Intemporal schrieb:Ich versteh's nicht.. Dass ein Wal es vermag, binnen kürzester Zeit eine Massenpsychose auszulösen, während man kein Ding darin sieht, Fleisch am Seil beim Metzger von der Decke baumeln zu sehen oder flüchtende Menschen im Meer ersaufen zu wissen. Ist doch alles gleichschlimm und von letzten beiden gibts halt täglich viel mehr, als ersteres once in a lifetime..
Ich verstehe deine Argumentation, aber kann Leid überhaupt miteinander verglichen werden?
Wer sagt denn, dass jemand, der zB Empathie für einen in der Ostsee herumirrenden Buckelwal empfindet, nicht auch gleichzeitig von den menschlichen Schicksalen auf den Flüchtlingsrouten berührt wird, darüber entsetzt ist und sich in irgendeiner Weise für diese Menschen einsetzt?
Ja, es gibt noch viel Schlimmeres (Kriege, Flüchtlingstragödien, Klimawandel, Ozonabbau, Pandemien, Umwelt-/Naturkatastrophen usw.) als ein verirrter Buckelwal in der Ostsee!
Gleichzeitig ist aber auch die Werkzeugkiste riesig, mit Totschlagargumenten den Gesprächspartner dieser bzw ähnlicher Themengebiete moralisch kleinzumachen oder mittels Verallgemeinerungen und weit hergeholter Logik ins Lächerliche zu ziehen. Der Klassiker in den 50ziger Jahren war: "Iss deinen Teller leer, die Kinder in Afrika wären dankbar für so ein Essen, denn die müssen hungern!"
In der sozialen Rangordnung stehen Menschen über Tiere. Im ethischen Kontext wird also schon mal unterschieden: Menschliches und nicht-menschlichens Leid.
Da ich nicht entscheiden kann, was ein anderer zu denken hat, wehre ich mich gegen oberflächliche Verallgemeinerungen, denn Verhaltensweisen lassen sich nicht generalisieren. Ich möchte also nicht mit irgendwelchen mediengeilen, abgestumpften Menschen in einen Topf geworfen werden, nur weil ich ebenso das Schicksal des Buckelwals verfolgt habe.
Vergleiche sind grundsätzlich schwierig bis unmöglich, auch ein gegeneinander ausspielen ist sinnlos. Niemand trägt einen Heiligenschein.
Das Schicksal eines einzelnen Wesens macht Leid schnell konkret und leicht verständlich, so sind wir Menschen nun mal gestrickt. Dem Einzelnen wird ein Gesicht und ein Name gegeben, was in uns den unmittelbaren Wunsch zu helfen weckt. Große Zahlen und Statistiken hingegen wirken wie eine ferne und abstrakte Masse. Hierzu ein sehr lesenswerter Beitrag von Fritz Breithauptl, Kognitionswissenschaftler:
Warum uns Einzelschicksale mehr interessieren als Hunderte ertrunkene Flüchtlinge
... Einzelschicksale erzeugen Mitgefühl. Sobald es um eine größere Gruppe geht, ist es immer eine Frage der Statistik. Dann geht es nicht mehr um eine Person, sondern um eine Gesamtsituation, so wie bei einer Unwetterkatastrophe in Indien oder einem Boot mit hundert Flüchtlingen. In solchen Momenten fühlen wir das Schicksal der Menschen nicht schrittweise nach, sondern denken über die politischen Umstände in Syrien oder die Klimaverschiebung nach. Wir sind nicht mehr so emotional. Dazu kommt die innere Abstumpfung, wenn wir eine Situation mehrfach erleben. Am Anfang ist die Empathie noch groß, mit der Zeit aber nicht mehr. Ein Phänomen, was sich besonders gut an Ärzten feststellen lässt. Ein Drittel unserer Ärzte leidet an massiver Empathieabstumpfung gegenüber ihren Patienten. Das ist zwar nicht gut, aber man versteht es. Empathie ist anstrengend. Bei einem Einzelschicksal haben wir häufig noch Hoffnung, dass sich alles ins Gute wenden wird. Bei einem Schlepperboot mit Hunderten Flüchtlingen gibt es aber keine positive Narration. Das ist einfach nur eine Katastrophe.
...
Quelle:
https://www.vice.com/de/article/touristin-kreuzfahrtschiff-warum-uns-einzelschicksale-mehr-interessieren-als-hunderte-ertrunkene-fluchtlinge/