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7.726 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Welches Buch lest ihr gerade?

25.05.2026 um 09:19
Juli Zeh - Corpus Delicti

Zeh-Corpus

Dieser Roman aus dem Jahre 2009 zeigt eine dystopische totalitäre Gesundheitsdiktatur in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Den Menschen ist ein Chip implantiert, der überwacht, dass er seine Aufgaben erfüllt: Sportziele, Labortests. Außerdem ist der Lebensraum desinfiziert und ein Betreten der nicht desinfizierten Außenwelt (hier ein Wald mit Fluss) wird bestraft. Die Ideologie nennt sich "METHODE", die gewährleistet, dass die Menschen frei von Krankheiten und körperlichen Beschwerden leben können. Der Roman ist ein Gerichtsspiel, wir lernen das Gerichtssystem und einen Chefideologen kennen, nicht jedoch das politische System. Wir lernen kennen, dass es eine Untergrundorganisation R.A.K. ("Recht auf Krankheit") gibt, die auch Anschläge verüben soll.

Angeklagt ist die 34-jährige Biologin Mia Holl, die nach dem Selbstmord ihres Bruders Moritz in einer Haftanstalt ihre Hygiene- und Sportpflichten vernachlässigt und in ihrer Wohnung Alkohol und Kaffee getrunken sowie Zigaretten geraucht hat. Er ist wegen Femizid (Vergewaltigung und Mord) auf Basis von DNA-Spuren im Sperma verurteilt worden, hat sich aber immer als unschuldig bezeichnet. Im Laufe des Romans stellt sich heraus, dass Moritz Holl als Kind an Leukämie erkrankt war und die DNA des Stammzellenspenders hat, der wiederum der wahre Mörder gewesen ist. Ein Gerichtsirrtum der METHODE.

Mia Holl möchte den Fall aufklären, akzeptiert keine kleine Strafe, sondern legt - auch auf Anraten ihres Pflichtanwalts - Einspruch ein, um vor einer höheren Gerichtsinstanz die Unschuld ihres Bruders beweisen zu können, was auch gelingt. Nur wird sie nun in Politisches verwickelt. Ihr Bruder sei Mitglied einer terroristischen Organisation namens Schnecken gewesen, deren Führung nach Moritz Holls Tod Mia übernommen habe. In ihrer Wohnung werden bei einer Durchsuchung Spuren von Botulinumtoxin (Botox) gefunden, worauf sie verdächtigt wird, einen Anschlag auf das Wasserversorgungssystem geplant zu haben. Ihr Einwand, sie habe vor einem Jahrzehnt an der Entwicklung eines neuen Medikaments gearbeitet, wird nicht akzeptiert.

Nicht ganz schlüssig ist, warum Mia Holl ein persönliches Manifest gegen die Methode verfasst (nicht ganz überzeugend gelungen) und warum Chefideologe Kramer dieses veröffentlichen lässt. Aber da sind wir wohl bei den Geständnissen stalinistischer Schauprozesse, und deren Funktion war, die Gestehenden zu vernichten. Mia Holl wird nun vorgeworfen, Teil eines Komplotts gewesen zu sein. Ihr Bruder habe ins Gefängnis wollen, um seinem Leben als Zeichen ein Ende zu setzen. Der Stammzellenträger Hannemann, Moritz Holl und Mia Holl hätten gemeinsam den Mord an der Frau, mit der Moritz Holl ein Rendezvous vereinbart hat, geplant. Für den Täter Hannemann eine vermeintlich ungefährliche Tat, da ja Moritz Holl des Mordes überführt werden würde.

Als Mia Holl auch nach Elektrofolter weder Mitglieder der Gruppe (es bleibt offen, ob sie überhaupt existiert) bekanntgibt noch ihre Schuld eingesteht und ihren implantierten Chip mit einer Nadel aus dem Oberarm holt, wird sie zum Einfrieren verurteilt, um in einer unbestimmten Zukunft wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden zu können.
I. Die Angeklagte ist schuldig der methodenfeindlichen Umtriebe in Tateinheit mit der Vorbereitung eines terroristischen Krieges, sachlich zusammentreffend mit einer Gefährdung des Staatsfriedens, Umgang mit toxischen Substanzen und vorsätzlicher Verweigerung obligatorischer Untersuchungen zu Lasten des allgemeinen Wohls.

II. Sie wird deshalb zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit verurteilt.
Doch als der Einfrierungsprozess in Gang gesetzt werden soll, wird die Begnadigung verkündet. Die METHODE möchte nicht, dass Mia Holl zu einer Märtyrerin der Opposition werde. Hintergrund: Sowohl im Gerichtssaal als auch vor dem Gerichtssaal wagen es Menschen, ihre Solidarität mit Mia Holl zum Ausdruck zu bringen und die METHODE zu kritisieren.

Zeh arbeitet in diesem Roman heraus, wie Methoden totalitärer Schauprozesse funktionieren, sodass Außenstehenden nicht möglich ist, den Wahrheitsgehalt der Anklage festzustellen. Mia Holl soll gezwungen werden zu gestehen, terroristische Aktivitäten geplant zu haben und Mitglied einer oppositionellen, terroristischen Organisation zu sein. Als Zeuge wird ein verhafteter Fernsehmoderator vorgeführt, der Mitglied der Schnecken gewesen sein soll. Nachgezeichnet dürfte dies den stalinistischen Schauprozessen sein, die nach dieser Methode geführt worden sind.

Wie leicht es sei, Anklageschriften zu verfassen, sei in der Tatsache begründet,
dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enthält, aus denen sich jedes beliebige Mosaik zusammensetzen lässt. Wenn die METHODE glaubt, in Mia Holl einen Gefährder vor sich zu haben, dann sieht sie auch einen Gefährder.
Offene Bezüge stellt Zeh zu den Hexenprozessen her. Der Name Mia Holl ist einer Maria Holl nachgestaltet, die 1594 nach unzähligen Folterungen, die nicht zu einem Geständnis führten, in einem Nördlinger Hexenprozess freigelassen wurde. Der Chefideologe, Heinrich Kramer, trägt den gleichen Namen wie der Autor des Hexenhammer.

Da Zeh vermutlich bewusst keine Hinweise gibt, was Realität ist oder nicht, hinterlässt sie einen nach der Lektüre selbst in einem Zustand des Zweifels, ob Mia Holl nun Opfer eines totalitären Staats oder Führungsmitglied einer terroristischen Organisation ist. Damit ist man aber nun in Limbo, dass man die Wahl zwischen zwei Konzepten hat: Ein totalitärer Staat, der das Gute will, und möglicherweise eine terroristische Organisation, die unbeteiligte Opfer in Kauf nimmt. Eine Rezeptionsrolle wie die von Außenstehenden bei den stalinistischen Prozessen?

Und dass das Gutgemeinte der Diktatur selbst Kritisches hervorbringt, äußert Heinrich Kramer selbst:
Heutzutage hat niemand mehr ein intaktes Immunsystem. Wenn wir aufhören, gemeinsam an Sicherheit und Sauberkeit zu arbeiten, gibt es binnen weniger Wochen eine Epidemie.
Heinrich Kramer spricht die Funktion von Revolutionen und wohl auch demokratischer Wahlen in Gesellschaften ohne Gott oder totalitäre Ideologie an:
Wenn wir von Revolutionen sprechen, von Macht und Unterlegenheit, Politik, Methode, Wirtschaft, allgemeinem und persönlichem Wohl, und wenn wir noch tausend andere Begriffe erfänden, um zu erfassen, was uns wichtig und kompliziert erscheint – es bliebe doch immer nur eins: eine Sache unter Menschen. Seit keine Götter mehr im Spiel sind, ist das alles reichlich banal geworden. Ein Rudel Wölfe, das alle paar Jahre sein Leittier vertreibt.
Die Replik von Mia Holl:
»Ein Staat«, beginnt Mia gehorsam, »muss dem natürlichen Streben der Menschen nach Leben und Glück dienen. Anders ist Herrschaft nicht legitimierbar. Es muss gelingen, das persönliche und das allgemeine Wohl zur Deckung zu bringen.«
Kramer:
»Fortschrittsdrang«, sagt Kramer, »ist eine Mischung aus gesellschaftlicher Selbstüberschätzung und individuellem Geltungsbedürfnis. Die Unfähigkeit, sich mit dem Bestehenden zufriedenzugeben, fordert mindestens einmal pro Epoche ein paar Hunderttausend, wenn nicht gleich Millionen von Toten. Die METHODE funktioniert gut. Es gibt keinen Grund, sie durch etwas anderes zu ersetzen. ... Kein anderes System hat eine so geringe Fehlerquote wie die Methode.«



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26.05.2026 um 07:49
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 07.03.2026:Eigentlich niemand ;)
🤣
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 07.03.2026:Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass 13-Jährige auch nur irgendwas damit anfangen können. Vielleicht 15-Jährige, denen das Elternhaus auf den Kopf fällt, nur ist dann der Charakter dieses Lukas viel zu kindisch. Meine Meinung ist: Das Buch ist nicht gelungen.
Ich habe es nicht gelesen, aber wenn ich deine Rezension lese, bin ich deiner Meinung.

Ich hab mir die ganze Zeit nur gedacht: "Hä?" 🤪
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 08.03.2026:So richtig spannend ist der Text nicht, die Rechtsdiskussionen sind manchmal doch langatmig
Wieso ist sowas bitte ein Kinderbuch? Und dann wundert man sich, wieso Kinder und Jugendliche lieber Videos auf TikTok schauen, anstatt zu lesen. 🙄
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 09.03.2026:Fazit: Pädagogischer Holzhammerroman mit zum Teil sehr an den Haaren herbeigezogenen Plottwists. Overrated (nominiert für den deutschen Jugendbuchpreis).
Anscheinend gibt es einige schlechte Kinderbücher.

Und: ich hab mich auch schon oft gefragt, was namhafte Kritiker an so manchen Büchern finden und wieso diese Preise gewinnen.

Ich dachte ja immer, vielleicht verstehe nur ich das nicht, weil meine Vorstellungen von einem guten Buch möglicherweise ziemlich spezifisch sind.

Aber du liest ja viel und querbeet und wenn du dich auch fragst, was das Ganze nun soll, dann gelange ich zu dem Schluss, dass es wohl doch nicht nur an mir liegt. 🤷

Welche Kinder- und Jugendbücher sind denn für dich gut? Hast du da welche gefunden und magst du sie aufzählen und begründen, wieso du sie gut findest?

Aus dem Bauch heraus würde ich ein gutes Kinder-/Jugendbuch nämlich so beschreiben: Eine gute, spannende Story mit einer Handlung, die für die Altersgruppe relevant ist und sie auch interessiert. Gleichzeitig darf da natürlich auch ein Erziehungaspekt dabeisein, also etwas, woraus man lernen kann, wie man sich in einer bestimmten Situation richtig verhält. Das darf aber nicht zu platt und offensichtlich sein und man muss den richtigen Tonfall treffen. Auf keinen Fall belehrend und von oben herab, sondern in die Geschichte verpackt.

Die Bücher, deren Rezension ich hier zitiert habe, hätten mich jedenfalls nicht angesprochen. 🤷 Ich habe immer schon nur zur Unterhaltung gelesen und wollte vor allem von einer Story gefesselt sein. Wenn die Hauptfiguren dann auch noch sympathisch sind und ich mich mit ihnen identifizieren konnte, dann umso besser.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 13.03.2026:Letztes Jahr hat dieses Buch einen Aufruhr unter den Kritikern hervorgerufen, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Es handelt von einer Berufseinsteigerin, die ohne Qualifikation gleich hoch hinaus will, jedoch von einem wirren Chef ausgenutzt wird.
🤣
Nach dem Lesen deiner Rezension kann ich das auch nicht. Es klingt für mich uninteressant. So ist es halt im Berufsleben. 🤷

Man kommt frisch von der Uni/Ausbildung und erwartet sich weiß Gott was vom Berufsleben und hat natürlich jede Menge hochfliegende Träume und Erwartungen, die und 99 % der Fälle nicht erfüllt werden, weil das Arbeitsleben halt meistens scheiße ist. Ende der Geschichte.

Was möchte die Autorin dir bezwecken? Was ist sozusagen "die Moral von der Geschicht'"?
Gehe für die Karriere nicht über deine Grenzen? Lass dich nicht von deinem Arbeitgeber ausbeuten?
Ich sehe nicht, wieso man dazu einen Roman braucht. 🤷


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26.05.2026 um 21:58
The Cottage by the Sea
von Keri Beevis

210693895
How well do you really know your husband?

Two years ago, my whole world was ripped apart when my husband and best friend were killed in a car accident in Norfolk. Since then, I've struggled to come to terms with my overwhelming grief and to understand why they were together in Charlie’s car that fateful day.

I know I can’t carry on with my reclusive lifestyle, hiding away, alone in this big house. I have to find a way to start living again.

Following a friend’s advice, I sign up to a reputable dating site, IntoYou. She tells me it’s the perfect way to meet someone, and when I quickly get a match, I believe she is right. I am surprised how easy this is.

But it seems I have a lot to learn. Anyone can hide behind a computer screen, using the sinister mask of anonymity. It seems by exposing myself I've attracted the wrong kind of attention.

Strange things start to happen in my life and shocking secrets come to light. Evil is watching me and it is connected to my past.
Will I see the danger before it’s too late?
Quelle: Klappentext

https://www.goodreads.com/en/book/show/210693895-the-cottage-by-the-sea

Harper Reed ist Schriftstellerin und schreibt Liebesromane. Seit dem Unfalltod ihres Mannes Charlie ist sie aber Single und hat sich zurückgezogen - sogar so sehr, dass sie schon eine Agoraphobie entwickelt hat und es ihr immer schwerer fiel, überhaupt das Haus zu verlassen.

Kürzlich hat sie einen Cockerspaniel aus dem Tierheim adoptiert, um nicht ganz alleine im abgelegenen Haus zu sein und zumindest einen Grund zu haben, aus dem Haus gehen zu müssen.

Ihre Freundin Megan, die in London lebt, überredet sie, sich bei einer Datingplattform namens IntoYou anzumelden. Diese sei kostenpflichtig und daher etwas niveauvoller als beispielsweise Tinder und locke nicht nur Männer an, die schnellen Sex suchen. Megan hat ihren Ehemann auch über diese Plattform kennengelernt.

Harper wird auch von einigen Männern kontaktiert und hat Dates, die aber alle zu nichts führen. Adrian erschien erst vielversprechend, es stellte sich jedoch heraus, dass er verheiratet ist und Kinder har. Bei Justin funkt es einfach nicht. Brad liest sich erst viel zu gut, um wahr zu sein, versetzt sie dann aber beim Date. Doch die schlimmste Erfahrung macht sie mit Gavin: der wird erst zudringlich und muss aus der Bar geworfen werden, folgt Harper dann aber nach Hause und vergewaltigt sie fast. Zum Glück kommt Luke, ein Arzt im Krankenhaus, vorbei und rettet sie. Luke hat Harper schon einmal geholfen, als sie am Strand von einem Radfahrer niedergestoßen wird.

Harper löscht die App nach all den Fehlschlägen wieder, dafür kommen Luke und Harper sich näher und daten. Alles sieht gut aus, also beschließt Harper, endlich alle Sachen ihres verstorbenen Mannes auszuräumen. Sie hat das bis jetzt immer vor sich hergeschoben, denn sie hat um ihren Mann nicht nur getrauert, sondern war auch stinkwütend auf ihn. Bei seinem Unfall war nämlich eine Frau in seinem Auto und diese Frau war noch dazu Alicia, mit der sie sich kiezkich angefreundet hatte und Harper geht davon aus, dass die Beiden eine Affäre hatten.

Doch als Harper Charlies Arbeitszimmer ausräumt, findet sie Hinweise darauf, dass Charlie noch viel mehr vor ihr verborgen hat. Er besaß ein Cottage am Meer, von dem sie nichts gewusst hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er auch noch ein anderes Konto hatte, denn vom gemeinsamen Konto wurden keine Rechnungen wie Strom von diesem Cottage bezahlt. Wozu bräuchte Charlie dieses Cottage und warum hielt er es vor ihr geheim? Hatte er noch weitere Affären?

Als Harper dann auch noch ein Smartphone, in dem die Namen und Nummern einiger Frauen eingespeichert sind und einen kleinen Schlüssel findet, sucht sie weiter und findet auch eine Dating-App, in der ihr Mann ein Fakeprofil hatte und mit Frauen kommuniziert hat. Aber warum mit einem falschen Bild, wenn er auf Affären aus war?

Es stellt sich heraus, dass Charlies Geheimnis viel dunkler ist...

Mir hat die Geschichte gut gefallen. Spannend, gruselig und eine sympathische Hauptfigur.

Ein Teil der Geschichte wird aus der Perspektive einer unbekannten Person erzählt, sie von Harper besessen ist. Im Laufe der Zeit findet man heraus, dass diese Person männlich ist, Gewalterfahrungen in seiner Kindheit gemacht hat und herausgefunden hat, welches Geheimnis sein Vater verbirgt. Und da haben wir dann auch schon einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt.

Dass das etwas mit Charlies Doppelleben zu tun hat, war für mich von Anfang an klar, somit hatte ich Charlies Geheimnis auch bald erraten. Es ging also nur darum, herausfinden, wer diese Person ist - und da führt Keri Beevis sie Leser:innen gekonnt in die Irre, weil die falsche Fahrten legt. Man kommt erst ziemlich am Ende darauf, wer sich dahinter verbirgt.

Eins der besten Bücher von Keri Beevis bis jetzt für mich.


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30.05.2026 um 23:22
Waffensysteme des 21. Jahrhunderts - Lem


images
Ein kurzes Büchlein aus den frühen 80ern (84 Seiten) mit einem sehr schönem Buchcover
Wikipedia sagt, das wäre ein Essay, es ist aber im Grunde genommen eine Wiedergabe einer fiktiven wissenschaftlichen Abhandlung aus dem 21. Jahrhundert.
Was bei Lem öfter vorkommt, aus der weit entfernten Zukunft schaut er auf die nähere Zukunft.
Sehr typisch ist das Thema für Lem, es geht um eine künstliche Evolution, in diesem Fall um die Evolution von Waffensystemen im 21. Jahrhundert.
Lem hat die Entwicklung der heutigen Drohnen mit KI ganz gut vorhergesehen.
Allerdings nennt er das Künstlicher Instinkt (wie bei Insekten) im Gegensatz zur menschenähnlichen Künstlichen Intelligenz. So wie aber Lem den Künstlichen Instinkt beschreibt, ist das wie heute KI in Drohnen eingesetzt wird, es sind bestenfalls Teilfähigkeiten der menschlichen Fähigkeiten.
ChatGPT über KI Drohnen
Was heutige KI-Drohnen können

Moderne Drohnen können mit Kameras, Sensoren und KI z. B.:

Menschen, Fahrzeuge oder Tiere erkennen
Objekte automatisch verfolgen
Hindernissen ausweichen
selbstständig navigieren
Karten in Echtzeit erstellen
Muster analysieren
Ziele identifizieren
ohne GPS fliegen (teilweise)
in Schwärmen koordiniert arbeiten



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31.05.2026 um 14:33
Katherine B. Eaton - Daily Life in the Soviet Union

Eaton-Daily

Die US-Historikerin Kathrine Eaton hat 2004 ein Buch über das Alltagsleben in der Sowjetunion vorgelegt, wobei sie nach einem kurzen historischen Überblick ihr Werk in 11 Abschnitte nach Thematiken gliedert. Hervorzuheben ist die Bildauswahl, die aus dem Fundus der Library of Congress stammt.

Durchgehendes Merkmal ist, dass bereits mit Machtübernahme der Bolschewiki radikalst und mit terroristischen Mitteln sowie von Lenin akzeptiert oder gar gefordert in das Leben der Menschen eingegriffen wurde, was sich erst unter Gorbatschow gemildert hat.

01-Gefangene

Unterschiede zwischen Lenin und Stalin waren graduell. So wurde während der Hungersnot während des Bürgerkriegs und danach US-Hilfe der American Relief Administration oder des Roten Kreuz ins Land gelassen, 1932 nicht mehr.

02-RotKreuz

Doch es war unmöglich, diese Hungersnot zu mildern. Hier werden zwei Kinder zu Grabe getragen, die verhungert sind.

03-Kinder verhungertOriginal anzeigen (0,5 MB)

Aus dem europäischen Teil flohen Menschen vor dem Hunger nach Sibirien und mussten unter fürchterlichsten Bedingungen schauen, dass sie überleben konnten.

04-Flucht

05-Flucht

Das erste thematische Kapitel handelt von den Ethnien in der Sowjetunion. Nach einem Überblick über die größten Ethnien werden Völker im Nordosten Sibiriens vorgestellt, die Ewenen, Ewenken, Tschuktschen und Korjaken, deren traditionellen Lebensformen durch die Bergbau-Erschließung und das Vorantreiben einer Sowjetisierung (eigentlich Russifizierung) zerrüttet wurden.

Auch die großen asiatischen Republiken wurden sowjetisiert bzw. russifiziert. Die kasachischen Nomaden wurden in Kollektive gezwungen, Usbekistan wurde zur Baumwollplantage erklärt, Russisch war die erste Schulsprache. Während auch sehr viele Russen in Kasachstan angesiedelt wurden, war diese Kolonialisierung in Usbekistan geringer, auch mit der Auswirkung, dass Usbekistan am Ende der Sowjetunion mehr Einwohner hatte als Kasachstan. Auch gelang in Usbekistan die Zurückdrängung islamischer Wertevorstellungen in geringerem Ausmaß.

Eingegangen wird noch auf die Tataren (der Krim, Litauens und von Kazan) sowie auf die deutsche Minderheit, die stark russifiziert wurde.

Bezüglich Regierung und Rechtswesen wird zunächst festgehalten, dass sämtliche hohen Staatsämter von Parteimitgliedern ausgeübt wurden und die Sowjetunion letztlich von einem kleinen Kreis von Männern beherrscht wurde. Die Staatspolizei (NKWD) war unter Stalin von Staat und Partei unabhängig und ausschließlich Stalin berichtspflichtig. Auch hatte der Geheimdienst richterliche Gewalt bis hin zur Blutsgerichtsbarkeit. Für 1937/38 werden 1,3 Millionen Gefangene in den Lagern der GULAG geschätzt.

Die russische Staatsanwaltschaft hatte in der Sowjetunion das Recht, Gerichtsentscheidungen zu ändern. Der Oberste Gerichtshof war zahnlos, er hatte nicht das Recht, Gesetze auf ihre Verfassungsgemäßheit zu überprüfen und gegebenenfalls zu annulieren. Auch gab es keine Rechtsmittel, um verletzte Verfassungsfreiheiten einzuklagen. Die Verfassung von 1977 änderte nichts an dem Machtmonopol der Kommunistischen Partei.

Wahlen in Partei und Staat funktionierten von unten nach oben, direkt gewählt waren nur Funktionäre oder Delegierte in Orts- bzw. Betriebsgruppen. Die unteren Einheiten hatten Entscheidungen der oberen Einheiten bedingungslos zu erfüllen. Es gab bis zur Verfassung 1936 keine Geheimabstimmungen. Danach war Nichtteilnahme bzw. der Gang in die Wahlkabine als Ausdruck von Dissent gesehen, notiert und von einem Geheimdienstbesuch begleitet.

Ortswechsel (sei es für den Arbeitsplatz oder touristisch) war nur mit einem internen Pass möglich. Kolchosarbeiter:innen - im Gegensatz zu den Staatsangestellten auf Sowchosen - erhielten diesen erst ab 1976, waren zuvor also Hörige der Kolchose. Das Passsystem blieb bis zum Ende der Sowjetunion aufrecht. Auch mit einem internen Pass entschied die Polizei (Miliz) über ein Aufenthaltsrecht in einer Gemeinde/Stadt.

Das Militär war nach dem Zweiten Weltkrieg in folgende Gruppen gegliedert: Armee, Marine, Luftwaffe, Luftabwehr und Raketentruppen. Nach der Revolution wurde die Struktur der zaristischen Armee zerschlagen, doch Trotzki führte im Bürgerkrieg aus Effizienzgründen wieder Offiziersgrade ein. Beigestellt waren politische Kommissare, die auch dafür sorgen sollten, dass sich gewaltsame Übergriffe auf die Bevölkerung (Raub, Mord, Vergewaltigung) in Grenzen hielten. 1938 zerschlug Stalin das Offizierscorps, etwa 40.000 Offiziere wurden verhaftet, nur die Hälfte überlebte.

Der Geheimdienst unterhielt eigene militärische Einheiten. Die Internen Truppen waren für innere Sicherheit (Zerschlagung von Protesten oder Aufständen), die Grenztruppen für Grenzsicherung und die Nachrichtentruppen für jegliche Form der Kommunikation zuständig.

Das Militär war sehr stark russifiziert. 80 Prozent der Offiziere waren ethnisch Russen, der Rest hauptsächlich weißrussisch oder ukrainisch. Frauen wurden vor allem im Zweiten Weltkrieg herangezogen. Etwa ein Viertel des Personals der Luftwaffe war weiblich.

Das Leben der Soldaten und Rekruten war geprägt von Unzulänglichkeiten (desolate Behausung, fehlende Ausrüstung, Nahrungsmittelknappheit, 10 Rubel Entschädigung) und Gewalt. Die Dedowschtschina (das gewaltsame Schikanieren der Neulinge in den ersten sechs Monaten durch die Dienstältesten) war gängige Praxis. Dies alles eskalierte bei den in Afghanistan im Einsatz befindlichen Truppen (von den etwa 650.000 Soldaten wurden um die 15.000 getötet). Interne Gewalt, Korruption, Alkohol- und Drogenmissbrauch waren üblich. Gefangene wurden gefoltert und getötet. Rückkehrer hatten keinerlei Betreuung und ihnen drohte extreme Armut, vor allem wenn sie aus Invaliditätsgründen nicht/kaum noch arbeitsfähig waren.

Das Wirtschaftsleben war grundsätzlich davon geprägt, dass keine Privatinitiative erlaubt war. Produktionsmittel und Land gehörten ausschließlich dem Staat. An Privatbesitz waren persönliche Gegenstände, aber auch Wohnraum (nicht der Boden!) gestattet.

Auch wenn es offiziell keine gesellschaftlichen Klassen mehr gab, konnte die Elite ein Leben in Luxus führen. Sie hatte eigenen Wohnraum (mit Landgütern - Datschen), eigene Geschäfte, eigene medizinische Einrichtungen, Autos, westliche Produkte und Einrichtungsgegenstände, besondere Freiheiten. Zur Elite zählten hohe Parteifunktionäre, Regierungsminister, hohe Offiziere von Militär, Geheimdienst und Polizei, Direktoren großer Betriebe, Diplomaten sowie angesehene Wissenschafter und Künstler.

Hinzu kam ein Gefälle des Lebensstandards in Städten und am Land, bzw. zwischen Moskau, Leningrad und Kyjiw sowie dem Rest.

06-SchuhputzerinOriginal anzeigen (0,6 MB)

Die staatliche Versorgung war von Engpässen und Qualitätsmängeln geprägt. Geduldete Erleichterungen brachten die nach der Hungersnot von 1932 erlaubten Kolchosenmärkte, auf denen Kolchosbauern die Produkte ihres privat genutzten Landstreifens ohne Preisobergrenze anbieten durften.

07-Kolchosenmarkt

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Die Elite hatte eigene Geschäfte, auch mit Westwaren.

Die Landwirtschaft kämpfte mit permanenter Unterproduktion, auch waren die Hörigen auf Kolchosen nicht sonderlich an einer Produktivitätssteigerung interessiert. Sie erhielten keinen Staatslohn, sondern es wurde nach "Arbeitsstunden" abgerechnet und von der Kolchose bezahlt (oder auch nicht, falls sie keine "Gewinne" erwirtschaftete). Die Bezahlung war erbärmlich, und als Breschnew 1966 einen Mindestlohn verordnete, wurde dieser jedoch nicht staatlich, sondern von der Kolchose festgelegt.

Die Versorgung mit Gebrauchsgütern am Land war erbärmlich, eine Infrastruktur (fließendes Wasser, Kanalisation, befestigte Straßen, medizinische Versorgung, Schulen, ...) kaum vorhanden. Arbeiten wurden oft ohne technische Hilfsmittel verrichtet.

10-SchuhgeschaeftOriginal anzeigen (0,5 MB)

11-Waschtag

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Die Wohnsituation war in der Sowjetunion durchgehend von Enge und fehlender Infrastruktur geprägt. 1950 betrug der durchschnittliche Wohnraum 5 m2, 1972 für die Stadtbevölkerung 7,6 m2. Wohnraum wurde zugeteilt. Die meisten Städter lebten in Kommunalkas. Eine Wohnung wurde von vielen Menschen/Familien geteilt, wobei eine generationenübergreifende Familie sich einen Raum zum Wohnen und Schlafen teilte (Großeltern, Eltern, Kinder). Alleinstehende wurden irgendwo hinzugepappt. Überliefert ist aus Anfang der 1970er Jahre eine 9-Zimmer-Wohnung mit 54 Bewohner:innen. Alle Wohnhäuser hatten einen Hausmeister, der sämtliche Personen, die das Wohnhaus betraten, an den Geheimdienst melden musste.

Menschen mit Geld konnten sich in Genossenschaften einkaufen, um eine Genossenschaftswohnung zu erhalten. Für eine schlechtere Gegend mussten etwa 60 durchschnittliche Monatsgehälter auf den Tisch gelegt werden. Mitte der 1960er Jahre gab es etwa 4.000 Wohnungsgenossenschaften mit 240.000 Mitgliedern. Man hatte jedoch kein Besitzrecht und konnte bei politischer "Unzuverlässigkeit" ausquartiert werden. Auch waren Genossenschaftswohnungen ein Mittel, zum Beispiel Künstler überwachen und erpressen zu können. Ein Beispiel ist die Lebensgeschichte von Osip Mandelstam.

Die oben genannte Elite erhielt mehr Wohnraum, zum Teil Wohnungen mit 4-5 Zimmern oder auf oberster Ebene Villen mit Personal. Juri Gagarin erhielt nach seinem Weltraumflug erstmals eine Wohnung mit Fließwasser und Bad wie Toilette.

1956 hatten zwei Drittel der Wohnungen kein Fließwasser, 97 Prozent kein Warmwasser. 1975 hatten 20 Prozent kein Fließwasser, 50 Prozent kein Warmwasser.

Obwohl politisch eher unerwünscht und mit Schikanen bis hin zum Abriss versehen, wohnten gegen Ende der Sowjetunion etwa 20 Prozent der städtischen Bevölkerung in Einfamiienhäusern. Besonders ausgeprägt war diese Wohnform in Estland.

Die Wohnraumsituation am Land war etwas günstiger, viele Familien lebten in einem eigenen Haus. Eine Infrastruktur war kaum vorhanden, Wasser musste oft 100 Meter oder mehr zum Haus getragen werden.

14-BauernhausOriginal anzeigen (0,6 MB)

15-Bauernhaus

Das Gesundheitswesen war grundsätzlich für alle gratis zugänglich. Auch wenn die staatlichen Stellen den Erfolg des sowjetischen medizinischen Systems preisten (ca. 1920 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre), war es geprägt von Mangel und eklatanten hygienischen Problemen. Noch gegen Ende der Sowjetunion hatten die meisten zentralasiatischen Krankenhäuser kein Fließwasser, keine Abwasserinstallationen, keine Heizung. Von Landkrankenhäusern der gesamten Sowjetunion hatte ein Viertel der Krankenhäuser keine Abwasserinstallation, die Hälfte kein Fließwasser, zwei Drittel kein heißes Wasser und 17 Prozent überhaupt keine Wasserinstallation.

Es fehlte an Medikamenten wie medizinischen Geräten bis hin zu Einwegnadeln bzw. Desinfektionsgeräten. In der Autonomen Republik Kalmükien kam es 1989 zum Beispiel zu einer HIV-Epidemie unter Kleinkindern, die alle wegen wiederverwendeter Nadeln in einem Krankenhaus angesteckt wurden.

Das medizinische Personal war schlecht bezahlt, in den 1970er Jahren betrug ein Arztgehalt zwei Drittel desjenigen eines Fabrikarbeiters.

Die Bevölkerung war sogenannten Polikliniken zugeteilt, wo sie allgemeinmedizinisch oder internistisch betreut wurden, im Bedarfsfall wurden die Patienten von dort an Spezialkliniken weiterverwiesen. Freie Arztwahl gab es nicht. Dies und die schlechte Bezahlung öffnete Korruption Tür und Tor. Es gab mehr oder weniger Preislisten für eine bessere Betreuung.

Die Elite (siehe oben) hatte diese Probleme nicht, sie konnte sich in Spezialkliniken mit Westausrüstung behandeln lassen, komplexere Blutbilder wurden in finnischen Labors ausgewertet.

Ein dunkles Kapitel ist, dass psychiatrische Anstalten dafür missbraucht wurden, Dissidenten zu "behandeln". Meist mit sehr starken Medikamenten, die für sie überhaupt nicht indiziert waren. Ihr "Glück": Lobotomie war in der Sowjetunion verboten.

Bezüglich Bildungwesen übernahmen die Bolschewiki einen Staat ohne Schulpflicht. Höhere Bildung war nur Adeligen und einer reichen Oberschicht zugänglich. Der erste sowjetische Bildungsminister Anatoli Lunatscharski hatte einen ehrgeizigen Bildungsplan mit Zugang zur Bildung für alle. Er scheiterte an der Realität. Noch 1926 betrug die durchschnittliche Schulbesuchszeit noch nicht einmal drei Jahre.

Auch die sehr fortschrittlichen Bildungsmethoden Lunatscharskis (Abschaffung von Noten, selbstbestimmtes Lernen ohne Tests und Prüfungen) führten nicht zu dem erhofften Ziel. Die ersten Abgänger:innen mit medizinischer oder technischer Ausbildung waren für ihren Beruf meist unbrauchbar, da sie kein Wissen hatten. 1922 wurde dieses Experiment beendet. Stalin zentralisierte das Bildungwesen und unterband jegliche Experimente.

Die Qualität der (Aus-)Bildung war in Städten höher als am Land, in Zentren wie Moskau höher als in regionalen Zentren. Der Elitennachwuchs hatte Zugang zu den besten Bildungseinrichtungen, in die Kinder von "Normalsterblichen" nur bei außergewöhnlichen schulischen Leistungen Zugang hatte.

In allen Bildungseinrichtungen war Marxismus-Leninismus ein Pflichtfach für alle.

Die Künste waren am Gängelband der Partei.

1919 wurden alle Theater verstaatlicht, 1922 wurden alle Theaterskripte zensiert, Aufführungen mussten von einer Zensurbehörde freigegeben werden. Glavlit war die Zensurbehörde für schriftliche Texte, Glavrepertkom diejenige für Aufführungen. Selbst die "freiere" Zeit der 1920er Jahre (Neue Ökonomische Politik), in der es formal noch keine Beschränkungen gab, waren für Kunstschaffende eine Hochrisikozeit. Bereits 1921 wurde der Dichter Nikolai Gumiljow als "Feind des Volkes und der Arbeiter- und Bauernrevolution" hingerichtet. 1929 wurde der liberale Bildungsminister Lunatscharski von Stalin abgesetzt.

Ab 1932 durften nur mehr Personen veröffentlichen, die Mitglied der Schriftstellergewerkschaft waren. Zumindest hatten auch Nicht-Parteimitglieder Zugang zu ihr. Die Mitgliedschaft brachte auch Goodies mit sich: gute Bezahlung, besserer Wohnraum, Zugang zu Elitegeschäften, bessere medizinische Versorgung, Auslandsreisen.

Ebenso ab 1932 wurde der Sozialistische Realismus einziger staatlich anerkannter Kunststil. Kunstschaffende, deren Werke nicht dieser Doktrin entsprachen, wurden als "Formalisten" bebrandmarkt und waren Repressionen ausgesetzt. Selbst Instrumentalmusik wurde dieser schwammigen Doktrin unterworfen (Schostakowitsch bekam große Probleme wegen seines Kompositionsstils).

Der Zugang zu den Prestigetheaterhäusern war mehr oder weniger auf die Elite und Touristen beschränkt. Karten für Bolschoi oder in die Leningrader Eremitage waren oft Teil eines Bestechungspakets.

Medien waren ab Machtübernahme kontrolliert und zensiert, da Lenin dies besonders wichtig war. Bereits am 9. November 1917 wurden alle nichtsozialistischen Medien verboten, Anfang der 1920er Jahren waren alle nichtbolschewistischen Medien verboten. Publikationen wurden von Glavlit zensiert. Erst mit Gorbatschows Glasnost war es möglich, freier zu berichten, wenn auch mit Einschränkungen (tragisch beim Unfall in Tschernobyl). Mehr oder weniger totale Freiheit ist im politischen Chaos ab 1990 zu beobachten.

Die Sowjetunion sah sich als atheistischer Staat. Religionsgemeinschaften waren staatskontrolliert und unterdrückt. Einzige Ausnahme, als Stalin die propagandistische Unterstützung für den Abwehrkrieg gegen Deutschland benötigte. Chrustschow hat die Antireligionspolitik wieder verschärft. Zuvor hatte Lenin persönlich in einer Verordnung vom 19. März 1922 eine Terrorkampagne gegen russisch-orthodoxe Priester initiiert. Über 1200 Priester und Bischöfe wurden hingerichtet.

Unklar war sich die Sowjetunion, ob Judentum eine Religions- oder ethnische Bezeichnung ist. In den internen Pässen "jüdisch" als Nationalität geführt. Es gab auch eine "Mischlingspolitik", Kinder aus einer "gemischten" Ehe durften selbst entscheiden, ob sie jüdisch sind oder nicht. Der Trend war, sich nicht jüdisch zu sehen, um den Karriereweg nicht zu beeinträchtigen. Noch in den 1920er Jahren war der jüdische Anteil an der bolschewistischen Elite hoch, Stalin bereitete dem ein Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg initiierte Stalin antisemitische Kampagnen, der Schauspieler und Vorsitzende der Sowjetischen Jüdischen Gemeinde, Salomon Mikhoëls, wurde durch einen initiierten Autounfall ermordet, alles Jiddische wurde verboten. Die Verhaftungen des "Ärzte-Komplotts" konnten sieben von neun verhafteten hochrangigen Ärzten wegen Stalins Tod überleben.

1928 versuchte man eine autonome jüdische Region in Birobidschan (im Fernen Osten an der chinesischen Grenze) einzurichten. Es gab eine große internationale Propagandakampagne, selbst Einstein sponsorte Gelder. Das Problem war: Es gab dort nichts, das Land war unfruchtbar, heiß im Sommer, eiskalt im Winter. Etwa 40.000 jüdische Menschen siedelten sich in Birobidschan an, aber viele ihrer Nachkommen entschieden sich für eine Ausreise in die USA oder nach Israel, als dies in den 1970er Jahren nach Abkommen mit den USA ermöglicht wurde.

Dem Islam zugehörig waren am Ende der Sowjetunion etwa 55 Millionen Menschen. Etwa 50 Milionen von ihnen sprachen/sprechen eine Turksprache.

Nicht zuletzt um die Einheitlichkeit eines großen muslimischen Blocks zu unterbinden, wurden 1924/25 die Kirgisische ASSR und die Turkestanische ASSR in vier Republiken aufgeteilt: Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan. Tadschikistan wurde als fünfte Republik 1929 aus Usbekistan ausgegliedert.

Weitere muslimische Mehrheiten gab es in der Kaukasusregion: in der Republik Aserbaidschan sowie bei kleineren Kaukasusvölkern in der Russischen Sozialistischen Föderativen Republik.

Die muslimische Bevölkerung war trotz angestrengter Versuche, muslimische Traditionen zu brechen, sehr resistent. Fastengebräuche wurden eingehalten, die Hadsch wurde zu lokalen Helden durchgeführt, die Gebetszeiten wurden eingehalten, wann immer es möglich war. Organisiert waren viele nach Clans. Am Ende der Sowjetunion zeitigte sich dieser Zusammenhalt sowohl im Positiven (humanitäre gegenseitige Unterstützung) als auch im Negativen (Gewaltausbrüche gegen andere Ethnien oder Religionen, Intoleranz).

Insgesamt ist das Buch trotz seiner Kürze im Detail eine interessante Lektüre, da neben Bekanntem auch unbekanntere Details bzw. Zeugenaussagen eingeflochten sind. Sehr gelungen ist die Bildauswahl.


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01.06.2026 um 12:24
Ich muss zugeben, ich bin nicht unbedingt ein Freund der viktorianischen oder etwardianischen Literatur. Ich lese lieber die eher handfesten bis zuweilen schlagkräftigen Pulps der US-Verlage das beginnenden 20 Jahrhunderts. Deshalb habe ich mich auch nie mit dem Pearson's Magazine auseinandergesetzt. Sherlock Holmes fand ich als Film Adoption zwar immer sehr unterhaltsam aber ich hatte nie einen Doyle gelesen.
Dank MAJOR DIMES hat sich das geändert und mir hat sich eine völlig neue literarische Welt eröffnet. Dass diese wunderbaren Geschichten auch noch in einer ansprechenden Form und einer überaus entgegenkommenden Übersetzung publiziert werden, setzt den ganzen noch die Krone auf.
Madame Sara ist ein genauso intelligentes wie gewissenloses Verbrechergenie, die bis heute ihresgleichen sucht. Sie bereichert sich schamlos auf Kosten von Witwen und Waisen und vor allem naiven, heiratswilligen jungen Männern.
Die eigentlichen Helden dieser Geschichten sind allerdings der Ermittler einer Wirtschaftsagentur Dixon Druce und der sehr eigenwillige, aber scheinbar unfehlbare Gerichtsmediziner Eric Vandeleur.
Großartige Unterhaltung!


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01.06.2026 um 19:03
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Geduldete Erleichterungen brachten die nach der Hungersnot von 1932 erlaubten Kolchosenmärkte, auf denen Kolchosbauern die Produkte ihres privat genutzten Landstreifens ohne Preisobergrenze anbieten durften.
Mal ein kurioses Detail zu den sowjetischen Bauernmärkten in den 70ern und 80ern:
Die Produkte waren meistens teuer, dafür waren Dienstleistungen in der Sowjetunion (wie Friseur, Kinokarten, Fahrkarten)
sehr billig. So kostete ein Flugticket noch nach dem Fall der Sowjetunion in den frühen 90ern von Kiew nach Moskau umgerechnet 4 Dollar.
Das hatte zur Folge, dass es in den Großstädten der Sowjetunion Bauern aus Georgien gab, die Zitronen verkauften.
Die Bauern flogen mit Linienflugzeugen aus Georgien und hatten die Zitronen als Privatgepäck bei sich.
Die Zitrone kostete dann einen Rubel pro Stück (ein Ingenieur verdiente 100 Rubel pro Monat)


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04.06.2026 um 12:10
Joachim Meyerhoff - Amerika

Meyerhoff-Amerika

Der deutsche Schauspieler und Theaterregisseur Joachim Meyerhoff veröffentlichte 2011 den ersten Teil einer fiktionalisierten Autobiographie, mit der er zuvor bei Bühnenveranstaltungen am Wiener Burgtheater große Erfolge gefeiert hat. Das Buch umspannt die Zeit, in der er als 17-Jähriger ein Jahr als "Austauschschüler" in der US-Kleinstadt Laramie in Wyoming verbracht hat. In diese kommt er, weil er beim Bewerbungsverfahren in Hamburg als in Schleswig Lebender Naturverbundenheit und Tiefgläubigkeit angegeben hat, da er gegen die schnöselhafte Hamburger Stadtjugend für einen Platz in einer Großstadt keine Chance gesehen hat.

Der Erzählfluss ist chronologisch mit Erinnerungseinsprengsel aus der Kindheit, wobei hauptsächlich eine Anekdote nach der anderen gereiht wird. Auch wenn rückblickend geschrieben wird, gibt es kaum Reflexionen, es wird aus der Denksicht des 17-Jährigen geschrieben, der Sprachstil ist lakonisch, distanziert, (versucht) witzig. Fiktionalisiert bedeutet aber auch, dass man nicht weiß, was echt Erlebtes und was Erfundenes ist.

Die Kernthemen sind typisch für einen Coming of Age-Roman: Liebe, Sex, Freundschaft, Loslösung von der Familie, Selbstfindung.

Das Ich (Joachim) gewöhnt sich schnell bei seiner neuen Gastfamilie ein, geht mit ihr regelmäßig in die Kirche, hilft beim Schneeschaufeln, unternimmt Ausflüge mit ihr. Auch die US-Lebensweise, die zum Teil sehr klischeehaft dargestellt wird, fasziniert ihn. An der Schule nimmt er Fächer, die ihn interessieren (zum Beispiel Klettern oder Tauchen), da er in Deutschland das Schuljahr sowieso wiederholen wird. Sein großes Ziel ist, in die Basketballmannschaft der Schule aufgenommen zu werden, was ihm - obwohl er im Vergleich zu den anderen praktisch nichts kann - gelingt, wohl auch weil der Trainer ein Deutschlandfan ist. Durch das knallharte regelmäßige Training ist er am Ende des Aufenthalts ein durchtrainierter, konditionsstarker junger Mann.

In Schleswig hat er eine Freundin, und er beklagt, dass er noch nie mit ihr hat schlafen dürfen. Beim Bewerbungsgespräch in Hamburg bucht er eine Schwarze Sexarbeiterin für einen "Tittenfick", in den USA hat er mit einer Mitschülerin bei einer winterlichen Whirlpool-Party Sex. Mit ihr bleibt eine lockere Verbindung und bei einer Houseparty wiederholen sie diesen Akt in einer Badewanne. Das Wasserbett bei seiner Gastfamilie nutzt er für Masturbationstechniken. Nach Rückkehr ist Joachim wieder mit seiner Freundin beisammen und nun ist auch Sex Teil ihrer Beziehung.

Brüder spielen eine zentrale Rolle im Werk. Joachim ist der Jüngste und der Mittlere kommt während seines Amerika-Aufenthalts bei einem Autounfall ums Leben. Zwar nimmt Joachim am Begräbnis teil, fliegt aber bald wieder zurück nach Laramie. Nach Rückkehr braucht es lange, bis er wieder das Grab besuchen kann.

Skurril ist die Geschichte um Randy Hart. Mit einem Ex-Lehrer (Mental-Coach und Bodybuilder - rausgeschmissen nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit einem mexikanischen Schüler während eines Provokationstrainings) besucht er das Landesgefängnis und im Todestrakt ruft ihm ein Randy Hart nach, er solle ihm auf Deutsch schreiben. Hart ist der Sohn eines in Deutschland stationiert gewesenen US-Soldaten und hat auf einer Provinztankstelle in Deutschland bei einem Überfall zwei Menschen getötet. In den USA ist er dafür zum Tode verurteilt worden und sitzt seit 16 Jahren im Todestrakt. Joachim schreibt ihm regelmäßig, auch nach Rückkehr nach Deutschland. Eines Tages taucht Hart auf. Knapp vor der Hinrichtung ist er durch deutsche Intervention begnadigt worden und nach Deutschland geflogen. Joachims Eltern nehmen ihn zunächst im Haus auf und der Vater verschafft ihm einen Gärtnerjob an der psychiatrischen Anstalt, in der er Arzt ist. Zwischen Joachim und Hart entsteht eine gewisse Freundschaft, und mit ihm besucht Joachim zum ersten Mal nach Rückkehr das Grab seines Bruders.

Wie wenig reflektiert der Text ist, zeigt die Episode bei der oben erwähnten Hausparty. Ein Schüler hat sturmfreie Bude und praktisch die komplette Stadtjugend stürmt die Party, säuft und kifft und verwüstet das Haus. Für Joachim ist nur wichtig, dass er bei dieser Gelegenheit mit Maureen in der Badwanne Sex hatte. Empathie mit dem "Gastgeber"? Eher nicht.

Meyerhoff war wirklich als Schüler ein Jahr in Laramie, trotzdem lässt sich kaum erschließen, wie weit die zum Teil schreienden Klischees erfunden, übertrieben oder real sind. Frauen mit "Betonfrisuren" und übertriebener Schminke, Provinzstadtjugend mit hüpfenden Autos, Partys mit Komasaufen, Macho-Lehrer. Alles detailliert in einer Anekdote nach der anderen. Im Gegensatz dazu kommt die Natur, die ihn beeindruckt, sehr kurz. Als ob Meyerhoff Ausflüge in den Grand Canyon oder in die China Town von Chicago nicht selbst erlebt hätte.

Die Prüfung im Tauchkurs ist auch sehr eigentümlich. Sie müssen paarweise etwa 30 Meter in ein Projektilbecken der Navy eintauchen, um die zweite Hälfte der Ausrüstung (darunter eine Sauerstoffflasche) hochzuholen. Eine lebensgefährliche Prüfung. Eine erfundene Metapher für einen Initiationsritus ins Erwachsenenleben?

Und genau dies ist das Problem des Romans. Er gibt vor, eine Autobiographie zu sein, ist aber eine Autofiktion. Der reale Aufenthalt von Meyerhoff könnte auch stinklangweilig gewesen sein. Nur: Für eine Fiktion, also einen Coming of Age-Roman mit erfundenen Charakteren, wäre dieser Text viel zu übertrieben und abgesehen vom oft gelungenen Schreibstil wegen seiner Klischees zu simpel. Spannung erhält er eigentlich erst dadurch, dass man sich die Frage stellt: "Hat Meyerhoff das wirklich erlebt?" Konzeptionell ist das ein von Whitley Strieber in seinem Roman Communion (Die Besucher) angewendetes Verfahren. Eine Alien-Entführungsgeschichte wird deswegen spannend, weil Strieber vorgibt, die Alien-Besuche hätte er selbst erlebt.

Ein Klischee ist im Roman, das ich nie habe nachvollziehen können. Nach einem Jahr USA spricht Joachim gebrochen Deutsch. Beispiel:
In der Highschool, da hab ich Sachen erlebt. Incredible! Da laufen lauter schwangere Mädchen rum. Here I never … hab ich noch nie ein schwangeres Mädchen in school gesehen.
Sorry. Nein. So spricht niemand.

  • Positive Seite: Flotter, witziger Stil.
  • Negative Seite: Maßlose Übertreibungen, Fiktives und Reales vermischt (das Problem von Autofiktionen)



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08.06.2026 um 00:35
Chinese Wallpaper in Britain and Ireland - Emile de Bruijn


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31482903609 4Original anzeigen (1,5 MB)

31482903609Original anzeigen (1,6 MB)

Im 17. bis 19. Jahrhundert wurden viele chinesische Tapeten nach Europa exportiert


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09.06.2026 um 09:30
Nowhere to Hide
von Keri Beevis

200208443

https://www.goodreads.com/en/book/show/200208443-nowhere-to-hide
Duncan Stone is one of the country's most eligible and handsome bachelors, and he wants to take me, Callie Parker, on a date. At first I am surprised and flattered, the envy of my friends. Then when our whirlwind romance escalates and he asks me to move in with him, it's like a dream come true. But as I get to really know my new boyfriend, my fairytale turns into a nightmare. Duncan is no Prince Charming. He is the Devil. Isolated from my friends and family, watched day and night, a prisoner in my own life, I know if I am going to survive, I need to escape. When a chance encounter with an old friend throws me a lifeline, I realise this is my live or die moment, and I find a hiding place deep in the Norfolk countryside. I'm supposed to feel safe here, so why do I hear footsteps outside my hideaway late at night, and sense that someone is watching me? Is it paranoia, or has Duncan managed to find me?
Or perhaps the danger is closer to home than I realise.
Quelle: Klappentext

Callie Parker arbeitet in einer Marketingagentur. Einer der Kunden ist der bekannte Ex-Filmstar Duncan Stone, der nun vor allem durch seine Charity-Projekte als Philanthrop in Erscheinung tritt. Duncan umgarnt und hofiert Callie und von Anfang an fragt sie sich, wieso er eigentlich sie ausgewählt hat. Sie findet sich selbst durchaus attraktiv, aber ein so prominenter Mann kann ja eigentlich jede Frau haben.

Anfangs wirkt alles wie ein modernes Märchen. Duncan schickt ihr Blumen, lädt sie zum Eis essen ein, umwirbt sie charmant. Ziemlich bald zeigt Duncan jedoch schon sein wahres Gesicht: kontrollierend, manipulativ und besitzergreifend. Er überredet Callie, sehr bald ihre Wohnung aufzugeben und zu ihm zu ziehen. Dafür muss sie aber ihren Job entweder aufgeben oder nur mehr im Homeoffice arbeiten, da das Pendeln aufgrund der Entfernung nicht mehr möglich ist. Duncan macht seinen Einfluss geltend und Callies Chefin stimmt der Remote-Tätigkeit zu, damit sie Duncan nicht als Kunden verliert. Jedoch verlangt Duncan immer mehr und mehr von Callie, sodass sie es nicht mehr schafft, ihren Job zu erfüllen, weshalb sie schließlich diesen verliert.

Duncan isoliert Callie weiter, indem er zuerst ihren Vater und ihre Schwester mit seinem Charme auf seine Seite zieht und dann Lügen über Callies psychische Gesundheit erzählt. Callie verliert jeden Rückhalt ihrer Familie, weil ihr niemand glaubt, sondern alle zu Duncan halten.

Auch ein Besuch von Callies ehemaligen Arbeitskolleginnen endet in einem Desaster. Duncan riskiert bewusst dem Tod einer der Frauen, indem er ein Gericht mit Erdnüssen servieren lässt, obwohl er genau weiß, dass sie dagegen allergisch ist. Callie hat noch deutlich darauf hingewiesen, doch natürlich behauptet Duncan, das habe sie nie getan, er wusste das nicht und schiebt die Schuld dann auf sie. Als die Kolleginnen schließlich abreisen, nimmt er noch Callies Smartphone an sich und schreibt Juliette, die als einzige Duncan zu durchschauen scheint, noch eine beleidigende Nachricht, die zur Folge hat, dass alle Frauen sie blockieren. Außerdem löscht er noch ihre Kontakte, sodass Callie sie auch nicht mehr anrufen kann.

Duncan übt nicht nur psychische, sondern auch körperliche Gewalt gegenüber Callie aus und er wird zunehmend brutaler. Callies alter Hund Chester ist ihr Schwachpunkt und das nützt Duncan auch aus, um Callie gefügig zu machen. Sie gelangt sehr spät zu dem Schluss, dass sie zunächst ein neues Zuhause für Chester suchen und dann verschwinden muss, zu diesem Zeitpunkt ist es schon fast zu spät, weil sie nirgends mehr hingehen kann, ohne überwacht zu werden. Duncan hat einen Mann für die Drecksarbeit, Rob Jolly, der Callie überallhin folgt. Im Haus und Garten gibt es überall Überwachungskameras und auch das Auto hat Kameras und einen Tracker.

Als Callie schließlich die Flucht mit einem Trick und der Hilfe ihrer Zimmergenossin aus Unizeiten gelingt, die sie zufällig getroffen hat und die Duncan als Einzige sofort durchschaut, versteckt sie sich in der ländlichen Abgeschiedenheit Norfolks. Dort versucht sie, ein neues Leben zu beginnen. Doch seltsame Vorkommnisse und das Gefühl ständiger Beobachtung lassen sie zweifeln, ob sie ihrem Verfolger wirklich entkommen ist.

SpoilerPositiv hervorheben möchte ich, dass die Autorin am Ende nicht den einfachen Weg geht und die Konsequenzen durchaus hart für einige der Figuren sind.

Dass Faith und Ethan bei dem von Rob Jolly gelegten Feuer ums Leben kommen, empfand ich wegen des Mord an Anya und ihrer Bereitschaft, Callie an Duncan auszuliefern, als gerechte Strafe.

Gleichzeitig fand ich es sehr gelungen, dass die wirklich Unschuldigen verschont bleiben.

Besonders erleichtert war ich, dass Olive, Faiths und Ethans Tochter, von allem gar nichts mitbekommt, weil sie bei einer Freundin übernachtet. Dass auch die Katzen sowie Chester unverletzt bleiben, war für mich perfekt.

Wie viele Leser:innen kann ich es gar nicht leiden, wenn Unschuldige wie Kinder und Tiere sterben, daher war ich froh, dass die Autorin hier keine zusätzliche Tragödie eingebaut hat. Wenn es um einen Kindermörder geht, ist es notwendig für die Handlung, das war aber hier nicht der Fall.


Das Thema des Romans fiel mir persönlich nicht leicht. Es war weniger ein Psychothriller, sondern vielmehr eine Geschichte über häusliche Gewalt.

Ich hatte Schwierigkeiten, Mitgefühl für Callie zu entwickeln, weil sie die zahlreichen Warnsignale in ihrer Beziehung zu Duncan konsequent ignoriert und sich sein Verhalten permanent schönredet und entschuldigt. Die sogenannten „Red Flags“ werden von der Autorin bewusst sehr plakativ dargestellt. Duncan mag manipulativ und gefährlich sein, subtil ist sein Verhalten jedoch nicht. Trotzdem findet Callie immer wieder Entschuldigungen für ihn und redet redet sich seine Grenzüberschreitungen schön, was für mich nur sehr schwer nachvollziehbar ist. Es ist aber wohl in der Realität tatsächlich oft so, weshalb Keri Beevis das vermutlich auch genauso geschrieben hat.

Mir persönlich hätten schon die ersten Anzeichen von Kontrolle und Manipulation gereicht, um die Beziehung zu beenden. Zu körperlicher Gewalt hätte es gar nicht kommen müssen, aber selbst da lässt sich Callie noch manipulieren und hinterfragt ihre eigenen Wahrnehmungen wegen des Gaslightings.

Dass es bei einer Person wie Duncan nicht zielführend ist, das Beenden der Beziehung anzudrohen, ist für mich klar erkennbar, das macht solche Gewalttäter nur noch gefährlicher.
Aus diesem Grund verstehe ich auch nicht, wieso Callie das tut. Es ist logische Konsequenz aus Duncans Sicht, dass er die Kontrolle dann noch verschärft, denn verlassen zu werden ist für ihn ein Scheitern, ein Gewichtsverlust, eine Respektlosigkeit. Es wäre besser gewesenen, einfach zu verschwinden, ohne das anzukündigen, und zwar gleich am Anfang, bei den ersten Anzeichen. Callie macht das dann letztendlich auch so, aber viel zu spät.

Auch die Figur Rob Jolly ist mir zu flach und nicht genügend ausgearbeitet. Er spielt zwar eine wichtige Rolle in Duncans Umfeld und übernimmt bereitwillig dessen fragwürdige Aufträge, doch über seine Beweggründe erfährt man nichts. Warum er Duncan so loyal dient und seine Drecksarbeit bis hin zu Mord erledigt, bleibt unbeantwortet, man weiß lediglich, dass die beiden sich von früher kennen, als Duncan noch nicht berühmt war und in kriminellen Kreisen verkehrte. Dadurch wirkt die Figur eindimensional und hätte aus meiner Sicht mehr Tiefe vertragen können.


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09.06.2026 um 10:08
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Fiktionalisiert bedeutet aber auch, dass man nicht weiß, was echt Erlebtes und was Erfundenes ist.
Das wahrscheinlich auch Absicht so. Ich unterstelle jetzt als Motivation einfach mal, leicht Geld zu verdienen, ohne tatsächlich etwas von sich preisgeben zu müssen und trotzdem im Gespräch zu bleiben.

Wieso sonst schreibt man eine fiktionalisierte Autobiographie? Oder überhaupt eine Autobiographie? Wieso denkt jemand von sich, dass sein Leben so interessant ist, dass Menschen Geld bezahlen, um darüber lesen zu können? Ich konnte das noch nie nachvollziehen. Ich habe noch nie eine (Auto-) Biographie rein zum Vergnügen gelesen, lediglich für das Verfassen von (wissenschaftlichen) Texten, weil es manchmal einfach notwendig ist, den Hintergrund einer Person zu kennen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Menschen sowas zum Vergnügen lesen. Bei einem international bekannten Filmstar, der immer wieder wegen diverser Skandale in den Medien ist, kann ich mir das noch eher vorstellen als bei einem Theaterregisseur. 🤷🏼 ich kenne Joachim Meyerhoff nicht einmal, habe noch nie von ihm gehört. Ich gehe aber auch nicht ins Theater und lese keine Klatschzeitschriften. Ich bin mir nicht sicher, wie bekannt dieser Mann außerhalb der Theaterlandschaft ist. Immerhin schreibst du
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Der deutsche Schauspieler und Theaterregisseur Joachim Meyerhoff veröffentlichte 2011 den ersten Teil einer fiktionalisierten Autobiographie, mit der er zuvor bei Bühnenveranstaltungen am Wiener Burgtheater große Erfolge gefeiert hat.
Zumindest finanziell dürfte sich das also schon für ihn auszahlen und seinen Bekanntheitsgrad auch erhöhen. Immerhin habe ich den Namen jetzt auch wahrgenommen
🤷🏼
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Hart ist der Sohn eines in Deutschland stationiert gewesenen US-Soldaten und hat auf einer Provinztankstelle in Deutschland bei einem Überfall zwei Menschen getötet. In den USA ist er dafür zum Tode verurteilt worden und sitzt seit 16 Jahren im Todestrakt. Joachim schreibt ihm regelmäßig, auch nach Rückkehr nach Deutschland. Eines Tages taucht Hart auf. Knapp vor der Hinrichtung ist er durch deutsche Intervention begnadigt worden und nach Deutschland geflogen.
Das ist sehr weit hergeholt. Wieso sollte Deutschland sich für einen verurteilten Mörder in den USA einsetzen? Was hat Deutschland davon? Wenn das eine bekannte Persönlichkeit wäre oder ein Diplomat, Spion, Politiker... oder jemand, der unschuldig verurteilt wurde bzw. bei dem berechtigte Zweifel an der Schuld bestehen, kann ich das nachvollziehen, aber einfach bei irgendeiner unbekannten Person? Eher nicht.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Ein Schüler hat sturmfreie Bude und praktisch die komplette Stadtjugend stürmt die Party, säuft und kifft und verwüstet das Haus. Für Joachim ist nur wichtig, dass er bei dieser Gelegenheit mit Maureen in der Badwanne Sex hatte. Empathie mit dem "Gastgeber"? Eher nicht.
Das ist aber ein gängiger Handlungsstrang, der fast in jeder Jugendserie irgendwann vorkommt: Die Party, die aus den Fugen gerät.
Ganz ehrlich: welcher Partygast zeigt in einem solchen Fall Empathie? Das würde auch in Deutschland oder Österreich kaum eine:n Jugendliche:n kratzen. Die engen Freunde des Veranstalters würden vielleicht beim Aufräumen am nächsten Tag helfen. Ich habe das zumindest schon einmal gemacht 😉
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Die Prüfung im Tauchkurs ist auch sehr eigentümlich. Sie müssen paarweise etwa 30 Meter in ein Projektilbecken der Navy eintauchen, um die zweite Hälfte der Ausrüstung (darunter eine Sauerstoffflasche) hochzuholen. Eine lebensgefährliche Prüfung. Eine erfundene Metapher für einen Initiationsritus ins Erwachsenenleben?
Ich habe in Österreich diverse Schwimmscheine als Kind gemacht: Frühschwimmer, Freischwimmer, Allroundschwimmer und Rettungsschwimmer. Die Prüfung ist tatsächlich so ähnlich angelegt:
Allroundschwimmer
(für Bewerberinnen und Bewerber ab dem vollendeten 11. Lebensjahr)

200 m Schwimmen in zwei Lagen (100 m Brust, 100 m Rücken)
100 m Schwimmen in beliebigem Stil in 2:30 Minuten
10 m Streckentauchen
einmaliges Tieftauchen (ca. 2 m) und Heraufholen eines ca. 2,5 kg schweren Gegenstandes
25 m Transportieren (Ziehen) einer gleich schweren Person
Kenntnis der Selbstrettung
Kenntnis der 10 Baderegeln
Quelle: https://www.schwimmabzeichen.at/de/schwimmerabzeichen/allroundschwimmer
Die kombinierte Rettungsübung (Retter Pkt. o) ist wie folgt durchzuführen:
Schrittsprung ins Wasser, Anschwimmen auf 25 m (Brust oder Kraul mit Blick voraus, Augen über Wasser), Abtauchen und Bergen eines ca. 2,5 kg schweren Gegenstandes, Durchführung eines Befreiungsgriffes (gleich nach dem Auftauchen), 25 m Retten des Partners, Bergen (Beckenrandbergung oder Rautekgriff), Notfallcheck, Reanimation (mind. 3 Minuten).
Quelle: https://www.schwimmabzeichen.at/de/rettungsschwimmerabzeichen
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Und genau dies ist das Problem des Romans. Er gibt vor, eine Autobiographie zu sein, ist aber eine Autofiktion. Der reale Aufenthalt von Meyerhoff könnte auch stinklangweilig gewesen sein.
Ich spekuliere jetzt, dass es tatsächlich so war. 😉
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Spannung erhält er eigentlich erst dadurch, dass man sich die Frage stellt: "Hat Meyerhoff das wirklich erlebt?"
Und das scheint auch gut zu funktionieren, immerhin hast du das Werk ja auch gelesen. 🤷🏼 Kein blöder Ansatz!
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 04.06.2026:Sorry. Nein. So spricht niemand.
Doch - Arnold Schwarzenegger 🤣


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09.06.2026 um 14:04
20260609 135859


Ein bißchen selbstreflektion und Aufarbeitung.
Keine leichte Kost emotional gesehen.
90 Fragen zum Nachdenken und introspektion zu betreiben.


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09.06.2026 um 19:01
Ich lese derzeit Einführungen ins Mittelägyptische bzw. die Hieroglyphenschrift.

gyptisch Hieroglyphen-entziffern-lesen-v

gyptisch Hieroglyphen-verstehen

gyptisch Hieroglyphen-lesen-und-schreibe


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11.06.2026 um 11:16
mal wieder Horror von einer meiner Liebingsautorinnen


the-place-where-they-buried-your-heart-t


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11.06.2026 um 12:56
Zitat von philaephilae schrieb am 04.04.2026:Sehr wahrscheinlich demnächst dieses hier

https://www.amazon.de/Regen-Wo-die-Schatten-lauern-ebook/dp/B0GSSCZCFS

Klingt nach einer Dystopie, mit einer Prise Mystery, genau nach meinem Geschmack.
Tatsächlich gerade dieses. Komm nur nicht oft dazu.


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13.06.2026 um 17:09
David Welch - Propaganda and the German Cinema 1933-1945

Welch-Propaganda

Der englische Historiker David Welch hat 1983 mit diesem Buch ein Standardwerk über die nationalsozialistischen Propagandafilme geschaffen. Mir liegt die zweite Auflage aus 2001 vor. In diesem Werk werden 30 Filme analysiert und dekonstruiert sowie in einen Zusammenhang gestellt.

Die Konklusion der Analysen ist, dass diese "Staatsauftragsfilme" die Zentralthemen nationalsozialistischer Propaganda verbreiteten: Blut und Boden, Lebensraum, arische Herrenrasse, Verherrlichung von Gesundheit und Stärke, Romantisierung von Krieg und Kameradschaft, blinder Gehorsam, Heldenopfer, Führergehorsam.

Ein Grundstein für die Nutzbarmachung professionellen Filmeschaffens wurde bereits 1927 mit der Übernahme der Ufa durch den nationalkonservativen Medienunternehmer Alfred Hugenberg gelegt. Ein zweiter Aspekt der Zentralisierung innerhalb der NSDAP war, dass 1932 alle Partei-Filmaktivitäten in Berlin unter der Führung von Joseph Goebbels gebündelt wurden. Nach der Machtergreifung wurde am 22. September 1933 die Reichskulturkammer und innerhalb dieser die Reichsfilmkammer gebildet, welche dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (Goebbels) unterstanden. Nichtmitglieder waren nicht mehr berechtigt, Filme zu produzieren. Ausgeschlossen waren Juden und politische Gegner.

Mit dem Reichslichtspielgesetz vom 16. Februar 1934 wird nicht nur die Förderung von Filmen durch den Staat ermöglicht, sondern auch die Vorzensur durch den Reichsfilmdramaturgen (begleitet einen Film vom Drehbuch bis zum Abschluss). Die Verleihung von Filmprädikaten (steuerrechtlich relevant) wurde nun auch Teil dieses Zensurapparats, die Filmprüfstelle war keine unabhängige Organisation mehr. Auch die Filmkritik ist vom Kritikverbot im November 1936 betroffen. Ab diesem Zeitpunkt durften nur noch "Kunstbetrachtungen" veröffentlicht werden.

Zur Verbreitung von Filmpropaganda unter Kindern und Jugendlichen wurde 1934 eine "Jugendfilmstunde" bei der HJ eingeführt. Diese wurde immer mehr verpflichtend und ein Nichterscheinen wurde unter Strafe gestellt, sodass die überlieferte Statistik ein stetes Ansteigen der Vorführungen und Besucherzahlen aufweist. Der Höhepunkt war 1942/43 mit über 45.000 Vorführungen und über 11 Mio Besuchern.

Auch die Besucherzahlen in Kinos wuchsen laut Jahrbuch der Reichsfilmkammer von 1939. Die Anzahl der verkauften Karten stieg von 240 Mio (1932/33) auf 400 Mio (1937/38). Stark rückläufig hingegen war der Exportumsatz. 1929 wurde ein Drittel des Umsatzes der deutschen Filmindustrie außerhalb von Deutschland erwirtschaftet, 1934 strebte die NS-Regierung eine Erhöhung auf 40 Prozent an. Die Realität war, dass in der Saison 1934/35 der Exportumsatz auf 8 Prozent fiel. Es brauchte keine Sanktionen, nicht-deutsche Verleiher hatten kein Interesse an deutschen Filmen mehr.

An der Eigentumsstruktur der Filmproduktionsgesellschaften wurde ab 1936 gedreht. Die (staatsnahe) Kautio Treuhand GmbH begann die Firmen als Treuhänderin zu übernehmen. Im Laufe des Jahres 1937 wurden die größten Produktionsgesellschaften, Ufa, Terra und Tobis, de facto verstaatlicht. 1938 betraf es Bavaria. Nach der Annexion Österreichs wurde Wien Film vertreuhandet, nach der Besetzung Tschechiens wurde Prag Film gegründet. Somit waren alle großen Filmproduktionsgesellschaften staatsmittelbar. Diese hatten einen Anteil von 60 bis 70 Prozent am gesamten Filmoutput des Deutschen Reichs. 1942 wurde die Holdinggesellschaft Ufa-Film GmbH gegründet und diese kontrollierte sämtliche Filmgesellschaften im Deutschen Reich, auch diejenigen mit einem ausländischen Besitzanteil. Die deutsche Filmindustrie hatte nun diese Struktur (Bild von Seite 28):

Struktur der FilmindustrieOriginal anzeigen (0,6 MB)

Mit der Reichsfilmintendanz war nun Goebbels Herr über das gesamte Filmschaffen.

Die Genreverteilung des Filmschaffens während der nationalsozialistischen Herrschaft wird auf Seite 36 folgendermaßen angegeben:

Filmgenres

Die Propagandafilme werden sowohl chronologisch als auch thematisch geordnet vorgestellt. 1933 stand noch der Kampf der SA gegen die Kommunisten während der Weimarer Republik im Zentrum. Die Filme SA-Mann Brand, Hitlerjunge Quex und Hans Westmar waren sehr ähnlich gestaltet: Ein männliches Kind (ca. 15 Jahre) schließt sich der SA an, auch im Widerspruch zu den Eltern (meist dem Vater). Damit entfremdet es sich von der Familie, mit dessen Tod wird die Familie zerstört. Welch findet erwähnenswert, dass die Zerstörung der Familie zugunsten der Partei die Propaganda vom hohen Wert der Familie konterkariert. Dass die SA als sauber und die Kommunisten als schmutzig dargestellt werden, ist genretypisch (Freund - schön, Feind - hässlich).

Als besonders perfide wird der Film Ich klage an aus dem Jahr 1941 bezeichnet. Dieser begleitete die Mordwelle im Rahmen der Ermordung behinderter Menschen. Mit diesem Film, der die freiwillige Sterbehilfe bei Todkranken propagiert, soll die Mordkampagne psychologisch positiv konnotiert begleitet werden.

Krieg wurde in Spielfilmen wie auch Dokumetationen (nach Kriegsbeginn) positiv dargestellt. Der promineteste Regisseur war Karl Ritter. Für Kurzdokus stand die Deutsche Wochenschau zur Verfügung, die während der erfolgreichen Kampagnen sehr beliebt war und nach Stalingrad auf so wenig Interesse stieß, dass das Kinopublikum gezwungen wurde, die Wochenschau zu sehen, wenn es den Hauptfilm gebucht hat.

Eine Skurrilität am Rande. Der Film Kolberg mit der Uraufführung am 30. Januar 1945 über das Aushalten der Festung Kolberg gegen Napoleon 1806 (historisch ist das verdreht), eine der teuersten Farbfilmproduktionen, musste am 15. März 1945 abgesetzt werden. Grund: Die Rote Armee hat Kolberg eingenommen.

Unzählige Propagandafilme waren den nationalsozialistischen Feindbildern gewidmet: Kommunisten, Juden (mit den unsäglichen Filmen Jud Süß und Der ewige Jude), ab 1940 den englischen "Plutokraten" (das "Volk" wurde ausgespart, da "arisch"). Interessanterweise waren Franzosen ausgenommen, wohl aus Rücksicht auf das Vichy-Regime. Während des Nichtangriffspakts mit der Sowjetunion wurde die antikommunistische Propaganda zurückgeschraubt.

Auch wenn die Lust, solche Filme zu sehen, sich in Grenzen hält, die Lektüre dieses Buches ist sehr erhellend und die Filme werden in einer Art und Weise analysiert, die eine Bekanntheit der Filme nicht voraussetzt.


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um 19:27
Krieg der Welten - H G Wells
War Of The Worlds

9781398834408
Klassiker der SciFi Literatur, Marsianer wollen die Erde kolonisieren.
Ich habe das vorher schon mal auf Deutsch gelesen aber auf Englisch ist es auch nicht schlecht.
Neben einer versteckten Kritik an europäischem Kolonialismus ist das 1898 geschriebene Buch auch eine Vision des modernen Krieges mit Superwaffen.
Vom Stil her erinnert das Buch an Kriegsjournalismus. Vom Thema her geht um ein sensationelles Ereignis -den Angriff der Marsianer.

Interessanterweise hat H G Wells alle seine berühmten Werke wie Zeitmaschine, Krieg der Welten, Die Insel des Dr Moreau, der Unsichtbare innerhalb von kurzer Zeit zwischen 1895 und 1900 veröffentlicht.


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