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Familienbande: Netz oder Fesseln?

Familienbande: Netz oder Fesseln?

31.10.2017 um 20:10
Nachdem, was ich hier so gelesen habe, hatte ich mit meiner Familie wohl sehr viel Glück:

Ich wurde am 22.12.89 in einem Ort bei München geboren, mein älterer Bruder war 4 Jahre alt.
Ich hatte zu meinen Verwandten immer ein gutes Verhältnis, bis sich mein einer Onkel (der Bruder meiner Mutter) mit ihr zerstritten hat, natürlich ging es dabei wieder um Geld, habe ich mit meiner Cousine, 2-3 Jahre jünger, regelmäßig am Wochenende etwas unternommen.

Mit meiner Tante und meinem Cousin, 5 Jahre jünger, ebenso wie zu meinen noch lebenden Großeltern (alle väterlicherseits) habe ich selten Kontakt, beschränkt auf Geburtstage, Weihnachten und Ostern. Als ich noch klein war, hatten wir als Nachbarn ein älteres Ehepaar, sie war um die 60, er gut 10-15 Jahre älter, die so etwas wie dritte Großeltern für mich waren, sie hatten im Garten viele Erdbeerpflanzen, die wir alle abernten durften und sie haben an Ostern immer Eier für uns versteckt.

Kinder habe ich keine und will auch keine eigenen, die Zwillinge von meinem Bruder, 1 Junge, 1 Mädchen, bald 2 Jahre alt, reichen mir völlig aus, sie kommen alle 2-3 Wochen zu Besuch.

Ich will mich nicht auf Netz oder Fesseln festlegen, ich bin der Meinung, dass meine Familie beides ist (vor allem meine Eltern). Sie meinen es sicher gut, trotzdem nervt es manchmal.


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31.10.2017 um 20:31
@Freline

Eltern müssen nerven. Sonst hätten die Kinder ja keinen Grund, das Hotel Mama/Papa zu verlassen.


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Familienbande: Netz oder Fesseln?

31.10.2017 um 20:35
@Doors
Da hast du recht. Ich denke aber, dass meine Eltern genauso froh sind, wenn ich wieder weg bin, ich nerve auch ganz schön zurück.


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zer0zzil
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Familienbande: Netz oder Fesseln?

05.11.2017 um 21:02
Nun - weder noch.
Habe mich von ihnen gelöst und fühle mich gut damit.


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Familienbande: Netz oder Fesseln?

06.11.2017 um 08:17
Netz oder Fesseln, die Wahrheit liegt meistens irgendwo dazwischen. Beim einen eher auf der einen Seite, beim anderen eher auf der anderen.

Eine große Familie um sich zu haben, hat durchaus Vorteile. Eine gute Freundin von mir kommt aus einer großen Familie und hat in eine große eingeheiratet. Beide Familien wohnen im Umkreis von ca. 500 m auf einem Fleck. Wenn irgendeine Familienfeier ist, haben die Kinder a) immer viel Platz zum Spielen, weil es dort Standart ist, dass jeder ein Haus und einen Garten hat und b) es sind immer viele Kinder gleichzeitig da, die gleich alt oder +/- vier Jahre auseinander sind. Ich war auf Familienfeiern das einzige Kind + mein jüngerer Bruder. Irgendwann kamen Kinder dazu, die waren dann aber mindestens zehn Jahre jünger. Und ich musste die ganze Zeit am Tisch sitzen mit den Erwachsenen zusammen.
An einem Sommertag mit neun anderen Kindern im Garten spielen oder an Weihnachten in einem separaten Kinderzimmer, das ist schon was anderes ;)

Anderseits würde ich plemplem werden, wenn ich auf jedem 08/15-Geburtstag von mir, meinem Mann und meinen Kindern 50 Leute bewirten und bespaßen müsste :D Und dann noch jede Woche auf irgendeinen anderen Geburtstag müsste, denn irgendjemand hat ja immer Geburtstag oder Weihnachten oder Taufe oder Hochzeit oder weiß ich was.

Außerdem habe ich beobachtet, dass in so Famlienverbänden, die engen Kontakt haben, sich jeder berechtigt (oder verpflichtet?) fühlt, dem anderen zu erklären, was er alles falsch macht im Bereich Erziehung, Hausbau oder sonstwas. Das ist das letzte was, ich brauchen könnte.

Ich mag meine Familie, sie ist gut. Ich bin auch froh, dass eine handvoll Leute in meiner Nähe sind. Wir unterstützen uns gut untereinander. Aber ich bin froh, dass der Großteil verstreut ist und keine Gelgenheit hat, mir zu erklären, was ich wie zu tun und zu lassen habe.


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06.11.2017 um 09:04
hallo-ho schrieb:Außerdem habe ich beobachtet, dass in so Famlienverbänden, die engen Kontakt haben, sich jeder berechtigt (oder verpflichtet?) fühlt, dem anderen zu erklären, was er alles falsch macht im Bereich Erziehung, Hausbau oder sonstwas. Das ist das letzte was, ich brauchen könnte.
Aus diesem Grunde bin ich auch froh, dass die angeheiratete Grosssippe auf ihrer grünen Insel im Atlantik hockt und sich nur selten auf den Kontinent wagt.


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06.11.2017 um 11:04
hallo-ho schrieb:Eine große Familie um sich zu haben, hat durchaus Vorteile. Eine gute Freundin von mir kommt aus einer großen Familie und hat in eine große eingeheiratet.
Für mich überwiegen die Nachteile, weil vieles teilweise vorausgesetzt wird oder man den Ansprüchen nicht gerecht wird. Auch bringt es Verpflichtungen mit sich.

Das mag nicht überall so sein, so sind meine Erfahrungen.


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06.11.2017 um 11:36
@Doors


boah krass, das wusste ich nicht. Klingt ja fast wie aus einem schlechten Film...verstehe warum du dir die früheren Zeiten nicht zurückwünscht.
Dagegen war meine Kindheit dann wohl der Himmel....gibt es eigentlich auch nichts groß zu berichten.

Im Juli 84 in ner kleinen Harzstadt geboren (Bezirk Magdeburg, heutiges Sachsen-Anhalt :D ). Ne kleine Wohnung wo meine Eltern auch erstmal drum kämpfen mussten bzw. erstmal heiraten usw... war ja zu DDR-Zeiten so.
Ansnsten normal Kindergrippe, Kindergarten. Sind noch einzelne Erinnerungen vorhanden.

1987 kam dann meine Schwester, 89 dann der Umzug in eine "Neubauwohnung", sprich Plattenbau.

Ganz vage Erinnerungen sind vorhanden zur 1. Fahrt nach Bad Harzburg im Dezember 1989...also in den Westen :D Für mich damals n ganz normaler Tagesausflug aber für Eltern wohl ein Adrenalinkick mit Kribbeln im Bauch usw... das 1. mal Westen eben.

Ich wollte nur wieder nach Hause und quengelte rum :D ...naja Gewohnheitsmensch eben. 1990 kam dann noch mein Bruder, der jüngste.
Dann 1991 die Einschulung...im neu gegründeten Bundesland Sachsen-Anhalt. Die Lehrer waren natürlich noch aus DDR-Zeiten. War einem aber alles nicht so bewusst.
Ich dachte zu der Zeit (Grundschule) Sachsen-Anhalt gab es schon immer...hier lebst du halt. Ansonsten war da jetzt nicht sooo viel, normale Schullaufbahn eben, 2001 Realschule beendet und 2004 Abitur.

Erinnere mich noch gern an die Zeit damals und hätte sie gern bewusster erlebt. Als Kind ist das jedoch alles unwichtig, also das große Drumherum. Geht wohl jedem so!


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06.11.2017 um 12:38
borabora schrieb:Für mich überwiegen die Nachteile, weil vieles teilweise vorausgesetzt wird oder man den Ansprüchen nicht gerecht wird. Auch bringt es Verpflichtungen mit sich.
Wie gesagt:
hallo-ho schrieb:Anderseits würde ich plemplem werden, wenn ich auf jedem 08/15-Geburtstag von mir, meinem Mann und meinen Kindern 50 Leute bewirten und bespaßen müsste :D Und dann noch jede Woche auf irgendeinen anderen Geburtstag müsste, denn irgendjemand hat ja immer Geburtstag oder Weihnachten oder Taufe oder Hochzeit oder weiß ich was.

Außerdem habe ich beobachtet, dass in so Famlienverbänden, die engen Kontakt haben, sich jeder berechtigt (oder verpflichtet?) fühlt, dem anderen zu erklären, was er alles falsch macht im Bereich Erziehung, Hausbau oder sonstwas. Das ist das letzte was, ich brauchen könnte.
@Doors
Doors schrieb:Aus diesem Grunde bin ich auch froh, dass die angeheiratete Grosssippe auf ihrer grünen Insel im Atlantik hockt und sich nur selten auf den Kontinent wagt.
Insellage ist immer gut bei sowas ;) Kannst ja nach Föhr oder Helgoland ziehen, falls die Familie doch auf die Idee kommt, aufs deutsche Festland  zu ziehen.


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06.11.2017 um 12:42
@hallo-ho

Ein Haus auf Föhr? Bin ich Millionöhr?
Nee, da bleibe ich lieber auf dem Festland. Das Meer kommt bei steigendem Spiegel noch früh genug.


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06.11.2017 um 12:43
Doors schrieb:Ein Haus auf Föhr? Bin ich Millionöhr?
Klar, Föhr, das Sylt für Arme! :D ;)


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06.11.2017 um 12:44
@hallo-ho

Das ist es schon lange nicht mehr. Die Inseln sind ausverkauft, die Halbinsel Eiderstedt ist kurz davor. Die Immobilienpreise in Nordfriesland gehen gerade durch die Decke, wenn es sich nicht um einen völlig verrotteten Katen im Koog handelt.


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06.11.2017 um 12:47
Doors schrieb:Die Immobilienpreise in Nordfriesland gehen gerade durch die Decke, wenn es sich nicht um einen völlig verrotteten Katen im Koog handelt.
Meine Familie (um wieder zum Thema zu kommen) hat 1996 auf Sylt für 30 DM die Nacht (pro Zimmer) übernachtet :D :D :D Das glaubt dir heut kein Mensch mehr.


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Familienbande: Netz oder Fesseln?

06.12.2018 um 18:25
Hab heute zum ersten mal deine Geschichte gelesen. Klasse geschrieben. Aber auch eine traurige Geschichte.
Im Großen und Ganzen hatte ich ein gutes Elternhaus, allerdings bin ich ja auch viel jünger als du es bist. Jahrgang 1968, mein Bruder 1962 und Schwester 1971. Hab noch ein ältere Schwester, die hab ich aber nur als 2 jähriger kennenlernen dürfen. Sie wurde 1958 geboren.
Im Urlaub konnten wir nur alle 4 Jahre fahren, weil mein Papa damals nur alle 4 Jahre in den Sommerferien welchen bekam.
Dann aber immer 3 Wochen. Meine Mama ging auch putzen und hat sich halt um den Haushalt gekümmert.
Alle leben noch, und sind gesund. Und munter.


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Familienbande: Netz oder Fesseln?

19.04.2019 um 12:15
Heute wurmt es mich. Ich habe seit langem Probleme mit meiner "Familie". Selbst wenn es hier keinen interessiert, so muss ich doch mal etwas los werden, einfach mal... Denn mir wird aktuell klar, dass Familie selbst dann fesseln kann, wenn man eigentlich nichts anderes kennt.

Mein Vater ist früh abgehauen und hat mich und meine Mutter alleine gelassen. Ich hatte eine schwere Kindheit, der einzige Halt meine Großeltern, die leider früh verstarben.

2017 habe ich eine sehr schwere Phase durchgemacht. Nach 2 jähriger Krankschreibung aufgrund meiner schweren Depression und einer Agoraphobie, kämpfte ich mich mittels Klinik zurück ins Leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade erst seit 3 Jahren sporadischen Kontakt zu meinem Vater, der schwerer Alkoholiker ist.

Gerne traf ich ihn in seiner Stammkneipe, trank mit ihm Bier bis mitten in die Nacht und ließ ab und zu meinen Frust über unsere Beziehung aus. Was anderes könnte ich mit ihm nicht anfangen, also fügte ich mich dem, zumal ich in meiner Krankheitsphase selbst zu trinken begonnen hatte. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Im Sommer ging ich in eine Tagesklinik, mein Leben änderte sich schlagartig. Ich überwand meine Ängste und trennte mich endlich von meinem asozialen Ex-Partner. Ich war auf mich alleine gestellt und froh, dass mein Vater mir anbot mich zu unterstützen. Soweit, so gut.

Er zahlte mir "Unterhalt" damit ich die Zeit überbrücken konnte, bis mein Antrag auf Leistungen durch sein würde. Hielt 2 Monate an. Denn plötzlich verschlechterte sich mein Zustand und ich entschloss mich, aufgrund meiner suizidalen Absichten, mich in einen stationären Aufenthalt zu begeben.

Während der Zeit auf der geschützten Station hatte ich nur ein Telefonat mit ihm, in dem er mir versprach mich zu besuchen. Das war vorerst das letzte Mal, dass ich von ihm gehört habe. Danach ging er weder ans Telefon, noch reagierte er auf SMS. Natürlich besuchte er mich auch nicht.

Nach meiner Entlassung im Februar 2018, nachdem ich in der Klinik einen Mann kennen gelernt hatte und mich verliebt hatte, suchte ich ihn in seiner Stammkneipe auf.

Inzwischen hatte ich mich vom Alkohol abgewandt und bekam Antidepressiva.

Ich traf ihn tatsächlich an. Er entschuldigte sich für sein ghosting und ließ sich von mir auf den neuesten Stand der Dinge bringen.

Dort sah ich ihn dann zum letzten Mal.

Plötzlich war er nicht mehr zu erreichen, seine Wohnung war leer und in der Kneipe erfuhr ich, dass er nicht mehr aufgetaucht war und wohl Obdachlos geworden war.

So hinterließ ich dem Wirt meine Handynummer und ging.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen, mein Partner und ich entschieden, dass wir zusammen ziehen und heiraten wollen. Ich zog also aus meiner Wohnung aus und bei ihm ein. Die letzte Möglichkeit für meinen Vater mich zu erreichen, indem er mich besucht, war also weg.

Die Zeit verging. 1 Jahr. Immer wieder hatte ich Phasen in denen ich mich schlecht fühlte, doch ich ging nicht mehr bei der Kneipe vorbei.

Inzwischen stecken wir mitten in der Hochzeitsplanung und mein Trauma lebt, angesichts der Familienplanung, wieder auf.

Und so kam es, dass ich gestern bei meiner Psychologin saß und darüber sprach, wie gerne ich ihn wenigstens wissen lassen möchte, dass ich heiraten werde und fortan einen neuen Namen tragen werde. Natürlich neben der Tatsache, dass ich gerne wissen würde, ob er überhaupt noch lebt oder erneut im Knast hockt, oder sowas. Also entschieden wir gemeinsam, dass es mir helfen würde wenigstens diese Informationen zu bekommen bzw. Bei seiner Kneipe zu hinterlassen, falls er dort mal wieder gesichtet wird.

Mein Partner und ich fuhren hin. Wir erfuhren, dass der Wirt weg ist, mit ihm seine Knudschaft. Ein neuer hatte den Laden übernommen und niemand dort kannte meinen Vater. Also gingen wir enttäuscht zur nahegelegenen Polizeiwache. Die Beamten dort hatten schreckliches Mitleid mit mir, also sahen sie nach und teilten mir mit, dass er wohl noch lebt, allerdings offiziell als Obdachlos gemeldet sei. Sie sagten mir noch, wo bei uns in der Stadt so die "Hotspots" der Obdachlosen sind, und ich dort die Personen nach Infos fragen sollte.

Wir fuhren hin.

Und tatsächlich, einer der dort Verkehrenden kennt ihn und teilte mir mit, dass er wohl in einer Obdachlosenunterkunft untergekommen sei (Mit Adresse) und er ihn häufig an einem anderen Park in dem Stadtteil antreffen würde.

Wir fuhren direkt dorthin. Leider traf ich ihn dort nicht an und wir gingen nach Hause.

Mir lässt das keine Ruhe. Ich habe mir heute schon 100 mal die Website der Unterkunft angesehen und überlege, ob ich dort hin fahren soll. Ihn suchen oder einen Brief hinterlassen.

Zudem hatten die Beamten mir erzählt, dass er wohl eine Postadresse, also ein Postfach für Obdachlose, angegeben hat. Also eine Möglichkeit dort auch einen Brief hinzuschicken.

Doch ich bin mir nicht sicher... Ich frage mich ob mir das endlich Ruhe geben würde, Genugtuung oder sowas.. Ich bin verzweifelt..

Da mich das alles so beschäftigt, musste ich es hier einfach mal los werden..


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19.04.2019 um 13:06
warmerfebruar schrieb:Doch ich bin mir nicht sicher... Ich frage mich ob mir das endlich Ruhe geben würde, Genugtuung oder sowas.. Ich bin verzweifelt.. Da mich das alles so beschäftigt, musste ich es hier einfach mal los werden..
Du arme ... fühl dich erst mal gedrückt ... ich denke, das ist eine sehr schwierige Situation. Wenn du im schreibst?

Ich denke, das Problem an der Sache ist, dass sich vermutlich auch der Zustand deines Vaters seitdem du ihn das letzte Mal gesehen hast, sehr verschlechtert hat. Der Alkoholismus ist eine Stufe weiter - er hat seinen Wohnsitz verloren und lebt nun in einem Obdachlosenheim. Es wird auch darauf ankommen, wie gut du das verarbeiten kannst - Obdachlosigkeit ist eine Struktur, aus dem man Leute sehr schlecht wieder herausbekommt.

Er selbst ist vermutlich so in seiner Welt gefangen, dass er auf persönliche Beziehungen keinen Wert mehr legen kann. Vermutlich muss man da trennen - der Mensch, der dein Vater einmal war (mit der Hilfe, die er dir geboten hat) und dem Alkoholismus, der ihn so fest im Griff hat, dass er nun anders oder gar nicht mehr reagiert bei einer Kontaktaufnahme.

Du du selbst ja auch Probleme hast, wäre es eine gute Idee, es vielleicht erst mal mit einem Psychologen zu besprechen. "Ghosting" kann extrem weh tun und Menschen auch befremden, d.h., wenn du nun einen Brief schreibst und nichts hörst, dann tut das vielleicht mehr weh, als wenn du nichts machst. Andererseits treibt es dich vielleicht auch mehr um, wenn du weißt, dein Vater konnte dich nicht mehr erreichen (Namenswechsel und Adresswechsel). Ich denke, da gibt es kein "richtig" oder "falsch" - das ist eine eigene Ermessenssache.


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19.04.2019 um 14:20
missmary schrieb:Es wird auch darauf ankommen, wie gut du das verarbeiten kannst
Ich weiß ehrlich gesagt, gar nicht wie ich damit umgehen soll. Ist eher so ein "Da muss ich mit leben"..
missmary schrieb:wenn du nun einen Brief schreibst und nichts hörst, dann tut das vielleicht mehr weh, als wenn du nichts machst.
Irgendwie ist das auch eher so eine "Ich beruhige mein Gewissen" ist bestimmt schwer nachzuvollziehen, aber ich möchte, auch wenn er nicht an meinem Leben teilhaben will, irgendwie, dass er weiß was er verpasst. Also so, dass ich es wenigstens versucht habe. Das gibt mir dann das Gefühl, dass ich nicht untätig war..
missmary schrieb:Ich denke, da gibt es kein "richtig" oder "falsch" - das ist eine eigene Ermessenssache.
Geht mir auch so.. im Grunde weiß ich nicht, ob es mir was bringt, aber ich will das auch nicht so stehen lassen...

Sehr schwierige Sache..
missmary schrieb:Du arme ... fühl dich erst mal gedrückt ...
Danke, das ist sehr lieb :)


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19.04.2019 um 18:22
warmerfebruar schrieb:Ich weiß ehrlich gesagt, gar nicht wie ich damit umgehen soll. Ist eher so ein "Da muss ich mit leben"..
Man erwartet glaube ich immer von den Eltern, dass sie einfach für einen da sind ... Meine Eltern beispielsweise interessieren sich nicht für uns, für sie waren Kinder eine Phase "haben wir gemacht und jetzt ist gut ...". Man redet nicht, sie wissen nichts über einen und wollen es auch nicht wissen. Ich habe mir immer Eltern gewünscht, die sich dafür interessieren, was ich mache, konstruktiv diskutieren, Projekte unterstützen. Ich habe mehr Kontakt zu meinen Nachbarn als zu meinen Eltern. Es hat am Anfang sehr weh getan. Mir hat es geholfen, selbst eine Familie zu gründen und mich praktisch "zu erden". Irgendwie ist es bei mir so, als seien meine Eltern tot (=weil emotional so weit weg), obwohl sie noch leben. Aus einem Pflichtgefühl raus lade ich sie ab und zu ein. Aus einem Pflichtgefühl kommen sie dann. Dann sitzt man eine Stunde beim Kaffee und dann haben sie was superdringendes zu tun und gehen wieder. Man bleibt dann etwas ratlos zurück.

Weil ich das von daheim nicht kannte, Eltern zu haben, die sich kümmern mache ich das nun bei meinen Kindern - mit dem Erfolg, dass sie andere Sachen nerven. Ihnen ist das Band manchmal zu eng - es kann also passieren, dass meine Tochter z.B. zum 14 Tage Schüleraustausch fährt und sich eine Woche lang nicht meldet - ich erfahre dann, wenn ich Mutter von Schüler X beim Einkaufen treffe, dass X brav jeden Abend kurz anruft, während mein Kind sich von der Fürsorge seiner Eltern erholt :-).

Es müssen glaube ich die richtigen Ansprüche aufeinandertreffen, dass Familienleben harmonisch ist und natürlich die Rahmenbedingungen stimmen. Beispiel meine Freundin - hat geheiratet und ist bei Schwiegervater und Schwiegermutter mit ins Haus gezogen. Schwiegervater starb irgendwann, Schwiegermutter ist immer da, schmeißt den Haushalt, kocht für alle, Sonntagmittag gibt es Kaffee und Kuchen für alle, Schwiegermutter weiß alles und wenn ich meine Freundin besuche, dann hockt sich die Schwiegermutter mitunter wie selbstverständlich auf die Terasse und quatscht mit. Für mich wäre so viel Nähe ein Albtraum - meine Freundin sieht nur den Enlastungsaspekt - Haushalt ist nicht so ihrs und mit den Kindern hat sie einen eingebauten Babysitterservice. Zudem ist ihr Mann beruflich oft nicht da und sie versteht sich mit ihrer Schwiegermutter wirklich super, die unternehmen total viel ... ihr Mann scherzt schon immer, dass sie besser mit ihr auskommt als er.

Wenn die Erwartungen und die Realität auseinanderklaffen - und bei dir ist es ja nicht nur ein auseinanderklaffen, da treffen ja praktisch zwei Welten auseinander und man die Spannungen nicht beseitigen kann, muss man sie wirklich aushalten und für sich selbst eine Strategie finden, das auszuhalten. Das tut weh und ist mit viel Emotion verbunden ... Ich musste kürzlich meinen Vater vom Bahnhof abholen - die Heimfahrt sind so 20 Minuten ... ich wusste überhaupt nicht, was ich mit ihm sprechen soll und die Stille war total unangenehm. Wenn du eh in Therapie bist, besprich das doch mal mit dem Therapeuten, welche Strategien es gibt. Hast du schon mal daran gedacht, dich al AL ANON zu wenden - die Angehörigen von Alkoholikern und das dort im Rahmen einer Sitzung zu besprechen? Einer Freundin hat das sehr geholfen, da ist die Mutter Alkoholikerin und sie ist immer hin und man tat einfach so, als ob man es nicht merkt. Der Vater ist völlig hilflos und versucht immer so zu tun, als ob er die glücklichste Ehe auf Erden führt - es wird verschwiegen. Meine Freundin hat da sehr daraunter gelitten und hat in dieser Selbsthilfegruppe dann Leute getroffen, denen es ähnlich ging und für sich selbst dann verschiedene Strategien ausprobiert, wie sie mit der Situation umgeht ....
warmerfebruar schrieb:Irgendwie ist das auch eher so eine "Ich beruhige mein Gewissen" ist bestimmt schwer nachzuvollziehen, aber ich möchte, auch wenn er nicht an meinem Leben teilhaben will, irgendwie, dass er weiß was er verpasst. Also so, dass ich es wenigstens versucht habe. Das gibt mir dann das Gefühl, dass ich nicht untätig war..
Das kann auch helfen - mein Mann hat keinen Kontakt zu seiner Mutter - aber er hat ihr am Anfang, z.B. als unsere Kinder geboren wurden, immer wieder Fotos geschickt ... als unsere Kinder alt genug waren, um sich zu äußern, haben sie um ein Treffen mit der Großmutter gebeten ... Es war für sie sehr ernüchternd - sie konnte/ wollte sich nicht mal die Namen der Kinder merken, aber es hat z.B. den Kindern geholfen, das einzuordnen. Mein Mann hat auch lange gesagt, dass es ihm besser geht, wenn er ihr signalisiert, dass es Handlungsalternativen gäbe, sie den Kontakt wieder aufnehmen könnte - da liegt auch eine psychische Krankheit zu grunde ...

Du kannst ihm ja auch einfach ein kleines Kärtchen schreiben mit einer Handynummer und ihm anbieten, sich zu melden. Überlege, was du alles draufschreibst, weil es mitunter auch sehr schwer sein kann, wenn er vor deiner Tür stehst - du wirst dich dann moralisch verpflichtet fühlen, zu helfen (so ist es bei meinem Mann), aber es ist immer schnell klar, dass man diese Hilfe gar nicht leisten kann, da der Betroffene so sehr in seiner Struktur steckt. Da wäre eine Handynummer besser, dass, wenn er sich meldet, du nicht vom Überraschungseffekt heimgesucht wird - vielleicht hat dein Vater ja auch ein Handy?
warmerfebruar schrieb:Geht mir auch so.. im Grunde weiß ich nicht, ob es mir was bringt, aber ich will das auch nicht so stehen lassen... Sehr schwierige Sache..
Setz dich nicht unter Druck - du weißt, dass dein Vater - unabhängig von deiner Vorgeschichte und von euerem Verwandtschaftsverhältnis, in einer sehr schwierigen Lage ist, die vermutlich durch seine Suchterkrankung hervorgerufen wurde. Hilfe ist unmöglich, es sei denn, er hilft sich selbst, indem er z.B. einen Entzug macht und die Szene verlässt - das ist aber sehr schwer, weil es ja oft so ist, dass die Leute nur noch die Szene haben .... Es kann sein, du meldest dich, hörst aber nichts, weil es dein Vater gar nicht mehr schafft, dauerhafte Kontakte zu pflegen.

Du verpasst also leider nichts - außer dem persönlichen Kontakt - es wird deinem Vater nicht helfen, wenn du regelmäßigen Kontakt zu ihm hast, da er vermutlich im eiserenen Griff der Alkoholsucht ist und in der Obdachlosenszene vermutlich "Gleichgesinnte" hat, die ihm am ähnlichsten sind.


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20.04.2019 um 23:12
missmary schrieb:mache ich das nun bei meinen Kindern
Deine Erfahrungen sind auch nicht ganz ohne..

Ich hoffe auch, dass ich es irgendwann mal meinen Kindern besser machen kann, als ich es hatte...
missmary schrieb:es wird deinem Vater nicht helfen, wenn du regelmäßigen Kontakt zu ihm hast, da er vermutlich im eiserenen Griff der Alkoholsucht ist und in der Obdachlosenszene vermutlich "Gleichgesinnte" hat, die ihm am ähnlichsten sind.
Natürlich. Eigentlich ist mir schon lange klar, dass ich nichts mehr erwarten darf bzw. Im nicht helfen kann.. Er würde es wohl auch nicht wollen, und ohne seinen Willen würde da nichts klappen.
missmary schrieb:Setz dich nicht unter Druck - du weißt, dass dein Vater - unabhängig von deiner Vorgeschichte und von euerem Verwandtschaftsverhältnis, in einer sehr schwierigen Lage ist, die vermutlich durch seine Suchterkrankung hervorgerufen wurde.
Danke! Es ist schön sowas auch von jemand anderem zu hören!
missmary schrieb:Du kannst ihm ja auch einfach ein kleines Kärtchen schreiben mit einer Handynummer und ihm anbieten, sich zu melden. Überlege, was du alles draufschreibst, weil es mitunter auch sehr schwer sein kann, wenn er vor deiner Tür stehst - du wirst dich dann moralisch verpflichtet fühlen,
Nach Rücksprache mit meinem Mann werde ich dies wohl tun. Allerdings ohne Erwartungen daran zu knüpfen. Ich möchte das für mich tun, nicht für ihn.
Ich hoffe, dass mir das in irgendeiner Art und Weise "befriedigung" gibt, so dass ich mir selbst sagen kann, ich habe ihm nicht mehr zu sagen, nicht mehr als das und dann war es das.


Ich danke Dir für deine Beiträge, das war sehr aufbauend!


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Familienbande: Netz oder Fesseln?

21.04.2019 um 09:04
@Doors

huch du kannst ja schön schreiben :)

daraus solltest du was machen.

wer so viel erlebt hat , hat einen fundus aus dem er schöpfen kann für geschichten.

gibt viele autoren die erst im alter gross wurden.

inhaltlich find ich das grossartig. sorry - das mag herzlos klingen - aber ich liebe deine geschichte. das ist so bittersüss und melancholisch, sowas müsste man eigentlich verfilmen :D


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