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Zu jung um das Leben zu beenden?

368 Beiträge, Schlüsselwörter: Freitod, Sterbehilfe, Niederlande

Zu jung um das Leben zu beenden?

07.06.2019 um 03:32
Ich werde nie verstehen warum man auf biegen und brechen am Leben festhalten muss. Wenn es für einen selber nicht mehr geht, dann gehts eben nicht mehr.

Natürlich war sie sehr jung und ich finde es auch traurig, aber es war ihr Leben und nur sie kann / konnte darüber entscheiden ob es genug ist. Ich bin pro legale Sterbehilfe.


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Zu jung um das Leben zu beenden?

07.06.2019 um 04:59
Mila_ schrieb:Ich werde nie verstehen warum man auf biegen und brechen am Leben festhalten muss.
Wir wachsen in einer Gesellschaft auf deren Doppelmoral uns lehrt das Leben höher zu halten als den Tod.

Und das ist gut so, denn das Leben bietet Möglichkeiten, der Tod tut das nicht.

Aber so normal, menschlich und gesund Doppelmoral auch ist, genauso fragwürdig ist die Intensität mit der manche Menschen sie bei sich tragen.

Ich wurde gelehrt, dass man ein Urteil über andere nicht leichtfertig spricht und mir wurde beigebracht zu hinterfragen was genau mich nun zu diesem Urteil "befähigt"/"berechtigt".

So habe ich gelernt mit Urteilen über Andere mehr als nur zurückhaltend zu sein.


Ich frage mich manchmal was in Menschen vorgeht die ernsthaft glauben sie hätten irgendeine Form von "übergeordneter Weisheit", die sie befähigt sich Entscheidungen mit denen die, die wirklich betroffen sind sich schwer tun mal eben aus dem Ärmel zu schütteln und die scheinbar keine Kenntnis haben, von dieser Grenze die zwischen unserer eigenen Wahrnehmung und der aller Anderen verläuft.
Aber das übersteigt meinen Vorstellungshorizont mehr als nur ein bisschen.

Ich habe Menschen gesehen, die sich an einem Leben festkrallen von dem völlig außer Frage stand, dass es nicht die gewünschte Zeit überdauern wird.
Und auch wenn mich das in Momenten in denen ich nicht der Mensch bin der ich gerne pausenlos wäre innerlich mit dem Kopf schütteln lässt weiß ich trotzdem, dass diese Lebensbejahung in unserer Kultur ausdrücklich erwünscht ist, auch wenn sie alle Grenzen der Realität sprengt.

Mein Vater war nicht dement, nicht dumm, nicht ungebildet.
Er war nicht ignorant.
Einfach nur sturer als ein Sack Kartoffeln.
Saß auf der Palliativstation quatschte über seine Entlassung nach Hause, wenn es ihm besser geht.
Trieb seine Frau und manch anderen fast in den Wahnsinn, denn er brauchte ja ganz dringend Internet, denn er müsse die neue Festplatte für seinen PC zu Hause so bestellen, dass er nicht erst drauf warten muss, wenn er wieder daheim ist.

Der Mann der uns nicht einmal als Kindern vormachen konnte, dass er keine Angst vor Spritzen habe ließ sich sämtliche Venen zerstechen um Infusionen zu legen mit Antibiotika die nichts, aber auch gar nichts mehr an der Tatsache ändern konnten, dass sein Körper in einen Sterbeprozess eingetreten war den auch die Sturheit dieses Mannes nicht stoppen konnte.

Das er länger gelebt hat als jede Prognose ihm zugestand hat niemanden der ihn kannte überrascht aber irgendwann läuft das, was im englischen Sprachgebrauch aus gutem Grund als "borrowed time" bezeichnet wird eben ab.

Aber obwohl ich das wusste und auch weniger emotional betrachte als es "normal" wäre, wäre es mir nicht im Traum eingefallen zu ihm hinzugehen und zu sagen:
"Weisste was Pappilein?
Du belügst Dich zum ersten Mal in Deinem Leben selbst, kostest die Menschen die Dich lieben und das Krankenhauspersonal ne Menge Zeit und Nerven, den Steuerzahler (bzw jeden der in die Krankenkasse einzahlt) mehr Geld als nötig und ändern wird das an der Realität gar nischt, also sei doch bitte so nett und vernünftig und mach mal nen Punkt und die Äuglein zu, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat Zwei, weisste doch."

ICH hätte das nicht getan und vermutlich auch ohne zu zögern jeden ausm Fenster geworfen, der sowas versucht hätte.
Denn mein Vater brauchte dieses Umfeld indem keiner ihm vorgab ob und wie er mit seinem Leben abzuschließen hatte.
Das bisschen Kontrolle, dass ihm bis zuletzt keiner nehmen konnte, das war der entscheidende Punkt, der letzte Hauch Würde, den ein Mensch niemals verlieren sollte.

Bei Menschen die völlig irrational am Leben festhalten wird das in unserer Gesellschaft nicht nur akzeptiert sondern explizit bejaht und gefördert.

Ich begreife nicht warum man Menschen die von der anderen Seite ins Fenster schauen und beschließen, dass sie nu genug von dem Zirkus haben nicht der gleiche Respekt entgegen gebracht wird.

Womit ein Mensch leben kann ist individuell und niemand kann einem Menschen aufzwingen mit etwas leben zu können bzw zu wollen, was dieser Mensch einfach mal nicht aushält.

Hätte meine Schwester ein Kündigungsschreiben von ihren Beinen erhalten, dann wär sie, soweit noch möglich von der nächsten Brücke gesprungen.

Ich wollte den Rollstuhl in blau und nach Abklappern der entsprechenden Tierschutzvereine fand ich den perfekten Schlittenhund zu davorspannen.

Aber das gibt mir nicht die Kompetenz und gleich gar nicht das Recht einem Menschen der ein Leben auf Rädern einfach mal nicht WILL zu beurteilen und ihm in die Birne zu quatschen, dass er nu nicht rumnörgeln soll, denn immerhin gehts mir ja auch gut.

Nicht nur weil mein Respekt vor anderer Leute Perspektiven mir das verbietet, sondern weil ich weiß, dass es statistisch betrachtet ausgeschlossen ist, dass da draußen nicht jeden Tag Menschen aufstehen und mit einem Lächeln in den Tag starten und ein Leben genießen können das ich mich weigern würde zu leben.
So gern ich Mathematik auch mag, Statistik konnte ich noch nie leiden aber es gibt nun einmal Dinge bei denen die Statistik immer Recht hat.


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07.06.2019 um 06:50
Der naechste, der in diesem Thread mit einer Unsaeglichkeit ankommt wie "zusammenreissen", "Jammerlappen", "in Selbstmitleid ergehen" oder etwas in der Richtung, kriegt sofort Pause! Mir kommt das kalte Kotzen am fruehen Morgen! Das ist allerunterste Schublade!


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07.06.2019 um 06:56
@yong
Die Ärzte diagnostizierten eine PTBS, Depression und Magersucht. Schon eine Diagnose allein reicht in der Regel völlig aus, um jahrelang damit therapeutisch beschäftigt zu sein. Diese multiplen Diagnosen erschwerten ja auch eine passende Klinik zu finden. Das prangern die Eltern auch zurecht an. Für das Mädchen waren die Beschwerden am Ende zu gravierend und das sollte ihr von niemandem abgesprochen werden.
Das Thema dann darauf herunter brechen zu wollen, sich einfach mal zusammenzunehmen, wird dem erstens nicht gerecht (recherchiere mal die Folgeschäden von Traumata) und zweitens ist schon allein durch die Magersucht eine enorme Willenskraft erforderlich und vorhanden (recherchiere mal zum Thema Magersucht). Bei den Depressionen allein hätte man wahrscheinlich am Ehesten zügig etwas machen können und vielleicht schöpfte sie ja von Zeit zu Zeit Kraft (sie schrieb immerhin ein Buch, was viele nicht hinbekommen).
Alles in allem zeigt dein Post mehr über dich, als über sie. Ich empfehle dir etwas mehr Empathie und eine weisere Wortwahl. Außerdem ignorierst du, dass Traumata einen erheblichen Einfluss auf die Hirnstruktur haben. Dies wiederum hat zur Folge, dass eben nicht mehr rational bewertet werden kann und bestimmte Botenstoffe nicht mehr ausreichend ausgeschüttet werden.


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07.06.2019 um 07:00
yong schrieb:Ich lasse mir doch mein Leben nicht von fremden Menschen zerstören. Warum kämpft man nicht sondern ergibt sich der Situation?
Das sagt sich sehr leicht. Die Situation des Mädchens ist unvorstellbar, wenn man nicht selbst in der Position war.
Sicherlich gibt es Leute, die irgendwie weitermachen aber einen "Knacks" hätte wohl jeder auch wenn man mit dem weitermacht und irgendwie normal lebt.

Die aktive Sterbehilfe ist unterm Strich eine gute Sache auch wenn sie nicht leichtfertig gewährt werden darf.


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07.06.2019 um 07:49
KFB schrieb:Die Situation des Mädchens ist unvorstellbar, wenn man nicht selbst in der Position war.
Selbst wenn man in der gleichen oder vergleichbaren Position war oder ist sollte man super vorsichtig mit der Erwartung sein, das vergleichbare Schicksale auch einen vergleichbaren Effekt auf unterschiedliche Menschen haben.
KFB schrieb:Die aktive Sterbehilfe ist unterm Strich eine gute Sache auch wenn sie nicht leichtfertig gewährt werden darf.
Na, "aktive Sterbehilfe" darf man durchaus für eine "kontroverse Sache" halten.
Aber in diesem Fall war gar keine Form von Sterbehilfe beteiligt.
Genau genommen nicht einmal assistierter Suizid.


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07.06.2019 um 07:59
Fraukie schrieb:Aber in diesem Fall war gar keine Form von Sterbehilfe beteiligt.
Genau genommen nicht einmal assistierter Suizid.
Das war auch generell gesprochen. Ich weiß, das sie in dieser Hinsicht keine Unterstützung erhielt.


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07.06.2019 um 08:11
@yong
Tussinelda schrieb:Ich sende gar keine Signale in die Welt, ich sage nur, dass DU oder ich nicht wissen können, warum manche Menschen keinen weiteren Tag Leben ertragen können und es sich leicht dahin sagt, man müsse Zähne zusammenbeissen, wollen etc. Das sind scheiss Phrasen, die helfen aber leider nicht.
Da muss ich leider zustimmen. Ich war damals im ungefähren gleichen alter wie Noa. Wurde in der Kindheit selbst misshandelt aber zum glück nicht missbraucht.
SpoilerWuchs im Alter von 4 Jahren bei meiner Tante auf, weil die eigene Mutter, wieder einem psychotischen Wutanfall hatte bei dem sie die Bude klein schlug und meine jüngere Schwester vor meinen Augen versuchte zu erwürgen. Die Tante war alleinerziehend und selbst schon mit ihren zwei Kindern und ihrer eigenen Vergangenheit überfordert. Sie machte auch die ganzen Jahre keinen hehl daraus, mir in Wort (durch Erniedrigungen) und Tat (Schläge) offen zu zeigen und auch zu sagen, das ich nur geduldet und ein Klotz an ihrem Bein bin. Also vom Regen in die Traufe...

Mit 14 schickte sie mich zurück zur Mutter. Was ich erstmal im naiven denken als absoluten Lichtblick sah. Denn trotz der Erfahrungen mit der Mutter in der Vergangenheit, hat sie bei den seltenen Besuchen immer stets ihr freundliches Gesicht gezeigt. Aber es dauerte nicht mal einen Monat bei ihr, bis sie es abnahm. Heute weis ich, sie ist psychisch krank. Cholerische Wutanfälle, offen gezeigte Abscheu indem sie mir in einem angeekelten Tonfall immerwieder sagte dass eine Abtreibung besser gewesen wäre, mit Aussagen wie ich solle mich doch endlich den strick nehmen, usw... und zu allem Überfluss schrie sie Nachts oft im Schlaf und brabbelte was vom Ende der Welt.

Irgendwann mit 16 war ich völlig ausgebrannt. Ich zog die Schuhe an, verließ still und monoton wie ein Roboter das Haus. Ich ging ohne ein bestimmtes Ziel einfach weg von der Stadt in Richtung Wald, achtete nicht auf Autos, hörte nur gelegentlich Reifen quietschen und Hupen. An einem großen leeren Platz fiel mir jede Bewegung zu schwer. Körperlich wie geistig. Ich brach zusammen. Ich starb.
Was in dieser Zeit passierte ist schwer zu beschreiben. Aber es war ähnlich dem, was ich heute von Nahtodberichten kenne.
Aufjedenfall gab es mir letztendlich einen ungeheuren Boost weiter zu machen. Ab dann kehrte ich auch nicht mehr nach Hause zurück.

Ich kann deshalb viele Menschen verstehen die sich das Leben nehmen möchten und kann aus Erfahrung sagen, dass solche Phrasen in den absolut meisten Fällen wirklich nichts bringen. Eher gegenteilig sogar, selbst wenn es gut gemeint ist. Man fühlt sich dadurch nur noch mehr nicht verstanden und somit alleine.
---------
Also aktive Sterbehilfe wie für diesen Fall, bei einem so jungen Menschen, halte ich für unangebracht. Da sollte in der Medizin eher mehr in Richtung umfassenderen Behandlungen investiert werden, welche weniger offensichtlich sondern mehr taktisch und manipulativ vorgehen. Ein verbessertes ausgefeilteres Auffangbecken, anstelle einer Sterbehilfe welche eigentlich nichts anderes als eine Kapitulation vor dem Gegebenen ist. Für ältere Menschen mit gesonderten Fällen ok, aber für einem so jungen Menschen Sterbehilfe? Never. Da kann und sollte, das Wissen in der Medizin und Psychologie eigentlich jetzt schon meist ausreichen und mehr an der Umsetzung des Wissens gearbeitet werden.


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07.06.2019 um 08:19
Flitzschnitzel schrieb:Also aktive Sterbehilfe wie für diesen Fall,
Es gab in dem hier geschilderten Fall keine Sterbehilfe.
Sie hatte welche beantragt, wurde aber abgewiesen.
Juristisch betrachtet war die Todesursache in dem hier diskutierten Fall natürllich (wenn alles so war wie in dem Artikel geschildert).
Flitzschnitzel schrieb:Da kann und sollte, das Wissen in der Medizin und Psychologie eigentlich jetzt schon meist ausreichen und mehr an der Umsetzung des Wissens gearbeitet werden.
Die Behandlung die sie erhalten hat war medizinisch betrachtet völlig korrekt und verstorben ist sie genau genommen an den Folgen ihrer Traumastörung.


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07.06.2019 um 08:24
Fraukie schrieb:Es gab in dem hier geschilderten Fall keine Sterbehilfe.
Ich weis. Aber manche spielen mit dem Gedanken und finden es ok wenn es in diesem Fall passiert wäre.
Fraukie schrieb:Die Behandlung die sie erhalten hat war medizinisch betrachtet völlig korrekt und verstorben ist sie genau genommen an den Folgen ihrer Traumastörung.
Will damit auch keinen Schuldigen finden. Aber es ist medizinisch betrachtet auch kein Erfolg. Ich war nicht dabei und kenne nur einen Bericht aus dem Netz darüber um zu sagen ob es wirklich medizinisch völlig korrekt war. Sowas kann man nur, wenn überhaupt, als Mensch in unmittelbarer Nähe sagen.


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07.06.2019 um 08:33
Tussinelda schrieb:man braucht Kraft, um zu wollen, denn es ist ein Kampf. Man muss passende Therapeuten und Therapien finden, von beidem gibt es nicht genügend. Ich finde niemand hat das Recht darüber zu urteilen, wer wie viel ertragen kann oder will. Niemand außer einem selbst. Da gibt es gar keine Debatte.
Therapien gibt es schon, nur, ob sie immer greifen, ist eine andere Sache.

Jeder geht von seinen eigenen Maßstäben aus, u. man kann schon für sich bewerten, ob es legitim ist, über einen Pickel zu klagen oder nicht.



Den Ansatz von @yong kann ich auch verstehen.
Eltern, Angehörige sind keine Psychologen u. für sie es es sehr schwer, mit der Situation umzugehen.

Und keiner kann sich den Leidensdruck vorstellen, die die betreffende Person hat.
Da ist guter Rat teuer, wie man mit solchen Situationen umgeht.

Bestärkt man die Person in ihrem Leid oder appeliert man, das bessere Zeiten kommen können?


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07.06.2019 um 08:53
Eine allgemeine Bemerkung: um überhaupt adäquat therapeutisch behandeln zu können, muss der Patient stabil genug sein, damit die Therapie auch anschlagen kann. Er muss sich ja schließlich mit den unangenehmen Geschehnissen, Gedanken und Gefühlen konfrontieren oder zumindest mit ein wenig Wohlwollen darauf blicken können.
Das Mädchen hatte immer wieder schwere Krisen, hatte viele Suizidversuche hinter sich. Da steht in der Klinik die körperliche Stabilisierung vor der psychischen. Im Bericht steht ja, dass die psychischen Probleme hintenan standen, weil sie u.a. künstlich ernährt werden musste.


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07.06.2019 um 08:55
Flitzschnitzel schrieb:Aber es ist medizinisch betrachtet auch kein Erfolg.
Eigentlich schon.
Ein Behandlungsvertrag ist kein Werkstvertrag.
Mit Ausnahme von z.B. Unfruchtbarmachung (und Euthanasie in der Tiermedizin) ist eine erfolgreiche medizinische Behandlung nicht davon abhängig, dass der Patient wieder gesund wird oder die gewählte Therapie das gewünschte Ergebnis erziehlt (dann wär man als Palliativmediziner ja mal so richtig angeschmiert und zwar so, dass den Job niemand mehr machen würde), sondern davon ob der aktuelle Stand der Wissenschaft im verfügbarem Rahmen so ausgeschöpft wurde, dass das Leid des Patienten gelindert und wenn möglich eine Genesung begünstigt wird.
Das haben ihre behandelnden Ärzte getan.
Flitzschnitzel schrieb:Sowas kann man nur, wenn überhaupt, als Mensch in unmittelbarer Nähe sagen.
Eigentlich nicht, man kann in Fällen die so eindeutig sind durchaus eine Einschätzung abgeben wie gut die stattgefundene Behandlung zum aktuellen Wissensstand passt, muss diese Einschätzung aber explizit davon abhängig machen ob die Berichterstattung den Tatsachen entsprochen und nichts Wichtiges ausgelassen hat bzw die Gültigkeit der Einschätzung an die Korrektheit der Berichterstattung binden.
Die junge Frau hat aufgrund schwerer, seelischer Erkrankungen u.A. eine schwere Esstörung entwickelt aufgrund derer ihr die selbständige bzw freiwillige Aufnahme von Nahrung schließlich nicht mehr möglich war.

Bereits auf Verhungern, noch heftiger jedoch aufs Verdursten reagiert ein Organismus aber mitunter auf eine Art und Weise die für den Betroffenen mit erheblichem Leid verbunden ist.

Um einen Patienten vor Leid zu bewahren, das mit anderen Therapien nicht in den Griff zu bekommen ist, ist die "Verbringung" in ein künstliches Koma eine übliche und angemessene Form der Therapie.

Das ein ohnehin geschwächter Organismus einem höheren Risiko unterliegt lebenswichtige Organe und/oder Körperfunktionen abzuschalten ist bekannt, befreit den Mediziner der sich dem Wohl seiner Patienten verpflichtet hat (diesen Punkt des Berufs-/Standesrechtes wird es auch in den Niederlanden geben) nicht von der Pflicht das Leid des Patienten zu lindern und in diesem Fall war das künstliche Koma die Behandlung dieses Leides und somit eine sinnvolle, medizinische Maßnahme. Das es zu Komplikationen kamen, die den Tod der Patientin begünstigt haben können ändert nichts daran, dass erfolgreich gegen ihr Leid vorgegangen wurde.
borabora schrieb:Bestärkt man die Person in ihrem Leid oder appeliert man, das bessere Zeiten kommen können?
Puh..
solltest Du auf die Frage eine gute Lösung finden teile sie mir bitte mit.
Bisher muss ich davon ausgehen, dass die Antwort auf diese Frage nicht nur hochgradig individuelle und situationsbedingt ist, sondern auch noch zu befürchten steht, dass man erst erahnen kann was "richtig" oder "falsch" war wenn es bereits "zu spät" ist.
Eindeutige Fälle bei denen man ganz genau und ohne jeden Zweifel weiß was "richtig" ist gewährt uns die moderne Medizin leider nicht so oft wie es schön wäre.


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07.06.2019 um 09:07
borabora schrieb:Bestärkt man die Person in ihrem Leid oder appeliert man, das bessere Zeiten kommen können?
es gibt nicht nur diese beiden Alternativen. Niemand bestärkt irgendwen in seinem Leiden. Darum geht es gar nicht. Es geht darum auch akzeptieren zu können, dass ein Mensch nicht mehr leben will. Das ist kein Bestärken in seinem Leiden.


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07.06.2019 um 09:15
Fraukie schrieb:Eigentlich schon.
Ein Behandlungsvertrag ist kein Werkstvertrag.
Mit Ausnahme von z.B. Unfruchtbarmachung (und Euthanasie in der Tiermedizin) ist eine erfolgreiche medizinische Behandlung nicht davon abhängig, dass der Patient wieder gesund wird oder die gewählte Therapie das gewünschte Ergebnis erziehlt (dann wär man als Palliativmediziner ja mal so richtig angeschmiert und zwar so, dass den Job niemand mehr machen würde), sondern davon ob der aktuelle Stand der Wissenschaft im verfügbarem Rahmen so ausgeschöpft wurde, dass das Leid des Patienten gelindert und wenn möglich eine Genesung begünstigt wird.
Seltsame Betrachtung eines Erfolges im Zusammenhang des hier geschilderten Falls, in einer Sparte der Medizin die sich als Ziel die Genesung des Menschen gesetzt hat. Meinst du nicht? Denn hier geht es weder um ein Kastrieren noch um eine Einschläferung.
Fraukie schrieb:Eigentlich nicht, man kann in Fällen die so eindeutig sind durchaus eine Einschätzung abgeben wie gut die stattgefundene Behandlung zum aktuellen Wissensstand passt, muss diese Einschätzung aber explizit davon abhängig machen ob die Berichterstattung den Tatsachen entsprochen und nichts Wichtiges ausgelassen hat bzw die Gültigkeit der Einschätzung an die Korrektheit der Berichterstattung binden.
Glaubst? Dann zitier ich mal die Noa selbst und bitte dich mal darüber nachzudenken: "glaube nicht all deinen Gedanken."
Fraukie schrieb:Das es zu Komplikationen kamen, die den Tod der Patientin begünstigt haben können ändert nichts daran, dass erfolgreich gegen ihr Leid vorgegangen wurde.
Ja erfolgreich das Leid beendet. Denn ein toter Körper leidet auch bekanntlich nicht mehr. Nicht wahr?
Ich weis wie du es meinst und wahrscheinlich haben die Ärzte und Geräte ihr Bestmöglichstes getan. Trotzdem zeigt es doch nur, dass da noch Platz nach oben in der Medizin selbst ist, damit auch irgendwann Menschen wie sie genesen und nicht nur sterben können.


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07.06.2019 um 09:32
@Flitzschnitzel
Menschen werden immer auch sterben wollen. Da kann auch die Medizin nix dran ändern.


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07.06.2019 um 09:45
@Tussinelda
Natürlich. Aber in ähnlichen Fällen wie diesen, wollen sie es meist aus einem... hm... falschen unbewussten Grundannahme heraus. Zuviel Leid in der Vergangenheit welches sich wegen der Intensität auch auf eine vorgestellte Zukunft überträgt. Somit aus einer unwirklichen sehr eingeschränkten Perspektive heraus, die nurnoch den Tod als Ende der Gleichung zum Leid sieht. Wer würde sich damit abfinden, wenn das eigene Kind wegen der eigenen illusorischen Sicht sich das Leben nehmen möchte, ohne zu kämpfen? Du bestimmt auch nicht, nur weil es immer welche gibt die einen Willen zum sterben haben.


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07.06.2019 um 09:46
Ich muss bei den Aussagen "ich hab auch viel erlebt, oder xy hat auch viel erlebt und er/sie/es wollte auch nicht sterben" sehr schwer schlucken.
Ich glaube, genau wegen solchen Gedanken haben es Menschen mit Depressionen oft so schwer.
"Mensch, stell dich nicht so an. Ist doch lange her. Reiß dich zusammen, mir gings auch mal schlecht"
Wahnsinn.

Generell ist es ein schwieriges Thema und ein sehr trauriger Fall.
Depressionen können ganz oft gut behandelt werden, aber in ganz seltenen Fällen halt eben nicht.
Wie jeder wissen sollte, nicht jede Krankheit kann (rechtzeitig) geheilt werden.

Ich hoffe die Täter bekommen ihre gerechte Strafe. Wie auch immer.


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07.06.2019 um 09:51
Flitzschnitzel schrieb:Wer würde sich damit abfinden, wenn das eigene Kind wegen der eigenen illusorischen Sicht sich das Leben nehmen möchte, ohne zu Kämpfen?
was ist denn Kämpfen? Ist es nicht schon Kämpfen, jahrelang weitergemacht zu haben? Für mich schon. Und ich weiß, aus persönlicher Erfahrung, dass niemand es so gut wie eben die nahen Angehörigen erkennen können, wenn sie nicht aus Egoismus handeln, dass man Menschen auch gehen lassen können muss. Ich würde jedenfalls lieber bei meinem Kind sein, meinem Kind beistehen, so wie es mein Kind braucht und nicht so, wie ICH mir wünsche, das es laufen soll. Ich würde mein Kind nicht auch noch zusätzlichem Druck aussetzen, wenn ich doch sehe, jeden Tag, wie es leidet. Wenn ich merke, es kann nicht mehr. Ob ein Mensch keine Chemo mehr will, keine lebenserhaltenden Maßnahmen, was auch immer es ist, wen ich den Menschen kenne, wenn ich mit diesem Menschen gesprochen habe und eine ungefähre Vorstellung von seinem Leid habe, dann ist es meine verdammte Pflicht, im Sinne des Menschen zu handeln, auch solche Entscheidungen mitzutragen.


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07.06.2019 um 09:59
Kurz gesagt: Ich selber habe ebenfalls Missbrauch in jungen Jahren erlebt, wenn auch nicht auf diese extrem schlimme Weise wie dieses bedauernswerte Mädchen - aber genug, um mich in ihre Lage einfühlen zu können.
Ich begrüßte aktive Sterbehilfe in schweren Fällen. Es ist eine tragische, schwerwiegende Entscheidung, aber es ist und bleibt in jedem Fall die Entscheidung des Individuums. Niemand hat sich einzumischen, wenn es um die Frage geht, ob jemand leben oder sterben möchte, das geht nur die Person selber etwas an. Warum sich davon jemand auf die Füße getreten fühlt, werde ich nie verstehen. Wieso sollte man jemanden mit einer derart schweren Störung künstlich am Leben erhalten? Sie hat alles versucht um gesund zu werden und dann für sich nach langem Kampf diese Entscheidung getroffen. Das hat niemanden außer sie selbst und ihre Familie zu interessieren.


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