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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

30 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Menschen, Gesellschaft, Psychologie ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 12:14
Zitat von martenotmartenot schrieb:Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ein "sich kümmern" im pflegerischen Sinne insbesondere dann eine Herausforderung darstellt, wenn das Verhältnis zuvor schon schwierig oder angespannt war. Auch im Interesse der zu pflegenden Person ist es wahrscheinlich besser, wenn das nicht von dem Angehörigen durchgeführt wird, weil ich denke, dass Spannungen vorprogrammiert sind (mit nachteiligen Auswirkungen auf die Pflege).
Ja. Darum besteht nur ggf. eine finanzielle Pflicht. Ich wäre da auch der schlechteste und desinteressierteste "Kümmerer", den sie erwischen könnten. :|


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 12:20
Zitat von soomasooma schrieb:Ich wäre da auch der schlechteste und desinteressierteste "Kümmerer", den sie erwischen könnten.
Mich stresst es schon, wenn meine Mutter telefonisch Druck macht (hat sie schon immer so gemacht und deswegen stresst es mich auch in der derzeitigen Situation immer noch). Ich glaube, sie hat nie wirklich kapiert, dass sie mich genau mit ihrem emotionalen Druck ("du musst dich mehr um deine Eltern kümmern", "du musst öfter zu Besuch kommen", "sind wir dir nicht mehr wichtig?", oder sie hat am Telefon über den "undankbaren" Sohn geweint etc.) in Wirklichkeit in die Distanz getrieben hat.


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 12:31
@martenot
Das sind alles Gedanken, von denen ich mich auch lösen konnte. Es ist mir sehr egal geworden, was sie kapieren oder nicht. Ob sie sich welche Gedanken machen oder nicht. Es betrifft mich nicht mehr.


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 13:14
Zitat von martenotmartenot schrieb: Was mich auch mal interessieren würde: wie ist es eigentlich bei einem kompletten Kontaktabbruch mit den Eltern, wenn diese im Alter pflegebedürftig werden? Kann man als Sohn/Tochter trotzdem dazu gezwungen werden, sich um die Eltern zu kümmern, auch wenn das Verhältnis schlecht ist bzw. war?
So wie minderjährige Kinder Umgang einklagen können? Das gibt es nicht, es ist mehr, ob man den moralischen Druck aushält "es sind doch deine Eltern ...". Manche Leute schaffen es einfach, einem ein sehr schlechtes Gewissen zu machen. Ich hatte eine Tante, die über 100 wurde und mit allen zerstritten war. Mehr aus Pflichtbewusstsein habe ich sie so alle paar Monate besucht, als ich dann Kinder hatte mit den Kindern und sie hat sich immer sehr gefreut. Da sagte die Pflegerin auch mal: "Sie hat so sehr auf Sie gewartet, traurig, dass Sie sich nicht öfters Zeit nahmen!". War sehr übergriffig, fand ich, es gab durchaus Gründe, aber ich hatte jahrelang ein schlechtes Gewissen.

Der Nachteil beim kompletten Kontaktabbruch ist oft, dass man den Tod dann auch nicht mitbekommt. Bei einem Freund war es so, dass er aus dem Urlaub kam und erfuhr, dass das entsprechende Elternteil verstorben und bereits begraben war. Man hatte auch das Haus schon geräumt (er wäre gerne nochmals in sein Kinderzimmer), aber er hatte da auch zu knapsen, dass er gar nicht entscheiden konnte bzw. nicht geladen war.


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 13:22
Zitat von MissMaryMissMary schrieb:Da sagte die Pflegerin auch mal: "Sie hat so sehr auf Sie gewartet, traurig, dass Sie sich nicht öfters Zeit nahmen!".
Meine Mutter signalisiert auch ständig, dass sie wahnsinnig stark auf mich und meinen nächsten Besuch wartet. Das sagt sie anscheinend auch ständig den Pflegekräften. Denn auch die sagen dann zu mir "Endlich kommen Sie, Ihre Mutter wartet schon so dringend auf Sie".

Auch ich finde das belastend und fast übergriffig, denn ich habe dann immer ein schlechtes Gewissen. Und das, obwohl ich eigentlich weiß, warum ich sie eben nur so oft besuche, wie ich es eben kann, und für mich selbst erträglich finde.
Zitat von MissMaryMissMary schrieb:Der Nachteil beim kompletten Kontaktabbruch ist oft, dass man den Tod dann auch nicht mitbekommt.
Ja, kann ich mir vorstellen, dass das auch schwierig sein kann. Zumal man damit vielleicht auch gar nicht mehr mitbekommt, wenn das Elternhaus "verloren geht" und man es nicht mehr zu Gesicht bekommt.


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 13:25
Zitat von MissMaryMissMary schrieb:Tod dann auch nicht mitbekommt
Das stimmt so nicht, du bekommst Post ob du willst oder nicht.


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 14:36
Zitat von martenotmartenot schrieb:Meine Mutter signalisiert auch ständig, dass sie wahnsinnig stark auf mich und meinen nächsten Besuch wartet. Das sagt sie anscheinend auch ständig den Pflegekräften. Denn auch die sagen dann zu mir "Endlich kommen Sie, Ihre Mutter wartet schon so dringend auf Sie".
Ja, man hat mitunter den Eindruck, dass da auch unreflektiert die Sichtweise des Patienten übernommen wird. Klar verbringt man sehr viel Zeit alleine. Andererseits: Ich habe eine Kollegin, die ihre Mutter in einem Pflegeheim direkt auf ihrem Fahrtweg untergebracht hat und die täglich vorbeischaut, außer, wenn sie in Schuljahren einen freien Tag hat. Das ist da auch jedes Mal ein Geheule und sie hat wochenlang ein schlechtes Gewissen.
Zitat von martenotmartenot schrieb:Auch ich finde das belastend und fast übergriffig, denn ich habe dann immer ein schlechtes Gewissen. Und das, obwohl ich eigentlich weiß, warum ich sie eben nur so oft besuche, wie ich es eben kann, und für mich selbst erträglich finde.
Ja, was ich sehr cool finde: Wir haben im Dorf eine schwerbehinderte Frau, die aus dem Grund ihre eigene Pflege so organisiert hat, dass sie überhaupt keine Hilfe ihrer Angehörigen braucht, da sie meint, klar ist es für die doof, aber ihre Kinder können auch nichts dafür, dass sie nun ein Pflegefall ist und sie will sie gar nicht belasten. Sie ist -im Rahmen ihrer Möglichkeiten und sie hat nicht viele- trotzdem sehr aktiv und nimmt einfach alles in Anspruch: Dianachmittag der Kirche, etc, weil sie sagt, sie sei ja für sich selbst verantwortlich und wolle nur so oft besucht werden, wie die Besucher das aus freien Stücken auch wollen.
Zitat von martenotmartenot schrieb:Ja, kann ich mir vorstellen, dass das auch schwierig sein kann. Zumal man damit vielleicht auch gar nicht mehr mitbekommt, wenn das Elternhaus "verloren geht" und man es nicht mehr zu Gesicht bekommt.
Ja, in dem Fall war es so, dass die neue Partnerschaft des Vaters den Kontakt minimiert hat - schon krass, wenn du dann als erstes Kind weder an der Beerdigung deines Vaters teilnehmen darfst, weil es bewusst verschwiegen wird, noch irgendwie nochmal durch das Haus gehen darfst, in dem du deine Kindheit verbracht hast. Klar ist dieser Fall etwas anders gelagert, aber man hat ja trotzdem einen Abschiedsprozess.
Zitat von MilanthropMilanthrop schrieb:Das stimmt so nicht, du bekommst Post ob du willst oder nicht.
Das stimmt, aber im Falle meiner Bekannten erst, als es vorbei war. Die betreffende Person hatte es dann schon über den Dorffunk erfahren, aber erst nach der Beerdigung. Die ganzen Elemente, die man als Kind doch mitmachen würde (Beerdigung, Haus ausräumen, ... ) waren da schon passiert...


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 14:42
Zitat von MissMaryMissMary schrieb:Sie ist -im Rahmen ihrer Möglichkeiten und sie hat nicht viele- trotzdem sehr aktiv und nimmt einfach alles in Anspruch: Dianachmittag der Kirche, etc,
Meine Mutter torpediert sich da quasi selbst: ständig schimpft sie über die Betreuung im Seniorenheim, und wenn man Ihr Angebote macht (wie z.B. im Chor singen), dann beschwert sie sich darüber, warum sie jetzt auch noch singen soll. Außerdem ist sie oft ziemlich mürrisch und aggressiv und vergrault ihr ganzes soziales Umfeld. Die einzige Person, auf die sie sich total fixiert hat, bin ich. Ausgerechnet ich, der ich schon seit Jahrzehnten von ihr gleichzeitig idealisiert und gering geschätzt werde ("Du kannst gar nichts", "Aus dir wird nie etwas werden" etc.).

Genau diese lebenslange Geringschätzung von Seiten meiner Mutter hat aber auch dazu geführt, dass ich nun eben nicht mit riesiger Begeisterung täglich zu Besuch kommen will (und früher auch schon über Kontaktabbruch nachgedacht habe).


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 14:46
Zitat von martenotmartenot schrieb:Meine Mutter torpediert sich da quasi selbst: ständig schimpft sie über die Betreuung im Seniorenheim, und wenn man Ihr Angebote macht (wie z.B. im Chor singen), dann beschwert sie sich darüber, warum sie jetzt auch noch singen soll.
Das ist doch irgendwie oft so, oder? Ich habe inzwischen so viele coole alte Menschen kennengelernt, die für sich selbst was absolut Sinnvolles machen, dass ich glaube, es ist eben eine Frage des Mindsets. Also oben zitierte Person mit der Schwerbehinderung könnte sich auch beschweren, dass Kind + Enkel, obwohl im selben Dorf, eben nicht täglich vorbei kommen. Stattdessen nimmt sie das Leben eben noch selbst in die Hand und macht das, was sie kann, da sie dann viel erlebt, ist es super interessant, mit ihr zu reden und so hat sie auch viele Kontakte.

Ich habe mich früher auch immer sehr verpflichtet gefühlt, mache das aber auch nicht mehr.


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Kontaktabbruch mit der Herkunftsfamilie

um 14:51
Ich befürchte, dass das Thema momentan ein wenig stark in das Subthema Pflegebedürftigkeit der Eltern abgleitet, aber ich persönlich finde genau dieses Thema gerade im Zusammenhang mit einem Kontaktabbruch oder früheren Konflikten mit den Eltern schwierig. Denn selbst wenn man sich jahrelang von seinen Eltern distanziert hat, kommt vielleicht irgendwann die Frage, wie man mit der Situation umgeht, wenn die Eltern pflegebedürftig werden.

Bei mir ist das Thema halt auch relevant geworden, und ich habe deswegen meine zuvor erkämpfte Souveränität wieder teilweise aufgegeben (was mich jetzt belastet). Und meine Mutter nutzt ihre physische Hilflosigkeit, um auf mich Druck auszuüben und den Kontakt nach ihren Wünschen zu intensivieren. Zumindest wirkt es so auf mich.


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