redsherlock
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LWOP -- die andere Todesstrafe
gestern um 16:24Es geht um die Gefängnisstrafe LWOP, 'Life without Parole', das heisst, 'lebenslänglich bis zum Tod, ohne Chance frühzeitige Entlassung auf Bewährung'. Dies ist die häufigste Bezeichnung für diese Strafe in den USA, aber es gibt auch andere Wörter dafür, auch je nach Bundesstaat, wie 'life imprisonment' oder 'natural life', oder ähnlich. In Großbritannien z. B. wird es 'whole-life orders' genannt (wird dort aber nur äußerst selten verhängt). In Europa ist die Strafe nahezu nicht existent. 83% der Häftlinge mit LWOP befinden sich in den USA. Deswegen ist auch die meiste Literatur zu dem Thema auf Englisch.
In den USA ist diese Strafe alles andere als selten. Es befinden sich ca. 56.000 Menschen mit LWOP in Haft, davon ca. 2.000 Frauen. Dazu kommen aber auch noch Personen, die ein 'virtual Life'-Urteil haben (faktisch lebenslänglich), d. h. wenn die (Mindest-) Haftdauer die Lebenserwartung übertrifft. Oft wird eine Haftstrafe von 50 Jahren oder länger als eine solche angesehen. Es ist also faktisch auch wie LWOP, nur dass hier die Betonung nicht auf 'bis zum Tod' liegt, sondern auf die Jahreszahl. Hier kommen nochmal ca. 41.000 Menschen, davon ca. 1.500 bis 2.000 Frauen. Dies macht zusammen also etwa 100.000 Menschen, die in den USA im Gefängnis sitzen mit einer Strafe, so dass sie lebend nicht mehr aus dem Gefängnis kommen.
Es gibt aber auch noch LWP, also 'Life with Parole', also lebenslänglich, wo aber Prüfungen auf Bewährung, meist nach einer gewissen Mindestdauer, vorgesehen sind. So eine Strafe könnte z. B. '30 to Life' lauten, was bedeutet, dass es prinzipiell eine lebenslange Haft ist, aber nach 30 Jahren ein erster Antrag auf Bewährung gestellt werden darf, beim Board of Parole. Der muss natürlich nicht genehmigt werden, und wird auch selten zum ersten mal genehmigt. Nicht selten versterben die Personen dennoch im Gefängnis. Zählt man diesen Personenkreis noch hinzu, sind wir bei ca. 200.000 Menschen, davon ca. 6.600 Frauen. Jetzt kann sich jeder seine deutsche Lieblingsgroßstadt dazu vorstellen, um zu erkennen, um wie viele Personen es hier geht.
Quelle: https://www.sentencingproject.org/press-releases/locked-away-for-life-new-report-from-the-sentencing-project-unveils-alarming-data-on-long-term-imprisonment/
Zum Vergleich: in den USA sitzen knapp 2.000 Menschen in der Todeszelle, davon 45 Frauen.
Quellen: https://www.naacpldf.org/press-release/u-s-death-row-population-drops-below-2000-for-first-time-since-1980s/
https://deathpenaltyinfo.org/death-row/women
LWOP wird in den USA vielfach heute als Ersatz für die Todesstrafe angesehen. Weil einerseits die Todesstrafe deutlich teurer ist (wegen des ganzen automatischen Überprüfungsprozederes), zudem wird LWOP häufig als Plea Deal angeboten und angenommen (um der Todesstrafe zu entgehen), und sie gilt allgemein als milder als die Todesstrafe, zumindestens bei Personen, die Skrupel haben, dass der Staat einen Menschen tötet. Auch viele konservative 'Tough on Crime' Kreise zeigen sich LWOP gegenüber offen als Ersatz zur Todesstrafe.
Im Grunde genommen ist LWOP aber der Todesstrafe sehr ähnlich, wie auch der Supreme Court der USA feststellt:
Deutsche Übersetzung mit Google-KI.
Ein schon angedeuter Nachteil von LWOP gegenüber der Todesstrafe ist, dass bei LWOP außer einem direct Appeal keine anwaltliche Unterstützung mehr gewährt wird. Nach einem ersten Appeal ist das Schicksal der Person im Prinzip besiegelt. Die Personen werden von der Öffentlichkeit vergessen, weil es ja auch keinen 'Termin' mehr gibt. Die allergrößte Mehrheit der Verurteilten können sich einen eigenen Anwalt, der ihren Fall neu aufrollt und investigativ untersucht, nicht leisten. Da sind wie nebenbei auch bei der Rassismus- und Armutsproblematik bei LWOP (ähnlich wie bei der Todesstrafe), die ich jetzt am Anfangsthread aber nicht vertiefen möchte. Fälle, die vor ihrem Tod wegen nachgewiesener Unschuld freigelassen wurden, haben dies meist extrem engagierten (pro bono) Anwälten, NGOs oder sonstigen Unterstützern zu verdanken. Das System selbst lässt sie meist 'verhungern', weil das Urteil als 'final' gilt. Seit 1989 ist das nicht einmal 1000 Personen (mit LWOP oder 'Life') gelungen. In der Tabelle kann man sich auch anschauen, wieviele Jahre die Personen im Gefängnis vergeuden mussten.
https://exonerationregistry.org/cases
In Europa, insbesondere Deutschland, wird LWOP abgelehnt. Siehe Urteile vom Bundesverfassungsgericht bzw. dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Ich will den Eröffnungsbeitrag hier erstmal beenden, er ist schon lang genug. Interessante Fragen sind zum Beispiel, wie hier die psychologische und mentale Schwere von LWOP gesehen wird, insbesondere auch zum Vergleich zu Todesstrafe. Rassismus. Armut. Diskutieren lassen sich auch, welche Effekte LWOP auf Abschreckung und Sicherheit der Gesellschaft hat. Auch, ob und welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, noch lebend freizukommen. (In jedem Fall ist es extrem selten!) Und vieles andere...
In den USA ist diese Strafe alles andere als selten. Es befinden sich ca. 56.000 Menschen mit LWOP in Haft, davon ca. 2.000 Frauen. Dazu kommen aber auch noch Personen, die ein 'virtual Life'-Urteil haben (faktisch lebenslänglich), d. h. wenn die (Mindest-) Haftdauer die Lebenserwartung übertrifft. Oft wird eine Haftstrafe von 50 Jahren oder länger als eine solche angesehen. Es ist also faktisch auch wie LWOP, nur dass hier die Betonung nicht auf 'bis zum Tod' liegt, sondern auf die Jahreszahl. Hier kommen nochmal ca. 41.000 Menschen, davon ca. 1.500 bis 2.000 Frauen. Dies macht zusammen also etwa 100.000 Menschen, die in den USA im Gefängnis sitzen mit einer Strafe, so dass sie lebend nicht mehr aus dem Gefängnis kommen.
Es gibt aber auch noch LWP, also 'Life with Parole', also lebenslänglich, wo aber Prüfungen auf Bewährung, meist nach einer gewissen Mindestdauer, vorgesehen sind. So eine Strafe könnte z. B. '30 to Life' lauten, was bedeutet, dass es prinzipiell eine lebenslange Haft ist, aber nach 30 Jahren ein erster Antrag auf Bewährung gestellt werden darf, beim Board of Parole. Der muss natürlich nicht genehmigt werden, und wird auch selten zum ersten mal genehmigt. Nicht selten versterben die Personen dennoch im Gefängnis. Zählt man diesen Personenkreis noch hinzu, sind wir bei ca. 200.000 Menschen, davon ca. 6.600 Frauen. Jetzt kann sich jeder seine deutsche Lieblingsgroßstadt dazu vorstellen, um zu erkennen, um wie viele Personen es hier geht.
Quelle: https://www.sentencingproject.org/press-releases/locked-away-for-life-new-report-from-the-sentencing-project-unveils-alarming-data-on-long-term-imprisonment/
Zum Vergleich: in den USA sitzen knapp 2.000 Menschen in der Todeszelle, davon 45 Frauen.
Quellen: https://www.naacpldf.org/press-release/u-s-death-row-population-drops-below-2000-for-first-time-since-1980s/
https://deathpenaltyinfo.org/death-row/women
LWOP wird in den USA vielfach heute als Ersatz für die Todesstrafe angesehen. Weil einerseits die Todesstrafe deutlich teurer ist (wegen des ganzen automatischen Überprüfungsprozederes), zudem wird LWOP häufig als Plea Deal angeboten und angenommen (um der Todesstrafe zu entgehen), und sie gilt allgemein als milder als die Todesstrafe, zumindestens bei Personen, die Skrupel haben, dass der Staat einen Menschen tötet. Auch viele konservative 'Tough on Crime' Kreise zeigen sich LWOP gegenüber offen als Ersatz zur Todesstrafe.
Im Grunde genommen ist LWOP aber der Todesstrafe sehr ähnlich, wie auch der Supreme Court der USA feststellt:
The Supreme Court has acknowledged the similarities betweenQuelle: https://digitalcommons.law.buffalo.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1240&context=bhrlr (PDF-Datei)
life without parole and death sentences, the latter of which has largely
been replaced by the former. The Court in Graham notes that a death
sentence is “unique in its severity and irrevocability.” However, life
without parole sentences share features with death sentences that no
other sentences possess: both sentences permanently change the
recipient’s life by subjecting them to a “forfeiture that is
irrevocable.” Life without parole and death sentences are the only
two sentences that deprive the individual of “the most basic liberties
without giving hope of restoration” and denies any opportunity for
rehabilitation and redemption.
Deutsche Übersetzung mit Google-KI.
Der Oberste Gerichtshof hat die Ähnlichkeiten zwischen lebenslanger Haft ohne Bewährung und Todesstrafen anerkannt, wobei Letztere weitgehend durch Erstere ersetzt wurden. Das Gericht stellt in der Rechtssache Graham fest, dass ein Todesurteil „einzigartig in seiner Härte und Unwiderruflichkeit“ ist. Dennoch teilen Urteile auf lebenslange Haft ohne Bewährung Merkmale mit Todesstrafen, die keine andere Strafe besitzt: Beide Strafen verändern das Leben des Empfängers dauerhaft, indem sie ihn einer „Verwirkung unterwerfen, die unwiderruflich ist“. Lebenslange Haft ohne Bewährung und Todesstrafen sind die einzigen zwei Strafen, die dem Einzelnen „die grundlegendsten Freiheiten entziehen, ohne Hoffnung auf Wiederherstellung zu geben“, und jegliche Möglichkeit der Resozialisierung und Wiedergutmachung verwehren.Im Gegensatz zur Todesstrafe wird LWOP häufig auch an Personen verhängt, die selbst nicht getötet haben. Zum Beispiel wegen Drogendelikten, das berüchtigte '3 Strikes' (oder in Florida '2 Strikes'), oder sehr oft im Rahmen eines Verbrechens, wo jemand getötet wird, auch wenn die Person nicht selbst getötet hat und dies auch nie beabsichtigt hat, wie z. B. eine reine Fluchtwagenfahrerin, sog. 'Felony Murder'. In einige Bundesstaaten muss für solche Taten LWOP sogar automatisch (mandatory) vergeben werden, was dem Richter überhaupt keinen Spielraum einräumt bei der Beurteilung der individuellen Schuld und daher Proportionalität der Strafen unterbindet. Die zuvor ahnungslose Fluchtwagenfahrerin bekommt die gleiche Strafe, wie die Person, die den Mord verübt hat (sofern er nicht die Todesstrafe bekommt). Daher sind die LWOP-Zahlen in den letzten Jahrzehnten auch geradezu explodiert.
Ein schon angedeuter Nachteil von LWOP gegenüber der Todesstrafe ist, dass bei LWOP außer einem direct Appeal keine anwaltliche Unterstützung mehr gewährt wird. Nach einem ersten Appeal ist das Schicksal der Person im Prinzip besiegelt. Die Personen werden von der Öffentlichkeit vergessen, weil es ja auch keinen 'Termin' mehr gibt. Die allergrößte Mehrheit der Verurteilten können sich einen eigenen Anwalt, der ihren Fall neu aufrollt und investigativ untersucht, nicht leisten. Da sind wie nebenbei auch bei der Rassismus- und Armutsproblematik bei LWOP (ähnlich wie bei der Todesstrafe), die ich jetzt am Anfangsthread aber nicht vertiefen möchte. Fälle, die vor ihrem Tod wegen nachgewiesener Unschuld freigelassen wurden, haben dies meist extrem engagierten (pro bono) Anwälten, NGOs oder sonstigen Unterstützern zu verdanken. Das System selbst lässt sie meist 'verhungern', weil das Urteil als 'final' gilt. Seit 1989 ist das nicht einmal 1000 Personen (mit LWOP oder 'Life') gelungen. In der Tabelle kann man sich auch anschauen, wieviele Jahre die Personen im Gefängnis vergeuden mussten.
https://exonerationregistry.org/cases
In Europa, insbesondere Deutschland, wird LWOP abgelehnt. Siehe Urteile vom Bundesverfassungsgericht bzw. dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gehört es zu den Voraussetzungen eines menschenwürdigen Strafvollzugs, dass dem zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten grundsätzlich eine Chance verbleibt, je wieder der Freiheit teilhaftig zu werden (BVerfGE 45, 187 <229 und Leitsatz 3 Satz 1>; 113, 154 <164>). Es ist danach mit der Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG) unvereinbar, wenn ein Verurteilter in der Strafhaft ungeachtet seiner persönlichen Entwicklung jegliche Hoffnung, seine Freiheit wiederzuerlangen, aufgeben muss (vgl. BVerfGE 45, 187 <245>).Quelle: https://www.hrr-strafrecht.de/bverfg/09/2-bvr-2299-09.php (Abschnitt 21)
Ich will den Eröffnungsbeitrag hier erstmal beenden, er ist schon lang genug. Interessante Fragen sind zum Beispiel, wie hier die psychologische und mentale Schwere von LWOP gesehen wird, insbesondere auch zum Vergleich zu Todesstrafe. Rassismus. Armut. Diskutieren lassen sich auch, welche Effekte LWOP auf Abschreckung und Sicherheit der Gesellschaft hat. Auch, ob und welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, noch lebend freizukommen. (In jedem Fall ist es extrem selten!) Und vieles andere...






