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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

12 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Geschichte, Archäologie, Bandkeramik ▪ Abonnieren: Feed E-Mail
Seite 1 von 1

Die Bandkeramiker und ihr Untergang

01.09.2023 um 20:11
Manch einem fällt das vielleicht gar nicht mehr auf, aber tatsächlich befinden wir uns im Unter-Forum Politik & Geschichte.

Tatsächlich habe ich mal interessehalber gesucht wie viele Geschichte-Themen die ersten 5 Seiten enthalten, ich habe nur ein Thema gefunden.
Das halte ich für etwas Schade, denn man kann nicht gegenwärtige (weltweite) Politik verstehen, wenn man nicht die entsprechende Geschichte kennt.

Nun, eine Maxime, die wir aus der Geschichte lernen können, ist die, es einfach besser zu machen.

Ein Thema was mich immer fasziniert hatte, waren die Bandkeramiker, genauer gesagt ihr Untergang.
Stand Forschungsgeschichte jetzt, gab es keinen wirklichen Grund für deren Untergang. Meist sind die Gründe für den Untergang von Kulturen ökologischer Natur, aber tatsächlich gab es zum Zeitpunkt des Untergangs keine größeren oder fatalen Klimaänderungen in Europa. Dennoch war ihr Untergang äußerst Grausam und auch für damalige Verhältnisse, äußerst bestialisch.
Jedoch der Reihe nach:

Die Vorfahren der Bandkeramiker, oder genauer genannt Linearbandkeramiker, kamen etwa 5500 v.Chr. aus Anatolien.
Welche Sprache sie gesprochen haben, wissen wir leider nicht. Auch ist es wohl klar, dass sie sich selbst nicht "Bandkeramiker" nannten. Der Grund für die Namensgebung ist die typische Gestaltung ihrer Keramiken mit der typischen Anordnung der Linien. Daneben hatten sie auch eine spezielle architektonische Form des Langhauses und eine spezielle Anordnung der Dorfgestaltung. Zum Beispiel siedelten die Bandkeramiker gerne auf Lössböden in der Nähe von Flüssen und Bächen, mit einer separaten Trinkwasserversorgung, im Form eines typischen bandkeramischen Brunnen.

Jetzt könnte man hier fragen, was denn die Bandkeramiker so besonders macht, nun, sie waren die ersten Neolithen (Ackerbauern) Europas, die den Ackerbau weitflächig in Europa verbreiteten. Hier sollte jedoch erwähnt werden, dass vieles noch im Dunkeln liegt. Es wäre sehr gut möglich, dass die ersten Neolithen von Gibraltar aus, aus Nordafrika kamen, aber auch in so einem Fall wäre unbestritten, dass die Bandkeramiker den Ackerbau in Europa verbreitet haben.

Aber zum Anfang:

Irgendwann um das Jahr 5500 v.Chr. kamen die Vorfahren der Bandkeramiker aus dem Orient und siedelten etwa im Dreieck Nordserbien, Ost-Österreich und Ost-Ungarn. Sie stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Starčevo-Körös-Criş-Kultur ist jedoch momentan nicht unbestritten.

Hier könnte man nun weiter fragen, woher man den das weiß, zumal um 5500 v.Chr. niemand lesen und schreiben konnte.
Das stimmt auch soweit und ist tatsächlich auch ein sehr großes Problem bei der Interpretation der Funde. Jedoch gab es einen gewaltigen Quantensprung in der Archäologie mit dem Einzug der Paläogenetik.

Davor war es eine ziemlich einfache Interpretation der Dinge:
Bevölkerungen blieben an Ort und Stelle und nahmen einfach im Laufe der Zeit die Nachbarkultur an.
Mittlerweile weiß man durch Genanalysen, dass dies so nicht mehr stimmt. Die genannte Starčevo-Körös-Criş-Kultur hatte zum Beispiel die Haplotypen Hgs N1a, W und HV. In etwa die gleiche Verteilung wie im westlichen Anatolien und eine andere Verteilung als in Europa.

Aber, keine Lösung ohne gleich zwei neue Fragen aufzuwerfen, denn, sehr zur Verwunderung ....
Die Bandkeramiker haben – nach dem heutigen Forschungsstand – im Genpool der Europäer nur sehr geringe Spuren hinterlassen.
Quelle: Wikipedia: Populationsgenetik und Anthropologie der Linearbandkeramischen Kultur

Das wäre jetzt halb so wild. Man könnte hier einfach behaupten, dass die Bandkeramiker sich einfach nicht so vermehrt haben wie die anderen Haplogruppen.
Jedoch wenn man bedenkt, dass die Bandkeramiker, die flächendeckend weiteste Verbreitung in Europa hatten und alle anderen Haplogruppen nach wie vor vorhanden sind, stellt sich schon die Frage, was da geschehen ist.

Die Haplogruppe N1a scheint typisch Bandkeramisch zu sein. Wir wissen leider nichts über die Populationsgröße der Bandkeramiker, aber sie war in etwa 10 mal so groß, wie die der Mesolithen. Nun stellt sich hier die Frage wie viele Mesolithen denn in Europa gelebt haben. Auch da gehen die genannten Zahlen weit auseinander. Von 1500 bis hin zu 130 000 Menschen. Wie viele es genau waren, wissen wir zwar nicht, aber wo immer Neolithen auch auftauchten, die Mesolithen räumten das Feld.
Im Anbetracht dass Mesolithen und Neolithen waffentechnisch gleich aufgestellt waren, muss es einen anderen Grund gegeben haben: Nämlich die Überzahl.
Tötet ein Mesolithikum einen Neolith, so sind am nächsten Tag 3 Neue geboren, umgekehrt kann es jedoch Jahre dauern, bis auch nur ein Mesolith neu geboren wird.

Auch können Neolithen bei gleicher Reviergröße viel mehr Menschen ernähren als denn Mesolithen, deshalb spricht vieles dafür, dass es die schiere Anzahl der Neolithen war, die letztlich für den Erfolg sprach. Zumal, viele Mesolithen danach über kurz oder lang selbst zu Neolithen wurden.
Kann ich auch irgendwo verstehen. Zwar zeigen Knochenfunde, dass der Neolith im Gegensatz zum Mesolith extrem schuften musste, aber dafür starben nicht ganze Sippschaften durch Hunger, wenn die Beutetiere das Land mieden.

War die Verbreitung der Bandkeramiker friedlich?
Wahrscheinlich mal weniger, mal mehr. Zumindest finden wir keine Massengräber von Mesolithen, wenn Neolithen eingewandert sind. Kann aber auch sein, dass der Neolith dem Mesolithen nicht ganz geheuer war: Menschen, die Zelte aus Holz bauen? Tiere die auf diese Menschen hören? Sogar der Boden gehorcht ihnen und gibt diesen Menschen Wasser (Brunnen) und Nahrung (Anbau). Nichts wie weg hier!!! Das ist uns nicht ganz geheuer!!
Aber es sind auch Belege dafür vorhanden, dass sie friedlich nebeneinander existierten.

Aber eins ist jedoch klar:

Die Entstehung der Bandkeramischen Kultur geschah friedlich. Nach der Einwanderung der Vorfahren aus dem Orient gab es eine starke Vermischung der Haplogruppen im nördlichen Balkan (Neolithen und Mesolithen).
Übrigens, das scheint etwas typisches für die Kultur, die um Göbekli Tepe entstanden ist, zu sein, vorausgesetzt die Vorfahren der Bandkeramiker hatten noch "Tepeianisches" in sich, das ist jedoch eine andere Geschichte :).

Die Verbreitung in Europa geschah eventuell weniger friedlich oder eher friedlich, wir wissen es nicht hundert prozentig für alle Regionen.

Jedoch ihr Untergang war auf keinen Fall friedlich. Wie am Anfang geschrieben, so betrachte ich persönlich den Untergang als äußerst Brutal und sogar als äußerst bestialisch.

Wie war die Situation vor dem Ende?

Eigentlich ziemlich rosig. Irgendwelche mächtigen Nachbarn gab es nicht, das Wetter war warm, es gab weiten Fernhandel und man konnte ein Bandkeramisches Dorf von allen Seiten aus betreten. D.h. die Dörfer waren heutigen Dörfern vom Zugang her nicht unähnlich, es gab keinen Graben oder eine Palisade. Dies zeugt doch davon, dass die Bandkeramiker keine Angst hatten oder eine Gefahr verspürten.
Ausnahmen bilden hier die Dörfer und Weiher, die an den Nordgrenzen zur mesolithischen Nachbarschaft lebten PDF, Seite 406.

Auch existieren in den Gräbern der Bandkeramiker aus dieser Zeit keine Menschen, die gewaltsam zu Tode kamen.
Sowas wie einen König oder Landlord kannten die Bandkeramiker nicht, dieses würde sich in Form von Grabbeigaben zeigen. Jedoch wird es höchstwahrscheinlich einen Pater Familias gegeben haben.

Dennoch kann man davon ausgehen, dass es eine Inter-Clan Hierarchie gegeben haben muss. Nur so kann sich der überregionale Zusammenhang erklären lassen. Wie diese Inter-Clan Hierarchie aufgebaut war, wissen wir nicht, jedoch wird sie höchstwahrscheinlich Theokratisch gewesen sein, d.h. die Priesterkaste regelte Verhaltensnormen, Streitigkeiten, Wissensaustausch usw.. Dies kennen wir auch so in modernen Stämmen unserer Tage.

Was die Mythologie der Bandkeramiker betrifft, so tappen wir völlig im Dunkeln. Übrigens, für alle die, die es noch nicht wissen: Germanen, Kelten und co. tauchten erst etwa 2000 bis 3000 Jahre später auf. D.h. die Indoeuropäer mit Jupiter, Odin und co. dachten noch nicht einmal daran Europa zu betreten und waren noch irgendwo zwischen Ural und Kaukasus.

An und für sich hätte nichts dagegen gesprochen, eines der führenden Kulturen der kommenden Dekaden zu werden. Aber so sollte es nicht sein.
Innerhalb von 50 Jahren verschwand die Kultur der Bandkeramiker, oder fiel zurück in kleinere Regionale Gebiete mit eigener Kultur.

Das Ende:

Was wissen wir?

Die Endzeit begann irgendwann zwischen 4900 v.Chr bis etwa 4500 v.Chr..

Der Fernhandel brach ein.
War es davor normal Material über mehr als 1000 KM zu transportieren, brach der Handel in der Endzeit ein Uni Heidelberg PDF. Materialien wurden nun durch lokale Güter ersetzt.

Aus Dörfern wurden Festungen.
Sie kannten keine Angst davor, aber am Ende schon. Zumindest so viel Angst um sich zu verbarrikadieren. Waren Siedlungen davor nicht groß befestigt, wurden sie nun standardmäßig zu reinen Festungen mit metertiefen Gräben vor Palisaden-Zäunen Wiki.

Viele Dörfer wurden um das Jahr 4900 v.Chr. bis 4500 v.Chr. "aufgegeben" und zunehmend tauchen in den Gräbern Gewaltopfer auf.
Eine hohe Anzahl von Gräberfeldern aus der Epoche der LBK zeigt regelhaft ein Fehlen jeglicher Spuren von Traumata und damit physischer Gewalt. Somit wurden zahlreiche Individuen mit physischer Gewalt wahrscheinlich nicht konfrontiert. Deutliche Anzeichen für eine höhere Frequenz von Gewaltakten, und dies auch in einem größeren Ausmaß, liegen hingegen aus der Spätphase der LBK vor.
Quelle: Nächster Link oben.

Was meint der Archäologe mit "aufgegeben":
Ich will hier zwei Szenarien schildern, die zum gleichen Resultat führen:

Szenario1: Alle Dorfbewohner wurden abgeschlachtet, das Dorf brennt ab und die Angreifer ziehen von dannen.

Szenario2: Alle Dorfbewohner packen ihre sieben Sachen und ziehen von dannen.

Beide Szenarien sorgen dafür, dass wir, 6000 bis 7000 Jahre später das gleiche Bild haben. Der Grund dafür ist ganz einfach: Feuchtes Klima, fruchtbare Böden und jahrtausendelanger Ackerbau, haben nunmal nicht viele Spuren hinterlassen. Nur vereinzelten Zufällen (Tief unter der Erde) ist es zu verdanken, dass wir da mehr wissen.

Eines dieser Zufälle ist das Massaker von Schletz.
Dieses Massaker lohnt es sich etwas genauer zu betrachten:
Wir haben etwas 200 Individuen, die einfach in einen Graben geworfen wurden, ohne die typische Bestattungsform.
Wie es aussieht handelt es sich bei dem Graben, um den Palisadengraben der Siedlung. Allesamt waren Opfer von Gewalt, verursacht durch prähistorische Dechseln.
Auffallend ist, dass Kinder und Frauen untervertreten sind.
Hier ein Link zu den genaueren Untersuchungen: Skellete von Schletz. Bei den Verwundungen handelt es sich eindeutig um exzessive Gewalt. Mehrmals wurde auf die Opfer eingeschlagen, vielen wurden auch die Beine gebrochen.
Die Untersuchungen sind eindeutig: Da war Hass und Grausamkeit im Spiel.

So oder so, eine Belagerung und die Einnahme einer, für damaligen Verhältnisse, größeren Stadt, bedeutet größere logistische Anstrengungen und natürlich einer Belagerungsarmee. Diese Belagerungsarmee muss auf jeden Fall größer gewesen sein als die zu belagerten Verteidiger, sonst könnte ein Ausfall den ganzen Spuk wohl beenden.
Das scheinen keine Soldaten gewesen zu sein, denn die "Todeswerkzeuge" waren normale Wechseln, wie sie der Bandkeramiker auch benutzt für den Ackerbau.
Hier sei weiter angemerkt, dass ohne die "Entsorgung" im Palisaden-Graben, wir nie etwas vom Massaker erfahren hätten. Es wäre ein ganz normales Dorf gewesen, welches um die Endzeit herum "aufgegeben" wurde.

Ein weiterer Zufallsfund ist das Massaker von Halberstadt. Auch hier sind die Kinder und die Frauen unterpräsentiert.

Das Massaker von Kilianstädten wurde eine Abfallgrube "zweckentfremdet". Wobei davon ausgegangen werden kann, dass die Angreifer genau wussten wo sie die Leichen entsorgten. Auch hier fehlen die gebärfähigen Frauen.
In Talheim, so scheint es, wurden die meisten hingerichtet. Interessant ist, dass in Talheim drei Gruppen getötet wurden, von denen nur eine heimisch war. Vielleicht handelte es sich bei den anderen um Flüchtlinge? Wir werden es nie herausfinden. Die Frauen der heimischen Gruppen fehlen, während die der anderen beiden Gruppen auch getötet wurden.
Um mal eines der Opfer ein Gesicht zu verleihen: Bei einem Schädel hat man eine Gesichtsrekonstruktion durchgeführt.

Alle hier genannten Massaker fallen in die gleiche Zeitperiode und sind wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges. Ohne die "Reinlichkeit" der Täter, hätten wir wahrscheinlich nie etwas davon mitbekommen.

Nun könnte hier gesagt werden, dass diese Massaker zwar sehr brutal waren, aber das kennen wir doch so aus der Geschichte bis in die Gegenwart.
Wieso sprach ich dann oben von "...und auch für damalige Verhältnisse, äußerst bestialisch".
Da würde ich auch dem Leser recht geben, .... wenn nicht die sogenannte Grabanlage von Herxheim gefunden wäre.

Vor allen Dingen Herxheim, hat unser Bild von den Bandkeramikern von Grund auf revidiert. Wurden die Massaker davor eher als regionale Konflikte angesehen, kam nach Herxheim der Verdacht auf, dass die Endzeit der Bandkeramiker mit einer überregionalen Krise zu tun hatte.
Neben den zerschlagenen Skeletten sind Keramiken von allen Himmelsrichtungen ausgegraben worden.
Die genaue Anzahl der Toten ist leider nicht ersichtlich, denn Herxheim wurde nie komplett ausgegraben. Hochrechnungen gehen von 400 bis 2200 Menschen aus.
War da Kannibalismus im Spiel? Waren es Sekundärbestattungen? Dem widerspricht aber, dass die demographischen Verhältnisse in Herxheim ganz anders sind als die auf typischen bandkeramischen Friedhöfen. Normalerweise gibt es sehr viele Kinder (verschuldet wegen der hohen Kindersterblichkeit im Neolithikum) auf bandkeramischen Friedhöfen und sehr alte Menschen. In Herxheim haben wir genau das Gegenteil: Sehr wenige Kinder und sehr wenige alte Menschen, dafür Menschen im mittleren Alter (auch Schwangere). Auch die Zurichtung der Knochen lässt vermuten, dass Kannibalismus im Spiel war (Quelle).

Menschenopfer bei den Bandkeramikern kommt vor, auf Wikipedia wird so ein Fall beschrieben. Übrigens das Opfer dieser Beschreibung fällt auch in die Endzeit.

Auch kamen die Opfer nicht aus Herxheim sondern vom Mittelgebirge, wo normalerweise keine Bandkeramiker leben.
Hier mal eine Arbeit dazu, die den momentanen Stand gut zusammenfasst.
Tiefer werde ich auf die Funde nicht eingehen, für den Gewalt-Fetischisten langen die Links und Google um da in die Tiefe zu gehen.

Angenommen es waren Menschenopfer, die rituell geopfert und verspeist wurden, weiter angenommen es waren keine Freiwilligen, so ergibt dieser Fund zusammen mit den anderen Massaker-Funden ein sehr gruseliges Bild von der Endzeit.
Das freiwerdende Vakuum wurde dann von den Nachbarkulturen aufgefüllt, die dann den verbliebenen Resten, den Rest gaben.

Bleibt nur noch eine Frage: Was war da los?

Keine Ahnung! Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es wie immer angefangen hat: Die eine Gruppe fürchtete um ihren Einfluss, die andere Gruppe wollte mehr Einfluss. Der Bevölkerung wurde dann wahrscheinlich das übliche verkauft: "Die haben an allem Schuld, die fressen unsere Kinder! Wir müssen das Übel eingehen für unsere Kinder!" oder so ähnlich.
Danach, so scheint es, ist es zum Selbstläufer geworden, das was Hobbes mit Bellum omnium contra omnes beschrieb.
Irgendwann weiß man gar nicht mehr warum Krieg geführt wird, es gilt nur noch nicht vor den Verbündeten als ängstlich dazustehen, damit man nicht der Nächste ist.
Eine ähnliche Situation hatten wir in Ruanda, wo viele Mörder aus Angst vor ihren "Kollegen", immer brutaler und bestialischer wurden.

Nun, im Gegensatz zu ihrem Viehbestand, welches sie aus Anatolien mitgebracht haben und genetisch gesehen die Vorfahren aller modernen Viehbestände sind, gibt es keine Bandkeramiker mehr. Ihre Haplogruppe kommt nur noch marginal in Europa vor.

Wenn nicht gerade das Ziel dieser Auseinandersetzung der kollektive Selbstmord war, dann kann nur geschrieben werden, dass die intendierten Ziele auf keinen Fall erreicht wurden. Immer wenn ich zumindest an die Bandkeramiker denke, so fällt mir der Song 99 Luftballons von Lena ein.
Soll der Leser entscheiden ob es das Wert war.


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

02.09.2023 um 20:47
@juvenilea
Vielen Dank für den interessanten Beitrag und für die Links. Auf diesem Gebiet hatte ich nicht viel Vorwissen, ich kann also nichts wirklich beitragen, werde aber gerne mitlesen. 🙂


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

02.09.2023 um 23:52
Ich weiß nicht, ob man den Untergang antiker Kulturen immer nur an einer Ursache festmachen kann.

Da, wo schriftliche Zeugnisse fehlen, ist man auf Funde, Grabbeigaben, Lage und Zustand von Skeletten angewiesen. Vieles, was aussagekräftige Funde mit fachlichen und modernen Methoden hätten sein können, ist lange zerstört, etwa durch Straßen-, Eisenbahn- und Städtebau, durch Grabräuber oder Laien-Hobby-Archäologen und kann nicht mehr untersucht werden. Nachdrücklich wird so was für den mitteldeutschen Raum etwa dargestellt im Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“, eine spannende und empfehlenswerte Lektüre.

Für den Untergang des römischen Reiches werden nach wie vor verschiedenste Theorien bemüht, angefangen von Seuchen bis hin zu Bleivergiftung durch Weinpokale. Nichts Genaues weiß man aber immer noch nicht, und ich fürchte, der Theorienstreit wird auch für die Bandkeramiker weiter geführt werden.


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

03.09.2023 um 12:52
@Schmiezi
Danke für den Zuspruch, dachte schon ich verlange zuviel von den Allmy-Usern :).
Wenn Du den Beitrag gelesen hast und danach sagen kannst "Interessant, wusste ich nicht.", dann hat es gänzlich seinen Zweck erfüllt.

@Andante
Dies gilt vor allem für die Bandkeramiker.
Wir wissen ja noch nicht einmal welche Mythologie vorherrschte und was sie an Kleidung trugen.

Das Klima fällt wahrscheinlich weg. Zum einen war es während des Klimaoptimums, zum anderen gab es noch genug Land um die Weiher und Dörfer herum, die noch Urbar gemacht werden konnten. Auch sind die Opfer zwar alle unterernährt, aber nichts was nicht auch vorher galt.
Eine Invasion von außen kann während der Endzeit ausgeschlossen werden, viele ehemalige Dörfer lagen jahrzehntelang noch brach.

Die Theorie eines Bürgerkriegs, deren Auslöser und Gründe wir nicht kennen, scheint immer wahrscheinlicher.
Wenn wir noch ein oder zwei Herxheime finden, dann wäre es ziemlich klar.

Übrigens:

Wie es aussieht, war der Clan von Ötzi eines der letzten Bandkeramiker von der Abstammung her. Was auch darauf zurückzuführen ist, dass der Clan in höheren isolierten Lagen lebte.

Nun, das wissen wir: Gewalt (Kampf auf Leben und Tod) gehörte zum Alltag von Ötzi. Nur so lässt sich erklären, warum der Mann erst um sein Leben kämpfen muss und danach noch seelenruhig mitten in der Wildnis ein ausgiebiges Mal zu sich nimmt:
Mindestens etwa 24 Stunden vor der Pfeilattacke, die zum Tod geführt haben soll, war Ötzi in einen Nahkampf verwickelt.[14] Davon zeugen Schnittverletzungen am linken Arm und an den Händen sowie Kratzspuren auf dem gesamten Körper, besonders am Rücken.[66] Dem Forschungszentrum Eurac Research zufolge waren aber entgegen diesen und anderen Interpretationen weder an den Pfeilspitzen, dem Beil noch an der Dolchklinge menschliche Blutspuren zu finden. Nur die geringfügigen Blutspuren am Grasmantel könnten von Ötzi selbst stammen, eventuell aber auch von Tieren.[67]

Im Sommer 2011 wurde bekannt, dass Ötzi noch rund eine Stunde vor seinem Tod eine Rast einlegte und ein ausgiebiges Mahl zu sich nahm, wozu auch Fleisch vom Alpensteinbock gehörte.[68]
Quelle: Wikipedia: Ötzi

Wie weit jedoch Ötzi tatsächlich noch zum, zu seinen Lebzeiten bereits lange zerfallenen Kulturkreis der Bandkeramiker gehörte, ist noch im Dunkeln, da keine Kontextinformationen (z.B. ein bestimmtes Dorf) zur Remedello-Kultur gefunden wurden.


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

03.09.2023 um 18:52
Zitat von juvenileajuvenilea schrieb:Die Theorie eines Bürgerkriegs, deren Auslöser und Gründe wir nicht kennen, scheint immer wahrscheinlicher.
Verlagert dann aber nur die Frage, denn warum sollte das plötzlich geschehen? Nachdem die Kultur über solange Zeiträume stabil war?
Auch dafür muss es einen Auslöser geben, über den wir bisher einfach noch nichts wissen. Eine Vermutung ins Blaue wären auch dafür am Ende ökologische Ursachen.
Eine Seuche? Durch die neue Lebensweise verursacht? Vielleicht vermittelt von Ratten? Oder etwas das die Pflanzen angriff wie Ungeziefer oder Pilzerkrankungen?


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

04.09.2023 um 09:21
Danke für die spannend zu lesende Abhandlung!


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

04.09.2023 um 09:58
@Sternenkraft
Immer gerne :).

@paxito
Weißt Du was ich persönlich vermute?
Zwar nicht alle, aber doch einige Antworten, würden wir in Herxheim und Umgebung finden.

War Herxheim eine Art Vatikan oder Mekka?
Wenn ja, dann müssten Kultstätten in Herxheim existieren. Die Gruben mit den Knochen sind nur Entsorgungen gewesen. D.h. der Kultort muss nicht unbedingt am selben Ort sein. Der könnte auch 5 bis 10 Km weiter entfernt sein.
Was dafür spricht, ist die Tatsache, dass von überall her Keramiken nach Herxheim gebracht wurden und im direkten Zusammenhang mit den Opfern stehen. Die Knochen wurden direkt zusammen mit den Keramiken entsorgt.

Auch würden größere DNA-Analysen genau klären, von wo die Opfer kommen. Sie scheinen Bandkeramiker zu sein, aber von wo genau?
Es sind Bandkeramiker, die aus dem Mittelgebirgen zu kommen scheinen. Was komisch ist, denn bisher wurden keine Siedlungen im Mittelgebirge gefunden.
Ein Kriegsflüchtling würde nun antworten: "Ja klar, die lebten dort, weil es da keine Bandkeramiker gab."
Wenn ich als Bandkeramiker vor Bandkeramikern fliehen müsste, würde ich auch ins nächste Mittelgebirge fliehen.
Eine DNA-Analyse könnte verwandtschaftliche Verhältnisse klären, falls die vorher aus irgendwelchen Dörfern geflohen sind.
Ist aber im Moment leider kostentechnisch nicht realisierbar.

Wir werden uns da etwas gedulden müssen :).


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

04.09.2023 um 12:23
Zitat von juvenileajuvenilea schrieb:War Herxheim eine Art Vatikan oder Mekka?
In der Mitte der Anlage von Herxheim war doch eine Siedlung. Die Gräben und die Toten stammen alle aus der Endzeit von Herxheim. Gäbe es da eine überregionale Bedeutung, warum sollte die erst so plötzlich entstehen?
Wenn wir für ein Verhalten keine Begründung finden, ist Religion immer einfach - erklärt am Ende aber wenig.
Wenn die Opfer von Herxheim unter eine Seuche litten würde das ein paar Punkte erklären. Erstens könnten die Opferungen damit erklärt werden, um die einheimische Bevölkerung zu schützen. Zweitens könnte das der Grund sein warum sie ihre Heimat verlassen haben.
Ja klar, ist am Ende genauso spekulativ wie jede andere Erklärung. Aber das die Bandkeramiker nach Jahrhunderten plötzlich kriegerisch gegen sich selbst werden? Da reicht mir persönlich das hier nicht:
Zitat von juvenileajuvenilea schrieb:Die eine Gruppe fürchtete um ihren Einfluss, die andere Gruppe wollte mehr Einfluss. Der Bevölkerung wurde dann wahrscheinlich das übliche verkauft: "Die haben an allem Schuld, die fressen unsere Kinder! Wir müssen das Übel eingehen für unsere Kinder!" oder so ähnlich.
Danach, so scheint es, ist es zum Selbstläufer geworden, das was Hobbes mit Bellum omnium contra omnes beschrieb.
Es muss Gründe dafür gegeben haben, ob es nun ökologische, klimatische oder kulturelle Gründe waren. Denkbar wäre ja auch, dass sich die verschieden Regionen auseinander entwickelten und sich damit auf Dauer fremd wurden…


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

04.09.2023 um 12:59
Zitat von paxitopaxito schrieb:Wenn die Opfer von Herxheim unter eine Seuche litten würde das ein paar Punkte erklären. Erstens könnten die Opferungen damit erklärt werden, um die einheimische Bevölkerung zu schützen. Zweitens könnte das der Grund sein warum sie ihre Heimat verlassen haben.
Angenommen, es war eine Seuche, so kann hier nur gesagt werden, dass die Seuche dann die Nachbarkulturen, wie die La-Almagra-Kultur oder die Impressokultur weitestgehend verschonte.
Was wir aber so von Seuchen nicht kennen, zumal es ja vor der Endzeit großräumigen Handel gab.
Zitat von paxitopaxito schrieb:Es muss Gründe dafür gegeben haben, ob es nun ökologische, klimatische oder kulturelle Gründe waren. Denkbar wäre ja auch, dass sich die verschieden Regionen auseinander entwickelten und sich damit auf Dauer fremd wurden…
Das stimmt natürlich, aber welchen genauen Gründe hierfür verantwortlich sind, werden wir so schnell nicht erfahren.
Am Ende dann, als die Bandkeramische Kultur zerbrochen war, bildeten sich regionale Kulturen hier und da, als Beispiel sei die Hinkelstein-Gruppe Baden-Württembergs genannt.

Jedoch ist die letzte Gruppe andersartiger als die Bandkeramik, erreicht auch nicht die Verbreitung der Bandkeramik und etablierte sich erst nach dem Verschwinden der Bandkeramik.

Aber unmöglich ist das alles natürlich nicht.

Religionen hatten damals einen anderen Stellenwert als heute. Du kannst Religionen damals wie mit Wohnungen heute vergleichen. Niemand käme im Traum auf die Idee eine Wohnung zu verlassen, wenn er nicht eine neue hätte.
So ähnlich hätte niemand im Traum daran gedacht den Schutz eines Gottes und seiner Ahnen zu verlassen, wenn nicht eine neue Gottheit da ist, die alle anderen mit überzeugt.

Wir wissen, dass davor die Bandkeramiker gerne Tonfigürchen zerschlagen und beerdigt hatten.
Wäre auch möglich, dass eine neue Konfession einfach keine Tonfiguren mehr wollte und ab jetzt echte Menschen nahm, die ähnlich wie bei den Blumenkriegen der Azteken von irgendwoher ja kommen mussten.
Keine Ahnung....


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

04.09.2023 um 13:03
Ich hab da vor einiger Zeit mal was zu gelesen. Es wurde vermutet Herxheim sei ein überregionaler Kultplatz gewesen und es gab demnach wohl auch Anzeichen von Kannibalismus
Dazu gab es auch mal was von Terra X
Youtube: Unsere Vorfahren: Pfälzer Kannibalen in der Steinzeit? | Terra X
Unsere Vorfahren: Pfälzer Kannibalen in der Steinzeit? | Terra X
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Deutschland in der Jungsteinzeit vor 7000 Jahren. Erstmals gründen Menschen Siedlungen, roden Wälder und legen Felder an. Durch geschickte Auslese und Zucht verändern sie Wildpflanzen – der Lohn der Mühe: reiche Ernte. Eine Welt im Umbruch: Aus Wildbeutern, die durch die Wälder streifen, sind Bauern geworden, festverwurzelt mit dem Land, das sie bestellen. Wissenschaftler sprechen von der "Neolithischen Revolution". Nie wieder hat der Mensch seine Lebensweise so radikal verändert. Lange galt diese Epoche als eine friedliche Zeit. Doch die Geschichte der ersten Siedler Mitteleuropas kennt dunkle Kapitel.
Einen besonders beeindruckenden Fund machten Archäologen 1996 im pfälzischen Herxheim - und mit jeder Scherbe, jedem Knochen fördern sie seitdem ein neues Rätsel zu Tage. Sie stießen auf Skelettteile von mehr als 500 Menschen. Was die Wissenschaftler aus den Funden rekonstruieren, wirkt schockierend: Hier wurden offenbar Menschen geopfert. Die Menschen könnten durch Gift oder tödliche Stichwunden ums Leben gekommen sein. Erschlagen wurden sie wohl nicht, weil kaum ein Schädel entsprechende Verletzungen aufweist. Aber die Knochen weisen Schnittspuren auf. Verfallen die Menschen der bandkeramischen Kultur am Ende ihrer Epoche dem Kannibalismus?
Mehr unter https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/tatort-steinzeit-deutschland-vor-7000-jahren-100.html#xtor=CS3-82


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

05.09.2023 um 12:35
@juvenilea

Vielen Dank für den interessanten Bericht über aktuelle Forschungsansätze.

Bei vielen Der Opfer die mit den Dreschflegeln gemetzelt und in den "neuen" Palisadengräben entsorgt wurden, schreibst du ja, dass die gebärfähigen Frauen fehlen oder unterrepräsentiert sind. Es liegt also nahe, dass diese als "Kriegsbeute" entführt wurden. Oder wir sehen einen Aufstand der Frauen, die sich gegen die Männer auflehnen?

Spannend ist aber ja, dass diese genetischen Marker (heißt das in der Paläogenetik so?) offenbar verschwinden.
Werden die auch über Frauen weitergegeben oder nur über die Männer? (sind die also vielleicht rezessiv?) Wenn nicht, würde das ja gegen die These sprechen, dass Frauen geraubt wurden, denn dann verlieren sie ja ihre Kultur, dürften aber trotzdem noch im Genpool nachweisbar sein.


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Die Bandkeramiker und ihr Untergang

05.09.2023 um 19:01
@emanon
Danke für den Link.
Zitat von FiamettaFiametta schrieb:Es liegt also nahe, dass diese als "Kriegsbeute" entführt wurden. Oder wir sehen einen Aufstand der Frauen, die sich gegen die Männer auflehnen?
Es heißt zwar immer "Frauenraub", aber wir dürfen nicht vergessen: Die Population der Bandkeramiker nahm ab. Angenommen es wäre ein Frauenraub ähnlich wie bei den Sabinern gewesen, dann hätte die Population nicht abgenommen.
Ich persönlich denke da eher an "Sklavinnen", für den persönlichen "Zeitvertreib" der Kampfbanden. Sobald diese Langweilig wurden, wurden sie dann auch "entsorgt". Eine Leiche an der Oberfläche ist innerhalb von einigen wenigen Jahren auf nimmerwiedersehen verschwunden, damals mehr noch als heute, denn damals gab es noch jede Menge größere Aasfresser wie z.B. Wölfe.
Wer sowas wie das Massaker von Schletz (Siehe Opening) verübt, der wird sicherlich kein Gentleman sein und Frauen unbehelligt lassen.
Sprechen wir es offen aus: Ich denke dass damals sehr vieles gemacht wurde, was heutzutage hierzulande wir nur aus Horrorfilmen kennen.
An Herxheim will ich gar nicht erst denken und beim Sinn und Zweck von Schädelkalotten, dreht sich mir der Magen um.

Aufstand der Frauen?
Das wäre einmalig im Neolithikum. Bloß wie würde dann Herxheim da reinpassen? Da liegen einige Schwangere, Kinder und auch Hunde.

Jede Theorie muss den überregionalen Einfluss Herxheims, sowie den wahrscheinlichen Kannibalismus erklären, die Massaker erklären, die Abnahme der Bevölkerung erklären und das Verschwinden der bandkeramischen Kultur erklären.
Auch dann hätten wir erstmal nur eine Arbeitshypothese anhand derer dann gezielter geforscht werden kann.
Wenn wir irgendwo noch ein Herxheim finden, z.B. ein kleineres Herxheim mit vielleicht 100 Leichen, dann wäre die Theorie des Bürgerkrieges einhergehend mit neuen religiösen Ansichten wahrscheinlicher geworden.

Aber, wir werden niemals den genauen Auslöser finden. Hat zum Beispiel die eine Priestergruppe eine andere umgebracht und war das der Auslöser? Keine Chance, ohne Schrift oder Zeitmaschine nicht ermittelbar. Nimm mal alle Schriften, Bilder und Aufnahmen zu den beiden Weltkriegen raus und interpretiere nur aus archäologischen Funden. Da wirst Du genauso auf dem Schlauch stehen.
Zitat von FiamettaFiametta schrieb:Spannend ist aber ja, dass diese genetischen Marker (heißt das in der Paläogenetik so?) offenbar verschwinden.
Werden die auch über Frauen weitergegeben oder nur über die Männer? (sind die also vielleicht rezessiv?) Wenn nicht, würde das ja gegen die These sprechen, dass Frauen geraubt wurden, denn dann verlieren sie ja ihre Kultur, dürften aber trotzdem noch im Genpool nachweisbar sein.
Ich bin leider kein Genetiker, aber vielleicht hilft Dir das hier weiter?

Vielleicht noch was:
Generell gehen wir mit Herxheim meines Erachtens etwas stiefmütterlich um.
Schnell jedoch sollte sich herausstellen, dass die Dokumentation der Rettungsgrabungen der 1990er Jahre den Ansprüchen einer differenzierten Auswertung nicht genügen konnte. In dieser Lage erwies es sich als außerordentlicher Glücksfall, dass die Gemeinde Herxheim, und vor allem ihr damaliger Bürgermeister Elmar Weiller (†), großes Interesse an der Vorgeschichte und dem kulturellen Erbe ihres Ortes bewiesen und für eine neuerliche, unter dem Stern modernster Grabungs- und Dokumentationsmethoden stehende Ausgrabung erhebliche Finanzierungsmittel beisteuerten.
Quelle: https://www.archaeologie-online.de/artikel/2020/herxheim-ein-rituelles-zentrum-der-bandkeramik-mit-menschenopfern-und-hohem-zerstoerungspotential/

Wen wir uns Kalkriese und den Fundort von der Himmelsscheibe von Nebra, im Vergleich zu Herxheim anschauen, dann fällt es schon auf, dass wir zum Vergleich Herxheim nicht viel Beachtung schenken. Wir haben es tatsächlich dem damaligen Bürgermeister zu verdanken, dass es nicht in einem Gewerbegebiet geendet hat.

Sogar die Kannibalismus Theorie wurde anfänglich von deutschen Archäologen abgelehnt. Erst Bruno Boulestin und Anne-Sophie Coupey zwei französische Archäologen konnten dies mit genauen Untersuchungen widerlegen.

Nun, ein Freund von mir sagte mal etwas: "Da finden wir mal etwas so überregional bedeutendes des Neolithikums auf deutschem Gebiet und was ist es? Ein grausames Steinzeit-KZ! War ja klar!"

Nun, so krass würde ich es nicht formulieren, Geschichte ist Geschichte und vor 7000 Jahren, war Deutschland oder Germanien noch nicht einmal eine Idee!
Dennoch ist Herxheim ein nicht zu vergessendes Mahnmahl an uns alle, es nicht soweit kommen zu lassen. Denn Kannibalismus kennen wir von den Bandkeramikern so eigentlich nicht. Auch kann man davon ausgehen, dass viele Bandkeramiker dagegen waren. Vergessen wir nicht: Herxheim wurde nach weniger als 50 auch "aufgegeben".


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