fall gebracht wird.


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