Trainingsmythen im Ausdauersport – eine narrative Abhandlung

– von Nemon, im Dezember 2025 / Januar 2026 –


Inhaltsverzeichnis (folgt)


09 Trainingsmythen im Ausdauersport – Exkurs: Evolution und der Mythos vom „geborenen Ausdauersportler“


Die Trainingskultur des Ausdauersports arbeitet gerne mit einem Natur-Argument: Der Mensch sei „born to run“, habe sich als ausdauerstarker Jäger entwickelt, sodass lange, gleichförmige Steady-State-Belastungen seinem evolutionär geprägten genetischen Profil entsprächen. Dieses Narrativ verkehrt aus evolutions-anthropologischer Sicht aber Ursache und Wirkung. Betrachtet man Jagd-Strategien, Lager-Strukturen, Ernährung und Energetik genauer, ergibt sich ein anderes Bild: Der Mensch hat sich nicht zum Ausdauer-Sportler, sondern zum und als hyperkarnivoren Generalisten entwickelt, der situativ Ausdauer einsetzen kann, dessen System aber auf kurze, intensive Reize mit dazwischenliegenden Ruhe-Phasen kalibriert ist. In dieser Perspektive sind jahrzehntelang wiederholte, lange Steady-State-Belastungen in einer mittleren Intensitäts-Zone nicht nur kein evolutionär geprägtes Ideal, sondern im Gegenteil ein physiologisch fragwürdiger Sonderfall der Moderne – während kürzere, harte Einheiten mit ausreichender Erholung das Belastungs-Profil widerspiegeln, auf das unsere Art selektiv zuvorderst eingestellt ist.



Jagd, Lager und Belastungs-Profile
Die Persistence-Hunting-These – prominent vertreten von Carrier und jüngst in modifizierter Form von Morin & Winterhalder – behauptet, unsere Vorfahren hätten Beutetiere über viele Kilometer in der Hitze zu Erschöpfung gejagt und sich so zu ausdauerstarken Läufern entwickelt. Die zugrunde liegenden ethnografischen und ethnohistorischen Daten zeigen zwar, dass solche Ausdauer-Jagden unter bestimmten Bedingungen möglich und energetisch effizient sein können, aber sie belegen nicht, dass dies die dominante Jagd-Form war. Die 391 von Morin & Winterhalder ausgewerteten Jagd-Berichte stammen aus einem relativ schmalen historischen Fenster und beschreiben moderne und frühmoderne Populationen, nicht paläolithische Hominiden; sie dokumentieren ein Mosaik aus Treib-Jagden, Fallen, Hinterhalten, Waffen-Jagd und gelegentlichen Endurance-Hunts, in dem Ausdauer-Jagd als eine Option unter mehreren erscheint – situativ sinnvoll, aber weit entfernt von einem täglichen Standard-Programm.

Archäologisch spricht ebenfalls vieles gegen das Bild eines „Marathon Hominiden“. Die Speerfundstellen von Schöningen (etwa 300.000 Jahre alt) mit großen Konzentrationen von Pferdeknochen werden als Beleg für koordinierte Treibjagden an günstigen Orten wie Seeufern oder Engstellen interpretiert: Herden wurden in vorbereitete Zonen getrieben und dort auf relativ kurze Distanz mit Speeren und Wurfstöcken erlegt, anschließend vor Ort zerlegt und teilweise konserviert. Die räumliche Anordnung von Feuerstellen, Zerlegungsplätzen und Werkzeugbereichen deutet auf wiederholt genutzte Jagdbasen hin, nicht auf ein Leben im Dauerlauf hinter Beute her; vergleichbare Befunde aus Lagerplätzen wie Bilzingsleben (ca. 370–400.000 Jahre) mit einem großflächig strukturierten Areal, Wohn und Arbeitsbereichen, Feuerstellen und Abfallzonen mit konzentrierten Tierknochen sprechen ebenfalls für regelmäßig genutzte Jagdbasen eines großwildjagenden Homo erectus oder Homo heidelbergensis, nicht für nomadische Dauerjagd.

Außerdem: Selbst wenn Ausdauerjagden in bestimmten afrikanischen Savannenlandschaften vorkamen, ist klar, dass sich entscheidende Phasen der Menschheitsgeschichte auch in kalten, offenen Steppen und eiszeitlichen Umwelten abspielten – Kontexte, in denen Großwildjagd, Lagerstrukturen und Waffenentwicklung weit eher über Erfolg entschieden als ein theoretischer Hitzevorteil im Dauerlauf.

Keinesfalls außer Acht zu lassen ist die einfache Ressourcenlogik von Hin‑ und Rückweg: Jeder Kilometer Entfernung vom Lager erhöht im Erfolgsfall die „Transportkosten“, weil Beute zerlegt, konserviert und zumindest teilweise zurückgebracht oder vor Ort geschützt werden muss. Ein Tier zehn oder zwanzig Kilometer tief ins Gelände zu einer Erschöpfung zu treiben bedeutet nicht nur diese Strecke selbst zu laufen, sondern im Idealfall auch verwertbare Teile – Fleisch, Fett, Knochen, Organe – zu sichern und zu bewegen; jeder zusätzliche, grundlos gelaufene Kilometer schmälert den Netto‑Energieertrag.

Modelle zu Dehydratation und Thermoregulation bei hypothetischem Persistence Hunting des Homo erectus zeigen zudem, dass unter heißen Bedingungen ohne Wasserzufuhr nach wenigen Stunden physiologische Grenzen erreicht werden und der Wasserhaushalt, nicht die Muskulatur, zum limitierenden Faktor wird; längere Jagden sind nur sinnvoll, wenn sie in ein Run‑Walk‑Profil mit Pausen und verlässlichen Wasserquellen eingebettet sind. Insgesamt spricht auch diese Kombination aus Ethnohistorie, Archäologie, Waffenentwicklung, Fallenlogik und Energetik eher für den Menschen als einen Opportunisten, der Ausdauer dosiert und kontextabhängig nutzt, als für eine Spezies, die evolutiv auf regelmäßige Langstreckenbelastungen ohne Not ausgerichtet wäre.



Effizienz: Waffen und Handwerk statt Dauerlauf
Der Kernpunkt einer diversifizierten, eher kurzstreckenbasierten Jagdstrategie findet hier Rückhalt. Die Entwicklung und Verfeinerung der Waffen-Technologie – Holzspeere bereits im Mittelpleistozän, später Speerschleudern (Atlatl) im späten Pleistozän und schließlich Pfeil und Bogen im späten Paläolithikum – ermöglichte effektive Jagd auf mittlere Distanz ohne Spezialisierung auf extreme Ausdauerleistungen. Fallen-Jagd, obwohl archäologisch oft schwer nachweisbar, gilt als eine der ältesten und energie-effizientesten Strategien: Gut platzierte Fall-Gruben, Schlingen oder Stolper-Mechanismen funktionieren unabhängig von der Ausdauer-Leistung des Jägers und verschieben den Aufwand vom Körper hin zu Planung und Wissen. Auch moderne Forager-Gesellschaften wie die San nutzen Ausdauer-Jagd nicht als tägliche Routine, sondern in spezifischen Kontexten, während Gift-Pfeile, Speere, Fallen und Treib-Jagden im Alltag dominieren. Moderne Jäger-Sammler-Gruppen wie die Hadza in Tansania werden in der Literatur häufig als Modelle herangezogen, doch auch sie leben in einem sehr speziellen, heutigen Öko-System und jagen andere Tier-Arten als paläolithische Populationen; sie können Hinweise auf Aktivitäts-Muster liefern, sind aber kein 1:1-Abbild der Lebensweise unserer Vorfahren.

Auch afrikanische Kinder, die täglich Dauerläufe zur Schule und zurück ins Dorf absolvieren (so intuitiv und schlüssig dieses Schema, das in Marathon‑Weltmeistern resultiert, auf den ersten Blick scheinen mag), repräsentieren ein sehr neuzeitliches Modell; keineswegs sehen wir hier durch ein Zeitfenster tief in die Menschheitsgeschichte.



Hyperkarnivorie, Fett-Stoffwechsel und Ketose als Normalfall
Wenn der Mensch kein auf Dauerlauf spezialisiertes Jagd-Tier ist, stellt sich die Frage nach seiner energetischen „Betriebs-Art“. In „The evolution of the human trophic level during the Pleistocene“ (2021) haben Ben-Dor, Sirtoli und Barkai hunderte von Befunden aus Archäologie, Isotopen-Analytik, Zahn-Morphologie, Magen-Darm-Anatomie, Werkzeug-Funden und Fauna-Res¬ten systematisch zusammengezogen. Das Fazit: Über den größten Teil des Pleistozäns bewegt sich die Homo-Linie trophisch im Bereich klassischer Spitzen-Prädatoren – Homo sapiens erscheint nicht als „Allesfresser mit leichter Fleisch-Präferenz“, sondern als klar hyperkarnivores Raubtier, mit geschätzten Energie-Anteilen aus Tier-Nahrung von bis zu 70–85 % und allen Konsequenzen für Stoffwechsel, Nährstoff-Profil und Belastungs-Verarbeitung.

Pflanzen-Kost war in diesem Rahmen ökologisch, saisonal und regional sehr ungleich verteilt, häufig schwer zugänglich und mit erheblichem Sammel- und Aufbereitungs-Aufwand verbunden; sie war willkommene Ergänzung, aber kein verlässliches Fundament der Energie-Versorgung. Physiologisch eindeutig ist dies in der Tatsache repräsentiert, dass der menschliche Körper Glukose nur in sehr geringen Mengen speichern kann – und alles, was er jemals braucht, per Gluconeogenese bedarfsgerecht selbst herstellt.

Um dies jederzeit zu gewährleisten, kann sich der Organismus auf Gluconeogenese verlassen, die Zellen jederzeit homöostatisch mit der benötigten Glukose versorgt – vor allem aus Aminosäuren (z.B. Alanin, Glutamin), Laktat (Cori‑Zyklus) und Glycerol aus dem Fettabbau, ohne auch nur ein Gramm Kohlenhydrate zuführen zu müssen.

Fett hingegen steht nahezu unerschöpflich bereit. Während der Körper in Form von Muskel‑ und Leberglykogen nur etwa das Äquivalent von 1.500 bis 2.000 kcal schnell verfügbarer Kohlenhydratenergie speichern kann, liegen selbst bei relativ schlanken Erwachsenen in den Fettspeichern oft weit über 100.000 kcal – also mehr als das Fünfzigfache. Dass ein nicht einmal auf das Laufen spezialisierter „Jedermann‑Sportler“ wie Alex McDonald fünf Marathondistanzen an fünf aufeinanderfolgenden Tagen komplett nüchtern nur mit Wasser und Elektrolyten laufen konnte, illustriert diese Relation eindrücklich: Ein ausreichend fettadaptierter Organismus kann über Tage hinweg aus den eigenen Vorräten arbeiten, ohne auf ständige Glukosezufuhr angewiesen zu sein.



Der große Carb-Loading-Irrtum
All dies zeigt die Plausibilität eines Stoff-Wechsels, der Fett als dominanten Energie-Träger nutzt, Glukose-Verfügbarkeit als fluktuierend behandelt und physiologische Ketose nicht als Ausnahmesituation, sondern als häufigen Hintergrund-Zustand kennt – ein System, das über Millionen von Jahren auf Fett-Verbrennung als Normal-Modus kalibriert war. Diese hyperkarnivore Sicht kollidiert frontal mit Trainings-Modellen, die chronische High-Carb-Zufuhr und Glykogen-Superkompensation zur quasi natürlichen Grundlage langer Steady-State-Belastungen erklären. Wird der Stoff-Wechsel dagegen als fett-basierter Generalist verstanden, erscheint es plausibler, dass Glukose primär für Spitzen – kurze Hoch-Intensität, Kampf, Flucht – reserviert und nicht als Haupt-Kraftstoff stundenlanger Dauer-Belastung verplant war.

Unsere Vorfahren mögen auf längeren Strecken eine Notfallversorgung in Form speziell präparierten Fleisches mit Fett sowie Nüsse o. Ä. mit sich geführt haben – siehe auch „Ötzi“ als Musterbeispiel, wenngleich er bereits im Neolithikum lebte. Ötzis Mageninhalt – eine Mischung aus Ibex‑ und Rotwildfleisch mit sehr hohem Fettanteil, ergänzt um Einkorn – wird heute als gezielt energiedichte „Bergkost“ interpretiert, vermutlich als Vorrat für anstrengende Märsche im Hochgebirge ohne Aussicht auf verfügbare Nahrungsquellen über längere Strecken. Vergleichbare Konzepte finden sich später in Form von getrocknetem Fleisch mit zugesetztem Fett (Pemmikan‑artige Produkte), die Wochen‑ bis monatelang haltbar und extrem energiedicht sind – ein naheliegendes Prinzip, wenn längere Distanzen mit begrenztem Tragevolumen bewältigt werden müssen. Heutige sogenannte „Sportlernahrung“, voll auf Carb‑Loader abgestimmt, hat als „Energieriegel“ nichts mehr mit dieser Nahrung gemein.

Studien und Fallberichte zu Low‑Carb‑/High‑Fat‑ und ketoadaptierten Ultra‑Ausdauerathleten stützen dieses Bild: Athleten mit hoher Fettadaptation erreichen Fettoxidationsraten deutlich über klassischen Lehrbuchgrenzen und können über viele Stunden stabile Leistungen erbringen, während der klassische „Mann mit dem Hammer“ – das kollabierende, glykogengebundene System um Kilometer 30–35 – ausbleibt oder weit nach hinten verschoben ist. Ironman‑Triathleten, die über Jahre LCHF praktizieren und im Wettkampf vergleichsweise wenig Kohlenhydrate zuführen, illustrieren damit eher ein evolutives Normalmuster (Fett als Grundlast, Kohlenhydrate als taktischer Zusatz) als eine exotische Spezialisierung – und stellen zugleich die angenommene Notwendigkeit einer dauernden Zuckerbetankung für lange Belastungen infrage.



LIT, Gepäck-Märsche, Marathon und das Bild des „dauerkatabolen“ Ausdauer-Athleten
Im Alltag früher Menschen gab es ohne Zweifel Phasen niedriger Intensität über längere Strecken – Orts-Wechsel, Erkundungen, Sammel-Wege –, aber diese Belastungen sahen anders aus als moderne LIT-Trainings-Läufe. Das Tempo war im Schnitt niedriger, weil sich die Fortbewegung an der Gesamt-Gruppe orientieren musste, zugleich war die muskuläre und orthopädische Last höher, weil selten „leer“ gegangen wurde, sondern mit Wasser, Werkzeugen, Waffen, Kindern oder Beute, und die Wege über unebenes, teils technisch anspruchsvolles Gelände führten. Das evolutive Pendant zu LIT ähnelt damit eher einem langsamen, gruppenbasierten Gepäck-Marsch mit variabler Intensität als einem gleichförmigen Solo-Lauf.

Demgegenüber ist der moderne Marathon ein künstliches Extremformat. Im populären Diskurs wird er gern als moderate Dauerleistung gesehen, tatsächlich handelt es sich auf Elite‑Niveau um eine hochintensive Belastung nahe der individuellen Dauerleistungsgrenze, die nur durch ein dichtes Support‑System auf allen Ebenen auf diesem Niveau möglich wird: Tempomacher zur exakten Tempoführung, minutiös geplante Wasser‑ und Kohlenhydratstationen, Streckenlogistik, medizinische Sicherung – und im Spitzenfeld nicht selten die stille Variable Doping. Selbst genetisch und biomechanisch begünstigte ostafrikanische Läufer können nur wenige solche Rennen pro Jahr absolvieren, weil die mechanische, neuromuskuläre und metabolische Belastung extrem ist; in den Leistungsklassen darunter sinkt zwar die absolute Geschwindigkeit, aber viele Athleten bewegen sich mindestens subjektiv weiterhin am Limit, mit suboptimaler Technik, hoher orthopädischer Last und dem erwähnten „Mann mit dem Hammer“ um Kilometer 30, wenn ein zuckerdominierter Stoffwechsel an die Grenze der Glykogenspeicher gerät.



„Hungerhaken“ als Role Model eines fitten Homo sapiens?
Ein Blick auf das Erscheinungs-Bild vieler langjähriger Ausdauer-Athleten verstärkt die Skepsis gegenüber dem Bild des „natürlich gesunden“ Steady-State-Lebensstils. Wer die Start-Bereiche – und vor allem die Ziel-Einläufe – von Marathons oder Langdistanz-Triathlons beobachtet, sieht selten das Hochglanz-Ideal jugendlicher Vitalität: Viele Athleten wirken ausgezehrt, mit vorzeitiger Falten-Bildung, eingefallenem Gesicht, hängenden Schultern und dem Eindruck chronischer Katabolie. Diese Phänotypen lassen sich plausibel als Ergebnis einer Mischung aus hoher mechanischer und metabolischer Dauer-Belastung, chronischer Fehl- und Mangel-Ernährung, hoher oxidativer Stress-Last und jahrzehntelanger Zucker-Zufuhr im Training und Wettkampf verstehen.



Warum kürzere, harte Reize mit Erholung evolutiv plausibler sind
Setzt man dem Bild der modernen Steady-State-Kultur das Aktivitäts-Muster gegenüber, auf das der Mensch evolutiv geprägt wurde, entsteht ein anderes Ideal als die tägliche „lockere Stunde“ in einer Basis-Zone. In einer hyperkarnivoren, energetisch wechselhaften Umwelt war selektiv relevant, kurzfristig sehr hohe Leistungen abrufen zu können: beschleunigen, sprinten, ziehen, tragen, kämpfen, fliehen – und anschließend wieder in einen Zustand niedriger Intensität oder nahezu völliger Ruhe zurückzukehren. Dauerhaft „halbhart“ unterwegs zu sein – zu anstrengend für echte Erholung, zu wenig fordernd für starke Anpassungen – wäre ökonomisch unklug und riskant gewesen.

Genau dieses Muster – seltenere, klar begrenzte Hochintensitäts-Ereignisse auf dem Hintergrund niedriger Alltags-Aktivität – findet heute seine Entsprechung in Intervall-, Sprint- und kraftbetonten Ansätzen. Wenige, gut gesetzte Reize in hoher Intensität, kombiniert mit ausreichender Regeneration, erzeugen deutliche Anpassungen im Herz-Kreislauf-System, in Muskulatur und Stoffwechsel, ohne dass dafür ein großes Steady-State-Volumen nötig wäre.



Evolutionäre Rahmung der vorherigen Kapitel
Damit liefert dieser Exkurs den Rahmen für das, was in den vorangegangenen Kapiteln detailliert entfaltet wurde. Wenn der Mensch kein geborener Ausdauer-Sportler ist, sondern ein anpassungsfähiger Generalist mit flexiblem Energie-System, dann bricht das physiologische Argument für hohe Umfänge in einer vermeintlichen „Basis-Zone“ bzw. „Grundlagen-Ausdauer“ weg. Die physiologischen Kontinua – keine harten Schalter zwischen Energie-Systemen, ein weit in höhere Intensitäten hinein trainierbarer Fett-Stoffwechsel, Surrogat-Marker wie VO₂max, Laktat oder HRV als Werkzeuge, nicht als Ziele – fügen sich nahtlos in dieses Bild: Es gibt keine Zone, die von der Evolution als „Heimat“ des Trainings privilegiert wäre.

Stattdessen wirkt der Mensch in dieser Perspektive weniger wie ein „geborener Marathon-Läufer“, der nur zu wenig Zone-2-Kilometer sammelt, sondern eher wie ein fehlbelasteter Opportunist, der seine evolutiv angelegte Vielseitigkeit hinter ritualisierten Steady-State-Programmen und einer Fixierung auf Kennzahlen versteckt. Eine schlüssige Konsequenz für Training ist daher nicht die nostalgische Rückkehr zur Savanne, sondern die nüchterne Abkehr vom Volumen-Fetisch: weg von der Idee, der Körper brauche naturgesetzlich eine dauerhafte Belastung in einer Basis-Zone, hin zu einem Modell, das Intensität, Erholung und Athletik als zentrale Stellgrößen ernst nimmt – und den Fett-Stoffwechsel als das behandelt, was er über Millionen Jahre wahrscheinlich war: den Normalfall, nicht die Ausnahme.



Referenzen zu Kapitel 09 Evolutions-Exkurs (kompakt) Spoiler
Ben-Dor, Sirtoli, Barkai (2021): The evolution of the human trophic level during the Pleistocene. Am J Phys Anthropol. Große Synthese von 25 Evidenz-Linien (Archäologie, Isotope, Morphologie, Physiologie) zur trophischen Position der Homo-Linie; argumentiert für eine klar hyperkarnivore Ausrichtung bis ins späte Pleistozän. [https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ajpa.24247](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ajpa.24247) [pubmed.ncbi.nlm.nih](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33675083/)

Carrier DR (1984): The energetic paradox of human running and hominid evolution. Curr Anthropol. Klassische Formulierung der Ausdauerjagd-These und des „paradoxen“ Energie-Profils des menschlichen Laufens als Grundlage für spätere Persistence-Hunting-Debatten. [https://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/203138](https://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/203138) [sportfachbuch](https://www.sportfachbuch.de/pdfs/4005.pdf)

Morin E, Winterhalder B et al. (2024): Ethnography and ethnohistory support the efficiency of hunting through endurance running in humans. Nat Hum Behav. Ethnohistorische Auswertung von 391 Jagd-Berichten mit Fokus auf Endurance-Hunts; zeigt Effizienz unter bestimmten Bedingungen, aber auch die Einbettung in ein breites Spektrum anderer Jagd-Methoden. [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38740986/](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38740986/) [humanitas-versand](https://www.humanitas-versand.de/$WS/humanitas/websale8_shop-humanitas/benutzer/navigation/grafiken/PDF/3431967.pdf)

Conard N et al. (2015): Excavations at Schöningen and paradigm shifts in human evolution. Arbeiten zur Fundstelle Schöningen 13 II-4 und zum UNESCO-Tentativstatus; zentrale Referenz für Speerfunde, Großwildjagd und Lagerstrukturen ohne „Marathon-Lebensstil“. Wikipedia: Schöningen site [https://whc.unesco.org/en/tentativelists/6727/](https://whc.unesco.org/en/tentativelists/6727/) [sportfachbuch](https://www.sportfachbuch.de/pdfs/9130.pdf)

Cordain L et al. (2000): Plant–animal subsistence ratios and macronutrient energy estimations in worldwide hunter-gatherer diets. Am J Clin Nutr. Klassische Auswertung zu pflanzlich-tierischen Energieanteilen in Jäger-Sammler-Diäten; dient als Referenzrahmen für hohe Anteile tierischer Energie im Einklang mit der hyperkarnivoren Lesart. [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10702160/](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10702160/) [connecting-africa](https://www.connecting-africa.net/query_2.php?rid=B00074046)

Roach NT et al. (2020): Dehydration and persistence hunting in Homo erectus. Modellstudien zu Thermoregulation und Wasserhaushalt bei hypothetischer Ausdauerjagd; zeigen, dass unter heißen Bedingungen ohne Flüssigkeitszufuhr der Wasserhaushalt, nicht die Muskulatur, zum limitierenden Faktor wird. [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31770677/](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31770677/) [originalworkout](https://www.originalworkout.net/uploads/3/7/1/1/37118069/volek-metabolism-faster-2015-final.pdf)

O’Keefe JH et al. (2012): Potential Adverse Cardiovascular Effects From Chronic Excessive Endurance Exercise. Mayo Clin Proc. Übersicht zu strukturellem Herz-Remodeling, Fibrose und Arrhythmien bei „veteran“-Ausdauerathleten; stützt die Kritik an extrem hohen, langjährigen Steady-State-Umfängen als vermeintlich „natürlich“ gesundem Lebensstil. [https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3538475/](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3538475/) [athleatcoach](https://athleatcoach.com/keto-im-ausdauersport/)

Volek JS et al. (2016): Metabolic characteristics of ketoadapted ultraendurance runners. Metabolism. Vergleich von langzeit-ketoadaptierten Ultra-Athleten mit High-Carb-Athleten; dokumentiert sehr hohe Fettoxidationsraten bei erhaltener Glykogenspeicherung und Leistungsfähigkeit als Beleg für fettadaptierte Langdauerleistung ohne permanente Carb-Zufuhr. [https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0026049515003340](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0026049515003340) [pubmed.ncbi.nlm.nih](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26892521/)

Prins PJ et al. (2019): High rates of fat oxidation induced by a low-carbohydrate, high-fat diet in elite endurance athletes. Zeigt stark erhöhte Fettoxidation auch bei höheren Intensitäten unter LCHF-Bedingungen ohne Leistungsabfall; Grundlage für die Crossover-Diskussion und die Verschiebung des Fett/Kohlenhydrat-Einsatzes bei Fettadaptierten. [https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fphys.2019.01499/full](https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fphys.2019.01499/full) [pmc.ncbi.nlm.nih](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6873122/)

Maixner F et al. (2018): The Iceman’s Last Meal Consisted of Fat, Wild Meat, and Cereals. Curr Biol. Multiomics-Analyse von Ötzis Mageninhalt; zeigt eine sehr fettreiche, energiedichte Mahlzeit aus Wildfleisch plus Getreide als Beispiel gezielter „Bergkost“ für anstrengende Märsche. [https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6065529/](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6065529/) [originalworkout](https://www.originalworkout.net/uploads/3/7/1/1/37118069/volek-metabolism-faster-2015-final.pdf)

Pontzer H et al. (2018): Hunter-gatherers as models in public health. Obesity Reviews. Überblick zu Aktivität, Energetik und Gesundheit in Jäger-Sammler- und Small-Scale-Gesellschaften; im Exkurs genutzt, um die ökologische Spannbreite solcher Lebensweisen und die Grenzen einfacher „Savannen“-Modelle zu betonen. [https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/obr.12785](https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/obr.12785) [annualreviews](https://www.annualreviews.org/doi/pdf/10.1146/annurev-nutr-111120-105520)

Pontzer H et al. (2021/2023): Lifestyle and patterns of physical activity in Hadza foragers. Empirische Arbeiten zu Aktivitätsmustern, Energieumsatz und Gesundheit der Hadza; dienen als Beispiel für hohe Alltagsbewegung bei zugleich spezifischem Ökosystem und begrenzter 1:1-Übertragbarkeit auf paläolithische Verhältnisse. [https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10720916/](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10720916/) [frontiersin](https://www.frontiersin.org/journals/physiology/articles/10.3389/fphys.2023.1150265/full)