Juli Zeh - Corpus Delicti

Zeh-Corpus

Dieser Roman aus dem Jahre 2009 zeigt eine dystopische totalitäre Gesundheitsdiktatur in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Den Menschen ist ein Chip implantiert, der überwacht, dass er seine Aufgaben erfüllt: Sportziele, Labortests. Außerdem ist der Lebensraum desinfiziert und ein Betreten der nicht desinfizierten Außenwelt (hier ein Wald mit Fluss) wird bestraft. Die Ideologie nennt sich "METHODE", die gewährleistet, dass die Menschen frei von Krankheiten und körperlichen Beschwerden leben können. Der Roman ist ein Gerichtsspiel, wir lernen das Gerichtssystem und einen Chefideologen kennen, nicht jedoch das politische System. Wir lernen kennen, dass es eine Untergrundorganisation R.A.K. ("Recht auf Krankheit") gibt, die auch Anschläge verüben soll.

Angeklagt ist die 34-jährige Biologin Mia Holl, die nach dem Selbstmord ihres Bruders Moritz in einer Haftanstalt ihre Hygiene- und Sportpflichten vernachlässigt und in ihrer Wohnung Alkohol und Kaffee getrunken sowie Zigaretten geraucht hat. Er ist wegen Femizid (Vergewaltigung und Mord) auf Basis von DNA-Spuren im Sperma verurteilt worden, hat sich aber immer als unschuldig bezeichnet. Im Laufe des Romans stellt sich heraus, dass Moritz Holl als Kind an Leukämie erkrankt war und die DNA des Stammzellenspenders hat, der wiederum der wahre Mörder gewesen ist. Ein Gerichtsirrtum der METHODE.

Mia Holl möchte den Fall aufklären, akzeptiert keine kleine Strafe, sondern legt - auch auf Anraten ihres Pflichtanwalts - Einspruch ein, um vor einer höheren Gerichtsinstanz die Unschuld ihres Bruders beweisen zu können, was auch gelingt. Nur wird sie nun in Politisches verwickelt. Ihr Bruder sei Mitglied einer terroristischen Organisation namens Schnecken gewesen, deren Führung nach Moritz Holls Tod Mia übernommen habe. In ihrer Wohnung werden bei einer Durchsuchung Spuren von Botulinumtoxin (Botox) gefunden, worauf sie verdächtigt wird, einen Anschlag auf das Wasserversorgungssystem geplant zu haben. Ihr Einwand, sie habe vor einem Jahrzehnt an der Entwicklung eines neuen Medikaments gearbeitet, wird nicht akzeptiert.

Nicht ganz schlüssig ist, warum Mia Holl ein persönliches Manifest gegen die Methode verfasst (nicht ganz überzeugend gelungen) und warum Chefideologe Kramer dieses veröffentlichen lässt. Aber da sind wir wohl bei den Geständnissen stalinistischer Schauprozesse, und deren Funktion war, die Gestehenden zu vernichten. Mia Holl wird nun vorgeworfen, Teil eines Komplotts gewesen zu sein. Ihr Bruder habe ins Gefängnis wollen, um seinem Leben als Zeichen ein Ende zu setzen. Der Stammzellenträger Hannemann, Moritz Holl und Mia Holl hätten gemeinsam den Mord an der Frau, mit der Moritz Holl ein Rendezvous vereinbart hat, geplant. Für den Täter Hannemann eine vermeintlich ungefährliche Tat, da ja Moritz Holl des Mordes überführt werden würde.

Als Mia Holl auch nach Elektrofolter weder Mitglieder der Gruppe (es bleibt offen, ob sie überhaupt existiert) bekanntgibt noch ihre Schuld eingesteht und ihren implantierten Chip mit einer Nadel aus dem Oberarm holt, wird sie zum Einfrieren verurteilt, um in einer unbestimmten Zukunft wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden zu können.
I. Die Angeklagte ist schuldig der methodenfeindlichen Umtriebe in Tateinheit mit der Vorbereitung eines terroristischen Krieges, sachlich zusammentreffend mit einer Gefährdung des Staatsfriedens, Umgang mit toxischen Substanzen und vorsätzlicher Verweigerung obligatorischer Untersuchungen zu Lasten des allgemeinen Wohls.

II. Sie wird deshalb zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit verurteilt.
Doch als der Einfrierungsprozess in Gang gesetzt werden soll, wird die Begnadigung verkündet. Die METHODE möchte nicht, dass Mia Holl zu einer Märtyrerin der Opposition werde. Hintergrund: Sowohl im Gerichtssaal als auch vor dem Gerichtssaal wagen es Menschen, ihre Solidarität mit Mia Holl zum Ausdruck zu bringen und die METHODE zu kritisieren.

Zeh arbeitet in diesem Roman heraus, wie Methoden totalitärer Schauprozesse funktionieren, sodass Außenstehenden nicht möglich ist, den Wahrheitsgehalt der Anklage festzustellen. Mia Holl soll gezwungen werden zu gestehen, terroristische Aktivitäten geplant zu haben und Mitglied einer oppositionellen, terroristischen Organisation zu sein. Als Zeuge wird ein verhafteter Fernsehmoderator vorgeführt, der Mitglied der Schnecken gewesen sein soll. Nachgezeichnet dürfte dies den stalinistischen Schauprozessen sein, die nach dieser Methode geführt worden sind.

Wie leicht es sei, Anklageschriften zu verfassen, sei in der Tatsache begründet,
dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enthält, aus denen sich jedes beliebige Mosaik zusammensetzen lässt. Wenn die METHODE glaubt, in Mia Holl einen Gefährder vor sich zu haben, dann sieht sie auch einen Gefährder.
Offene Bezüge stellt Zeh zu den Hexenprozessen her. Der Name Mia Holl ist einer Maria Holl nachgestaltet, die 1594 nach unzähligen Folterungen, die nicht zu einem Geständnis führten, in einem Nördlinger Hexenprozess freigelassen wurde. Der Chefideologe, Heinrich Kramer, trägt den gleichen Namen wie der Autor des Hexenhammer.

Da Zeh vermutlich bewusst keine Hinweise gibt, was Realität ist oder nicht, hinterlässt sie einen nach der Lektüre selbst in einem Zustand des Zweifels, ob Mia Holl nun Opfer eines totalitären Staats oder Führungsmitglied einer terroristischen Organisation ist. Damit ist man aber nun in Limbo, dass man die Wahl zwischen zwei Konzepten hat: Ein totalitärer Staat, der das Gute will, und möglicherweise eine terroristische Organisation, die unbeteiligte Opfer in Kauf nimmt. Eine Rezeptionsrolle wie die von Außenstehenden bei den stalinistischen Prozessen?

Und dass das Gutgemeinte der Diktatur selbst Kritisches hervorbringt, äußert Heinrich Kramer selbst:
Heutzutage hat niemand mehr ein intaktes Immunsystem. Wenn wir aufhören, gemeinsam an Sicherheit und Sauberkeit zu arbeiten, gibt es binnen weniger Wochen eine Epidemie.
Heinrich Kramer spricht die Funktion von Revolutionen und wohl auch demokratischer Wahlen in Gesellschaften ohne Gott oder totalitäre Ideologie an:
Wenn wir von Revolutionen sprechen, von Macht und Unterlegenheit, Politik, Methode, Wirtschaft, allgemeinem und persönlichem Wohl, und wenn wir noch tausend andere Begriffe erfänden, um zu erfassen, was uns wichtig und kompliziert erscheint – es bliebe doch immer nur eins: eine Sache unter Menschen. Seit keine Götter mehr im Spiel sind, ist das alles reichlich banal geworden. Ein Rudel Wölfe, das alle paar Jahre sein Leittier vertreibt.
Die Replik von Mia Holl:
»Ein Staat«, beginnt Mia gehorsam, »muss dem natürlichen Streben der Menschen nach Leben und Glück dienen. Anders ist Herrschaft nicht legitimierbar. Es muss gelingen, das persönliche und das allgemeine Wohl zur Deckung zu bringen.«
Kramer:
»Fortschrittsdrang«, sagt Kramer, »ist eine Mischung aus gesellschaftlicher Selbstüberschätzung und individuellem Geltungsbedürfnis. Die Unfähigkeit, sich mit dem Bestehenden zufriedenzugeben, fordert mindestens einmal pro Epoche ein paar Hunderttausend, wenn nicht gleich Millionen von Toten. Die METHODE funktioniert gut. Es gibt keinen Grund, sie durch etwas anderes zu ersetzen. ... Kein anderes System hat eine so geringe Fehlerquote wie die Methode.«