nairobi schrieb:In meiner Kindheit (70er/80er Jahre) wurde uns eingeprägt, nicht mit Fremden mitzugehen. Das ist natürlich wichtig, aber dabei wurde der Aspekt nicht bedacht, dass der Missbraucher nicht unbedingt der Unbekannte ist, der hinterm Gebüsch lauert. Sondern oft ist es gerade ein Bekannter, ein Freund oder gar ein Verwandter 🤮.
Oder zwar kein Bekannter, Freund oder Verwandter, sondern jemand der zu einer Personengruppe gehört auf die man laut Eltern zu hören habe: Lehrer, Musiklehrer (außerschulisch), Trainer, Gruppenleiter im Verein etc.
Das, oder jemand der sich als eine Person aus der Gruppe auf die man zu hören habe ausgibt: falscher Polizist etwa.
nairobi schrieb:Deswegen ist es auch wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass es einem alles erzählen kann.
Absolut. Und eben auch, wenn das Kind in die Situation geraten ist, nachdem es sich entgegen zu Hause ausgemachter Regeln verhalten hat, z.B. wenn etwas passiert ist nachdem das Kind gestohlen hat, als Anhalter mitgefahren ist oder jemanden besucht hat den zu besuchen untersagt wurde.
nairobi schrieb:Rückblickend auf meine Kindheit war man als Eltern glaube ich oft zu lax. Kinder durften alleine ins Schwimmbad, ohne dass sie schwimmen konnten, heute ein Unding.
Kinder wurden ins Geschäft geschickt, um für die Eltern Zigaretten und Bier zu kaufen, eine Altersprüfung gab es nicht.
Kinder wurden oft rücksichtslos vollgequalmt, da überall geraucht werden durfte, sogar in Krankenhäusern (!). In der Mittelstufe hatten wir einen Lehrer, der im Unterricht am geöffneten Fenster rauchte.
Es gab auch noch Lehrer, die geschlagen haben.
Es gab auch keine Kindersitze fürs Auto oder Babyschalen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich sehr vieles geändert, auch die Einstellungen der Menschen.
Bestimmte Gefahren wurden minimiert, andere sind erst neu entstanden.
Derartiges kenne ich auch, auch teils von den eigenen Eltern*,
obwohl diese ansonsten eher streng waren.
*Konkret:
Meine Eltern rauchten (und rauchen) nicht, und sie erlaubten und erlauben kein Rauchen in ihrer Wohnung. Meine Eltern tranken (und trinken) Alkohol selten; mal zu einem Fest, mal die typische Flasche Wein als Geschenk für jemanden.
Dennoch:
- Auch als Kind für die Oma beim Einkauf Zigaretten mitkaufen. Ich hätte diese nicht geraucht, aber die Möglichkeit hätte ich so gehabt wenn mir danach gewesen wäre.
- Als Kind beim Einkauf auch mal Alkohol mitkaufen. Selbiges: Hätte ich nicht getrunken, aber wenn ich gewollt hätte...
- Wenn Raucher besucht wurden, welche mitunter auch direkt neben mir rauchten, und ich mich über den Geruch beschwerte, wurde ich zurechtgewiesen, obwohl meine Eltern den Geruch selbst schlimm fanden. Aber man solle halt als Gast "nichts sagen, das gehört sich nicht".
- Laut Fotos gab es für mich einen Kindersitz als Baby, danach wurde ich mit Bauchgurt angeschnallt und einer Decke drunter auf die Rückbank (mittlerer Sitz) gesetzt. Irgendwann in den 90ern wurden dann Sitzerhöhungen auch für ältere Kinder, zu nutzend mit Dreipunktgurt, verpflichtend, sofern diese eine gewisse Größe noch nicht erreicht haben und/oder unter 12 sind, so war dann von 9 - 12 die Sitzerhöhung da. Da meine Eltern sich an geltende Regeln streng halten, wurde die Sitzerhöhung auch angeschafft.
- Schlagen in der Schule war zu meiner Kindheit nicht mehr erlaubt; laut Internetrecherche wurde es in meinem Bundesland im Jahr meiner Geburt untersagt. Etliche Lehrer die ich hatte hatten diese selbst noch (in den Jahren zuvor) angewandt und somit während meiner Schulzeit sie mitunter noch angedeutet. Ich erinnere mich da auch einen Lehrer, der bei Schülern auf den Tisch schlug, immer ganz knapp neben die Hand.
Meine "Drittoma" (Nachbarin) war Lehrerin gewesen. Nett, total vernarrt in Kinder, klug, wusste spannende Sachen und kannt witzige Wortspiele - ich habe sie sehr gemocht und sie war auch bei anderen Nachbarskindern beliebt. Als sie noch Lehrerin war, hat sie (Eigenaussage, Aussage von ihren damaligen Schülern im Alter meiner Eltern) durchaus Ohrfeigen verteilt und mit einem Geigenbogen (anders als Grundschullehrer zu meiner Grundschulzeit Gitarre spielten, spielte sie Geige) auf die Finger geschlagen.
nairobi schrieb:Zum Glück konnte der Täter, ein Vorbestrafter, ermittelt werden. Er hat später ausgesagt, dass er das Mädchen mit Schokolade in eine Gartenkolonie gelockt habe. Ich habe mich gefragt, wie das hat sein können. Vielleicht hat das Mädchen zu Hause keine Süßigkeiten bekommen, so dass die Schokolade für sie attraktiv war.
Es würde mich erstmal auch verwundern, gerade da die Methode so stereotyp wirkt. Vorstellen kann ich mir aber durchaus Abwandlungen, in denen Kinder den Ablauf als anders als das was sie als "mit Schokolade anlocken" ansehen wahrnehmen. Z.B. erst um eine kleine Hilfe bitten, alles noch okay, und dann dürfe sich das Kind als Belohnung eine Schokolade holen kommen.
Es ist nicht selten, dass Kinder noch Situationen, die ein bisschen anders sind als ganz anders einordnen.
Ebenso, dass Kinder, die zwar mit "Fremden" nicht mitgehen würden, eine Person nicht mehr als "fremd" einschätzen wenn diese eine Verbindung nennt, z.B. vorgibt, der Arbeitskollege eines Elternteils oder Eltern-, Großelternteil eines Mitschülers zu sein.
nairobi schrieb:Es auch Dinge machen und ausprobieren lassen, denn nur so kann es lernen. Sei es mit Besteck umzugehen, Fahrrad o.ä. zu fahren oder in der Küche zu helfen.
Dito. Um für jemanden etwas herauszusuchen, war ich letztens auf der Webseite meines Heimatorts. Dort habe ich gesehen, dass der Kindergarten nach Umbau eine Werkstatt hat, mit echten Werkzeugen wie in der Schule im Werkunterricht - in Kindergröße, manuell (nicht elektrisch, die Bohrmaschine ist zum Kurbeln), aber eben funktionsfähig anstatt die Plastik-Bosch-Werkbank bei der man sich nicht verletzen kann aber an der man auch nichts wirklich bauen kann.
Super Sache
:)