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5.257 Beiträge, Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur, Bildung, Romane, Sachbücher
sonar67
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27.11.2019 um 13:16
41tOZZanNUL. SX327 BO1204203200

Der seltsamste Mensch: Das verborgene Leben des Quantengenies Paul Dirac
von Graham Farmelo

Ein Muss für alle, die irgendwie an theoretischer Physik oder am Autismus interessiert sind. Diracs wissenschaftlicher Werdegang und sein privates Leben sehr detailliert und auch unterhaltsam beschrieben.



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28.11.2019 um 21:37
Euripides - Medea

9781482381382

Ein Menschheitsdrama der Extraklasse.

Medea ermordet ihren Bruder und verrät ihr Vaterland, um mit dem griechischen Schönling Jason samt dem Goldenen Vlies aus Kolchis zu entfliehen. Jason zieht mit ihr nach Korinth, sie haben zwei Söhne, und Jason beginnt mit der Königstochter Kreons ein Techtelmechtel, zieht von seiner Frau weg und plant die Königstochter zu heiraten.

Medea ist nicht nur die düpierte Gattin, sie ist auch eine Fremde, die nicht mehr in ihre Heimat zurück kann. So plant sie die totale Rache. Als Magierin webt sie ein Brautkleid, das die Königstochter wie auch Kreon verbrennt, und da sie damit rechnet, dass ihre Söhne auch getötet werden, bringt sie diese um. In einem letzten Dialog mit Jason, der die bereits toten Söhne noch retten will, entflieht sie auf einem fliegenden Drachen ihres Sonnengottes.

Euripides packt in dieses Drama zwei Themen, die bis zum heutigen Tag aktuell sind und die Feuilletons bestimmen: Das Aufeinanderprallen zweier Kulturen und Frauen als Spielball dominanter Männer. Die Rache der gedemütigten Fremden ist unerbittlich.

Und gleich zu Beginn stellt Euripides klar: Wenn der imperialistische, das Vlies rauben wollende Grieche Jason nicht in Kolchis aufgetaucht wäre, hätte es nie zu dieser Tragödie kommen können. Er lässt die Amme in Medeas Haushalt sprechen:
AMME.
Oh, wäre durch die schwarzen Wunderfelsen nie
Das Schiff geflogen, steuernd nach dem Kolcherland,
Wär auf den Waldhöhn Pelions nie der Fichtenstamm
Durchs Beil gefallen, hätte nie zum Steuer gedient
Der Hand erkorner Helden, die das goldne Vlies
Dem Pelias holten! Nimmermehr wär auch geschifft
Medea, meine Herrin, dann zur Griechenstadt,
Von Jasons Liebe hingerissen und betört,
Und hätte Pelias' Töchter nie zum Vatermord
Verführt und wohnte nicht im Land Korinthos hier
Mit Mann und Kindern – bei den Bürgern zwar beliebt,
In deren Land sich niederließ die Fliehende,
Und treu zur Seite Jason stehend überall,
Worauf die Wohlfahrt allermeist im Haus beruht,
Wenn mit dem Manne einträchtig wirkt des Weibes Sinn. –
Doch nun ist alles feindlich, und das Leben siecht,
Weil Jason meine Herrin samt den Kindern hat
Im Stich gelassen und die junge Fürstin freit,
Die Tochter Kreons, der in diesem Land gebeut.
Nach der Ermordung der beiden Söhne bereut Jason, keine Griechin, sondern eine barbarische Fremde geheiratet zu haben:
JASON.
O Scheusal, o im Grund der Seel verhaßtes Weib
Den Göttern und der ganzen Menschheit so wie mir!
Die gegen ihre Kinder könnt, ihr eigen Blut,
Das Eisen zücken, morden mich durch ihren Mord!
Und schaust nach solcher Handlung noch das Sonnenlicht,
Die Erde noch nach solcher ganz ruchlosen Tat?
Verdirb! O hätt ich's damals eingesehn wie jetzt,
Als aus der Heimat wildem Land und Volk ich dich
Entführt' ins schöne Griechenland zum Fluche mir,
Des Vaters und des Vaterlands Verräterin.
Der Himmel stürzte deinen bösen Geist auf mich,
Denn deinen Bruder schlugst du tot am Vaterherd,
Bevor du ins schönbordge Schiff der Argo stiegst.
In solcher Art begannst du. Jetzt, vermählt mit mir
Und Mutter trauter Kinder, die du mir geschenkt,
Erschlugst du sie aus Eifersucht ums Ehebett.
Dies hätte nie ein griechsches Weib zu tun vermocht!
Und ihnen hab ich vorgezogen deine Hand,
Ich Tor, zum widerwärtigen, unheilvollen Bund,
Dich, grimmge Löwin und kein Weib, von wildrer Art,
Als Skylla ist, das Ungeheur Tyrseniens.
Daran schließt der Streit, wer denn Schuld an dieser Tragödie sei, und beide geben sich nichts. Jason steht dazu, dass es sein Recht ist, Medea stehen zu lassen und sie solle seine Eskapaden schlichtweg erdulden:
MEDEA.
Gewiß, doch wenn nur du nicht lachst, ist's Trost für mich.[670]
JASON.
O Kinder, welch ein schlechtes Weib hieß Mutter euch!
MEDEA.
O Kinder, welch ein törger Vater mordet' euch!
JASON.
Hat meine Hand doch wahrlich nicht den Mord verübt!
MEDEA.
Dein Übermut und deine neugeschloßne Eh!
JASON.
War dir das Bett so wichtig, sie zu töten drum?
MEDEA.
Geringe Kränkung, meinst du, sei dem Weibe das?
JASON.
Ja, wenn sie sittsam – du bist aller Tugend bar.
Die Übersetzung von Johann Hartung ist umwerfend gut, online
http://www.zeno.org/Literatur/M/Euripides/Tragödien/Medea

Eine unfassbar gute Verfilmung ist Pasolinis Fassung aus dem Jahr 1969 mit Maria Callas in der Hauptrolle. Auf YouTube gibt es die italienische Originalfassung mit spanischen Untertiteln. Hier im Spoiler
medea pier paolo pasolini



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28.11.2019 um 22:02
Erich Hackl - Tschofenigweg. Legende dazu

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Dies ist die dritte und letzte Geschichte aus Hackls Drei tränenlose Geschichten.

Gisela Tschofenig (geb. Taurer) wurde am 27. April 1945 im Lager Schörgenhub in Linz/Donau von SS-Schergen ermordet. Bei der Räumung des Lagers (am Tag, als in Wien die Republik wiederhergestellt wurde) hoben die Lageraufseher Gruben aus und erschossen wahllos internierte Frauen. Erst lange nach Ende des Krieges wurden die Leichen exhumiert und bestattet.

Hackl ging dem Schicksal dieser Frau nach, die aus einer Kärntner Eisenbahnerfamilie stammte und mit dem Kommunisten Josef Tschofenig verheiratet war, der das KZ Dachau überlebte und ab 1945 ein verbitterter Funktionär der KPÖ (Kommunistischen Partei Österreichs) war.

Das Kind am Foto oben könnte Hermann sein, der sich von seinem Vater entfremdete, als dieser wieder heiratete, und in die Schweiz ging.

Anlass für diese Aufarbeitung war für Hackl, dass 2006 in Linz in einer Wohngegend ein Weg nach Gisela Tschofenig benannt wurde.

2adb9a5cb8569e5c Bildschirmfoto 2019-11-28 um 21.48.25Original anzeigen (1,2 MB)

Das Porträt von Gisela Tschofenig (wohl mit Sohn Hermann) stammt von der Webseite der KPÖ-Oberösterreich:
http://ooe.kpoe.at/article.php/20060214103355160

Die drei Fotos vom Tschofenigweg stammen aus einer Diplomarbeit an der Pädagogischen Hochschule Linz von Christine Todter:
http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/lernmaterial-unterricht/abschlussarbeiten/christine-todter-arbeitserzie...



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29.11.2019 um 08:50
Jack London: Abenteurer des Schienenstranges

Eine autobiographische und schonungslose Erzählung des Landstreicherlebens in den USA gegen Ende des 19. Jhdts.
Näher kommt man den damaligen Hobos nicht mehr.



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30.11.2019 um 08:42
Ivo Andric:
"Die Brücke über die Drina"
Ein beklemmendes Buch.
Ein befreiendes Buch.
Erinnert ein wenig an
"The Book of Secrets" von
Loreena McKennit

Liebe Grüße von Claudia



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01.12.2019 um 22:13
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Dr.Manhattan
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03.12.2019 um 08:23
@cyberxxx

hol dir unbedingt das buch "stille spricht" von tolle

ist find ich am fruchtbarsten für einen spirituellen menschen



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03.12.2019 um 18:15
Gerade angefangen aus der Reihe "Kabinett der Phantasten" die Nr. 67:
"Bahnknotenpunkt Mugby" + "Das Abgeltungshaus" von Charles Collins.

Die Sammelreihe aus dem jmb-Verlag, die sich ausschließlich dem "Übernatürlichen" in Form von Kurzgeschichten, Novellen usw. bekannter, anspruchsvoller Autoren vorwiegend aus dem angelsächsischen, aber auch dem deutschen Sprachraum widmet, ist absolut empfehlenswert!
Preislich mit 7 EUR je Band o.k.
Und, mit Vor- und Nachwort, ist man i.d.R. in einer Stunde "durch".
Das Richtige für einen Abend auf der Couch vorm Kamin zum Abspannen mit Gänsehautfeeling...
👍
Claudia



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03.12.2019 um 18:29
Geschichte Berlins (Beck'sche Reihe) von Bernd Stöver

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Berlin ist zweifellos ein slawischer Name, weil -in das slawische Pendant zum germanischen -ing(en) ist. Es mag sich aus brlo +in herleiten, was soviel wie Sumpf heißt. Noch heute steht polnisch błoto für Matsch, Sumpf, Schlamm, Morast.
Auf der heutigen Spreeinsel war damals die Stadt Cölln an der Spree bereits vor Berlin gegründet worden (heute noch: Neukölln). Bis in die Neuzeit bildete Cölln eine eigene Stadt. Köln kommt vom slawischen kol- her, was soviel wie Pfahl, Stange heißt. Noch heute heißt kołek im Polnischen soviel wie Stift, Pfahl, Block.
Sumpfstadt und Pfahlstadt waren lange slawisches Gebiet, wenn auch in Berlin selber nie Slawen ansässig gewesen sein dürften. In Brandenburg war dies sehr wohl der Fall. Darum sind die Ostdeutschen heute noch so anders ;)

Neukölln hieß eigentlich Rixdorf, von ursprünglich Reinardsdorp (Dorf des Ritters Reinhard) -> Ricksdorff -> Rixdorf. Allerdings genoss das Viertel den Ruf eines Lustviertels, was man mit der Umbennung in Anlehnung an Alt-Cölln ändern wollte.

Lest es nicht, sonst fragt ihr euch bei jedem Ortsnamen, woher er kommt und werdet verrückt!



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06.12.2019 um 23:39
Nibelungenlied (Übers. Uwe Johnson, Manfred Bierwisch)

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Die in den 1950er Jahren als Auftragsarbeit des Leipziger Reclam-Verlags entstandene Prosa-Übersetzung zählt zu den ganz großen Würfen. Zurecht. Nicht nur weil es der Doyen der mittelalterlichen Germanistik, Peter Wapnewski, feiert, sondern auch weil es einach großartig zu lesen ist.

Dabei ist die Entstehungsgeschichte dieser Übersetzung alleine schon ein Abenteuer. Manfred Bierwisch, Germanistikstudent in Leipzig und aus politischen Gründen vorbestraft, erhält vom Reclam-Verlag einen Werkvertrag zu einer Prosa-Übersetzung des Nibelungenlieds. Er ist lungenkrank und will eigentlich an seiner Linguistik-Dissertation schreiben, sein Freund Uwe Johnson ist bettelarm. So entscheiden sie, gemeinsam am Projekt zu arbeiten. Die Arbeitsweise: Johnson übersetzt, Bierwisch liest gegen, beide Entscheiden über eine Endversion.

Die Übersetzungskonzeption ist schnell gefunden: Namen werden in ihrer alten Form wiedergegeben, damit aus einem Sîfrit kein Sigfried wird. Damit gibt es keine Banalisierung, keine ungewollte Aktualisierung. Der Text bleibt in seiner Länge erhalten und die Prosa überbrückt die formale Distanz der alten Versform. Damit schaffen die beiden beinahe ein neues Kunstwerk für unsere Zeit: beklemmende Nähe der Brutalitäten bei gleichzeitiger Fremdheit der Akteure.

Wenn zum Beispiel 9000 Leute des burgundischen Gesindes noch vor dem Showdown am Ende am Hunnenhof erschlagen werden, drängt sich (für mich) unweigerlich ein Vergleich auf: Srebrenica. Die im Original übertrieben hohen Zahlen an Gesinde sind im Nibelungenlied eigentlich nur literarisch notwendiges Beiwerk (Könige müssen mit großem Gefolge reisen, sonst sind sie keine Könige, und das wird bei allen möglichen Reisen bis zur Unmöglichkeit durchgezogen). In der Prosaübersetzung tauchen vor dem Leserauge Bilder von tausenden Hingemetzelten auf.

Diese eingetümliche Ambivalenz der vors Auge geführten brutalen Realität bei gleichzeitiger Distanz findet sich schon ganz am Anfang, als Sîfrit zu den Burgunden am Rhein kommt, um Krîmhilt zur Frau zu gewinnen: Er droht Gunther, das ganze Burgundenland militärisch zu unterwerfen. Der war nicht ganz so erbaut über diese Option, also werden die vorbildlichen Ritter halt Freunde. Eine zeitlang zumindest. Der Rest ist wohl eh bekannt.

Um nochmal zur Übersetzung zurückzukommen. Das an manchen Stellen skurrile Werk verleitete die jungen Übersetzer auch zu einem Osterei dem Verlag gegenüber, das Bierwisch im Nachwort so beschreibt:
Im Gemetzel der vorletzten Aventiure sagt Meister Hildebrants Neffe Wolfhart, nachdem er und König Gunthers Bruder Gîselher einander erschlagen haben, zu seinem Oheim, die Verwandten sollten nicht trauern, »denn ich habe einen herrschaftlichen Tod durch einen König gefunden«. Dem hatte Johnson angefügt »Ich bin immerhin von einem Mercedes 600 überfahren worden!« Daß wir dies zur Meinungsbildung auch dem Reclam-Verlag im Manuskript unterbreitet haben, ist mir dann als Tücke ausgelegt worden, mit der die Aufmerksamkeit des Lektorats getestet werden sollte, was uns allerdings vollkommen ferngelegen hat: wir wußten ja, daß wir noch Korrektur zu lesen hatten.
Die Lobeshymne auf die Übersetzung von Peter Wapnewski 2006 in der ZEIT ist noch nachzulesen:
https://www.zeit.de/2006/25/L-Nibelungen_xml/komplettansicht

Ich schließe mich an. Obwohl ich die Versform des Originals genial finde, diese Prosaübertragung wird wohl nicht altern. Sie ist immer noch ein Lektüregenuss.



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08.12.2019 um 16:00
Funkystreet
schrieb am 03.12.2019:
Geschichte Berlins (Beck'sche Reihe) von Bernd Stöver
In der Beckschen Reihe gibts viele gute Bücher, z.B. auch die "7 Weltwunder" oder "Pilze"

------------------------------------

Das historische Grüne Gewölbe zu Dresden - Deutscher Kunstverlag

Katalog zur Dauerausstellung
Schön bebildert und informativ

So erfährt man z.B. dass die (mittlerweile gestohlene) große Brustschleife der Königin Brillianten mit einem
Gewicht von 600 Karat besaß.
Außerdem sammelte König August II eine Menge Zeugs, das aus heutiger Sicht sehr kitschig aussieht.
August II hatte einen ähnlichen Kunstgeschmack wie Rudolf Moshammer

Tischuhr


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10.12.2019 um 22:59
Vlada Urosevic - Meine Cousine Emilia

9783423249966

Vlada Urosevic, mittlerweile 85 Jahre alt, zählt zu den großen Schriftstellern Nordmazedoniens, und dieser aus 18 Episoden bestehende Roman ist der erste Text, den ich von ihm gelesen habe. Er bestätigt definitiv seinen hohen Status, den Urosevic in Literaturkreisen genießt.

Handlungsort ist Skopje am Ende des Zweiten Weltkriegs und zur Wende zum kommunistischen Jugoslawien. Der Ich-Erzähler dürfte so etwa zehn Jahre alt sein, als entfernte Verwandte, die bei den kommunistischen Partisanen engagiert sind, ihre etwas jüngere Tochter "abladen" und wieder verschwinden. Zwischen den beiden entsteht eine kindliche Freundschaft, die sich mit der Pubertät zu einer jungen Liebe entwickelt.

Durch die Episoden zieht sich eine Verbindung von realer Welt und kindlicher Traumwelt. So betrachten die beiden Kinder während Luftangriffen Mini-Elfanten im Gras und es gibt Einhörner wie auch Fantasiebäume oder Baumhexen im Garten.

In diese Traumwelt fließt immer die reale Welt ein: der Krieg, die kommunistische Umgestaltung in der Stadt, Armut, gespiegelt immer aus der Sicht von Kindern. Beeindruckend, wie die Familienmitglieder das nackte Überleben organisieren, wie die Kinder eine Zeit lang von einem Dorf mit dem Zug ins städtische Gymnasium fahren müssen, wie die Versorgung in Skopje kompliziert ist (die alten Geschäfte mit Waren aus Griechenland und dem türkisch-arabischen Raum enden, neue gibt es nicht), und selbst der typische Nebel der Wetterinversionszeit im Herbst wird eindrücklich beschrieben: die Leute finden ihr Haus nicht mehr.

Der kommunistische Umbruch wird in fantasiereichen Episoden geschildert. Das alte türkische Hamam, das nie als Bad genutzt wurde, ist ein Lager für alles Alte, das schließlich am Müll landet, aber es findet sich auch eine weibliche Mumie, die nicht identifiziert werden kann. Das gespenstische Hotel Lissabon, in dem Opa Simon Kontakt zu einem portugiesischen Advokaten pflegt, der immer mit einer schwarzen Droschke erscheint, wird nüchtern zum Hotel Fortschritt. Die alten Lehrer des Gymnasiums fliegen an einem Gewittertag im Sommer weg (nicht mit dem Flugzeug, sie entfliegen aus einem Fenster im Gymnasium wie Peter Pan), und im Herbst werden die Kinder durch ganz junge Lehrer unterrichtet.

Der junge Erzähler und Emilia finden sich in ihrer Kindheit nicht, ihre sexuellen Sehnsüchte werden nicht erfüllt. Beklemmend dabei das Kapitel, das die Pubertät abschließt: der Schuljahrgang des Erzählers zieht eines nachts in den Park, um Einhörner abzuschlachten, die von jungfräulichen Mädchen (so auch Emilia) eingefangen werden, wie es in alten mittelalterlichen Büchern steht, die Opa Simon und Onkel Filip in ihren kleinen Kammern sammeln.

Im Schlusskapitel wird die Liebesgeschichte versöhnlich abgeschlossen. Emilia lebt nach langer Zeit als Isabella im Pariser Quartier Latin und führt einen Briefmarkenladen. Der Erzähler tritt zufällig in das Geschäft ein, und beide erkennen sich.

Dies ist ein Roman der Sonderklasse mit einem erheblichen Schuss an magischem Realismus, der einem diese kleine Welt im Umbruch mit ihrer sehr schwierigen Lebenswelt überaus einfühlsam näherbringt.

Leider ist das Buch mittlerweile vergriffen, aber es noch Rezensionen online. Links im Spoiler
Der Autor:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vlada_Urošević
https://www.dtv.de/autor/vlada-urosevic-15549/

Rezensionen:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/jugend-im-krieg-einhoerner-jagen-in-skopje.950.de.html?dram:article_id=275720
https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/wenn-die-welt-kopfsteht-1.18391496
https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/124097533
https://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-vlada-urosevic-magier-der-sprache_id_3532901.html
https://www.esslinger-zeitung.de/medien-und-kritik_artikel,-magier-der-sprache-_arid,1116917.html




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12.12.2019 um 20:39
Stefan Zweig - Die Schachnovelle

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Habe nun ein altes, schon öfter und gern gelesenes Werk wieder ausgegraben, und trotz aller Nationalklischees immer noch faszinierend.

Die Figurenkonstellation ist schon sehr gewöhnungsbedürftig:

- Der Schachweltmeister ist ein plumper, fast blöder südslawischer Bauern- und Schiffersohn
- Der Amerikaner kann sich mit Geld alles kaufen und freut sich, damit nicht persönlich verpflichtet zu sein
- Der konservative Österreicher ist ein Feingeist

Aber die Story hat schon was. Dr. B. wird als Verwalter von kirchlichem und habsburgischem Vermögen nach der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland von der Gestapo gefangen genommen, um das Geld rauszupressen. Dabei wird er für fast ein Jahr im Hotel Metropole, dem Gestapo-Hauptquartier, für fast ein Jahr in Isolationshaft genommen. Mit einem gestohlenen Schachbuch beginnt er im Kopf Schach zu spielen, bis er fast schizophren wird. Knapp am Wahnsinn wird er nach einem Angriff auf einen Wächter freigelassen und kann schließlich Österreich verlassen.

Auf einem Schiff nach Argentinien trifft er auf den Schachweltmeister Czentowicz. Gegen ihn spielt er ein Remis und einen Sieg, bei der dritten Partie übermannt ihn jedoch seine Sucht, seine Manie, sein Schachfieber wieder und er bricht ab.

Sehr gelungen sind die Passagen, wie sowohl Isolationshaft wie auch das Schachspiel im Kopf einen Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Beinahe modern wirken zu Beginn die Kritikpunkte an einem eigentlich sinnbefreiten Spiel (heutzutage ersetzbar durch primitivere Spiele, mit denen die Hauptakteure viel Geld verdienen können).
Wie sollte ein einundzwanzigjähriger Bauernbursche aus dem Banat nicht den Eitelkeitskoller kriegen, wenn er plötzlich mit ein bißchen Figurenherumschieben auf einem Holzbrett in einer Woche mehr verdient als sein ganzes Dorf daheim mit Holzfällen und den bittersten Abrackereien in einem ganzen Jahr?
[...]
Im Prinzip war mir die Tatsache von jeher verständlich, daß ein derart einmaliges, ein solches geniales Spiel sich spezifische Matadore schaffen mußte, aber wie schwer, wie unmöglich doch, sich das Leben eines geistig regsamen Menschen vorzustellen, dem sich die Welt einzig auf die enge Einbahn zwischen Schwarz und Weiß reduziert, der in einem bloßen Hin und Her, Vor und Zurück von zweiunddreißig Figuren seine Lebenstriumphe sucht, einen Menschen, dem bei einer neuen Eröffnung, den Springer vorzuziehen statt des Bauern, schon Großtat und sein ärmliches Eckchen Unsterblichkeit im Winkel eines Schachbuches bedeutet – einen Menschen, einen geistigen Menschen, der, ohne wahnsinnig zu werden, zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre lang die ganze Spannkraft seines Denkens immer und immer wieder an den lächerlichen Einsatz wendet, einen hölzernen König auf einem hölzernen Brett in den Winkel zu drängen!
Ein immer wieder sehr lesenswertes kleines Büchlein. Und die Verfilmung mit Curd Jürgens in der Hauptrolle ist auch nicht zu verachten.



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14.12.2019 um 06:21
Heike B. Görtemaker

"Eva Braun
Leben mit Hitler"

Die Biografie von Eva Braun, der langjährigen Geliebten, und in den letzten Stunden auch Ehefrau des "Führers".

Faszinierend und beklemmend.

Eva Braun



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15.12.2019 um 23:25
Martijn Icks - Elagabal

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Kaiser Elagabal nannte sich eigentlich Marcus Aurelius Antoninus, stammte auch Emesa (heute Homs in Syrien), stilisierte sich als unehelicher Sohn Caracallas und damit als Severer, wurde von seiner Großmutter Julia Maesa gepusht, sodass einige Legionen ihn 218 n. Chr. als 14-Jährigen zum Kaiser ausriefen und der Senat ihn bestätigte. Kaiser Macrinus war eh ermordet und die Schwester seiner Großmutter war die Mutter von Caracalla, der dann ein Verhältnis mit seiner Mutter gehabt haben soll. Römische Bonzenfamilie, auch wenn sie aus Syrien stammte.

Also, ein 14-Jähriger, noch dazu Priester des syrischen Sonnengottes Elagabal (der Junge stammte aus einer Priesterfamilie), wird Kaiser, lässt sich in Rom ankündigen und zieht mit dem schwarzen Stein des Sonnengottes Elagabal, der mal ein Berggott war, nach Rom, lässt sich ankündigen und setzt seinen Gott als Obergott in Rom ein. Der junge Kaiser ist beschnitten, isst kein Schweinefleisch und lässt jeden Morgen Stiere und Schafe opfern, deren Blut mit bestem Wein gemischt wird, und in Kleidern syrischer/assyrischer Priester, mit ordentlich viel Schminke im Gesicht, tanzt er zu den Opferungen. Da rümpfen einige alteingesessene Römer die Nasen, obwohl sie eigentlich zunächst froh waren, dass ein Kaiser wieder mal nach Längerem in Rom residierte.

Und so richtig hat er ja auch nicht ins Reich eingegriffen, er führte keine Kriege und es sind archäologisch Zeugnisse erhalten, dass an der Infrastruktur repariert wurde, so auch an Fernverbindungsstraßen.

Aber wirklich wichtig waren ihm (altersbedingt) eigentlich nur Frauen und sein Gott. Letzteren erhob er zum Hauptgott (darum wird der Kaiser auch Elagabal genannt), und er heiratete nicht nur in eine angesehene römische Familie ein, sondern verführte und heiratete auch eine Vestalin (diese Priesterinnen sollten eigentlich im Zölibat leben).

Den Prätorianern und einigen Senatoren ging dieser Teenage-Kaiser offensichtlich gegen den Strich, der junge Kaiser wurde im 18. Lebensjahr ermordet und alle seine Spuren sollten vernichtet werden (damnatio memoriae) - sowas wurde durch Stalin auch bei Trotzki probiert. Was nicht gelang, drei Historiker schrieben (sehr abschätzig) über ihn und die archäologischen Funde (darunter 31 Münzprägungen) sind auch erhalten.

Was ihm neben diesen ziemlich gesicherten Fakten angedichtet wurde, ist nicht belegt, zeigt aber, wie er gesehen wurde:

- Bei den morgendlichen Opferungen wurden auch Kinder geopfert
- Bei Banquetten wurden aus Spaß die Gäste ermordet (in einem Blütenmeer erstickt)
- Auf Besucher wurden wilde Tiere losgelassen (zum Erschrecken, aber manchmal zum Töten)
- Er war schwul und liebte große Gemächte
- Seine Liebhaber erhielten hohe Ämter, wurden aber nach Belieben ermordet
- Eine große Zahl von Senatoren wurde hingerichtet
- Er war so dermaßen androgyn, dass er sich eine Vagina hat operieren wollen (oder hat er lassen?)

So war Elagabal über Jahrhunderte zu den "schlechten Kaisern" gereiht und noch im Vergleich zu Nero ein "brutales Monster". Dann verschwand er in der Geschichte, bis Künstler des Fin de Siecle am Ende des 19. Jahrhunderts bzw. die schwule Kunstszene seit den 1960er Jahren bis heute wieder ausgegraben hat und zu einer Art schwulen Ikone wurde. Icks hat akribisch alle Belege gesucht und gelistet, in denen Elagabal wissenschaftlich oder künstlerisch verarbeitet wurde.

Und wer war dieser Kaiser wirklich? Das lässt sich vermutlich nie mehr rekonstruieren.

Verlagsinfo:
https://www.wbg-wissenverbindet.de/6726/elagabal

Rezension:
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-18880



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17.12.2019 um 14:14
Es ist ja immer ein wenig wie eine Wundertüte, ein Buch mit Abstand der Jahre erneut zu lesen - findet man es besser oder schlechter, erfasst man es anders? So nahm ich mir die Tage noch mal zwei Bücher von Philip Roth aus dem Regal.

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Die akademische Laufbahn eines alternden Professors endet, nachdem er aufgrund einer politisch inkorrekten Bemerkung vom College verbannt wird. Der Verbitterte beginnt (mit Viagra im Gepäck) eine Liaison mit einer halb so alten Putzfrau.

Roths obsessive Beschäftigung mit Sexualität ist bekannt. Bigotterie, moralische Entrüstung der Gesellschaft und Identität (er, hellhäutig, verheimlicht seine eigene afroamerikanische Herkunft) sind die Themen. - Natürlich geht das alles nicht gut aus.

Die facettenreiche Figurenschilderung und die lebenseinsichtige Erzählweise haben mir gefallen, doch die tragisch gezeichnete Vita der Charaktere wirkt stellenweise krampfig aufgedrückt.
Mich hat das Buch damals mehr angesprochen.

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9d85227b32dda7b3 dassterbendetier

Thematisch ähnlicher (Roth halt ...) Kurzroman: Die Souveränität eines gesetzten Literaturprofessors gerät im Zuge einer Liebschaft mit einer Studentin ins Trudeln.

Eine kurze Geschichte über Gelüste, Triebe, Verlustangst und schwindendes Selbstbewusstsein, Vergänglichkeit und einen Mann, der das Objekt seiner Begierde mit anderen Augen zu sehen beginnt, als er den krebskranken Körper der Frau betrachtet, deren volle Brüste ihn einst aus der Bahn warfen.

Der geistreiche Literat Roth lässt seinen Protagonisten viel jammern und das Ende ist seltsam konturlos. Aus diesem Thema hätte er mehr machen können, finde ich.

Tja, als Twen liest man wohl doch anders. Ich hoffe, dass ist kein schlechtes Zeichen. ;)



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17.12.2019 um 14:35
FlamingO
schrieb:
Es ist ja immer ein wenig wie eine Wundertüte, ein Buch mit Abstand der Jahre erneut zu lesen - findet man es besser oder schlechter, erfasst man es anders?
Ich bin ab und zu kurz davor "Portnoys Beschwerden" nochmal zu lesen, den ich damals großartig fand, aber irgendwie kommt immer ein anderes Buch dazwischen.
FlamingO
schrieb:
Der geistreiche Literat Roth lässt seinen Protagonisten viel jammern
Das hört sich ja wie die Kurzform von "Die Anatomiestunde" an.

Eigentlich bin ich ja ein großer Roth-Fan, aber "Die Anatomiestunde" war dann doch ein wenig zu zäh... zu selbstmitleidig.



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17.12.2019 um 14:43
@Groucho

Also, die beiden von dir genannten Bücher kenne ich nicht. Hab hier noch "Sabbaths Theater" und "Empörung" von Roth, aber die werde ich wohl vorerst nicht noch einmal lesen. Nun in der Adventszeit ist mir grad mehr nach Horrorlektüre zumute, vielleicht was von Clive Barker. :)



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17.12.2019 um 14:49
FlamingO
schrieb:
Hab hier noch "Sabbaths Theater" und "Empörung" von Roth, aber die werde ich wohl vorerst nicht noch einmal lesen.
Da denkt man, man kennt alles von Roth..."Empörung" kenne ich noch gar nicht
FlamingO
schrieb:
Nun in der Adventszeit ist mir grad mehr nach Horrorlektüre zumute, vielleicht was von Clive Barker. :)
Coldheart Canyon könnte ich da empfehlen
(Ist der einzige Barker, den ich bisher gelesen habe. :D )



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17.12.2019 um 14:52
Groucho
schrieb:
Coldheart Canyon könnte ich da empfehlen
Okey. Das kenne ich noch nicht. Muss ich mal im Netz stöbern.
Die "Bücher des Blutes" sind großartig! Horrorkurzgeschichten vom Feinsten.

Das 1. Buch des Blutes



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