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5.257 Beiträge, Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur, Bildung, Romane, Sachbücher

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23.12.2019 um 21:09
Cannery Row, von John Steinbeck. Nicht zum ersten Mal gelesen. Leider. Aber auch die wiederholte Lektüre war sehr kurzweilig. Steinbeck versteht es wie kein Zweiter, selbst unsympathische Menschen so darzustellen, dass man sie zumindest ein wenig sympathisch findet oder ihr Verhalten zumindest versteht. Und wer würde mit Doc nicht gerne ein Bier trinken?

emodul



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23.12.2019 um 22:03
emodul
schrieb:
Cannery Row, von John Steinbeck. Nicht zum ersten Mal gelesen.
Das und Tortilla Flat habe ich früher auch öfter gelesen und geliebt.



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01.01.2020 um 15:12
Johannes Willms - Tugend und Terror

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Willms, promovierter Historiker und jahrelang Frankreichkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung, publizierte in den letzten Jahren immer wieder groß angelegte Werke zur französischen Geschichte, dieses umfasst in fünf Großkapiteln die Französische Revolution von ihrer Vorgeschichte (ca. 1770) bis zur Machtergreifung Napoleons 1799.

Phasenweise spannend und salopp geschrieben, dennoch detailreich, hat es auch seine Längen, die daraus resultieren, dass Willms versucht, die Vorgänge hauptsächlich durch archivarisch belegte Aussagen bzw. Beschlüssen nachzuvollziehen, sprich: eine auf Individuen sich konzentrierende politische Geschichte, die das Soziale mehr oder weniger ausblendet, was jedoch zu einer Unübersichtlichkeit, aber auch einer Reduktion der Interpretationsbreite führt.

Eigeninteresse scheint bei allen Akteuren die Triebfeder des Handelns zu sein, so wird die Revolution eine Abfolge von Putschen bis hin zum letzten Putsch von Napoleon. Auch der Pariser peuple scheint nur davon getrieben zu sein, ausreichend Brot zu leistbaren Preisen zu haben.

Mir ist dieser Zugang zu eng gefasst und bei diesem langen Werk hat mich eigentlich nur das Interesse am Thema daran gehindert, es vorzeitig zur Seite zu legen.

Verlagsinfo:
https://www.chbeck.de/willms-tugend-terror/product/13705182

Rezension, die das Werk kritisch würdigt:
http://www.sehepunkte.de/2015/02/25521.html



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03.01.2020 um 01:26
Joseph von Eichendorff - Aus dem Leben eines Taugenichts

Aus-dem-Leben-eines-Taugenichts-by-Eiche

In meiner Schulzeit gelesen und für Schwachsinn empfunden, habe ich mir dieses kleine Büchlein nochmal zu Gemüte geführt, und ich halte es - trotz der sprachlichen Güte - immer noch ein grenzwertiges Werk.

Der namenlose "Taugenichts" wird von seinem Vater, einem Müller, vertrieben und lernt in einer Kutsche zwei junge Frauen kennen, die ihn zu einem Schloss bei Wien bringen, wo er - von nichts eine Ahnung - zum Zolleintreiber wird. Als er die von ihm geliebte Frau, die er für eine Gräfin hält, von weitem bei einem Schlossfest mit einem anderen Mann auf einem Balkon tändeln sieht, nimmt er in Richtung Italien reißaus, wo er im Wienerwald, im tiefsten Italien und in Rom immer wieder auf Leute stößt, die irgendwas mit dem Schloss bei Wien zu tun haben. Nach skurrilsten Begegnungen und einer ihn stalkenden alten, dicken Gräfin verlässt er fluchtartig Rom, wird wieder zum Schloss bei Wien gebracht, erfährt dort, dass eine Hochzeit für ihn mit seiner Geliebten vorbereitet ist (seine Geliebte ist gar keine Gräfin, daher passt das vom Stand her) und alle sind glücklich.

Letztlich ist es eine Verwechslungs- und Verkleidungskomödie in einem Fantasieraum. Alleine geographisch ist alles jenseitig: von Wien über Tirol in die Lombardei und von dort weiter nach Rom (gut, kann man machen, ist nur ein irrer Umweg). Aber dann zurück von Rom von einem Berg, von dem man von Italien aus nach Österreich blicken kann direkt in Fußweite auf ein Donau-Postschiff, das einen nach Wien bringt ... das ist geographischer Nonsense. Wie auch der Hüpfer zwischen Alpen und Rom ... ja, eh, sind ja nur ein paar Kilometer.

Realität blitzt kurz auf, als der "Taugenichts" in einem Wirtshaus in der Lombardei von seinen als Maler verkleideten Wiener Begleiter(inne)n verlassen wird und er aufgrund seiner Sprachunkenntnis an seine Kommunikationsgrenzen stößt und als er ein verarmtes Bergdorf mit in Fels gehauenen Häusern sieht. Auch von unordentlichen Gärten in Italien ist die Rede, und ein schwuler Student verfolgt ihn in Rom auch.

Ansonsten ist alles lustig, der von den Wienern angeheuerte Kutscher bringt ihn zwischen der Lombardei und Rom in ein Schloss, das den Wienern gehört, und in Rom latscht man von Weinbergen in die Stadt und die ersten Häuschen mit einem Brunnen davor sind von Wienern bewohnt.

Der Text ist einfach gaga. Es genügt jung zu sein, Geige spielen zu können, und schon sorgt Gott dafür, dass man lustig ist, von den Leuten versorgt wird und seine Liebe findet. Arbeitende Menschen? Ach, das sind allesamt Spießbürger. Träge sind sie, wie das berühmte eingeflochtene Lied ganz zu Beginn sie besingt:
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur von Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was soll ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust?

Den lieben Gott laß ich nun walten,
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs Best bestellt.
Schauderhafteste Klischee-Romantik.



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04.01.2020 um 15:35
Wolfgang Schieder - Benito Mussolini

41u6P-nrHsL. SX326 BO1204203200

Diese Kurzbiographie benötigt für ein Gesamtbild eigentlich noch Schieders Buch über den italienischen Faschismus in der gleichen Reihe, um Informationen zusammenführen zu können, da Schieder sich in diesem Büchlein auf die Person Mussolini konzentriert. Wegen der Kürze kommen oftmals Antworten auf die Frage Warum? zu kurz.

So ist die ideologische Wende sogar als gedankliche Kontinuität vom radikalen Sozialisten zum nationalistischen Faschismus nachvollziehbar, wie jedoch Mussolini es schaffte, den Vorsitz des Fascio di combattimento im März 1919 zu übernehmen, bleibt im Dunkel. Nur sein Wille zum Regieren und seine nicht konkrete Formulierung von Feindbildern, was es ermöglicht habe, dass jeder in der Bewegung sich sein Feindbild selbst aussuchen habe können, bleibt etwas flach. Gibt es keine Studien wie bei Hitler, bei dem es minutiös nachzuvollziehen ist, wie er zweimal die NSDAP auf Linie brachte?

Auch fehlen mir Hintergründe, wie König Vittorio Emmanuel III. dazu gebracht werden konnte, den aus Mailand mit dem Schlafwagen ankommenden Mussolini am 31. Oktober 1922 zum Ministerpräsidenten zu vereidigen. Gibt es da weniger Studien als zu Hitler?

Die Konsolidierung der Macht, die Wahlrechtsreform, die Errichtung der Diktatur, die Militarisierung der Gesellschaft, die Hinwendung zu Hitlerdeutschland, die Totalitarisierung der Macht, die Nutzung der neuen Medien Radio und Film ist nachvollziehbar dargestellt, auch wenn es mir manchmal etwas zu psychologisierend erscheint, welche Schlüsse Schieder zieht.

Interessant die Übernahme einer rassistischen Politik ab 1938, als die Besetzung Abessiniens immer kritischer wurde. Wurde zu Beginn des Überfalls noch die exotische Erotik als Motivation für die Soldaten genutzt, werden Schwarze nun rassistisch abqualifiziert. Auch der Beginn des Antisemitismus mit antisemitischer Gesetzgebung wird in dieses Jahr gelegt. Wobei Schieder betont, dass es weniger ein rassischer Antisemitismus wie bei Hitler war, sondern ein verschwörungstheoretischer: Juden hätten die Weltherrschaft als Ziel und betrieben deshalb offensiv die Unterminierung der italienischen faschistischen Herrschaft. Ausgeliefert wurden Juden bekanntlich erst in der Repubblica Sociale Italiana (RSI), dem unter deutscher Fuchtel stehenden Rumpfstaat Mussolinis ab 1943.

Der Beziehung zu Hitler wird breiter Raum zugewiesen, und wie Hitler machtpolitisch dachte und Mussolini am Köcheln halten wollte, zeigt das Faktum, dass Deutschland den abessinischen Widerstand gegen die italienische Okkupation mit Waffen versorgte, um die Macht Italiens nicht zu groß werden zu lassen. Als jedoch die Macht des Faschismus mit den Verlusten in Griechenland und Libyen auf des Messers Schneide stand, versuchte er mithilfe der Wehrmacht in beiden Fällen rettend einzugreifen.

Das Ende der Herrschaft wird psychologisierend erklärt. Aufgrund der militärischen Niederlagen und von Streiks in Norditalien wie der alliierten Bombenangriffe sei Mussolini immer mehr in eine Depression verfallen und nach der alliierten Landung auf Sizilien am 10. Juli 1943 habe er sich aus Rom zurückgezogen und nicht mehr aktiv in die Politik eingegriffen. Der Faschistische Großrat habe sich deswegen am 24. Juli 1943 von ihm losgesagt und dem König freie Hand gegeben, Mussolini am 27. Juli 1943 abzusetzen und verhaften zu lassen. Ob dies wirklich nur auf die Untätigkeit von Mussolini zurückzuführen sei, erscheint mir zu kurz gegriffen.

Abschließend geht Schieder auf die Befreiung vom Gran Sasso, der Besetzung Italiens durch die Wehrmacht und die Gründung des Rumpfstaats RSI, der in eine faschistische Polizeidiktatur mündete und Opposition wie Juden (per Gesetz nun eine "feindliche Nation") brutalst verfolgte, letztere wurden nun interniert und an Deutschland ausgeliefert.

Nach der Landung der Alliierten in Anzio (4. Juni 1944) dauert es fast noch ein ganzes Jahr, bis die Wehrmacht in Italien niedergerungen ist. Mussolini versucht schließlich Ende April 1945 zu fliehen, wird von Partisanen entdeckt und am 28. April 1945 mit seiner Geliebten Clara Petacci erschossen.

https://www.chbeck.de/schieder-benito-mussolini/product/13732444
https://www.allmystery.de/blogs/narrenschiffer/wolfgang_schieder__ider_italienische_faschismus



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04.01.2020 um 19:50
Franz Grillparzer - Der Gastfreund

7f233ac68c506f82 Gastfreund

Das erste, kurze einaktige Trauerspiel der Tragödientrilogie Das goldene Vlies aus 1819 verwendet die Sage des böotischen Königssohns Phryxus, ändert sie jedoch wesentlich ab, um dessen Tod durch schuldhaftes Verhalten zweier Seiten tragisch motivieren zu können.

Phryxus wird von seinem Vater auf Betreiben seiner Stiefmutter aus dem böotischen Königshaus vertrieben (soweit entspricht der Text der Sage) und gelangt, von Häschern verfolgt, nach Delphi, wo er im Wachtraum einem ihm unbekannten bärtigen Gott (Peronto) begegnet, von dem er ein goldenes Vlies erhält und auf dessen Sockel er das Wort Kolchis liest. Ihm wird "Sieg und Rache" prophezeit, ohne jedoch einen Hinweis zu erhalten, wem der Sieg und wem die Rache gilt.

Mit seinen Getreuen gelangt er reich mit Schätzen beladen auf einem Schiff an die Küste von Kolchis (im heutigen Georgien), wo Peronto, der Donnerer, als Hauptgott verehrt wird. Er trifft auf Medea, die zu Beginn des Stückes ein Reh als Opfergabe an der Statue von Peronto erlegt, und ihren Vater Aietes, dem König von Kolchis und seinem Ansinnen, sich hier anzusiedeln, weicht Aietes aus, indem er Phryxus mehrfach zusichert, nach seinem Gutdünken handeln zu können. Doch aus Gier nach den Schätzen plant Aietes bereits den Raubmord an Phryxus und seinen Gefährten.

Aietes begründet Medea gegenüber den geplanten Mord als Todesurteil wegen Gottesfrevel (Raub des Vlieses), außerdem breche er kein Gastrecht an einem Gastfreund, da er ihn nie eingeladen habe. Phryxus überreicht, als alle seine Gefährten bereits niedergemetzelt sind, Aietes noch das Vlies, verflucht ihn und wird erstochen. Medea entfernt sich vom Schauplatz und ihrem Vater.

Grillparzer stellt eine skrupellose, nach Macht und Reichtum gierige Elterngeneration auf die Bühne, deren Kindern einzig der Austritt aus der Elterngeneration (erzwungen wie freiwillig) bleibt. Für Phryxus endet dies tödlich, der Weg Medeas ist noch nicht abgeschlossen, ihr Abgang ist ein "Cliffhanger".

Text online:
http://www.zeno.org/Literatur/M/Grillparzer,+Franz/Dramen/Das+goldene+Vlies/Der+Gastfreund/%5BStücktext%5D

Der Unterschied zur antiken Phryxus-Sage kann hier nachkonstruiert werden:
Wikipedia: Phrixos

Ideenquelle von Grillparzer ist wahrscheinlich die Argonautika von Apollonios von Rhodos, ein Epos, das ca. 265 v. Chr. verfasst wurde.
Wikipedia: Apollonios_von_Rhodos



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06.01.2020 um 08:56
@Narrenschiffer
Wobei der Taugenichts von Eichendorff ja ganz bewusst so geschrieben wurde, es ging ihm wohl mehr um den Einklang von Seele und Natur, um die Wiederverzauberung der Welt. Weniger um komplexe Handlungsstränge. Mir fällt dazu immer Muck-Lamberty und seine Tanzwut Bewegung der frühen 1920er Jahre ein.



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11.01.2020 um 14:51
Philipp Ther - Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent

Ther - Ordnung

Ther ist ein deutsch-österreichischer Historiker, der am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien arbeitet. Mit diesem Buch legt er einen vor allem auf Wirtschaftsdaten beruhenden Überblick der postkommunistischen Staaten von bis 2014 vor. Stilistisch etwas irritierend ist, dass er immer wieder Anekdoten aus dem persönlichen Leben in den Text einbaut, eine für ein wissenschaftliches Werk doch etwas ungewöhnliche Methode.

Hauptsächlich anhand des BIP und zum Teil von Arbeitslosenzahlen prüft Ther, inwieweit die die Umsetzung der durch den Washington Consensus von 1989 definierten neoliberalen Ziele umgesetzt wurden und welche Auswirkungen diese Umsetzung zeitigte.

Sein Ergebnis ist, dass die Rahmenbedingungen letztlich über den - auch sozial verträglichen - Erfolg der Maßnahmen entschieden. Am schlechtesten schnitten die Staaten ab, die einen Neoliberalismus ohne flankierende Maßnahmen durchsetzten, da sich keine neue Mittelschicht entwickeln konnte, Menschen verarmten und ausländische Investitionen (FDI) zu einem Gutteil nur zu dem Zweck getätigt wurden, um Gewinne abzuschöpfen: Es wurde zwar ein stetig steigendes BIP generiert, was sich jedoch nicht in der Einkommenshöhe niederschlug. Die Armut blieb hoch, die soziale Kluft wurde größer: vor allem zwischen Stadt und Land.

Am erfolgreichsten waren die Staaten, welche neoliberale Grundsätze unterhöhlten, indem der Staat weiterhin interventionistisch auftrat, durch Sozialsysteme und durch einheimische Förderung der Wirtschaft und Industrie. Musterbeispiel dafür ist Tschechien. Auch die Slowakei begann ihren wirklichen Erfolgsweg erst dann, als die zunächst radikalen neoliberalen Maßnahmen zurückgenommen wurden.

Auch waren die Staaten, die einen staatsintervenistischen Neoliberalismus fuhren, günstigere Voraussetzungen, die Krise von 2008/09 zu bewältigen. Polen zum Beispiel hatte als einziger Staat niemals einen Wirtschaftsrückgang, sondern immer ein steigendes BIP. Mit ein Grund war auch, dass sich in Staaten wie Polen oder Tschechien eine neue tragende Wirtschaftsschicht entwickeln konnte: Klein- und Mittelunternehmen (KMU). Damit gab es einen doppelten Effekt: unabhängig Erwerbstätige wie eine unternehmerische Mittelschicht hatten ausreichend Mittel, um weiterhin am Wirtschaftskreislauf teilnehmen zu können, sprich: sie hatten Kaufkraft.

In einem Musterstaat des unflankierten Neoliberalismus, Lettland, schlug die Krise voll zu. 2009 sank das BIP pro Kopf um 17 Prozent, zwischen 2009 und 2012 sank die Bevölkerung um 9 Prozent (Auswanderung, höhere Sterblichkeitsraten). Für mich sind das Kriegswerte (während des Zweiten Weltkriegs starben in Deutschland neun Prozent der Bevölkerung).

Positiv sieht Ther die finanzielle Intervention seitens der EU, sowohl durch das PHARE-Programm in den 1990er Jahren als auch die Transferleistungen nach Beitritt zur EU. Die Höhe der Leistungen überstieg die des Marshallplans und diese wurden hauptsächlich in die Infrastruktur bzw. in rückständige ländliche Gebiete investiert, dienten also den flankierenden Maßnahmen, die der Gesamtwirtschaft bzw. Bewohnern in wirtschaftlich armen Gegenden zugute kamen.

Interessant ist auch der Vergleich von Schlüsselstädten: Prag, Bratislava und Warschau überholten Berlin mit dem BIP pro Kopf, und die von mir ermittelten Zahlen für 2017 zeigen, dass auch Wien überholt wurde. Wichtig ist die Gegenüberstellung zum durchschnittlichen Einkommen, wie sie Ther vornimmt: denn diese zeigt, dass das BIP pro Kopf nichts darüber aussagt, wie die Einkommensmöglichkeit der Bewohner ist. Die Einkommen in Berlin sind auch kaufkraftbereinigt höher als in Warschau, Prag oder Bratislava.

Insgesamt hätten mich tiefergehende Analsysen interessiert, so ist es ein Überblickswerk, das auch auf die Westinvestitionen in der DDR, Tschechoslowakei und Ungarn während der 1980er Jahre eingeht, die Ursachen des Zusammenbruchs des Sowjetsystems diskutiert und auch auf Russland und die Ukraine eingeht. Bulgarien und Rumänien werden am Rande gestreift. Dies erweckt den Eindruck, dass Ther nach persönlichem Interesse bzw. persönlicher Lebenserfahrung auswählt.

Abschließend geht Ther auf die Krisen in Südeuropa ein, wobei er sich auf Italien spezialisiert; auch hier, weil er in Italien einen Lehrauftrag hat. Griechenland und Spanien werden gestreift. Seine Conclusio: Die Erfahrungen in Ostmitteleuropa zeigen, dass für diese Länder ein unflankierter Neoliberalismus nicht die ideale Strategie wäre, sondern ein Transferprogramm, eine Unterstützung durch die EU. Er fragt sich, warum die für Ostmitteleuropa wichtige EU-Politik den südeuropäischen Ländern nicht gewährt wird.

Infolinks im Spoiler

Verlagsinfo:
https://www.suhrkamp.de/buecher/die_neue_ordnung_auf_dem_alten_kontinent-philipp_ther_42461.html

Rezensionen:
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-21580
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-philipp-ther-mit-dem-sonderzug-am-abgrund-entlang-13287923.html
http://www.sehepunkte.de/2015/01/26218.html
https://www.zeit.de/2014/41/philipp-ther-buch-osteuropa
https://www.vorwaerts.de/artikel/philipp-ther-analysiert-europas-neoliberale-ordnung

Washington Consensus:
Wikipedia: Washington_Consensus

Wirtschaftswerte für europäische Regionen 2017:
https://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/9618267/1-26022019-AP-DE.pdf/3997d4d9-4953-4ca6-9484-be0f41b4171b




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11.01.2020 um 22:24
Franz Grillparzer - Die Argonauten

Grillparzer - Argonauten

Im zweiten Drama der Trilogie Das goldene Vlies fährt Jason mit seinen Gefährten auf der Argo nach Kolchis, um das goldene Vlies zurück nach Griechenland zu holen.

Wie Phryxus ist der Thessalier Jason seines Thronerbe beraubt, und zwar von seinem Onkel Pelias. Dieser stellt Jason die Bedingung, das Vlies zurück nach Griechenland zu holen.

In Kolchis hat sich Medea in einen Turm zurückgezogen und bewahrt das verfluchte Vlies in einer Höhle, bewehrt von Bannflüchen und einer Schlange auf, um kein Unheil über ihre Familie und die Kolcher zu bringen.

Jason tritt fordernd auf und Medea rettet ihm zweimal das Leben, einmal im Turm vor ihrem Bruder Absyrtus, einmal vor einem von ihr selbst gebrauten Todestrank, den ihr Vater Aietes ihm reicht. Aietes verflucht und verstößt daraufhin seine Tochter Medea.

Auch wenn Jason und Medea sich ineinander verlieben, so bleibt bei Grillparzer der Fluch auf dem Vlies, und Grillparzer nationalisiert den Konflikt, wie Grillparzer überhaupt die Nationalisierung des Denkens im 19. Jahrhundert sehr früh bereits kritisch betrachtet und 30 Jahre nach diesem Stück im nationalen Denken die Keimzelle für Bestialität sieht. So lässt er die Kolcher die Griechen und die Griechen die Kolcher sich gegenseitig als Barbaren bezeichnen.

Jason umwirbt Medea in einer Art und Weise, die wir heutzutage als Integrationsangebot bezeichnen würden. Als Freiheitszeichen ist, dass Jason ihr die Kopfverschleierung abnimmt:
JASON.
Vergiß, was du gehört, was du gesehn,
Was du gewesen bis auf diese Stunde.
Aietes Kind ist Jasons Weib geworden,
An dieser Brust hängt deine Pflicht, dein Recht.
Und wie ich diesen Schleier von dir reiße,
Durchwoben mit der Unterirdschen Zeichen,
So reiß ich dich von all den Banden los,
Die dich geknüpft an dieses Landes Frevel.
Hier, Griechen, eine Griechin! Grüßet sie!


Er reißt ihr den Schleier ab.

MEDEA darnach fassend.
Der Götter Schmuck!

JASON.
Der Unterirdschen! Fort!
Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn;
So frei und offen bist du Jasons Braut.
Fluch und Verbannung von Medea durch ihren Vater ist mit einer Warnung verbunden, dass sie in Griechenland immer eine Fremde sein werde.
AIETES.
Du hast mich betrogen, verraten.
Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus.
Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis,
Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein.
Folg ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat,
Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach;
Leb im fremden Land, eine Fremde,
Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht;
Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland,
Wird dich verachten, wird dich verspotten,
Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begie
r;
Dann wirst du stehn und die Hände ringen,
Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland,
Getrennt durch weite, brandende Meere,
Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!
Jason holt das Goldene Vlies aus der Höhle, kann mit Hilfe eines von Medea gegebenen Tranks die Schlange überlisten, und bei der Abfahrt der Argonauten mit Medea, soll ihr Bruder Absyrtus als Geisel mitkommen, bis die aus der Bucht von Kolchis sind, damit die Kolcher das Schiff nicht angreifen. Doch Absyrtus stirbt lieber in Freiheit und stürzt sich über eine Klippe.

Der Fluch vom Vlies ist nicht gebannt, ganz im Gegenteil, mit dem Tod von Absyrtus verbindet sich ein weiterer Unglücksfall mit diesem Vlies. Jason beschuldigt Aietes, am Tod seines Sohnes Schuld zu tragen.

Formal nähert sich Grillparzer der griechischen Tragödie, aber immer noch nicht ganz: das Stück besteht aus vier Akten und die drei Aristotelischen Einheiten sind nicht umgesetzt. Es bedarf noch eines dritten Teils dieser Trilogie.

Text online:
http://www.zeno.org/Literatur/M/Grillparzer,+Franz/Dramen/Das+goldene+Vlies/Die+Argonauten



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16.01.2020 um 23:59
E.T.A. Hoffmann - Das Fräulein von Scuderi

Hoffmann-Das-Fraeulein-Scuderi

Die Mutter aller Kriminalgeschichten ist trotz so mancher nicht mehr ganz nachzuvollziehenden Wendungen immer noch eine Hammerlektüre. Die Idee des Goldschmieds René Cardillac, der sich nicht von seinen Schöpfungen trennen kann, den Käufern nachstellt und sie ermordet, ist alleine schon genial und mit dem Begriff "Cardillac-Syndrom" bis heute namengebend für Künstler, die sich schwer von ihren Werken trennen.

Hoffmann bettet die Story in eine reale Pariser Giftmordserie ein, wegen der ein Sondergericht namens Chambre ardente gebildet wurde, die freie Hand hatte, Proskriptionslisten zu erstellen, Verdächtige zu foltern und sie im Schnellverfahren brutalst hinzurichten. Sie wurden bei lebendigem Leib verbrannt.

Polizei und Chambre ardente verfolgen die unbekannten Schmuckmörder, und als Cardillac selbst ermordet aufgefunden wird, ist sein Geselle und Schwiegersohn in spe, Olivier Brusson, der Hauptverdächtige und in Untersuchungshaft, vor der Folter stehend. Der über 70-jährigen Madeleine von Scuderi, die Brusson seit der Kindheit kennt, gelingt es nach einem langen Gespräch mit Brusson und dem Geständnis eines Offiziers, dass er den ihn attackierenden Cardillac in Notwehr getötet hat, Ludwig XIV. von Brussons Unschuld zu überzeugen, ohne dass die ganze Angelegenheit vor Gericht kommt. Brusson geht frei und zieht mit der Tochter Cardillacs von Paris nach Genf.

Hoffmann sprengt mit dieser Novelle die Grenzen der Romantik und erschafft ein ganzes Genre: die mysteriöse Kriminalgeschichte, die durch eine außerhalb von staatlichen Ermittlungsbehörden stehende Hauptfigur aufgelöst wird. Und das Beeindruckende: Es ist nicht bloß ein Vorläufer, sondern die Geschichte ist auch heute noch eine faszinierende Lektüre.



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17.01.2020 um 16:59
Johann Nestroy - Der Talisman

Talisman

Nestroy brachte mit großem Geschick immer wieder gesellschaftliche Problemthemen auf die durch die Metternich'sche Zensur geplagte Wiener Volksbühne. Im Stück Der Talisman aus dem Jahr 1840 verwebt er zwei Ebenen:

1. Vorurteile (fokussiert auf die Haarfarbe)
2. Die arrogante Abgeschottetheit der gesellschaftlichen Schichten

Die gesellschaftlichen Schichten werden in diesem Stück durch Haarfarben repräsentiert:

- Rothaarige: Unterschicht
- Schwarzhaarige: bürgerliche Mittelschicht
- Blonde: Oberschicht
- Grauhaarige: Adel

Der rothaarige fahrende Friseurgeselle Titus Feurerfuchs erhält nach Hilfeleistung bei einem Kutschenunfall eine schwarze Perücke, welche ihm den Weg in die gutsherrliche Gärtnerei öffnet, und nur durch den Wechsel der Perückefarben erschließt sich ihm jeweils eine weitere gesellschaftliche Schicht bis hin zum Adel, nur kann das Verkleidungsspiel nicht gut gehen, da er immer wieder erkannt und verstoßen wird. Zuletzt lehnt er eine Erbschaft ab, als diese ihm eine Ehelichung in einem höheren Stand trotz roter Haare ermöglicht hätte, und heiratet die rothaarige Gänsehüterin Salome.
Daß ich nun ohne Erbschaft keine von denen heiraten kann, die die roten Haar' bloß an einem Universalerben verzeihlich finden, das ergibt sich von selbst; ich heirat' die dem Titus sein'n Titus nicht zum Vorwurf machen kann, die schon auf den rotkopfeten pauvre diable a biss'l a Schneid hat g'habt, und das glaub' ich, war bei dieser da [Salome] der Fall.
Auch bietet das Stück Potenzial, nicht nur possenhaft gespielt zu werden, da es beim ersten Auftritt von Salome sehr wohl einen höchst aggressiven jugendlichen Mob auf die Bühne bringt, der Salome sich als Opfer wählt:
SALOME (in ärmlich ländlichem Anzug und rote Haare, kommt aus dem Hintergrunde links). Da geht's ja gar lustig zu; wird schon au'm Tanzboden 'gangen, net wahr?
CHRISTOPH kalt. Is möglich.
SALOME. Ös werdt's doch nix dagegen hab'n, wenn ich auch mitgeh'?
HANNS. No ja, – warum net, – mitgehn kann jed's.
CHRISTOPH (mit Beziehung auf ihre Haare). Aber's is weg'n der Feuersg'fahr.
HANNS (ebenso). Es is der Wachter dort –
CHRISTOPH (wie oben). Und der hat ein'n starken Verdacht auf dich; du hast deine Gäns' beim Stadl vorbeitrieben, der vorgestern abbrennt is.
HANNERL. Und da glaubt man, du hast'n anzund'n mit deiner Frisur.
SALOME. Das is recht abscheulich, was ihr immer habt's über mich; – aber freilich, ich bin die einzige im Ort, die solche Haare hat. Für die Schönste wollt's mich nicht gelten lassen, drum setzt's mich als die Wildeste herab.
DIE MÄDCHEN. Ah, das is der Müh' wert, die wollt' die Schönste sein!
CHRISTOPH (zu Salome). Schau halt, daß d' ein Tänzer find'st.
SEPPEL (ein sehr häßlicher Bursch). Ich tanz' mit ihr, was kann mir denn g'schehn?
CHRISTOPH. Was fallt dir denn ein? Ein Kerl wie du, wird doch eine andere krieg'n?
SEPPEL. Is auch wahr, man muß sich nit wegwerfen.
1976 wurde diese Szene bei den Salzburger Festspielen durchaus aggressiv auf die Bühne gebracht. Ab 2:13 im Spoiler

Gabriele Schuchter und Georg Schuchter in Johann Nestroys "DER TALISMAN" (1976)





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18.01.2020 um 09:21
Ich wollte schon lange mal einen Tom Wolfe Roman lesen, aber es hat sich irgendwie nie ergeben. Als ich dann vor ein paar Monaten eine gebundene Ausgabe von "Ein ganzer Kerl" in einem Bücherschrank gefunden hatte, war es dann endlich soweit.


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Der titelgebende "ganze Kerl" ist Charlie Croker, eine ehemalige College-Football Legende, der nach dem College eine Karriere als Immobilien-Tycoon hingelegt hat. Mittlerweile 60 geworden und schwer reich, mit mehreren Häusern, einer riesigen alten Plantage, Privatflugzeug. Leider hat er sich bei seinem letzten Deal schwer verzockt und die Planners Banc, sein Kreditgeber, will ihn in Grund und Boden pfänden. Parallel dazu soll der absolute Football-Star des Colleges die Tochter eines der reichsten Geschäftsleute und natürlich ein Kumpel von old Charlie, vergewaltigt haben.
Wolfe entfaltet ein breites Panorama der gesellschaftlichen Verhältnisse im Süden der USA zum Ende des 20 Jahrhunderts. Der Roman besticht durch seine genauen und präzisen Figurenzeichnungen und den Blick für gesellschaftliche Veränderungen und Verwerfungen. Besonders treffend sind oft die inneren Monologe der verschiedenen Protagonisten. Es geht um Rassismus und Gier und um Loyalität. Ein sehr gelungenes Gesellschaftsportrait.



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21.01.2020 um 14:10
@Narrenschiffer


Ich staune immer wieder was du alles liest und in welcher Geschwindigkeit. Du bist bestimmt ein spannender Gesprächspartner.

Gibt es irgendein Themengebiet für das du kein Interesse aufbringen kannst?



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22.01.2020 um 12:56
cleeseOriginal anzeigen (0,2 MB)
Das Vorwort war vielversprechend :lv:



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25.01.2020 um 22:54
Stefan Kühl - Ganz normale Organisationen

Khl

Der Bielefelder Soziologe Kühl legte vor einigen Jahren eine Studie vor, welche es sich zum Ziel setzte, die Motivation der Mitglieder des Hamburger Polizeibatallion 101, an der Tötung von Juden aktiv teilzunehmen. Im Raum Lublin wurden von dieser Einheit Zehntausende Juden ermordet.

Kühls Ausgangspunkt ist, dass Daniel Goldhagens Ansatz, dass die Einheit Hitlers willige Vollstrecker, also zweckmotiviert waren, zu kurz greife, sondern die Handlungsmotivation wie in "normalen Organisationen" sich aus fünf Motivierungselementen zusammensetze:

1. Zweck und Ziel der Organisation (Goldhagens Ansatz)
2. Zwang
3. Kollegialität bzw. Kameradschaft
4. Geld bzw. materieller Vorteil
5. Attraktivität der Handlung (in diesem Fall Ausleben eines Sadismus)

Kernthese Kühls ist, dass die meisten Tötungen ausschließlich im Organisationszusammenhang des Polizeibatallions stattfanden und nur wenige Mitglieder auf eigene Faust durchs Ghetto streiften und wahllos Juden erschossen (Motivierungselement 5). Auch war die Bereicherung nicht Hauptmotivationsgrund, es gab keine Plünderungsbefehle, sie waren offiziell verboten, wenn aber auch durchgehend weggeschaut wurde, wenn sich Einzelne oder Gruppen von Ermordeten Wertgegenstände in die eigene Tasche steckten.

Wenn nun, wovon Kühl ausgeht, nicht die Mehrheit der Mitglieder des Batallions so weit von der NS-Doktrin, dass sämtliche Juden zu töten seien, überzeugt war, stellt sich die Frage: warum sie es taten. Kühl ist der Ansicht, dass durch Propaganda, Befehle, Verordnungen und Gesetze, welche die Tötungen rahmten, eine Indifferenzzone geschaffen worden ist, sodass die Mitglieder Befehle zu Massenerschießungen oder Tötung von nicht mobilen Greisen und Kindern während Räumungsaktionen als legitimen Teil ihrer polizeilichen Tätigkeit sahen bzw. die Befehle für legitim ansahen.

Für die Organisation hatte die Ausweitung der Indifferenzzone den Vorteil, dass eben nicht alle an den Tötungen beteiligten Polizisten von diesen persönlich überzeugt sein mussten, sondern sie nur als legitimen Teil ihrer Arbeit anerkennen mussten, solange es den Befehl dazu gab.

Dies ermöglichte es, die vorhandenen Zwangsmaßnahmen bei Befehlsverweigerung nicht auszuschöpfen, solange das Einsatzziel nicht gefährdet ist. So ist bezeugt, dass Mitglieder der Einheit, die nicht in der Lage waren, diese grausamen Tötungsbefehle durchzuführen, andere Aufgaben wie zum Beispiel die Raumsicherung durchführten, da immer ausreichend Polizisten vorhanden waren, die bereit waren, zu schießen.

Wenn die These, dass es ausreicht, eine Indifferenzzone in einer Organisation zu schaffen, um ihre Mitglieder dahin zu bringen, massenhaft zu töten, eine Erkenntnis ist, dann ist sie erschreckend, da keine "Bestialität" bei den Tötern zu Grunde liegen muss, sondern es ausreicht, das Töten als legitime, von einer Autorität befohlene Handlung innerhalb eines Aufgabenbereichs einer Organisation zu sehen.

Um zu erläutern, was unter dem Begriff Indifferenzzone zu verstehen ist, hier eine Definition von Univ.Prof Dr. Jürgen Weibler aus Hagen:
Ein Spektrum pauschal akzeptierter Verhaltensweisen von Vorgesetzen, in dem verschiedene Arten der zielorientierten Steuerung möglich sind. So lange sich Einflussversuche in diesem Rahmen bewegen, sind die Adressaten hiervon nicht notwendigerweise an näheren Begründungen interessiert und leisten bereitwillig Gefolgschaft (Gehorsam). Erzeugt wird dieser Effekt im Wesentlich durch das über Arbeitsverträge abgesicherte Direktionsrecht – also der Befugnis, Arbeitnehmern Anweisungen zu erteilen.

https://www.leadership-insiders.de/lexikon/indifferenzzone/
Wie sehr diese Indifferenzzone entwickelt war, zeigt Kühl daran, wie lange es in der Bundesrepublik brauchte, diese Tötungen juristisch überhaupt als Mord anzuerkennen, da sich geweigert wurde, einen rückwirkenden Tatbestand des "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" einzuführen, wie es der Nürnberger Prozess der Alliierten tat. Juristen in der Bundesrepublik argumentierten lange, dass das Handeln der Töter keine Tat war, sie keine Täter waren, da sie, wenn im Organisationszusammenhang Tötungen durchgeführt wurden, sie im legalen Auftrag handelten und somit gegen kein Gesetz verstießen.

Ein nicht leicht zu lesendes Buch, auch aufgrund der vielen Fußnoten mit Ergänzungen und Literaturverweisen, aber eines, das zum Nachdenken anregt. Beeindruckend ist, dass praktisch sämtliche wissenschaftliche Literatur zum Holocaust reflektiert und in einem sehr langen Literturverzeichnis gelistet ist.

https://www.suhrkamp.de/buecher/ganz_normale_organisationen-stefan_kuehl_29730.html
https://www.hsozkult.de/review/id/reb-22444?title=s-kuehl-ganz-normale-organisationen

Ein sehr hörenswerter Vortrag Kühls zu diesem Thema im Spoiler

Ganz normale Organisationen - Organisationssoziologische Analyse des Holocaust





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29.01.2020 um 15:03
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30.01.2020 um 13:19
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Lexter
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30.01.2020 um 13:27
Helmut Krausser - Schmerznovelle

41bJWZaotL. SY445 QL70

Im Titel klingt Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" an: Ein außerordentliches Ereignis verändert das Leben eines Arztes. Er opfert seinen Urlaub in einem mondänen österreichischen Badeort, um die Persönlichkeitsspaltung der Johanna Maria Palm zu untersuchen, deren Mann unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist. Nach eigenem Verständnis führender Spezialist auf dem Gebiet sexueller Aberrationen, gerät der Arzt bald in den Bann von Johannas erotischer Ausstrahlung. Die rätselhafte, doch souveräne und überlegene Frau verunsichert den eitlen Narzissten so, dass er seinen medizinischen Ehrenkodex vergisst. Wird sie zu seiner Marionette oder er zu ihrer? Ist sie tiefer in das Ableben ihres Mannes verstrickt, als die Staatsanwaltschaft ahnt? Alles eskaliert und mündet in eine Tragödie ...



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02.02.2020 um 11:14
Insane Productivity for Lazy People - Andrii Sedniev




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Mutantenwelt - Corben
(comIcs aus den 70ern)


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03.02.2020 um 23:05
Kjell Westö - Das Trugbild

9783442754311

Westö ist finnischer Schriftsteller schwedischer Sprache und thematisiert in diesem kurzen, streng komponierten Roman die schwedischsprachige Gesellschaft Helsinkis/Helsingfors von März bis November 1938, als sich Brüche zeigten, welche die Menschen Finnlands zerriss.

In diesem kammerspielartigen Roman werden die Ereignisse aus zwei Perspektiven erzählt:

- Claes Thune (Rechtsanwalt)
- Milja Matilda Wiik (seine Kontoristin)

Thune trifft sich seit Jahren mittwochs mit einem Freundeskreis schwedischer Intellektueller (Ärzte, Schauspieler, Unternehmer) mit dem ursprünglichen Ziel, die schwedische Sprache in Finnland zu fördern, und dem privaten Ziel zu saufen. Ein Bruch dabei ist, dass einer der Mittwochsklubmitglieder, der Arzt, Robert Lindmark, Thunes Frau ausgespannt hat, was zur Scheidung geführt hat. Thune versucht mit Lindmark ein freundschaftliches Verhältnis aufrecht zu erhalten, nicht zuletzt wegen Joachim Jagy, dem jüdischen Schauspieler, der immer mehr in Depression verfällt und von Lindmark in einer geschlossenen Anstalt ärztlich betreut wird.

Wiik stammt - im Gegensatz zum bürgerlichen Thune - aus der Arbeiterschicht, und mit ihren Rückerinnerungen geht Westö in die Jahre 1918/19 zurück, in die Zeit des finnischen Bürgerkriegs, in dem die "Roten" militärisch geschlagen wurden. Wiik wurde als junge Frau in Lagern inhaftiert, deren Grausamkeiten Schritt für Schritt enthüllt werden (Hunger, willikürliche Erschießungen, Vergewaltigungen).

Die Rechtsanwaltskanzlei wird immer wieder von einem "Hauptmann" aufgesucht, der sich Wiik annähert, und sie erkennt bei einem der Treffen, dass er derjenige ist, der in einem der Lager sie regelmäßig nächtens aufgesucht und vergewaltigt hat. Sie lädt ihn schließlich zu sich in die Wohnung, schläft mit ihm und erschießt ihn und sich selbst.

Anfangs- und Endkapitel umfassen den 16. November 1938 (Wiik erscheint nicht in der Kanzlei, Thune fährt zu ihrer Wohnung bzw. Thune sieht, wie zwei Leichen aus Wiiks Haus getragen werden). In diesen Rahmen werden die Ereignisse ab dem 16. März 1938 chronlogisch eingebettet - aus der Sicht Thunes und Wiiks.

Der Titel "Trugbild" bezieht sich einerseits auf ein Lied, das Wiiks Bruder komponiert hat, andererseits auf die Sicht der Einzelnen auf die Welt wie auch auf die anderen Menschen. So stellt sich am Ende heraus, dass der "Hauptmann", den Wiik erschießt, niemand anderer ist als Robert Lindmark.

Auch zerfällt in diesen sechs Monaten der Kitt, mit dem familiäre wie freundschaftliche Verhältnisse zusammengebunden sind. Die Brüche des Bürgerkriegs tun sich wieder auf, verschärft duch radikalen Nationalismus (Finnen vs. Schweden, die beide ihre auch gewaltbereiten faschistischen Organisationen bilden). Thune als Liberaler, der Pathos und Liederlichkeit als zwei Seiten derselben Medaille sieht, ist am Ende alleine. Joachim Jagy ist als Jude nicht nur gesellschaftlich ausgegrenzt, sondern verzweifelt an den ihn umgebenden Verhältnissen in einer psychiatrischen Anstalt.

In die Reflexionen und Gespräche bricht immer (positiv kommentierend wie verabscheut ablehnend) die deutsche Politik ein: die Annexion Österreichs, die Judenquälereien in Wien, die Annexion des Sudetenlandes, die Reichspogromnacht.

Die Kehrseite dieses nicht sehr umfangreichen Psychothrillers ist, dass sehr viel angesprochen ist, aber nicht in die Tiefe geht. Vieles bleibt an der Oberfläche, als ob Westö sich nicht wirklich getraut, in die Abgründe der finnischen Geschichte einzutauchen, sondern sie nur andeutet.

Dennoch: lesenswerte Lektüre, da es Westö gelingt, die Spannung aufrecht zu erhalten und für einen mit der finnischen Geschichte nicht ganz so vertrauten Leser wie mich doch Neues anspricht. Als Finne wäre es mir vermutlich zu seicht, da ich nicht davon ausgehe, dass der finnische Faschismus eine Geheimakte ist.

Infolinks im Spoiler

Verlagsinfo:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Das-Trugbild/Kjell-Westoe/btb-Taschenbuch/e491602.rhd

Rezensionen:
https://www.nzz.ch/feuilleton/buecherherbst/finnlandschwedische-weltliteratur-1.18395039
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article133165716/Finnland-ist-ein-absurdes-Land.html




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