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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

169 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Holocaust, Erinnerungskultur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

11.07.2026 um 20:29
Zitat von xotwdxotwd schrieb:dass Klüger tatsächlich die KZ-Besuche kritisiert, weil die KZs nicht darstellen können, was dort damals wirklich geschah
Das finde ich interessant. Habe ich noch nie gehört, kann mir aber glaube ich vorstellen was sie meint.
Hat sie denn eine Alternative, was das betrifft?

Ich persönlich denke, ja, man kann das Grauen nicht wirklich komplett abbilden, aber ich finde es trotzdem alternativlos (ohne jetzt die genaue Argumentation zu kennen). Denn wenn ich mir vorstelle, diese Stätten würden irgendwie zerstört, anders genutzt, finde ich es nicht angemessen. Und Bücher, Gespräche, Vorträge sind auch wichtig, haben aber immer nur einen Kanal (sehen oder hören) zu Vermittlung.


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

11.07.2026 um 23:29
Zitat von BundeskanzleriBundeskanzleri schrieb:Das finde ich interessant. Habe ich noch nie gehört, kann mir aber glaube ich vorstellen was sie meint.
Hat sie denn eine Alternative, was das betrifft?
Ich habe das Buch leider verliehen, habe aber eine Hausarbeit darüber geschrieben und bin auch auf ihre Kritik eingegangen. Wenn du möchtest kann ich dir die Textstellen aus ihrem Buch mal raussuchen.

Ihre Hauptkritik ist, dass man heutzutage nicht "darstellen" kann, wie es damals wirklich war. Sie prägte damit auch den Begriff "Zeitschaft":
[D]as Wort Zeitschaft sollte es geben, um zu vermitteln, was ein Ort in der Zeit ist, zu einer gewissen Zeit, weder vorher noch nachher.
(WL 78)
Quelle: http://litlog.uni-goettingen.de/die-zeitschaften-ruth-kluegers/quote]


-

So wie ich das Buch und ihre Sicht verstanden und interpretiert habe, kritisiert sie die Emotionen, die mit einem KZ Besuch einhergehen und die Besucherinnen dann automatisch denken, ihre Pflicht mit einem Besuch erfüllt zu haben. Die Quelle die ich dir oben markiert habe schreibt dazu:
Kritisiert wird in weiter leben daher auch eine Musealisierung der ehemaligen Konzentrationslager: »Es liegt dieser Museumskultur ein tiefer Aberglaube zugrunde, nämlich daß die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten zu sein.« (WL 76) Denn einerseits verleiten sie die Besucher*innen dieser Orte zu einer selbstgerechten »Sentimentalität«; indem sie Trauer ausdrücken oder sich ergriffen darstellen, konstruieren sie das Selbstbild des befreiten und geläuterten Deutschen: »Wer fragt nach der Qualität der Empfindungen, wo man stolz ist, überhaupt etwas zu empfinden? Ich meine, verleiten diese renovierten Überbleibsel nicht zur Sentimentalität, das heißt, führen sie nicht weg von dem Gegenstand, auf den sie die Aufmerksamkeit nur scheinbar gelenkt haben, und hin zur Selbstbespiegelung der Gefühle?« (WL 76)
Quelle:http://litlog.uni-goettingen.de/die-zeitschaften-ruth-kluegers//quote]

Als "Alternative" schlägt sie vor, sich mit der Geschichte kritisch auseinanderzusetzen:
Klüger weist anbiederndes Mitgefühl schroff von sich, und sie provoziert: „Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung“, fordert sie ihr Publikum offen auf.
Quelle: https://literaturkritik.de/id/11848quote]

-

Ich habe gerade noch ein Interview aus dem Jahr 2016 gefunden. Hier bezieht sie nochmal Stellung zur deutschen Gedenkkultur:
Damit habe ich mich in meinem Buch "weiter leben. Eine Jugend" auseinandergesetzt. Da war ich ziemlich negativ und habe auch Zweifel angedeutet wegen der Besuche von Schulkindern in Gedenkstätten und so weiter. Ich habe meine Meinung zu einem gewissen Grad geändert. Viele der Gedenkstätten werden sehr gut gemacht. Und auf jeden Fall ist Deutschland das Land, das seine, um es gelinde auszudrücken, unschöne Vergangenheit mehr als jedes andere Land aufgedeckt hat und versucht, sich damit auseinanderzusetzen.
Quelle: https://www.domradio.de/artikel/holocaust-ueberlebende-ruth-klueger-spricht-im-bundestagquote]

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Zitat von BundeskanzleriBundeskanzleri schrieb:Ich persönlich denke, ja, man kann das Grauen nicht wirklich komplett abbilden, aber ich finde es trotzdem alternativlos (ohne jetzt die genaue Argumentation zu kennen). Denn wenn ich mir vorstelle, diese Stätten würden irgendwie zerstört, anders genutzt, finde ich es nicht angemessen. Und Bücher, Gespräche, Vorträge sind auch wichtig, haben aber immer nur einen Kanal (sehen oder hören) zu Vermittlung.
Dass man das Grauen nicht wirklich komplett abbilden kann, findet Klüger auch. Sie argumentiert aber auch noch damit, dass die Besucherinnen sich automatisch betroffen fühlen und sich durch einen Besuch automatisch als moralisch guter Mensch sehen - und sich nicht wirklich mit den Ursachen, Folgen und den Opfern auseinandersetzen.


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 03:18
Zitat von xotwdxotwd schrieb:und sich nicht wirklich mit den Ursachen,
Damit hat sie allerdings Recht. Denn die Ursachen liegen nicht nur in der Ideologie der Nazis begründet, sie reichen bis an den Anfang jüdischen Lebens vor iwas um 1.700 Jahren für DE und noch ein paar Jahre länger zurück. Leider gibt es mMn in DE aufgrund des Holocaust eine Tendenz, den deutschen Antisemitismus zu einem großen Teil auf 33-45 zu reduzieren und die Jahrhunderte davor nicht zu berücksichtigen. Ich erwähnte sie (ich glaube hier) iwo, im WK1 gab es bspw. eine "Judenzählung" um "zu beweisen", das sich deutsche Juden vor dem Kriegsdienst drücken würden bzw. das sie einen unterproportionalen Anteil an Frontsoldaten stellen würden. Das Ergebnis wurde dann auch geflissentlich versucht, unter den Teppich zu kehren....


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 10:17
Zitat von DesperadooDesperadoo schrieb:Leider gibt es mMn in DE aufgrund des Holocaust eine Tendenz, den deutschen Antisemitismus zu einem großen Teil auf 33-45 zu reduzieren und die Jahrhunderte davor nicht zu berücksichtigen
Stimmt, war damals bei mir genau so, lag größtenteils daran, dass man das so (zumindest war es bei mir so) in der Schule lernt..


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 10:28
Mir ist es immer noch völlig unerklärlich, wie die Nazis den Holocaust so und in der Form durchführen konnten? Es ist ja immer noch eine natürliche Hemmschwelle zwischen... "Wir hassen die Juden, die sind die Wurzel allen übels und müssen weg" zu "Wir bringen alle um und rotten die komplett aus".
Hass ist eine Sache, ich würde sagen jeder Mensch hat Hass gegen irgendeinen anderen Menschen/Gruppe/Nationalität, usw.
Aber jemanden umzbringen, bzw. auszuradieren (und das in schier unvorstellbaren Mengen), bedarf doch mehr als nur Hass? Da läuft doch im Kopf was nicht rund, auf so eine Idee kommt doch keine normaler Mensch, es handelt sich bei den Opfern ja immer noch um Menschen. Die Nazis haben es irgendwie geschafft, die Bevölkerung so weit zu indroktinieren, dass aus nem normalen Bäcker/Briefträger/Maurer echte Killer wurden... wie gesagt, für mich Unvorstellbar.


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 10:45
@Mampffel
Es hat halt jeder nur einen kleinen Teil der Verantwortung übernommen und die mit der großen Verantwortung haben die Drecksarbeit delegiert.
Ich kann mir das leider schon vorstellen in der Gesamtschau der Widerlichkeiten der Menschheit.


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 11:18
Zitat von BundeskanzleriBundeskanzleri schrieb:Ich kann mir das leider schon vorstellen in der Gesamtschau der Widerlichkeiten der Menschheit.
Ich habe bisher immer kategorisch ausgeschlossen, dass sich so ein Horror jemals wiederholen kann, weil der Mensch einfach mittlerweile schlauer ist.
Wenn man die Entwicklung der Gesellschaft mal genauer betrachtet... ich bin mir da jetzt nicht mehr so sicher.


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 12:32
@Mampffel
Zitat von MampffelMampffel schrieb:Mir ist es immer noch völlig unerklärlich, wie die Nazis den Holocaust so und in der Form durchführen konnten? Es ist ja immer noch eine natürliche Hemmschwelle zwischen... "Wir hassen die Juden, die sind die Wurzel allen übels und müssen weg" zu "Wir bringen alle um und rotten die komplett aus".
Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass der Antisemitismus der Nazis eine paranoide komponente hatte. Das zentrale Motiv deren Ideologie war ja der Kampf der "Arier" gegen die "jüdische Rasse", weil die "jüdische Rasse" die "Arier" vernichten wolle. Dass es dann zum Holocaust kam, ist deswegen beinahe schon der logische Schritt. Es geht eben nicht darum, dass der jüdische Nachbar reicher ist als du, sondern, dass er dch auslöschen will. Das ist dann im Prinzip eine Täter-Opfer-Umkehr: Nicht du bist der Täter, du bist vielmehr das Opfer und wehrst dich nur gegen die Übergriffe des Täters. Die Gräueltat wird dadurch zur Notwehr umdefiniert.

P.S.: Meiner Ansicht nach schlägt die "Umvolkungstheorie" in dieselbe Kerbe wie der paranoide Antisemitismus der Nazis.


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Der Holocaust - Erinnerungen an ein Jahrtausendverbrechen

12.07.2026 um 14:05
Das eine ist der Antisemitismus und der war nicht neu sondern, wie erwähnt, Jahrhunderte alt. Er war auch kein deutsches oder österreichisches Phänomen. Auch in den anderen Länder EUs gab es massiven Antisemitismus, ebenfalls seit Jahrhunderten. Das wird mMn u.a. aufgrund eben des HC in DE oft vergessen.

Die andere Seite ist die Eskalation zu mio-fachen und industriellem Mord. Und auch der ist ja nicht erst nach der Wannsee-Konferenz schlagartig entstanden. Worauf ich hinaus will ist, das sich die Shoa und der HC "allgemein" nicht von einem auf den anderen Tag ereignet haben. Wobei diese auch nicht der generelle Ent-/Beschluß zur Vernichtung sondern eine "Besprechung zur Organisation und Durchführung".

Guckt man sich die Geschichte der Arbeitslager und KZ in DE an, guckt man sich dazu noch Vorkommnisse, wie die Köpenicker Blutwoche oder die Reichskristallnacht an erkennt man durchaus eine "Entwicklung". Eben von Arbeits- oder Straflagern mit massiven Schikanen und (noch nicht systematischen) Morden hin zu Mordfabriken mit ausgeklügelter Logistik. Und, so meine Idee dazu, mit der Technik, der Industrialisierung der Mittel haben sich die Mörder mitentwickelt. Himmler war sich der Problematik die Massenmorde mit sich bringen können bewusst, in seiner Rede in Posen 1943 sprach er es explizit an und definierte gleichzeitig den Begriff des "Anständig geblieben zu sein":
Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – „Das jüdische Volk wird ausgerottet“, sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.“ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.
Quelle 1000dokumente.de, dort ist die Rede komplett nachzulesen. Allgemein übrigens eine interessante Seite.

Über die "Enstehungstage" der KZ und des Personals gibt es eine recht interessante Dokumentation ( Das vergessene Album der SS ) auf YT.
Zitat von BundeskanzleriBundeskanzleri schrieb:Ich kann mir das leider schon vorstellen in der Gesamtschau der Widerlichkeiten der Menschheit.
Ohja! Vorallem wenn man bedenkt, das man am Beispiel der Einsatzgruppen im RU-Feldzug festgestellt hat, das eine Weigerung an den Massenerschießungen teilzunehmen nicht zur (standrechtlichen) Erschießung wegen Befehlsverweigerung führte. D.h. die Angehörigen von WH und Einsatzgruppen hatten, entgegen der häufigen Argumentation "Befehlsnotstand" in Prozessen nach dem Krieg, eben doch eine Wahl.

Das scheint aber iwie bis heute oftmals nicht durchgedrungen zu sein. So zumindest mein Eindruck, da ich in Diskussionen noch immer nicht gerade selten auf dieses Nicht-Argument treffe.


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