@Nyx_07 @nairobi Die Gedanken und Diskussion ist mir nicht unbekannt und ich habe mich ihr selbst stellen müssen, da ich Rechtsanwalt und Strafverteidiger bin. Was man allerdings im Unterschied zu Laien zunächst einmal lernt, ist, dass die Aufgabe und die Möglichkeit eines Strafverteidigers anders ist, als viele denken: es ist nicht die Aufgabe, einen Straftäter vor einer gerechten Strafe koste es was es wolle zu schützen. Das Stichwort ist Gerechtigkeit.
Vor dem Studium habe ich ähnlich gedacht, ich will nicht einen Kindermörder vor dem Gefängnis bewahren - und auch im Zivilrecht nicht auf der falschen Seite stehen, zum Beispiel als Anwalt einer Versicherung dafür sorgen, dass, wenn Oma Elises Haus abbrennt, sie keine Zahlung der Versicherung erhält usw. Daher habe ich auch erst mal Karriere beim Staat gemacht, vermeintlich auf der sicheren Seite. Eines Tages habe ich mich aber selbstständig gemacht, weil ich gern mein eigener boss bin, und die "Seite gewechselt."
Aber mir wurde dann schon bewusst, dass die Rolle eine andere ist: es geht um fairness, oder eben auf deutsch um Gerechtigkeit. Und ein Beschuldigter steht dem riesigen und ressourcenreichen Staatsapparat gegenüber, ganz allein. Und um sicherzustellen, dass das "System" funktioniert, braucht auch er einen Verteidiger, der darauf achtet, dass alle die Regeln einhalten.
Wird mein Mandant nach einem gerechten Verfahren, wegen eindeutiger Schuld dann auch zu einer gerechten Strafe verurteilt, kann ich gut schlafen. Haben Polizei oder Staatsanwaltschaft aber getrickst, dann stehe ich dagegen.
Den allermeisten Mandanten geht es auch darum. Ihnen ist klar, dass sie nicht ohne Strafe davonkommen wenn sie die Tat begangen haben, was bei 95% der Mandanten so ist. Aber sie wollen, dass es fair zugeht.
Die 5% Beschuldigten, die wirklich unschuldig sind, die allerdings sind das Sahnehäubchen in der Karriere des Verteidigers.
Dennoch ziehe ich auch bestimmte Grenzen, einfach auf grund meiner persönlichen Erfahrungen. Ich nehme zum Beispiel keine Fälle von Trunkenheit im Verkehr an, auch wenn ich natürlich weiss, dass auch solche Beschuldigte ein Recht auf einen Anwalt haben. Ich habe aber zuviele Opfer selbst gesehen oder gekannt. Das ist nicht mein Ding. Zum Glück kann ich mir inzwischen meine Mandanten aussuchen und muss finanziell nicht jedes Mandat annehmen. Andere Kollegen werden diese Fälle annehmen.
Damit komme ich gut zurecht und ich hoffe, ich leiste auch so der Gesellschaft einen Dienst.