Wer an einem warmen Sommerabend in Berlin durch den Tiergarten oder den Britzer Garten spaziert, erlebt mit etwas Glück eine überraschende Begegnung. Im Schein der Laternen krabbeln plötzlich kleine, leuchtend rote Krebse über die Wege – ein Anblick, den man eher an der amerikanischen Golfküste als mitten in Berlin erwarten würde.
Es handelt sich um den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs. So faszinierend und unterhaltsam es auch ist, die kleinen Panzerträger bei ihren nächtlichen Streifzügen zu beobachten – hinter dem ungewöhnlichen Schauspiel verbirgt sich ein ernstes ökologisches Problem.
Mit ihrer kräftig roten bis dunkel bläulich-schwarzen Färbung und den markanten, dornigen Scheren sind die Tiere unverwechselbar. Ursprünglich stammen sie aus dem Süden der USA und Nordmexiko. Dass sie sich ausgerechnet in Berliner Gewässern so wohlfühlen, liegt an ihrer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit.
Wird es im Wasser zu eng oder knapp an Nahrung, verlassen die Krebse ihr Element einfach und wandern – meist nachts sowie bei Regen oder hoher Luftfeuchtigkeit – mitunter mehrere Kilometer über Land auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Selbst schlechte Wasserqualität, Sauerstoffmangel oder kurze Trockenperioden überstehen sie erstaunlich gut, indem sie sich tief in den Schlamm eingraben.
Wie kamen die Krebse hierher?
Der Weg der Sumpfkrebse nach Deutschland führte über den Aquarienhandel. Wegen ihrer auffälligen Färbung waren sie lange Zeit beliebte Aquarienbewohner. Vermutlich setzten einige Besitzer ihre Tiere aus, sei es aus Unwissenheit oder weil ihnen die Haltung zu aufwendig wurde.
Was viele dabei nicht wussten: Bereits ein einziges befruchtetes Weibchen kann mehrere Hundert Eier tragen. Da Berliner Gewässer reichlich Nahrung bieten und die Winter vergleichsweise mild sind, konnte sich die Art innerhalb weniger Jahre rasant ausbreiten. Heute gehören Begegnungen mit den Krebsen im Tiergarten, im Britzer Garten oder am Landwehrkanal längst zum Sommerbild.
Ein hübscher Anblick mit problematischen Folgen
So spannend die Tiere zu beobachten sind – als invasive Art verursachen sie erhebliche Schäden in heimischen Ökosystemen.
Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs trägt die sogenannte Krebspest in sich, eine Pilzerkrankung, gegen die er selbst immun ist. Für heimische Krebsarten wie den streng geschützten Edelkrebs endet eine Infektion dagegen fast immer tödlich.
Hinzu kommt ihr großer Appetit. Die Allesfresser fressen Wasserpflanzen ebenso wie Fischlaich sowie die Eier und Kaulquappen von Fröschen, Kröten und Molchen. Durch ihre weit verzweigten Wohnhöhlen lockern sie außerdem Uferbereiche auf, wodurch diese langfristig instabil werden und leichter erodieren.
Die Berliner Tierwelt schlägt zurück
Spezialisierte Fressfeinde aus ihrer nordamerikanischen Heimat fehlen den Krebsen zwar, doch einige heimische Tiere haben die eiweißreiche Beute längst für sich entdeckt.
Besonders Krähen beeindrucken dabei mit ihrer Intelligenz. Mit etwas Glück lässt sich beobachten, wie sie gezielt Jagd auf die Krebse machen, entweder im flachen Wasser oder während deren nächtlicher Wanderungen. Mit kräftigen Schnabelhieben knacken sie den Panzer und gelangen so an das begehrte Fleisch.
Auch andere Tiere haben den Neubürger längst in ihren Speiseplan aufgenommen. Graureiher und Störche erbeuten die Krebse im Flachwasser. Hechte, Barsche und Aale fressen vor allem Jungtiere. Selbst Waschbären und Fischotter profitieren inzwischen vom zusätzlichen Nahrungsangebot.
Aber Berlin ist längst kein Einzelfall. Inzwischen hat sich der Rote Amerikanische Sumpfkrebs in vielen Teilen Deutschlands etabliert. Größere Bestände gibt es unter anderem in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern. Besonders häufig tritt er in den Auen des Rheins, entlang des Neckars, in Teilen der Elbe sowie in zahlreichen Seen und Kanälen Nord- und Ostdeutschlands auf. Mit den zunehmend milderen Wintern breitet sich die Art vielerorts weiter aus.
Was wird dagegen unternommen?
Das Aussetzen oder Weiterverbreiten der Art ist in der gesamten Europäischen Union verboten.
Da eine vollständige Ausrottung der Berliner Population inzwischen kaum noch realistisch ist, setzt die Berliner Umweltverwaltung auf eine konsequente Populationskontrolle. Im Tiergarten und im Britzer Garten fängt ein lizenzierter Reusenfischer jedes Jahr Zehntausende Sumpfkrebse. Die Tiere werden anschließend nicht entsorgt, sondern gelangen unter dem Namen "Berliner Landhummer" in die regionale Gastronomie.
Zusätzlich werden an besonders sensiblen Gewässern Barrieren errichtet, um eine weitere Ausbreitung in Schutzgebiete möglichst zu verhindern.
Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs zeigt eindrucksvoll, wie stark der Mensch Ökosysteme – oft unbeabsichtigt – verändern kann. Gleichzeitig macht sein Beispiel aber auch deutlich, wie anpassungsfähig die Natur ist. Krähen, Reiher und andere heimische Tiere haben den Neubürger längst als Nahrungsquelle entdeckt. Ob das langfristig ausreicht, um das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen, bleibt allerdings abzuwarten.
Und hier kommen ein paar Fotos von den Krebsen.







Und hier sieht man eine Krähe beim Krebspicknick


Und zu guter Letzt noch zwei kleine Videos
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